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Sie ist die Sonne, die er verloren hat. Prinzessin Aurora von Morena hat viele Regeln, diese ist die wichtigste: Date niemals einen Rennfahrer. Doch ausgerechnet in der Nähe von Formel 1-Fahrer Adrian Brunetti fühlt sich Aurora wirklich frei. Weswegen sie ihn in dieser einen, perfekten Julinacht aus einem Impuls heraus heiratet. Am nächsten Morgen will sie die Verbindung sofort wieder lösen, aber Adrian gerät beim Grand Prix von Morena in einen schrecklichen Unfall. Aus dem einstigen Sunny Boy wird ein verschlossener Typ. Nur bei Aurora blitzt der alte Adrian durch. Und so muss sie sich fragen, was es bedeutet, wenn sie ihre Regel bricht – hat sie doch schon einmal einen geliebten Menschen an den Sport verloren … Seine Leidenschaft ist die Formel 1, sie hasst den Sport mit Leib und Seele. Prinzessin Aurora von Morena und Rennfahrer Adrian Brunetti bieten Tension und Tiefgang. - Golden Retriever x Black Cat mit Shared Past: Auroras Vergangenheit hat sie geprägt. Doch es ist auch seine. - Sunny Boy Turns Bitter: Adrian Brunetti ist purer Sonnenschein. Bis er sein Strahlen bei einem Unfall verliert. Nur Aurora schafft es, mit ihrem Sternenlicht zu ihm durchzudringen. - Sports Romance mit Wohlfühlcharakter: Carolin Wahls Leidenschaft für den Rennsport ist auf jeder Buchseite spürbar. Gekonnt verwebt sie die Dynamik des Sports mit der Romantik und Wohlfühlatmosphäre ihrer beliebten New-Adult-Romane. - Regeln und Leidenschaft, Monarchie und Sport: Colliding Hopes zeigt ein Leben geprägt von Pflichtbewusstsein – und eins mit Liebe zum Risiko. Die SPIEGEL-Bestsellerautorin wirft einen Blick hinter die Kulissen der High Society und die Fassaden der Rennfahrer. - Found Family vor traumhaftem Setting: Mit Aurora und Adrian prallen zwei Welten aufeinander, doch eines haben sie gemeinsam: Freundschaft und Familie steht über allem.
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2026
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese beinhaltet Spoiler für die gesamte Geschichte.
Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis!
Eure Carolin und das Loewe Intense-Team
Für all diejenigen, die glauben, sich in eine kreisrunde Form pressen zu müssen, obwohl sie doch eigentlich ein Stern mit wunderschönen Zacken sind.
Playlist
AURORA – »Hundert Meter«, rief …
Kapitel 1ADRIAN – Das Board teilte …
Kapitel 2AURORA – Ich konnte nicht …
Kapitel 3ADRIAN – Die Vorbereitungen zur …
Kapitel 4AURORA – »Okay, Auri. Woran …
ADRIAN – »Wollt ihr mich …
Kapitel 5ADRIAN – Die Schilder mit …
Kapitel 6AURORA – »Sind wir nicht …
Kapitel 7ADRIAN – »Alles Gute zum …
Kapitel 8AURORA – Zu meiner Überraschung …
AURORA – Mein Schädel protestierte …
Kapitel 9ADRIAN – »Ist dir kalt …
Kapitel 10AURORA – Bibbernd vor Kälte …
Kapitel 11ADRIAN – Mit meiner eisernen …
ADRIAN – Der Himmel weinte …
Kapitel 12AURORA – Blinzelnd erwachte ich …
Kapitel 13ADRIAN – Als ich aufwachte …
Kapitel 14AURORA – »Lass uns allein …
Kapitel 15ADRIAN – Nur ein Anruf …
Kapitel 16AURORA – Mit Blaulicht wurden …
Kapitel 17ADRIAN – Sobald ich den …
AURORA – Freizeichen. Freizeichen. Freizeichen …
Kapitel 18AURORA – Ich spürte nichts …
Kapitel 19ADRIAN – Da war nur …
Kapitel 20AURORA – »Aurora.« Pa klang …
ADRIAN – Das Wasser spritzte …
Kapitel 21ADRIAN – Es war schwer …
Kapitel 22AURORA – Frustriert stellte ich …
Kapitel 23ADRIAN – Die Bergspitzen ragten …
Kapitel 24AURORA – Adrian klammerte mich …
AURORA – »Was machst du …
Kapitel 25ADRIAN – Ich fühlte mich …
Kapitel 26AURORA – Ich schaffte das …
Kapitel 27ADRIAN – »Du ziehst das …
Kapitel 28AURORA – Mein Herz klopfte …
ADRIAN – »Noch ein Interview …
Kapitel 29ADRIAN – Meine Gewissensbisse hielten …
Kapitel 30AURORA – »Du kannst nicht …
Kapitel 31ADRIAN – Die Sonne stand …
AURORA – Es war noch …
Kapitel 32AURORA – Morena verwandelte sich …
Kapitel 33ADRIAN – Der Kuss verwandelte …
Kapitel 34AURORA – »Wow«, sagte Fiona …
Kapitel 35ADRIAN – Es war seltsam …
Kapitel 36AURORA – Weihnachten verbrachten wir …
Kapitel 37ADRIAN – Als wir den …
Kapitel 38AURORA – »Was genau soll …
Glossar
Danksagung
Triggerwarnung
Adele – Skyfall
Billie Eilish – Bellyache
Britney Spears – Circus
Don Toliver – Lose My Mind (feat. Doja Cat)
Gracie Abrams – Risk
Hans Zimmer – F1
Katy Perry – The One That Got Away
Kings of Leon – Use Somebody
Imogen Heap – Headlock
Jenna Raine – 2%
Lana Del Rey – White Mustang
Ludovico Einaudi – Experience
Mazzy Star – Fade Into You
Nelly – Just a Dream
RAYE – WHERE IS MY HUSBAND!
ROSÉ – Messy
Roxette – Listen To Your Heart
Paloma Faith – Only Love Can Hurt Like This
Sabrina Carpenter – Tears
Sombr – Back to Friends
Stacie Orrico – I Promise (Stacie Orrico Album)
Surf Mesa – ily (i love you baby) (feat. Emilee)
Tate McRae – Just Keep Watching
The Neighbourhood – You Get Me So High
The Weeknd & Anitta – São Paulo
The 1975 – About You
Timbaland – The Way I Are (feat. Keri Hilson & D.O.E.)
»Hundert Meter«, rief Adrian vom Beifahrersitz, den Blick wie ein Laserpointer auf die Karte in seinem Schoß gerichtet. Seine schwarz gelockten Haare klebten ihm an der Stirn.
Automatisch spannten sich meine Muskeln an, während wir auf den nächsten blinden Punkt zubretterten. Meine Finger waren taub, die Knöchel traten weiß hervor und mein Magen fühlte sich an, als würde er jeden Moment den Kampf gegen die Übelkeit verlieren, obwohl ich von meinem Platz hinter dem Beifahrersitz zum Glück nicht so viel sah. So fest ich konnte, presste ich meine Lippen zusammen.
Unter keinen Umständen würde ich schreien. Oder quieken. Lieber würde ich sterben, als mir vor den Freunden meines Bruders die Blöße zu geben.
Der Wagen rollte in einer mörderischen Geschwindigkeit auf die Serpentine zu und mein panischer Blick sprang zu meinem besten Freund Konstantin, der seine prankenartigen Hände fest um das Lenkrad geschlungen hatte.
»Eine Hand am Lenkrad ist kein Problem. Sobald ein Rennfahrer die zweite dazunimmt, solltest du dir Sorgen machen«, hatte mir Adrian augenzwinkernd zugeraunt, als ich mit verschränkten Armen vor dem schwarzen Porsche Taycan gestanden und zweifelnd zwischen den Jungs hin und her gesehen hatte. Keine Ahnung, ob es die moreanische Sommersonne, die unbändige Hitze oder der gefühlt an jeder einzelnen Hautschuppe klebende Schweiß gewesen war, aber ich hatte mich bereit erklärt, mit den beiden und meinem Bruder zu dem verborgenen Strand zu fahren. Dort, wo Touris nicht hinfanden. Wo das Klippenspringen ungesehen geschah. Wo wir einfach sein konnten, unsere Namen, unsere Identität und Geschichte ablegten.
Ich bereute die Entscheidung. Mein Aurora-früheres-Ich hätte es besser wissen müssen. Eigentlich.
»Jetzt. Es ist frei!«
Konstantin stieg in die Eisen, erwischte den perfekten Bremspunkt. Ein blinder Fleck und mein Blick hechtete die Kurve nach oben, um zu schauen, ob uns ein anderes Fahrzeug entgegenkam. Ich sah nichts. Kein anderes Auto.
Zum Glück.
Doch meine Erleichterung hielt nicht lange an. Denn mein bester Freund ließ das Lenkrad zurückschnellen, brachte es in Position und gab auf der Geraden wieder Gas, wobei er an nicht einsehbaren Stellen immer kurz abbremste. Er lachte. Als wäre das ein Witz. Als wäre das alles nur ein beschissener Witz.
So fest es ging, kniff ich die Augen zusammen. Mein Herz raste. Jeder Muskel in mir fühlte sich an, als würde ich im nächsten Moment zerspringen.
»Alles ist gut«, hörte ich eine sanfte Stimme vor mir und öffnete die Lider. Im Seitenspiegel des Beifahrersitzes trafen sich Adrians und mein Blick. Durch den Lichteinfall schimmerten seine Augen in einem karamellfarbenen Braun und waren voller Wärme. Ein sanftes Streicheln über meine aufgewühlte Seele.
»Konzentrier du dich darauf, dass Konstantin uns nicht alle umbringt!«, knurrte ich und wedelte mit einer Hand. Tat so, als wäre mir das alles egal, obwohl ich mir fast in die Hose machte. Mir wurde entsetzlich heiß.
Pippo, mein Bruder, der neben mir saß, schnaubte. »Hast du etwa Angst, Auri?«
»Halt die Klappe!«
»Uhhhh, feisty«, kam es von Konstantin, der den Blick keine Sekunde von der Straße nahm. Obwohl er grinste, las ich die Anspannung in seinen Zügen. Die Konzentration. Der Wagen schoss in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit den Berg hinauf. Geradeaus. Immer höher. Ich sah die nächste Kurve größer werden.
»Nach dieser Biegung kommt noch eine Spitzkehre.« Adrian hatte sich wieder seiner Aufgabe gewidmet.
Schweigen dröhnte zwischen uns.
»Dreihundert.« Nur Adrians Stimme durchschnitt die Stille.
Ich hielt den Atem an.
»Hundert.«
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit.
»Jetzt.«
Wieder bremste Konstantin blind. Mein Puls hämmerte mir gegen die Kehle. Ich hatte Angst. Schluckte den Schrei, der auf meinen Lippen lag, als ich das Auto vor uns bemerkte. Mein Blick versengte den erschrockenen Ausdruck im Gesicht der Frau, die hinter dem Steuer des kleinen Fiats saß. Ihr Mund öffnete sich zu einem stummen O. Ihre Panik war nicht zu übersehen. Der Aufprall war unausweichlich.
Gänsehaut. Überall auf meinem Körper.
Ich sah es kommen. Spürte jeden Muskel. Spürte die Gefahr, den Todeskuss im Nacken. Übelkeit rumorte in meinem Bauch und das flaue Gefühl verstärkte sich.
Alles ging so schnell und gleichzeitig so langsam, als hätte jemand die Zeit angehalten. Einfach eine Stopptaste gedrückt.Das war’s, dachte ich.
Und so fühlte es sich auch an. Endgültig.
In letzter Sekunde wich Konstantin aus. Haarscharf. Millimetergenau.
Die beiden Wagen schlitterten aneinander vorbei. Ein wütendes Hupen dröhnte uns hinterher und das Schweigen wurde von einem erleichterten Lachen abgelöst.
»Scheiße!«, stieß ich aus, als es weiterging. Wieder hoch. Wieder geradeaus.
In zwei weiteren Kurven hielt ich die Augen geschlossen, lauschte dem tosenden Sturm in meinem Innern. Noch drei Kurven. Dann war der Spuk vorbei. Als wir anhielten, faltete ich die Hände im Schoß, damit niemand mein Zittern bemerkte.
»Wohooooo!«, grölte Konstantin. Pippo schlug mit der flachen Hand gegen die Innenverkleidung. Adrian sagte kein Wort, doch ich sah die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen. Und den ernsten Zug um seinen sonst immer so spöttisch grinsenden Mund.
Mit wackligen Beinen stieg ich aus. Ich verbarg meine Augen hinter einer monströsen Sonnenbrille und setzte eine unbeteiligte Miene auf, aber ich bemerkte Adrians Blick, sobald er sich vom Sitz erhoben hatte. Prüfend sah er mich an.
»Alles gut?«
Mein gezwungenes Lächeln kämpfte gegen meinen rumorenden Magen.
Doch bevor ich etwas erwidern konnte, schlang Konstantin einen Arm um meine Schultern und küsste mich auf die Wange. »Gib’s zu, du hast dir fast in die Hose gemacht!«
»Fünf Tropfen, ging aber nichts auf den Sitz«, antwortete Adrian an meiner Stelle und ich warf ihm einen dankbaren Blick zu. Seine Miene wirkte immer noch seltsam ernst, selbst das einnehmende Grinsen war einem besorgten Ausdruck in meine Richtung gewichen.
Also boxte ich gegen seine Schulter. »Gib doch nächstes Mal Bescheid, dann pack ich dir ein paar Windeln ein …«
Alle lachten. Doch das mulmige Gefühl in meiner Brust blieb. Weil sie mit dem Tod spielten.
Und ich mir nicht sicher war, ob sie dieses Spiel gewinnen würden.
Das Board teilte den Schnee in eine perfekte Bahn und ich verlagerte das Gewicht in Richtung Talseite, nahm den Schwung mit und fuhr eine bauchige S-Linie. Vereinzelt zogen Tannen an mir vorbei. Ich spürte meinen gleichmäßigen Herzschlag. Der Fahrtwind kämpfte gegen die fast schon unerträglich warmen Sonnenstrahlen. Dezember in Norwegen. Kurz vor Weihnachten. Und es fühlte sich fast an wie im norwegischen Hochsommer, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass wir in zwei Stunden mitten am Tag unter Flutlichtern fuhren und die besten Aussichten auf Nordlichter hatten.
»Hast du nicht eine Klausel in deinem Vertrag, die dir den halsbrecherischen Quatsch untersagt?«, rief mir Pippo zu, der selbst durch den Neuschnee pflügte, als würde es kein Morgen mehr geben. »Wenn das dein Team sieht, gibt es wieder eine saftige Strafe.«
»Du meinst wie bei Walsh, als er sich den Magen verdorben hat und nicht pünktlich zur Hymne antreten konnte?«
»Oder Kiefer, nachdem er in Abu Dhabi unerlaubterweise Donuts gedreht hat.«
»Solange du es nicht filmst und irgendwo hochlädst, habe ich von meinem Team nichts zu befürchten«, antwortete ich und fuhr an ihm vorbei. Es rauschte, als mein bester Freund die Geschwindigkeit erhöhte und mich zu überholen versuchte. Adrenalin brodelte in meinem Blut. Ich ging in die Knie, schob mich weiter nach vorn und hörte Pippo lachen.
»Ist das dein Ernst?«
Wir waren fast gleichauf, aber es gab nicht viel Platz. Die Bäume standen zu dicht. Ich hörte das Knirschen und Knistern unter Pippos Skiern. Aber ich hielt ihn weiter hinter mir.
Als Antwort winkte ich ihm zu, ehe ich mich vorbeugte, den Berg hinabstürzte und dem vollkommenen Gefühl nachjagte, das nur die Geschwindigkeit in mir auslöste.
Ich fuhr die Kurven temporeich und sauber, immer enger. Wurde noch schneller. Flog förmlich durch das weiße Pulver. Mein Board brach durch den Schnee abseits der Piste und ich konzentrierte mich auf Unebenheiten, mögliche Gefahrenquellen. Hinter mir hörte ich Pippo auf Italienisch fluchen und grinste in mich hinein. In winzigen Momentaufnahmen flog die norwegische Landschaft durch mein Sichtfeld.
An der Biegung der Talabfahrt fuhr ich zurück auf die Piste und hielt am Rand an, wo ich demonstrativ auf die Sportuhr an meinem Handgelenk schaute. Nur wenige Sekunden später tauchte mein bester Freund auf. Absichtlich bremste er viel zu weit oben und viel zu scharf, sodass ich die volle Ladung Schnee abbekam.
»Tat jetzt weh fürs Ego, oder?«, fragte ich ihn grinsend, woraufhin er mir den behandschuhten Mittelfinger zeigte. Hinter seiner blickdichten Skibrille konnte ich zwar nicht erkennen, wie er mich anschaute, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er es trotzdem witzig fand.
In diesem Augenblick schoss eine komplett in Weiß gekleidete Skifahrerin an mir vorbei. Mein Blick wanderte zu der perfekten Linie, den perfekt parallel laufenden Skiern und dem rosafarbenen Helm, den ich vermutlich in tiefster Dunkelheit wie ein Leuchtturmsignal erkennen würde. Mein Herz setzte einen quälend langen Schlag aus, ehe es schneller weiterklopfte. Ihr Anblick traf mich eiskalt. Hinter ihr fuhr ein hochgewachsener Mann in einem tannengrünen Outfit.
Fragend drehte ich mich zu Pippo um. »Aurora und dein Cousin sind auch hier?«
»Habe ich das nicht erwähnt?« Der Arsch besaß die Dreistigkeit zu feixen. »Ich dachte, das hätte ich. Auri war bei ihm in Oslo und sie haben spontan entschieden nachzukommen.«
»Nein, das hast du Wichser schön ausgespart.«
»Habe ich das?«
»Ja.« Andernfalls hätte ich es mir überlegt, seinem Vorschlag mit dieser Reise zuzustimmen. Die Saison der Formel 1 war vorbei, ich hatte sämtliche Pflichttermine hinter mir und war froh, ein bisschen Freizeit zu genießen, bevor die Vorbereitungen für das nächste Jahr mich wieder voll in Beschlag nehmen würden. Ich brauchte die Entspannung. Den freien Kopf. Das Durchatmen. Die Pause. Die Stille, ehe der Rennsportzirkus wieder losging.
Doch mit Prinzessin Aurora von Morena, die mit vollem Namen Aurora Beatrice Vittoria Konstanze Ruffo di Morena hieß, würde es ganz sicher nicht entspannt werden.
Unter anderen Umständen hätte ich nichts dagegen gehabt. Sie erdete mich auf eine beängstigende Weise, aber manchmal fehlte mir die Kraft, gegen ihre ausgefahrenen Krallen anzukämpfen, obwohl ich sehr genau wusste, weshalb sie so kratzbürstig war. Bei dem Gedanken spürte ich einen fetten Kloß im Hals.
»Entschuldige bitte, dass ich dir die Info erspart habe. Aber du wärst vermutlich nicht mitgekommen, wenn ich es dir gesagt hätte«, schlussfolgerte Pippo richtig und zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid.«
»Tut es nicht, dir ging es nur um deinen Arsch und dass du nicht ohne Begleitung herkommen wolltest. Oder es liegt an deiner sadistischen Ader«, erwiderte ich und setzte mich in Bewegung.
Pippo ließ die Skier laufen und kreuzte meine Bahn. »Okay, du hast recht«, rief er mir entgegen. »Aber ich habe dich während der zweiten Saisonhälfte gar nicht zu Gesicht bekommen und wollte nicht, dass du wegen meiner Schwester absagst.«
»Das spielt keine Rolle. Dann hätte ich es wenigstens einordnen können. Und wenn es dir wichtig ist, dass ich mitkomme, sag mir beim nächsten Mal auch das.« Und es trifft mich nicht so unerwartet.
Pippo nickte und wir setzten die Abfahrt schweigend fort.
Als wir an der Talstation ankamen, warteten Aurora und Marius, seinerseits der Kronprinz von Norwegen, an den Gondeln auf uns. Im Gegensatz zu Pippos Schwester behielt Marius seine Brille auf.
»Hi«, sagte ich und grüßte ihn unförmlich. Er nickte mir freundlich zu.
Ich schnallte das Board ab, und als ich mich aufrichtete und meine Brille über den Helm schob, traf mich Auroras Blick. Der Schock stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Abrupt wandte sie sich ihrem Bruder zu, ihre Augen sprühten Funken. Glucksend hob Pippo die Hände, die bereits ausgezogenen Skier lehnten an seiner Schulter, die Stöcke baumelten am Handgelenk.
»Ich bin unschuldig«, log er schamlos.
»Unschuldig?«, knurrte Aurora und deutete mit abfälliger Miene auf mich, als hätte ich einen Ausschlag, mit dem sie unter keinen Umständen in Berührung kommen wollte. »Ehrlich. Ich wäre mit Fi in den Wellnessurlaub geflogen, wenn ich geahnt hätte, dass Adrian auch dabei ist.«
»Ich kann dich hören«, kommentierte ich und versuchte gar nicht erst, gegen das Schmunzeln anzukämpfen, das sich auf meinen Lippen breitmachte.
»Gut so«, antwortete Aurora und funkelte mich an. Sie bellte zwar wie ein Rottweiler, war im Grunde aber so harmlos wie ein Schoßhündchen. Wobei ich sie eher mit einer Katze vergleichen würde. Schön und stolz. Aber wenn sie einmal ihr Herz verschenkte, dann richtig.
»Hätte ich gewusst, dass du hier bist …«, wiederholte sie.
»Stets zu Diensten, Prinzessin«, unterbrach ich sie und tippte mir mit zwei Fingern gegen die Schläfe. »Jetzt habe ich wenigstens eine würdige Gegnerin bei sämtlichen Spielen, in denen ich die anderen abgezogen habe.«
Ein herausforderndes Funkeln trat in ihre Augen. »Als ob du eine Chance hättest.«
Ich hob meine behandschuhten Finger und begann abzuzählen: »Mario Kart, keine Chance. Risiko, vergesst es. Taktisch bin ich euch jedes Mal überlegen. Poker, mein Pokerface ist Gold wert. Siedler, ich gewinne fast jedes Mal, weil ihr eure Rohstoffe verscherbelt.«
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht.« Aurora lachte auf.
»Solange ihr beiden euch nicht zusammentut, ist alles gut«, meinte Pippo.
Auroras und mein Blick trafen sich. Ich las den Kampf in ihren Augen, die Frage, ob sie für ihren Ehrgeiz auch über ihren Stolz springen und nicht gegen mich, sondern mit mir kämpfen würde. Die Antwort war simpel: nein.
Verflucht, der Stich ins Herz schmerzte mehr, als er sollte.
»Wie lange wollt ihr bleiben?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
»Bis Sonntag.«
»Gut, wir auch«, flötete ich und deutete eine leichte Verbeugung an. Dann hielt ich inne und sah in die Runde. »Nur fürs Protokoll, muss ich mich vor einem von euch eigentlich tiefer verbeugen oder gilt das als Affront und Bruch der Etikette?«
Für einen Moment wirkten alle aus dem Konzept gebracht, bis Marius auf sich deutete. »Mein Land, alsoooo …«
Aurora verdrehte die Augen und setzte sich in Bewegung. »Macht das mal unter euch aus.« Sie scannte ihren Skipass, bevor sie zu den kleinen Gondeln davonstakste. Wir folgten ihr. Zum Glück war wenig los. Ich platzierte mein Board auf der anderen Seite von Auroras Skiern an den geöffneten Türen der Sechsergondel, stieg ein und nahm ihr gegenüber Platz. Eigentlich erwartete ich, dass Marius und Pippo folgen würden, doch sie unterhielten sich angeregt. Sekunden vergingen. Sie machten keinerlei Anstalten einzusteigen und wir näherten uns dem letzten möglichen Einstiegspunkt.
Was auch Aurora registrierte. Wie ein Raubtier drehte sie den Kopf und starrte ihren Bruder ungläubig an.
»Willst du mich verarschen?«, schleuderte sie ihm entgegen.
»Ich glaube, es tut euch gut.«
»Da kann ich Pippo nur zustimmen«, kam es von Marius, der so unbedarft grinste, dass man ihm den nächsten Satz fast nicht übel nehmen konnte. »Vielleicht solltet ihr endlich mal … diese Anspannung aus der Welt kriegen.«
Auch ohne obszöne Geste wurde deutlich, was er meinte, und ich bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Aurora bis unter die Haarspitzen errötete, vermutlich aus Zorn.
In diesem Moment schlossen sich die Türen und die Gondel setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Acht Minuten bis zum Gipfel. Acht Minuten, die sich vermutlich wie eine Ewigkeit anfühlen würden.
Als Aurora meinen Blick bemerkte, stieß sie ein abfälliges Schnauben aus.
»Komm bloß nicht auf dumme Gedanken.«
»Zu spät«, hörte ich mich sagen und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme tiefer wurde. Ich liebte es, sie zu triezen. Ich liebte ihre Schlagfertigkeit. Das Augenverdrehen. Dieses umwerfende Lächeln aus ihr herauszukitzeln, das sie so selten zeigte – und das viel zu fragwürdige Dinge mit meinem Magen anstellte.
»Zu spät … wofür?«, tat sie absichtlich ahnungslos.
»Vielleicht sollten wir wirklich einfach vögeln«, zog ich Aurora auf.
»Nur über meine Leiche.«
»Bitte nicht.« Ich neigte den Kopf. »Bisher habe ich keine nekrophilen Neigungen an mir entdeckt.«
Da. Ich sah es. Das leichte, amüsierte Zucken um ihre vollen Lippen, die sie rasch zusammenpresste, als würde ihr Leben davon abhängen.
Zufrieden kreuzte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich zurück. »Ich hab’s trotzdem gesehen.«
»Was gesehen?«
»Das Lächeln. Und ich hab ein mentales Foto davon geschossen. Keine Sorge.«
»Das war kein Lächeln, nicht mal die Andeutung davon. Keine Ahnung, was du dir eingebildet hast, aber wenn ich lächle, sieht das anders aus«, hielt sie dagegen und bei ihrem Blick vergaß ich kurz das Atmen.
»Ich weiß«, sagte ich nur und plötzlich war die Luft schwül und warm und stickig. Vielleicht hatte Marius recht. Vielleicht sollten wir dieser Spannung nachgeben, die seit gefühlt zehn Jahren zwischen uns herrschte. Aber ich wollte es nicht riskieren. Nicht für eine Nacht. Nicht für ein bisschen Spaß und, oh Gott, ich war mir sicher, dass wir eine Menge Spaß haben könnten. Auf so viele erdenkliche Arten. Doch dafür war sie mir zu wichtig. Ihr Seelenheil. Unsere Freundschaft. Auch wenn sie es niemals zugeben würde, dass wir so etwas wie Freunde waren.
Aurora schien die Veränderung auch zu spüren, denn sie verharrte völlig regungslos und ließ mich nicht aus den Augen. Das machte etwas mit mir, denn normalerweise vermied sie direkten Blickkontakt, entwand sich ihm.
Ich kannte den Grund.
Um uns beiden wieder etwas Freiraum zu geben, zückte ich mein Handy und öffnete meinen Feed. Aus dem Augenwinkel sah ich Erleichterung über Auroras Gesicht flackern. Es hätte nicht so scheiße wehtun sollen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich drei Anrufe in Abwesenheit hatte. Von Patrick, meinem Manager und Freund. Der Sohn und Bruder ehemaliger Rennfahrer, der auf Morena lebte und mich und Elyas, einen moreanischen Nachwuchsfahrer, betreute. Ich registrierte auch, dass mein Postfach förmlich explodierte und ich auf unzähligen Bildern verlinkt war. Das passierte eigentlich nur, wenn ich auf dem Podium landete oder eine Pole einfuhr. Oder an Konstantins Todestag. Oder als ich meinen Wechsel in die Formel 1 angekündigt hatte. Nicht … einfach so.
Im nächsten Augenblick sprang mich die Headline förmlich an und mir wich sämtliches Blut aus den Wangen. Sofort klickte ich auf eine verifizierte Seite.
Fuck.
»Alles gut?«
Als ich den Kopf hob, musterte mich Aurora aufmerksam.
Träge zog ich einen Mundwinkel nach oben, obwohl mein Herz viel zu heftig in meiner Brust pochte. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt behaupten, dass du dir Sorgen um mich machst.«
Sofort umwölkte sich ihre Miene und sie schnaubte genervt. »Bild dir bloß nichts darauf ein. Aber du bist plötzlich ganz weiß im Gesicht geworden und dein Ausdruck …« Aurora verstummte. Wahrscheinlich, weil ihr selbst aufging, dass ihre Worte kein bisschen zu ihrer Verteidigung beitrugen. Eher im Gegenteil.
Ich grinste. »Jetzt gehe ich sogar ganz dringend davon aus, dass du dir Sorgen machst, Stellina.« Ich erstarrte. Verdammt. Mir wurde heiß. Der Kosename war mir seit Jahren nicht über die Lippen gekommen, denn er barg so viele vergangene Emotionen, dass es beinahe schmerzte.
Sie funkelte mich mörderisch an. »Nenn mich nicht so.«
»Ganz, wie du willst«, murmelte ich fast schon zerknirscht und sah wieder auf mein Handy, das sich anfühlte, als hätte es sich in ein glühendes Stück Kohle verwandelt.
»Schlechte Nachrichten?«
»Kann man so sagen.« Ich merkte, wie meine Muskeln sich anspannten. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Malte sämtliche Szenarien aus. Im besten Fall hätte ich endlich einen zweiten Fahrer an der Seite, der das Team mit mir weiterentwickelte, sodass wir einen Shot auf die Constructors’ Championship hatten. Im schlechtesten Fall würde ich auf dem Abstellgleis landen und zum zweiten Fahrer in meinem Heimteam degradiert werden.
»Was ist los?«
Ich sah Auri direkt an, während sie mich interessiert betrachtete. Mir fiel auf, wie grau ihre Augen wirkten. Silbern. Wie Mondlicht. Ich liebte den Kontrast zu ihrem dunklen Haar.
»Duncan McKinnon wechselt zu mir ins Team.«
Aurora klappte der Unterkiefer herunter. »Wie bitte?«
»Er wechselt zu mir ins Team. Ab kommender Saison.« Nun war es ausgesprochen. Ein absoluter Paukenschlag, der die Formel-1-Welt zwar nicht zum Beben bringen, aber durchaus für einige Erschütterungen sorgen würde. Duncan McKinnon war EDs Golden Boy und ein Wechsel eigentlich so unwahrscheinlich wie ein Sieg auf drei Rädern.
Aurora schluckte. »Zu Sterling Racing.«
»Ja, so heißt mein Team.« Ich schmunzelte.
»Oh, verdammt«, murmelte Auri und zog ihrerseits ihr Smartphone aus der Jackentasche. Eine halbe Minute lang überflog sie gebannt irgendwelche Nachrichten, dann tippte sie wie wild auf ihr Display ein.
»Schlechte Nachrichten?«, wiederholte ich ihre Frage von eben.
Sie schüttelte leicht den Kopf. »Nein, geht … Fiona hat gerade ein Vorstellungsgespräch bei euch.«
Nun klappte mir der Unterkiefer herunter. »Moment. Fiona? Fiona MacKenzie – die Tochter des ED-Teamchefs und CEOs Alfred MacKenzie?«
»Ja.«
»Wow.« Wow.
Ich hatte mit vielem gerechnet, aber garantiert nicht damit, dass der stinknormale Tag in den norwegischen Bergen diese Wendung nehmen würde.
Ich konnte nicht schlafen, wälzte mich von der einen auf die andere Seite und starrte an die Decke, bis ich weiße Pünktchen sah. Mein Kopf fuhr Karussell und ich dachte an all die Dinge, die ich noch erledigen musste.
Dass ich nicht in den Schlaf fand, lag garantiert nicht an Adrian Brunetti, der nur zwei Zimmer weiter schlief.
Nein. Unter keinen Umständen hatte er etwas damit zu tun. Oder dass er hier war. In diesem Haus. Zusammen mit Pippo, was sämtliche Erinnerungen hervorrief, die ich sonst unter einer Zementschicht begraben hielt. Deswegen mied ich es wie die Pest, ihnen im Doppelpack über den Weg zu laufen.
Dabei ging ich immer noch zur Therapie, die mir half, über den Verlust hinwegzukommen. Die mir Werkzeuge an die Hand gab, damit ich nicht völlig verloren war. Allerdings war ich emotional intelligent genug, um selbst meine Therapeutin zu manipulieren und den eigentlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Wenn es sein musste.
Frustriert schwang ich mich aus dem Bett und ging in die Küche von Marius’ hytte. Wobei das eine absolute Untertreibung war. Jedenfalls wenn man sich darunter ein hyggeliges Holzhaus inmitten malerischer Berge vorstellte. Das Anwesen erstreckte sich über zwei Hektar und besaß neben einem kleinen See, an dem eine Saunablockhütte stand, auch mehrere Weiden, die im Sommer von Schäfern genutzt wurden. Kaltfront Gustav sei Dank versank die idyllische Landschaft gerade in Postkarten-Pinterest-Schneemassen.
Normalerweise legte ich im Urlaub gern eine kleine Detox-Runde ein, als hätte ich eine Woche im thailändischen White Lotus gebucht. Was bedeutete, kein Social Media, Handy auf Flugmodus stellen und mich voll und ganz auf meine Umwelt fokussieren, ohne daran zu denken, wer mir geschrieben haben könnte, welche Verpflichtungen anstanden oder was online über mich und andere die Runde machte.
Aber Ausnahmen bestätigten die Regel. Also holte ich mein Handy aus meiner Pyjamatasche und stellte den Flugmodus aus. Von den eingegangenen Nachrichten sprang mich eine direkt an.
FionaHast du es gewusst?
Fiona MacKenzie war nicht nur meine beste Freundin, sondern der einzige Mensch auf der Welt, dem ich nicht regelmäßig mit der Bratpfanne eins überziehen wollte. Manchmal könnte ich sie vielleicht mit dem Zahnstocher piksen. Aber auch nur, weil sie genau wusste, welche Knöpfe sie bei mir drücken musste.
Mir war sofort klar, worauf sie anspielte. Das Thema der Motorsportwelt.
Du meinst, weil ich mich regelmäßig mit Adrian zu einem Kaffeepläuschchen treffe und den neusten Gossip austausche?
Keine fünf Sekunden später klingelte mein Handy.
»Kannst du nicht schlafen?«, begrüßte ich Fi und hörte, wie sie seufzend die Luft einsog.
»Nein, du auch nicht?«
»Du kennst mich, mein Gehirn kann nicht so schnell abschalten.«
»Schlaf würde dir aber guttun.«
»Ich weiß.« Es gab vieles, was mir guttun würde, aber ich war eine Meisterin der Selbstsabotage. Weil ich mir Glück nicht zugestand. Mich selbst torpedierte. »Wie lief dein Vorstellungsgespräch?«
»Es war … anders, als erwartet. Ich bin noch nicht sicher, ob es der richtige Schritt ist, für Dads größten Konkurrenten zu arbeiten.« Fiona machte eine Pause, die so schwer wog, dass ich die bleierne Stille wie Ketten spürte. »Im Ernst. Ich könnte ihm genauso gut ein Messer in den Rücken rammen.«
»Fi«, sagte ich leise und eindringlich. »Du hast ihn gefragt, wann du Geburtstag hast, und er ist der fucking Frage ausgewichen. Du hast jedes Recht, dein Ding zu machen und nach den Sternen zu greifen.« Allein der Gedanke daran, wie sie vor ihm gestanden hatte, verletzt und enttäuscht, brachte mein Blut wieder zum Kochen.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Livingstone mich nur einstellt, um Dad eins auszuwischen. Und ich bin für den Job total überqualifiziert, es hat auch eigentlich nicht wirklich was mit meinem Studium zu tun«, meinte sie nun und klang niedergeschlagen. »Aber ich hätte endlich den Fuß in der Tür, verstehst du? Bisher haben mich alle mit Samthandschuhen angefasst und so getan, als hätte ich irgendeine ansteckende Krankheit. Ich … ich will nicht, dass mir das irgendjemand kaputt macht. Schon gar nicht meine eigene Familie.«
»Mir ist klar, wie wichtig dir der Rennsport ist. Es kann aber auch sein, dass dir nur die Vorstellung davon gefällt«, warf ich vorsichtig ein. »Dass du einer Illusion nachjagst, weil du hoffst, dir dadurch auch die Liebe deiner Eltern zu verdienen?«
Eine Weile sagte Fiona nichts, ließ meine Worte auf sich wirken. Ich konnte förmlich hören, wie es in ihrem Kopf ratterte. »Nein, ich glaube nicht. Aber das kann ich erst genau sagen, wenn ich es ausprobiert habe. Es gibt genug Mist in der Formel 1. Ich habe genug Geschichten gehört und gesehen, um zu wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Allerdings muss ich meine eigenen Erfahrungen machen und es zumindest herausfinden.«
»Ja.«
»Danke.« Ihre Stimme war voller Zuneigung.
»Wofür?«
»Dass du es mir nicht ausreden willst, obwohl ich weiß, wie du zum Rennsport stehst.«
Ich unterdrückte ein Seufzen und starrte aus dem Küchenfenster. Es war dunkel. Der Mond versteckte sich hinter dichten Wolken und die einzige Lichtquelle kam von der kleinen Eckstehlampe, die ich eingeschaltet hatte. »Du setzt dich ja nicht hinters Steuer und drehst eine Runde.«
»Es hätte überall passieren können, das ist dir bewusst oder?« Sie spielte auf Konstantins Tod an.
»Natürlich ist mir das bewusst«, murmelte ich mit einer Kälte im Tonfall, die mich erschreckte, weil ich nicht darüber reden oder daran denken wollte. Nicht jetzt. »Aber es war auch seine Mentalität.« Für einen Sekundenbruchteil weigerte ich mich, die nächsten Worte auszusprechen. Doch dann rief ich mir ins Gedächtnis, dass es Fi war, mit der ich redete. »Du hättest den Rennfahrer und den Leichtsinn, den Drang nach mehr, nach schneller und weiter niemals aus ihm herausbekommen. Vermutlich wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis etwas passiert.« Ich dachte daran, wie mein Herz kurz stehen geblieben war, als Adrian und Pippo an der Talstation aus dem Bereich abseits der Piste aufgetaucht waren, auch wenn ich Adrian erst später erkannt hatte. »Rennfahrermentalität. Immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick.«
»Rennfahrermentalität«, wiederholte Fiona sanft und ich konnte förmlich ihren Blick durch den Hörer spüren. Das Mitgefühl. Die Sorge. Sah vor mir, wie sie die Brauen zusammenzog und mich kritisch musterte, ob auch wirklich alles in Ordnung war.
Ich merkte, wie mir die Luft ausging.
»Ich glaube, ich sollte doch versuchen, noch etwas zu schlafen«, hörte ich mich sagen, eine typische Fluchtreaktion, wenn ich nicht wusste, wie ich mich in einer Situation verhalten sollte. Medientraining hin oder her, wenn es um persönliche Dinge ging, zog ich die Mauern so hoch, dass man selbst aus dem Weltall nicht auf die andere Seite schauen konnte.
Glücklicherweise verstand Fiona den Wink mit dem Zaunpfahl sofort. »Schlaf gut …«
»Du auch.«
Als ich aufgelegt hatte, schenkte ich mir endlich ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zug aus. Trotzdem löschte es nicht den Brand in mir. Ich stellte das Glas in die Spülmaschine, drehte mich um und zuckte zusammen. Adrian lehnte in der Tür. Besser gesagt seine Silhouette. Denn mehr erkannte ich nicht von ihm. Ich sah weder seinen Gesichtsausdruck, der im Halbschatten lag, noch seine Augen. Die Arme hatte er verschränkt.
»Na, hält dich die Niederlage in Mario Kart noch wach?«, fragte er und seine samtige Stimme klang, als hätte er sie mit Schmirgelpapier bearbeitet.
Sofort spürte ich, wie mein Herz etwas schneller klopfte und meine Handflächen feucht wurden.
»Es war die Regenbogenstrecke«, knurrte ich. »Das ist mein absolutes Handycap.«
»Tja, vielleicht solltest du noch ein bisschen üben«, meinte er mit einem Augenzwinkern. »Dann kannst du vielleicht bald bei den Großen mitfahren.«
»Du hattest auch einfach sehr viel Glück«, erwiderte ich.
»Meinst du nicht, es liegt viel eher an meiner Rennfahrermentalität?«
Wut rauschte durch meinen Brustkorb. »Schon mal daran gedacht, dass man die Gespräche anderer Leute nicht belauscht?«
»Ich wollte gerade den Rückzug antreten, dann warst du fertig.«
»Also gibst du auch noch zu, dass du gelauscht hast?«
Er zuckte nonchalant mit den Achseln, stieß sich vom Türrahmen ab und kam näher. Mein Blick huschte über seinen Körper. Er trug ein schlichtes weißes Shirt und Boxerbriefs, die nicht viel Spielraum für Fantasie ließen. Meine Kehle fühlte sich seltsam trocken an und ich schluckte, während ich seinen Bewegungen folgte. Seit wann hatte er so schöne, muskulöse Oberschenkel?
»Augen nach oben, Prinzessin. Der Preis ist das hier.«
Sofort riss ich mich vom hypnotisierenden Anblick seiner Beine los. Mir wurde unerträglich heiß, als ich sein freches Grinsen bemerkte, auf das er mit einem Finger deutete.
»Ich hab nicht –« In dieser Sekunde trafen sich unsere Blicke und ich brachte es nicht fertig, die Lüge auszusprechen. Im spärlichen Licht wirkten seine braunen Augen beinahe schwarz und sie funkelten belustigt. Er hob die Brauen und legte abwartend den Kopf schief.
»Okay, ich gebe es zu.« Abwehrend hob ich die Hände. »Aber ich habe nur hingeguckt … weil du Oberschenkel wie ein Rugbyspieler bekommen hast?! Wann zur Hölle ist das passiert?«
Adrian schaute an sich herab und runzelte die Stirn. »Ehrlich gesagt habe ich mich in den letzten zwei Jahren kaum verändert. Gewichtstechnisch auch nicht. Das hätte man beim Wiegen gemerkt.« Er sah mich wieder an und die Nervosität verschwand, wich diesem zweideutigen Gesichtsausdruck, der viel zu eindeutig war. Und mich in den Wahnsinn trieb. Seit Jahren. »Vielleicht solltest du mich öfter nackt sehen.«
»Das kann nicht dein ernsthafter Lösungsvorschlag sein.«
»Ich finde, es hört sich nach einer ganz fantastischen Lösung an.«
»Wie dein knochiger, behaarter Hintern aussieht, ist mir noch gut im Gedächtnis geblieben. Vielen Dank, das eine Mal hat mir gereicht«, wiegelte ich ab und erntete dafür ein so offenes Lächeln, dass mir ganz warm wurde.
»Daran erinnerst du dich noch?«
Täuschte ich mich oder wurde seine Stimme noch ein paar Nuancen tiefer?
Nun war ich diejenige, die die Stirn runzelte. »Äh, ja? Ich war keine drei Jahre alt, sondern siebzehn.«
»Mhmm«, machte Adrian, als würde er in der Erinnerung an jenen Abend während der Weißen Nächte schwelgen. Dabei dachte ich selbst an den Abend vor einigen Jahren zurück. Als wir alle noch zusammen gewesen waren und er mir bereits auf den Keks gegangen war. Als Konstantin, Pippo und er nackt im Meer gebadet hatten. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war.
»Hey«, ich boxte ihm gegen den Brustkorb und bereute es sogleich. Der Typ bestand förmlich aus Muskeln.
Er zog einen Mundwinkel nach oben. »Steinhart, oder?«
»Bitte sag jetzt nicht noch so etwas wie: Weißt du, was noch steinhart ist? Das überlebe ich heute Abend wirklich nicht.«
Adrian lachte butterweich, herzlich und voller Wärme. Ich konnte gar nicht anders, als ihn wie einen seltenen Oldtimer anzugaffen, der sich die Poleposition in einem F1-Rennen geschnappt hatte. Was ich auf meinen aufgewühlten Gemütszustand schob.
»Gott, Aurora, du hast keine Ahnung, wie dringend ich dich gebraucht habe.«
Dich. Nicht das. Dich.
Der Satz war kein Spaß. Kein albernes Flirten. Keine geschärften Klingen. Kein Egopolieren. Der Satz war so ernst gemeint, dass ich eine Gänsehaut bekam.
»Wird schon halb so schlimm werden mit Duncan«, hörte ich mich unvermittelt sagen und biss mir sofort auf die Zunge, verfluchte mich für mein loses Mundwerk.
»Lieb, dass du dich um mich sorgst, aber ich bin mir sicher, dass Duncan ein wenig brauchen wird, um sich an das neue Auto zu gewöhnen.«
Er log und das wussten wir beide. Schließlich stand er als Fahrer extrem unter Druck und durfte sich keine Ängste erlauben. Der kleinste mentale Zweifel konnte einen Fahrfehler verursachen. Und das wiederum könnte früher zu einem Karriereaus führen, als ihm lieb war. Es war Adrians dritte Saison in der Formel 1 und es waren schon andere wegen ähnlicher Umstände schneller von der Bildfläche verschwunden, als sie Bremszone sagen konnten.
»Das kannst du auch nur behaupten, weil du Vardas in die Tasche gesteckt hast. Und das, obwohl er das vermeintlich größere Talent war, bevor er zu Sterling Racing gekommen ist.«
»Verfolgst du etwa meine Saison, Aurora?«
»Bild dir mal nichts darauf ein, 57. Mein Bruder ist zufällig seit siebzehn Jahren dein bester Freund und ich darf mir deine Eskapaden und Fehltritte jede Woche anhören.«
Adrian sah mich beinahe stolz an. »Du kennst meine Nummer.«
Verdammt.
»Das ist mein Stichwort«, antwortete ich, weil ich merkte, dass es kippte. Alles. Die Emotionen in mir. Dieses Spiel aus Feuer und Eis zwischen uns, das gerade zu gefährlich wurde. Als hätte Adrian eine Rakete ins All geschossen, um einen Blick über meine Mauer zu erhaschen. Also wandte ich mich zum Gehen, doch Adrians sanfte Stimme hielt mich zurück.
»Wir haben vielleicht alle eine Rennfahrermentalität, aber wir sind nicht alle leichtsinnig.«
Ich warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Seine Augen waren fest auf mein Gesicht gerichtet, jeglicher Schalk war aus seinen attraktiven Zügen gewichen. Er strahlte eine Ernsthaftigkeit aus, die mein Herz zum Stolpern brachte. »Warum sagst du mir das?«
»Ich wollte nur, dass du das weißt.«
»Okay.«
»Gute Nacht, Aurora.«
»Gute Nacht, Adrian.« Ich benutzte denselben Tonfall und ließ ihn stehen, während sich mein Inneres anfühlte, als hätte er es einfach abgefackelt.
Die Vorbereitungen zur neuen Saison im Februar kamen so schnell, dass ich gefühlt nicht einmal Zeit hatte, in den nächsten Gang zu schalten. Es war ein Spießrutenlauf zwischen meiner Sportroutine im Gym und den Joggingrunden entlang der kerantischen Küste. Ernährung, genügend Schlaf, Freunde und Familie treffen.
Die Information über Duncan McKinnons Wechsel hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und einige Nachrichten waren dazu bei mir eingetrudelt. Hauptsächlich von Menschen aus meinem Umfeld in Keranti. Nicht von anderen Fahrern.
Niemand würde die Hosen so weit herunterlassen, einen neuen Fahrer im Team als potenzielle Gefahr zu betiteln. Wir waren alle die Besten in unserem eigenen Kosmos. Aber es war auch zwingend notwendig, an diesem Mindset festzuhalten. Andernfalls würden wir nie nach der nächsten Lücke suchen, zehn Meter später bremsen, einen Schritt weitergehen.
Auf dem Weg nach Barcelona zum Pre-Season-Testing war ich angespannt. Ich würde nicht nur das erste Mal im neuen Wagen sitzen und ihn ausreizen, sondern mich auch direkt mit Duncan messen.
Ich checkte ins Hotel ein, gab einem der Hotelmitarbeiter ein Autogramm für seine Tochter auf einer Teamcap und ruhte mich im Zimmer aus, bevor mich Coco abholte und zum Team brachte, das bereits unten in der Lobby auf mich wartete. Ein paar der Leute hatte ich im Headquarter während der Aufnahmen für die Pressefotos getroffen. Esra und Max, unseren Physiotherapeuten. Auch Pat, mein Manager, war unter ihnen. Ganz ohne Team-Merch und nicht in den typischen königsblauen Farben, sondern leger gekleidet, fiel es mir schwerer, sie alle auf Anhieb zu erkennen.
Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass es doch manchmal von Vorteil war, wie Clark Kent ohne Superman-Uniform aufzutauchen.
»Hey, tut mir leid, dass wir nicht zusammen herfliegen konnten«, kam es von Pat auf Italienisch mit moreanischem Akzent. Die Entschuldigung war eigentlich unnötig, aber Patrick Langleys Lebensfokus lag normalerweise auf meiner Karriere. Vermutlich fraß ihn das schlechte Gewissen auf, während er mir zur Begrüßung kurz die Schulter drückte.
»Neue Frisur?«, kommentierte ich seinen Buzz Cut. Sofort fuhr er sich verlegen darüber. An den Anblick musste ich mich noch gewöhnen, weil mir der weichere Schnitt seiner Afrolocken bisher gut gefallen hatte.
»Sieht tough aus, oder?«, fragte Pat lächelnd. Die Wahrheit war: Der Haarschnitt war egal, selbst mit einer Clownsnase würde er sämtliche Verhandlungspartner in die Tasche stecken.
»Ich hatte vor, den Deal mit ARTEMIS einzutüten.«
»Wollen sie einen speziellen Platz auf dem Sonderhelm für Miami?«
Pat nickte. »Sieht gut aus, aber sie zögern noch wegen der Konditionen.«
»Ich gebe meine Sterne ungern her«, sagte ich. Nur das Helmdesign wurde uns Fahrern selbst überlassen, selbst wenn es ein einmaliger Sonderhelm war. Alles andere – angefangen von den Farben, dem Auto, der Kleidung und Overalls bis hin zu den Worten aus unserem Mund – war fremdbestimmt. Selbst die Fahrleistung war abhängig von dem Boliden unter unseren vier heiligen Buchstaben.
Aber unsere Helme? Sie boten Raum für eine eigene Fußnote. Persönlichkeit. Glücksbringer. Erinnerungen.
»Ich kümmere mich darum«, sagte Pat zuversichtlich, was ich wirklich an ihm schätzte. Er war meistens optimistischer als ich in diesen Dingen.
»Vielleicht hättest du dir einen Bart stehen lassen sollen, für mehr Seriosität und so.« Ich grinste ihn an.
»Da hast du auch wieder recht«, antwortete Pat und sah kurz aufs Handy. Es gab eigentlich keinen Moment, in dem er nicht mit irgendjemandem noch irgendetwas klärte, aber dafür bezahlte ich ihn auch. Damit er mir den Rücken freihielt und ich mich auf meinen Job konzentrieren konnte, der schon anstrengend genug war. Aber ich liebte das Fahren. Es war ein verdammtes Privileg. Und wenn ich eines Tages nicht mehr ablieferte, würde es genügend neue junge Fahrer geben, die auf meinen Sitz lauerten. Sterlings Nachwuchsprogramm sei Dank.
Pat selbst war ein paar Jahre älter als ich, hatte etwas mehr Erfahrung, denn sowohl sein Bruder als auch sein Vater waren Rennfahrer gewesen und hatten ihre Karrieren bereits an den Nagel gehängt. Er hatte den Duft von Motoröl und V10-Motoren mit der Muttermilch aufgesogen und sich für eine Karriere im Rennsport entschieden, als ich gerade frischer Formel-3-Champion geworden war. Ein Jahr vor Duncan McKinnon.
Bei dem Gedanken an meinen neuen Teamkollegen merkte ich, wie meine Mundwinkel für einen Augenblick herabsanken. Es war das Ungewisse, die Tatsache, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, ob ich ihn hinter mir lassen konnte, wir auf Augenhöhe waren oder ich ihm maßlos unterlegen sein würde.
»Du grübelst sehr laut«, meinte Pat, der mich durchschaute. Seine braunen Augen waren unverwandt auf mich gerichtet.
»Ich grüble nicht.«
»Oh doch, tust du. Hast die Sonne einfach ausgeknipst, mein Freund. Wenn es um eine Frau geht, lass es mich wissen. Dann kann ich immerhin mit einem interessanten Testing rechnen. Wenn es mit McKinnon zu tun –«
»Hat es nicht«, unterbrach ich ihn und ärgerte mich gleichzeitig über meine Reaktion, denn damit hatte ich es nur bestätigt.
Pats wissender Blick sprach Bände. Erleichtert registrierte ich, wie sich Coco näherte und in die Hände klatschte. »Wollen wir los?«
Wir gingen mit dem Team in ein schnuckeliges, katalanisches Tapas-Restaurant, das zwei Etagen hatte und viele verwinkelte Plätze, sodass wir uns auch in der großen Gruppe vor neugierigen Blicken zurückziehen konnten. Zum Glück fiel ich in der Menge sowieso nicht auf. Ich verschmolz einfach mit den anderen. Cheerleader-Effekt.
Ich genoss den Abend und das gute Essen im Kreis der Mechaniker, der Leute aus dem Marketing und der Presse. Kick-off. Endlich wieder bekannte Gesichter sehen und ein bisschen vertraut fühlen. Ich mochte das. Es gab mir ein Stückchen Normalität in einer Welt, die voller Ausnahmen war. Oder zumindest die Illusion davon.
»Möchtest du einen Schluck?«, fragte mich Esra über den Tisch hinweg und hob die halb leere Flasche Rioja in meine Richtung.
Dankend lehnte ich ab. »Aber wenn du willst, dass mir Pat unter dem Tisch das Messer in den Oberschenkel rammt, schenk mir gern ein.«
»Du bist alt genug, um deine Entscheidungen selbst zu treffen«, hielt mein Manager dagegen und ich grinste, während ich den Blick über die Runde schweifen ließ – und an Fiona MacKenzie hängen blieb, die hinter einer Säule in Deckung ging. Verwundert suchte ich nach einem Grund für ihren Tauchgang und entdeckte Duncan McKinnon, der in Richtung Toiletten unterwegs war. Ah. Interessant.
Fiona war Auroras beste Freundin. Ich hatte sie oft gemeinsam am Strand, beim Paddle-Tennis im MOTOMOTO oder im Schloss gesehen, wo sie häufig Zeit miteinander verbrachten.
Da ich die Pause zwischen Hauptgang und Nachtisch sowieso nutzen wollte, um die Rechnung für mein Team zu begleichen, erhob ich mich mit einer Entschuldigung und ging auf unser neustes Teammitglied zu.
»Versteckst du dich etwa vor Duncan McKinnon, Fiona MacKenzie?«, fragte ich sie, woraufhin sie ertappt zusammenzuckte und mit rehgroßen Augen zu mir aufsah. Ihre Wangen wirkten etwas eingefallen, der sonst so freundliche Ausdruck auf ihrem Gesicht etwas gedämpft. Als hätte jemand ihr Licht gedimmt.
»Äh – ich …«, stammelte sie. »Nein, mir ist nur … mein Lipgloss runtergefallen«, sagte sie schließlich, nachdem sie sich gefangen hatte.
»Du meinst den Lipgloss, der in deiner Handyhülle steckt, die du am Platz liegen gelassen hast?«
Fiona erhob sich wieder: »Okay, du hast mich erwischt.«
»Willst du mir den Grund verraten, weshalb du dich vor ihm versteckst?«, fragte ich neugierig und ohne Hintergedanken. Zumindest nicht wirklich. Aber vielleicht gab es etwas, das ich am Ende gegen ihn verwenden konnte. Außerdem juckte es mich in den Eiern, herauszufinden, weshalb er ED so überstürzt verlassen hatte. »Hi, übrigens«, fügte ich hinzu und umarmte sie kurz. Schließlich waren wir keine Fremden.
Als wir uns wieder voneinander lösten, machte Fiona ein seltsames Gesicht, und sobald sich unsere Blicke trafen, wirkte sie total betreten.
»Oh, tut mir leid«, murmelte sie zu allem Überfluss auch noch. Als wäre ihr etwas peinlich.
»Was tut dir leid?«, fragte ich, weil ich auf der Leitung stand.
»Ich habe gerade an Konstantin gedacht. Sein Geburtstag ist doch heute.«
Der Aufprall erfolgte ohne Vorwarnung. Ohne Sicherheitsgurt. Es tat so höllisch weh, dass ich meine gesamte Willenskraft aufbringen musste, damit mir meine Gesichtszüge nicht entgleisten. Mir wurde übel. Kotzübel.
»Sehr aufmerksam von dir«, brachte ich ohne Emotionen hervor. »Und ja. Es ist sein Geburtstag.« Und du Hornochse hast es vergessen, dachte ich. Selten in meinem Leben habe ich mich so schäbig gefühlt wie in diesem Augenblick.
Fuck. Fuck. Fuck.
Ich räusperte mich. »Und, wie geht es Aurora?«
Du hast nicht an Konstantins Geburtstag gedacht. Seit unserem nächtlichen Aufeinandertreffen in Marius’ hytte in Norwegen und den wenigen Tagen danach war sie mir nur einmal zufällig im Palast begegnet. Dabei vermisste ich sie. Ihre Art. Ihren Scharfsinn. Sie. Als Person.
Außerdem war da dieser alberne Beschützerinstinkt. Dieses Bedürfnis, sie vor all dem Übel der Welt zu bewahren. Oder zumindest an ihrer Seite zu sein, wenn sie Scheiße durchmachte.
Bevor Fiona darauf antworten konnte, gesellte sich Pat zu uns, als hätte er gerochen, wie die Stimmung bei mir gekippt war. Sein Blick in meine Richtung war ein fragendes Alles okay? Ich nickte kaum merklich, versuchte, mich auf den Small Talk zu konzentrieren. Aber es ging nicht.
Ich hatte Konstantins Geburtstag vergessen.
Einfach ausradiert.
Nicht dran gedacht.
Den ganzen Tag nicht.
Ich zelebrierte seinen Geburtstag und seinen Todestag nicht gerade, besuchte nicht sein Grab, das auf einem der beiden Friedhöfe in Keranti lag. Nein, ich dachte bewusst an ihn. Erinnerte mich an die guten Zeiten. Deshalb fuhr ich so verbissen weiter, wollte meine Karriere auch zu seiner Karriere machen. Damit er stolz war, damit sein Tod nicht ganz so sinnlos war, wie er mir erschien.
Und jetzt? Jetzt hatte ich ihn einfach vergessen. Obwohl er mit seiner Nummer immer auf meinem Helm mitfuhr – ein großer Stern mit zwölf Zacken und zwölf kleine Sterne. Für seine Rennnummer. Und weil mich Sterne immer begleitet hatten.
Es fühlte sich an, als hätte ich ihn und seinen Tod verraten.
Also zog ich mich zurück. Verabschiedete mich früher aus der Runde, als es für mich üblich war, weil ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut fühlte. Vielleicht war es eine Art Strafe. Denn ich wollte keine gute Zeit haben, wenn ich meinen Freund dermaßen hinterging.
Das Pre-Season-Testing Mitte Februar war ein Reinfall. Nicht weil ich nicht gut fuhr. Nein. Ich legte alles hinein. Mein Herz. Meine Seele. Mein furchtbar schlechtes Gewissen Konstantin gegenüber.
Ich fuhr fantastisch. Außergewöhnlich gut. Ich fuhr, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her. Als würde mein Leben davon abhängen. Ich fuhr jede Kurve, jeden Millimeter aus, hielt mich an einigen Stellen nur zurück, damit die anderen Teams nicht merkten, wie stark das Auto schon war. Es war eine Bluff-Show. Damit niemand bis zum eigentlichen Saisonstart wusste, welche Möglichkeiten in den Wagen der Konkurrenz steckten. Vor allem bei Fahrten, in denen das Auto am Frontflügel und an den Seitenkästen mit Flow-Vis-Farbe angemalt war, um die Aerodynamik bei echtem Wind und nicht in einem Luftkanal zu testen.
Ich fühlte mich großartig. Hielt nichts zurück.
Aber genau darin lag das Problem.
Weil sich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten.
Duncan war schneller.
Ich merkte es am Verhalten meiner Mechaniker und Ingenieure, in der Nachbesprechung, den Meetings. Sie ließen es mich nicht direkt spüren. Dafür war die kribbelnde Erwartung an die neue Saison zu groß, waren die Autos zu gut. Nein, ich erkannte es an den kleinen Details – dem forcierten Lächeln, der Art, wie sie zu Duncans Seite der Garage linsten, wo nichts mehr an Vardas’ Weggang erinnerte. Was seltsam war. Einfach ausradiert. Als hätten die letzten zwei Jahre nicht existiert.
Aber so war die Formel 1 nun mal.
Sie gaben sich große Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Ich registrierte es trotzdem. Meine Antennen waren dafür zu gut ausgerichtet. Das Ganze war mir zu wichtig.
Vielleicht unterschied mich das auch von anderen Fahrern. Mir waren der Zusammenhalt und die Stimmung im Team enorm wichtig. Schließlich wusste ich, wie hart die Jungs – und inzwischen auch Frauen – ackerten.
Duncan McKinnon war immer der Golden Boy von ED gewesen, MacKenzies Goldjunge. Das Ausnahmetalent, das er gefördert und unterstützt hatte, um ihn im richtigen Augenblick zum Weltmeister zu machen.
Nun war ausgerechnet dieser Fahrer bei mir im Team. Dabei hatte ich selbst die Formel-Klassen als Erster oder Zweiter hinter mir gelassen und war immer weiter aufgestiegen. Ich war ein Jahr vor ihm in die Formel 1 gekommen und hatte in meinem Rookiejahr einen außergewöhnlichen siebten Platz belegt. Kein einziges DNF. War bis auf zwei Ausnahmen immer in die Top Ten und damit in die Punkte gefahren.
Noch war keine echte Schieflage entstanden. Aber seine Anwesenheit nagte an mir.
Pat spürte es. Dafür kannte er mich inzwischen zu gut. Also bestand er darauf, mit mir gemeinsam nach Australien zu fliegen. Da es eine Langstrecke war und wir die Reise noch mit einem Termin in Singapur verknüpften, schlug ich den gecharterten Privatjetflug mit Stravopoulos aus, dem einzigen F1-Fahrer, der ebenfalls auf Morena wohnte. Viele bevorzugten Monaco, vor allem aufgrund der besseren Anbindungen und der Nähe zu den europäischen Rennen. Aber da Morena mit einer griechisch-italienischen Historie und Steuervorteilen winkte, hatte sich der einmalige Weltmeister dort vor fünf Jahren niedergelassen.
Am Tag vor der Abreise rief ich Pippo an und überredete ihn, noch eine Joggingstrecke mit mir zu laufen. Bevor der Sturm endgültig über mich hereinbrach.
»Im Ernst, Pippo, du musst auch auf deine Fitness achten.«
»Jetzt klingst du wie Giannis. Du musst auf deine Ernährung achten. Du musst dies und jenes. Du darfst nichts falsch machen. Denk an die Öffentlichkeit. Denk an dein Erbe. Denk an deine Familie.«
»Okay … puh«, sagte ich gedehnt, um Zeit zu schinden, denn sämtliche Alarmglocken schrillten auf einmal los. Plötzlich rückten all meine Sorgen und Bedenken in den Hintergrund. Philippos, Kronprinz von Morena, war seit dem Kindergarten mein bester Freund. Und Pippo war niemand, der leichtfertig irgendwelche Probleme teilte. Nicht ganz so schlimm wie Aurora, die entweder gar nichts erzählte oder ihre halbe Lebensgeschichte von sich gab. Oder wie das Nesthäkchen der Familie, Theodora, von allen Tammie genannt, weil sie früher die Laute verwechselt hatte und ihren Namen nicht aussprechen konnte.
»Wir gehen heute auf jeden Fall laufen«, fügte ich hinzu. »Ich könnte in vierzig Minuten bei dir sein. Was sagt dein Terminkalender?«
»Day off. Heute ist Sonntag.«
»Warst du nicht in der Kirche?«, fragte ich, weil auch das als Arbeit zählte.
»Erinnere mich nicht daran«, meinte Pippo.
Etwas an seinem Tonfall ließ mich stutzig werden.
»Also … laufen wir uns die Frustration aus dem System, ja oder nein?«
»Ja«, knurrte mein bester Freund.
Nachdem wir aufgelegt hatten, grübelte ich die ganze Zeit über seine Aussagen nach. Denn es schwang mehr als die übliche Abneigung mit. Dabei ging es nicht um die Religion an sich, denn Pippo war durchaus christlich, sondern um die orthodoxe Auslegung, die gewisse Dinge komplizierter machte.
Als ich ihn eine Dreiviertelstunde später für unseren Lauf abholte, ging gerade die Sonne unter. Tief und rot und voll stand sie über dem Horizont, während das Meer glitzerte und wir uns zum Promenadenweg aufmachten, der etwas abseits lag. Hier war es deutlich ruhiger. Die Hauptverkehrsader Kerantis zog sich an zwei Promenaden entlang, wo es neben dem Jachthafen auch mehrere Luxushotels und exklusive Clubgebäude wie das TEAROOM gab, das überall auf der Welt Ableger besaß. Eintritt nur für Mitglieder.
Der Strand unterhalb der Joggingstrecke bestand aus spitzen Steinen, schroffen Felshängen und einer gemeinen Strömung, weshalb sich bestenfalls Jugendliche zur Abendstunde oder Angler hierher verirrten.
Ich sagte nichts, weil ich merkte, wie es in Pippo brodelte und arbeitete. Seine hellbraunen Haare klebten ihm bereits nach dem zweiten Kilometer an der Stirn. Schwerfällige Schritte, ein Stampfen über den Boden, kein schwereloser Flug. Dabei sah ihm das gar nicht ähnlich. Normalerweise steckte er mich in die Tasche. Aber heute schleppte er Steine.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Fürst werden möchte.«
»Du bist … du bist dir nicht … was?«, wiederholte ich, zu perplex, um die Frage in einem Stück herauszubringen.
»Ich ertrage die Scheiße nicht mehr.« Es war gesagt. Mit jedem Wort gewann er an Leichtigkeit zurück. »Ich ertrage es nicht mehr, allen etwas vorzumachen und so zu tun, als wäre ich glücklicher Dauersingle, der sich mit der Wahl seiner Fürstin einfach etwas schwertut.« Pippo holte tief Luft. »Ich stehe nicht auf Frauen, verdammt!« Jetzt brüllte er fast. Gleichzeitig wirkte er so befreit und erleichtert, dass sich mein Herz vor Mitgefühl in der Brust verkrampfte. In derselben Sekunde sah er sich panisch nach allen Seiten um. Aus Angst, dass ihn jemand gehört haben könnte. Sein Gesicht wurde kalkweiß.
»Sollen wir eine kurze Pause machen?«, fragte ich besorgt.
Pippo schoss einen wütenden Blick in meine Richtung und erhöhte das Tempo. »Nein.«
»Okay, wie du magst.«
»Ich kann das nicht mehr, Adrian. Ich kann und will nicht mehr.«
Es klang endgültig. Entschieden. Als wäre es bereits beschlossene Sache. Als hätte er es sich sehr gut überlegt. Als wäre der Entschluss über Monate, vielleicht sogar Jahre gewachsen. Als wäre ihm alles zu viel geworden.
»Du weißt –«, setzte ich an, doch Pippo unterbrach mich atemlos.
»Ja, ich weiß! Ich weiß, welche tausend Dinge daran hängen! Was es für mich bedeutet. Meine Familie. Was es für Aurora bedeutet. Was es für uns alle bedeutet. Und trotzdem … Ich habe es mir lange genug überlegt. Jahrelang. Immer und immer wieder ausgemalt. Denn im Ernst, was wäre die verdammte Alternative? Dass ich es genauso mache wie die Fußballer oder Rennfahrer dieser Welt, die sich verstecken? Ihre Sexualität und Liebe und alles? Ich kann nicht mehr atmen, Adrian!«
Wir hatten schon darüber gesprochen. Mit siebzehn. Dann nach Konstantins Tod. Wir hatten uns betrunken, im Sand und auf Partys darüber unterhalten, bevor Pippo zum Studium an eine internationale Business School nach London gegangen war und ich meine Karriere in der Formel 1 begonnen hatte. Aber das gerade? Das? Es war auf einmal greifbar, nicht länger ein Hirngespinst. Es würde den Lauf der Geschichte seiner Familie verändern. Die Medien würden sich wie Haifische darauf stürzen. Und Aurora …
Für einen Sekundenbruchteil schloss ich die Augen und mein Brustkorb wurde von einer Enge erfasst, die so schmerzhaft war, dass ich kaum ausatmen konnte.
Aurora wäre dann die Thronerbin. Sie würde jemanden heiraten müssen, der ins Rollenbild eines Fürsten passte. Wie würde sie damit umgehen? Hätte sie überhaupt eine Möglichkeit abzulehnen?
»Danke.«
»Ehrlich, ich habe keinen Plan, wofür du dich eigentlich bedankst.«
»Dafür, dass du immer da bist, Adrian. Du hast keine Ahnung, wie fucking gut es tut, einen Freund zu haben, der an deiner Seite steht, der zuhört, dich nie verurteilt. Und der nichts von einem will. Ich habe es so satt, mich zu fragen, ob irgendjemand etwas von mir will oder ob es um mich als Person geht.«
»Du hast am ersten Kindergartentag gedroht, mich zu enthaupten, wenn ich nicht mit dir spiele. Was hätte ich sonst tun sollen?«
Das Lachen, das aus seinem Mund purzelte, war echt und frei und laut. Und es tat verdammt gut, es zu hören.
»Lass uns später in Ruhe darüber reden. Nicht jetzt. Ich brauche das Laufen, die Routine, muss mich erst mal auspowern, ohne dir gleichzeitig mein Herz auszuschütten. Außerdem läufst du dafür zu schnell. Ich kotze sonst noch.«
»Okay«, antwortete ich. Es war seine Geschichte. Seine Entscheidung.
Also liefen wir. Schweigend. Weiter und immer weiter, bis sich meine Muskeln meldeten und ich einen Blick auf die Smartwatch an meinem Handgelenk warf. Sieben Kilometer.
»Fuck, wir sollten umdrehen.«
Pippo wirkte erleichtert. Seine Bewegungsabläufe waren geschmeidiger, als wären sämtliche Gelenke und Muskeln geölt worden. Als wäre ihm eine riesige Last von den Schultern gefallen. »Ja. Meine Eier schrumpeln langsam.«
Ich lachte. »Vom Laufen?«
»Vor Erleichterung.«
Als wir nach fast zwei Stunden wieder innerhalb der Palastmauern waren, schloss mich Pippo in eine herzliche Umarmung. Er drückte seinen verschwitzten Körper an meinen und nahm dann so heftig mein Gesicht in die Hände, dass ich kurz die Luft anhielt. »Du stinkst.«
Es war nicht das, was er eigentlich hatte sagen wollen, aber ich las die aufrichtige Dankbarkeit in seinem gläsernen Blick. Dieses Gefühl tief verbundener Freundschaft, die vielen Jahre, die wir gemeinsam durchgestanden hatten. Freunde, die gegangen waren. Freunde, die uns verlassen hatten. Zeit, die sich zwischen uns gegraben und uns aneinander gebunden hatte.
»Du auch.«
»Gut.« Er klatschte mir gegen die Wangen und ließ mich abrupt los. »Willst du noch duschen? Und dich umziehen? Ich hab bestimmt ein paar Shirts von dir im Schrank.« Selbstverständlich besaß Pippo die größte Sammlung an Team- und Fahrershirts. So viele Teile, dass er vermutlich den größten Fans Konkurrenz machen könnte.
Ich sah an mir herab. Da war nichts mehr trocken. Ehrlicherweise hatte ich aber auch nicht mit diesem Ausgang unserer üblichen Joggingrunde gerechnet. Wir waren die doppelte Kilometeranzahl gelaufen.
Keine zehn Minuten später stand ich in seiner Dusche. Alle drei Geschwister wohnten in einem Flügel des alten Regierungsgebäudes, besaßen quasi eine Wohnung mit eigener Küche und Codezugang. Angesichts des angespannten Immobilienmarktes auf der Insel und solange kein Familienzuwachs im Spiel war, war das für alle die einfachste Lösung. Der Duschstrahl war hart und tat gut, lockerte meine angespannten Muskeln. Gleichzeitig ließ ich unser Gespräch Revue passieren und überlegte, wie ich ihm helfen konnte. Dass er sich geöffnet hatte, war der erste Schritt in die richtige Richtung.
»Pippo, ich bin gleich wieder weg! Hab nur den Aufsatz für meinen Lockenstab letztes Mal bei dir vergessen, weil Tammie unser Bad blockiert hatte, und bin superspät dran für das Abendessen mit den Leuten vom Denkmalschutz«, ertönte in diesem Augenblick Auroras Stimme.
Mitten im Abspülen des Duschgels hielt ich inne. Das kühle Wasser perlte kalt über meinen nackten Rücken, aber es fühlte sich plötzlich an, als hätte ich es auf kochend heiß gestellt.
Jeder Gedanke war vergessen, ausradiert.
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir sagen soll, dass ich nicht dein Bruder bin«, hörte ich mich rufen, weil es die einfache Wahrheit war. Und besser als alles andere, was mir auf der Zunge lag – und mich nur in Schwierigkeiten bringen würde.
Ich schaltete den Duschstrahl aus.
Stille. So bleiern und schwer, dass ich glaubte, sie müsste meinen tosenden Herzschlag hören können.
»Du weißt, dass ich in den nächsten drei Sekunden aus der Kabine komme«, sagte ich leise.
Nichts. Aurora bewegte sich nicht.
»Ich meine das ernst, Aurora. Ich komme aus der Dusche. Und dann bin ich nackt«, warnte ich sie grollend.
»Es wäre nicht das erste Mal, dass ich dich nackt sehe, oder? Das ist kein Anblick, der mich umhaut, Brunetti.«
Bei ihren Worten zogen sich meine Eier zusammen.
Fuck. Ich brauchte das. Ich brauchte diesen unschuldigen Flirt, aus dem nie mehr werden würde als ein bisschen Fantasie.
In der nächsten Sekunde waren wieder Geräusche zu hören. Ein Wühlen in Schubladen.
»Letzte Warnung.«
»Ach, komm schon, als ob –« Alles, was die kleine Schwester meines besten Freundes hatte sagen wollen, erstarb auf ihren Lippen. Es war Genugtuung und verräterische Qual zugleich, sie auf diese Weise zu überraschen. Ihr süßer Mund öffnete sich zu einem O und ihr Blick scannte jeden Zentimeter Haut, der sich ihr offenbarte, als ich aus der Duschkabine trat. Ich wusste, dass es ein anderer Anblick war als vor einigen Jahren. Ich war muskulöser geworden. Sehniger. Erwachsen.
Zu allem Überfluss leckte sich Aurora über die Lippen. Eine unbewusste Geste. Ich stieß einen leisen Fluch aus, während ich nach dem Handtuch angelte, das ich mir zurechtgelegt hatte, und es mir um die Hüften band.
Darunter zeichnete sich nun deutlich meine Erektion ab. Sämtliches Blut schoss in die unteren Regionen, als Auroras Blick auf meinen traf und ich unterschiedliche Emotionen darin las.
Verlangen. Verwirrung. Panik.
»Das ist nicht fair«, murmelte sie und deutete auf die deutliche Wölbung unterhalb des Knotens, den ich mit größter Mühe band.
»Was meinst du?«, fragte ich.
»Du kannst doch nicht ernsthaft auch noch …« Sie unterbrach sich, schüttelte den Kopf und plötzlich schien es, als wäre ihr wieder eingefallen, wer wir beide eigentlich waren, denn sie sperrte ihre verletzliche Seite wieder weg, wurde zu der Person, die sie so oft sein musste.
Ihre Augen blitzten feurig, als sie mich nun anvisierte.
»Gefunden!«, sagte sie, hielt den Lockenstabaufsatz in die Höhe und drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Keine Sekunde später stand ich allein im Bad.
Ich seufzte, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Was für ein Tag.
»Okay, Auri. Woran denkst du gerade?«
