Christen sind Fremdbürger - Stanley Hauerwas - E-Book

Christen sind Fremdbürger E-Book

Stanley Hauerwas

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Beschreibung

Hauerwas und Willimon zeigen, wie porös das Hantieren mit christlichen Machtfantasien von jeher war, und setzen die christliche Gemeinde auf die Fährte des Nazareners: Im Zeichen der «Ohn-Macht» und gleichzeitig im Zeichen der Versöhnung liegt die Sprengkraft der christlichen Gemeinde, um die Welt zu verändern.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Stanley Hauerwas & William H. Willimon Christen sind Fremdbürger

www.fontis-verlag.com

Stanley Hauerwas & William H. Willimon

Christen sind Fremdbürger

Wie wir wieder werden, wer wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft

Übersetzt und eingeleitet

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Die Bibelstellen wurden folgenden Übersetzungen entnommen:

Originally published in the U.S.A. under the title: «Resident Aliens» Copyright © 2014 by Stanley Hauerwas Published by arrangement with Riggins International Rights Services, Inc., Punta Gorda, FL 33950, on behalf of Abingdon Press, Nashville, TN 37228-0988. U.S.A.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Prof. Dr. Bernd Wannenwetsch

Der Text der Originalausgabe wurde an wenigen Stellen geringfügig gekürzt, um Redundanzen zu vermeiden.

© 2016 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Umschlagfoto: Wolf Suschitzky, Getty Images E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-766-1

Inhalt

Vorwort der Autoren

Einleitung von Bernd Wannenwetsch

Abenteuer Nachfolge: Abschied – Aufbruch – Ausrüstung

Die Autoren

Kirchenschelte?

Sektiererisch?

Das überführende «Wir»

Das evangelische «Wir»

Abschied vom Zeitalter des Christentums

Aufbruch zur Abenteuerreise «Nachfolge»

Ausrüstung zum Durchhalten

«Resident Aliens» hierzulande

Teil I: Abschied

Kapitel 1

Die moderne Welt: Lernen, die richtigen Fragen zu stellen

Eine veränderte Welt

Die richtigen theologischen Fragen

Neues Verstehen oder neues Leben?

Kapitel 2

Christliche Politik in der Neuen Welt

Die Vermischung von Religion und Politik

Die Politik des Unglaubens

Die Kirche als soziale Strategie

Teil II: Aufbruch

Kapitel 3

Das Abenteuer der Nachfolge

Zurück auf der Straße

Tugenden, die es für das Abenteuer braucht

Menschen mit einer Bestimmung

Kapitel 4

Leben in der Kolonie: Die Kirche als Fundament christlicher Ethik

«Ihr habt gehört... Ich aber sage euch»

Christliche Ethik ist Sozialethik

Wir sind, was wir sehen

Ende und Bestimmung der Welt

Kapitel 5

Ganze normale Menschen: Christliche Ethik

Menschen, die einem merkwürdigen Gott folgen

Die Heiligen als Vorbilder

Glaubensstärkung durch Beispiele

Teil III: Ausrüstung

Kapitel 6

Gemeindearbeit als Abenteuer: Lernen, gerne die Wahrheit zu sagen

Ausbildung in der Gemeindearbeit

Erfolgreiche Gemeindearbeit

Der Dienst Gottes

Kapitel 7

Macht und Wahrheit: Tugenden, die den Dienst an der Gemeinde möglich machen

Legt die ganze Waffenrüstung Gottes an

Mit Freimut das Evangelium verkünden

Ermächtigung zum Dienst

Durch Gottes Kraft

Index

Anmerkungen

Nehmt euch Jesus Christus zum Vorbild:

Obwohl er in jeder Hinsicht Gott gleich war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und war in allem ein Mensch wie wir. Er erniedrigte sich selbst noch tiefer und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum schändlichen Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über allen Namen steht. Vor Jesus müssen einmal alle auf die Knie fallen: alle im Himmel, auf der Erde und im Totenreich. Und jeder ohne Ausnahme wird zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen: Jesus Christus ist der Herr!

Vorwort der Autoren

In seinem Brief an die Philipper benutzt Paulus ein Bild, das uns angesprochen hat. Es kann als Symbol für den Stimmungsumschwung herhalten, den wir in diesem Buch beschreiben. Nachdem der Apostel die Philipper ermahnt hat, «gesinnt zu sein, wie Jesus Christus auch war» – was für sich genommen schon nicht einfach ist –, spricht er dieser angefochtenen Gemeinde zu: «Und doch ist es Gott allein, der beides in euch bewirkt: Er schenkt euch den Willen und die Kraft, ihn auch so auszuführen, wie es ihm gefällt» (2,13; Hfa). Dann erinnert sie Paulus noch an etwas anderes: «Wir dagegen sind Bürger des Himmels» (3,20; NGÜ).

In diesen wenigen Zeilen ruft der Apostel die Philipper dazu auf, an einer wahrhaft spektakulären Reise teilzunehmen: zu leben und zu sterben wie Christus, und ihr Leben so eng am Modell des Lebens Jesu anzulehnen, dass sie Jesu eigene Gesinnung in sich tragen. Doch ruft Paulus sie auch zur Freude (3,1). Denn in ihrem Leben als Gemeinde sind sie zu Gottes Repräsentanten in der Welt berufen. Ein großer Anspruch, aber auch eine große Freude – Freude über das Wunder, das Abenteuer Kirche zu sein.

Das Bild, das dieses Abenteuer für uns am deutlichsten vor Augen stellt, findet sich ebenfalls im Philipperbrief : «Wir sind Bürger des Himmels.» Moffat übersetzt den griechischen Ausdruck politeuma noch farbiger: «Wir sind eine Kolonie des Himmels.»

Die Juden in der Diaspora wussten aus langer Erfahrung, was es heißt, als Fremdlinge im fremden Land zu leben und zu versuchen, sich auf der Scholle eines anderen ein Stückchen zum Überleben zu sichern.

Jüdische Christen hatten ebenfalls frühzeitig gelernt – in ihrer alltäglichen Verbindung mit der Synagoge –, wie wichtig es für Fremdbürger war, sich zu versammeln, um den «Namen über alle Namen» anzurufen, sich die Heilsgeschichte in Erinnerung zu rufen und Zionslieder in einem Land zu singen, das Zions Gott nicht kannte.

Eine Kolonie ist ein Außenposten, die Insel einer Kultur inmitten einer anderen Kultur, ein Ort, an dem die Werte einer Kultur an die Jungen weitergegeben und die besondere Sprache und die speziellen Lebensgewohnheiten einer Gemeinschaft gepflegt werden.

Wir sind der Meinung, dass die Bezeichnung von Christen als eine Kolonie von Fremdbürgern keineswegs übertrieben ist für die heutige Kirche in Nordamerika – oder auch in Europa. Vielmehr glauben wir, dass es in der Natur der Kirche überhaupt liegt, an jedem Ort und zu jeder Zeit als Kolonie zu existieren.

Mag sein, dass es etwas überdramatisch klingt, die Kirchen, wie wir sie heute kennen, als Kolonien inmitten einer fremden Kultur zu bezeichnen. Wir sind allerdings der Auffassung, dass sich die Lage dramatisch verändert hat für Christen in Amerika und der westlichen Welt und dass die Treue zu Christus verlangt, dass wir uns ebenfalls entsprechend verändern, wenn wir nicht dem Schicksal anheim fallen wollen, das allen angepassten Formen des Christentums droht.

Die Kirche ist eine Kolonie, eine Insel des Glaubens inmitten einer Kultur des Unglaubens. In der Taufe ist unser Bürgerrecht von einer Autorität zu einer anderen übertragen worden, so dass wir in jeder Gesellschaft, in der wir uns vorfinden, bestenfalls Fremdlinge mit Wohnrecht sind.

Wir hoffen, dass dieses Buch bei all seinen kritischen Überlegungen doch hoffnungsvolle und nützliche Einsichten anbietet zum Dienst in und an der Kolonie, die sich Kirche nennt. Kritische Überlegungen, weil wir der Auffassung sind, dass die Kirche heute im Denken und Handeln einen Kurswechsel braucht; hoffnungsvoll, weil für unsere Kirchen ebenso wie für die der Leser gilt: «Und doch ist es Gott allein, der beides in euch bewirkt: Er schenkt euch den Willen und die Kraft, ihn auch so auszuführen, wie es ihm gefällt» (Philipper 2,13; Hfa).

Als Fremdbürger zu leben ist eine Formel für Einsamkeit, die wenige von uns auszuhalten vermögen. Tatsächlich ist es praktisch unmöglich, sich diesem Dienst völlig auf sich alleine gestellt zu widmen, denn unsere Einsamkeit schlägt leicht um in Selbstgerechtigkeit oder Selbstverachtung. Christen können nur überleben, wenn sie sich gegenseitig unterstützen durch die vielen kleinen Gesten, in denen wir uns versichern, dass wir nicht alleine unterwegs sind, sondern dass Gott mit uns geht. Freundschaft ist darum alles andere als eine Nebensächlichkeit im christlichen Leben.

Während wir dieses Buch miteinander geschrieben haben, wurde uns erneut vor Augen geführt, wie wichtig die Freundschaften sind, die uns zu dem machen, was wir sind – und nicht zuletzt auch die Freundschaft, die uns beide verbindet. Wir hoffen, dass dieses Buch auch durchscheinen lässt, wie sehr wir unseren Freunden nah und fern verpflichtet sind, die ein besseres Leben führen als wir und die unser Leben dadurch besser machen.

Stanley Hauerwas & William H. Willimon

Einleitung von Bernd Wannenwetsch

Abenteuer Nachfolge:Abschied – Aufbruch – Ausrüstung

«Christen sind Fremdbürger». Schon der Titel dieses Buches hat etwas Irritierendes. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen in den Kernländern Europas sich darauf einzustellen haben, in Zukunft mit einer großen Zahl von solchen resident aliens zusammenzuleben. Die überwiegende Mehrheit von Flüchtlingen und Menschen «mit Migrationshintergrund», die heute zu uns kommen, stammen aus islamischen Kultur en.

Und nun wird uns, die wir uns fragen, wie die «Integration» jener Fremdbürger in den Gesellschaften des christlichen Abendlands gelingen kann, in diesem Buch eine noch größere Zumutung geboten. Nämlich die These, dass wir Christen (sofern wir uns als solche verstehen) ungeachtet unseres jeweiligen Bürgerstatus in der Gesellschaft, in der wir leben, niemals mehr als solche «Fremdbürger» sein können: Menschen, deren erste politische Loyalität einem anderen Reich als den Reichen dieser Welt gilt; Menschen, die darum eine Art «Kolonie» bilden, die in bleibender Spannung mit den jeweiligen Nationalstaaten existiert, deren immer weitergehende Ansprüche sie nur so weit erfüllen können, wie ihnen ihr Glaube dies erlaubt.

Eine größere Provokation dürfte kaum möglich sein als diese Umkehrung der verinnerlichten «Vollbürger-Perspektive», aus der wir einen Großteil unserer Identität als freie Glieder eines funktionierenden Rechtsstaates innerhalb einer zivilisierten Kultur und einer aufgeklärten pluralistischen Gesellschaft beziehen.

Doch damit nicht genug der Provokation. Hauerwas und Willimon haben noch mehr davon zu bieten. In Kurzfassung:

«Christen sind Fremdbürger» («Resident Aliens», so der Titel im amerikanischen Original). Die Kirche ist eine Kolonie des Glaubens inmitten des wachsenden Reiches des Unglaubens. Darum, liebe Christenleute, verabschiedet euch von den heimeligen Bildern der «Kirche im Zentrum des Dorfes» und den liebgewonnenen Machtfantasien einer christlich bestimmten Gesellschaft.

Macht euch vielmehr bereit, aufzubrechen in eine ungewisse Zukunft, in der ihr keine Garantien habt und nur von der Verheißung lebt; werft Ballast ab, der euch unbeweglich macht und legt die Waffenrüstung Gottes an: Glaube, Liebe, Hoffnung. Macht euch auf die abenteuerliche Reise, die ein Leben im Glauben ist. Bestehen könnt ihr sie freilich nur im Miteinander: als Gemeinschaft des wandernden Gottesvolkes, geleitet vom Guten Hirten, der den Weg kennt.

Der Leser wird rasch merken: Dieses Buch ist anders als andere Bücher christlicher Autoren. Es ist kein Erbauungsbuch, sondern eines, das eher verstört und gerade dadurch eine echte Erneuerung der christlichen Kirchen anzuregen vermag. Darum möchte ich mich in dieser Einleitung auch nicht bei einer Vorstellung der Themen und Gedanken des Buches aufhalten, sondern dem Leser gewissermaßen eine Gebrauchsanleitung für die Lektüre an die Hand geben.

Die Autoren

Über die schillernde Figur von Stanley Hauerwas, den das «Time Magazine» als Amerikas besten Theologen bezeichnet hat, und dessen Werk um die vierzig Bücher umfasst, ist so viel geschrieben worden, dass anstelle einer biografischen Würdigung hier eher der Verweis auf seine Autobiografie Hannah's Child1 angebracht ist.

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, als ich in den 1990er Jahren eine Zeit als Gastprofessor an der Duke Universität in North Carolina verbrachte, an der Hauerwas lehrte. Wir waren uns vorher persönlich nicht begegnet, aber Stanley holte mich selbst mit seinem klapprigen Dogde vom Flughafen ab.

Ich war kaum eingestiegen, da hatte er schon begonnen mich zu löchern. Was ich von Nietzsche hielte, warum die einst so großartige deutsche Theologie so belanglos geworden wäre, und andere Fragen, die mir rasch deutlich machten: Hier spricht einer, der keine Zeit zu verlieren hat, den Dingen auf den Grund zu gehen; der sich nicht lange mit Höflichkeiten aufhält, sondern sagt, was Sache ist.

Es sollte nicht lange dauern, bis ich auch herausfand, dass Stanley Hauerwas für (beinahe) jeden Spaß zu haben ist, doch hierfür und für weitere biografische Würdigungen verweise ich gerne auf den wunderbar geistreichen Artikel von W. Cavanaugh: «Stan the Man. A thoroughly biased account of a completely unobjective person».2

Für das vorliegende Buch (wie für eine Reihe anderer auch) tat Hauerwas sich mit seinem Freund und Kollegen an der Duke Universität, William Willimon, zusammen, einem methodistischen Pfarrer (später Bischof) und Professor für Praktische Theologie mit seinerseits über sechzig Buchpublikationen.

Getrieben von der Sorge um den Zustand der (protestantischen) Kirchen und der theologischen Ausbildung an den Hochschulen in den USA legten sie 1989 mit Resident Aliens ein offenbar mit heißer Nadel geschriebenes Büchlein vor, dessen ungeheure Erfolgsgeschichte nicht zuletzt die Autoren selbst überraschen sollte. (Einen Einblick darin gibt Willimon in der Einleitung zur 25-jährigen amerikanischen Jubiläumsausgabe von 2014.3)

Der Untertitel der amerikanischen Originalausgabe zeigt die kritische Stoßrichtung des Buches. Übersetzt lautet er: «Eine provokative Bestandsaufnahme von Kultur und kirchlichem Dienst für Menschen, die wissen, dass etwas nicht stimmt».

Kirchenschelte?

An kritischen Büchern über die Kirche oder zum Status quo der Kirche mangelt es freilich nicht und hat es wohl zu keiner Zeit gemangelt.

Darum: Was ist das Besondere an diesem Buch? Hauerwas und Willimon bieten häufig Einsichten, die anders sind, ungewohnte Blickwinkel und Überzeugungen, die quer liegen. Was auf den ersten Blick großartig erscheint, hat freilich einen Widerhaken: Denn «neue Einsichten» ist ja nur ein anderer Ausdruck für das Infragestellen bisheriger Denkgewohnheiten; für das durchaus schmerzhafte Aufbrechen lieb gewordener Unterscheidungsmuster; für das Durchleuchten der Paradigmen, die unser Denken bisher stabilisiert haben – bis zum Punkt des Offenbarwerdens ihrer tatsächlichen Haltlosigkeit.

Wer Lust am neuen Denken hat, wird das Buch für diese Eigenart lieben. Wer sich schwertut, Denkmuster loszulassen, steht hier vor einer echten Herausforderung. Was wiederum – jedenfalls zum Teil – erklärt, warum Hauerwas und Willimon gerne als «polarisierende» Autoren beschrieben werden, die entweder begeistern oder Ablehnung hervorrufen.

Der kritische Grundton gegenüber der Kirche in Amerika und die – für europäische Ohren – oft sehr direkte Sprache, die sich wenig um Euphemismen bemüht und sich nicht scheut, den Typ des «netten Pastors» mit dem ältesten Gewerbe der Welt zu vergleichen, mündet freilich an keiner Stelle in das, was man unter der Rubrik «Kirchenschelte» kennt.

Hauerwas und Willimon schreiben nicht aus der überlegenen Warte des Beobachters, der seine vermeintlich höheren Einsichten dem armen Mütterlein Kirche ins Stammbuch schreibt. Man kennt diese Art von Kirchenschelte ja sowohl aus dem liberalen wie aus dem konservativen Lager.

Auf der einen Seite tun sich etwa Redakteure großer Tageszeitungen hervor, zu deren Kulturressorts auch «Religion» gehört: Ohne von allzu großer Ahnung beschwert zu sein, was in den Kirchen vor sich geht – weil man lange keine mehr von innen gesehen hat –, wird darüber geurteilt, wie «rückständig» und «verkrustet» die Kirche (bevorzugt die katholische) sich wieder zu diesem oder jenem berichtenswerten Anlass gezeigt hat; oder wie erfreulich «lernfähig» oder «modernisierungsfähig» sich die Kirche (meist die evangelische) in selteneren Fällen schon auch einmal zeigen kann.

Dass diese Art von Kirchenkritik eigentlich bedeutungslos ist, sofern sie sich durch Ahnungslosigkeit selbst disqualifiziert, heißt freilich nicht, dass sie ohne Wirkung auf einen großen Kreis von Lesern wäre. Denn eine immer größere Zahl von Menschen im ehemals christlichen Abendland ist aufgrund mangelnder eigener Erfahrungen mit der Kirche von solchen medialen Vermittlungen abhängig.

Ist die durchschnittliche journalistische Kirchenschelte von ignoranter Indifferenz oder unaufgeklärtem persönlichem Emanzipationsdrang (Typ: ehemaliger Klosterschüler oder Ex-Pietist) gegenüber dem Religiösen gekennzeichnet, so ist der andere verbreitete Typ von Kirchenschelte explizit religiös motiviert. Hier geht es meist um Varianten ein- und desselben Mythos vom Verfall der «Großkirchen» aus der Perspektive derer, die den «reinen», «unverfälschten» Glauben in eng geschlossenen Reihen zu bewahren suchen.

Es ist offenkundig, dass die Kritik an der Kirche, wie Hauerwas und Willimon sie in diesem Buch vorlegen, nichts mit dem ersten Typus gemein hat. Zu deutlich ist ihre Distanzlosigkeit zur Kirche in emotionaler und vor allem theologischer Hinsicht. Hier sprechen nicht distanzierte Beobachter, sondern hier spricht leidenschaftliche Kritik aus der Mitte der Kirche.

Sektiererisch?

Gerade aufgrund der Leidenschaft, mit der ihre Kritik vorgetragen wird, ist sie leichter verwechselbar mit dem zweiten Typ. Nicht von ungefähr haben die hier vorgelegten radikalen Analysen (wie das Werk von Hauerwas insgesamt) den stereotypen Vorwurf auf sich gezogen, «sektiererisch» bzw. «tribalistisch»4 zu argumentieren.

Die Autoren nehmen zu diesem Vorwurf Stellung, indem sie ihn umwenden: Tribalistisch ist nicht eine Kirche, die radikal (also von der Wurzel her) aus dem Evangelium lebt und alle Völker umspannt; tribalistisch sind vielmehr die nationalstaatlich organisierten modernen Gesellschaften, die eine Politik der Durchsetzung ihrer Eigeninteressen betreiben und ihren Bürgern diese Strategie der Selbsterhaltung als persönliches Lebenskonzept aufdrängen.

Was Christen sind Fremdbürger freilich am deutlichsten von einer sektiererischen Perspektive unterscheidet, ist, dass sich seine Verfasser selbst nicht von der Kritik ausnehmen, die sie üben. Die Versuchungen der Kirche heute sind die Versuchungen, die die Autoren als Glieder dieser Kirche – Pfarrer der eine (Willimon), engagierter «Laien-Christ» der andere (Hauerwas) – von innen her kennen.

Ihr Interesse gilt nicht der Schaffung eines «reinen Kerns», einer kleinen, schlagkräftigen Truppe, wie dies dem (von Ernst Troeltsch beschriebenen) Typus der «Sekte» entsprechen würde. Vielmehr gelten all die «radikalen» Aussagen, welche die Autoren dem Evangelium entnehmen, der Kirche als Ganzem, ungeachtet dessen, wie groß sie jeweils ist oder wie gesellschaftlich einflussreich sie sich in den verschiedenen Epochen ihrer geschichtlichen Existenz jeweils vorfindet.

Dass sich Hauerwas und Willimon nicht von der Kritik ausnehmen, die sie an den (protestantischen) Kirchen in den USA vornehmen, kommt nicht zuletzt in einem für europäische Leser irritierend häufigen Gebrauch der ersten Person zum Ausdruck. Gerade Leser christlicher Literatur dürften an dieses Autoren-«Ich» gewöhnt sein, in dem ein Verfasser Einblick in sein Leben und seine Gedankenwelt gibt. Dieses Stilmittel ist auch in nicht-biografischen Werken durchaus legitim, wenn es darum geht, dass Autoren sich nicht hinter Allgemeinplätzen verstecken, sondern die persönlichen Absichten hinter ihren Argumenten offenlegen wollen.

Unnötig hinzuzufügen, dass hier leicht zu viel des Guten getan wird und eine schiefe Ebene entsteht, wenn persönliche Betroffenheit als Ersatz für überzeugende Argumente herhalten muss.

Das überführende «Wir»

Dieses auktoriale5 «Ich» findet sich im vorliegenden Buch in einer Reihe von Anekdoten aus dem Leben der Verfasser, wenn etwa (was hier verraten werden darf) Willimon von einer einschneidenden Erfahrung als Jugendlicher in seiner Heimatgemeinde in Greenville erzählt, freilich mit dem Anspruch, dass sich in dieser Episode brennpunktartig eine Epochenwende vom christlichen Abendland zur postchristlichen Gesellschaft abbildet.

Neben dem auktorialen Gebrauch der ersten Person gibt es in diesem Buch aber noch einen anderen gehäuften Gebrauch des «Wir», der den Leser zu irritieren vermag. Der sicher zutreffende Hinweis auf die kulturelle Besonderheit, wonach amerikanischen Autoren die erste Person Plural leichter von den Lippen geht, sollte uns nicht den Blick auf den theologischen Widerhaken verstellen, der in diesem «Wir» steckt.

Die häufige Verwendung irritiert, da nicht immer unmittelbar klar ist, welches «Wir» jeweils spricht: «wir Amerikaner», «wir Christen», «wir modernen Menschen»? Auch wenn die Beachtung des Zusammenhangs meist erschließen lässt, um welches «Wir» es jeweils geht, bleibt dennoch leicht eine andere Irritation zurück, die auf den Kern des dahinter liegenden theologischen Problems verweist. Denn die erste Person Plural nimmt ja nicht nur die Autoren in die vorgenommene Charakterisierung mit hinein, sondern ungefragt auch ihre Leser. Dieses «implizierende Wir», wie wir es nennen könnten, macht die Lektüre immer wieder unbequem. Ist es nicht anmaßend oder mindestens unfair, den Leser in diese erste Person Plural hineinzuziehen: «Wir Kapitalisten»? «Wir Konsumbürger»? «Wir Liberale»? «Wir Konservative»?

Theologisch betrachtet erinnert dieser Gebrauch des «Wir» an das, was man in der christlichen Dogmatik den usus elenchticus legis, den «überführenden» Gebrauch des göttlichen Gesetzes nennt: den Spiegel, den uns die Gebote vorhalten als Herausforderung, auch diejenigen Aspekte des eigenen Selbst zu erkennen, die wir gerne verdrängen oder abstreiten. In einem ähnlichen Sinn dürfte auch das «implizierende Wir» funktionieren, dessen sich Hauerwas und Willimon gerne bedienen: Es führt den Leser zu einer krisis, stellt ihn in die Entscheidung, sich entweder in diesem «Wir» zu erkennen oder sich gegen eine solche «Vereinnahmung» zu wehren.

Wir Kapitalisten? «Ich bin doch keiner von denen, die ihren Lebenssinn über Konsum und Statussymbole definieren. Zwar bin ich, wie alle, die in westlichen Gesellschaften leben, natürlich gewissen Zwängen ausgesetzt, aber das macht mich noch lange nicht zum Kapitalisten. Schließlich leiste ich mir neben dem, was ich so konsumiere, den einen oder anderen kritischen Gedanken zum Kapitalismus, den ich mit meinen Freuden bei einem guten Glas Pérignon schon mal diskutiere.»

Im besten Fall (aus Sicht der Autoren) führt die Zumutung jener Komplizenschaft des «Wir» ihre Leser zum Innehalten und zur Neubetrachtung «Wir Liberale?» – «Wir Konservative?» Ungeachtet der herkömmlichen Einordnung, die jeder Einzelne hier für sich vornehmen würde, zeigen Hauerwas und Willimon, dass es einen Kernbestand an Meinungen gibt, die konservative und liberale Christen gemeinsam haben – etwa die individualistische Auffassung von Kirche – und die deshalb von theologischer Bedeutung sind, weil sie dem Evangelium zuwiderlaufen.

Sowohl konservative als auch liberale Christen neigen zu der Auffassung, dass der Glaube etwas im Kern Privates sei, und die Gemeinschaft der Gläubigen lediglich ein mehr oder weniger angenehmer Begleitumstand dieses Glaubens. Jene gewissermaßen mit der Muttermilch moderner Gesellschaften aufgesogene Annahme von der Privatheit des Glaubens macht «uns» in gewissem Sinn alle zu «Liberalen» – und darin zugleich auch zu «Konservativen». Denn der Individualismus, den der Liberalismus predigt, ist eine Lebenshaltung, die letztlich um die Erhaltung (lat. conservatio) des Selbst kreist.

Da Hauerwas und Willimon sich nicht scheuen, den Gebrauch dieses «implizierenden Wir» auf weitere, zum Teil höchst unbequeme Charakterisierungen auszuweiten («wir Rassisten», «wir Imperialisten», «wir angepassten Christen», «wir moralisierenden Christen» und so fort), wäre das Buch eine eher deprimierende Lektüre, gäbe es nicht noch ein anderes, entscheidendes «Wir», das die Autoren in kräftigen Gebrauch nehmen.

Dieses andere «Wir» würde ich mit dem Stichwort «evangelisches Wir» (von «Evangelium»: gute Botschaft) charakterisieren. Auch der selbstkritischste Mensch hat eine begrenzte Bereitschaft, sich den Spiegel vorhalten zu lassen. So wichtig das «Aufdecken» und «Überführen» ist, es bleibt letztlich «Gesetz», das (theologisch gesprochen) «tötet», wenn es nicht umgriffen ist vom lebendig machenden Evangelium.

Wie nicht zuletzt der in der Postmoderne zur Herrschaft gelangte philosophische Trend zur genealogischen Betrachtung6 (die Methode Nietzsches, die versucht, alles auf den einen bestimmenden «Willen zur Macht» zurückzuführen) oder der parallele Trend in den Medien zum «Enthüllungsjournalismus» zeigen: Die Inflation der Enthüllung wird schließlich zu einer neuen Art der Verhüllung. Durch die andauernde Bedienung der Schockreflexe wird deren Schwelle letztlich immer weiter gesenkt.

Das evangelische «Wir»

Im vorliegenden Buch steht die überführende Funktion des implizierenden «Wir» ganz eindeutig im Dienst des evangelischen «Wir»: der ersten Person Plural im Sinn der «Kirche» – der Menschen, die zum Abenteuer der Nachfolge gerufen sind und sich davon rufen lassen.

Die Spannung, von der das Buch lebt und auf die es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln hinzuweisen versucht, ist nun freilich, dass dieses «evangelische Wir» nicht im Sinne einer (postmodern verstandenen) Rollenvielfalt einfach zu den anderen «Wir» hinzuaddiert werden kann.

Gegen die Grundannahme liberaler Theologie, dass die Bestimmung «christlich» als Näherbestimmung von substanziellen Identitäten wie «Demokrat», «Amerikaner» (oder «Europäer», «Deutscher» etc.) fungieren kann, weisen Hauerwas und Willimon auf die empfindlichste Sollbruchstelle einer jeder solchen Kultursynthese hin: das Evangelium des Bergpredigers. Das «Wir» der Kirche steht in einem bleibend kritischen Verhältnis zu allen anderen bestehenden und zukünftigen «Wir»-Bestimmungen.

Wer dem Bergprediger nachfolgen will, sollte sich darum nicht wundern, wenn diese Spannung auch im eigenen Leben zum Ausdruck kommt. Die Visionen von einer möglichen Kultursynthese, der Verschmelzung des Christlichen mit dem Gesellschaftlichen, werden somit als das offengelegt, was sie vor dem Evangelium sind: eine Krücke, die Christen gar nicht brauchen; eine Gehhilfe, die sie vom Aufbruch in Gottes Zukunft abhält, indem sie ihnen eine Mobilität suggeriert, in der sie sich doch nur im engen Kreis gesellschaftlicher Akzeptanz bewegen.

Christen sind Fremdbürger ist ein Buch, das darum zunächst einem emanzipatorischen Anliegen verpflichtet ist: dem Wegschlagen der Krücken, um Christen heute zu helfen, wirklich zu gehen, anstatt sich im Kreise zu drehen.

So lässt sich das Buch (was die Gliederung in der deutschen Ausgabe widerspiegelt) in drei große Abschnitte gliedern: Abschied – Abenteuer – Ausrüstung.

Abschied vom Zeitalter des Christentums

Der «Abschied», das Wegschlagen der Krücken, der als notwendig diagnostizierte Abschied vom «Konstantinismus»7 steht im Dienste des «Aufbruchs» in das Abenteuer der Nachfolge: der Neuentdeckung dessen, was Nachfolge Christi immer schon war und heute wieder neu werden kann.

Dabei machen die Autoren deutlich, dass das Wegschlagen der Krücken vielgestaltig und bereits länger im Gange ist: durch die fast völlige staatliche Übernahme der meisten «kulturellen Aufgaben» des Christentums einerseits und durch die Übernahme der Definitionshoheit dessen, was das Leben lebenswert macht, durch die Konsumgüterindustrie und ihre Marketingstrategen andererseits.

So geht es bei dem besagten Abschied von der Ära des Christentums also eher um die Anerkennung einer Realität als um die Herstellung derselben. Freilich betonen die Autoren (einen Gedanken Bonhoeffers aufnehmend), dass die Wirklichkeit, die hier vor allem Anerkennung verdient, eine ist, wie sie durch Jesus Christus als Ursprung und Ziel der Geschichte bestimmt ist.

Bevor der Säkularismus und der Individualismus der Moderne das ihre dazutun konnten, dem angepassten Kulturchristentum die Krücken aus der Hand zu schlagen, hat Christus diese Krücken schon längst überflüssig gemacht. In der Bergpredigt ist das Urteil schon gesprochen sowohl über eine Zivilisation, die sich um ihre Selbsterhaltung dreht, als auch über eine Kirche, die sich um ihre Selbsterhaltung dreht. Die nüchterne Anerkennung, dass wir in einem nach-christlichen Zeitalter leben, macht es nur einfacher, auf diese alten Wahrheiten des christlichen Glaubens neu aufmerksam zu werden.

Man könnte hier sicherlich anfragen: Kann der Lauf, den die Welt nimmt, es jemals leichter oder schwerer machen, Christ zu sein? Ist eine säkulare «Wegbereitung» für echte Nachfolge in diesem Sinn möglich? Klar dürfte in jedem Fall sein: Jede Generation hat die Aufgabe, ihren Platz im Lauf der Welt zu begreifen und die damit jeweils gegebenen spezifischen Versuchungen und Chancen zu erkennen.

Darum lässt sich die Kernthese des Buches auch so lesen: dass es heute nicht generell leichter oder schwerer ist, Christ zu sein, dass aber die spezifische Tendenz zur Absicherung, die in der westlichen Welt des Besitzbürgertums regiert, es zumindest leichter macht, den Abenteuercharakter der christlichen Pilgerreise neu zu begreifen; dass die moderne Massengesellschaft, in der alles grau in grau verschwimmt, es zumindest leichter macht, das Moment des «Herausstehens» und Herausgerufenseins und mithin des Besonderen der christlichen Existenz neu zu begreifen.

Aufbruch zur Abenteuerreise «Nachfolge»

Unsere Zwillinge waren seit einigen Wochen im Kindergarten. Eines Abends erhielten wir Anrufe von aufgebrachten Eltern anderer Kinder aus der «Schmetterlingsgruppe», in die unsere Vierjährigen gingen. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Erheiterung hörten wir, was geschehen war.

Einige Kinder aus verschiedenen Familien hatten sich bei Einbruch der Dunkelheit heimlich vor die Türe geschlichen, mit Taschen und Rucksäcken ausgerüstet, die sie aus den Speisekammern entwendet hatten. Von ihren Eltern entdeckt und zur Rede gestellt, brachten ihre Geständnisse Folgendes zum Vorschein:

Unsere Zwillinge hätten sie zu einer «Abenteuerreise» angestiftet, die seit Tagen heimlich besprochen und geplant worden war und nun an diesem Abend an einem vereinbarten Treffpunkt unweit des Kindergartens angetreten werden sollte. Zu unserer Überraschung, die allerdings den Unmut der anderen Eltern kaum zu dämpfen in der Lage war, stellte sich heraus, dass unsere beiden Rädelsführer ihrerseits überhaupt keine Anstalten gemacht hatten, sich zu dem Treffpunkt zu begeben. Für sie war alles nur eine Fantasie gewesen: der lebhaften Imagination einer erzählungsaffinen Kindheit entsprungen. Einigen der anderen Kinder war es damit freilich ernst gewesen. Sie hatten sich wirklich auf die verabredete «Abenteuerreise» begeben, auch wenn sie auf dieser nicht weit kommen sollten.

Nun möchte ich keineswegs das reale Abenteuer des christlichen Glaubens mit der Fantasiereise unserer Vierjährigen vergleichen. Was ich mit dieser Anekdote lediglich sagen will, ist, dass es für eine Abenteuerreise nicht ausreicht, über sie zu sprechen, über mögliche Ziele, Stationen, und was man alles Spannendes unterwegs erleben kann. Um sich wirklich aufzumachen, braucht es nicht allein Imagination und den Willen zum Abenteuer, sondern die konkreten Schritte des Aufbruchs.

Der Aufbruch ins Abenteuer der Nachfolge Jesu setzt heute, wie Hauerwas und Willimon betonen, den Abschied vom Zeitalter des «Christentums» sowohl intellektuell (als Anerkennung einer äußeren Realität) wie emotional (als Anerkennung einer inneren Realität) voraus, doch ist dieses Loslassen nicht möglich, ohne zugleich die Hand dessen zu erfassen, der uns auf dem Weg durch ungewisses, unsicheres Terrain an der Hand nimmt und leitet.

Ausrüstung zum Durchhalten

Was bereits unsere Jüngsten im Kindergartenalter wussten (was manchen Christen heute aber nicht in vollem Umfang bewusst zu sein scheint): Für eine ordentliche Abenteuerreise braucht es eine passende Ausrüstung, mit der man unterwegs bestehen kann.

Für die «Wanderkolonie» namens Kirche besteht diese Ausrüstung Hauerwas und Willimon zufolge insbesondere in einer Reihe von notwendigen Charaktereigenschaften wie dem Mut, die Wahrheit zu sagen und sich sagen zu lassen, sowie Ausdauer und Orientierungssinn.

Diese Charaktereigenschaften nähren sich von Wort und Sakrament im Miteinander von Ermutigung und gegenseitiger Korrektur in der christlichen Gemeinschaft. Sie bewähren und verfeinern sich aber nur unter den «Live-Bedingungen» der Reise, wenn sie lernen, Wind und Wetter, Anfechtung von innen und Anfeindung von außen zu trotzen.

Im dritten Teil des Buches packen die Autoren durch Analysen von Fallbeispielen einen theologisch spannenden «Rucksack» von Einsichten und Grundsätzen, die Pfarrern und Gemeinden heute helfen können, auf dieser Reise mit Freude und als Freunde unterwegs zu sein, anstatt in die vielfältigen Fallen zu tappen, die auf dem Weg lauern.

«Resident Aliens» hierzulande

Dieses eindrückliche Buch, das vor einem Vierteljahrhundert erstmals erschienen ist, hat die christlich-theologische Landschaft in den USA verändert wie kaum ein anderes theologisches Werk in diesem Zeitraum. Die Zahlen (offenbar der größte Theologie-Bestseller seit den 1960er Jahren mit an die 100.000 verkauften Exemplaren) vermögen dabei allenfalls etwas über die Verbreitung des Buches zu sagen.

Das Geheimnis seiner Wirkung dürfte aber in der Unbeirrbarkeit liegen, mit der es seine Grundthese vermittelt: dass das, was in christlichen und kirchlichen Kreisen gemeinhin als Grund zur Klage und Niedergeschlagenheit wahrgenommen wird – die zunehmende Entchristlichung moderner Gesellschaften und der schleichende Verlust der kulturbestimmenden Bedeutung der Kirche –, zum Anlass einer neuen Begeisterung für das Evangelium werden kann. Wenn nämlich das christliche Leben wieder zu dem zurückkehrt, was es von Anbeginn war, nämlich etwas Besonderes, Aufregendes. Kurz: ein Abenteuer.

Nur die Hoffnungskraft dieser These konnte eine so große Zahl von Lesern motivieren, sich den gehörigen geistigen und geistlichen Herausforderungen zu stellen, die Christen sind Fremdbürger auf beinahe jeder Seite bietet.

Zwar wäre es übertrieben zu sagen, dass sich seit dem Erscheinen des Buches die Szene der protestantischen Kirchen in den USA grundlegend verändert hätte. Was sich jedoch ohne Übertreibung sagen lässt, ist, dass die zuweilen als «postliberal» beschriebene Perspektive, die Hauerwas und Willimon hier als eine Alternative zu den herkömmlichen Einteilungsmustern (wie «liberal-konservativ» ) anbieten, sich als eine Stimme im theologischen Gespräch etabliert hat, die nicht mehr ignoriert werden kann und deren Erneuerungsimpulse sich mittlerweile weit in die Gemeinden und theologischen Ausbildungsstätten hineingezogen haben.

Wenn das Buch nun mit 25-jähriger «Verspätung» auch in deutscher Sprache zugänglich gemacht wird, so liegt in der zeitlichen Nähe zum großen Jubiläum der Reformation (500 Jahre Thesenanschlag Luthers ) möglicherweise eine glückliche Fügung. Auch wenn – oder gerade weil – zu befürchten steht, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland der Versuchung nicht widerstehen können, dieses Jubiläum zum Anlass zu nehmen, sich selbst und ihre gesellschaftliche Bedeutung zu feiern, tritt mit dem Jubiläum doch auch der Ursprungsimpuls der Reformation nach einer Erneuerung der Kirche aus dem Hören auf das Evangelium auf den Plan.

Es steht zu hoffen, dass Christen sind Fremdbürger auch im Kontext des deutschsprachigen Christentums auf eigene Weise zu jener heilsamen Verunsicherung und hoffnungsvollen Neuorientierung auf das Abenteuer Nachfolge beitragen kann, die es im englischsprachigen Raum angestoßen hat.

Wer (wie ich anfangs selbst) mit der Meinung an das Buch herangehen sollte, dass sich die Diagnosen und Analysen aus dem amerikanischen Kontext wohl nur schwer auf die kulturelle und kirchliche Situation in den deutschsprachigen Ländern Europas übertragen lassen würden, den dürfte die Lektüre vor Überraschungen stellen. Gerade für die Lage der evangelischen Kirchen hierzulande erscheinen viele der von Hauerwas und Willimon angestellten Analysen von geradezu bestürzender Aktualität.

Bernd Wannenwetsch

Teil I:

Kapitel 1

Die moderne Welt: Lernen, die richtigen Fragen zu stellen

Irgendwann zwischen 1960 und 1980 ist es geschehen, dass eine alte Welt zu Ende ging und eine neue begann. Die eine, alte Welt hat sich erschöpft, und eine aufregend neue Welt wartet darauf, begriffen zu werden. Dieses Buch handelt davon, was es in dieser neuen Welt bedeutet, Christ zu sein. Was es heißt, Geistlicher zu sein, der sich um Christen kümmert, die in dieser veränderten Welt leben.

Eine veränderte Welt

Wann und wie ist dieser Wandel geschehen? Auch auf die Gefahr hin, trivial zu klingen: Einer von uns wäre versucht, die Veränderung an einem bestimmten Sonntagabend festzumachen, der sich im Jahr 1963 in seiner Heimatstadt ereignet hat. Damals, als in Greenville, South Carolina, das Kino mit dem Namen «Fox Theatre» die staatlichen Feiertagsgebote ignorierte und seine Pforten erstmals an einem Sonntag öffnete. An diesem Abend machte ich mit sechs Freunden, allesamt regelmäßige Besucher des sonntagabendlichen Jugendgottesdienstes unserer örtlichen methodistischen Kirche, einen Pakt: rein durch die Haupttüre der Kirche, gesehen werden, und dann auf leisen Sohlen raus durch die Hintertür und weiter zu John Wayne im Fox.

Jener Abend wurde zum Wendepunkt in der Geschichte des Christentums nach South-Carolina-Art. An diesem Abend reichte Greenville – bis dahin letzter Hort des Widerstands gegen die fortschreitende Säkularisierung der westlichen Welt – die Kündigung ein. Ab sofort: keine Freikarten mehr für die Kirche. Das Kino hatte der Kirche den Fehdehandschuh hingeworfen im Wettstreit darüber, wer die Weltanschauung der Jugend fortan bestimmen dürfe, und hatte gewonnen.

Zum Vergleich: Noch der Generation unserer Eltern wäre es nie in den Sinn gekommen, sich darüber Sorgen zu machen, ob ihre Kinder als Christen aufwachsen würden. Die Kirche war die einzige Show in der Stadt. Und sonntags war die Stadt geschlossen. Man konnte sich nicht einmal einen Liter Benzin besorgen. Sonntag früh um Viertel vor zehn gab es Staus auf den Straßen. Alle waren auf dem Weg zum Gottesdienst.

Was die Menschen sahen, war eine Welt, die ihnen gut und richtig erschien – auch wenn dabei einiges übersehen wurde, was tatsächlich nicht in Ordnung war; man denke nur etwa an die Rassentrennung, die in dieser Welt herrschte. Und doch: Für Eltern, die ihre Kinder zur Kirche brachten, galt dieser Akt als eine Bestätigung all dessen, was ihnen gut, gesund, vernünftig und amerikanisch erschien. Kirche, Familie und Staat formten einen nationalen Verbund, der dafür Sorge trug, «christliche Werte» in der Gesellschaft zu verankern.

Menschen wie Will Willimon oder Stanley Hauerwas wuchsen als Christen auf, ganz einfach, weil sie das Glück hatten, in Orten wie Greenville, South Carolina, oder Pleasant Grove, Texas, das Licht der Welt erblickt zu haben.

Es ist erst einige Jahre her, dass wir beide aufwachten. Wir begannen zu realisieren, dass ungeachtet dessen, ob die harmonischen Annahmen unserer Eltern über die Welt und den christlichen Glauben damals zu Recht bestanden, heute jedenfalls keiner mehr daran glaubt. Oder jedenfalls so gut wie keiner.

Ob wir nun Pfingstler sind oder Evangelikale, Katholiken, Lutheraner oder Methodisten – wir treffen heute jedenfalls kaum einmal ein Elternpaar, einen Studenten oder Automechaniker, welche glauben, dass man Christ wird durch Osmose: allein dadurch, dass man in einem christentumsfreundlichen Amerika – oder eben in der freien westlichen Welt – Luft einatmet oder Wasser trinkt. Zwar gibt es sicherlich noch solche Leute, die es für möglich halten, eine «christliche» (oder zumindest eine etwas gerechtere) Kultur zu schaffen, indem man ein paar «christliche» Senatoren wählt und entsprechende Gesetze verabschiedet. Doch merken heute mehr und mehr Menschen, dass diese Hoffnung längst überholt ist, ganz gleich, wie herzerwärmend sie diese finden mögen.

Christen verschiedener Couleur wachen nun auf und realisieren, dass dies nicht länger «unsere» Welt ist – wenn sie es denn jemals wirklich gewesen sein sollte.

Wir wollen keinesfalls so verstanden werden, als wollten wir behaupten, dass vor 1963 alles besser gewesen wäre für gläubige Christen. Was wir sagen, ist lediglich, dass bevor das Fox Theatre seine Pforten auch am Sonntag öffnete, Christen sich in der Vorstellung einrichten konnten, an den Hebeln der Macht über eine im Wesentlichen christliche Gesellschaft zu sitzen.

Wir glauben tatsächlich, dass die Welt einen Wandel erfahren hat, nur dass dieser Wandel nicht mit der geänderten Öffnungszeit der Kinos begann. Die Welt wurde grundlegend verändert in Jesus Christus, und wir Christen haben seitdem (meist allerdings reichlich schleppend) versucht, mit diesem Wandel Schritt zu halten.