Christ und Sozialist - Michel Schaack - E-Book

Christ und Sozialist E-Book

Michel Schaack

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Christ und Sozialist - Von 1789 bis heute Die Liebe als Weg und Ziel

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Frank, Muriel, Felix und Nina Schaack-Hacart,

Dany, Carla und Sophia Schaack-Oliveira,

für Fernande, meine Lebensgefährtin

und Edmée Marson, in dankbarer Erinnerung.

Unser Jesus Christ ist der erste Sozialist.

(August Bebel, 1840-1913, Gründer der SPD)

Sozialisten können Christen, Christen müssen Sozialisten sein.

(Hellmut Gollwitzer, 1908-1993, evangelischer Theologe)

Christ sein gibt uns ein Wertesystem. Sozialist sein gibt uns eine politische Vision der Welt und ein Wille zu intervenieren.

(Antonio Guterres, Generalsekretär der Vereinigten Nationen)

Solidarität, Soziale Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung beschreiben die zentralen Anliegen der Sozialdemokratie. Ziele, für die es sich für uns als Christen zu kämpfen lohnt, immer wieder neu und inspiriert durch die Bergpredigt.

(Malu Dreyer: Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und Klaus Jensen, Oberbürgermeister von Trier i.R.)

INHALT

MEIN ANLIEGEN

VON DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION BIS ZUM WIENER KONGRESS (1789-1814)

INDUSTRIALISIERUNG

DIE SOZIALE FRAGE IN DER KUNST DES 19. JAHRHUNDERTS

DIE FRÜHSOZIALISTEN

CHARLES FOURIER (1722-1837)

CLAUDE-HENRI DE SAINT-SIMON (1760-1825)

FÉLICITÉ DE LAMENNAIS (1782-1854)

ROBERT OWEN (1771-1858)

GEORG WEERTH (1822-1856),

1848-1914: EINE NEUE ZEIT

WILHEM WEITLING (1808-1871)

KARL MARX (1818-1883)

PIERRE-JOSEPH PROUDHON (1809-1865)

LOUIS BLANC (1811-1882)

WILHELM FREIHERR VON KETTELER (1811-1877)

HERMANN SCHULZE-DELITZSCH (1808-1883)

FRIEDRICH-WILHELM RAIFFEISEN (1818-1888)

SIBRAND VAN VEEN (1828-1886)

WILLIAM BOOTH (1829-1912)

ADOLF DAENS (1839-1907)

AUGUST BEBEL (1840-1913)

CHRISTOPH BLUMHARDT (1842-1919)

WILHELM HOHOFF (1848-1923)

LEONHARD RAGAZ (1868-1945)

ROSA LUXEMBURG (1870-1919)

EUROPA, EIN TRÜMMERHAUFEN:

1914-1918: AUSFLUG IN DIE HÖLLE

NACH DEM ERSTEN, NUN DER ZWEITE WELTKRIEG

CHRISTEN, DIE DAS UMDENKEN WAGEN: DIE ARBEITERPRIESTER (LES PRÊTRES-OUVRIERS) IM 20. JH.

MENSCHEN, FÜR DIE CHRISTENTUM UND SOZIALISMUS ZUSAMMENGEHÖREN

HEINRICH VOGELER (1872-1942)

MARC SANGNIER (1873-1950)

NIKOLAI ALEXANDROWITSCH BERDJAJEW (1874-1948)

EMIL FUCHS (1874-1971)

NORMAN THOMAS (1884-1968)

PAUL TILLICH (1886-1965)

KARL BARTH (1886-1968)

THEODOR STEINBÜCHEL (1888-1949)

JAKOB KAISER (1888-1961)

WILLIAM BANNING (1888-1971)

OTTO BAUER (1897-1986)

AMMON HENNACY (1893-1970), DOROTHY DAY (1897-1980) und der CATHOLIC WORKER MOVEMENT (CWM)

RELIGIÖSE SOZIALISTEN IN ÖSTERREICH

CHRISTEN UND ANDERSDENKENDE IM DIALOG

JULIUS NYERERE (1922-1999)

BERNARD JOINET (1929-)

1945 BIS HEUTE

1952: EUROPÄISCHE GEMEINSCHAFT

1956: VOLKSAUFSTAND IN UNGARN

DIE 60ER JAHRE

DIE 80ER JAHRE

1987

1989

AUTOREN

OSWALD VON NELL-BREUNING (1890-1991)

WALTER DIRKS (1901-1991)

VICTOR FRANKL (1905-1997)

HELMUT GOLLWITZER (1908-1993)

LUISE RINSER (1911-2002)

HEINRICH BÖLL (1917-1985)

GIULIO GIRARDI (1926-2012)

DOROTHEE SÖLLE (1929-2003)

FERDINAND TROXLER (1929-)

NORBERT GREINACHER (1931-)

HUUB OOSTERHUIS (1933-)

JEAN ZIEGLER (1934-)

PETER BICHSEL (1935-)

JOSY BRAUN (1938-2012)

PAUL SCHOBEL (1939-)

MICHAEL RAMMINGER (1960-)

TERESA FORCADES Y VILA (1966-)

POLITIKER

GUSTAV HEINEMANN (1899-1976)

ZENO SALTINI (1900-1981)

HERBERT WEHNER (1906-1990)

ABBÉ PIERRE (1912-2007)

WILLY BRANDT (1913-1992)

HEINRICH ALBERTZ (1915-1993)

HELMUT SCHMIDT (1918-2015)

ERHARD EPPLER (1926-)

HANS-JOCHEN VOGEL (1926-)

MICHAIL GORBATSCHOW (1931-)

JOHANNES RAU (1931-2006)

RUDI DUTSCHKE (1940-1979)

WOLFGANG THIERSE (1943-)

FRIEDRICH SCHORLEMMER (1944-)

ANTONIO GUTERRES (1949-)

KLAUS JENSEN (1952-) UND MALU DREYER (1961-)

BODO RAMELOW (1956-) UND DIE LINKE

FRANK-WALTER STEINMEIER (1956-)

GUY FRANTZEN (1957-)

MARKUS NIERTH (1969-)

ANDREA NAHLES (1970-)

KIRCHE UND LINKSPARTEIEN

LINKS VON CHRISTUS/ A LA GAUCHE DU CHRIST

INTERNATIONALE LIGA RELIGIÖSER SOZIALISTINNEN UND SOZIALISTEN (ILRS)

BUND DER RELIGIÖSEN SOZIALISTEN DEUTSCHLANDS

LATEINAMERIKA

PROBLEMATIK NORD-SÜD

UNBEQUEME CHRISTEN

DOM HÉLDER CÂMARA (1909-1999), BRASILIEN

PAULO FREIRE (1921-1997)

JOSÉ PORTIFIRIO MIRANDA (1924-2001), MEXICO

ERNESTO CARDENAL (1925-), NICARAGUA

CAMILO TORRES (1929-1966), KOLUMBIEN

ADOLFO PÉREZ ESQUIVEL (1931-)

LEONARDO BOFF, (1938-) BRASILIEN

KAROLINE MAYER (1943-), Chile

CHRISTEN FÜR DEN SOZIALISMUS (CfS)

ZEUGNISSE

ZEUGNIS VON KAROLINE MAYER (SANTIAGO DE CHILE)

ZEUGNIS VON GUY FRANTZEN (BETTEMBURG/LUXEMBURG)

ZEUGNIS VON KLAUS JENSEN UND MALU DREYER (TRIER/DEUTSCHLAND)

AUSBLICK

ANHANG

DANKESWORTE

REGISTER

MEIN ANLIEGEN

Beim Surfen im Internet bin ich vor Jahren zufällig auf die Anzeige einer Zeitschrift namens CuS1 gestoβen. CuS ist die Abkürzung von Christen und Sozialisten. Es handelt sich hier um eine viermal im Jahr publizierte Schrift der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschands.

Wie, was? Religiöse Sozialisten? Ich habe bisher noch nie von einer solchen Gruppierung gehört. Warum bin ich so stark daran interessiert?

Seit vielen Jahren sympathisiere ich mit dem freiheitlichen Sozialismus, zähle bis heute unter meinen Freunden so manche „Rote“, bin aber nie Mitglied einer linken Partei geworden. Als Koordinator des Bettemburger Jugendchors2 und der 1987 gegründeten ONG Chiles Kinder, 2006 umbenannt in Niños de la Tierra,3 wollte ich parteipolitisch neutral bleiben.

Was ich unter Sozialismus oder Sozialdemokratie verstehe, hat mich einer meiner Freunde gefragt. Überzeugend hat es meines Erachtens Bernard Joinet, den ich in meinem Buch vorstelle, dargestellt. Für ihn heiβt Sozialismus, seine Talente nicht allein für das Weiterkommen seiner selbst einzusetzen, sondern für das Weiterkommen aller. Es gehe also nicht darum, in den verschiedensten Lebenssituationen seinen persönlichen Vorteil zu suchen, sondern danach zu trachten, dass alle mitkommen. Das klinge utopisch, aber wir bräuchten ein solches Ideal, um weiterzukommen. Warum soll ein Gegeneinander nicht ein Füreinander ablösen? Nicht die Einzelperson steht im Mittelpunkt, sondern die solidarische Gemeinschaft.

Dieselbe Fragestellung hatte mich schon 2013 beschäftigt, als ich mit meinem ersten Buch Christ Sein Mit Zorn und Zärtlichkeit4 eine Art Bestandesaufnahme meines Lebens vorlegte. Der schöne Erfolg meiner Autobiografie spornte mich an, mich nochmals ans Schreiben zu setzen. Das Resultat liegt vor Ihnen.

Anfang Januar 2016 mache ich mich als Nicht-Historiker auf eine historische Reise, die mit der Französischen Revolution im Jahr 1789 beginnt. Es begleiten mich: eine Anzahl Bücher, so manche davon aus den 1970er und 1980er Jahren, die irgendwie mit einer kritischen Kirche oder/und mit dem Sozialismus zu tun haben. Auch greife ich auf das Internet zurück und darf auf die wertvolle Hilfe von Freunden zählen. Je länger ich recherchiere, desto spannender wird es. Ich lerne Menschen kennen, die mir vorher nicht oder nur wenig bekannt waren. Für viele von ihnen spielt das Christliche eine wichtige Rolle, für sie ist es eigentlich das Rückgrat ihres Lebens, das sie dann im demokratischen Sozialismus konkretisieren. Sie kennengelernt zu haben, ist für mich ein Gewinn, ja sogar eine Freude. Meine Nachforschungen reichen bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Ich bin mir aber bewusst, dass bereits bei den griechischen Sophisten, bei Plato, auch im Urchristentum sozialistische Vorstellungen entwickelt worden sind.5

Ich werde Ihnen neunzig Frauen und Männer aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Groβbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Spanien, der Schweiz, Tansania (Afrika), den Vereinigten Staaten und Lateinamerika vorstellen. Ihre Porträts erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe versucht, das Wichtigste aus ihrem Leben darzulegen. Für viele von ihnen sind Kreuz und Rose eng miteinander verbunden.

In Luxemburg werden Sozialisten und Kommunisten oft als „Pfaffenfresser“ dargestellt. Tatsächlich haben viele von ihnen keinen Kontakt zur Kirche oder reden nur von deren negativen Seiten.

Ende Januar 2015 hat unsere Regierung, eine Koalition aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen, mit dem katholischen Erzbischof Jean-Claude Hollerich, dem Repräsentanten der mit Abstand gröβten Glaubensgemeinschaft des Landes, eine schrittweise Trennung von Kirche und Staat für die nächsten 20 Jahre unterzeichnet. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Ist dies vielleicht aber der erste Schritt zur Verbannung des Christlichen aus unserer Gesellschaft?

Kein Zweifel: Nicht wenige freuen sich über diesen Trend.

Warum verspüren manche einen Groll auf die Kirche und schieben gleichzeitig auch das Evangelium in die Ecke? Ich vermute, dass sie Kirche als Machtapparat mit der Botschaft Christi gleichstellen, dass dabei aber auch, Kindheitserinnerungen und ein einseitiges Geschichtsverständnis mitspielen.

Sicher: Christentum, das ist der Dreiβigjährige Krieg (1618-1648), das sind Hexenverbrennungen und Judenverfolgungen, das ist die spanische und portugiesische Eroberung Mittel- und Südamerikas im 16. und 17. Jahrhundert und die gewaltsame Bekehrung von Eingeborenen, das ist die oft unglückliche Vermischung von Thron und Altar, von Staat und Altar.

Es stimmt aber auch: Christentum ist mehr! Viel mehr!

Alexander von Schönburg, der sich selbst als ein hartgesottener Kirchengegner bezeichnet, weist in seiner Weltgeschichte to go6 darauf hin, dass das europäische Gesellschaftsmodell auf dem Prinzip der Achtung vor dem Schwachen, auf der Sorge um Hilfsbedürftige und der Verpflichtung für das Leben jedes Einzelnen gründet.

Wer hat dieses Denken in die Welt gebracht? Jesus Christus! Er ist einer der herausragendsten Menschen, der je gelebt hat. Seine Botschaft hat gut 2000 Jahre überlebt. Sie hat Frauen und Männer motiviert, sich für diejenigen einzusetzen, die in der Kalkulation der Mächtigen nicht zählen: die Zukurzgekommenen, die Ausgebeuteten, die Hungernden. Nun wird es in Zukunft den Luxemburger Kindern schwer gemacht, Jesus von Nazareth kennen zu lernen. In der Schule ist für Ihn kein Platz mehr, Religionsunterricht muss ab Herbst 2017 wie Sport, Musiklehre und andere Hobbys in der Freizeit stattfinden. Was würden Sie als Kind wählen?

Wer für Gerechtigkeit steht, kommt an Jesus von Nazareth nicht vorbei. Wir brauchen Ihn. Er wird auch in den nächsten Jahren unzählige Menschen in seinen Bann ziehen. Er hilft uns, ob gläubig oder nicht, die Welt im Gleichgewicht zu halten.

Schon vor 70 Jahren hat Kurt Schumacher, ein bedeutender SPD-Politiker der Nachkriegsjahre, geschrieben: „Ohne den Geist der Bergpredigt und seine Belebung würde der Lebenskampf der europäischen Völker sehr viel schwieriger sein.“7

Michel Schaack

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VON DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION BIS ZUM WIENER KONGRESS (1789-1814)

Jeden Morgen ab vier Uhr treten sie in Gruppen aus den Häusern: Frauen, Kinder und Greise. Sie flehen leise, dass sie leben wollen. Ein Brot ist ein Sieg. Ein Brot von vier Pfund, praktisch die einzige Nahrung, die im Paris des Jahres 1789 verfügbar ist, kostet allein mehr als fünf Sous. Ein Tagelöhner aber verdient weniger als zwanzig Sous am Tag.8

Die Menschen schreien nach Brot. Marie-Antoinette, die Gattin des französischen Königs Louis XVI., welche durch ihren verschwenderischen Lebensstil bekannt ist, soll dem Volk gesagt haben: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“9

Damit nimmt die „Revolution aller Revolutionen“ ihren Anfang.

Französische Revolution 1789.

Liberté, Égalité, Fraternité.

Freiheit des Einzelnen

Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz

Brüderlichkeit aller Menschen

Freiheit der politischen Aktivitäten sowie Widerstandsrecht gegen den Staat gehören dazu.

Welch eine Hoffnung für die kleinen Leute! Aber die Angst geht um. Die Angst um die Zukunft. Sie verbreitet sich schnell in allen Bevölkerungsschichten Frankreichs: beim Volk, beim König, beim Adel und beim Klerus. Die Rechte des Königs werden eingeschränkt, Priester werden verhaftet, der Kirchenbesitz und das Eigentum des geflohenen Adels werden beschlagnahmt. Alles klar! Ende der Revolution? Weiterleben in neugeordneten Bahnen? Nein! Es folgt die Terrorherrschaft der Jakobiner unter Maximilien de Robespierre (1758-1794) und Georges Danton (1759-1794), den eigentlichen „Erfindern“ des modernen Staatsterrors. Hunderttausende warten in Paris auf ihre Hinrichtung, jene, welche sich der Revolution widersetzt haben, aber auch solche, die sie nicht gefördert haben. Die europäischen Fürsten ahnen nichts Gutes. Sie befürchten ein Übergreifen der Revolution auf ihre Länder. Sie müssen sich verteidigen, werden jedoch im September 1792 von den Franzosen in Valmy besiegt. Der Verhaftung der königlichen Familie folgt die Proklamation der Republik. Vier Monate später wird Louis XVI., der König von Frankreich, in Paris auf der Place de la Concorde, enthauptet.

Ein fünfköpfiges Direktorium, das die Macht übernommen hat, tut sich schwer, das unruhige Volk zu regieren. Dies ermöglicht dem aufstrebenden General Napoleon Bonaparte (1769-1821) durch einen Staatsstreich, im November 1799, an die Macht zu kommen.

Fünf Jahre später, am 2. Dezember 1804, lässt er sich zum Kaiser krönen. Seine Herrschaft bis 1815 zerstört die feudalen Strukturen. Verfassung und Gesellschaft werden nicht mehr als gottgegeben angesehen, sondern als das Werk von Menschen, also sind sie verwandelbar und eventuell nach den letzten Erkenntnissen gestaltbar. Napoleon lässt neue Gesetzbücher verfassen. Diese garantieren bürgerliche und wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen, sowie das Recht auf Privateigentum.

Auβenpolitisch zettelt der Kaiser der Franzosen immer wieder Kriege an. Die Schlacht bei Waterloo (1815) gegen die britische und preuβische Armee führt zum Ende seiner Herrschaft.

Der Wiener Kongress im selben Jahr stellt die vorrevolutionären Verhältnisse wieder her.

Das Ancien Régime feiert also sein Come-back. Das Sagen haben erneut der Adel und der Klerus, aber auch die Bankiers, die Besitzer von Fabriken, Bergwerken und Ländereien. Ihnen zu Diensten stehen zahl- und namenlose Männer, Frauen und Kinder, die voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft vom Land in die Städte gezogen sind.

Die Ideen der Aufklärung und der Demokratie haben sich inzwischen in den Seelen der Menschen eingenistet. Es kommt mancherorts in Europa zu Aufständen, so auch zur Juli-Revolution 1830 in Paris, in der die Bourbonen gestürzt werden.

Das Musical Les Misérables von Alain Boubil/Claude-Michel Schönberg, nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo, bringt uns den Kampf des Volkes nahe. Unvergesslich für mich sind verschiedene Melodien und die Botschaft des französischen Dichters, zusammengefasst im Schlusslied:10

„Wollt ihr, dass der Sieg gelingt? Seid ihr bereit und steht uns bei? Hinter den Barrikaden winkt uns eine Welt, gerecht und frei!

Hört ihr, wie das Lied erklingt? Hört ihr den fernen Trommelschlag. Es ist die Zukunft, die er bringt, und der neue Tag. Der neue Tag!“

INDUSTRIALISIERUNG

Über Jahrhunderte haben sich die Landschaften Europas kaum gewandelt. Doch durch den Übergang der Agrargesellschaft zur industriellen Produktionsweise verwandelt ein ganzer Kontinent sein Gesicht. Die Zeiten sind hart, aber die Industrialisierung und die kapitalistische Wirtschaftsweise, vor allem in Europa und in Nordamerika versprechen vieles. Die Eroberung der Kolonien seit dem 18. Jahrhundert trägt zur raschen Industrialisierung bei. Kein Ruhmesblatt, wie die Europäer sich bereichern. Wenn nötig, wird vor Mord nicht zurückgeschreckt.

Neue Verkehrswege werden erschlossen und durchschneiden förmlich das Land. Dampfmaschine, Eisenbahn, Telegrafie sollen das Leben der Menschen vereinfachen. Das Pfeifen der Lokomotiven, das unaufhörliche Rattern der Eisenbahnräder mögen nerven, der Fortschritt aber ist nicht mehr aufzuhalten. Fabrikhallen und Schornsteine wachsen aus dem Boden. Sie bringen Arbeit für alle. Würdige Arbeit?

Die Stadt lockt. Viele Familien versprechen sich einen gesellschaftlichen Aufschwung. Sie verlassen das Land, auf dem sie aufgewachsen sind, um sich in der Stadt oder am Rande der Stadt eine neue Zukunft aufzubauen. In den neuerrichteten Fabriken wird nämlich besser bezahlt als in der Landwirtschaft. Das idyllische Bild vom Bauern und seiner Frau, die nach stundenlanger, harter Feldarbeit einen Augenblick ruhen und im gemeinsamen Gebet frische Kräfte schöpfen, ist passé. Jean-François Millets (1814-1875) berühmtes Gemälde Das Angelusläuten stimmt nicht mehr.

Hungersnöte in Europa, vor allem die groβe Hungersnot von 1845 in Irland, verursacht durch eine unbekannte Kartoffelkrankheit, lassen Tausende den Ozean überqueren. Auch manche unserer Vorfahren sehen keine Zukunft in ihrer Heimat und wandern nach Amerika aus. Zwischen 1840-1890 sucht, grob gerechnet, ein Drittel der damaligen Bevölkerung Luxemburgs ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Amerika.11

Die Landflucht in die nahe Stadt oder sogar nach Übersee bringt jedoch für viele nicht das groβe Glück. Die Geflüchteten wohnen in den Städten am Existenzminimum. Oft müssen sie sich damit abfinden, auf engstem Raum zusammengepfercht zu leben. Elendsviertel entstehen.

Der deutsche Ökonom Werner Sombart (1863-1941), berichtet, dass fast die Hälfte aller Menschen in Groβstädten in Wohnungen von einem oder zwei Zimmern - manchmal zu sechs oder mehr - hausen müssen. Es sind Unterkünfte unter dem Dach oder im Keller, oft ohne flieβendes Wasser und ohne Kanalisation, meistens in verkommenen Wohnvierteln. Erdlöcher im Hof dienen als Toiletten. Krankheiten, Epidemien verbreiten sich in Windeseile. Manchmal teilen sich die Familienmitglieder ihre Behausung mit Schlafgängern, die den kargen Lohn der Vermieter etwas aufbessern. Der übermäβige Alkoholkonsum, der die Trostlosigkeit des Lebens vergessen lassen soll, trägt dazu bei, dass es öfters zu Streit kommt.

Für einen Hungerlohn wird gearbeitet - auch sonntags - wenigstens zehn Stunden täglich.

Das Gehalt so mancher Familienväter erlaubt es nicht, eine Familie zu ernähren. Deshalb werden auch Kinder zur Arbeit herangezogen, z.B. in den Gruben. Weil die Knaben klein sind, eignen sie sich gut, um dort kohlegefüllte Wägelchen ganz nah am Felsen vorbei zu ziehen. Nach einigen Jahren sind sie jedoch körperlich und seelisch ruiniert. Viele enden in der Prostitution oder überleben als Taschendiebe.12

Ein Bericht aus dem Jahr 1829 über die Eröffnung neuer Industrien in Luxemburgs Vorstadt Pfaffenthal13 lässt mich aufhorchen. Hier sind neben Erwachsenen auch 60 bis 70 junge Mädchen beschäftigt, die meisten von ihnen jünger als acht Jahre. Sie verrichten Arbeiten, „welche ihren Körperkräften und dem Entwicklungsgrad ihrer Intelligenz entsprechen; es ist, in der Tat, ein sehr angenehmes Bild zu sehen, wie Kinder in diesem Alter sich daran gewöhnen, so früh schon die Bestimmung zu erfüllen, zu der ihre soziale Stellung sie zu berufen scheint.“ Sehr angenehm?! Von wegen!

Millionen Kinder haben keine Zeit zum Spielen. Sie müssen arbeiten: in der Heimarbeit, in der Landwirtschaft, in Dienstleistungsbereichen, in Fabriken oder in Gruben. Stellvertretend für Unzählige von ihnen geben wir Nikolaus das Wort. Er wird kurz nach seiner Schulentlassung in einer Ziegelei angestellt. Er erzählt, dass er neben sechzig Erwachsenen und vierhundert Jugendlichen, Mädchen und Jungen, zehn Stunden pro Tag arbeiten musste. Seine Knochen spüre er wie zerschlagen und seine Hände seien rot vom vielen Staub. Auβer an Ruhe und Sterben hätte er an gar nichts mehr gedacht. In fünf Monaten hätten sie aus ihm, dem frohen Kind, einen sich nach Tod und Grabesruhe sehnenden Greis gemacht.14

DIE SOZIALE FRAGE IN DER KUNST DES 19. JAHRHUNDERTS

Auch die Schriftsteller verschlieβen die Augen nicht vor dem Elend. Nennen wir Henrik Ibsen in Norwegen, Charles Dickens, Benjamin Disraeli und Charles Kingsley in England, Emile Verhaeren und Maurice Maeterlinck in Belgien, Louis Blanc, Honoré de Balzac, Victor Hugo und Emil Zola in Frankreich, Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol und Leo Tolstoi in Russland, Georg Büchner, Gerhard Hauptmann und die vielleicht weniger bekannten Arbeiterdichter Georg Herwegh, Georg Weerth und Ferdinand Freiligrath in Deutschland. Letztgenannter, bekannt als Trompeter der Revolution, weiβ von der Wichtigkeit der Liebe, gerade in schweren Zeiten:

„O lieb, solang du lieben kannst!

O lieb, solang du lieben magst.

Die Stunde kommt, die Stunde kommt

Wo du an Gräbern stehst und klagst.“15

Zeitlose, ewige Worte, die Franz Liszt vertont hat. Sein Freund Richard Wagner aber auch Guiseppe Verdi, Umberto Giordano, setzen in Musik um, was das Volk bewegt. Die Oper La Muette de Portici von Daniel François Auber gibt den Anstoβ zu der belgischen Revolution, die schlieβlich zur Unabhängigkeit unseres Nachbarlandes führt.

Maler wie Johann Peter Hasenclever und Karl Spitzweg in Deutschland, Jacques Louis David, Caspar David Friedrich und Eugène Delacroix in Frankreich stehen stellvertretend für die Künstler, die im Bild festhalten, was sich im 19. Jahrhundert Wichtiges ereignet. Auch Jules-Gustave Besson und Eugène Laermans geben der Misere der Arbeiterklasse Ausdruck. Gustave Courbet wird von den „Tüchtigen“ gebrandmarkt, weil er die einfachen Leute, den Pöbel, in Groβformat malt. Francisco Goya entfaltet sich zu einem engagierten Zeugen der Ereignisse seiner Zeit. Der sozialistische Publizist Wilhelm Wolff16 drückt die Hoffnung dieser Künstler so aus: „Nur eine Umgestaltung der Gesellschaft auf dem Prinzipe der Gerechtigkeit kann uns zum Friede und zum Glücke führen.“

DIE FRÜHSOZIALISTEN

Überall in Europa brechen Menschen aus der Masse aus, trauen sich Ideen zu verbreiten, die, wie sie hoffen, mithelfen werden, eine bessere Welt aufzubauen. Sie nennen sich Frühsozialisten, weil ihre Theorien vor den Revolutionen von 1848/49 entstanden sind und vor allem vor den Schriften von Karl Marx veröffentlicht worden sind.

Bei ihnen spielt die Religion eine zentrale Rolle. Ihre Identität ist christlich, was sie nicht daran hindert, scharfe Kritik an der etablierten Kirche zu üben.

CHARLES FOURIER (1722-1837)

Charles Fourier wird als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers in Besançon/Frankreich geboren. Auch ihn interessiert der kaufmännische Beruf. Er hält nichts von einer atheistischen Gesellschaft. Er will Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung abschaffen. Ihm liegt die Gleichberechtigung von Mann und Frau am Herzen. Fourier verlangt ein bedingungsloses Grundeinkommen, so wie es auch heutzutage in manchen Ländern Europas gefordert wird besonders dann, wenn Roboter die Arbeiter ersetzen sollen. Fourier inspiriert den englischen Philosophen John Stuart Mill. Die Juden bezeichnet er als Parasiten, denen man das Bürgerrecht wieder entziehen müsste. Trotzdem übt er auf sozialistische Theoretiker von gewerkschaftlicher Richtung groβen Einfluss aus. Auch die Kommunenexperimente der 1970er Jahre wie bspw. diejenigen des Wiener Künstlers Otto Mühl berufen sich auf ihn.

CLAUDE-HENRI DE SAINT-SIMON (1760-1825)

Saint-Simon stammt aus einer hochadeligen französischen Familie. Er träumt ebenfalls von einer kooperativen Gesellschaft unter Gottes Schutz, in der alle Stände vertreten sind. Für ihn, den Befürworter einer Trennung von Kirche und Staat, kann die Religion als geistiger und moralischer Motor zur Veränderung gesellschaftlicher Missstände werden.

FÉLICITÉ DE LAMENNAIS (1782-1854)

Félicité de Lamennais, Sohn eines bretonischen Waffenherstellers, verliert seine Mutter bereits mit fünf Jahren und wird von einem seiner Onkel groβgezogen.

Mit 33 Jahren wird er zum Priester geweiht. Genau wie Fourier und Saint-Simon vertritt er die Meinung, dass nur mit Gott eine neue brüderliche Gesellschaft funktionieren kann, in der die Teilung der Güter neben Privateigentum bestehen könnte. Er stellt sich auf die Seiten der armen und mittellosen Arbeiter und nähert sich dem Sozialismus, zu dem er sich später bekennen wird. In seinen Schriften fordert er die Amtskirche heraus. 1832 verurteilt Papst Gregor XVI. sein Werk. Ein Jahr später legt Lamennais sein Amt nieder, bleibt aber weiter unbequem. Er fordert die Arbeiter auf, sich gegen ihr Elend zu wehren z.B, wenn sie von ihren Chefs wie Instrumente behandelt werden. Dabei kann er weder auf die Unterstützung der katholischen Kirche noch auf die Hilfe protestantischer Kreise zählen. Trotzdem hat er mit seinen Büchern Paroles d’un croyant und Livre du Peuple groβen Erfolg, auch wenn seine Schriften auf dem Index stehen. Er muss sogar ein Jahr ins Gefängnis, weil er König Louis Philippe scharf kritisiert hat.

Lamennais hat den deutschen Arbeiterführer Wilhelm Weitling geprägt und die frühe französische Arbeiterbewegung nachhaltiger beeinflusst als jeder andere Frühsozialist.

In Groβbritannien läβt ein Mann aufhorchen:

ROBERT OWEN (1771-1858)

Robert Owen ist das siebte Kind eines Sattlers aus Newton/Wales. Obschon seine Familie nicht arm ist, verläβt er die Schule bereits mit zehn Jahren, um als Lehrling in einem Textilgeschäft zu arbeiten. Langsam reift in ihm die Erkenntnis, dass die Menschen sich zusammentun müssen, weil dann die Zusammenarbeit aller zum Vorteil eines jeden werden wird. Owen wird Mitbesitzer einer Baumwollspinnerei im schottischen New Lanark, heute Unesco-Weltkulturerbe. Sein Glaube an Jesus von Nazareth spornt ihn an, der Ausbeutung der Arbeiter ein Ende zu setzen. Er verkürzt die Arbeitszeit seiner Beschäftigten, erhöht deren Löhne, lässt sie in einfachen, dezenten Häusern wohnen und gründet für sie eine Pensionskasse. Statt in der Fabrik zu schuften, haben die Kinder seiner Lohnabhängigen die Gelegenheit, in Schulen das Lesen und Schreiben zu lernen. Und in neu erbauten Läden können die Familien zum Selbstkostenpreis einkaufen.

Owen erkennt den Zusammenhang zwischen einer geglückten Kindheit und späteren Lebenschancen. Deshalb sorgt er dafür, dass die ihm Anvertrauten von klein auf in günstigen physischen, moralischen und sozialen Verhältnissen aufwachsen.

Wohlhabende Kollegen prophezeien ihm den Bankrott seines Unternehmens. Das trifft jedoch nicht zu. Im Gegenteil: sein Betrieb blüht auf, Resultat einer zufriedenen, motivierten Belegschaft.

Ebenso wie