Chili mit Schokolade - Ludwig Heinz - E-Book

Chili mit Schokolade E-Book

Heinz Ludwig

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Beschreibung

Hannah, ein bildhübsches und kluges Mädchen aus dem tschechischen Brünn, realisierte schon früh, dass sie als Tochter eines "Kapitalisten" in diesem Land keine Chancen hatte. Sie wusste, dass sie ihren Traum, Ärztin zu werden, nie würde verwirklichen können. Dennoch wollte sie das Beste draus machen. Als attraktive junge Frau und der englischen Sprache mächtig ergatterte sie einen der begehrten Jobs als Hostess bei den alljährlich stattfindenden Weltmeisterschaften im Motorradrennen in Brünn. Natürlich blieben Kontakte mit den ausländischen Fahrern nicht aus. Und so manch einer hatte ein Auge auf die fesche Hannah geworfen. Aber nicht nur sie beobachteten Hannah … Der tschechische Geheimdienst hatte sie schnell im Visier – als perfekte Agentin. Hannah blieb kaum eine Wahl. Oder doch?

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2026 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-934-5

ISBN e-book: 978-3-99130-935-2

Lektorat: Isabella Busch

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für meine Kinder

Kapitel 1

Abschied

Es war früh am Morgen, so gegen 5:30 Uhr und für Anfang April doch noch recht frisch, sodass Hannah fror – war es die Morgenkälte in der mährischen Hauptstadt Brünn oder doch mehr die Aufregung, dass sie heute mit ihrem ersten und einzigen Visum, das sie je bis dahin bekommen hatte, nach Wien ausreisen konnte? Es war vor allem die Aufregung, die Hannah das Blut in den Adern gefrieren ließ, sodass sie am ganzen Leib zitterte.

Schließlich bekam sie heute ihre große Chance, endlich aus dem Land mit all seinen kommunistischen und menschenverachtenden Repressionen, mit seiner Zerstörung jeglicher Vielfalt und Eigeninitiative, mit der Hoffnungslosigkeit aller kreativen Menschen, ihrem ‚Heimatland‘ Tschechoslowakei, ausreisen zu können und nicht länger, wie in den vergangenen zwei Jahren geschehen, vom tschechischen Geheimdienst tagtäglich überwacht zu werden.

Außer ihr standen an der Bushaltestelle nur noch ein Herr mittleren Alters, der wohl zu einer von der kommunistischen Partei genehmigten Dienstreise nach Wien fahren durfte, sowie zwei Grenzpolizisten, die sicher mit dem Bus bis zur Grenze fahren würden, um dort ihre Kollegen vom nächtlichen Wachdienst abzulösen.

Hannah hatte ein mulmiges Gefühl wegen dieser beiden Grenzpolizisten, die sie ganz bestimmt im Bus kontrollieren würden, bevor dieser die Grenze passieren durfte. Würden die beiden sie genauer filzen oder zügig ausreisen lassen? Das Visum in ihrem Reisepass war korrekt und von ganz hoher Stelle eingetragen und mit einem Stempel versehen, trotzdem könnten die beiden Grenzer unangenehme Fragen stellen.

Sie schlotterte am ganzen Körper, dennoch bildeten sich auf ihrer Stirn kleine Schweißperlen wegen all dieser Gedanken, die ihr immer wieder durch den Kopf gingen.

Während sie noch tief in Gedanken war, sah sie an der Trafikbude, etwa 20 Meter von der Bushaltestelle entfernt, einen Mann in einem langen Popelinemantel etwas bestellen. Sie beobachtete ihn und erkannte plötzlich, dass dies ihr Vater war, der bereits zu so früher Stunde auf den Beinen war, um sich „ein ausgiebiges Frühstück“, wie er immer zu sagen pflegte, zu gönnen, bevor er in sein Büro bei der Staatlichen Versicherung ging, wo er pünktlich um 7 Uhr seinen Dienst antreten musste.

„Oje, was mach ich jetzt nur, wenn er sich umdreht und mich sieht?“, dachte sie bei sich, und bevor sie eine Antwort darauf finden konnte, geschah genau das, wovor sie sich gefürchtet hatte: Ihr Vater drehte sich um, in einer Hand eine Tasse Kaffee und in der anderen Hand ein mit Wurst belegtes Brötchen – und sah zu ihr, erkannte sie augenblicklich und starrte sie unaufhörlich mit nach vorne gebeugtem Kopf und weit aufgerissenem Mund an, wobei er völlig regungslos, ja wie angewurzelt stehen blieb. Vor lauter Schreck ließ er sein Brötchen samt Wurst auf die Straße fallen, während er mit der anderen Hand, mit der er die Tasse mit dem heißen Kaffee hielt, so stark zitterte, dass mindestens die Hälfte des Kaffees über den Tassenrand schwappte und ebenso auf der Straße landete.

„Hannicko … was machst du da?“, kam es mit zittriger Stimme aus dem Mund ihres Vaters, wobei seine Worte mehr gehaucht als gesprochen waren, trotzdem verstand Hannah jedes einzelne Wort.

„Papschi, ich fahr nach Wien, bitte mach jetzt hier kein Theater, ich erklär dir alles, sobald ich in Wien angekommen bin, dann ruf ich dich an und erzähl dir, was ich vorhabe – jetzt und hier aber nicht!“ Dabei drehte sie ihren Kopf in Richtung der beiden Grenzpolizisten und ihr Vater verstand augenblicklich, dass sie jetzt nicht laut diskutieren konnten.

„Du fährst nach Wien und kommst nie wieder zurück“, sagte ihr Vater ganz leise zu ihr, nachdem er zwischenzeitlich bis auf zwei Schritte ganz nahe an sie herangekommen war, und Hannah antwortete ihm nur mit einem leichten Nicken ihres Kopfes, ohne ein Wort dabei zu sagen.

Da schossen ihrem Vater die Tränen in die Augen. Er ließ den Kaffee nun vollends aus der Tasse laufen, die er gerade noch an deren Henkel festhalten konnte, sodass sie nicht auf der Straße aufschlagen und zerbersten und damit die Blicke der beiden Grenzpolizisten auf sich und Hannah lenken konnte. Sogleich hielt er die leere Tasse wieder mit seinen beiden, nunmehr heftig zitternden Händen fest, wenn auch mit dem Tassenboden nach oben gerichtet.

Er verstand sofort, was in den nächsten Minuten passieren würde, und er verstand seine Tochter, dass sie diesen Weg gehen musste, hatte er doch in all den vergangenen Jahren sehr wohl mitbekommen, dass sie ständig vom tschechischen Geheimdienst beschattet wurde und sich seit gut zwei Jahren jeden Monat mindestens einmal in der Kommandantur melden musste, um nicht eingesperrt zu werden.

Rückblende

Hannah realisierte bereits in frühen Jahren sehr schnell, dass sie als Tochter eines ehemaligen ‚Kapitalisten‘ in diesem kommunistischen Regime keine Aufstiegschancen hatte, dass sie kein Abitur machen konnte und schon gar nicht das studieren könnte, was ihr seit ihrem 7. Lebensjahr schon immer vorschwebte, nämlich Medizin. Stattdessen ging sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr auf die Mittelschule, machte dort ihren sog. ‚Mittleren Abschluss‘ und fing danach an, in einer großen staatlichen Molkerei eine technische Ausbildung zu machen.

Dabei förderten ihre Eltern sie so gut, wie sie eben noch konnten, nachdem sie alles an Vermögen verloren hatten, das ihnen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte – Beteiligungen an den Metallwerken von ihrem Großvater väterlicherseits und der Besitz eines eigenen Pferdegestüts, in dem ihr Vater seit vielen Jahren schon wilde Araberhengste zuritt, um die Pferde schließlich an äußerst zahlungskräftige Kunden zu verkaufen.

So bekam Hannah seit ihrem 10. Lebensjahr eine Ausbildung im Schlittschuhtanz und konnte mit 14 auch separaten Sprachunterricht in Englisch nehmen, den ihre Eltern extra bezahlten, nachdem Englisch in ihrer Schule nicht angeboten wurde, weil dort Russisch als erste und einzige Fremdsprache auf dem Lehrplan stand.

Hannah hatte von ihrem regelmäßigen Training einen wohlgeformten Körper, darüber hinaus wunderschönlanges, dunkelblondes Haar, blaugrüne Augen, einen Mund mit vollen, kirschroten Lippen und Beine, so schön und so lang, dass sie jedem Mann die Luft zum Atmen nahmen.

So war es kein Zufall, dass Betriebe für die Herstellung und Vermarktung von Nylonstrümpfen sehr bald auf sie aufmerksam wurden und sie mit gerade mal 16 Jahren ein schon sehr begehrtes Model für Strümpfe und Strumpfhosen der Marke Triumph wurde, was ihr auch einen guten Nebenverdienst einbrachte.

Bei den seit 1965 alljährlich stattfindenden Weltmeisterschaften im Motorradrennen in Brünn war sie auch alsbald eine sehr gern gesehene Hostess, konnte sie mit ihren guten Englischkenntnissen doch vor allem die ausländischen Motorradrennfahrer begleiten und auch gut unterhalten.

Dabei war Giacomo Agostini nur einer von den vielen Rennfahrern, der ein Auge auf sie geworfen hatte und sie gerne in seine Heimat Italien mitgenommen hätte. Hannah widerstand seinen fast täglichen Avancen und sagte schließlich zu Giacomo: „Weißt du, Giacomo, du bist ein so gut aussehender und noch dazu von so vielen Frauen begehrter Mann – wie soll das mit uns funktionieren? Bald wirst du mit all den anderen Frauen gehen und mich dann in Milano sitzen lassen, dazu habe ich keine Lust“, woraufhin Giacomo ihr erwiderte: „Ja, da hast du wohl recht, Hannah, da hast du wohl verdammt recht, wie du das alles mit deinen jungen Jahren schon so gut voraussiehst, du bist ein sehr kluges und schon sehr erwachsenes Mädchen!“ Und mit trauriger Stimme fuhr er fort: „Lass uns zumindest Freunde bleiben, ich komme ja in den nächsten Jahren wieder, um meinen Weltmeistertitel zu verteidigen.“

Der tschechische Geheimdienst beobachtete natürlich ganz genau das ‚Internationale Treiben‘ an der Rennstrecke in Brünn und wurde auch sehr bald auf Hannah aufmerksam.

Das ‚Profil‘ von Hannah passte perfekt: Sie war bildhübsch, war schlank und hatte eine sehr sportliche Figur und sie konnte schon sehr gut Englisch sprechen, alles Kriterien, um sie als Agentin einzusetzen – zunächst im Inland und dann, bei ‚guter Führung‘, auch im westlichen Ausland!

So dauerte es auch nicht lange, und zwei Agenten des Geheimdienstes sprachen Hannah etwas abseits der Rennstrecke mit ihrem Familiennamen (den sie zwischenzeitlich herausgefunden hatten) an, umzingelten sie und nahmen sie kurzerhand mit der Erklärung „Sie haben Westkontakt, der verboten ist“ fest.

Auf der Wache des Geheimdienstes in der Innenstadt von Brünn warf man sie zunächst ohne weitere Erklärungen in eine Zelle und ließ sie dort mehrere Stunden lang schmoren.

Gegen Abend – Hannah war nach dem langen Warten schon sehr durstig – kam ein höherer Offizier des Geheimdienstes in Begleitung eines Wachmanns zu ihr in die Zelle und eröffnete ihr: „Fräulein Cernova, wir haben Sie lange beobachtet und Sie hatten während der Internationalen Motorradrenntage mehrmals Kontakt mit westlichen Rennfahrern, ohne dass Sie dazu eine Genehmigung von uns hatten. Dies ist eine Straftat und Sie haben jetzt die Wahl: Entweder arbeiten Sie zukünftig für uns oder Sie gehen für mehrere Jahre ins Gefängnis!“

Hannah war sofort klar, was dies für sie bedeutete. Sie wollte weder das eine noch das andere, also musste sie Zeit gewinnen, um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden!

Somit erklärte sie dem Offizier nach einiger Zeit: „Herr Major, ich werde mir das gut überlegen. Lassen Sie mich bitte mit meinen Eltern darüber sprechen und dann melde ich mich wieder bei Ihnen – Sie haben ja meinen Pass, also können Sie sicher sein, dass ich wiederkommen werde.“

Diese Antwort überzeugte den Geheimdienstoffizier und er ließ Hannah daraufhin mit den Worten gehen:

„Spätestens übermorgen sehe ich Sie wieder hier, ansonsten lasse ich Sie abholen und sperre Sie ein. Haben Sie mich verstanden, Fräulein Cernova?!“

Hannah nickte wortlos mit dem Kopf und verließ so schnell sie konnte ihre Zelle und das große, graue Geheimdienstgebäude und rannte nach Hause, wobei sie unterwegs noch an einer Trafikbude eine Limonade kaufte, um ihren Durst zu stillen.

Ihr Puls war sicherlich bis auf 170 Schläge pro Minute hochgegangen und kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinab, sodass ihr Sommerkleid an ihr klebte. Nachdem sie sich mit kleinen Schlucken aus der Limonadenflasche beruhigt hatte, setzte sie ihren Heimweg fort. Es war zwischenzeitlich auch dunkel geworden, mitten im Juni des Jahres 1964, wobei es noch angenehm warm um sie herum war, sodass sie sich jetzt bewusst viel Zeit ließ, um nach Hause zu kommen. Sollte sie ihren Eltern überhaupt von alledem erzählen oder besser nicht? Das waren jetzt die Fragen, die sie am meisten beschäftigten!

Sie erzählte ihren Eltern nichts über ihre Erlebnisse mit dem Geheimdienst, da sie ihre Eltern nicht noch weiter belasten wollte, waren doch beide schon so sehr mit sich selbst beschäftigt: Ihre Mutter kam mit dem Verlust ihres ehemaligen Wohlstandes, in dem sie regelmäßig mindestens einmal wöchentlich eine große Party für Freunde, Geschäftspartner ihres Mannes, aber auch für bedürftige Mitbürger überaus großzügig zelebrierte, überhaupt nicht zurecht. Sie musste fortan in einer Fabrik für Holzparkett als einfache Handlangerin arbeiten und fing schließlich an zu trinken. Ihr Vater überspielte die ganze Situation, indem er sich zu einem gewieften Hochstapler entwickelte und dabei den kommunistischen Staat, den er ‚bis aufs Blut‘ verachtete, schädigte, wo er nur konnte.

Bei ihren verzweifelten Überlegungen, wie sie aus dieser Sache wieder herauskommen könnte, kam Hannah plötzlich die Idee, einen mit ihrer Familie sehr gut befreundeten Arzt für Psychiatrie aufzusuchen, damit dieser ihr ein ‚Attest zur Betreuung ihrer Mutter‘ ausstellte, sodass sie nicht mehr als Agentin eingesetzt werden könnte.

Gedacht, getan: Am nächsten Morgen ging sie zu Herrn Dr. med. Petr Prochaska und klingelte so gegen 9 Uhr an der Tür seiner Ordination. Die Tür öffnete sich mit einem kurzen Summen, Hannah trat in die Ordination ein, nannte der Sekretärin von Herrn Dr. Prochaska ihren Namen, woraufhin die Sekretärin sie sehr freundlich begrüßte und sie bat, im Wartezimmer noch einen Moment Platz zu nehmen, „da der Herr Doktor gerade noch einen Patienten behandle“.

Gerne wartete Hannah eine Weile in dem hellen und freundlichen Wartezimmer, in dem glücklicherweise auch internationale Zeitschriften auslagen, die sie natürlich sofort ganz interessiert studierte, insbesondere die englischsprachigen, boten diese ihr doch augenscheinlich ‚ein kleines Fenster‘ in die westliche Welt, durch das sie nun zumindest für einen kurzen Moment ohne staatliche Restriktionen sehen konnte und welches ihr ansonsten in Brünn und Umgebung gänzlich verwehrt blieb.

„Hannicko, was für eine Freude, dich zu sehen! Wie geht es dir? Hoffentlich gut, oder hast du Kummer? … Komm, gehen wir in mein Sprechzimmer, du hast mir bestimmt viel zu erzählen“, sagte Herr Dr. Prochaska und legte ihr seinen Arm um ihre Schultern, nachdem sie bei seinem Eintreten schnell die Zeitschrift auf ein Tischchen zurücklegte, um ihm entgegengehen und ihn begrüßen zu können.

Auch das Sprechzimmer von Herrn Dr. Prochaska war hell und freundlich und an den Wänden hing moderne Kunst, wie sie Hannah noch nie gesehen hatte, die sie aber außerordentlich ansprach. Dr. Prochaska schob den Stuhl vor seinem Schreibtisch zurück und bot Hannah höflich an, Platz zu nehmen, und ging dann auf die andere Seite des Tisches, um seinerseits Platz zu nehmen. „Kann ich dir etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee oder eine Limonade?“

„Gerne einen Kaffee, Herr Dr. Prochaska, und bitte mit Milch und Zucker.“

„Jetzt erzähl mal, Hannicko, was ist passiert, dass du zu mir kommst?“

„Ich brauche Ihre Hilfe, Herr Doktor – Sie wissen doch, … meine Mutter trinkt und das zunehmend mehr, sodass es immer häufiger vorkommt, dass sie gar nicht mehr zur Arbeit gehen kann, mit der Folge, dass sie die Arbeit auch bald verlieren wird und wir ein Einkommen weniger haben werden.“

„Verstehe – und was kann ich dabei tun?“

„Sie könnten mir ein Attest ausstellen, dass ich meine Mutter rund um die Uhr betreuen muss, da sie Alkoholikerin ist, und wenn ich nicht auf sie aufpasse, dann wird sie ungebremst trinken und ihre Arbeit verlieren. Damit könnte ich erreichen, nicht als Agentin beim Geheimdienst arbeiten zu müssen. Der ist nämlich hinter mir her und hat mich bereits vor die Wahl gestellt, entweder für ihn zu arbeiten oder für mehrere Jahre ins Gefängnis zu gehen, weil ich während der Internationalen Motorradrenntage Kontakt mit westlichen Rennfahrern hatte.“

„Huuiiii“, entfuhr es Herrn Dr. Prochaska spontan, „das ist ja eine ganz ‚heiße Sache‘, ich glaube, du hast recht, so müssen wir vorgehen, damit wäre dir, aber auch deiner Mutter sehr geholfen. Ich werde da etwas formulieren und lass dir dann das Attest direkt zustellen.“

„Danke, Herr Doktor!“

„Was gibt es sonst in deinem Leben? Was machst du und was macht dein Herr Vater?“

„Ich mach zurzeit eine technische Ausbildung in der staatlichen Molkerei und mein Vater arbeitet bei der Versicherung, bewertet Schäden und wickelt sie ab. Er ist ja studierter Architekt und kennt sich somit mit Gebäuden usw. ganz gut aus. Für uns sind das ganz gute Einkünfte, ohne die wir nicht überleben könnten.“

„Verstehe – und du bist dem tschechischen KGB aufgefallen?“

„Ja, weil ich doch offiziell als Hostess während der Internationalen Renntage eingesetzt wurde, aber dabei neben den inländischen Sportlern auch die ausländischen betreut habe, nachdem ich doch auch ganz gut Englisch sprechen kann.“

„Ist doch eigentlich auch ganz folgerichtig, dieser Scheiß-KGB. Jetzt wollen sie dir daraus einen Strick drehen …, aber denen werden wir es schon zeigen … so können sie auf jeden Fall nicht mit dir umgehen!“

Nach diesen Worten von Herrn Dr. Prochaska stand Hannah auf, gab dem Arzt die Hand und bedankte sich nochmals ganz herzlich. Dabei erwähnte sie auch, er solle sie doch auch mal wieder zu Hause aufsuchen, ihr Vater würde sich sehr über seinen Besuch freuen. Herr Dr. Prochaska erwiderte ihren Händedruck und sagte: „Gerne doch, Hannicko, und richte deinen Eltern schöne Grüße von mir aus. Ich werde mich melden.“

Er begleitete Hannah noch bis zur Tür, ihre Blicke trafen sich noch einmal kurz und beide sagten Adieu zueinander – eben auf die französische Art, wie man es noch vor dem Krieg in ‚besseren Kreisen‘ gewohnt war zu sagen.

Am nächsten Abend klingelte es in ihrer Wohnung im 3. Stock.