Beschreibung

Eine Bikiniparty in der streng religiösen Stadt Maschhad? Nichts ist unmöglich! Stephan Orth fährt kreuz und quer durch das Land von Khomeini & Co, tauscht Hotel gegen Privatquartier, schläft auf Dutzenden von Perserteppichen, bricht täglich Gesetze, lebt, feiert und trauert mit dem gastfreundlichsten Volk der Welt. Und lernt den Iran dabei von einer ganz anderen Seite kennen. Denn hinter verschlossenen Türen fällt der Schleier und mit ihm die Angst vor den Sittenwächtern der Mullahs. Hier ist das Leben bunt und rebellisch. Hier ist Platz für Sehnsüchte und Träume. Hier tut sich eine Welt auf, die weitaus spannender ist als die alten Steinmauern persischer Paläste.

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Mit 48 Farbfotos, 35 Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer Karte

Bei der Bezeichnung »Couchsurfing« handelt es sich um eine eingetragene Marke der Couchsurfing International, Inc. Der Titel dieses Buchs und der Verlag stehen in keiner Beziehung zur Marke. Weiterhin besteht kein Lizenzverhältnis zum Markeninhaber.

ISBN 978-3-492-97016-7 November 2016

© Piper Verlag GmbH, München 2015 Fotos/Bildteil: Stephan Orth (SO), Mina Esfandiari (ME), Samuel Zuder (SZ) Innenteilbilder: Stephan Orth; bis auf die Abbildung im Kapitel »Zeitehe« (Mina Esfandiari), die ersten beiden Abbildungen im Kapitel »Ein Jahr« später (Martina Kix), die dritte Abbildung im Kapitel »Ein Jahr später« (Andreas Lorenz), die beiden Abbildungen im Kapitel »Mit dem Autor auf Reisen« (Hans Grünthaler) Covergestaltung und Karte: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Coverabbildung: Safoura Zamani Innenlayout: Denise Sterr Litho: Lorenz & Zeller, Inning a. A. Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

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There is a crack in everything–

that’s how the light gets in.

Leonard Cohen, »Anthem«

AN DER GRENZE

Wenn du Schiss hast, so richtig Schiss, wenn du denkst, jetzt geht’s dir an den Kragen, dann nimmst du plötzlich alles in doppelter Schärfe wahr. Das Gehirn schaltet in den Alarmmodus, in dem nur das Hier und Jetzt zählt. Für Dinge, die nichts damit zu tun haben, ist kein Platz mehr. Bei mir zeigt sich das daran, dass mir auf die Frage des Polizisten meine Postleitzahl nicht mehr einfällt.

Ich sitze in einem Verhörzimmer der iranischen Polizei. Die Einrichtung besteht aus einem großen Schreibtisch mit Samsung-Computer, einem flachen Glastisch in der Mitte und sieben Sesseln, deren braune Lederbezüge noch in Plastikfolie eingehüllt sind. Eine schmale Tür führt zum Eingangsbereich, eine andere zu einem Gang mit weiteren Bürotüren. Die hellgrüne Wand ist mit dem Landesemblem verziert, vier Mondsicheln und ein Schwert, daneben hängt golden gerahmt das obligatorische Diktatoren-Doppelporträt. Khomeini blickt finster drein wie immer, Chamenei dagegen grinst breit, noch nie habe ich ihn so lächeln sehen. Vielleicht ist er an Orten wie diesem besonders in seinem Element.

»Vor zwei Jahren wurden hier zwei Spione verhaftet«, sagt Yasmin* [*Ein Großteil der Namen wurde geändert und auf Nachnamen verzichtet, um die beschriebenen Personen nicht zu gefährden.], meine Begleiterin. »Die sind immer noch im Gefängnis in Teheran.«

»Was haben sie denn gemacht?«

»Weiß ich nicht.« Aber im Iran ist es ein Kinderspiel, in Spionageverdacht zu geraten. Ein paar Erinnerungsfotos von Flughäfen oder Regierungsgebäuden reichen da schon.

Oder der Umstand, dass man sich in der Nähe der Grenze zum Irak aufhält. Wir befinden uns in Nowsud im iranischen Kurdistan; nur zehn Kilometer sind es von hier bis ins Nachbarland.

»Wir haben den Hinweis bekommen, dass sich Ausländer hier aufhalten«, sagt einer der beiden Beamten. Er trägt eine kurdische Pumphose und ein khakifarbenes Hemd. »Eigentlich haben wir heute frei«, fügt er hinzu, um die fehlende Polizeiuniform zu erklären. Bulliges Gesicht, muskulöse Oberarme. Er scheint viel Zeit an Kraftgeräten im Fitnessstudio zu verbringen. Sein Kollege in Rosa dagegen wirkt sanfter, wohlwollender, er hat einen Bauchansatz unter dem breiten Gürteltuch und erweckt den Eindruck, als sei ihm die ganze Sache selbst unangenehm. »Bad cop« und »good cop«, die Rollen sind eindeutig verteilt.

Meine Postleitzahl?

Ich nenne vor lauter Angst eine falsche.

Der »good cop« fragt, ob wir Tee möchten, im Iran gibt es immer Tee. Kurz darauf bringt ein junger Mann in Militäruniform ein Tablett herein. Beim Trinken merke ich, dass meine Hand zittert, dabei wäre es jetzt wirklich besser, keine Nervosität zu zeigen.

»Guck lieber noch mal, ob du nicht doch deinen Pass findest«, sagt Yasmin. Vorher hatte ich nur eine Kopie gezeigt und behauptet, der Ausweis sei im Hotel. In Wirklichkeit habe ich seit Wochen keine Nacht in einem Hotel verbracht.

Ich wühle angemessen lange in diversen Rucksackfächern und fördere mit gespielter Überraschung das verlangte Dokument zutage. Ein Mitarbeiter im Anzug kommt durch die hintere Tür herein und nimmt den Pass mit in den Nebenraum.

»Er macht Kopien und ruft die Einreisebehörde an, ob alles in Ordnung ist«, erklärt Yasmin.

Weiter mit dem Verhör. Handynummer? Familienstand? Name des Vaters?

Der Khakimann hält meine Daten auf einem DIN-A4-Blatt mit Durchschlag fest, Typ Pelikan Handicopy 303H. Yasmin übersetzt die Fragen und Antworten.

Beruf?

»Er ist Student«, lügt sie, ohne mich zu konsultieren. Beim Visumsantrag hatte ich noch »Website Editor« angegeben, das ist näher an der Wahrheit.

Wie alt?

»34.«

»Was studierst du?«, übersetzt sie eine Nachfrage.

»Englische und amerikanische Literatur«, sage ich. Das war vor acht Jahren, das anschließende Journalismusstudium erwähne ich nicht.

Was machen Sie hier?

Wie ist euer Verhältnis?

»Er ist ein Freund meiner Familie. Er macht Urlaub hier«, sagt Yasmin.

Ein Soldat holt unser Gepäck von draußen aus dem Taxikofferraum und lehnt die Sachen an den Glastisch in der Mitte.

»Alles auspacken«, verlangt der Khakimann.

Staatsführer Chamenei scheint noch etwas breiter von seiner Wand zu grinsen. Gute Zähne für sein Alter, er ist über siebzig. Während ich die ersten Klamottentüten herausziehe und ein Handtuch, das nach nassem Hund riecht, gehe ich in Gedanken alles durch, was ich dabeihabe.

Reiseführer und Iran-Bücher? Nichts Kritisches im Gepäck, das einzige verbotene Buch, »Persepolis« von Marjane Satrapi, habe ich in Teheran gelassen. Zum Glück habe ich kein deutsches Nachrichtenmagazin dabei und keine Illustrierte, in der unverschleierte Frauen zu sehen sind.

Drogen, Alkohol, Schweinefleisch? Nicht vorhanden.

Die Notizbücher? Sehr verdächtig. Ich habe schon zweieinhalb Moleskine-Kladden vollgeschrieben. Auf der jeweils ersten Seite steht unübersehbar »Iran 1«, »Iran 2« und »Iran 3«.

Presseausweis? In der Geldbörse. Ich Idiot, den hätte ich zu Hause lassen sollen.

Die Kamera? Da wird es heikel. Militäranlagen, ein Atomkraftwerk, Mädchen ohne Schleier, Alkoholpartys, alles dabei. Ich könnte sogar ein paar meiner Freunde in Gefahr bringen damit. Wenigstens sind einige besonders brisante Bilder auf einer Speicherkarte, die sich nicht in der Kamera befindet, sondern etwas versteckt in der Fototasche.

Erstes Interesse erregt der Kulturbeutel mit meiner Reiseapotheke. Der Beamte in Pumphose schaut sich jede Tablettenpackung genau an. Imodium, GeloMyrtol, Aspirin, Paracetamol, Iberogast, Umckaloabo. Ein Drogenschmuggler bin ich offensichtlich nicht. Dann mein Netbook: einmal anschalten, auf dem Desktop findet er keine verdächtigen Ordner, ist alles mit unverfänglichen Dateinamen getarnt. Ich darf wieder ausschalten. Interessiert dreht und wendet er den E-Book-Reader in den Händen, lässt ihn ungeschickt auf den Boden fallen, entschuldigt sich, dann schmökert er ein bisschen im »Dumont-Kunst-Reiseführer Iran«. Sehr touristisch, sehr harmlos, sehr gut.

Er findet einen Notizblock, einen iranischen allerdings, den mir ein Gastgeber geschenkt hat. »In the name of god, presented to MrStephan during his travel to Lorestan Province, 3.2.1393.« Der Polizist blättert alle Seiten durch: nach der Widmung vorn nur leeres Papier, ein besseres Geschenk habe ich nie bekommen. Zum Glück findet der Kerl die anderen Notizbücher nicht, die zwischen ein paar Eintrittskarten und Rechnungen verborgen sind.

Fertig. Alles wieder einpacken. Ich muss mich beherrschen, nicht tief durchzuatmen. Wäre auch deshalb nicht so klug, weil das Verhörzimmer unverkennbar nach feuchtem Handtuch riecht. Ich zurre die Rucksackgurte fest, setze mich wieder auf den Plastikfolienstuhl und greife nach meinem Teeglas. Die Hand zittert nicht mehr.

WELCOME TO IRAN!

»Pass auf vor Terroristen und Entführern!« Ein Freund

»Das ist wie Saudi-Arabien, oder? Schau bloß keiner Frau in die Augen.« Ein Reisejournalist

»Lässt du dir einen Bart wachsen? Bringst du mir einen Teppich mit?« Eine Freundin

»Du bist verrückt. Ich verstehe nicht, was du da willst.« Ein Arbeitskollege aus dem Iran

Vier Wochen vorher. Sobald die Räder des Flugzeugs TK898 aus Istanbul den Boden berühren, gilt eine andere Zeitrechnung. Iranzeit, zweieinhalb Stunden vor, 621Jahre zurück. Willkommen am Imam-Khomeini-Flughafen, wir schreiben den 7.Farwardin 1393, »happy Nowruz«, frohes neues Jahr. Ein rundlicher Mann auf 14B kippt sich den letzten Schluck einer mitgebrachten Flasche Efes-Bier in den Rachen, ein Teenagermädchen auf 17F zieht sich Socken über, um die Knöchel zu verbergen. Schwarze, blonde, braune, rote, graue, gefärbte, gestylte, gekämmte, verwuschelte, kurze und lange Haare verschwinden unter schwarzen, braunen und roten Kopftüchern.

Ausländerinnen unterscheiden sich von Iranerinnen dadurch, dass bei ihnen das ungewohnte Stück Stoff schon beim Öffnen des Gepäckfaches in den Nacken rutscht und sie es neu binden müssen. »Respected Ladies: Observe the Islamic dress code«, steht auf einem Poster im Terminal, ohne »please« oder »thank you«, versteht sich.

Über einer Leuchtreklame für Sony-Handys am Gepäckband begrüßen mich die ersten Poster der beiden Bartträger, in zehnfacher Lebensgröße. Ruhollah Khomeini blickt listig und düster, selbst auf einem Foto scheinen seine Augen alles zu durchdringen. Mit großer Klugheit und unendlicher Kälte blickt der Revolutionsführer auf die Welt hinab. Der amtierende Oberste Führer Ali Chamenei dagegen wirkt mit seiner zu großen Brille und ausdruckslosen Augen einfältig und harmlos, was bemerkenswert ist, weil Chamenei zu den mächtigsten und brutalsten Staatsführern der jüngeren Geschichte gehört.

Aber vielleicht ist die Blässe nur relativ: Neben der dunklen Eminenz Khomeini würden selbst Saddam Hussein und Muammar Gaddafi wie nervöse Koranschüler beim Auswendiglerntest wirken. Der Blick der beiden Ajatollahs sagt: Ab jetzt beobachten wir dich, egal wo du hingehst. Die Porträts hängen in jedem Shop und jedem Restaurant, an Wohnhäusern und Regierungsgebäuden, in Moscheen, Hotels und Busterminals. Wer im Iran den Bildnissen von Khomeini und Chamenei entkommen will, muss sich in einer Wohnung einschließen oder blind sein.

7.Farwardin 1393. Auch was die Gesetzeslage angeht, muss ich um ein paar Jahrhunderte umdenken. Im Iran herrscht die Scharia, im Iran gelten Frauen gesetzlich halb so viel wie Männer und können für Ehebruch gesteinigt werden. Im Iran bin ich ein Verbrecher, weil ich 1,5Kilo Lübecker Marzipan im Rucksack habe (mit ein bisschen Alkohol drin) und ein paar Kabanossi aus Schweinefleisch. Fehlen nur noch ein paar »Playboy«-Hefte, und ich hätte einen Pokal verdient mit der Aufschrift »Teherans größter Einreisedepp«. Andererseits: Ohne ein paar Gesetzesverstöße ist das, was ich vorhabe, nicht zu machen. Warum also nicht gleich damit anfangen? Je früher ich mich an meine neue Rolle als Gauner, Schwindler und Schauspieler gewöhne, desto besser.

7.Farwardin 1393. Mein Handy weigert sich, die Jahreszahl einzustellen, unter 1971 (warum 1971?) geht nichts. Zur Strafe für seine Befehlsverweigerung führe ich dem rebellischen Gerät eine iranische SIM-Karte ein. Für ihren Erwerb muss ich gleich drei auf Persisch bedruckte Formulare unterschreiben. Ich frage den Verkäufer, was da draufsteht, er spricht nicht gut Englisch.

»No problem!«, antwortet er, und als er meinen zweifelnden Blick sieht, wiederholt er noch einmal in einem sanfteren, fast freundschaftlichen Ton: »No problem!«

Ich brauche unbedingt eine einheimische Handykarte, also unterschreibe ich. Vielleicht habe ich gerade mein Einverständnis erklärt, dass jedes Gespräch und jede SMS vom Geheimdienst überprüft wird, aber das wäre auch wurscht. Machen die sowieso, steht sogar im Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes.

Mehr Freude habe ich beim Geldwechseln: Ein Mitarbeiter am Schalter der Melli Bank sagt, er könne 35.000Rial pro Euro zahlen, aber ein Stockwerk höher sei eine Wechselstube, wo ich 40.000 bekäme. Tatsächlich kriege ich dort sogar 41.500, kein schlechter Kurs. Bis in den Iran musste ich reisen, um einmal von einem Bankangestellten gut beraten zu werden.

Ich werde es noch mit einigen Geldwechslern zu tun bekommen, weil die hiesigen Automaten keine europäischen Karten akzeptieren. Das ist unpraktisch für Langzeitreisende, ich habe für zwei Monate 2000Euro und 1000 US-Dollar in kleinen Scheinen dabei, strategisch gut verteilt in verschiedenen Ecken des Gepäcks. Hoffentlich erinnere ich mich noch an die Stellen, wenn ich das Geld brauche.

Der Flughafen ist mit sechs Gepäckbändern kleiner, als man es bei einer Zehn-Millionen-Metropole wie Teheran erwarten würde. Hohe Säulen, viel Glas, viel Beton. Kein Starbucks, kein McDonald’s, kein Louis Vuitton, nur einheimische Fast-Food-Läden, Banken und Souvenirshops. Ein riesiges Poster wünscht alles Gute zum neuen Jahr. Darauf ist ein Goldfischglas abgebildet, das steht für das Leben. Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land auf der Welt, in dem ein Fisch im Glas ein Lebenssymbol ist.

Komplette Großfamilien warten mit Blumensträußen auf Neuankömmlinge. Mitten in der Nacht sind sie aufgestanden, um rechtzeitig hier zu sein. Jetzt ist es kurz nach vier. Bei ihrem Anblick fühle ich mich sehr blond und relativ groß. Sagen wir es mal so: Die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand auf der Straße nach dem Weg fragen wird, geht gegen null.

»Welcome to Iran«, sagen stattdessen zwei junge Frauen, die Tschadors tragen. Tschador heißt auf Persisch »Zelt«, und damit ist über Wesen und Weiblichkeit dieses Kleidungsstücks eigentlich alles gesagt. »Where are you from?«, wollen sie wissen. »Are you married or single?«, und schon schweben sie grinsend davon in ihren schwarzen Gespensterzelten.

Besonders verbreitet ist ihr Outfit am Flughafen nicht, die meisten Frauen tragen einfache Kopftücher. Je jünger die Trägerin, desto modischer die Farben. Und desto länger wirkt der Hinterkopf, weil Hochsteckfrisuren total angesagt sind: Mit Tuch drüber wirkt das ein bisschen so, als hätten viele junge Iranerinnen Schädel wie die Aliens von HR Giger. Die meisten Männer dagegen tragen keine Kopfbedeckung, die Kombination Turban und Vollbart ist viel seltener, als Iranklischees vermuten lassen. Ich sehe sie nur zweimal im ganzen Terminal.

Wenn nach Begegnungen mit einem wohlwollenden Banker und flirtenden Tschadormädchen jetzt noch der Taxifahrer davon absieht, mich zu bescheißen, muss ich schon nach einer Stunde Iran meinen Vorurteilskompass neu justieren.

Jeder Iranbesucher, der am Internationalen Flughafen ankommt, muss auf der Fahrt ins Zentrum an den Märtyrern vorbei und an Khomeini persönlich, es gibt keinen anderen Weg in die Stadt. Links vom Highway ruhen 200.000Opfer des Irakkriegs auf dem größten Friedhof des Landes. Und gegenüber, auf der rechten Straßenseite, ruht Khomeini selber, der Mann, der so viele von ihnen in den Tod schickte. Jeder der vier Türme um sein prachtvolles Mausoleum ist 91Meter hoch, ein Meter für jedes Lebensjahr. Eine riesige goldene Kuppel reflektiert nächtliches Scheinwerferlicht. Der erste religiöse Prachtbau, den Touristen zu Gesicht bekommen, ist der Schrein des Ajatollah. Dies ist mein Land, hier gelten meine Regeln, signalisiert Khomeini noch fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod jedem Gast.

Das Taxi stoppt, der Fahrer will kein Geld, für einen Freund wie mich sei die Fahrt umsonst. Ich lehne so entschieden ab, wie es das komplizierte Höflichkeitsprotokoll Irans verlangt, und er sagt: »70.000.«

»Rial oder Toman?«, frage ich. Es gibt zwei Währungsbezeichnungen, die sich um eine Null unterscheiden, was es für Touristen nicht einfacher macht.

»Toman natürlich.« Also alles mal zehn.

Ich drücke ihm zwei Hunderttausender und einen Fünfhunderttausender in die Hand. Knapp drei Euro mehr, als auf einer Tafel am Flughafen als angemessener Preis angeschlagen war. Charmanter Kerl, aber natürlich bescheißt er. Wenigstens auf die Taxifahrer ist Verlass.

HOW TO

BEZAHLEN IM IRAN

ˇPreis anhören

ˇSich wundern, dass es so günstig ist

ˇDen genannten Betrag von Toman in Rial umrechnen: eine Null dazudenken

ˇBegreifen, dass es doch nicht so günstig ist, aber billiger als zu Hause

ˇNach entsprechenden Geldscheinen suchen (hierfür anfangs 30 bis 60Sekunden Zeit einplanen)

ˇBezahlen

Das Schönste an Teheran sind die Elburs-Berge nebenan, die im Norden der Stadt bis auf 4000Meter ansteigen. Die meisten Wochen des Jahres sind sie unsichtbar, weil sich die Stadt in eine Smogwolke hüllt. Das tägliche Verkehrschaos ist legendär, auf zehn Millionen Einwohner kommen fast vier Millionen Autos. Die meisten ihrer fast vier Millionen Auspuffe können über Begriffe wie »Katalysator« oder »Euro-5-Norm« nur rußheiser lachen. Der Chef der Verkehrspolizei hat mal ausgerechnet, dass die Luftverschmutzung so hoch ist, als wären 48Millionen Autos mit modernen Abgasanlagen unterwegs: Teherans Dreckschleudern erzeugen mehr Kohlenstoffmonoxid als alle in Deutschland rollenden Fahrzeuge zusammen. Jedes Jahr sterben Tausende an den Folgen des Smogs. Es soll gesünder sein, vierzig Zigaretten am Tag zu rauchen, als an vernebelten Tagen ein paar Stunden durch die iranische Hauptstadt zu laufen.

Frühmorgens während der Neujahrsferien schläft der graue Gigant Teheran allerdings noch. Kaum Verkehr, okaye Sicht. Hinter dem Milad-Fernsehturm sind die Berge zu sehen, sobald das erste Licht darauf fällt, oben liegt viel Schnee.

In so einer schlummernden Stadt, deren Geschäftsjalousien noch geschlossen sind und deren Menschen noch zu Hause, nimmt man als Erstes die Schilder wahr. Werbetafeln, Wegweiser, Logos. Noch ungewohnt sind die persischen Schriftzeichen mit ihren dekorativen Linien und Kringeln. Den höchsten Wiedererkennungswert hat die Ziffer fünf, weil sie aussieht wie ein umgedrehtes Herz.

Ein Friseurladen scheint nur acht Herrenhaarschnitte im Programm zu haben, jedenfalls sind die alle aufgemalt über seinem Eingang. Nur die Haare, ohne Köpfe darunter. Weniger realistisch ist die Werbung eines Supermarktes. Sie zeigt einen Kunden, dessen Einkaufswagen komplett von einem Riesenapfel ausgefüllt wird, so groß wie ein Medizinball.

Ein paar Meter weiter steht ein Laden mit Mercedes-Stern an der Fassade. Er verkauft Peugeot und Hyundai und Saipa, die iranische Eigenmarke, aber keine Mercedes. Ansonsten scheint Teheran überproportional viele Banken zu haben. Bank Sepah, Bank Pasargad, Samen Credit Institution, Bank Saderat, Melli Bank. Die Namen bekannter internationaler Geldhäuser sucht man vergeblich, vor ein paar Jahren zogen sich UBS, Credit Suisse und HSBC aus dem Iran zurück.

Es ist noch zu früh, um meiner Gastgeberin für heute Nacht zu schreiben, also lasse ich mich in der Nähe der früheren amerikanischen Botschaft absetzen und mache einen Spaziergang. Auf beiden Seiten der Straße reihen sich Apartmentblocks aneinander wie überdimensionale graue Schuhkartons. Teheran versteckt sich: Zum Bürgersteig hin verbergen Mauern und Eisengitter die Vorhöfe, die Fenster sind mit Milchglas, Spiegelglas oder geschlossenen Vorhängen vor Einblicken geschützt.

Ich laufe zehn Minuten und finde kein Fenster, durch das sich auch nur das geringste Detail eines Wohnzimmers oder einer Küche erspähen ließe. Irans Wohnungen sind die Rückzugsorte von Menschen, die etwas zu verbergen haben, Trutzburgen gegen das Draußen. Denn nur wenn du von Mauern umgeben bist, so geht eines von vielen Paradoxen in Khomeinis Reich, kannst du frei sein.

Ich bin auf der Suche nach den kleinen und großen Freiheiten der Iraner. Ich will dem Land seine Geheimnisse entlocken und herausfinden, was hinter blinden Fenstern und verschlossenen Türen passiert. Meine Eintrittskarten dafür habe ich im Internet gelöst, auf Onlineportalen wie Couchsurfing, Hospitality Club oder BeWelcome, wo Menschen Schlafplätze für Reisende anbieten. Schon mehr als 10.000Mitglieder gibt es im Iran, Tendenz stark steigend. Und das, obwohl Ärger mit der Polizei droht, wenn man Ausländer beherbergt.

Im Reisehinweis des Auswärtigen Amtes steht: »Iraner wurden aufgefordert, keine Kontakte mit Ausländern ›über das normale Maß‹ hinaus zu pflegen. In Einzelfällen wurden deutsche Staatsangehörige, die ihre Unterkunft in Iran über soziale Netzwerke im Internet organisiert hatten, von den iranischen Behörden überprüft und um sofortige Ausreise gebeten.« Und weiter: »Bei Übernachtungen bei iranischen Einzelpersonen oder Familien, deren Anschriften nicht bei Visabeantragung oder Einreise angegeben wurden, muss mit Passentzug und Gerichtsverfahren gerechnet werden.«

Ich habe etwa fünfzig Couchsurfer vor dem Abflug angeschrieben, ein paar weitere kenne ich von meiner ersten Iranreise vor einem Jahr. Die meisten antworteten schnell und gaben mir ihre Handynummer, damit ich sie von unterwegs kontaktieren kann. Niemanden von ihnen habe ich beim Visumsantrag genannt, weil so viele Privatkontakte verdächtig wirken würden. Einem Bekannten von mir wurde das Visum verweigert, weil er die Teheraner Adresse eines iranischen Freundes als Reiseunterkunft angab. Ein paar Jahre vorher konnte er noch ohne Probleme einreisen, weil er nur Hoteladressen in Touristenstädten auf das Formular geschrieben hatte.

Zwei Monate Schurkenstaat, Sommerfrische auf der »Achse des Bösen«. Ich mache da Urlaub, wo andere Diktatur machen. Ich werde nicht das Land von West nach Ost durchqueren oder von Nord nach Süd oder mich von Reiseführertipps und Must-see-Sehenswürdigkeiten leiten lassen. Wo ich hingehe, bestimmen die Menschen. Eine ungefähre Route habe ich geplant, bin aber jederzeit bereit, alles umzuschmeißen, wenn die Iraner etwas Besseres mit mir vorhaben. Und wenn sie schlechtere Ideen haben, mache ich auch mit. When in Qom, do as the Qomans. Oder so.

Mein Reiseziel ist Assimilierung: In den nächsten Wochen will ich abendländischer Blondschopf mich in einen Iraner verwandeln, zumindest ein bisschen. Ach so, und eine Hochzeit ist auch geplant. Die To-do-Liste sieht also folgendermaßen aus: 1.Geheimnisse aufdecken, 2.Iraner werden, 3.heiraten, 4.lebendig wieder rauskommen.

An: Yasmin Teheran

Hey Yasmin, how are you, my dear? This is my iranian number. When can I come to your place?

An: Masoud Kish

NIEDER MIT DEN USA

Frühstückszeit. Ich gehe in den erstbesten Laden, in dem ein paar Arbeiter einer Baustelle sitzen. Es gibt nur ein Gericht, fettige Suppe mit Kuhhirn. Zartes Fleisch ist normalerweise was Feines, aber das ist mir dann doch einen Tick zu zart. Erkenntnis des Tages: 8.30Uhr ist keine gute Zeit für Essensexperimente. Aber den anderen schmeckt es offenbar. Ein Beleg, dass ich von der erwünschten Assimilierung noch so weit entfernt bin wie Isfahan von Iserlohn. Das gilt auch sprachlich: Außer »hallo«, »tschüs«, »Tee« und »danke« kann ich noch »almâni« sagen, das heißt »deutsch«, und »Man farsi balad nistam« (Ich spreche kein Persisch). Den Satz kann ich allerdings so gut, dass mir der Hirnrestaurantbesitzer nicht glaubt und eine umfangreiche Small-Talk-Salve auf mich loslässt. Das Gespräch verläuft einseitig, und schließlich glaubt er mir doch, dass ich nichts verstehe.

Wer in einem Hotel übernachtet, kann jederzeit einchecken, in Privatwohnungen ist das etwas komplizierter. Man muss sich danach richten, wann der Gastgeber zu Hause ist, muss sich dem Tagesrhythmus anderer anpassen. Weil ich meinen Flug sehr kurzfristig gebucht habe, konnte ich mit Yasmin keine Zeit vereinbaren. »Meld dich, wenn du gelandet bist«, schrieb sie bei Facebook. Solange keine Antwort auf meine SMS kommt, bin ich ein Obdachloser mit schwerem Gepäck.

Das Viertel ist bekannt für seine Propagandakunst. »DOWN WITH USA«, steht in schreienden Versalien an einer Wand vor der ehemaligen amerikanischen Botschaft. Ein paar Meter weiter ist eine Freiheitsstatue mit Totenschädel aufgemalt, sie trägt eine silberglänzende Krone mit langen Stacheln aus Metall. Daneben das Washingtoner Kapitol, über dessen Kuppel die Fahne Israels weht. Ich kenne diese Graffiti aus Reportagen über den Iran, sie sind häufig gezeigte Teheranmotive. Meist geht es in diesen Berichten um religiöse Fanatiker, Atombombenpläne und Hasstiraden gegen Amerika oder Israel. In einer Rangliste der Nationen mit dem schlechtesten Image spielt der Iran seit Jahren um den Weltmeistertitel mit.

»Welcome to Iran«, höre ich in dem Moment eine Stimme neben mir sagen. Der Fremde im Anzug passt so gar nicht hierher, denn er meint es herzlich.

Ein Anruf bei Yasmin, sie geht nicht ran. Ich laufe zum House of the Artists, einem Kulturzentrum nicht weit von der Todesfreiheitsstatue. Da komme man leicht mit einheimischen Künstlern ins Gespräch, heißt es im Reiseführer, und zwar nicht solchen, die amerikafeindliche Parolen an die Wände malen. Leider ist es geschlossen, auch das Café nebenan, wegen der Neujahrsferien. Ich suche mir im Park eine Bank, lehne mich an den Rucksack und döse ein.

Von: Yasmin Teheran

hi, i told you no problem with time, always welcome

Am Nachmittag antwortet sie auf meine SMS, und ich nehme ein Taxi in die Südliche Eskandari-Straße. Yasmin gibt mir die Hand zur Begrüßung. Sie trägt ein schwarzes Oberteil mit silbern glitzernder Eiffelturm-Applikation, eine Baseballkappe über dem Schleier.

»Wie geht’s dir so? Was gibt’s Neues?«, fragt sie. Ich hatte Yasmin vor einem Jahr auf meiner ersten Iranreise kennengelernt.

Wir biegen in eine schmale Seitengasse, gehen durch ein quietschendes Eisentor in den Vorhof, in dem zwei weiße Saipa-Kleinwagen stehen, dann durch ein Betontreppenhaus in den ersten Stock. Schuhe aus, Yasmins Mutter umarmen, Marzipanschachtel in die Hand drücken, Gepäck ins Zimmer. Ich weiß noch vom letzten Mal, wo alles ist.

Die Mutter trägt ein Trägertop und keinen Schleier, auch Yasmin nimmt das Kopftuch ab, sobald die Tür zu ist, trotz Herrenbesuch. Darunter kommen kurze blondierte Haare zum Vorschein.

Laut offiziellen Zahlen der Regierung sind 99Prozent der Iraner Muslime, doch Yasmins Familie ist nicht religiös. Zu Hause muss sie nicht so tun, als sei sie es, ein dicker Vorhang vor dem Wohnzimmerfenster lässt weder Tageslicht noch neugierige Blicke herein. Es gibt heißen Tee, Nüsse und Chichak-Schokoriegel, deren Packungsdesign von Snickers geklaut ist. Ich fühle mich gleich wie zu Hause, Iraner sind Meister darin, es Besuchern so angenehm wie möglich zu machen.

Im Fernsehen läuft eine Rede von Staatsführer Chamenei. Der mächtigste Mann des Landes wedelt mit seinem Stichwortzettel und ruft in zwei Mikrofone, dass sich der Iran nichts von den USA bieten lassen solle. Die Amis würden das Öl stehlen, dagegen müsse angekämpft werden. Statt von seinen Stichworten könnte er auch von den Wänden der ehemaligen US-Botschaft ablesen. Wenn kein Khomeini daneben zu sehen ist, wirkt er tatsächlich eine Spur charismatischer. Aber nur eine Spur.

»Eine solche Rede gibt es jeden Freitag«, sagt Yasmin.

»Heute ist Donnerstag.«

»Das ist eine Wiederholung, damit sich alle erinnern, dass er morgen das Gleiche noch mal in etwas anderen Worten sagt.« Und dann, zu ihrer Mutter: »Schalt endlich um.«

Die Mutter wechselt den Kanal. Erst zu einer Ratgebersendung, in der es um die richtige Rosenbindetechnik geht, dann zu einem Musiksender, es läuft »G.U.Y.« von Lady Gaga. »Touch me, touch me, don’t be sweet«, die Sängerin trägt Weiß, aber so wenig davon, dass »Farbe der Unschuld« kein sich aufdrängender Gedanke ist. Ich frage Yasmin, warum die Iraner die USA so hassen.

»Nicht die Iraner– die iranische Regierung«, sagt sie. »Viele junge Leute träumen davon, in die USA auszuwandern, weil es ein freies Land ist. Aber manche glauben auch, dass die CIA im Geheimen über das Schicksal Irans bestimmt, wie sie das schon mehrfach in der Geschichte getan hat. Bei Präsidentschaftswahlen kommen immer wieder Gerüchte auf, dass die USA das Ergebnis manipulieren.«

»Dann hätten sie diesmal doch einen ganz guten Job gemacht«, sage ich.

Bei meinem letzten Besuch war noch Mahmud Ahmadinedschad an der Macht, Spitzname »der Irre aus Teheran«, nun ist der gemäßigtere Hassan Rohani seit neun Monaten Präsident. Die Fäden im Hintergrund zieht jedoch weiterhin Chamenei, das wird oft vergessen, weil er auf internationalem Parkett kaum präsent ist.

»Warum findet ihr in Europa alle Rohani so toll?«, fragt Yasmin.

»Weil er gut reden kann und ganz vernünftig wirkt. Zumindest im Gegensatz zu seinem wahnsinnigen Vorgänger, der sich bei jeder UN-Vollversammlung um Kopf und Kragen redete. Seid ihr nicht von ihm überzeugt?«

»Es hat sich nicht viel geändert im letzten Jahr. Die Sittenpolizei ist immer noch unterwegs, die Preise steigen weiter. Und das Verhältnis zu den USA hat sich nicht spürbar gebessert.«

»Aber es gab diplomatische Erfolge– die Sanktionen gegen den Iran wurden gelockert, und seit fünfunddreißig Jahren haben erstmals wieder ein iranisches und ein amerikanisches Staatsoberhaupt miteinander telefoniert.«

»Es wird viel geredet und wenig getan. Rohani kommt aus der gleichen Klerikerkaste wie Chamenei und Khomeini. Er tut nur so, als sei er liberaler und moderner. Er ist ein Meister der schönen Worte, aber ansonsten hat er bislang noch nicht viel geschafft«, sagt sie.

Yasmin ist 31, ein bisschen rundlich, trägt Nagellack mit Marienkäfermuster und hat die Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen zwischen ernsten Tönen und explosivem Gelächter zu wechseln. Sie wünscht sich sehr, dass die Handelsbeschränkungen gelöst werden. Seit der Iran im März 2012 vom Bankenverbund SWIFT ausgeschlossen wurde, ist das Land praktisch vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Mehr Güter als vorher werden seitdem aus dem Ausland nicht mehr geliefert, auch lebenswichtige Medikamente.

»Ich habe eine Knochenkrankheit und bin auf Tabletten angewiesen. Die gibt’s hier aber nicht. Ich hoffe, ich kann nächstes Jahr ein Stipendium in Deutschland kriegen und dort meine Doktorarbeit schreiben. Ich will einfach nur raus aus diesem Land.«

Sie hat ein Studium als Softwareingenieurin abgeschlossen und schreibt nun ihre Masterarbeit im Fach Tourismusmanagement. Ihr Thema: die Schlachtfelder des Irakkrieges und die Besucherströme dorthin. Millionen Iraner reisen jedes Jahr zu den Erinnerungsstätten. Ihr Vater konnte beim Schreiben vermutlich helfen. Er war damals Offizier bei der Marine. Gerade macht er mit ein paar Kriegskumpanen eine kleine Tour im Südwesten Irans, wo sie damals gekämpft haben.

Ich muss noch ins Internet, ein paar Gastgeber in spe anschreiben. Und einen Flug auf die Insel Kish buchen. Der Computer steht in dem Zimmer, das für die nächsten Tage mir gehört– zwei Betten mit Blümchendecken, ein Holzschrank, eine mit allerlei Krimskrams vollgepackte Kommode, kein Fenster. Normalerweise schläft Yasmin hier, sie wird zu ihrer Mutter umziehen.

Yasmin schließt den Browser, auf dem sie Facebook geöffnet hat. Offiziell ist Facebook verboten, nur mithilfe von Proxy-Servern kommt man rein. Ich habe noch keinen Iraner unter 35 getroffen, der nicht Mitglied ist. Yasmin hilft mir bei der Flugbuchung, für Inlandsflüge ist das nicht so einfach.

»Willst du billig mit einer Fokker fliegen oder lieber was für eine Boeing drauflegen?«, fragt Yasmin.

»Fokker ist okay«, sage ich. Da man Persisch von rechts nach links liest, kommt es mir so vor, als stünden auf der Flug-Webseite die Zeitangaben in verkehrter Reihenfolge. Das sieht bei dem Fokker-Flug am Sonntag so aus, als ob ich um 15.10Uhr abfliegen würde und um 13.15Uhr da wäre. Sie reserviert ein Ticket, das ich übermorgen in einem Reisebüro abholen kann.

»Willst du auch ein paar Schlachtfelder während deiner Reise besichtigen? Wir könnten zusammen hinfahren. In drei Wochen«, schlägt Yasmin vor. Erster Tag, erste Planänderung, ich sage sofort zu.

Die Mutter rollt eine Plastikplane mit Blumenmotiv auf dem Wohnzimmerteppich aus, darauf drapiert sie Schüsseln mit Hackfleischbällchen und Kartoffeln, dazu Fladenbrot und Dugh, ein saures Milchgetränk, das dem türkischen Ayran ähnelt.

»Erinnerst du dich noch daran? Hat dir beim letzten Neujahrsfest einer über das T-Shirt gekippt«, meint Yasmin schmunzelnd.

HOW TO

ZUM ESSEN EINGELADEN SEIN

ˇIm Schneidersitz auf den Boden setzen

ˇStartbefehl »Bokhor, bokhor!« abwarten

ˇRechteckiges Stück vom Fladenbrot abreißen

ˇHauptgericht einfüllen, zusammenrollen

ˇZubeißen

ˇHerausgefallene Speisereste unauffällig vom Teppich entfernen (sie fallen nie auf die Tischfolie)

Der Fernseher läuft ununterbrochen, jetzt bringen sie einen Bericht über einen Reisebus mit Kriegsschauplatz-Pilgern, der auf eine Mine gefahren und explodiert ist. In der Region, wo Yasmins Vater gerade unterwegs ist. Sie macht sich Sorgen, weil er sich seit heute Morgen nicht gemeldet hat. Auf Anrufe reagiert er nicht.

»Wie kann ein Bus auf eine fünfundzwanzig Jahre alte Mine fahren? Sind die Straßen nicht längst von den Dingern geräumt?«, frage ich.

»Der Bus ist mit einem anderen Auto zusammengestoßen und dadurch von der Straße abgekommen. Dann ist er auf eine Landmine aus dem Krieg geprallt. Unglaubliches Pech.«

Yasmins Mutter ist verständlicherweise nicht begeistert von dem Plan, dass wir zusammen dort hinwollen. Sie versucht zum x-ten Mal, ihren Mann zu erreichen, keine Antwort. »Das ist ziemlich abgelegen, ist sicher schwierig mit dem Empfang«, sagt sie.

Yasmin wechselt das Thema.

»Willst du am Sonntag mitkommen zu einem ganz besonderen Treffen? Was total Verbotenes?«

»Klar, bin dabei. Worum geht’s?«

»Um eine spezielle Art von Beziehung.«

»Wie speziell?«

»Sehr speziell.«

»Etwas präzisere Angaben wären hilfreich.«

»Schon mal was von BDSM gehört? Fesselspiele, Sadomaso? Verbotener geht es kaum im Iran. Wir treffen uns in einem Park. Sklaven, Master und Dominas.«

»Aha.«

»Wusste ich doch, dass du nicht Nein sagst!«

LANG LEBE DER SCHAH

Doch zunächst steht ein wenig Geschichtsunterricht auf dem Programm. Am nächsten Tag besuchen wir das Nationalmuseum des Iran, das von denen, die sich auskennen, als »Mutter der Museen« angesehen wird. Behauptet zumindest eine Plakette an seiner Außenmauer. Die Ausstellungsstücke sind tatsächlich sensationell. Wer weiß schon, dass die Perser den ersten Trickfilm der Welt gedreht haben! »Gedreht« im wahrsten Sinn des Wortes. Es handelt sich um einen runden Tonkelch, auf dem ein Steinbock zu sehen ist, der zu den Ästen eines Baumes hochspringt. Aus fünf Einzelbildern besteht die Szene, wer das Gefäß schnell genug dreht, kann die Bewegung wahrnehmen wie bei einem Daumenkino.

Bei den Oscars 2300 vor Christus hätte »Bock frisst Blätter« in allen Kategorien abgeräumt, Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller und Spezialeffekte sowieso, außerdem Soundtrack (Ton reibt auf Sandboden) und bester Nebendarsteller (der Baum). Leider gab es die Oscars damals noch nicht. Das kulturelle Geschehen in Deutschland zur gleichen Zeit? Ein paar langhaarige Zausel, die abends in der Höhle von der Jagd erzählten. Die Kulturszene in den USA damals? Nun, Sie verstehen schon.

Filmreif ist auch eine in Stein gemeißelte Thronszene aus der Achämenidenzeit, die einen lebensgroßen König Darius mit seinem Sohn Xerxes zeigt. Beide haben sensationelle Bärte und halten Lotosblüten in der Hand. Betört vom Dampf zweier Weihrauchständer empfangen sie Vertreter ferner Provinzen. Als das Steinrelief um 500 vor Christus entstand, war Persien die erste Supermacht der Geschichte, das Gebiet reichte von Indien bis zur Donau. Die heutigen Länder Türkei, Syrien, Ägypten, Libyen, Pakistan und Afghanistan gehörten allesamt zu Darius’ gigantischem Reich. Ein Straßennetz über Tausende Kilometer entstand, dazu unzählige Karawansereien für Reisende. Und das erste Postsystem der Geschichte.

Bei der Entscheidung, auf welches Päckchen man Inlands- oder Auslandsporto klebte, musste man allerdings in den folgenden Jahrhunderten vorsichtig sein. Wieder und wieder verschoben sich die Grenzen durch diverse Kriege, diverse Schlachten und diverse Eroberer. Erst kam Alexander der Große. Dann die Parther. Dann die Sassaniden. Dann die Araber, Dschingis Khan, Tamerlan, die Safawiden. Gute Schahs, schlechte Schahs. Im 20. Jahrhundert die Schahs der Pahlawi-Dynastie. Schließlich: Revolution, Khomeini, Chamenei. Als 1979 die Mullahs an die Macht kamen, hatte Persien auf dem Weg vom Weltreich zur Religionsdiktatur schon mehr Jahre mit skrupellosen Gewaltherrschern durchlitten als die meisten anderen Nationen.

Die nächste Geschichtsstunde des Tages hätte nicht stattgefunden, wenn ich allein unterwegs gewesen wäre. Die wirklich interessanten Details am Bagh-e-Melli-Tor hätte ich schlicht übersehen. Der prunkvolle Eingang zu einem Militärexerzierplatz wurde von Schah Reza Pahlawi 1922 gebaut, mit riesigen Türen aus gusseisernen Blumenranken. Handbemalte Zierkacheln zeigen idyllische Landschaften und tödliche Waffen. Im Hintergrund Wiesen, Wälder, Seen und Landhäuser mit roten Dächern, davor Vickers-Maschinengewehre zwischen Iranflaggen.

»Fällt dir etwas auf?«, fragt Yasmin.

»Ohne die Knarren wär’s ganz hübsch.«

»Das meine ich nicht, guck mal auf die Iranfahnen.«

»Da fehlt das Mondsichel-Logo auf dem weißen Streifen in der Mitte. Und auf dem roten Streifen unten sind abgeschnittene goldene Tierbeine.«

»Genau! Der Löwe wurde weiß übermalt – er war das Nationalsymbol Irans in der Zeit der beiden Pahlawi-Schahs.«

»Und für rote Farbe war kein Geld mehr da, deshalb sind die Löwenfüße geblieben?«

»Vermutlich. Und siehst du das Metallwappen über der Tür?«

»Da wurde die Hälfte rausgesägt.«

»Das war auch ein Löwe. Und darunter stand ursprünglich ›Lang lebe der Schah‹. Khomeini ließ ein Metallplättchen drüberhämmern, sodass nur noch ›Lang lebe‹ übrig ist.«

»Ist die Zensur immer so leicht zu erkennen?«

»Schön wär’s. Aber zum Glück sind nicht alle so blind wie du«, sagt Yasmin.

Im Golestan-Palast und seinen Parkanlagen, der letzten Station im heutigen Geschichtstriathlon, haben sie keine Löwen weggemacht. Das wäre mit ein bisschen weißer Farbe nicht getan, so viele gibt es davon. Die meisten sind damit beschäftigt, über Drachen oder Steinböcke herzufallen. Solche Motive symbolisieren den Sieg Persiens über seine Feinde und waren beliebt bei den Schahs, die hier vom 18. bis 20. Jahrhundert residierten.

Von Yasmin erfahre ich, wer der dümmste Schah aller Zeiten war: Naser al-Din, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der habe zum Beispiel die Idee gehabt, dass Rot seine Farbe sei, und niemand außer ihm durfte etwas Rotes anziehen. »Außerdem war er begeisterter Sammler – er tauschte ständig ganze persische Städte gegen Kunstwerke aus.« Vierzehn Vitrinen mit edelstem Porzellan stehen in einem der Räume seines Palastes, aus Russland, England und Deutschland. »Jede Vitrine war eine Stadt«, erläutert Yasmin. Sie hat immer eine Story parat, die nicht in den Geschichtsbüchern steht. »Einmal war er betrunken und wollte sogar Teheran eintauschen, das hat ein Ratgeber in letzter Sekunde verhindert mit dem Hinweis, das sei die Hauptstadt des Landes.«

Das Palastinterieur ist ein Beleg nicht nur für die Sammelwut, sondern auch für die Selbstverliebtheit des Herrschers: Mehrere Hundert Kacheln zeigen Naser bei der Jagd. Sein Grab steht nicht weit entfernt, das Relief auf dem weißen Marmorsarkophag zeigt den Verstorbenen mit eindrucksvollem Schnurrbart. Darüber wurde eine Schutzscheibe montiert, die voller Taubendreck ist. Täglich scheißen die Vögel auf Naser, die Augen seines Steinabbildes könnten jede Flugbahn verfolgen. Gibt schönere Arten, die Ewigkeit zu verbringen.