Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Clara - Pea Jung

Bist du erneut bereit? Bereit, einer vergangenen Liebe zur Hilfe zu eilen und eine Entdeckung zu machen, von der du lieber niemals erfahren hättest? Begleite Clara bei ihrer überstürzten Abreise und bekämpfe mit ihr die Dämonen der Vergangenheit. Könntest du die Angelegenheit auf sich beruhen lassen?

Meinungen über das E-Book Clara - Pea Jung

E-Book-Leseprobe Clara - Pea Jung

PEA JUNG (Jahrgang 1977) lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in der Nähe von München. Neben der Arbeit als Sozialpädagogin schreibt sie Liebesgeschichten mit Happy End, wobei der Erotikfaktor von Geschichte zu Geschichte variiert. Mit ihrem Debütroman DIE FALSCHE HOSTESS gelang der Überraschungserfolg – das Buch entwickelte sich in kurzer Zeit zum Bestseller. Seither begeisterte jedes ihrer Bücher die stetig wachsende Leserschaft. Mittlerweile ist sie eine erfolgreiche Self-Publisher-Autorin.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Vorwort

Jeder hat Dinge in seinem Leben getan, die er bereut. Wie oft hat man ein Wort zu viel gesagt oder zu wenig? Wie oft eine Notlüge oder gar eine richtige Lüge erzählt?

Vieles, das wir bereuen, holt uns eines Tages ein, und dann wünschen wir uns, wir hätten alles anders gemacht.

1

Als das Double von David Hasselhoff das kleine Café betritt, stützt sich Balthasar nervös eine Hand in die Seite, während er sich mit der anderen Hand den Mund zuhält. Sein Haar sitzt nicht so perfekt wie sonst.

In diesem Moment finde ich es ungemein fair von ihm, dass er nicht nur mich, sondern auch sich während der Weihnachtsüberraschung filmen ließ. Das weiße Hemd, das Balthasar trägt, hat er über die Ellenbogen hochgekrempelt. Sonst ist er bereits perfekt für den späteren Auftritt gekleidet. Das dunkelblaue, breite Band seines Smokings liegt bereits um seine Taille.

Im Hier und Jetzt lehne ich mich entspannt in Balthasars Arm zurück, während wir auf unserer Couch den Zusammenschnitt des Weihnachtsfilms ansehen. Zwischendurch werfe ich Balthasar amüsierte Blicke zu oder meide seinen Blick, je nachdem an welcher Stelle des Films wir gerade sind. Als ich nach der wilden Verfolgungsjagd mit K.I.T.T. tatsächlich schweißnasse Hände bekomme, löse ich mich für einen Moment von Balthasar. Entschlossen zieht er mich wieder in seine Arme und es verschafft mir ungemeine Genugtuung zu sehen, wie nervös er selbst war, als ich von Holger Seltmann gepackt und in den Wagen gezerrt wurde. Jeder Zuschauer kann sehen, wie schlecht es mir während dieser Fahrt in dem verdunkelten Bus ging. Unruhig ging Balthasar während dieser Zeit auf und ab, wie ich jetzt in dem Film sehen kann. Dennoch ließ er mich für keinen Moment aus den Augen und beobachtet jede meiner Regungen auf seinen Bildschirmen.

Schließlich drückt er einen Knopf und sagt: »Fangen Sie sie bitte auf, bevor sie ohnmächtig wird.«

Holger Seltmann wirft einen Blick in die Kamera und nickt leicht. Das war mir in dem Moment nicht aufgefallen. Natürlich nicht. Ich habe versucht, die ganzen Geschehnisse gedanklich zu sortieren. Ab und zu blendet der Film auch noch die Ereignisse im Hintergrund ein. Zum Beispiel sieht man John und die vermeintliche Pressemeute jubeln und applaudieren, als ich mit dem Polizeiwagen bereits über alle Berge bin. John klopft dem Mann, den er äußerst grob aus dem Wagen gezogen hatte, auf die Schulter, wie ein Sportler, der sich für das unabsichtliche Foul entschuldigt. Die Kamera des Reporters war nur eine Attrappe, wie ich jetzt erkenne.

Die ganze Zeit über ist Balthasar in einem kleinen Fenster am unteren Bildschirmrand zu sehen. Er koordiniert die ganze Aktion und als ich auf dem Bildschirm erscheine, wie ich von Holger Seltmann in den Verhörraum geführt werde, höre ich, wie er bereits Kontakt zu Daniel aufnimmt, der kurz darauf zu sehen ist. Er springt fröhlich im Gang auf und ab, damit er später einen abgehetzten Eindruck macht. Mann oh Mann! Die ganze Sache war wirklich perfekt durchdacht. Und ich bin allen auf den Leim gegangen.

Daniel zwinkert in die Kamera. Am Schlimmsten ist mein Gesicht, als Holger mir die Aufzeichnung dieses Telefonanrufs vorspielt. Balthasar kaut nervös auf einem Fingernagel, während er sich mit der anderen Hand auf der Tischplatte aufstützt. Er beobachtet weiterhin jede meiner Regungen. Vor ihm auf dem Tisch flimmern verschiedene Bildschirme. Es sieht aus, als befände er sich in einer Kommandozentrale.

Dann drückt Balthasar wieder einen Knopf und spricht ins Mikrophon: »Auftritt Falscher George!«

Ein Mann ist zu sehen, der fröhlich in die Kamera winkt: »Hallo Clara, ich habe heute die Ehre, die Rolle des eifersüchtigen Liebhabers zu spielen.« Dann greift er einen Stuhl und schleudert ihn gegen die Wand. Er brüllt auf Englisch einige unverständliche Dinge und wirft sich gegen eine Tür. Das war der Moment, in dem Holger Seltmann aus dem Raum gerufen wurde und ich alleine zurückblieb.

»Daniel, dein Einsatz!«, sehe ich Balthasar wieder in das Mikrophon sprechen.

Daniel rennt über den Gang und platzt in den Verhörraum. Oh Mann! Vor lauter Schreck bin ich tatsächlich zusammengezuckt. Das war mir selbst gar nicht aufgefallen. Ihr kennt die Geschichte. Daniel und ich landen in diesem Taxi. Balthasar hat inzwischen beide Hände auf seinem Kopf gelegt und sein Ellenbogen versperrt der Kamera den Blick auf sein Gesicht. Wer auch immer ihn gefilmt hat, veränderte seine Position. Als ich jetzt Balthasars Gesicht sehe, wird mir ganz flau im Magen. Er sieht genauso schlecht aus wie ich. Inzwischen läuft im Taxi dieses Lied, von dem ich inzwischen weiß, dass auch das geplant war.

Plötzlich drückt Balthasar erneut den Knopf am Mikrophon und seine Stimme ist fast nur ein Flüstern: »Daniel, brich die Sache ab! Sofort!« Er lässt den Knopf los und hält sich wieder eine Hand vor den Mund.

Das ist der Moment an dem Daniel mein Bein berührt und mir seine aufbauenden Worte zuflüstert. »Alles halb so wild. Wir ziehen das jetzt durch.« Seine Worte erscheinen mir nun in einem völlig anderen Licht, da sie nicht an mich, sondern an Balthasar gerichtet waren. Dieser rauft sich die Haare und wendet sich kurz ab.

Sara ist im Bild zu sehen. »Sie sind gleich da. Du solltest dich jetzt anziehen«, sagt sie und hält ihm seine Smokingjacke hin.

Balthasar scheint aus einem Traum zu erwachen und beginnt, hektisch seine Ärmel runterzukrempeln. Rasch schlüpft er in seine Jacke und betätigt erneut den Knopf am Mikrophon: »Alle auf die Plätze! Sie ist da.«

Dann sehe ich, wie ich mit Daniel aus dem Taxi aussteige, während Balthasar von hinten gefilmt wird. Er geht durch mehrere Gänge und Räume. Seine Hände sind mit seinen Haaren beschäftigt, die er mit gezielten Handbewegungen tatsächlich perfekt in Form bringt. So macht er das also!

Überrascht wende ich mich vom Fernseher ab und sehe Balthasar an. Doch er erwidert meinen Blick nicht. Mit einem leichten Lächeln, das seinen Mund umspielt, zeigt er mir allerdings, dass er weiß, was ich erkannt habe. Kurz nickt er in Richtung des Bildschirms und ich wende mich diesem wieder zu.

Balthasar steht nun bereits in der Dunkelheit hinter der Bühne, die er bald betreten wird, und auf einmal herrscht einen Moment völlige Finsternis. In diesem Moment erlebe ich noch einmal die Anspannung, die auf mir lag, als Daniel mich einfach in diese dunkle Halle schob. Als ich mich selbst seinen Namen rufen höre, ertappe ich mich dabei, dass sich meine Lippen synchron dazu bewegen.

Das Licht geht an, und den Rest der Geschichte kennt ihr bereits. Ich entspanne mich und sinke wieder in Balthasars Arme, als er im Fernsehen seine vorbereitete Rede unterbricht, um mich zu sich auf die Bühne zu holen.

2

Der Film ist zu Ende und Balthasar steht auf, um den Fernseher auszuschalten. Ich strecke mich und seufze. Balthasar kommt zum Sofa zurück und zieht mich mit einem geschickten Handgriff auf die Beine.

Er flüstert: »Na, meine Schöne, hältst du noch eine weitere Überraschung aus?«

Ich küsse ihn kurz. »Mal sehen. Was hast du denn noch parat?«

Er führt mich in den Flur, wo er seine Schuhe anzieht. Ich tue es ihm gleich. Schließlich finde ich mich in der Garage wieder und natürlich fällt mir sofort der giftgrüne Wagen auf, der gestern noch nicht dort stand. Ungläubig starre ich Balthasar an und verschränke die Arme.

»Balthasar«, knurre ich.

Langsam dreht er sich zu mir um, geht grinsend rückwärts weiter auf das Auto zu: »Keine Sorge! Ich habe mir ein neues Auto gekauft und ich werde es dir überlassen, leihweise.«

Er wirft mir den Autoschlüssel zu, den ich leider nicht auffange, da ich meine Hände nicht schnell genug aus der Verschränkung löse. Während ich mich nach dem Schlüssel bücke, grinse ich ungeniert in den Boden. Ja, ich kann nicht leugnen, dass ich mich höllisch über das Auto freue.

Schnell drücke ich auf die Entriegelung des Schlüssels. Sofort steigt Balthasar auf der Beifahrerseite ein und ich gehe beeindruckt um den Wagen herum, bevor ich auch einsteige. Balthasar sieht mich immer noch sehr frech an, als ich mich ihm endlich zuwende.

»Warum giftgrün?«, frage ich.

»Ich dachte, es passt ganz gut zu meinem kleinen Giftzwerg.«

»Und warum diesen Wagen?«, frage ich weiter und sehe mich beeindruckt nach hinten um. Der Caddy ist wirklich geräumiger, als es von außen den Anschein macht. »Das ist ein Familienwagen«, stelle ich noch ganz locker fest.

Dann beiße ich mir auf die Zunge.

Aber Balthasar nimmt mir mein schlechtes Gewissen, indem er einfach zustimmt: »Genau.«

Verblüfft sehe ich ihn an. Leise sagt er: »Also falls du ihn nicht gleich kaputt fährst, wovon ich schwer ausgehe, habe ich den Wagen auch im Hinblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen in den nächsten Jahren gekauft.«

»Wow«, hauche ich, weil mir das Gewicht seiner Aussage die Kehle zuschnürt. Nicht vor Entsetzen, sondern vor Glück.

»Werden wir irgendwann Kinder haben?«, will Balthasar wissen.

»Das hoffe ich.«

»Ich werde jedenfalls nichts unversucht lassen, um dich wieder aus dieser Arbeit zu bekommen«, droht er dreist, »damit du endlich hier auf mich wartest und immer Zeit für mich hast.«

Ich schupse ihn spielerisch und schimpfe: »Wenn du dich da mal nicht verrechnest! Ein Kind wird uns rund um die Uhr in Atem halten.«

»Ja, mit dir als Mutter kann es fast nicht anders sein«, stellt er trocken fest.

Mein Zeigefinger schnellt in die Höhe: »Balthasar Teubert, du …« Aber weiter komme ich nicht, da er mich einfach küsst und meine Standpauke damit erstickt.

Irgendwie schafft er es auch, meinen Text zu löschen, da er erst von mir ablässt, als ich unter seinen Küssen aufseufze. Erst viel später öffne ich die Augen und fahre meine gespitzten Lippen ein.

Balthasar schnallt sich an: »Na los, wir fahren eine Runde!«

»Wenn du so darum bettelst«, knurre ich und starte den Motor.

Wir fahren ein Stück durch Grünwald, das in diesen milden Januartagen von keiner dicken Schneeschicht überzogen ist.

»Schon aufgeregt wegen heute Abend?«, frage ich Balthasar.

Er schüttelt den Kopf. »Sonst würde ich wohl kaum eine Fahrt neben dir im Wagen überstehen.«

Ihr müsst wissen, heute Abend ist die Eröffnung seines Clubs, in dem unsere Weihnachtsfeier stattgefunden hat, und ich glaube, dass seine Mitarbeiter ihn heute Vormittag nach Hause geschickt haben, weil er wahrscheinlich unerträglich war. Das würde er aber nie zugeben. Und ich frage ihn nicht danach.

»Mach doch mal ein bisschen Musik an!«, fordere ich ihn auf.

Sofort drückt er einen Knopf am CD-Player und laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern.

»Hey, das ist doch der neue Song von The Incredibles!«, rufe ich.

Mit anerkennend verzogenen Mundwinkeln nickt Balthasar und dreht lauter. Das ist wirklich eine tolle Rockballade! Sie handelt von Brianna.

»Es war wirklich super, dass du Rob und Brianna auch auf die Weihnachtsfeier gebracht hast«, lächele ich vor mich hin.

»Ehrlich gesagt hat es mich schon Überwindung gekostet«, gibt Balthasar zu.

Ich drehe die Musik leiser: »Warum?«

»Komm schon, Clara. Muss ich das erklären?«, brummt Balthasar und ich beschließe, so langsam wieder zurück nach Hause zu fahren.

»Oh«, sage ich nur, als ich begreife.

»Ja. – Oh!«, knurrt Balthasar.

Irgendwann musste es ja auf den Tisch kommen. Wir haben eigentlich nie so richtig darüber gesprochen, dass ich mit Robert geschlafen habe. Für Balthasar war es sicher nicht einfach, als ich so spontan die Betten gewechselt habe. Ich schäme mich sogar dafür, weil mein Gehirn nicht die Gefühle in meinem Herzen hätte überstimmen dürfen. Wenigstens habe ich mich immer geschützt, wenn ich mit Robert Sex hatte. Ich versuche mir einzureden, dass ich ja eigentlich nie richtig mit ihm geschlafen habe, weil immer eine Gummihülle zwischen uns war. Bescheuert, ich weiß.

Balthasar verfolgt das Thema nicht weiter und wir kehren schweigend in die Villa zurück.

»Du fährst mittlerweile vollkommen sicher«, sagt er und verzieht wieder anerkennend die Mundwinkel, als ich eingeparkt habe.

»Wie viele Fahrstunden muss ich denn noch bis zur Prüfung machen?«, frage ich mit piepsiger Stimme.

Balthasar lacht leise und schüttelt den Kopf, bevor er aussteigt.

»Wir sollten uns langsam umziehen«, sagt er noch zu mir, bevor er durch die Garage davoneilt.

Als ich endlich in unserer gemeinsamen Wohnung ankomme, steht Balthasar in Unterwäsche vor dem Kleiderschrank.

Ich umschlinge ihn von hinten und drücke ihn: »Es tut mir leid … alles, was passiert ist. Ich hätte eigentlich nie mit Robert …«

»Lass es gut sein, Clara! Glaub mir, die Zeit, in der wir getrennt waren, sollten wir nicht zerreden«, sagt er und löst sich aus meiner Umarmung. »Wir können die Dinge, die passiert sind, nicht mehr rückgängig machen.« Er klingt resigniert und versucht zu besänftigen, als er sich zu mir umdreht.

Eigentlich würde ich den Blick jetzt senken, weil ich mich so schuldig fühle, aber ich weiß, wie er in diesen Unterhosen aussieht, und ich möchte mich jetzt nicht mit Körperlichkeiten aufhalten. Deshalb schaue ich ihm lieber in die Augen.

»Du bist bald meine Frau und wir sollten uns auf unsere Zukunft konzentrieren, nicht ewig mit diesen alten Kamellen hadern«, raunt er sanft und küsst mich.

»Wirf dich in Schale, meine Schöne!«, ergänzt er und lässt mich stehen.

Reiß dich zusammen, Clara! Es ist alles harmonisch und in Ordnung.

Langsam glaube ich tatsächlich, dass ich es nicht ertrage, wenn es mir zu gut geht. Warum bin ich mit diesem Ende des Gesprächs ganz und gar nicht zufrieden? Dennoch schlucke ich mein Unbehagen hinunter und versuche, mich auf die große Eröffnungsparty im The Duke einzustimmen, indem ich mein mintfarbenes Chiffonkleid aus dem Schrank hole. Nur kurz für euch: Es handelt sich um einen bodenlangen Traum mit Herzausschnitt. Das trägerlose Oberteil ist mit glitzernden Steinen bestickt. Der Rock fällt in fließenden Falten. Wunderschön!

Ich entkleide mich rasch und schlüpfe in diesen Traum.

Balthasar hilft mir beim Schließen des Reisverschlusses. »Ich freue mich schon auf heute Nacht, wenn ich das Ding wieder öffnen darf«, flüstert er mir ins Ohr und macht mich damit ganz kribbelig.

Er wendet sich grinsend wieder ab und schlüpft in seine Smokingjacke.

»Mmh, ist das wieder so ein Armani-Leckerbissen?«, säusele ich.

»Nein«, antwortet er knapp, während er vor dem Spiegel den Sitz der Jacke überprüft, »Burberry.«

»Wenigstens findest du nicht alles schlecht, was aus London kommt.« Mein versöhnlicher Ton scheint ihn milde zu stimmen, was sich bestätigt, als ich sein Lächeln im Spiegel sehe.

Mit wenigen Schritten stehe ich neben ihm und er legt seinen Arm um mich. »Wir sehen verdammt gut aus«, sagt er übertrieben eingebildet.

Nach einem kurzen Lachen versuche ich einen Knicks. Dann löse ich mich von Balthasar und mache mich auf den Weg zu Sara. Wir werden uns gemeinsam frisieren und schminken. Eigentlich wollte ich meine Haare offenlassen und mich auch nicht zu stark schminken.

Doch Sara überredet mich zu Smokey eyes: »Du siehst sonst immer so brav aus.«

»Danke auch«, beschwere ich mich zwar, weiß aber, was sie meint.

Also werden es heute Smokey eyes. Außer meinem Verlobungsring, den ich immer trage, werde ich kaum weiteren Schmuck anlegen, bis auf silberne, kugelförmige Ohrstecker. Ich bleibe bei den champagnerfarbenen Pumps und hoffe, damit keinen modischen Fauxpas zu begehen.

John klopft an der Tür. »Ladies?«

»John, komm herein!«, sagt Sara und betupft sich mit Chanel No. 5 den Ausschnitt.

John hat sich wie Balthasar in Schale geschmissen, ebenso wie Titus, der hinter John verlegen den Kopf zur Tür hereinstreckt.

Sara reicht mir den Flakon mit dem Parfum: »Hier, das Geheimnis der Monroe.«

Ich schnuppere daran. Hat etwas, das muss ich zugeben. Obwohl ich eigentlich eher ganz süße Parfums liebe, lege ich diesen schweren Duft auf.

John tritt ganz nah an mich heran: »Dein Peter Pan ist schon vorausgeflogen, Tinkerbell.«

Ich erstarre und bekomme große Augen. Warum hat Balthasars mir das nicht gesagt?

»Ich nehme dich mit. Kommst du?«, fragt John und ich setze eine Maske auf, die meine Enttäuschung nicht ganz verbergen kann.

Auf dem Weg zum Jeep sagt John: »Was hast du erwartet? Er ist der Chef des Ladens. Er muss sich um ein paar Details kümmern.«

»Ja, er muss sich immer um irgendwelche Details kümmern«, seufze ich und schweige dann die ganze Fahrt über. Es ärgert mich, dass mein Balthasar versäumt hat, mir die Details seiner Pläne mitzuteilen. Ja, ich bin regelrecht beleidigt, dass er mich mal wieder vergessen hat.

Kurz bevor wir ankommen, zückt John sein Handy und als wir an einer roten Ampel nahe des Clubs stehen, schreibt er eine Nachricht. John reiht sich in die Schlange der Fahrzeuge ein, die darauf warten, am Eingang vorzufahren. Als wir endlich an der Reihe sind, sehe ich Balthasar aus dem Club auf den Wagen zueilen. Er nimmt dem Chauffeur die Arbeit ab und öffnet meine Tür. Sofort habe ich meine beleidigte Nummer vergessen und strahle ihn überglücklich an. Er reicht mir seine Hand und ich steige aus. Als ich neben ihm stehe, küsst er meine Hand. Endlich habe ich meinen Verlobten an meiner Seite. Erfreut lächle ich ihn an, aber das Blitzlichtgewitter der Pressemeute lenkt mich schließlich ab. Wir stehen noch einige Momente da, um jedem Fotografen gerecht zu werden und Balthasar küsst mich auf die Wange. Dann begleitet er mich in den Club. Er führt mich direkt zu einem kleinen runden Tisch, an dem bereits Lisi und Tom sitzen. Nachdem er mir den Stuhl an den Rücken geschoben hat, entschuldigt er sich schon wieder und eilt davon.

Eine junge Kellnerin auf Rollschuhen kommt an unseren Tisch gefahren: »Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?«

Ich bin so baff und muss mich erst einmal umsehen, um festzustellen, dass sämtliche Bedienungen auf Rollschuhen unterwegs sind. Eine wirklich lustige Idee, finde ich.

»Ich nehme auch so einen«, sage ich und deute auf Lisis Getränk.

Als die Bedienung davongefahren ist, flüstert Lisi: »Das ist ein Swimming Pool.«

»Sieht lecker aus.«

Leider muss ich zugeben, dass ich von Neid erfüllt bin, weil Lisi hier mit ihrem Tom sitzt, während ich mir wie das dritte Rad am Wagen vorkomme. Wo treibt sich mein Balthasar herum? Hinter den Kulissen …

Sei nicht ungerecht Clara! Du musst eben an der Weihnachtsüberraschung zehren wie Frodo an seinem Lembasbrot.

Ungeduldig sitze ich eine halbe Stunde später immer noch an dem runden Tisch und warte auf Balthasars Rückkehr. Lisi schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln und Tom schmiegt sich an sie. Die meisten Gäste haben sich inzwischen an die Tische gesetzt.

Das Licht wird etwas dunkler und Balthasars Stimme ist über die Lautsprecheranlage zu hören: »Meine lieben Gäste, heute ist ein ganz besonderer Tag für mich. Mit diesem Club erfülle ich mir einen Kindheitstraum und ich freue mich ganz besonders, dass Ihr alle diesen Abend mit mir verbringt. Getreu dem Motto: Wenn du feierst, dann tu dies mit Stil, habe ich Musiker für den Eröffnungsabend engagiert, die uns mit Sicherheit gut unterhalten werden. Viel Spaß mit der Gruppe Die Bremer Stadtgiganten.«

Die vier angekündigten Männer betreten unter großem Beifall die Bühne. Einer der Männer fängt an, mit einer sehr tiefen Stimme zu singen: »Duke, Duke, Duke, Duke of Earl, Duke, Duke, Duke of Earl …« Dann steigen die restlichen Männer mit in den Gesang ein und schnippen den Takt dazu.

Das ist ein echter Klassiker und passt zum Namen des Lokals wie die Faust aufs Auge. Das Lied ist im Original von Gene Chandler.

Beim Refrain »As I walk through this world …« bin ich immer noch so auf die vier Männer auf der Bühne fixiert und so brauche ich einen kurzen Moment, bis ich bemerke, dass Balthasar an der Seite der Bühne die Stufen hinaufgeht und singt: »Nothing can stop the Duke of Earl.«

Oh Gott! Ich bin platt. Balthasar hat sich einen Zylinder aufgesetzt, trägt eine Art Umhang und weiße Handschuhe. Lässig schwingt er einen Gehstock. Jetzt deutet er damit in meine Richtung und sein Blick findet meinen: »And you, you are my girl … nothing can hurt you, oh no …« Während er singt geht Balthasar über die Bühne an den anderen Sängern vorbei und bleibt an dem Teil der Bühne stehen, der mir am nächsten liegt. Er singt: »Yes, I’m gonna love you, come on let me hold you darling, ’Cause I’m the Duke of Earl.«

Während er weitersingt und mich dabei unablässig fixiert, schmelze ich dahin. Als er die hohen Gesangsstellen mit Bravur meistert, schlage ich die Hände vor meinem Mund. Ich wusste gar nicht, dass Balthasar so hoch singen kann. Er ist hochkonzentriert, reiht sich nun neben den anderen Männern ein und wendet den Blick ab. Wahrscheinlich hat er Angst, lachen zu müssen, wenn er mir ins Gesicht sieht.

Wieder einmal hat er es geschafft hinter meinem Rücken eine echte Überraschung für mich vorzubereiten. Und wieder einmal wird mir klar, warum er immer so wenig Zeit für mich hat.

Ich bin froh, jetzt wenigstens auch eine sinnvolle Beschäftigung in meiner Arbeit gefunden zu haben. Die Arbeit in dem Gesundheitsstüberl und im Obdachlosencafé ist nach wie vor mein Ding.

Für meinen Beifall erhebe ich mich von meinem Sitzplatz und viele Leute tun es mir gleich. Balthasar verlässt die Bühne und verschwindet hinter dem roten Vorhang. Die vier Sänger stimmen The lion sleeps tonight an.

Ich warte, ja ich erwarte, dass Balthasar jetzt endlich zu mir an den Tisch kommt und den verwaisten Stuhl mit Leben erfüllt, doch er kommt nicht.

Ein Lied nach dem anderen zieht ohne Balthasar an mir vorüber. Mein Cocktail leert sich in beachtlicher Geschwindigkeit, was sicherlich nicht daran liegt, dass sich der Alkohol in die Luft verflüchtigt. Eigentlich versuche ich gerade so etwas wie inneren Frieden zu finden, als sich plötzlich John auf Balthasars Stuhl setzt. Meine Kinnlade klappt runter und John bestellt sich fröhlich einen Drink, während er sich den Stuhl so gemütlich zurechtrückt, als wolle er sich hier häuslich einrichten. Ich starre ihn so lange an, bis er endlich dazu bereit ist, meinem Blick zu begegnen.

»Balthasar hat noch zu tun. Er hat mich gebeten, mich um dich zu kümmern«, sagt John schließlich.

Das glaub ich jetzt nicht. Das kann nur ein schlechter Scherz sein.

Lisi bemerkt meinen Blick und stupst Tom an. »Au weh, ich fürchte, das gibt ein Donnerwetter.«

»Wie bitte?«, ereifere ich mich. »Du sollst dich um mich kümmern?«

John weicht betreten meinem Blick aus.

Wie eine Furie springe ich auf: »Wo ist er?«

John antwortet nicht sofort.

»John, wo ist er?«

»In seinem Büro«, antwortet John.

Ich stürme los.

Glücklicherweise kenne ich mich seit der Weihnachtsfeier in diesem Gebäude sehr gut aus. Ich poltere ohne mein Tempo zu drosseln in Richtung Balthasars Büro. Davor befindet sich der Kommandoraum mit den vielen Bildschirmen, die er bereits bei der Überraschung für mich zu nutzen wusste. Da er aber nicht in der Kommandozentrale ist, presche ich daran vorbei und stoße die Tür zu seinem Büro so schwungvoll auf, dass die Klinke laut gegen die Wand knallt.

Balthasar springt von seinem Stuhl auf. »Clara!«, sagt er nur und sieht sofort, dass ich kurz vor der Kernschmelze stehe.

Ich schnaufe hörbar und gehe mit festen Schritten auf Balthasar zu. Langsam schließe ich die Tür und werde ruhig, ganz ruhig. Irgendwo habe ich gelesen, dass es sehr gefährlich für Männer wird, wenn Frauen diese Ruhe vor dem Sturm entwickeln.

»Setz dich wieder hin«, fordere ich Balthasar auf und erstaunlicherweise gehorcht er mir sofort. Wahrscheinlich mache ich einen absolut unberechenbaren Eindruck auf ihn. »Wie lange hattest du vor, mich noch da unten warten zu lassen? Ich dachte, wir feiern die Einweihung dieses Ladens gemeinsam?«

Er antwortet nicht, weil er inzwischen weiß, dass er mich nicht unterbrechen sollte, bis ich alle Vorwürfe losgeworden bin. »Du schickst mir John? Soll er auch mit mir schlafen, wenn du verhindert bist?«

»Clara«, knurrt Balthasar und richtet sich in seinem Stuhl auf.

»Ist doch wahr!«, fauche ich. »Du veranstaltest einen Riesenzirkus, um mich der Presse zu präsentieren, du machst dir so eine Mühe, mir diese Weihnachtsfeier zu organisieren, aber wo ist mein Verlobter? Du bist nur an meiner Seite, wenn jemand hinsieht!« Ich schüttle den Kopf. »Meinst du etwa, ich brauche dieses ganze Spektakel? Ich will dich, Balthasar, und manchmal will ich dich nur für mich alleine haben.« Meine Stimme ist auf einmal ganz leise geworden. Meine Atmung hat sich beruhigt, aber weniger, weil ich mich beruhigt hätte. Es fühlt sich mit einem Mal an, als hätte ich keine Kraft mehr zu atmen.

Balthasar sieht mir wohl an, dass ich mich momentan ausgepowert habe, und steht von seinem Stuhl auf. »Ich … ich wollte mich gerade auf den Weg nach unten machen, aber ständig kamen irgendwelche Mitarbeiter mit Fragen. Würde es dir gefallen, wenn ich bei dir am Tisch sitze und alle paar Minuten springt jemand auf mich zu und hat eine Frage an mich?«, sagt er relativ ruhig.

Ich bewundere ihn dafür, dass er meine Anschuldigungen mit so viel Fassung wegsteckt.

Es klopft an der Bürotür und eine Angestellte auf Rollschuhen bringt Balthasar einen Cocktail: »Ihr Drink, Herr Teubert.«

Charmant lächelnd bedankt sich Balthasar bei der jungen Frau und hat dabei seine samtigste Stimme aufgelegt.

Als die Frau das Büro verlassen hat, stelle ich fest: »So, so, du warst also gerade auf den Weg nach unten und deshalb hast du dir schon einmal einen Drink in dein Büro bestellt. Prost!« Ich stürme aus dem Büro, weil mein Ärger ungeahnte Ausmaße annimmt.

Ich gehe zurück zu Lisi und Tom. Eines muss ich John lassen. Er sitzt immer noch auf dem Stuhl, der eigentlich nicht für ihn bestimmt war, und scheint sich gut zu unterhalten. »Na, Fiona, lebt Shrek noch?«, fragt John grinsend.

Als ich nicht antworte, klopft er mir auf die Schulter. »Ich bin stolz auf dich, dass du noch nicht mit wehenden Fahnen die Veranstaltung verlassen hast.«

Ja, ich bin auch stolz auf mich.

Allerdings komme ich während meines nächsten Cocktails auf eine ganz andere Idee. Balthasar schickt John als Ersatz für sich zu mir? Dann kann John sich ruhig auch ein bisschen netter um mich kümmern. Je öfter ich am Glas nippe, umso hervorragender finde ich diesen Einfall und ich erwische mich dabei, wie ich John mit meinem Stuhl immer näher auf die Pelle rücke.

Er scheint dies am Anfang gar nicht zu bemerken, erst, als ich ihn auch noch bei jeder Gelegenheit berühre, sieht er mich amüsiert an und spitzt die Lippen. »Hey du Schnapsdrossel, ich glaube du hast dich in der Adresse geirrt.«

Ich lache etwas zu laut und bestelle mir noch einen Cocktail. Er ist wirklich ein guter Freund und nimmt meine Annäherungsversuche nicht ernst. Na, da wollen wir doch mal sehen, wann der Groschen fällt!

Erst nach meinem dritten Cocktail, als ich schon auf seinen Schoß klettere und »Küss mich, John!« nuschle, wird es ihm zu bunt. Aber ich habe schon sein Gesicht in meinen Händen und während er versucht, sich zu befreien, drücke ich ihm einen Kuss auf. Fühlt sich an wie ein Bruderkuss unter Politikern, ganz schrecklich platonisch.

»Clara!«, höre ich Lisis empörte Stimme.

John nutzt die Gelegenheit sich ganz von mir zu befreien und schiebt mich auf meinen Stuhl zurück. Lisi und Tom machen große Augen und schielen hinter mich.

Ich kichere und sage laut: »Sagt jetzt nicht, dass mein Verlobter hinter mir steht.«

Mein Lachen erstirbt, als ich Balthasars Stimme höre: »Ich kann also davon ausgehen, dass wir noch verlobt sind, ja?«

John wischt sich meinen Lippenstift vom Mund und räumt überstürzt den Stuhl. Täusche ich mich oder hat ihn der Kuss aus der Fassung gebracht?

»Natürlich sind wir verlobt … das war ein Kuss unter Brüdern sozusagen … also, wenn ich ein Junge wäre, meine ich …«, lalle ich und sehe John an. »Nicht wahr, John?«

John steht neben Balthasar und stützt betont lässig die Hände in die Hüften. »Ja, klar.« Dann stößt er Balthasar an und deutet auf den freien Stuhl: »Dein Platz, Bruder.«

»Dein Bruder bin ich, nicht Balthasar!«, protestiere ich. John wendet sich zum gehen.

»Halt, John, bleib da! Es war doch gerade so nett«, rufe ich, aber John ist schon weg.

Balthasar setzt sich nun neben mich und ich strahle ihn ehrlich erfreut an. Meine Hand findet seine Wange und ich kneife sie und rüttele sie durch. »Hast jetzt endlich Zeit gefunden, mein kleiner Oger?«

Lisi prustet los und auch ich finde mich ganz witzig, während Balthasar einen Blick zu Tom über den Tisch schickt, der Bände spricht. Glücklicherweise ist die Musik im Saal so laut, dass meine viel zu laute Stimme nicht weiter auffällt. Balthasar bleibt erstaunlich ruhig neben mir, während ich mich blendend mit Lisi und Tom unterhalte. Irgendwann sagt Balthasar: »Clara, würdest du bitte kurz mit mir kommen?«

»Oh«, antworte ich und halte mir eine Hand vor den Mund, um mein Lachen zu unterdrücken, »mein Verlobter ruft! Entschuldige, Lisi, aber da muss ich folgen, sonst …«

Balthasar zieht mich auf die Beine und ich stolpere etwas unbeholfen hinter ihm her. Waren die Schuhe schon den ganzen Abend so hoch? Balthasar holt meinen Mantel und führt mich durch den Hinterausgang nach draußen. Hier bin ich damals bei der Weihnachtsüberraschung mit Daniel angekommen. Die winterliche Nachtluft bringt sofort Ernüchterung. Ich finde überhaupt nichts mehr lustig.

»Merkst du gar nicht, wie peinlich du dich aufführst?«, fragt Balthasar.

Jetzt bin ich ganz ernüchtert.

»Ich?«, frage ich dummerweise.

»Ja, du!«

»Wie führ ich mich denn deiner Meinung nach auf?«

Meine Nachfrage scheint ihn nur noch wütender zu machen. Er wird immer lauter und gestikuliert wild.

»Wie du dich John an den Hals geschmissen hast!«

»Ach Gott! Das kannst du doch nicht ernstgenommen haben.«

»Dann quatschst du in einer Tour deine Freunde zu. Bekommst du gar nicht mit, wie die sich schon genervte Blicke zuwerfen?«

Er verletzt mich und das macht mich immer rasender.

»Dann werde ich dir jetzt einen Blick zuwerfen. Hoffentlich deutest du ihn richtig.«

»Sehr schön! Am Tisch hast du mich wie Luft behandelt. Kann ich jetzt mit einem Blick aus deinen Augen rechnen? Halleluja!«

Er macht mich kurz sprachlos. Welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen?

»Balthasar, was willst du von mir?«

»Ich will, dass du nur einmal – wenigstens dieses eine Mal – vernünftig bist und dich zusammenreißt. Du bist meine Verlobte. Es ist peinlich, wie du …«

»Es tut mir ganz schrecklich leid, dass ich zu peinlich für dich bin!«, gebe ich sarkastisch zurück.

Jetzt bin ich zutiefst gekränkt. Obwohl es sich für mich so anhörte, als würde er seine Worte vorsichtig wählen, hat er mich mehr damit getroffen, als ich jemals zugeben würde. Deshalb fällt meine Reaktion auch dementsprechend aus.

»Vielleicht hättest du dir deinen Heiratsantrag gründlicher überlegen sollen. Gib doch einer deiner langbeinigen Bedienungen den Ring, die können es sicher kaum erwarten, dass du wieder Single bist! Und überhaupt, du beschwerst dich, dass ich dich wie Luft behandle? Dann weißt du ja jetzt, wie es mir schon den ganzen Abend geht.«

So! Jetzt habe ich alles rausgelassen, was ich lieber für mich behalten hätte. Ich bin mal wieder eindeutig übers Ziel hinausgeschossen.

»Es tut mir leid«, sage ich sofort und will mich Balthasar nähern, der immer noch in der Tür des Hinterausgangs steht.

An seinem verhärteten Gesichtsausdruck ändert sich allerdings auch nach meiner Entschuldigung nichts. Im Gegenteil. Meine Hand mit dem Verlobungsring wird grob gepackt und ehe ich mich versehe, versucht er, mir den Ring vom Finger zu ziehen.

»Nein, nicht! Bitte, Balthasar!«, jammere ich, aber er gibt nicht nach.

Es entsteht ein regelrechter Kampf um meinen Ringfinger, und Balthasar greift zu unfairen Mitteln. Er wendet seine Gabe an, wobei er mich trotz Berührung nicht mit einbezieht. Das merke ich allerdings erst, als mir der Ring am Finger bereits fehlt. Als ich das feststelle, fällt die Tür des Clubs hinter Balthasar zu.

Also das glaub ich jetzt nicht! Wie konnte unser Streit nur so ausufern? Und warum in aller Welt wendet Balthasar seine Gabe gegen mich an?

Nach meiner Schreckensstarre rüttele ich an der Tür, aber diesmal ist Daniel nicht an meiner Seite, der die Tür für mich öffnet. Wie demütigend wäre es, die Veranstaltung wieder durch den vorderen Eingang zu betreten! Balthasar hat mir einmal gesagt, ich solle nicht bei jedem kleinen Problem die Flucht ergreifen. Das habe ich heute Abend auch nicht getan. Aber jetzt kann ich nicht mehr von einem lediglich kleinen Problem sprechen, oder? Er hat unsere Verlobung gelöst! Und ich muss gestehen: Recht hat er gehabt. Wie konnte ich ihn auch so provozieren?

In meinem Kopf wirbelt der Alkohol die Gedanken durcheinander. Bin ich jetzt automatisch Single, weil mir mein Verlobter den Ring abgenommen hat? Darf ich in unsere gemeinsame Wohnung zurückkehren und noch in unserem Bett schlafen? Mist! Ich brauche dringend rechtlichen Beistand. Vielleicht sollte ich doch auf die Veranstaltung zurückgehen und fragen, ob sich ein Rechtsanwalt unter den Gästen befindet. Blöde Idee! Ich bin immer noch betrunken genug, um peinlich zu sein. Als ob ich das nicht nüchtern genauso hinbekommen würde.

Langsam trotte ich um das Gebäude herum. Glücklicherweise ist der Eingang des Clubs so gut wie menschenleer. Lediglich ein paar Raucher haben sich versammelt, um ihrer Sucht zu frönen. Ich ziehe meine Schuhe aus und tapse davon, irgendwohin. Gegen die eisige Kälte an meinen Füßen schicke ich meine Gabe in Schüben durch meinen Körper. Es funktioniert. Die Kälte kann mir nicht viel anhaben.

Nach einer Weile fällt mir dieser Film ein: Soweit die Füße tragen. Ich kichere hysterisch. Es kommt mir Stunden später vor. Ich laufe völlig orientierungslos durch München, jedenfalls gehe ich davon aus, dass ich noch in München bin. Irgendwo. Während ich ein Lied von den Proclaimers summe, nähert sich mir eine Gruppe junger Kerle. Ich singe: »I would walk five hundred miles and I would walk five hundred more …«

»Hey Babe«, unterbricht mich einer der Kerle.

Ich kann jetzt leider nicht mehr weitersingen, da mir der Text des Liedes urplötzlich abhanden gekommen ist. Tänzelnd bewege ich mich an den Typen vorbei und merke nicht, dass die ihren Weg ändern und jetzt hinter mir hergehen. Sie tuscheln. Es klingt wie das Zischen einer Schlange.

Ich drehe mich um, gehe in Kampfposition und boxe mit meinen Stöckelschuhen in die Luft. »Ihr solltet ganz schnell Land gewinnen, Jungs. Ich bin Meister im Vadering.«

Für diejenigen unter euch, die nicht wissen, was Vadering ist. Ich sage nur: Darth Vader in action. Und für diejenigen, die nicht wissen, wer Darth Vader ist: Vergesst es einfach!

Ich mache mit den Schuhen die Geste von Darth Vader, wenn er jemanden mit der Macht würgt. Die Jungs lachen sich schlapp.

Ich bleibe ernst. »Die dunkle Seite ist stark in mir. Ich glaube, ich bin ein … ein … Sith.« Leider kann ich in betrunkenem Zustand das englische »th« noch schlechter aussprechen als ohnehin schon. Ich spucke eine riesige Speichelfontäne von mir und die jungen Männer weichen deswegen vor mir zurück. Na bitte, geht doch!

Ich wende mich um und gehe weiter. Keine Ahnung, ob ich meine Schmerzgabe in meinem desolaten Zustand zur Verfügung habe, aber ich bin zu allem bereit, als ich auf einmal eine laute krätzende Stimme höre: »Lasst die Frau in Ruhe, ihr Lackaffen! Sonst mache ich euch Feuer unterm Hintern, nichtsnutzige Bande!«

Eine riesige Gestalt taucht vor mir in der Dunkelheit auf. Wer ist das? Ach, keine Ahnung! Ist auch egal. Als ich weitergehe, sehe ich plötzlich einen Fluss. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich so nah an der Isar bin. Unterhalb einer Brücke erkenne ich jetzt mehrere Gestalten und die eine, die mit hinkendem Gang den Hang zu mir hinaufkommt, kenne ich.

»Albert«, rufe ich erfreut.

Das ist einer der Herren, die regelmäßig in die Gesundheitsstube und das Café kommen. Ich beschleunige meinen Schritt und rette mich zu dem Mann, der sich da aufgebaut hat. Die jungen Kerle ziehen tatsächlich ihres Weges und ich rufe ihnen hinterher: »Hütet euch vor der dunklen Seite der Macht!«

Albert lacht. »Na, Fräulein Clara, was führt dich denn mitten in der Nacht in diese Gegend?«

»Ach, ein Streit mit meinem … Freund«, gebe ich zu. »Ich habe kein Geld, kein Telefon, gar nichts mehr«, füge ich noch hinzu.

Albert zeigt in Richtung der Brücke. »Da geht es dir so wie uns«, sagt er. »Bis es hell wird, bleibst du wohl besser in unserer Nähe.«

»Wenn ich darf, gerne«, gebe ich zu und hebe mein Kleid, während ich mit Albert den Hang hinabsteige.

»Schuhe anziehen!«, rät Albert, als wir unter die Brücke gehen. »Hier liegen überall Scherben und andere unerfreuliche Dinge.«

Als wir bei seinem Schlafplatz angekommen sind, erhebt Albert seine laute Stimme abermals: »Leute, das ist das Fräulein Clara. Wir haben Freundschaft geschlossen und sie steht unter meinem Schutz. Wer ihr dumm kommt, kriegt es mit mir zu tun, nur damit alle Bescheid wissen.«

Ich bekomme einen Platz auf einem Karton neben Albert zugewiesen. Mit einem Lächeln, reicht mir Albert eine Decke, die wirklich absolut unhygienisch, um nicht zu sagen ekelhaft aussieht, aber in diesem Moment kommt mir diese Decke besser vor als jedes Bett. Natürlich gibt es Alkohol und ich trinke mit.

Leute, jetzt kann ich verstehen, warum Menschen, die auf der Straße leben, trinken. Jeder von uns würde es ganz genauso machen, glaubt mir! Nach einiger Zeit schließe ich Freundschaft mit dem Karton, auf dem ich sitze, und proste ihm sogar zu.

Ich kichere und Albert fragt: »Was ist so lustig?«

»Ach, vor einiger Zeit hat mir schon einmal jemand gesagt, ich hätte eine interessante Verbindung zu leeren Kartonagen, und was soll ich sagen: Recht hat er gehabt.«

Ich nehme einen Schluck aus der Flasche und mir fällt ein, dass hier eigentlich nur noch eine nette kleine Teeküche unter der Brücke fehlen würde, da pruste ich den ganzen Schnaps aus meinem Mund und lache so lange, bis ich endlich einschlafe.

3

Bei Tageseinbruch werde ich wach, fühle mich aber immer noch vom Alkohol benebelt. Erstaunlicherweise fällt mir trotzdem auf, dass dieser Platz unter der Brücke bei Licht wirklich so unappetitlich aussieht, wie es in der Dunkelheit nur zu erahnen war. Mein Kleid ist total verdreckt und ich will mir nicht so genau darüber Gedanken machen, ob die braunen Flecken darauf von Erde oder anderweitigen Dingen stammen.

Albert ist sofort wach, als ich mich neben ihm aufrichte. »Albert, ich muss los! Danke, dass du mich aufgenommen hast. Wir sehen uns wieder im Stüberl«, flüstere ich.

Er lächelt wissend. Ich wusste es: In diesem harten Kerl steckt ein Herz aus Gold, auch wenn er das nicht zugeben will.

Als ich mich in meinem Kleid den Hang zum Gehweg hinaufgequält habe, versuche ich mich zu orientieren. Es ist Sonntag und so früh ist glücklicherweise nicht viel los. Der kürzeste Weg, der mir momentan einfällt, führt zu Davids Haus. Hoffentlich sitzt Balthasar nicht bei Chris und versucht mich zu finden. Momentan wäre es mir wirklich sehr unangenehm, wenn er mich so sähe.

Chris! Natürlich! Er sieht alles, was ich sehe. Sofort verdecke ich mit meinen Händen meine Augen und schiele immer nur vorsichtig und kurz in die Richtung, in die ich gehen will. Das sieht mit Sicherheit unmöglich aus, aber mein Anblick an sich ist schon auffällig genug, den wird mein merkwürdiges Verhalten kaum mehr steigern. Inzwischen trage ich meine Schuhe wieder in den Händen und riskiere einige Blicke auf die Umgebung. Als ich endlich bei Davids Haus ankomme, setze ich mich kurz auf die Stufen vor der Tür, bedecke mir die Augen und bereite mich innerlich auf meine Rückkehr in die Zivilisation vor. Das einsame Geräusch eines Fahrzeuges lässt mich aufhorchen. Ich schaue die Straße hinunter und stelle fest, dass sich ein Polizeifahrzeug gemächlich dem Haus nähert. Die werden mich doch nicht etwa suchen?

Unsinn! Eine erwachsene Frau ist nach einem Streit mit ihrem Freund verschwunden. Da wird doch nicht sofort eine Suche eingeleitet, oder? Vielleicht aber, wenn der Freund gewisse Kontakte zur örtlichen Polizei hat und die Frau über eine geheime Gabe verfügt.

Ich stehe auf und gehe die Stufen bis zur Haustüre hinauf. Zum Glück ist sie nicht verschlossen. Mit bedeckten Augen husche ich ins Innere.

Gott! Ich bin wirklich völlig gestört. Und ich habe schreckliche Kopfschmerzen. Als Strafe für meine eigene Dummheit nehme ich nicht den Aufzug. Außerdem denke ich, dass Chris die Treppen nicht erkennen wird, falls … Ihr wisst schon.

Meine Kopfschmerzen nehmen während der Tour über die Treppe ungeahnte Ausmaße an und als ich endlich im obersten Stockwerk angekommen bin, muss ich meine Augen geschlossen halten, da ich selbst das schwache Licht im Treppenhaus kaum mehr ertragen kann. Außerdem ist mir plötzlich ganz furchtbar übel.

Ich taste mich zu der breiten Wohnungstür vor und klopfe entkräftet dagegen. Als die Tür sich öffnet, falle ich wie ein gefällter Baum in die Wohnung und schlage auf dem polierten Dielenboden auf.

»Aua!«, bringe ich nur näselnd heraus, da mein Gesicht am Boden klebt.

»Meine Güte«, höre ich Angelas Stimme und es ist mir natürlich peinlich, dass ausgerechnet sie die Tür öffnen musste. Die Nicht-mehr-Verlobte bei der Nie-Verlobten – wie passend!

Außerdem weigere ich mich, meine Augen zu öffnen, da ich sicher bin, dass Chris, sobald er Angela erblickt, Balthasar informieren wird. Es sei denn … nun ja, er mag mich sehr gerne und er würde es sicher akzeptieren, wenn ich nicht wollen würde, dass er Balthasar Bescheid gibt.

»Ich rufe sofort Bale an«, höre ich jetzt allerdings Angela tönen.

Ihre kaum hörbaren Schritte verursachen einen Luftzug an meinem Ohr und ich packe mir, ohne zu schauen eines ihrer Beine. Wie eine Klette kralle ich mich daran fest und da Angela versucht, weiter voranzukommen, werde ich über den Boden gezogen.

»Clara, was zum Teufel soll das? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, schimpft sie und ich antworte: »Ich will nicht, dass du Balthasar anrufst, okay?«

Angela bleibt stehen. »Aber warum denn nicht? Er hat schon die gesamte Familie in Aufruhr versetzt.«

Schritte nähern sich. Dem Klang nach zu urteilen, handelt es sich um David.

»Wir haben uns gestritten«, sage ich und als Angela ein genervtes »Na und?« von sich gibt, lasse ich ihr Bein los und hauche: »Er hat den Ring … er hat mir den Verlobungsring weggenommen.«

Ich höre wie Angela scharf die Luft einzieht.

In diesem Moment tritt David neben mich. »Wie siehst du denn aus, Clara? Hast du unter einer Brücke geschlafen?« In seiner Stimme liegt ebenso viel Belustigung wie Besorgnis.

»Ja«, gebe ich zu und bin mir sicher, dass er es für einen Scherz hält.

Dabei ist es überhaupt nicht lustig, unter einer Brücke zu nächtigen. Die armen Kerle, die das ständig machen müssen, sehe ich jetzt mit völlig anderen Augen.

»Was ist denn mit ihren Augen?«, fragt Angela.

»Chris«, entgegnet David nur und ich nicke lächelnd, während er ergänzt: »Das hättest du dir sparen können. Wenn er jetzt bei mir oder Angela vorbeischaut, dann sieht er dich.«

Scheiße! Das stimmt! Wie dumm von mir.

»Hör zu! Im Haus ist eine Wohnung frei, in der war noch keiner aus der Familie. Ich bringe dich dorthin und du kannst das Bad benutzen. Angela wird dir etwas Frisches zum Anziehen leihen und dann sehen wir weiter.«

»In Ordnung«, sage ich und rappele mich blind vom Boden auf.

Während ich meine Hände von mir strecke und den Weg zurück zur Haustür ertaste, tritt David entschlossen neben mich. »Ach, komm schon, mach die Augen auf oder ich trage dich!«

Als ich nicht reagiere, hebt er mich auf die Arme und trägt mich zum Aufzug. Den ganzen Weg über halte ich die Augen geschlossen und finde es überaus interessant, wie ich mich auf einmal auf Geräusche konzentriere. An Davids Atem kann ich zum Beispiel erkennen, dass er aufgeregt ist, auch wenn ich das an seiner Stimme nicht höre. Okay, vielleicht geht sein Atem auch deshalb schneller, weil er mich die ganze Zeit schleppen muss. Er bringt mich bis zur Wohnungstür. Dort setzt er mich kurz ab, um die Wohnung zu öffnen. Dann trägt er mich in das Badezimmer der Wohnung und als er die Tür von außen schließt, öffne ich die Augen.

Es ist ein gemütliches kleines Bad.

»Ich bringe dir gleich alles, was du brauchst!«, höre ich David durch die geschlossene Tür rufen.

Ich bedanke mich und werfe dann einen Blick in den Spiegel. Ich muss lachen – wenn Chris jetzt wirklich durch meine Augen sieht, wird er bei meinem Anblick zusammenzucken. Meine Smokey eyes, nun ja, ihr könnt euch ja vorstellen, wie die sich im Laufe der letzten Nacht verändert haben. Ich habe anscheinend sogar geweint. Die schwarzen Spuren über meinen Wangen zeugen davon. Meine Haare sehen aus, als hätte ich versehentlich Titus berührt, während er elektrische Experimente macht. Mein Traumkleid hat sich in einen Albtraum verwandelt. Das kann ich so, wie es ist, in den Müll befördern. Ich sehe mir meine dreckigen Hände an und fahre über die Stelle, an der mein Ring – Balthasars Ring – saß. Ich fühle mich unvollständig ohne diesen Ring, ohne diesen Mann. Es klopft an der Badezimmertür und ich schließe sofort die Augen.

David öffnet leise die Tür und schiebt mir durch den entstanden Spalt verschiedene Dinge ins Zimmer. Dann schließt er die Tür sofort wieder. »Du kannst jetzt abschließen. Vielleicht fällt dir ja, während du badest, auch ein, wie wir weiter vorgehen sollen. Angela will unbedingt bei Bale anrufen. Er hat heute Nacht schon mit ihr gesprochen und er hat scheinbar sogar geweint.«

Super! Er löst die Verlobung und heult sich anschließend bei seiner Ex-Freundin aus. Da bin ich natürlich gleich noch mehr motiviert, mich mit ihm zu unterhalten. Immerhin hat er Angela aber nichts davon erzählt, dass er mir den Ring abgenommen hat. Vielleicht hätte ich diese Tatsache auch für mich behalten sollen.

Ich öffne meine Augen und danke David im Geiste, weil er mir einen Block und einen Stift mit ins Bad gelegt hat. Ich schreibe einfach ganz langsam und lese mit.

Hallo Chris,

dies ist eine Nachricht für Balthasar.

Es geht mir gut, zumindest bin ich körperlich unversehrt und ich bin in Sicherheit.

Ich möchte jetzt gerne baden und brauche meine Privatsphäre. Ich rufe Balthasar später an.

Bitte verrate ihm nicht, wo ich bin, falls du es erkannt haben solltest.

Viele Grüße

Clara

Dann schließe ich die Augen als Zeichen für Chris, dass meine Botschaft hiermit beendet ist und er sich aus meinen Augen zurückziehen soll, falls er gerade anwesend ist.

Ich lasse mir ein Bad ein und gleite ins Wasser. Meine Zehen nehmen die ungewohnte Wärme dankbar an.

Als ich später die Sachen anziehe, die Angela für mich herausgerichtet hat, muss ich den Kopf schütteln. Es handelt sich um eine ihrer 7/8 Hosen, deren Beine bei mir bis auf den Boden reichen. In den Pullover passe ich fast zweimal hinein.

David hat mir sogar eine Plastiktüte mitgebracht, in die ich jetzt mein Albtraumkleid stopfe. Ich packe alles zusammen und überlege eine ganze Weile, was ich jetzt tun soll. Ich muss Balthasar anrufen.

Du elender Feigling, beschimpfe ich mich selbst.

Ich verlasse das Bad und kehre zu David in die Wohnung zurück. Er bringt mich in sein Arbeitszimmer. »Also, wie soll es jetzt weitergehen?«

»Ich rufe Balthasar an«, entgegne ich so entschlossen wie möglich.

»Seine Nummer ist eingespeichert. Du musst nur die Kurzwahltaste drücken und dann die Nummer 34«, sagt David und verlässt das Büro.

Er hat vorsorglich ein Päckchen Taschentücher für mich bereitgelegt.

Das gibt es doch nicht! Nennt man das nicht klassische Konditionierung, wenn jemand schon zu heulen anfängt, nur weil er ein Päckchen Taschentücher sieht? Wahnsinn!

Ich putzte mir die Nase und nehme den Hörer ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit betätige ich die Kurzwahltaste und dann, nachdem ich nochmals tief durchgeatmet habe, tippe ich 3 und dann schnell die 4, bevor ich falsch verbunden werde.

Balthasar nimmt sofort ab. Er scheint zu wissen, dass ich es bin, denn er meldet sich ganz ruhig mit einem »Na du?«.

Ich schluchze hemmungslos in den Hörer.

Halt! So nicht!

»Scheiße!«, schreie ich unter meinem Heulkrampf. »Warte kurz … ich … ich rufe nochmal an.« Dann lege ich auf und ziehe das zweite Taschentuch aus der Packung.

Nachdem ich einem Elefanten Ehre gemacht habe, wähle ich erneut die Nummer. Meine Nase fühlt sich an wie eine Leuchtboje in der Sonne und ich räuspere mich gerade, als Balthasar erneut an den Apparat geht.

Ich rede sofort los: »Ich kann wirklich verstehen, dass du Schluss gemacht hast. Du liegst damit vollkommen richtig. Ich bin peinlich und total dämlich und bescheuert. Und du hast etwas Besseres verdient als mich. Ich …«

Die Tür zu Davids Arbeitszimmer geht auf und da kommt Balthasar herein. Er kommt zu mir und er hat sich sein Telefon ans Ohr gedrückt.

Vor lauter Aufregung rede ich immer noch in den Hörer: »Nein, hör zu, so geht das nicht! Du kannst jetzt nicht einfach hier sein und in mein Gespräch platzen … ich meine … ich möchte jetzt in Ruhe mit dir telefonieren … Scheiße!«

Ich lege den Hörer auf und ziehe das dritte Taschentuch aus der Packung. Balthasar schaltet sein Telefon ebenfalls aus, steckt es in seine Tasche, schließt leise die Tür und kommt auf mich zu. Ich putze mir die Nase und trockne meine feuchten Augen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf ihn zugehen oder lieber den Rückzug antreten soll. Alles, was mein Körper zustande bringt, ist ein leichtes Schwanken in beide Richtungen, während meine Füße am Boden kleben, als hätte David dort Kleister verteilt. Balthasar lässt sich unendlich viel Zeit für seinen Weg und mein Schwanken suggeriert mir, das sich der Boden unter meinen Füßen bewegt. Mir wird tatsächlich etwas schwindelig. Als ich kurz meine Augen schließe, muss Balthasar einen großen Schritt auf mich zugemacht haben. Denn, noch während ich meine Augen wieder öffne, spüre ich bereits seine Arme um mich. Balthasar küsst mich leidenschaftlich. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr und schlingen sich um ihn. Meine Lippen gehorchen mir auch nicht mehr, weil sie sich widerstandslos öffnen und seine Zunge in meinem Mund willkommen heißen. Meine Stimme hat sich zu einem unkontrollierbaren, lustvollen Stöhnen verwandelt. Mein Körper hat vor mir erkannt, dass ich diesen Mann bei mir haben will. Ich will in festhalten und nie wieder gehen lassen.

Okay, jetzt gehorcht mir auch mein Gehirn nicht mehr. Falls es das überhaupt jemals tut. Ist ja auch egal. Balthasar ist da und will mich küssen.

Meine Hände finden sein Gesicht und als ich Nässe spüre, reiße ich erschrocken die Augen auf. Er weint tatsächlich! Männer, die weinen – das ist gar nicht gut. Ich will keine Frau sein, die einen Mann zum Heulen bringt. Das ist schlimm! Das ist so richtig schlimm.

Bevor Balthasar seine Augen öffnet, schließe ich meine ganz schnell. Hoffentlich beendet er jetzt den Kuss nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich zu ihm sagen soll. Mein ganzer verständnisvoller Text ist den Bach hinunter und ich spüre bloß noch die Verletzung, die er mir damit zugefügt hat, indem er mir den Ring vom Finger zog.

Jetzt bin ich es, die den Kuss beendet. Aber ich öffne meine Augen nicht, weil ich mich weigere, mich der Realität zu stellen.

Balthasar ergreift meine Hand und ich spüre, dass er mir den Ring zurück auf den Finger schiebt.

»Ich habe völlig überreagiert«, sagt er leise. »Es tut mir leid. Ich hätte niemals meine Gabe derart missbrauchen dürfen.«

Jetzt traue ich mich doch, die Augen aufzumachen.

»Nein, ich bin so ein Idiot! Ich habe dir die Einweihungsfeier deines Clubs vermasselt«, gebe ich zu.

»Ach was, das ganze Spektakel brauchen wir nicht. Ich kann dich verstehen«, raunt Balthasar und reibt seine Nasenspitze an meiner.

»Hast du hier übernachtet?«, frage ich ihn.

Er lächelt und ich spüre die alte Vertrautheit zwischen uns. »Ich habe bei Chris übernachtet und er hat die Brücke erkannt, als du aufgewacht bist.«

Oh oh.

Balthasar geht nicht auf meinen schockierten Gesichtsausdruck ein. »Da die Brücke in der Nähe von Davids Haus liegt, habe ich einfach mein Glück hier versucht.«

Erst jetzt bemerke ich den merkwürdigen Pullover, den Balthasar trägt. »Ist der von Chris?«

Er grinst und sieht an mir hinunter: »Ist das von Angela?«

Ich schmiege mich in seine Arme und vergrabe mich in dem dicken Wollpullover.

»Bist du noch böse auf mich?«, frage ich nach einer Weile.

Balthasar streichelt mein Haar, als er raunt: »Nein, das weißt du doch. Ich kann dir nie lange genug böse sein, um dir etwas nachzutragen, außer vielleicht …« Erschrocken sehe ich zu ihm auf und warte, was er zu sagen hat.

»Der Kuss, Clara. Warum hast du John geküsst?«

Mist! Ich habe John geküsst. Genau! Ich wusste doch, dass da noch etwas gewesen ist. Nicht, dass ich es wirklich vergessen hätte.

»Daran kann ich mich gar nicht erinnern«, versuche ich auszuweichen.

Balthasars Blick zeigt mir deutlich, was er von meinen Ausflüchten hält.

»Okay, schon gut! Ich kann mich daran erinnern … ganz verschwommen. Ich muss mich bei John entschuldigen«, hauche ich leise.

»Bei John entschuldigen? Und was ist mit mir, deinem Verlobten?«, höre ich Balthasar in mein Ohr zischen.

Wenigstens glaube ich, dass er es nicht ganz so ernst meint.

»Ich habe mich so über dich geärgert, deshalb habe ich John geküsst. Ich wollte mich einfach dafür rächen, dass du ihn auf mich angesetzt hattest«, gebe ich zu.

»Verstehe schon, wieder einmal erst gehandelt und dann überlegt. Richtig?«, stellt Balthasar fest.

»So bin ich eben«, seufze ich. »Außerdem war ich betrunken.«

»Ja, ich weiß«, höre ich Balthasar knurren.

»Liebst du mich noch?«, frage ich ganz leise.

Balthasar umfasst mein Kinn und zieht mich ganz langsam zu sich heran. Meine Augen schließen sich automatisch, je näher ich ihm komme. Mein Mund öffnet sich leicht und ich erwarte seinen Kuss. Erst, als ich ihn leise lachen höre, öffne ich die Augen wieder.

»Ich liebe dich. Für immer«, antwortet er leise und ich weiß, dass er diese Formulierung ganz bewusst verwendet.

Endlich küsst er mich.

David ruft uns zum Frühstück. Mal abgesehen davon, dass ich aus Après Suff-Gründen wenig Appetit habe, ist die Situation am Frühstückstisch für mich kaum zu ertragen. Zum einen habe ich das Gefühl, dass Balthasar und ich unter Beobachtung stehen. Jede Geste, jeder Blick, den wir uns zuwerfen, wird von David und Angela mit Argusaugen beobachtet. Auch Angelas Blick auf meinen Verlobungsring nehme ich zur Kenntnis.

Zum anderen wäre ein Versöhnungsfrühstück zu zweit jetzt wesentlich schöner.