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Die Gedichte von Jacqueline Crevoisier verbinden, wie Charles Linsmayer formulierte, kämpferische Wucht, Verve, formale Brillanz und Treffsicherheit der Argumentation auf eindrückliche Weise miteinander. Die Autorin geisselt jene Medien-, Freizeit- und Eventkultur, der wir alle, ohne es zu merken, längst auf eine fatale Weise zum Opfer gefallen sind. Auch das Vaterland, dem sie in die Niederlande entfloh, bekommt ihre lyrischen Breitseiten ab. Selten hat in letzter Zeit eine Schweizer Autorin (oder ein Autor) mit den schweizerischen Eigenheiten abgerechnet.
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2019
Andacht
Frauentrost
Nachruf
Kreuzweg
Praktische Theologie
R. I. P.
Uhrzeiten
Piazza Grande
Verlass
Markenartikel
Das Wetter
Um nur einige zu nennen
Circus Helvetia
Centovalli
Selbstfindung
Liebeserklärung
Gefangen
Erklär mir
Weidmannsheil
Fünf nach Brunftzeit
Das Lied von der Käseglocke
Umweltgefährdung
Erwachen
Abendgebet der Spaßgesellschaft
Spektrum
Früher
Videokunst
Niedergelassen
Zum Jahreswechsel
Warnrufe
Horizonte
Vorsatz
Nach Rilke
Folgenschwer
Prostetsong
Recycling
Politfrühling
Regierungsprogramm
Montagsrevolte
Plädoyer
Beredsamkeit
Ischiasverklemmt
greift Antonius
ans Kreuz
Madonna
schenkt ihm
ein verbröckeltes Lächeln
während
das Jesuskind
unverschämt pausbäckig
um eine Spur zu frühreif
mit der unbefleckten Mutterbrust
spielt.
Tut Busse!
(Auch höhere Beiträge sind willkommen.)
Immer schon
war sie die Erste
beim Erobern
der buntesten Schaufel im Sandkasten
in der Korbballmannschaft
im Schnellrechnen
beim Betreten des Lifts
und im Erhaschen
des Sitzplatzes in der Strassenbahn.
Sie war
die mit dem besten Maturitätsabschluss
promovierte im Wirtschaftsstudium »summa cum laude«
kam in leitende Positionen
und hatte es geschafft
als Frau im allgemeinen
als Gattin im besonderen
als Mutter im speziellen.
Und als sie mit Vierzig
die Ellbogen verschlissen
die Seele ausgefranst
beim Anblick eines Trauerzuges
zum erstenmal sagen wollte
»Bitte nach Ihnen«
da gelang ihr das nicht.
Es war ihr eigener.
Seine Söhne fest im Lebenssattel
Gold wert seine Töchter
alles
was er anfasste
gedieh
die Gattin
der Betrieb
sein Wort ein Wort
und nie ein Verstoss
gegen die Spielregeln
korrekt im Verhalten
ein Vorbild sein Leben
heute
unter aufrichtiger An-
und vollzähliger Teilnahme
dreimal begraben
in tüchtiger Erde
im Blumenmeer
mit wohlklingenden Reden
Gott hab ihn selig
zum Teufel nochmal
Als Jesus
auf seinem Leidensweg
sich unterm Kreuz erschöpft
an den Wegrand fallen liess
und am Ende seiner Kräfte
die Augen schloss
da sah er
rotes Flimmern
sich über wunderschön
so schneeweisse Gebirgslandschaften ergiessen
er sah
Eiskristalle tanzen
und sich zu Glaspalästen formen
wo Mühselige und Beladene
eifrig Geschäfte tätigen
Goldbarren stapeln
Silberlinge horten
und in ewigwährendem Reigen weiss waschen
was blutrot verklebt
und Jesus sah
im Innern des Gebirges
und rundherum
bis weit ausserhalb
Arme im Geiste
mit Waffen im Anschlag
und gezückter »Wir wollen sein«-Gesinnung
verteidigen
was sie für wertvoll halten
während Friedfertige
auf der Anklagebank
stammelnd ihre Sanftmut entschuldigen
er sah
Gesättigte
sich in ihre Selbstzufriedenheit
einrollen wie Igel
Landesgrenzen zu Mauern hochziehen
auf dass kein Wohlstandskrümel sich verschwende
damit der Sonderfall sich gefalle
und er sah
in seiner Erschöpfung
die rotflirrenden Punkte sich grell verdichten
zu einem Hintergrund
vor den sich in
allesdeckendem Weiss
ein gleichseitiges Kreuz schob
so dass Jesus
sein eigenes
wieder aufnahm
erstaunt
