Cherringham Sammelband VII - Folge 19-21 - Neil Richards - E-Book
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Beschreibung

Very British - drei England-Krimis in einem Band. Diese E-Book-Sonderausgabe beinhaltet die Fälle 19 - 21 der Cosy Crime Serie "Cherringham - Landluft kann tödlich sein" - ein Muss für Fans von Miss Marple und Sherlock Holmes! Folge 19 - Spur aus der Vergangenheit: Es wird schaurig in Cherringham! Halloween steht vor der Tür, und wie jedes Jahr veranstaltet das Bell Hotel, in dem es angeblich spuken soll, sein berühmtes "Geisterjäger-Dinner" mitsamt Schauergeschichten und Geistererscheinungen. Dieses Mal findet die Veranstaltung allerdings durch einen schrecklichen Unfall ein jähes Ende. Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob hier nicht tatsächlich ein Geist umgeht! Jack und Sarah sind überzeugt, dass der Schuldige ein Mensch aus Fleisch und Blut sein muss - doch wer will dem Hotel schaden? Schon bald müssen auch die beiden sich ihrem Aberglauben stellen, denn sie finden Spuren, die zu einem unaufgeklärten viktorianischen Mord führen ... Folge 20 - Ein rätselhafter Einbruch: Claire und Terry Goodman scheinen alles zu haben: eine erfolgreiche Firma, einen Sohn in Oxford, ein neues Anwesen direkt an der Themse und offenbar reichlich Geld. Als Jack und Sarah jedoch gebeten werden, in einem seltsamen Einbruch in ihrer Villa zu ermitteln, treten einige Geheimnisse zutage. Und kaum ist die Wahrheit enthüllt, wird sie für jemanden so unerträglich, dass Mord scheinbar der einzige Ausweg ist. Folge 21 - Ein schmutziges Geschäft: Aufruhr im beschaulichen Cherringham! Das ganze Dorf geht auf die Barrikaden und will verhindern, dass die Zakro Corporation einen riesigen Supermarkt am Stadtrand baut. Doch als der Umweltaktivist und Anführer des Protests, Sam Lewis, bei einem Wildschweinunfall getötet wird, scheint nichts und niemand den Bauunternehmer mehr stoppen zu können. Plötzlich tauchen Zweifel an dem Unfall auf, und Jack und Sarah haken nach: Hat Sams Tod doch etwas mit seinem Widerstand gegen die Zakro Corporation zu tun?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:389


Inhalt

Cover

Cherringham - Landluft kann tödlich sein - Die Serie

Über diesen Sammelband

Über die Autoren

Die Hauptfiguren

Sammelband VII

Impressum

Spur aus der Vergangenheit

Ein rätselhafter Einbruch

Ein schmutziges Geschäft

Im nächsten Sammelband

Cherringham – Landluft kann tödlich sein – Die Serie

»Cherringham – Landluft kann tödlich sein« ist eine Cosy Crime Serie, die in dem vermeintlich beschaulichen Städtchen Cherringham spielt. Jeden Monat erscheint sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch ein spannender und in sich abgeschlossener Fall mit dem Ermittlerduo Jack und Sarah.

Über diesen Sammelband

Dieser Sammelband beinhaltet die Cherringham-Fälle sechzehn, siebzehn und achtzehn:

Cherringham – Spur aus der VergangenheitCherringham – Ein rätselhafter EinbruchCherringham – Ein schmutziges Geschäft

Über die Autoren

Matthew Costelloist Autor erfolgreicher Romane wieVacation (2011), Home (2014) und Beneath Still Waters (1989), der sogar verfilmt wurde. Er schrieb für verschiedene Fernsehsender wie die BBC und hat dutzende Computer- und Videospiele gestaltet, von denenThe 7th Guest, Doom 3, Rage und Pirates of the Caribbean besonders erfolgreich waren. Er lebt in den USA.

Neil Richards hat als Produzent und Autor für Film und Fernsehen gearbeitet sowie Drehbücher für die BBC, Disney und andere Sender verfasst, für die er bereits mehrfach für den BAFTA nominiert wurde. Für mehr als zwanzig Videospiele hat der Brite Drehbuch und Erzählung geschrieben, u.a. The Da Vinci Code und, gemeinsam mit Douglas Adams, Starship Titanic. Darüber hinaus berät er weltweit zum Thema Storytelling.

Bereits seit den späten 90er Jahren schreibt er zusammen mit Matt Costello Texte, bislang allerdings nur fürs Fernsehen. Cherringham ist die erste Krimiserie des Autorenteams in Buchform.

Die Hauptfiguren

Jack Brannen ist pensioniert und frisch verwitwet. Er hat jahrelang für die New Yorker Mordkommission gearbeitet. Alles was er nun will ist Ruhe. Ein Hausboot im beschaulichen Cherringham in den englischen Cotswolds erscheint ihm deshalb als Alterswohnsitz gerade richtig. Doch etwas fehlt ihm: das Lösen von Kriminalfällen. Etwas, das er einfach nicht sein lassen kann.

Sarah Edwards ist eine 38-jährige Webdesignerin. Sie führte ein perfektes Leben in London samt Ehemann und zwei Kindern. Dann entschied sich ihr Mann für eine andere. Mit den Kindern im Schlepptau versucht sie nun in ihrer Heimatstadt Cherringham ein neues Leben aufzubauen. Das Kleinstadtleben ist ihr allerdings viel zu langweilig. Doch dann lernt sie Jack kennen …

Matthew CostelloNeil Richards

CHERRINGHAM

LANDLUFT KANN TÖDLICH SEIN

Sammelband VII

Folge 19: Spur aus der VergangenheitFolge 20: Ein rätselhafter EinbruchFolge 21: Ein schmutziges Geschäft

BASTEI ENTERTAINMENT

Digitale Originalausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dr. Arno Hoven

Übersetzung: Sabine Schilasky

Lektorat/Projektmanagement: Esther Madaler

Covergestaltung: Jeannine Schmelzer unter Verwendung von Motiven © shutterstock: Buslik | Member | Gordon Bell | Maksim Shmeljov

E-Book-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2025-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Matthew CostelloNeil Richards

CHERRINGHAM

LANDLUFT KANN TÖDLICH SEIN

Spur aus der Vergangenheit

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky

1. Gestatten, Freddy!

Basil Whistlethwaite parkte seinen uralten Volvo auf dem Personalparkplatz des Bell Hotel und stellte den Motor ab.

Langsam löste er seinen Sicherheitsgurt. Die Fahrt von York hatte länger gedauert als erwartet, und ihm tat der Rücken weh.

Er lehnte sich vor und neigte den Rückspiegel, sodass er seinen Bart überprüfen konnte. Im fahlen Licht betrachtete er sein Spiegelbild.

Ich werde zu alt für diesen Kram, dachte er.

Er hatte dunkle Schatten unter den Augen, und seine Haut wirkte faltig und grau.

Aber die Show muss weitergehen, sagte er sich und zwirbelte die Enden seines Schnurrbarts, bis sie … perfekt waren.

Ich darf die Kunden schließlich nicht enttäuschen.

In Wahrheit wünschte er sich, er hätte die kleine Soiree heute Abend abgesagt. Er war müde und nicht recht auf dem Damm. Diese Herbstabende schlugen ihm mal wieder auf die Brust, sodass es ihn seine gesamte Willenskraft kostete, nicht zu husten.

Das ginge gar nicht. Oh nein!

Der Zeremonienmeister durfte nicht mittendrin husten und niesen und dadurch den Zauber brechen!

Er stieg aus dem Wagen, holte seinen alten Lederkoffer von der Rückbank, richtete seinen Tweedanzug und ging über den Kies zum Haupteingang des Hotels.

Vor dem Eingang blieb er stehen und betrachtete das Gebäude. Genau ein Jahr war seit seinem letzten Besuch hier vergangen, und alles schien unverändert.

Nichts änderte sich je im Bell Hotel.

Im diesigen Licht des frühen Abends wirkte es beinahe romantisch.

Oder … wie war noch gleich das Wort?

Spukschloss. Genau, wie ein Spukschloss. Eine ideale Kulisse für eine Geistergeschichte.

Mit dem dicht bewachsenen altmodischen Garten drum herum strahlte das prächtige viktorianische Haus – Cherringhams schönstes, wie es früher hieß – bis heute den Reichtum des verlorenen British Empire aus.

Doch Basil wusste, dass das gute, alte Bell nur tapfer durchhielt. Im hellen Tageslicht konnte jeder sehen, dass die Farbe an den Fensterrahmen abblätterte, die Dachrinnen in einem merkwürdigen Winkel hingen und die Dachziegel zerbröselten.

Und die Teppiche und Polster drinnen wurden von Jahr zu Jahr fadenscheiniger.

Am Ende verfallen wir alle, dachte Basil. Aber ich wette, das Bell wird noch da sein, wenn ich schon lange tot bin.

Er spürte ein Kribbeln in der Brust und kämpfte gegen den Drang zu husten an.

Dann stieg er die ausgeblichenen Marmorstufen hinauf, drückte die schweren braunen, teils verglasten Türen auf und ging hinein.

»Basil! Basil, alter Knabe, wie geht es Ihnen?«

Basil erhob sich von dem Sofa mit der harten Lehne, auf dem er gewartet hatte, und sah, wie Lawrence Myrtle, der Besitzer des Bell, durch den gefliesten Eingangsbereich auf ihn zugeschlurft kam.

Er streckte Lawrence die Hand entgegen, doch anstatt sie zu schütteln, zog ihn der alte Mann in eine unerwartete – und zittrige – Umarmung.

»Mir geht es gut«, antwortete Basil ein wenig verlegen. »Ich halte mich wacker, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich kann gar nicht glauben, dass schon wieder Halloween ist«, sagte Lawrence, der sich immer noch an Basils Arm festhielt. »Wo ist nur die Zeit geblieben, was?«

»Ja, wo?« Basil wartete, dass der Hotelbesitzer vorausging. In der gedämpften Beleuchtung des Eingangsbereichs sah Lawrence noch gebrechlicher aus als bei ihrer letzten Begegnung, wie Basil feststellte.

Was nicht weiter verwunderlich war, denn Lawrence musste inzwischen in den Achtzigern sein. Basil bemerkte, dass die Manschetten seines alten Jacketts abgewetzt waren, und die Krawatte war zwar vornehm ins Revers gesteckt … Aber das da an der Stelle, wo sie sich verbreiterte – das war doch ein bisschen Eigelb, nicht? Und Ketchup auch?

Der Besitzer des Bell war längst im Ruhestandsalter, wie konnte er da noch diesen Laden führen?

»Was machen die Kinder?«, erkundigte sich Basil. »Sind sie hier?«

»Ach nein, Mandy ist in London«, antwortete Lawrence. »Ich sehe sie kaum noch. Anscheinend hat sie viel zu tun.«

»Und Ihr Ältester, ähm …?«

Basil fiel der Name einfach nicht mehr ein.

»Crispin«, erinnerte Lawrence ihn. »Ja, der ist bei irgendeiner Tagung. Er kommt morgen zurück, deshalb springe ich heute Abend ein. Tout seul, wie unsere Freunde jenseits des Kanals sagen!«

»Aha! Na, Sie werden hier immer der wahre Chef sein, Lawrence.«

Hierauf musste der Hotelbesitzer lächeln.

»Die müssen mich in einer Kiste hier raustragen«, sagte Lawrence mit einem lauten Lachen, das in dem gefliesten Raum widerhallte.

Basil lachte mit.

Gleichzeitig nahm er sich vor, morgen nach dem Frühstück mit Crispin zu sprechen und sich gleich fürs nächste Jahr buchen zu lassen.

Ich weiß ja, wer hier mittlerweile wirklich das Sagen hat, dachte Basil. Crispin führt die Bücher – und unterschreibt die Schecks.

»Kümmert man sich gut um Sie?«, fragte Lawrence und gestikulierte fahrig in Richtung Rezeption, als hätte er Basils Gedanken gelesen.

Basil blickte hinüber zu der jungen Frau, die hinter dem Empfangstresen saß und auf ihr Mobiltelefon starrte.

»Geradezu fürstlich«, antwortete Basil höflich. »Natürlich war ich noch nicht oben in meinem Zimmer. Ich wollte zuerst alles vorbereiten.«

Er nahm seinen Koffer auf.

»Aha!«, sagte Lawrence. »Die alte Geistertrickkiste, was?«

»Tricks sind nicht nötig«, entgegnete Basil augenzwinkernd. »Wir können uns immer darauf verlassen, dass Freddy erscheint.«

»Ha, tja, das ist Ihr Text, und bei dem bleiben Sie«, sagte Lawrence und klopfte Basil auf den Rücken. »Aber ich bin jetzt seit fünfzig Jahren hier, und den gespenstischen Knaben habe ich immer noch nicht gesehen!«

»Sie müssen sich dafür öffnen, Lawrence, dann sehen Sie ihn auch.«

Lawrence grinste kopfschüttelnd. »Der einzige Geist, den ich wahrscheinlich zu sehen kriege, ist der verfluchte Steuerprüfer – und der kommt hier nur über meine Leiche rein!«

»Sie lassen sich nicht unterkriegen, was?«

»Wir überleben, irgendwie«, erklärte Lawrence. »Und solche Veranstaltungen wie Ihre sind verdammt gut. Ein bisschen zusätzliche Einnahmen. Ohne die ginge es nicht.«

»Wie immer freue ich mich, hier zu sein. Wie viele Gäste haben wir denn heute Abend?«

»Wir sind ausverkauft, alter Knabe! Die Karten gingen weg wie warme Semmeln.«

»Hervorragend«, sagte Basil. »Derselbe Raum wie letztes Jahr?«

»Oh ja, und er sieht wunderbar aus. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Basil folgte ihm, als Lawrence sich umdrehte und verblüffend schnell zum Speisesaal schlurfte.

Der Hauptspeisesaal war leer, und Basil stellte fest, dass nur eine Handvoll der gut zwanzig Tische fürs Dinner eingedeckt war. Der schwache Geruch von gekochtem Kohl lag in der Luft, was Basil an Schulessen erinnerte.

Die berühmt-berüchtigte Bell-Hotel-Cuisine!

»Hier entlang«, sagte Lawrence.

Basil ging hinter ihm her in den privaten Speisesaal, der an der Rückseite des Hotels lag.

Das ist doch schon besser.

Der Raum wurde von einem Porträt der ersten Besitzer dominiert, das Basil stets bewunderte. Die beiden gaben ein hübsches Paar ab: er in Galauniform, sie in Seide neben ihm.

Im großen Kamin knisterte bereits ein Feuer, und in sämtlichen Wandnischen standen Kerzen.

Über dem Kamin hing ein imposanter goldgerahmter Spiegel, groß genug für einen Ballsaal.

Basil betrachtete die lange Tafel in der Mitte des Raums. Sie war bereits eingedeckt. Schweres viktorianisches Besteck lag dicht an dicht, und entlang der Tischmitte standen Kerzenleuchter zwischen Schalen mit Lilien.

Ein großer Kronleuchter hing über dem Tisch, dessen Kristalltropfen selbst im elektrischen Licht funkelten. Basil konnte sehen, dass er schon mit Kerzen bestückt war, die vor dem Beginn des Dinners angezündet würden, sodass alles einen perfekten historischen Touch bekam.

»Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen«, lobte Basil. »Es ist, als würde man in der Zeit zurückreisen.«

»Zurück zum 31. Oktober 1900, um genau zu sein.«

»Die Nacht, in der Freddy starb. Oder sollte ich sagen … ermordet wurde?«

»Da läuft es einem eiskalt über den Rücken, nicht?«

»So soll es sein«, sagte Basil. »Und warten Sie, bis ich es richtig gruselig mache. Die werden Ihren Wein trinken, als gäb’s kein Morgen!«

»Ich kann es gar nicht erwarten, Basil, alter Knabe. Möge die Kasse klingeln!«

Basil schritt durch den Raum, inspizierte den Kamin, blickte unter den Tisch, überprüfte die Blickachsen.

Einige seiner Geistererscheinungen waren höllisch schwer zu arrangieren …

»Kann ich Ihnen irgendwas bringen?«, fragte Lawrence, der mit dem Rücken zum Feuer stand.

»Danke, ich habe alles dabei, was ich brauche. Achten Sie nur darauf, dass ich den Raum in der Stunde vor dem Dinner für mich allein habe, sofern das möglich ist, Lawrence. Könnten Sie Mr Stover bitten, mich nicht zu stören?«

Basil war kein Fan von Lawrence’ langjähriger »Nummer zwei«.

Ungehobelt? Rüpelhaft? Basil war nicht sicher, wie er Stover beschreiben sollte.

»Und kein Bedienpersonal, keine Unterbrechungen. Das Übliche.«

»Berufsgeheimnis, was?«

»So was in der Art«, erwiderte Basil. »Sind Sie dieses Jahr bei der Show dabei?«

»Würde ich gern, alter Knabe«, antwortete Lawrence. »Aber da Crispin weg ist, bin ich vorne zuständig, bis der Nachtportier mich ablöst. Also darf ich mir bis dahin nichts genehmigen, falls Sie verstehen, was ich meine.«

»Ein Jammer«, meinte Basil und trat zu ihm an den Kamin. »Vielleicht können wir uns ein Glas gönnen, wenn alle schlafen gegangen sind.«

»Warum nicht? Ganz wie in alten Zeiten, was?«

Basil bemerkte einen traurigen Unterton in der Stimme des alten Mannes. »Ja, ganz wie in alten Zeiten.«

Die antike Uhr auf dem Kaminsims begann zu schlagen, und Basil wartete, bis es vorbei war.

»Sechs Uhr«, sagte er. »Ich lege mal lieber los.«

Damit ging er zurück zur Rezeption, während Lawrence im Speisesaal blieb und ins Kaminfeuer blickte.

2. Vorbereitungen für den Spuk

»Freddy? Bist du da, alter Knabe?«

Basil klopfte an die staubige Tür der Dachkammer und wartete.

Dieses kleine Ritual führte er jedes Mal durch, wenn er in das Bell kam. Seit Jahren.

Er war nicht sicher, ob es Aberglaube war oder einfach gesunder Menschenverstand. Seine ganze Vorstellung hier – die Soiree, wie er es gern nannte – gründete auf der tragischen Geschichte von Freddy Rose.

Und vor vielen Jahren war dies Freddys Kammer gewesen, in der man seine Leiche gefunden hatte.

Deshalb hielt Basil es nur für höflich, den seit Langem toten Diener miteinzubeziehen.

Schließlich hatte er im Laufe seines Lebens eines aus bitterer Erfahrung gelernt … Mit Geistern kann man gar nicht vorsichtig genug sein.

Was das betraf, nahm Basil seinen Beruf todernst.

Er klopfte wieder.

»Ich komme jetzt rein, wenn das in Ordnung ist, Freddy. Ich bin’s bloß, Basil.«

Aber ich nehme an, das weißt du, dachte er.

Falls du wirklich da bist.

Er holte tief Luft und schob die Dachbodentür behutsam auf. Die nackte Glühbirne auf dem Treppenabsatz warf einen Lichtkegel in die alte Dienstbotenkammer.

Basil griff um den Türrahmen herum nach dem Schalter und schaltete das Licht drinnen ein.

»Großer Gott!«

Er schrak zurück, sein Herz setzte kurz aus, und seine Beine gaben beinahe nach.

Ihm gegenüber stand ein Mann mit ausgebreiteten Armen.

Dann begriff Basil, wer das war …

Gegenüber der Tür lehnte ein hoher Standspiegel an der Wand.

Sein eigenes Spiegelbild hatte ihm um ein Haar einen Herzinfarkt beschert!

Du Idiot, Whistlethwaite! Du bist es doch, der andere erschrecken soll!

Er fing sich wieder, drückte die Tür weiter auf und ging in die Kammer, um sich umzusehen.

Perfekt. Seit dem letzten Jahr war so gut wie nichts angerührt worden – abgesehen von dem Spiegel natürlich. Doch Basil überlegte bereits, wie er ihn bei seiner Geisterführung durch die oberen Räume nutzen konnte. Wenn er ihn getäuscht hatte, dürfte er die Gäste erst recht zu Tode erschrecken.

Ich muss ihn nur richtig einsetzen.

Er ging hinüber zu dem winzigen Fenster und zog die Läden auf. Sie knarrten und ächzten wie in einem Horrorstreifen aus den Hammer-Studios.

Sehr gut, dachte Basil.

Das Fenster schien verklemmt, doch mit einem kräftigen Stoß seines Handballens gelang es ihm, es zu öffnen.

Ein Schwall kalter Luft wehte herein.

Basil bewegte das alte Fenster mehrmals hin und her, um es leichtgängiger zu machen, bevor er es schloss und die Läden wieder zuklappte.

Dann drehte er sich um und nahm die Kammer sorgfältig in Augenschein.

Ein schmales Bett mit einem alten Metallrahmen. Eine Kommode. Ein großer Kleiderschrank, der beinahe die gesamte Wand einnahm. Ein viktorianischer Wasserkrug mit Waschschüssel. Ein kleiner Kerzenhalter.

Oh ja – das dürfte alles sehr brauchbar sein.

Dann sah er hinauf zur kahlen Glühbirne, die den Raum beleuchtete.

Er zog ein Taschentuch hervor, griff nach oben und schraubte die Birne heraus.

Der Raum war beinahe wieder in Dunkelheit getaucht. Das einzige Licht kam jetzt vom Treppenabsatz.

Perfekt.

Nun musste er nur noch seine kleine Tasche mit den Utensilien für seine Show heraufholen und die Kammer präparieren.

Die Gäste wollten immer Freddys Kammer sehen.

Wo die mörderische Tat begangen wurde!

Und Basil kannte alle kleinen Kniffe, die sie aus den Socken hauen würden – bevor sie kreischten vor beschämtem Lachen.

Er legte die Glühbirne vorsichtig auf die Kommode und wandte sich zur Tür.

Als er sie leise hinter sich schloss, dachte er: Hmm, die Angeln könnten ein bisschen mehr quietschen. Das muss ich noch regeln.

Ansonsten war alles gut. Sehr gut sogar.

Er drehte sich von der Tür weg und begann auf die schmale Treppe zuzugehen, die von den Dienstbotenquartieren nach unten führte. Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich.

Es kam aus Freddys Kammer.

Ein Ächzen.

Ein schmerzerfülltes Stöhnen.

Basil blieb stehen und drehte sich um.

Seltsam.

Vielleicht habe ich das Fenster nicht richtig geschlossen.

Er ging zurück zur Tür.

»Entschuldige, Freddy, ich muss nur mal was nachsehen, wenn es dir nichts ausmacht.«

Basil öffnete die Tür, griff nach dem Lichtschalter und schaltete das Licht wieder ein.

Dann trat er ans Fenster und öffnete die Läden.

Das Fenster war richtig verschlossen.

Was auch immer für ein Geräusch das gewesen sein mochte, es konnte sich nicht um einen Luftzug handeln, der vom Fenster gekommen war.

Habe ich es mir bloß eingebildet?, fragte er sich. Sein Gehör ließ in letzter Zeit merklich nach. Oder war es doch von jemandem unten gekommen, aus einem der Zimmer?

Er klappte die Läden wieder zu und ging zur Tür.

Das muss es sein. Das Geräusch kam von unten.

Er legte eine Hand an den Schalter, machte das Licht aus und wandte sich zum Gehen.

In dem Moment fiel es ihm ein.

Und mit diesem Gedanken setzte sein Herz abermals kurzfristig aus, denn ihm wurde bewusst, dass er die Kontrolle über sich und seine Welt zu verlieren begann …

Ich hatte die Birne herausgedreht!

Oder etwa nicht?

Er drehte sich abermals um und blickte zur Kommode, die im Lichtstrahl der Flurlampe deutlich zu sehen war.

Die Glühbirne lag nicht mehr dort.

Basils Herz begann zu rasen, als er von der Kommode zur Decke sah.

Die Glühbirne war wieder in der Fassung, die an einem nackten Kabel hing.

Einem Kabel, das leicht schwang …

Die Bewegung war kaum zu erkennen, und dennoch war dieses leichte Schwingen da.

Basil Whistlethwaite schluckte, wich langsam rückwärts zur Tür zurück, ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Er sah sich auf dem engen Flur um, dann schaute er wieder zur Kammertür.

Mein Gedächtnis schwächelt wohl, dachte er. Ich muss es mir eingebildet haben, dass ich die Birne herausgedreht habe.

Anscheinend werde ich allmählich dement. Ja, das muss es sein.

Doch ehe er sich zur Treppe wandte, schaute er abermals zur Tür … nur für alle Fälle.

»Entschuldige, Freddy«, sagte er leise. »Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe. Aber ich muss mir meine Brötchen verdienen, und ich … ich kann nun mal nichts anderes.«

Nun ging er nach unten, um seine Vorbereitungen für das alljährliche viktorianische Halloween-Dinner im Bell abzuschließen.

3. Ein Rumpeln in der Nacht

Joan Buckland schenkte sich noch ein Glas von dem recht guten Rioja ein und gab ihrer Schwester einen ziemlich groben Klaps auf den Arm.

»Tja, ich fahre jedenfalls nicht«, verkündete sie. »Nicht hiernach. Wie steht es mit dir?«

Prompt griff Jen nach ihrem eigenen Glas und leerte es in einem Zug.

»Dieses spanische Zeug ist gar nicht mal so übel«, sagte Jen, nahm die Flasche und schenkte sich nach. »Trocken und überhaupt nicht fruchtig.«

»Und es schmeckt sogar noch besser, wenn man weiß, dass die erste Flasche umsonst ist.«

»Nicht ganz umsonst.«

»Na, aber inklusive.«

»Und demnächst komplett intus!«

Joan lachte, und ihre Zwillingsschwester stimmte ein. Obwohl sie den ganzen Tag im Brückenhaus zusammenarbeiteten und den Zoll für die familieneigene Brücke kassierten, genoss Joan es, dass sie auch ihre Freizeit gemeinsam verbrachten.

Keiner sonst in diesem vermaledeiten Dorf ist so witzig wie wir, dachte Joan. Oder so gewieft.

»Dann nehmen wir uns ein Taxi«, sagte sie. »Pfeifen wir auf die Kosten!«

»Und morgen schlafen wir aus«, verkündete Jen.

»Tee und Toast im Bett!«

»Mit der Sonntagszeitung!«

»Herrlich!«

Joan erhob ihr Glas und stieß mit Jen an.

»Runter damit!«, sagten sie im Chor und lachten ein weiteres Mal.

Joan blickte sich im Speisesaal um.

Wie prachtvoll alles aussah!

Die Tafel funkelte im warmen Kerzenschein, und das Kaminfeuer knisterte. Die Leute am Tisch unterhielten sich laut und munter. Und der Kronleuchter über ihnen mit den echten Kerzen sah prächtig aus.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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