Christkindlmord - Karina Baumann - E-Book

Christkindlmord E-Book

Karina Baumann

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Beschreibung

Während des Steyrer Adventmarkts findet die Glühweinstandbesitzerin Mitzi Eisenhuber die Leiche einer Laienschauspielerin, die als Christkindl auftrat - erstochen mit einer Christbaumspitze. Vor allem der Umstand, dass die junge Frau ihre Rolle auf der Besetzungscouch bekommen hat, sorgt für eine lange Liste an Verdächtigen. Als eine zweite Leiche gefunden wird, ist schnell klar, dass die beiden Morde zusammenhängen müssen. Chefinspektor Wilhelm Kleinlich und Mitzi Eisenhuber begeben sich auf Mörderjagd …

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Karina Baumann

Christkindlmord

Kriminalroman

Zum Buch

Spannung, Lebensweisheiten und Humor Vorweihnachtszeit in Steyr, einer beschaulichen Kleinstadt im oberösterreichischen Alpenvorland. Die Glühweinstandbesitzerin Maria „Mitzi“ Eisenhuber findet in ihrem Adventstandl die Leiche des Steyrer Christkindls. Für Chefinspektor Wilhelm Kleinlich ist Mitzi damit eine der Hauptverdächtigen. Dass die resche Standlfrau auch beim Auffinden einer zweiten Leiche dabei ist, macht das Verhältnis zwischen den beiden nicht einfacher. Bei dem zweiten Toten handelt es sich um Pawel Pastornek, Inhaber eines örtlichen Vergnügungslokals. Er war ein guter Freund von Mitzi und Kunde ihres Cateringservices. Das nimmt Mitzi persönlich. Gemeinsam mit Inspektor Kleinlich und dessen Assistenten Neuer begibt sie sich auf Mörderjagd. Doch während das Dreiergespann auf dem besten Weg zu sein scheint, den Täter zu überführen, gibt es einen weiteren Todesfall. Ein dritter Mord?

Karina Baumann ist Steyrerin aus ganzem Herzen. Aufgewachsen in der Nachbargemeinde Garsten, zog es sie schon bald in die Stadt, aus der sie nicht mehr weg möchte. Hier arbeitet sie als Bürokauffrau und widmet den größten Teil ihrer Freizeit dem Schreiben – unter anderem ist sie ein Gründungsmitglied der Steyrer Schreibgruppe „textQuartett“. „Christkindlmord“ ist ihr Debütroman.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © KatyaKatya / AdobeStock

ISBN 978-3-8392-7360-9

Widmung

Dieses Buch widme ich allen lieben Menschen, die an die Erfüllung meines Traums geglaubt haben …

… und mir selbst.

1.

Zum x-ten Mal röhrte Georg Michael sein Last Christmas durch den Lautsprecher. Die weihnachtliche Stimmung am Christkindlmarkt auf der Promenade hielt sich trotzdem in Grenzen. Und auch die bauschig weißen Schneeflocken, die langsam vom Himmel segelten, konnten daran nichts ändern.

»Welcher Depp hat sie des nur ausdenkt, dass wir den Adventmarkt jetzt da herobn machn?«, schimpfte die Eisenhuber Mitzi. »Daschlogn müsst man des Krüppl!«

Seit über 20 Jahren stand sie in der Vorweihnachtszeit mit ihrem Glühweinstandl auf dem Steyrer Ad­vent­markt, aber seit dem letzten Jahr war der Markt vom Stadtplatz auf die Promenade übersiedelt. Und diese Übersiedlung hatte ihm nicht gutgetan. Vom altertümlichen Stadtplatzflair war hier, in der schnurgeraden Parkpromenade, nichts zu spüren. Der kalte Wind pfiff schonungslos durch die Bäume und verhinderte so, dass die Besucher gemütlich mit einem Häferl Glühwein an Mitzis Stand stehen blieben und sich vielleicht sogar noch ein zweites gönnten. Auch die anderen Standler jammerten über das schleppende Geschäft. Einige hatten heute gar nicht aufgemacht, andere schon frühzeitig wieder zugesperrt. Nur vereinzelt waren noch ein paar Hütten geöffnet, und nur wenige Besucher schlichen dick eingemummt und mit gesenkten Köpfen über den Markt.

»Mei, Mitzi«, schrie der Poschinger Lois vom Kekserlstand gegenüber, »schimpfen hilft dir auch nix! Musst halt dein panschtn Glühwein selber trinkn!« Er lachte meckernd über seinen blöden Witz und stopfte sich eine Handvoll Vanillekipferl in den Mund. Da er auf Grund der fehlenden Besucher selbst sein bester Kunde und auch sonst den leiblichen Genüssen nicht abgeneigt war, wackelte sein aufgebockter Holzhüttenanhänger unter seinem Gewicht wie das Tagada am Urfahraner Markt.

»Ah, geh! Sei doch du stad!«, schrie die Mitzi zurück. »Weiß doch eh jeder, dass dei Alte die Kekserl mit billiger Magarin’ macht statt mit echtem Butter! Aber mir wird des jetzt z’ blöd!« Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Noch nicht einmal 17 Uhr und trotzdem schon stockfinster. »I pack zamm für heut.« Mit einem lauten Knall ließ sie das Vordach ihres Standlwagens herabfallen. Immer noch vor sich hin schimpfend schaltete sie alle Thermobehälter aus und drückte schließlich noch den Hauptschalter runter. Dann stieg sie aus dem Wagen und versperrte ihn. Sie schüttelte ihre Beine, die vom langen Stehen ganz steif waren, und ging zu ihrem Auto.

Da Mitzi an diesem Freitagmorgen ziemlich spät dran gewesen war, stand sie am äußersten Ende des eigens für die Standler reservierten Parkplatzes. Mit dem Ärmel ihrer dicken Winterjacke wischte sie den Schnee notdürftig von der Windschutzscheibe. Das muss reichen für die paar Meter, dachte Mitzi und machte sich nicht die Mühe, auch die Heckscheibe vom Schnee zu befreien. Dann stieg sie schnell in das eiskalte Auto und startete den Motor. Das heißt, sie wollte ihn starten. Doch der alte Jeep hatte seine besten Jahre schon lange hinter sich, und die Batterie war schon im letzten Winter immer wieder ausgefallen. Außer einem kurzen Klack-Klack gab der Wagen keine Geräusche von sich.

»Drecksklumpert g’schissenes!«, schimpfte Mitzi und stieg wieder in den kalten Winterabend hinaus. Sie griff in die Jackentasche, um ihr Handy rauszuholen und ihren Mann anzurufen, damit er sie abholen kam. Doch die Tasche war leer.

»Des a noch!«, sagte sie laut zu sich selbst. Wahrscheinlich hatte sie das Handy im Standlwagen vergessen. Wütend stapfte sie zurück zum Adventmarkt. Wütend auf sich selbst, dass sie so blöd gewesen war, ihr Handy zu vergessen. Nein, eigentlich war der Poschinger Lois schuld daran. Wenn der sie nicht so deppert ausgelacht hätte, hätte die Mitzi nicht so eilig das Standl verlassen und ihr Handy nicht vergessen. Wahrscheinlich lag es noch auf dem Regal bei dem Brief. Der Brief! Jetzt erinnerte sich die Mitzi wieder. Als sie heute Morgen am Adventmarkt ankam, fand sie ihn vor der Eingangstür vom Standlwagen. Die Mitzi hatte angenommen, dass es irgendeine Mitteilung von der Marktverwaltung war, und ihn einfach ins Regal gelegt. Danach war sie beschäftigt mit dem Aufheizen der Thermobehälter und dem Herrichten des Standls. Dabei hatte sie den Brief total vergessen.

Inzwischen war die Mitzi wieder am Markt angekommen. Auch die letzten Standler hatten ihre Buden schon geschlossen. Die Weihnachtsbeleuchtung war aus, und George Michael im wohlverdienten Feierabend. Für heute jedenfalls. Morgen war ein neues Last Christmas. Die Hütte vom Poschinger war genauso zu wie die Nachbarbuden der Mitzi. Nur am anderen Ende des Parks hörte sie noch Gelächter. Sicher der Kirchmayr, dachte sie. Der würde sogar mit einem einzigen Gast bis Mitternacht stehen bleiben, nur damit er nicht zu seiner spinnerten Alten heim musste. Erst letztes Wochenende war er wieder mit einem blauen Auge am Markt erschienen und hatte behauptet, er wäre gegen die offene Tür vom Küchenkastl gelaufen. Dabei wusste jeder in der überschaubaren Kleinstadt, dass seine Frau gerne ihre Wut beim Boxen abließ und am liebsten den Kirchmayr als Sandsack dafür benutzte. Die Mitzi musste grinsen. Ja, ja, in diesem ach so beschaulichen Provinzstädtchen blieb wenig bis nichts verborgen.

Sie steckte den Schlüssel in das Schloss vom Standlwagen, da ging die Tür schon auf.

Aber ich hab doch sicher abgesperrt, dachte Mitzi und blickte vorsichtig durch die halb offene Tür in den Wagen hinein. Es war zu dunkel, um etwas zu sehen. Hören konnte sie auch nichts. Langsam öffnete Mitzi die Eingangstür zur Gänze und tastete vorsichtig nach dem Hauptschalter gleich neben dem Eingang. Sie drückte ihn nach oben, und die Notbeleuchtung im Wagen ging an.

Auf den ersten Blick konnte sie nichts Ungewöhnliches erkennen. Sie stieg in den Wagen und wollte nach ihrem Handy und dem Brief greifen. Plötzlich stieß sie mit dem Fuß gegen etwas Weiches, das am Boden lag. Erschrocken schaltete sie nun auch das große Deckenlicht an und erschrak gleich noch mehr. Vor ihr lag das Christkindl! Natürlich nicht das echte Christkindl. Daran glaubte die Mitzi schon seit ihrem sechsten Lebensjahr nicht mehr, als sie die als Christkind verkleidete Nachbarstochter schmusend hinter dem Christbaum entdeckt hatte. Mit ihrem Papa. Auf ihre kindlich unschuldige Frage, warum der Papa das Gesicht vom Christkind abschleckt, hatte sie nur eine kräftige Watschn von ihm zur Antwort bekommen, und die Mama hatte zum Heulen angefangen. Die Mitzi wusste gar nicht, warum, weil schließlich hatten ihr die Ohren gewackelt von der Watschn. Leider war das Ganze vor der Bescherung passiert, sodass sie außer der schlagkräftigen Ohrfeige nichts bekommen hatte. Keine Geschenke, keinen weihnachtsüblichen Ganslbraten und keinen Besuch bei der Wanzi-Oma, um auch dort Geschenke abzuholen. Alles in Allem war das damals das beschissenste Weihnachtsfest, das die Mitzi je erlebt hatte. Seitdem war sie auf das Christkind nicht gut zu sprechen.

Obwohl Mitzi wusste, dass das vor ihr auf dem Boden nur eine junge Möchtegern-Schauspielerin, die von der Marktverwaltung als Christkindl engagiert worden war, war, fühlte die Mitzi für einen Moment Genugtuung und Gerechtigkeit.

Dieses Gefühl währte jedoch nur kurz. Warum lag das Christkindl in ihrem Wagen und rührte sich nicht?

»Hey! Du!«, rief die Mitzi und tippte mit ihrem Fuß leicht gegen den leblosen Körper. Keine Reaktion. Ächzend beugte sie sich hinunter, was aufgrund ihrer nicht geringen Leibesfülle und der Enge des Wagens nicht einfach war. Sie rüttelte unsanft an der Schulter des Christkindls. Keine Reaktion.

Die wird doch nicht tot sein? Panik breitete sich in Mitzi aus. So schnell es ihr Körperspeck und die eingefrorenen Glieder zuließen, sprang sie aus dem Standlwagen und schrie um Hilfe.

Schon nach wenigen Sekunden kam der Kirchmayr angelaufen. Im Schlepptau hatte er den Poschinger.

»Herst, Mitzi, was plärrst denn so? Hast an Krampus g’sehn?«, sagte der Poschinger und boxte den Kirchmayr dabei grinsend auf den Oberarm. Der zuckte zusammen. Schließlich war er auch mit dem Oberarm gegen das Küchenkastl gelaufen.

»Nix Krampus!», schrie die Mitzi. »Da drin liegt des tote Christkindl!«

»Geh, verarsch’n kannst wen andern!«, schimpfte der Poschinger, stieß sie zur Seite und zwängte sich in das Standl. Aus dem er aber schon wenige Sekunden später wieder rauskam.

»Jessas Maria, die schnauft ja wirklich nimma! Schnell, Kirchmayr, ruf die Rettung und die Polizei an!«

Es dauerte wieder einige Sekunden, bis der Kirchmayr aus seiner Schockstarre erwachte und mit zitternden Fingern nach seinem Handy griff. Was war jetzt gleich nochmal die Nummer von der Rettung? Eins, zwei, zwei – Feuerwehr herbei. Eins, drei, drei – kommt die Polizei. Eins, vier, vier – Rettung kommt zu mir. Hastig tippte er die 144 ins Display und war kurz darauf mit dem Notruf verbunden. Während er versuchte, dem Rettungsmenschen die Situation zu schildern, wollte die Mitzi in den Wagen klettern.

»Ja, bleibst du g’fälligst heraußen!«, schimpfte der Poschinger und stellte sich breitbeinig vor die Tür. »Des is vielleicht a Tatort, und du mit deine patscherten Händ’ verwischst noch irgendwelche Spuren!«

»Aber du bist doch auch einig’latscht! I brauch mein Handy!«

»Nix da! Mir wart’n jetzt auf die Polizei!«

»G’schaftlhuaber, deppada«, grummelte die Mitzi. »Dann dreh wenigstens dei Heizschwammerl auf! Mir hol’n uns ja noch alle den Tod in dera Kältn!« Erschrocken hielt sie sich den Mund zu. Bloß nicht vom Tod reden! Sonst kommt der vielleicht wirklich zurück.

Der Kirchmayr hatte kaum zu Ende diskutiert mit dem Rettungsheini am Telefon, als schon ein Rot-Kreuz-Auto in voller Fahrt mit Blaulicht und Sirenengeheul durch die Parkallee auf sie zuraste. Von der anderen Seite kamen fast zeitgleich zwei Polizisten aus dem angrenzenden Schloss gelaufen, in dem die innerstädtische Polizeistation untergebracht war.

»Die hab i ja noch gar ned ang’rufn!«, rief der Kirchmayr.

»Wahrscheinlich habn s’ die Mitzi bis eini plaz’n g’hört«, meinte der Poschinger und ging sicherheitshalber hinter seinem eigenen Standl in Deckung, um nicht von der Rettung umgefahren oder von der Polizei umgerannt zu werden. Die Mitzi und der Kirchmayr taten es ihm gleich, und zu dritt kauerten sie unter dem Heizschwammerl, welches ihnen zwar keine Wärme, aber dafür ein Gefühl von Sicherheit gab.

Während die Polizisten zuerst am Standl ankamen, mussten die Sanitäter erst in voller Fahrt abbremsen, was das Rettungsauto auf Grund der winterlichen Bodenbeschaffenheit dazu veranlasste, mit einem koketten Heckschwanzler gegen die Hütte der Mitzi zu krachen. Die, also die Hütte, nicht die Mitzi, neigte sich daraufhin dezent zur Seite, und von drinnen hörte man ein lautes Scheppern.

»Ja seids denn ihr narrisch?!«, schrie die Mitzi und kam aus der sicheren Deckung zwischen Poschinger und Kirchmayr hervor. Sie riss die Fahrertür des Rettungswagens auf, packte den verdatterten Sani am Arm und zog in ziemlich unsanft hinter dem Lenkrad hervor.

Jetzt muss man wissen, dass die Mitzi trotz ihrer Leibesfülle, verteilt auf eher wenig Körpergröße, sehr wendig sein konnte, wenn es darum ging, ihren Besitz zu verteidigen. Ihr Mann hatte einmal scherzhaft gemeint, er erspart sich den Wachhund und die Schweinderln, weil er eh seine Mitzi hat. Die verjagt mit ihrem Gekeife jeden Gauner und frisst alles zusammen, was am Tisch überbleibt. Daraufhin ist er auch gegen ein Küchenkastl gerannt, genauso wie der Kirchmayr.

Auch der Sani ahnte, dass ihm eine ordentliche Watschn drohte, und hob sicherheitshalber die Arme vor sein Gesicht. Doch Mitzi kam nicht zur Ausführung. Sie wurde gepackt und gegen das Rettungsauto gedrückt. Einer der Polizisten riss ihr die Arme nach hinten und fesselte ihre Hände mit einem Kabelbinder. Das war sogar der resoluten Mitzi zu viel, und sie sank in eine erlösende Ohnmacht.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf der Tribüne, die beim Brunnen stand, der natürlich jetzt im Winter keine lustigen Wasserfontänen in die Höhe schoss, sondern mit einer Holzverschalung abgedeckt war. Untertags spielten dort verschiedene Musikkapellen, und wichtige und unwichtige Lokalpolitiker schwangen als Weihnachtsansprachen getarnte Wahlkampfreden. Mitzis Hände waren wieder frei, und über ihren Körper war eine Thermodecke gebreitet. Neben ihr kniete der Poschinger und tätschelte ihr die Wange.

»Mitzi, was machst den für Sachn? Geht’s wieder?«

Die Mitzi überlegte einen Moment, ob sie sich aufsetzen sollte, aber eigentlich empfand sie das liebevolle Tätscheln vom Poschinger seinen Keksfingern als sehr angenehm. Die rochen nach Vanille und Glühweingewürz. Sie entschied sich, noch ein wenig den leidenden Schwan zu spielen, und seufzte mitleidheischend. Nach einigen Minuten spürte sie jedoch die Kälte der Holzbretter und versuchte aufzustehen. Der Poschinger wollte ihr helfen, hatte aber in Mathematik immer einen Fünfer. Also achtete er nicht auf den Neigungswinkel, der sich durch Mitzis Körpergewicht ziemlich nach unten verschoben hatte, und beide krachten zurück auf die Tribüne, wobei die Mitzi ziemlich unsanft auf dem harten Holzboden landete und der Poschinger eher sanft auf der fettweichen Mitzi.

»Du, Mitzi«, rief der Kirchmayr, der just in diesem Moment angelaufen kam und erstaunt, aber trotzdem mit einem süffisanten Grinsen, auf die zweideutige Szene schaute. Keuchend und mit rotem Kopf versuchte der Poschinger, wieder zum Stehen zu kommen. Dass ihm die Mitzi bei ihrem eigenen Versuch aufzustehen, ihr linkes Knie in seine Kronjuwelen rammte, verhalf ihm zwar nicht zu einem senkrechten Stand, sorgte aber dafür, dass er nicht mehr auf der Mitzi, sondern auf seinem eigenen Rücken lag.

Inzwischen hatte sich die Mitzi aufgerappelt und blickte mitleidig auf den Poschinger. Dessen Kopf war noch röter angelaufen, und aus seinem Mund kamen Laute, die jede Walrossdame in Ekstase versetzt hätten.

»Mei, Poschinger, des tut mir jetzt wirklich leid! Hoffentlich is nix kaputt wordn. Oba gottseidank is die Familienplanung bei dir eh schon abg’schlossn.«

Vom Poschinger kam nur ein schmerzerfülltes Röcheln.

»Du, Mitzi …«, machte sich der Kirchmayr wieder bemerkbar, »die Polizei hat g’sagt, du sollst zu deinem Standl kommen. Stell dir vor, die glaubn, dass des a Mord war!«

Schlagartig wurde der jammernde Poschinger uninteressant, und die Mitzi lief, so schnell sie ihre kurzen und dicken Beine trugen, zu ihrer Hütte. Der Kirchmayr blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, entschied dann aber, dass ein Mord spannender war als die schmerzenden Kronjuwelen des Poschinger, und rannte hinterher.

Als die Mitzi bei ihrem Standl ankam, sah sie, dass dort noch mehr Polizei anwesend war. Zusätzlich zu den zwei Polizisten, die als Erstes angekommen waren, stand da jetzt noch ein Polizeiauto mit blinkendem Blaulicht und ein silberner Zivilwagen, der sich durch ein Schild mit der Aufschrift »Polizei im Einsatz« an der Windschutzscheibe als Polizeifahrzeug outete. Rund um das Verkaufshütterl der Mitzi standen fünf Uniformierte und hinderten mit strengen Blicken zahlreiche Schaulustige daran näherzukommen. Der Rettungswagen war inzwischen ordnungsgemäß geparkt worden. Die Sanitäter saßen blöd grinsend im offenen Heckraum und rauchten Zigaretten ohne Filter, die einen eigenartigen Geruch ausströmten.

»Ist die Eigentümerin von diesem Standl endlich da?«, schrie eine männliche Stimme aus der Hütte. Einer der Polizisten deutete auf die Mitzi.

»Sind Sie das?«

Die Mitzi nickte eifrig und wurde zum Eingang des Standls geführt. Neugierig blickte sie hinein. Drinnen stand ein Mann, der sich mit einer Hand am Wagendach festhielt, was auf Grund seiner Größe nicht schwierig war, er stieß mit dem Kopf fast an der Decke an. In der anderen Hand hielt er sein Handy, in das er hineinbellte.

»Die Spurensicherung wird sich freuen! Der ganze Tatort ist mit Glühwein und Scherben versaut! Die Deppen vom Roten Kreuz sind mit ihrem Wagen anduscht und haben das Standl fast umgeschmissen. Und die Leiche liegt sicher auch nicht mehr im Original. Ja sicher! Der Doktor muss schon kommen! Die ist definitiv ermordet worden! Selber wird sie sich die Christbaumspitzen nicht in den Rücken gesteckt haben.« Er drehte sich um und erblickte die Mitzi.

»Gehört Ihnen dieser Stand?«

Wieder brachte die Mitzi nur ein eifriges Nicken zustande. Die ganze Sache hier war so aufregend, dass es der ansonsten überhaupt nicht maulfaulen Standlerin die Sprache verschlagen hatte.

»Und Sie haben die Leiche hier gefunden?«

Mitzi nickte.

»Kennen Sie die Frau?«

»Ja, schon«, antwortete die Mitzi, der vom vielen Nicken schon das Genick wehtat. »San Sie der Kommissar?«

Der Mann kletterte vorsichtig aus dem Wagen und baute sich vor der Mitzi auf.

»Chefinspektor Kleinlich für Sie! Also, wer ist die tote Frau?«

»Können S’ ned a Stückerl z’ruck gehen?«, fragte ihn die Mitzi und drückte mit ihrem linken Zeigefinger gegen seine Brust. »Mir tut eh schon mein G’nack weh, und so groß, wie Sie san, muss i immer so hoch raufschaun.«

Kleinlich war durch die Direktheit der kleinen Standlerin mit der überdimensionalen Rubensfigur peinlich berührt, was normalerweise nicht seine Art war, und ging zwei Schritte nach hinten.

»Also gut, Frau …« Der Chefinspektor blickte fragend zu dem Uniformierten, der die Mitzi hergebracht hatte.

»Eisenhuber«, fiel ihm die Mitzi ins Wort, »Maria Eisenhuber. Sie kennen doch sicher unseren Mostheurigen in Christkindl. Is schon komisch, dass i in einem Ort wohn, der genauso heißt wie die Leich’!« Sie fing an zu lachen, wobei ihr ganzer Körper wackelte und sie aussah wie das weibliche Pendant eines Michelin-Männchens bei einem Erdbeben.

Kleinlich wich noch einen Schritt zurück. Die Mitzi hatte sich inzwischen wieder komplett von ihrer Ohnmacht und der Aufgeregtheit erholt und ihr volles Stimmvolumen zurückgewonnen. Und das war durch das jahrzehntelange Training am Wochenmarkt zu einer Stärke angewachsen, bei der sogar Luciano Pavarotti, Gott hab ihn selig, vor Neid erblasst wäre.

»Gut, Frau Eisenhuber, die Tote heißt also Christkindl?«

Mitzi schüttelte den Kopf und schaute den Chefinspektor an wie eine Lehrerin, die bei ihrem Schüler gerade einen zweistelligen IQ-Wert festgestellt hatte. »Na! Sie ist das Christkindl! Das sieht man doch!«

Kleinlich verdrehte genervt seine Augen und fasste sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. »Ja, Frau Eisenhuber, das sehe ich. Können Sie mir bitte jetzt trotzdem sagen, wie die Tote heißt und warum die in Ihrer Hütte liegt?«, sagte er und blickte sie dabei mit seinem strengsten Chefinspektorenblick an.

Die Mitzi blieb davon völlig unbeeindruckt. Diesen strengen Blick hatten schon ganz andere bei ihr ausprobiert, aber Respekt hatte sie nur vor Hansi Hinterseer und dem lieben Herrgott höchstpersönlich. Vor dem einen, weil sie seine Lieder liebte. Wenn der Hansi vom Edelweiß, den roten Rosen und den Tiroler Bergen sang, schmolz sie dahin wie die Schokoladenglasur vom Poschinger seinen eingetunkten Linzerstangerln unter dem Heizschwammerl. Und vor dem anderen hatte sie Respekt, weil er eben der Herrgott war.

»Ja, wie die heißt, weiß i ned. I weiß nur, wer die is. Und warum die in meiner Hüttn liegt, weiß i scho gleich gar ned!«, giftete sie Kleinlich an. »Des is a so a Möchtegern-Schauspielerin von der Steyrer Laienbühne. Beim Musikfestival im Sommer hat’s a schon a paar Mal als Statistin mitg’spielt. Aber, singa kann die ned! Naja, jetzt hat s’ eh ausg’sunga. Wie s’ heißt, müssn S’ schon den Klausner von da Stadtverwaltung fragn. Der is zuständig für den Adventmarkt.«