CRUSHER - Ein Netz aus Lügen - Niall Leonard - E-Book

CRUSHER - Ein Netz aus Lügen E-Book

Niall Leonard

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Beschreibung

Denn sein Tod lauert immer und überall …

Wenn Finn nach dem Tod seiner Eltern eines gelernt hat, dann die bittere Lektion: Traue niemandem! Mit einem dicken Erbe in der Tasche baut er sich mithilfe seines Ex-Coachs Delroy einen Box-Club auf, um auf eigenen Füßen zu stehen. Doch da verschwindet Finns Rechtsanwältin Nicky mit all seinem Geld. Delroy hat plötzlich seine Schuldner im Nacken – und die sprechen eine tödliche Sprache! Finn muss herausfinden, wo Nicky steckt, und landet abermals in der Londoner Unterwelt, in einem irrwitzigen Netz aus Lügen, Betrug und finsteren Machenschaften …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2014

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© Rolf Marriott

DER AUTOR

Niall Leonard ist ein erfolgreicher Drehbuchautor von international ausgestrahlten TV-Serien. Er ist in Nordirland aufgewachsen, lebt heute aber mit seiner Familie in London. Nach seinem Debütroman Crusher– Traue niemandem erscheint mit Crusher– Ein Netz aus Lügen der zweite Band seiner actiongeladenen Thriller-Reihe.

Von dem Autor ist ebenfalls bei cbt erschienen:

Crusher– Traue niemandem (30897, Band 1)

Niall Leonard

CRUSHER

Ein Netz aus Lügen

Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen

cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Januar 2015

© 2014 by Niall Leonard

First published as »Incinerator« by Random House Children’s Publishers UK, a division of The Random House Group Ltd.

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Incinerator« bei Random House Children’s Publishers UK.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen

Lektorat: Ivana Marinovi´c

Umschlaggestaltung: Max Meinzold, München

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock/Rudy Balasko und Photocase/dguetschow

jb · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-14261-2

www.cbt-buecher.de

Für Chris, Chris, Anne,

Terry und Julie.

Danke fürs Zuhören.

EINS

Ich würde mir einen neuen Mopp kaufen müssen. Egal wie viel Bleichmittel ich bei diesem hier nahm, hinterließ er doch immer noch eine leicht rosa gefärbte Spur, und ich vermutete, dass er einfach schon zu viel Blut und Zähne aufgewischt hatte. Als wir hier eingezogen waren, hatte ich ihn in einem alten Schrank gefunden und bislang noch keinen neuen besorgt, weil ich mich, nachdem ich Tausende in die Miete und die neue Ausstattung investiert hatte, nicht dazu überwinden konnte, auch noch einen neuen Mopp zu kaufen, wenn es der alte auch noch tat, abgesehen von der Blutspur …

Ein paar Monate zuvor war ich beim Joggen an dem alten Sportstudio vorbeigekommen, in dem Delroy mir das Boxen beigebracht hatte, im ersten Stock eines hohen Backstein-Lagerhauses über einem Second-Hand-Möbelladen voller Plastiksofas und schäbiger Chintzsessel aus den Häusern alter Menschen, die man ins Pflegeheim verfrachtet hatte.

Zwischen den Fenstern des Sportstudios hatte ein Immobilienmakler ein Schild aufgehängt. »Zu verkaufen« konnte ich lesen und machte mir nicht die Mühe, den Rest zu entziffern. Irgendjemand sollte es kaufen, überlegte ich. Man sollte es wiedereröffnen und Delroy anheuern, um Boxunterricht zu geben. Man könnte Trainingsgeräte kaufen. Der Zahl der Jogger im Park nach zu urteilen gab es hier genügend Fitness-Freaks und kein einziges Studio im weiteren Umkreis. Man bräuchte natürlich jemanden mit Energie und Vorstellungskraft und einem Haufen Geld …

Ich war schon ein gutes Stück weitergelaufen, bis mir auffiel, dass ich dieser Jemand sein könnte. Das Geld, das ich nach dem Tod meines Vaters geerbt hatte, gammelte auf einem Bankkonto in Spanien herum. Warum eigentlich nicht?

Ich entschied mich, Delroy meine Idee zu unterbreiten.

Ein paar Jahre zuvor, als er mir das Boxen beigebracht hatte, war Delroy ein riesiger schwarzer Bär von einem Mann gewesen, der trotz seines massigen Körpers unglaublich schnell war. Damals hatten viele hitzköpfige, halbwilde Jungs das Studio besucht, die bereit waren auf alles und jeden loszugehen – einer davon war ich –, doch Delroy hatte es nie nötig gehabt, sein Gewicht einzusetzen oder auch nur die Stimme zu heben. Keiner von uns wollte ihn je wütend erleben.

Jetzt verbrachte er die meiste Zeit in seinem Wohnzimmer und sah sich auf einem billigen Fernseher mit mieser Bildqualität Boxkämpfe an. Er war immer noch ein großer schwarzer Bär, doch er war nicht mehr so schnell wie früher. Er konnte nicht einmal ohne Hilfe eines Stocks von seinem Sessel aufstehen. Ein Schlaganfall hatte die gesamte linke Seite seines Körpers gelähmt und er hatte ungefähr achtzehn Monate in der Reha verbracht.

Ich hatte ihn ein paar Mal besucht und war immer gelangweilt gegangen und auch frustriert, weil ich ihm nicht helfen konnte. Doch an dem Tag, an dem ich ihm von der Idee erzählte, das alte Sportstudio mit ihm als Trainer wiederzueröffnen, leuchtete Delroys Gesicht auf. Er grinste immer noch schief, doch er schien vor meinen Augen zehn Jahre jünger zu werden. Er sagte, er wolle sich nicht anstellen lassen, aber er würde sich an der Pacht beteiligen. Winnie, seine große, laute Frau, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, bedankte sich bei Jesus und meinte, mich hätte der Himmel geschickt, um ihren Mann zu heilen. Ich mochte Winnie, daher fragte ich sie lieber nicht, wer Delroy dann den Schlaganfall geschickt hatte.

Jetzt kam er keuchend und ächzend die Treppe hinaufgestampft. Ich traute mich schon lange nicht mehr, ihm Hilfe anzubieten. Anfangs hatte ich ihm mal gesagt, dass er nicht schon um sechs Uhr auftauchen musste, nur weil ich dann das Studio aufschloss, doch er hatte darauf bestanden.

»Wir sind Partner, Finn. Ich muss hier sein. Du verschläfst ja wahrscheinlich doch nur.«

Ich ging den Eimer ausleeren. Nach ein paar frischen Farbschichten wirkten die Räume heller und größer und ich hatte die kaputten Fenster reparieren lassen. Wir brauchten noch neue Spinde – von den alten ließ sich nur die Hälfte öffnen und die andere Hälfte ging nicht mehr zu. Als ich das grau-rosa Wasser in das altmodische Keramikbecken goss, ließ der Geruch, der aus dem Abfluss aufstieg, vermuten, dass irgendetwas Fettes, Haariges dort hinuntergeklettert und verendet war.

Aber wenn ich mich in den Räumen mit den Laufbändern und Crosstrainern, dem überholten Boxring und den bodentiefen Spiegeln umsah, verspürte ich immer noch eine prickelnde Aufregung. Maguire’s Sportstudio. Ich besaß und betrieb tatsächlich mit siebzehn ein eigenes Unternehmen, auch wenn Delroy mein Partner war.

Mittlerweile war er oben an der Treppe angekommen und blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Ich musste lächeln, als ich ihn schnauben hörte: »Hast du schon die Böden gewischt? Verdammt, Finn, du bist der Boss in diesem Laden. Du musst nicht die Fußböden schrubben.«

Aus dem gleichen Grund, aus dem ich keinen neuen Mopp anschaffte, wollte ich keine Putzhilfe anheuern – wir brauchten kein zusätzliches Personal. Sam und Daisy, die an der Rezeption standen, waren über zwanzig, und vom ersten Tag an hatte ich darauf bestanden, dass sie mich nicht »Boss« nannten, weil mir das unangenehm war.

»Es macht mir nichts aus, den Boden zu schrubben, Delroy. Ehrlich.«

»Dass es dir nichts ausmacht, weiß ich«, erwiderte Delroy. »Aber du machst es nicht ordentlich. Du solltest beim Boxen bleiben. Und beim Teekochen.«

»Möchtest du einen Tee?«

»Na also, Botschaft angekommen.«

»Du weißt doch, wo die Küche ist.«

Zwanzig Minuten später brummte der Laden. Als ich Delroy gesagt hatte, ich würde gerne jeden Tag um sechs aufmachen, hatte er schallend gelacht, aber ich hatte mir gedacht, dass viele Leute wohl gerne morgens trainierten, solange sie noch Energie hatten und bevor sie sich ins Büro schleppten. Maguire’s würde nie eines der Studios aus den Hochglanzmagazinen werden, in denen makellose Models mit idiotischem Grinsen auf den Laufbändern standen, ohne je ins Schwitzen zu kommen, aber ich dachte, wenn wir billig und sauber genug waren, dann konnten wir Kunden anlocken, denen ein einfaches Fitnessstudio ohne Schnörkel ausreichte.

Bislang ging das Konzept auf. Das Haus, in dem ich mit meinem Dad gewohnt hatte, hatte ich an eine junge polnische Familie vermietet und wohnte jetzt selbst über dem Studio in einem schäbigen Appartement im Dachgeschoss. Es war dunkel und eng und so feucht, dass man darin hätte Champignons züchten können, doch ich hielt mich sowieso nur zum Schlafen dort oben auf.

Während ich als Manager-Schrägstrich-Hausmeister auftrat, kümmerte Delroy sich um die Kämpfe. Sein Körper mochte verkrüppelt sein, aber sein Geist war so schnell wie immer und seinen Augen entging nichts. Er erkannte schlechte Angewohnheiten, noch bevor man sich selbst richtig daran gewöhnen konnte, und verdoppelte die Schlagkraft, indem er einem nur sagte, wie man die Füße besser positionierte. Er konnte die Stärken und Schwächen eines Kämpfers erkennen, indem er ihnen beim Sparring nur zuhörte oder vielleicht am Geruch. Es war mir ein Rätsel, wie seine Instinkte funktionierten, aber sie funktionierten, und die Kämpfer, die auf ihn hörten, merkten, was seine Ratschläge ausmachten.

Als ich mit dem Training bei Delroy angefangen hatte, gab es nicht besonders viele weibliche Boxer, doch seit den letzten Olympischen Spielen hatte sich das geändert. Das erste Mal, als ich zwei Frauen für die Boxstunden aufnahm, zog er eine Augenbraue hoch – die, die noch ihren Dienst tat –, aber wenn es ihm unangenehm war, zwei Mädchen dazu zu ermuntern, aufeinander einzuschlagen, sagte er es jedenfalls nicht.

Fünfzehn Minuten später trieb er sie so heftig an wie früher mich.

»Hört auf zu strahlen, meine Damen, ich will ein wenig Schweiß sehen.«

Zwei Frauen standen sich an diesem Morgen im Ring gegenüber, umkreisten sich, schlugen nacheinander, wichen aus und täuschten an, während Delroy sie beobachtete und ihnen Tipps gab. Ich rannte derweil auf einem Laufband und versuchte, herauszufinden, wie lange ich meine Höchstgeschwindigkeit halten konnte. Doch plötzlich sah ich zur Tür, noch bevor ich realisierte, warum. Normalerweise kam sie sonntags immer um diese Uhrzeit. Ich merkte, dass Delroy mich ansah, und blickte zu ihm. Er runzelte die Stirn, als hätte ich etwas falsch gemacht, doch noch bevor ich feststellen konnte, was ihn ärgerte, hatte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Sparring gewidmet.

»Hi, Finn!«

»Hi, Nicky!«

Sie musste sich unbemerkt hereingeschlichen haben.

Von Nickys Haus bis zum Studio waren es fünf Kilometer, und sie sah aus, als wäre sie den ganzen Weg gerannt, dennoch musste sie noch nicht einmal nach Luft schnappen. Sie hängte ihre Tasche an den üblichen Haken, überprüfte den Sitz des Bandes, das ihr honigblondes Haar zurückhielt, stellte sich auf den Crosstrainer vor mir und begann mit ihrem Workout. Ich lief weiter und versuchte, nicht auf die Muskeln ihres Hinterns zu starren. Das war unprofessionell. Ich starrte trotzdem hin, ich konnte nicht anders.

In den letzten Monaten hatte ich Nicky häufig gesehen, doch da war sie meine Anwältin gewesen und es musste sein. Sie hatte sich um das Geld gekümmert, das ich von meinem Vater geerbt hatte, und die Rechtsansprüche auf das Haus in Spanien geltend gemacht, das ich immer noch nicht gesehen hatte. Als ich sie wegen des Studios um Rat gefragt hatte, hatte sie mir geholfen, die Pacht zu übernehmen und den Partnerschaftsvertrag auszuarbeiten. Sie hatte die Verhandlungen geführt, den Transfer des Geldes aus Spanien organisiert und sogar einen Buchhalter aufgetrieben, der für mich die Bücher führte. Unsere Treffen bestanden hauptsächlich darin, dass sie mir Formulare reichte, mir sagte, was darin stand und wo ich unterschreiben sollte, und darin, dass ich unterschrieb. Lesen war nie meine Stärke gewesen, aber bei Nicky machte mich das nicht verlegen, denn sie gab mir das Gefühl, als sei schwere Legasthenie irgendwie süß.

Am Eröffnungstag war sie mit einer Flasche Champagner aufgetaucht, und ich hatte Delroy geholfen, sie zu leeren, obwohl ich das Zeug nicht ausstehen konnte. Sie hatte sich sogar als erstes Mitglied eingetragen, obwohl Maguire’s Sportstudio für eine Frau ihrer Klasse eigentlich nicht gut genug war. Doch das alles war rein geschäftlich … zumindest redete ich mir das ein.

Nicky stieg vom Crosstrainer, ging zu ihrer Tasche und nahm ein Handtuch heraus. Während sie sich das Gesicht abwischte, bewunderte ich das Spiel der Muskeln auf ihrem Rücken und wie ihre Haut selbst im kalten Neonlicht leuchtete. Sie wandte sich um und fing meinen Blick auf, bevor ich wegsehen konnte. Ich spürte, wie ich rot wurde, und hoffte, dass es ihr entging, daher konzentrierte ich mich darauf, meine Geschwindigkeit zu halten, doch sie kam zu mir herüber.

»Finn, ist Judy schon da?«

»Judy?« Ich hatte keine Ahnung, von wem sie sprach.

»Wir sind zum Sparring verabredet. Ich weiß, es ist noch ein wenig früh, aber …«

Judy! Jetzt fiel es mir wieder ein – eine drahtige kleine Frau mit wirren, zu einem Knoten gebundenen Locken und einer höllischen Rechten.

»Tut mir leid, ich hab sie nicht gesehen«, antwortete ich, schaltete das Laufband aus und sprang hinab, als es langsamer wurde. »Wenn Sie wollen, trainiere ich mit Ihnen.«

»Oh Mann, Finn, du bist doppelt so groß wie ich. Du würdest mit mir den Boden im Ring wischen.«

Ich wandte mich an die beiden Frauen im Ring, die ihre Runde gerade beendet hatten und durch die Seile kletterten.

»Tracey? Hättest du oder Marcia Lust auf eine Runde mit Nicky?«

Tracey sah auf die Uhr.

»Tut mir leid, Finn, ich bin zum Essen verabredet.«

»Ich übernehme das.«

Als ich mich umsah, bemerkte ich Bruno hinter uns. Er war erst seit einer Woche im Studio, aber er war gut in Form. Er war schlank, schlaksig und dunkelhäutig und wirkte arabisch, auch wenn Bruno nicht unbedingt ein arabischer Name war. Aber uns war es egal, wie sich unsere Mitglieder nannten, so lange sie ihre Gebühren bezahlten. Er wirkte nicht besonders helle, und ich fragte mich, ob er wusste, auf was er sich einließ. Er war nur ein oder zwei Kilo schwerer als Nicky und etwa gleich groß.

»Na gut, aber lasst es ruhig angehen, alle beide, ja?«

Ich sah Delroy auf der anderen Seite des Ringes ein wenig zweifelnd dreinschauen. Mir fiel ein, dass er Bruno von Anfang an nicht gemocht hatte, warum, hatte ich nie verstanden. Aber ich dachte, wenn ich aufpasste, sollte es keine Probleme geben.

»Ich ziehe mir die Handschuhe an«, verkündete Nicky.

»Ich helfe Ihnen«, bot ich ihr an. Ich hatte ihr schon oft gezeigt, wie man die Bandagen richtig anlegte, bevor man die Handschuhe anzog, und sie war durchaus dazu in der Lage, aber sie ließ mich trotzdem helfen. Sie schien ein wenig abgelenkt, als ich die Bandagen festzog und ihr die Gelhandschuhe überstreifte.

»He, konzentrieren Sie sich!«, verlangte ich.

»Tut mir leid.« Sie pustete sich den Pony aus dem Gesicht. »Die Arbeit.«

»Das hier hilft dagegen.«

»Ich hoffe es.«

Ich sah zu Delroy hinüber, der Brunos Handschuhe überprüfte. Er hatte von normalen Trainingshandschuhen auf die dicker gepolsterten Sparringhandschuhe gewechselt. Sie waren schwerer als die von Nicky, doch sie war zu zierlich, um ebensolche zu tragen.

»Denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Bleiben Sie in Bewegung. Er schlägt wahrscheinlich härter zu, als Sie es gewohnt sind, also versuchen Sie, sich nicht treffen zu lassen.«

»Danke«, antwortete sie.

»Und Nicky … seien Sie gnädig zu ihm.«

Die ersten Minuten lang war sie das auch. Sie umkreisten einander, versuchten, sich einzuschätzen, schlugen probehalber zu, doch dann setzte Nicky zu einem rechten Haken an, der genau Brunos Kiefer traf und seinen Kopf zurückfliegen ließ. Ich wusste, dass sie stark war, doch es erstaunte mich, wie viel Kraft sie in den Schlag legte, fast, als hätte sie die Kontrolle verloren. Bruno riss die Deckung hoch und vergrößerte den Abstand zu ihr, was sie zwang, ihm näher zu kommen, wenn sie zuschlagen wollte.

Sie war bereit dazu. Links, rechts hieb sie auf seine erhobenen Arme, wich dann gleich zurück und blieb immer in Bewegung, sprang hin und her und änderte die Richtung. Sie erinnerte mich an einen Tiger, den ich einmal in einem heruntergekommenen Zoo in Brighton gesehen hatte. Er war unablässig auf und ab gelaufen und hatte durch die Glasscheibe auf die staunenden Besucher gestarrt, die zurückgestarrt hatten. Es war nicht unbedingt das schönste Bild, das einem in den Sinn kommen konnte.

Mir fiel ein, dass ich nicht wirklich viel über Nicky wusste. Mir war sie immer ruhig, besonnen, unbeirrbar vorgekommen, doch jetzt wurde mir plötzlich klar, dass sie als Anwältin sicherlich täglich viel Stress und Konflikten ausgesetzt war und dass all der Frust und die Aggressionen irgendwie abgebaut werden mussten. Ich überlegte, ob ich gerade Zeuge davon wurde.

Bruno war cooler und geduldiger, als ich erwartet hatte, aber man konnte sehen, dass er langsam genug davon hatte, sich von Nicky herumschubsen zu lassen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich auch über Bruno nicht viel wusste. Er war kaum ein halbes Dutzend Mal im Studio gewesen und trainierte immer ruhig für eine knappe Stunde, bevor er wieder ging. Gelegentlich lungerte er in unserer Nähe herum, wenn ich mich mit Delroy unterhielt, und wenn wir ihn ansprachen, grinste er nur und machte weiter mit dem, was er tat, als verstünde er unsere Sprache nicht richtig. Wenn er sprach, dann mit reinstem Londoner Dialekt und nur einem leisen Hauch von arabischem Akzent, daher dachte ich, dass er nur schüchtern war. Doch Delroy sagte immer, dass man die wahre Natur eines Mannes erst erkannte, wenn man ihn im Ring unter Druck setzte.

Brunos Augen schimmerten unter dem Helmrand hervor und auf seinen Wangen glänzte der Schweiß. Er versuchte ein paar Konterschläge, doch Nicky war immer zu schnell, wich nach links oder rechts aus oder tauchte nach hinten weg, sodass seine Hiebe ins Leere gingen. Dann tauchte sie unter seinem offenen Arm auf und versetzte ihm einen heftigen Schlag in die Rippen. Ich spürte, wie um mich herum die anderen Gäste auf ihren Trainingsgeräten langsamer wurden, weil auch sie die Spannung in der Luft spürten und sehen wollten, was sich im Ring abspielte.

Auch Delroy schien die Feindseligkeit und das Adrenalin zu spüren. Normalerweise turnte ihn das an, doch dieses Mal beunruhigte es ihn wohl.

»Okay, Leute! Auseinander!«, rief er und erreichte damit irgendwie Nicky, denn sie trat zurück.

Bruno ließ die Deckung sinken. Er stellte sich in Position, ließ die Fäuste bis auf Hüfthöhe sinken und blieb mit schief geneigtem Kopf stehen, als wäre Nicky ein Problem, das er lösen müsste. Unfähig, der Versuchung eines offenen Schlages zu widerstehen, kam sie wieder angetänzelt und schlug eine Rechte, doch dieses Mal war Bruno an der Reihe, sich außer Reichweite zu ducken. Blitzschnell riss er die Linke hoch, traf sie am Ohr und ließ sie zurückstolpern.

»Genug!«, rief Delroy, doch niemand hörte mehr auf ihn. Er warf die Krücke weg und griff nach der Glocke am Ring. Gleichzeitig packte ich die Seile und zog mich hindurch, doch es war zu spät.

Die Glocke klingelte durchgehend, doch Bruno achtete nicht darauf. Nicky hatte sich zusammengekrümmt und ihre Knie gaben nach, doch Bruno ließ sie nicht zu Boden gehen – mit kurzen, heftigen Uppercuts in ihre Brust stieß er immer wieder zu, sodass er sie fast von den Füßen hob. Dann trat er zurück und hob den Arm zu einem letzten Schlag, doch bevor er dazu ansetzen konnte, packte ich seinen Ellbogen, riss ihn fort und stieß ihn mit dem Arm vor seiner Brust in seine Ecke zurück. Fast erwartete ich, dass er nach mir schlagen würde, und war darauf gefasst, doch er entspannte sich sofort und ließ die Fäuste sinken. Er hatte nicht die Beherrschung oder die Kontrolle verloren – er hatte genau gewusst, was er tat. Jetzt ließ er die Arme sinken und tänzelte auf den Zehenspitzen, als hätte er sich nur harmlos amüsiert und wäre für die nächste Runde bereit.

»Verdammt noch mal, Bruno!«, brüllte ich ihn an.

Er zeigte keinerlei Regung.

»Die Schlampe war außer Kontrolle«, meinte er achselzuckend.

»Du bist hier fertig. Zieh dich um und verschwinde.« Er starrte mich an. Ich starrte zurück. »Verschwinde, Bruno. Sofort!«

Er sah zu Nicky hinüber, die hustend auf dem Teppich zusammengebrochen war, dann seufzte er, duckte sich durch die Seile, sprang hinunter und schlenderte zu den Umkleideräumen, wobei er die Handschuhe mit den Zähnen öffnete und sich nicht einmal mehr umsah.

»Alles in Ordnung?«

Nicky saß nach vorne gelehnt auf der Bank in der Damenumkleide und schob ihren Kiefer hin und her, während ich mich zu ihr beugte.

»Schon gut. Es tut nur verdammt weh, wenn einem jemand in die Titten boxt.«

»Ja, ich weiß«, antwortete ich.

»Nein, das glaube ich kaum.« Irgendwie schaffte sie es zu kichern. Dann richtete sie sich auf, neigte sich zurück, berührte ihre Brüste und jaulte vor Schmerz auf.

»Es tut mir wirklich leid. Das hätte ich nicht zulassen dürfen. Bruno wird hier nie wieder trainieren.«

»Es war nicht deine Schuld. Und seine auch nicht. Ich habe die Beherrschung verloren. Ich wusste, dass wir nur sparren sollten, aber ich … ich wollte einfach nur jemanden verprügeln und er war zufällig da.«

»Warum?«

Kopfschüttelnd sah sie mich an und nahm dann ihr Handtuch.

»Ich sollte gehen …«

»Ist alles in Ordnung? Mit Ihnen und Harry, meine ich?«

Sobald die Worte heraus waren, wünschte ich mir, der rissige Linoleumboden würde sich auftun und mich verschlucken. Sie hatte mir ein paarmal von ihrem Ehemann erzählt, und es hatte den Anschein, als würden sie sich häufig streiten. Doch ihre Eheprobleme gingen mich nichts an. Was sollte ich deswegen schon unternehmen?

Doch als sie mich jetzt ansah, lachte sie nicht und riet mir nicht höflich, zu verschwinden, es war eher, als fühle sie sich geschmeichelt, dass ich mir Sorgen machte. Ich glaubte schon, sie wolle mir etwas erzählen, doch dann überlegte sie es sich und rieb sich wieder den Kiefer.

»Ich muss duschen«, sagte sie.

Sie stand auf und auch ich erhob mich und hielt ihr einen Finger vors Gesicht.

»Lass das, Finn. Ich habe keine Gehirnerschütterung.«

»Was für einen Tag haben wir heute?«

»Es ist Sonntag und morgen ist Montag und da kommst du zu mir ins Büro zur Vertragsunterzeichnung.«

»Wie bitte?«

»Für den Kauf des Gebäudes. Hast du es vergessen?«

Als Nicky mir mit dem Pachtvertrag geholfen hatte, hatte sie erwähnt, dass das gesamte Gebäude zum Verkauf stand. Das hatte mich beunruhigt – ich fürchtete, dass der neue Besitzer uns hinauswerfen konnte –, bis mir der Gedanke kam, dass das nicht passieren würde, wenn ich es kaufte.

»Nein«, antwortete ich, »na ja, irgendwie schon. Ich hatte vergessen, an welchem Wochentag es sein sollte.«

»Wie um Himmels willen willst du mich dann auf eine Gehirnerschütterung testen?« Sie war wieder ganz die Alte, und als sie sich das T-Shirt über den Kopf zog, fiel mir plötzlich wieder ein, wo ich mich befand, und machte mich aus dem Staub.

»Brauchen Sie nicht das ganze heiße Wasser auf, ja?«, rief ich ihr noch über die Schulter hinweg zu.

»Ich sag’s dir, Finn, wir können von Glück sagen, dass sie uns nicht verklagt. Durch so was machen Studios Pleite.«

»Wieso sollte sie uns verklagen? Sie ist unsere Anwältin. Das wäre doch ein Interessenkonflikt, oder?«

»Ich meine es ernst, Junge! Das nächste Mal, wenn so etwas passiert, ist es vielleicht keine Freundin, die aufsteht, geht und darüber lacht. Vielleicht landet das nächste Mal ein Mädchen im Krankenhaus.«

»Es wird kein nächstes Mal geben, Delroy.«

Delroy schüttelte den großen grauen Kopf und seufzte. Wir saßen am Tisch in seiner engen Küche und tranken Rum aus Schnapsgläsern – auf Winnies Verlangen hin stark verwässert. Delroys Frau hatte etwas gegen harte Drinks und Delroy konnte schon nüchtern kaum laufen. Mir war es recht, das Zeug zu verdünnen, ich mochte den Geschmack sowieso nicht und nippte nur daran, um Delroy Gesellschaft zu leisten.

Abends aß ich meistens bei ihnen. Mir gefiel es dort, und sie schienen sich zu freuen, wenn ich kam. Es war warm und hell, und selbst die deprimiert dreinblickenden Jesusbilder, die Winnie überall aufgehängt hatte, machten die Wohnung kein bisschen weniger freundlich. Auf jeden Fall war es gemütlicher als in meinem muffigen Zimmer über dem Studio. Allerdings wäre auch eine verregnete Bushaltestelle gemütlicher gewesen als mein Zimmer.

»Seid ihr Geschäftshaie zu sehr damit beschäftigt, über euren Laden zu reden, um das Hühnchen umzurühren?«, beschwerte sich Winnie, als sie hereinkam. Der Geruch aus der Küche zog durch das ganze Haus und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Als ich das erste Mal ihr jamaikanisches Hühnchen mit Süßkartoffeln probiert hatte, hatte ich drei Portionen davon verschlungen und mir fast den Magen verdorben. Jetzt achtete ich darauf, langsamer zu essen.

»Darauf falle ich nicht mehr herein«, brummte Delroy. »Ich weiß doch, wie du reagierst, wenn sich jemand in dein Essen mischt.«

»Finn, ich hoffe, du hast Hunger, denn hier gibt es jede Menge zu essen.« Sie schnalzte mit der Zunge und nahm die Brille ab, die zu beschlagen begann, um sie an ihrer geblümten Schürze sauber zu wischen.

»Klar hat der Junge Hunger. Der arbeitet den ganzen Tag, sieben Tage die Woche. Um fünf Uhr morgens raus und dann unaufhörlich malen, Fenster reparieren, putzen. Der Junge ist eine Ein-Mann-Armee.«

»Wenn es Spaß macht, zählt es nicht als Arbeit«, bemerkte ich.

»Das liegt daran, dass du für dich selbst arbeitest«, meinte Delroy. »Keiner befiehlt dir etwas, das ist der Unterschied.«

»Trotzdem, Jungen in deinem Alter sollten nicht jede Minute des lieben langen Tages arbeiten«, fand Winnie. »Du solltest mehr ausgehen und gleichaltrige Freunde finden. Du musst nicht immer nur mit griesgrämigen alten Männern wie Delroy herumhängen.«

»Ich bin jünger als du, Frau!«

»Vielleicht suchen wir dir in der Kirche ein nettes Mädchen, mit dem du ins Kino gehen kannst.«

»Finn will mit diesen Betschwestern nichts zu tun haben«, schnaubte Delroy. »Wenn er ein Mädchen mit ins Kino nimmt, will er eine, die mit ihm in der letzten Reihe sitzt. Er sucht den Himmel hier auf Erden, nicht in der nächsten Welt.«

»Delroy Llewellyn, du bist ekelhaft!«

»Bei mir ist alles in bester Ordnung, Winnie«, sagte ich.

»Hast du schon eine Freundin?«, strahlte Winnie.

»Ich wünschte, es wäre so«, erwiderte ich.

»Jetzt sieh ihn dir an!«, grinste Winnie. »Der Junge wird rot wie ein Sonnenuntergang in der Karibik. Du wirst uns sofort alles erzählen. Wie ist sie?«

»Verheiratet, das ist sie«, grunzte Delroy.

Ich starrte ihn an. Wenn das ein Scherz sein sollte, dann traf er ziemlich genau ins Schwarze.

»Aber nicht doch!«, schalt ihn Winnie. »Finn würde sich nicht mit einer verheirateten Frau einlassen.«

»Sie ist Anwältin und mit einem reichen Macker verheiratet, der in der Innenstadt arbeitet, und sie ist zehn Jahre älter als Finn und sie verbringt mehr Zeit mit ihm als mit ihrem Ehemann.« Delroy goss sich einen weiteren Rum ein, und dieses Mal nahm er einen Schluck, ohne ihn zu verwässern.

Hatte er deshalb am Morgen so grimmig dreingeschaut, als ich auf Nicky gewartet habe? Weil er glaubte, dass ich in sie verliebt war?

»Nun, es ist nicht Finns Schuld, dass sie ihn mag, oder?«, protestierte Winnie. »Welche Frau würde sich nicht in einen so großen, hübschen Kerl verlieben?«

Ich spürte, wie ich rot wurde. Delroy hatte mich durchschaut. Natürlich schwärmte ich für Nicky – wie auch nicht? Sie war wunderschön, clever, lustig, und ein Tag, an dem ich sie nicht im Studio sah … war irgendwie verschwendet. Ich wusste das, selbst wenn ich es nie zugegeben hatte und es wohl auch nie tun würde. Für Nicky waren wir nur Anwältin und Klient, da war ich mir sicher. Wir waren befreundet, ja, aber Delroy schien andeuten zu wollen, dass Nicky ebenso empfand wie ich, doch das war Unsinn. Das konnte nur Unsinn sein.

»Du halluzinierst, Delroy«, sagte ich. »Ich dachte, sie hätte heute einen Schlag auf die Birne abbekommen und nicht du.«

Delroy starrte in sein leeres Schnapsglas.

»Ich habe gesehen, wie sie dich ansieht. Glaub mir, Junge, diese Frau wird dir noch das Herz brechen.«

»So was tun Frauen normalerweise, oder nicht?«, erwiderte ich.

»Jetzt hör sich einer den Jungen an«, meinte Winnie kopfschüttelnd. »Ein Mann von Welt.«

Dann klingelte es.

Winnie ging an die Tür und grummelte etwas von Nachbarkindern und Klingelstreichen, während Delroy und ich in verlegenes Schweigen versanken. Ich fühlte mich fast ein wenig geschmeichelt, dass er sich für mein Liebesleben interessierte – oder am Fehlen desselben –, andererseits wünschte ich, er würde sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und mich meine Fehler selbst machen lassen. Allerdings fragte ich mich auch, ob es stimmte, was er über Nicky gesagt hatte, dass sie nicht nur da war, um mir bei dem Geschäft zur Seite zu stehen und mir professionelle Ratschläge zu geben.

Es stimmte, sie war da gewesen, als meine Mutter angegriffen wurde, und sie hatte mich ins Krankenhaus begleitet, wo man vergeblich versuchte, sie zu retten, und sie war mir auch in der darauffolgenden Zeit nicht von der Seite gewichen, als ich durch ein wahres Fegefeuer der Befragungen gehen musste. Sie hatte während der gerichtlichen Untersuchung meine Hand gehalten, als mich die Einzelheiten, die zutage kamen, beinahe dazu brachten, in Tränen auszubrechen oder einen Stuhl durchs Fenster zu werfen, oder auch beides. Gut, sie war mehr als meine Anwältin, aber den Rest hatte sich Delroy sicher nur eingebildet. Nicky war viel älter als ich, viel klüger, hatte mehr Klasse.

Was hatte es also schon zu sagen, dass sie in unserem Studio trainierte oder mit mir laufen ging? Wir waren in einem Gespräch darauf gekommen, dass ihr Haus nicht weit vom Thameside-Pfad lag, den ich morgens meistens entlanglief. Und eines frühen Morgens hatte sie mich dann überholt und seitdem waren wir ein paarmal die Woche zusammen gelaufen und hatten uns über Belanglosigkeiten unterhalten. Doch das bedeutete schließlich nicht, dass sie scharf auf mich war … oder?

So gedankenverloren bemerkte ich erst nach einer Weile, dass derjenige, der an der Tür war, weder hereinkam noch wieder ging. Winnies Stimme wurde immer lauter und schriller und drängender, und gerade wollte ich aufstehen und nachsehen, was los war, als ich hörte, wie jemand mit Gewalt eindrang und Winnies Proteste, die mittlerweile zu einem Kreischen angewachsen waren, ignorierte. Während Delroy hinter sich nach seiner Krücke griff, stieß ich den Stuhl zurück und lief durch den Perlenvorhang in den Flur.

Ein kahlrasierter Kerl mit der Figur eines Kleiderschranks stand formatfüllend in der Haustür, die Arme verschränkt und die fetten Lippen zu einer grimmigen Linie zusammengepresst. Winnie stand in der Wohnzimmertür und beschimpfte jemanden mit so heftigem karibischem Akzent, dass ich kein Wort von dem verstand, was sie sagte, doch ich bekam zumindest mit, um was es ging: Jemand war eingedrungen, um sie zu bestehlen. Ich wusste zwar, dass es bei Delroy und Winnie nichts Stehlenswertes gab, doch derartig unwichtige Details interessierten das niedere Pack nicht, das die Gegend unsicher machte, um sich den nächsten Schuss zu finanzieren. Nicht dass der Gorilla in der Tür wie ein typischer Junkie ausgesehen hätte, doch ich überlegte, dass ich zuerst Winnie helfen und mich später darum kümmern könnte, die Motive der Eindringlinge zu analysieren.

Ein Typ Mitte zwanzig, kleiner und schlanker als der erste, kam mit Delroys billigem Flachbildschirm aus dem Zimmer und ignorierte Winnies Proteste. Aus seinen Kleidern stieg ein schaler Tabakgeruch auf, seine Finger hatten gelbe Nikotinflecken und er trug sein fettiges Haar in einer altmodischen Elvis-Tolle und dazu Koteletten, die fast bis zu seinem breiten, kantigen Kinn reichten. Ihm fehlten nur noch der Glitzeranzug und die kitschige Sonnenbrille.

»Würden Sie das wohl bitte wieder hinstellen?«

Das klang zwar geradezu absurd höflich, aber ich wusste, dass Winnie diese subtile Herangehensweise bevorzugen würde.

Elvis betrachtete mich abschätzend und tat mich mit einem kurzen Blick ab.

»Junge, kümmer dich einfach um deinen Scheiß, ja? Dann gibt es auch keinen Ärger.«

»Den gibt es schon«, erklärte ich. »Winnie, geh in die Küche.«

»Nein, Finn, das ist nicht dein Problem«, widersprach Winnie, doch sie musste schlucken, und als ich zu ihr blickte, sah ich, dass sie weinte. Eine Welle von Wut ließ das Adrenalin in mir aufsteigen. Bei allem, was Delroy passiert war, hatte sie nie den Mut verloren oder aufgegeben, und sie jetzt so erniedrigt zu sehen, erfüllte mich mit einer Wut, die ich kaum bezähmen konnte. Und das alles dank dieser beiden ledergekleideten Idioten, die mit Delroys wertlosem Supermarkt-Fernseher zur Tür hinausspazieren wollten.

Ich stürmte hinter ihnen her. Sie liefen auf einen großen glänzenden Mercedes zu, der mit offenem Kofferraum am Straßenrand stand. Das verriet mir deutlich, dass dies keine gewöhnlichen Einbrecher waren, aber das war mir mittlerweile schon egal.

»He, Arschloch«, rief ich. »Ich habe höflich darum gebeten!«

Elvis drehte sich um, den Fernseher immer noch unter dem Arm, und seufzte, als wäre ich ein Strafzettel, den er zerreißen musste. Er sah seinen weniger glamourösen Assistenten an.

»Sean?«, sagte er träge.

Sean, der Kleiderschrank, drehte sich um und stapfte grinsend auf mich zu. Er war groß und muskelbepackt, doch er bewegte sich wie ein Nilpferd auf Stelzen und sein billiger Ledermantel würde seine Bewegungsfreiheit einschränken. Außerdem trug er Lederhandschuhe – entweder glaubte er, er würde dadurch tough aussehen, oder er kaute an den Fingernägeln, und als ich sah, wie er die große rechte Hand öffnete, fragte ich mich, ob er mir eine Ohrfeige geben wollte.

Ich war fast schon beleidigt, doch ich ließ es ihn versuchen, tauchte ab und warf beim Wiederauftauchen mein ganze Gewicht in eine rechte Gerade an seinen Kiefer. Sein großes fleischiges Gesicht schwabbelte beim Aufprall wie Gelee und er taumelte zurück.

Mittlerweile lud Elvis Delroys Fernseher in den Kofferraum des Mercedes, doch ich nahm an, dass er nicht ohne seinen Freund fahren wollte. Ich ließ Sean das Gleichgewicht wiederfinden und merkte, wie er überkochte. Er schüttelte den Kopf, kniff die kleinen Schweinsäuglein zusammen und kam doppelt so schnell wie zuvor wieder auf mich zu gestürmt. Seine großen Fäuste flogen, doch sie schlugen so unkontrolliert zu, dass sie mich verfehlten wie Asteroiden. Ich schlüpfte dicht an ihn heran und hieb ihm tief in den Solarplexus, worauf ihm die Luft wegblieb und er zusammensackte wie ein kaputter Zeppelin. Er grapschte nach meinem Kragen, in der Hoffnung, mich lange genug festhalten zu können, um mich k. o. zu schlagen oder mir eine Kopfnuss zu verpassen, doch ich packte seine lederbehandschuhte Hand, bog das Gelenk zurück und verdrehte ihm den Arm, sodass er schwerfällig in die Knie ging und in höchsten Tönen zu jaulen begann, was sich merkwürdig ähnlich anhörte wie bei Winnie. Delroy stand mittlerweile in der Tür und sah hilflos zu, während Winnie hinter ihm schluchzte.

»Bring den Fernseher wieder rein!«, rief ich Elvis zu, »sonst breche ich ihm den Arm!«

»Scheiße!«, rief Elvis und knallte den Kofferraumdeckel zu.

»Na gut«, meinte ich. »Wie ihr wollt.«

»Nicht, Finn«, warnte Delroy.

Ich sah ihn an. Ich hatte nicht wirklich vor, Sean den Arm zu brechen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich wusste, wie ich ihn ihm ausrenken konnte. Das war schmerzhaft, konnte aber leicht behoben werden, auch wenn das noch schmerzhafter sein würde.

»Lass ihn los«, verlangte Delroy.

Ich ließ Seans Arm los und trat zurück. Er blieb knien, hielt sich den Arm und fluchte leise, bis sein Boss kam, sich vor ihn stellte, entnervt seufzte und ihn in die Rippen trat.

»Steh auf, du nutzloser Sack«, befahl er.

»Wenn ich den Fernseher selbst zurückbringen muss, dann benutze ich deinen Hintern als Schubkarre!«, drohte ich.

Doch Elvis ignorierte mich und deutete stattdessen mit seinem knubbeligen Zeigefinger auf Delroy.

»Man hat Sie gewarnt!«, sagte er. »Wenn Sie das nächste Mal zu spät dran sind, nehmen wir Ihnen die ganzen Möbel weg, nicht nur dieses billige Scheißding.« Er starrte mich finster an. »Und dank ihres kleinen Pfadfinders hier hat sich Ihre Rate soeben verdoppelt. Wenn Ihnen das nicht gefällt, reden Sie mit Mr Sherwood.« Er drehte sich um und schubste Sean, den Kleiderschrank, zum Mercedes.

Ich ließ sie gehen und wandte mich an Delroy, der sich auf seine Krücke stützte, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, und dessen schwarzes Gesicht blasser war, als ich es je gesehen hatte.

»Delroy?«, fragte ich. »Was zum Teufel hat das zu bedeuten?«

»Du hast dir den Anteil für das Studio bei Sherwood geliehen?«

»Was hätte ich denn sonst tun sollen? Wir hatten keine sechstausend Pfund herumliegen.«

Delroy war auf seinem Sessel im Wohnzimmer zusammengesackt gegenüber von dem leeren Platz, an dem der Fernseher gestanden hatte. Jetzt waren nur noch ein paar Wollmäuse und lose Kabel zu sehen, die aus ihren Verbindungen gerissen worden waren.

»Du hättest es dir von mir leihen können«, erwiderte ich. »Ich hätte es mir leisten können. Ich habe doch erzählt, dass mir Dads Freund aus Spanien einen Haufen Geld hinterlassen hat – wozu soll ich das schon brauchen?«

»Das ist dein Geld«, widersprach Delroy. »Ich wollte, dass wir Partner sind. Wenn ich dein Geld annehme, wo stehe ich denn dann?«

Winnie kam mit geschwollenen und rot geweinten Augen wieder herein, eine Dose Möbelspray und ein Staubtuch in der Hand. Sie sprühte die Fernsehbank ein und wischte sie ab, als könne sie die ganze schreckliche Angelegenheit mit einem Staublappen wegwischen.

Ich hatte einiges über Sherwood gehört und nichts davon war gut. Autos waren ausgebrannt, Fenster eingeschlagen worden, Kniescheiben in dunklen Gassen hinter schäbigen Pubs mit einem Baseballschläger zertrümmert. Man musste entweder dämlich oder völlig verzweifelt sein, um sich von Sherwood Geld zu leihen. Und Delroy und Winnie waren nicht dumm.

»Ich habe es von meiner Behindertenrente zurückgezahlt«, erklärte Delroy. »Fünfzig Pfund die Woche.« Er starrte den Boden an, als hätte er Angst, aufzusehen und den leeren Fleck zu betrachten, wo der Fernseher gestanden hatte. »Aber diese Woche hat die Bank einen Fehler gemacht und das Geld kam einen Tag zu spät. Ich habe Mr Sherwood angerufen und versucht, es zu erklären, aber sie sagten immer nur, er sei beschäftigt.«

Fünfzig Pfund die Woche? Wie konnte sich Delroy das leisten? Ich wusste, dass Winnie immer noch als Putzfrau arbeitete, obwohl sie fast siebzig war. So wie sie darüber redete, konnte man meinen, sie täte es wegen der Gesellschaft der anderen Putzfrauen und damit sie etwas zu tun hatte. Jetzt verfluchte ich mich selbst, dass ich das je geglaubt hatte. Sie konnte es sich nicht leisten, aufzuhören zu arbeiten, weil ich ihnen mit dem dummen Plan gekommen war, ein Fitnessstudio zu eröffnen, und sie hatte mitgemacht, um Delroy glücklich zu sehen. Ich hatte mich für so clever und hilfsbereit gehalten, doch in Wahrheit hatte ich sie nur in die Arme eines Kredithais getrieben.

»Ich bringe euch euren Fernseher zurück«, erklärte ich. »Ach was, zum Teufel damit, ich kaufe euch einen neuen. Einen großen.«

»Das ist nicht dein Problem«, stieß Delroy hervor.

»Mir egal, ich möchte es gerne«, erwiderte ich.

»Vergiss es, Finn«, seufzte er. »Ich sehe sowieso zu viel fern.«

Irgendwie musste ich meinen Fehler wiedergutmachen. Und dazu würde mehr gehören als ein neuer Fernseher.

ZWEI

Am nächsten Morgen tauchte Nicky nicht auf, weder zum Laufen am Fluss noch im Studio, und im Grunde genommen war ich froh darüber. Sie hätte gespürt, dass mich etwas bedrückt, und mich gedrängt, es ihr zu erzählen. Sie hätte darauf bestanden, mir zu helfen, die Sache zu bereinigen, aber ich hatte das Gefühl, dass es sich hier um die Art von Problem handelte, bei dem ein Anwalt nicht helfen konnte. Natürlich würde ich sie am Nachmittag aufsuchen, aber vielleicht hatte ich bis dahin eine Lösung gefunden. Das hier hatte ich verbockt, und ich wollte sehen, was ich unternehmen konnte, ohne noch mehr Menschen, an denen mir etwas lag, mit hineinzuziehen. Im Studio trainierte ich heftiger als je mit den Gewichten und mühte mich mit den Metallstangen ab, bis meine Muskeln brannten, um mich für meine Blindheit, meine Dummheit und meinen Egoismus zu bestrafen. Delroy beobachtete mich aus den Augenwinkeln, während er im Studio herumschlich und den Kunden beim Training aufmunternde Worte zubrummte, doch er kam nicht zu mir, um über den vergangenen Abend zu sprechen. Dazu gab es sowieso nichts zu sagen. Nachdem ich geduscht und mich umgezogen hatte, sagte ich ihm nur, dass ich in einer oder zwei Stunden zurück wäre, und er fragte nicht, wohin ich ging.

Das Kredithai-Geschäft war mittlerweile fest in der Hand von Internetkreditgebern mit riesigen Anzeigenkampagnen und vierstelligen Zinssätzen, doch es gab immer noch Raum für Leute, die den Bodensatz abschöpften und Geld an Leute verliehen, mit denen sich große Firmen nie abgeben würden. Sherwood schaltete Anzeigen in kleinen Lokalblättchen und hängte in den Schaufenstern der Zeitungskioske Flyer auf, in denen er sich als »guter Nachbar in der Not« bezeichnete, der dir das Geld nach Hause brachte. Das klang nach gutem Service, doch schließlich hingen seine Geschäftsmethoden davon ab, dass er wusste, wo man wohnte. Sobald etwas schiefging – und irgendetwas ging immer schief –, war er nicht so leicht zu erreichen. Auf seinen Anzeigen stand zwar eine Mobilnummer, aber wenn man sie anrief, bekam man nur eine Ansage zu hören, die einem sagte, man solle eine Nachricht hinterlassen, damit jemand zurückrufen konnte.

Mit etwa dreizehn, als ich mich auf den Straßen in Westlondon herumtrieb, hatte ich mit meinen Freunden oft eine Billard-Halle aufgesucht, die schon bessere Tage gesehen hatte. Ein Schild an der Tür verbot jedem unter sechzehn den Zutritt – theoretisch –, aber niemand konnte sich dazu durchringen, das Verbot durchzusetzen. Wenn man die hohe Kaution für Bälle und Queues hinlegen konnte und genug Pfundmünzen hatte, um das Licht am Tisch brennen zu lassen, konnte man den ganzen Tag spielen. Auf den Toiletten hingen normalerweise ältere Typen herum und verkauften jedem, der wollte, eine Reihe von Drogen, oder boten nervösen Männern im mittleren Alter, die dort ein und aus schlurften, persönliche Dienste an. Meistens ignorierten wir die Dealer und Stricher, aber ich erfuhr dort, dass in der Nähe ein Kredithai namens Sherwood sein Büro hatte. Ein- oder zweimal bekam ich einen schlanken Mann im schicken Anzug zu sehen, normalerweise mit ein paar Schlägern im Schlepptau, der durch eine Tür ohne Schild in der Gasse schlüpfte.