Chefarzt Dr. Norden 1183 – Arztroman - Jenny Pergelt - E-Book

Chefarzt Dr. Norden 1183 – Arztroman E-Book

Jenny Pergelt

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Beschreibung

Hanna von Schlee begleitet ihre Großmutter Franziska Schuhmann, die unter starken Herzbeschwerden leidet, in die Behnisch-Klinik. Dr. Berger stellt einen akuten Myokardinfarkt fest und überweist die Patientin, nachdem er sie stabilisiert hat, auf die Innere. Dr. Norden übernimmt den Fall, zieht die Chirurgin Dr. Rohde hinzu, eventuell braucht die Patientin einen Eingriff. Doch sie weigert sich, will am liebsten sterben. Hanna macht sich große Sorgen um ihre Oma, die doch eigentlich ein positiver Mensch ist. Sie lebt außerhalb von München in einem alten Häuschen mit allerlei Getier und einem großen Nutzgarten. Hannas Eltern wollen das Grundstück, das Millionen wert ist, verkaufen, der jahrelange Familienstreit hat die mittlerweile Neunzigjährige zermürbt. Hanna ist auf ihrer Seite, doch die Studentin kann nichts gegen ihre Eltern ausrichten. Dr. Norden erfährt, dass es sich um Dr. Paul von Schlee und seine Frau Helen handelt. Er kennt den Augenarzt aus Studientagen und mischt sich ein. Um Franziska zu helfen, setzt er sich ziemlich in die Nesseln. Als von Schlee, der über eine Menge Kontakte verfügt, anfängt, den Nordens das Leben schwer zu machen, bittet Fee Daniel, sich zurückzuhalten. Das aber fällt ihm nicht leicht. Streit an allen Fronten zeichnet sich ab. Dr. Daniel Norden, der Chefarzt der Behnisch-Klinik, sah sich die MRT-Bilder seines Patienten noch einmal an. Doch auch diesmal kam er zu keinem anderen Ergebnis. "Es tut mir leid, dass ich keine bessere Nachricht für Sie habe, Herr Grundmann. Sie werden nicht um eine Operation herumkommen. Ihr Knie wird weiter Schaden nehmen, wenn wir uns nicht endlich darum kümmern." "Ja, das weiß ich. Doch im Moment habe ich einfach keine Zeit dafür. Wäre es denn wirklich so schlimm, wenn wir noch ein wenig warten?" "Sie kennen die Antwort. Sie ist dieselbe, die ich Ihnen vor drei Wochen gegeben habe. Der Riss Ihres Innenmeniskus muss operativ behandelt werden. Dazu kommt noch die Verletzung des Kreuzbands, die mir die größte Sorge macht. Konservative Methoden haben wir nun lange genug ausprobiert, und Sie sehen selbst, dass sie uns nicht weiterbringen. Wir müssen jetzt operieren. Wenn wir noch länger warten, besteht die Gefahr, dass sich dauerhafte Bewegungseinschränkungen entwickeln. Oder eine Arthrose. Und wenn ich mir die Veränderungen auf den MRT-Bildern ansehe, befürchte ich, dass das schon bald passieren wird." Mit ernster Miene sah Daniel seinen Patienten an. Lorenz Grundmann war vor acht Wochen zum ersten Mal in die Notaufnahme gekommen.

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Chefarzt Dr. Norden – 1183 –

Vermisst!

Ein Vater sucht sein Kind

Jenny Pergelt

Dr. Daniel Norden, der Chefarzt der Behnisch-Klinik, sah sich die MRT-Bilder seines Patienten noch einmal an. Doch auch diesmal kam er zu keinem anderen Ergebnis.

»Es tut mir leid, dass ich keine bessere Nachricht für Sie habe, Herr Grundmann. Sie werden nicht um eine Operation herumkommen. Ihr Knie wird weiter Schaden nehmen, wenn wir uns nicht endlich darum kümmern.«

»Ja, das weiß ich. Doch im Moment habe ich einfach keine Zeit dafür. Wäre es denn wirklich so schlimm, wenn wir noch ein wenig warten?«

»Sie kennen die Antwort. Sie ist dieselbe, die ich Ihnen vor drei Wochen gegeben habe. Der Riss Ihres Innenmeniskus muss operativ behandelt werden. Dazu kommt noch die Verletzung des Kreuzbands, die mir die größte Sorge macht. Konservative Methoden haben wir nun lange genug ausprobiert, und Sie sehen selbst, dass sie uns nicht weiterbringen. Wir müssen jetzt operieren. Wenn wir noch länger warten, besteht die Gefahr, dass sich dauerhafte Bewegungseinschränkungen entwickeln. Oder eine Arthrose. Und wenn ich mir die Veränderungen auf den MRT-Bildern ansehe, befürchte ich, dass das schon bald passieren wird.«

Mit ernster Miene sah Daniel seinen Patienten an. Lorenz Grundmann war vor acht Wochen zum ersten Mal in die Notaufnahme gekommen. Die Diagnose, ein eingerissener Innenmeniskus mit einer Läsion des Kreuzbands, war schnell gestellt worden, doch mit der Behandlung kamen sie einfach nicht voran.

»Eine Arthrose? Meinen Sie wirklich?« Lorenz schien diesmal ehrlich besorgt zu sein. »Bin ich mit Mitte dreißig nicht zu jung dafür? Ich dachte immer, eine Arthrose wäre eine Krankheit für alte Menschen.«

»Ja, das denken alle jungen Leute«, erwiderte Daniel mit einem feinen Lächeln. »Es stimmt natürlich, dass hier oft das Alter eine entscheidende Rolle spielt. Aber eben nicht immer. Eine Kniearthrose kann auch durch eine Beschädigung der Bänder und Menisken entstehen. Sie wissen sicher, dass der Meniskus wie ein kleiner Stoßdämpfer oder Puffer zwischen Ober- und Unterschenkel wirkt. So schützt er auch den Gelenkknorpel. Ist der Meniskus beschädigt, kann er diese Funktion nicht mehr erfüllen. Das Knorpelgewebe nutzt sich ab, und eine Arthrose entsteht. Und dabei spielt das Alter keine Rolle.« Daniel klang jetzt mahnend, als er weitersprach: »So weit dürfen Sie es nicht kommen lassen, Herr Grundmann. Glauben Sie mir, diese Operation ist weniger aufwendig als die langwierige Behandlung einer Arthrose.«

»Nun, aber … aber es passt gerade nicht …«

Daniel unterdrückte ein gequältes Aufstöhnen. »Das höre ich von Ihnen schon seit Wochen. Ich weiß, dass Sie keine Zeit haben und dass Sie Ihr Unternehmen sehr fordert. Aber kein noch so bedeutender Geschäftstermin kann wichtiger sein als Ihre Gesundheit.«

Mit einem ernsten Blick aus hellen, blaugrauen Augen sah Lorenz Grundmann seinen Arzt an. »Es geht nicht um einen Geschäftstermin, Dr. Norden. Es geht um meinen Sohn. Er ist mir wichtiger als meine Gesundheit.«

Erstaunt zog Daniel die Augenbrauen hoch. Von einem Sohn wusste er nichts. »Natürlich sollte Ihr Kind das Wichtigste für Sie sein, Herr Grundmann. Aber ich verstehe nicht, was er mit ihrer Knie-OP zu tun hat.«

»Meine Beziehung zu seiner Mutter ist … kompliziert. Äußerst kompliziert. Dadurch ist mein Leben auch sehr schwierig geworden. Ich versuche, Nico so oft wie möglich zu sehen. Doch dabei bin ich vom guten Willen seiner Mutter abhängig. Ich bekomme ihn nur, wenn es Vanessa in den Kram passt. Es gibt keine festen Besuchszeiten. Vanessa ruft an, und ich lasse alles stehen und liegen, um für Nico da zu sein. Alles andere wird dann für mich zur Nebensache. Ich habe nämlich nur diese wenigen, spontanen Begegnungen mit ihm. Wenn mir die auch noch genommen werden …« Lorenz räusperte sich umständlich, weil ihm die Stimme zu versagen drohte. »Ich hätte mich schon längst operieren lassen, Dr. Norden. Aber ich kann es nicht riskieren, für ein oder zwei Wochen in die Klinik zu gehen und deswegen meinen Sohn zu verpassen.«

Lorenz brach verlegen ab. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er gerade dabei war, seinem Arzt das Herz auszuschütten und dass er über Dinge sprach, die er sonst lieber für sich behielt. »Es tut mir leid, Dr. Norden. Ich wollte Sie nicht mit meinen Problemen behelligen. Ich weiß auch nicht, warum ich Ihnen das erzählt habe.«

»Sie haben es mir erzählt, damit ich verstehe, weshalb Sie diese Operation immer wieder vor sich herschieben. Vielleicht mussten Sie es auch einfach mal aus sich herauslassen«, sagte Daniel mitfühlend. »Herr Grundmann, ich habe vollstes Verständnis für Ihre schwierige Situation.«

Und das meinte er auch so. Er konnte die Nöte seines Patienten gut verstehen. Schließlich war er selbst Vater, und auch wenn seine Kinder längst erwachsen waren und er mit Fee eine glückliche Ehe führte, konnte er das, was in Lorenz Grundmann vor sich ging, gut nachempfinden. Für einen liebenden Vater musste es schrecklich sein, wenn das Wiedersehen mit dem eigenen Kind nur vom Wohlwollen der Mutter abhing. Daniel wusste nicht, was in der Beziehung zwischen Lorenz und der Mutter seines Kindes schiefgelaufen war. Für ihn spielte es auch keine Rolle. Wichtig war jetzt nur, das Knie seines Patienten in Ordnung zu bringen, ohne ihn von seinem Sohn fernzuhalten.

»Wir könnten es minimalinvasiv machen«, murmelte er nachdenklich.

Sofort horchte Lorenz auf. »Minimalinvasiv? Eine Arthroskopie? Aber Sie sagten doch immer, dass bei mir nur eine Operation am offenen Kniegelenk infrage käme.«

Daniels Blick war unaufhörlich auf die MRT-Aufnahmen gerichtet, als er Lorenz antwortete: »Ja, das ist richtig. Und noch immer wäre mir das bei Ihrer Diagnose am liebsten. Doch wegen Ihrer speziellen persönlichen Situation wäre ich bereit, mich auf die Arthroskopie, also auf die Gelenkspiegelung, einzulassen.« Daniel sah seinen Patienten nun wieder direkt an. »Das könnte sich als Fehler erweisen, aber einen Versuch ist es wert. Statt des großen Hautschnitts machen wir nur drei kleine Einschnitte, die schnell verheilen werden. Wir können den Eingriff ambulant durchführen. Sie müssten anschließend nur ein paar Stunden hierbleiben und könnten dann wieder nach Hause gehen.«

»Sehr gut.« Lorenz Grundmann stieß erleichtert die Luft aus. »Die Vorstellung, hier tagelang herumzuliegen, hat mich nämlich immer davon abgehalten, der Operation zuzustimmen.«

»Ich weiß. Nur deshalb bin ich zu diesem Kompromiss bereit. Bei der Nachsorge mache ich allerdings keine Zugeständnisse. Nur mit einer guten Physiotherapie können Stabilität und Funktion des Gelenks wieder voll hergestellt werden. Ab dem ersten postoperativen Tag muss mit einem moderaten Aufbautraining, das das Knie nicht belastet, begonnen werden. Wenn Sie die Anweisungen der Physiotherapie strikt befolgen, dürften keine Komplikationen auftreten. Ihre Gehstützen werden in den nächsten Wochen Ihre festen Begleiter sein. Auf sie dürfen Sie nicht verzichten, selbst wenn Sie anderer Meinung sein sollten. In diesem Punkt zählt nur, was die Therapeuten sagen.«

»In Ordnung. Daran halte ich mich.«

»Gut. Außerdem müssen Sie arbeitsmäßig etwas kürzertreten. Sie können nicht täglich in die Firma fahren und dort stundenlang auf den Beinen sein. Ihr Knie braucht ein paar Wochen Ruhe. Im Idealfall bleiben Sie zu Hause, machen fleißig Ihre Übungen nach Anweisung der Physiotherapie und legen das Bein die übrige Zeit auf der Couch hoch.«

»Kein Problem, das bekomme ich hin. Ich habe auch zu Hause ein Büro und kann dort die wichtigsten Dinge erledigen.« Als Daniel Norden nur die Augenbrauen hochzog, fügte er schnell hinzu: »Oder ich setze mich mit meinem Laptop auf die Couch und lege das Bein hoch. Sie können sich auf mich verlassen, Dr. Norden. Ich werde alles machen, was Sie von mir verlangen. Ich werde ein vorbildlicher Patient sein, um den Sie sich keine Sorgen zu machen brauchen.«

Lorenz hatte das so enthusiastisch gesagt, dass Daniel lachen musste. »Dann dürfte es ja keine Schwierigkeiten mehr geben.« Er warf einen kurzen Blick auf den OP-Plan. »Wenn Sie möchten, können wir Sie am nächsten Mittwoch operieren.«

»Nächste Woche? Das geht schnell. Aber ja, es passt mir.«

Es passte sogar ausgesprochen gut. Vanessa würde ihm heute Nachmittag Nico bringen und ihn am frühen Abend wieder abholen. Es war sehr unwahrscheinlich, dass er seinen Sohn in der nächsten Woche erneut zu sehen bekam. Meistens vergingen vierzehn Tage, bis sich Vanessa wieder bei ihm meldete. Bis dahin hatte er den Eingriff überstanden und sich so weit erholt, dass er wieder für Nico da sein konnte.

Nachdem er mit Daniel Norden alles abgesprochen hatte, stand Lorenz auf und reichte seinem Arzt zum Abschied die Hand. »Ich danke Ihnen, Dr. Norden. Ich weiß, dass Sie mich gern stationär aufgenommen hätten, um mich besser unter Kontrolle zu haben. Aber ich versichere Ihnen, dass das nicht nötig ist. Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde die Übungen machen, meinem Knie die nötige Auszeit gönnen und keinen Meter ohne meine Gehstützen zurücklegen.«

»Ich vertraue darauf, Herr Grundmann.«

Als Lorenz nach der Verabschiedung zur Tür humpelte, musste Daniel schmunzeln. »Haben Sie nicht etwas sehr Wichtiges vergessen, Herr Grundmann?«

Lorenz sah ihn fragend an. Daniel zeigte auf die beiden Gehstützen, die noch immer an seinem Schreibtisch lehnten.

*

Vanessa war spät dran. Viel zu spät, wie Lorenz fand. Mit jeder Minute, die verging, wuchs seine Verärgerung. Auch seine Sorgen nahmen zu, und das überraschte ihn nicht. Seit er Vater war, machte er sich eigentlich ständig Sorgen. Und daran hatte Vanessa einen großen Anteil. Er sorgte sich, wenn sie sich verspätete, wenn sie nicht ans Telefon ging oder wenn er nicht wusste, wo sie gerade ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Vanessa hatte keine eigene Wohnung oder eine Adresse, unter der sie zu erreichen war. Sie war wie ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flog. Sie lebte mal hier, mal dort und glaubte, dass sie ein fester Wohnsitz behinderte wie eine Zwangsjacke. Lorenz wusste nie, wo sie sich gerade aufhielt. Vanessa wechselte ihren Aufenthaltsort so häufig, dass er längst den Überblick verloren hatte.

Sie war exzentrisch, unzuverlässig und flatterhaft. An getroffene Absprachen hielt sie sich grundsätzlich nicht. Das gehörte zu den Gründen, warum es zwischen ihnen nicht mehr als eine kurze, problembehaftete Beziehung gegeben hatte. Sie trennte mehr, als sie verband, und Lorenz fragte sich oft, was ihn je zu ihr hingezogen hatte. Doch der Affäre mit Vanessa verdankte er Nico, und sofort vergaß er den Verdruss, der ihn befiel, wenn er an Vanessa dachte.

Lorenz wartete im Esszimmer auf sie. Von hier aus konnte er die breite Einfahrt am besten beobachten. Sie wand sich von seinem Haus fast hundert Meter über die Rasenfläche bis zum Beginn der Straße. Das schmiedeeiserne Tor stand bereits offen, weil er wusste, wie sehr sich Vanessa ärgerte, wenn sie davor warten musste.

Als ihr Wagen endlich von der Straße auf die Einfahrt abbog, sprang Lorenz so schnell auf, dass ihm sofort ein stechender Schmerz ins Knie schoss. Leise fluchend, machte er sich auf den Weg nach draußen. Nur ganz kurz dachte er an seine Gehstützen, die neben seinem Stuhl lagen. Seine Operation war erst in der nächsten Woche. Bis dahin spielte es sicher keine Rolle, ob er sie benutzte oder nicht. Jetzt waren sie nur hinderlich. Wie sollte er mit ihnen seinen Sohn auf den Arm nehmen können?

Vanessa bremste so abrupt vor der Haustür ab, dass die Wagenreifen den hellen Splitt hochschleuderten. Sie fährt wie eine Irre, ärgerte sich Lorenz und dachte dabei voller Sorge an seinen Sohn, der Vanessas halsbrecherischem Fahrstil hilflos ausgeliefert war.

Als sie aus dem Wagen stieg, hätte er ihr gern gesagt, was er von ihrer Raserei hielt. Doch er wusste, dass das nicht die beste Strategie war, um sie bei Laune zu halten. Und so sehr es ihm auch missfiel, er war von ihren Launen abhängig. Nur mit dieser Einsicht gelang es ihm, sie mit einem neutralen Gesichtsausdruck und einem knappen, unverbindlichen Nicken zu begrüßen.

»Ich hatte dich schon vor zwei Stunden erwartet«, konnte er sich allerdings nicht verkneifen anzumerken.

»Von Schwabing bis hierher dauert’s halt ein wenig länger.«

»Du wohnst jetzt in Schwabing?«, fragte Lorenz sofort nach und bemühte sich, die Neugier aus seinen Worten rauszuhalten.

»Zeitweise.« Vanessa sah ihn gelangweilt an, und Lorenz’ Hoffnung, mehr aus ihr herauszubekommen, war rasch gewichen. Stattdessen merkte er, wie sich neben seiner Enttäuschung auch der vertraute Ärger in ihm aufbaute. Warum tat Vanessa das? Weshalb durfte er nicht erfahren, wo sein Sohn lebte?

»So weit entfernt ist Schwabing nun auch wieder nicht«, presste Lorenz mühsam beherrscht hervor. »Mit zwei Stunden Verspätung hast du dich heute wirklich selbst übertroffen!«

»Jetzt bin ich ja hier. Es hat also keinen Sinn, sich noch länger darüber aufzuregen.«

»Nein, darüber nicht. Aber über andere Dinge, die mich mehr stören und für die wir endlich eine Lösung finden müssen.«

»Das gemeinsame Sorgerecht kannst du vergessen!«, blaffte Vanessa sofort. »Nico gehört nur mir!«

»Er ist nicht dein Eigentum oder ein Gegenstand, über den du frei nach Belieben verfügen kannst. Er ist in erster Linie unser Sohn.«

»Er ist in erster Linie mein Sohn! Und ich lasse ihn mir nicht von dir wegnehmen!«

»Das will ich doch gar nicht. Ich möchte nur ein vernünftiges Arrangement mit dir treffen. Dazu gehören feste Besuchszeiten und mehr Teilhabe an Nicos Leben. Es reicht mir nicht, ihn nur alle vierzehn Tage für ein paar Stunden zu sehen und in der übrigen Zeit noch nicht mal zu wissen, wo er sich gerade aufhält.«

»Das brauchst du auch nicht zu wissen. Wenn es dir nicht passt, wie es läuft, können wir es gern ganz lassen.«

Lorenz hätte sich am liebsten die Haare gerauft. Sie drehten sich ständig im Kreis, ohne einen einzigen Schritt voranzukommen. Doch wenigstens war die Zeit der großen Aufregung, der vielen Streitereien, Vorwürfe und lautstarken Diskussionen vorbei. Für Lorenz zählte jetzt nur noch Nico. Nur seinetwegen gab er sich noch mit Vanessa ab. Und nur seinetwegen schwieg er jetzt, ging zum Wagen und öffnete die Tür.