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Um den Mörder zu fassen, muss er selbst zu einem werden ...
Als Finn seinen Vater ermordet auffindet und er selbst zum Hauptverdächtigten der Polizei wird, setzt er alles daran, den wahren Mörder zu finden. Eine Spur führt ihn in die Londoner Unterwelt und mitten hinein in die Fänge der skrupellosesten Gangster der Stadt. Eine atemberaubende und gefährliche Jagd beginnt … Nur seine neue Freundin Zoe gibt Finn in dieser Zeit Halt. Doch dann taucht auf einmal seine verschollene Mutter wie aus dem Nichts bei ihm auf – und Finn weiß nicht, wem er überhaupt noch trauen kann …
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2014
© Rolf Marriott
DEr Autor
Niall Leonard ist ein erfolgreicher Drehbuchautor von international ausgestrahlten TV-Serien. Er ist in Nordirland aufgewachsen, lebt heute aber mit seiner Familie in London. Crusher– Traue niemandem ist sein Debütroman, zu dem er zurzeit eine Fortsetzung schreibt.
cbtist der Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe April 2014
Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
© 2012 by Niall Leonard
First published as »Crusher« by
Random House Children’s Publishers UK,
a division of The Random House Group Ltd.
Die englische Originalausgabe erschien
unter dem Titel »Crusher« bei
Random House Children’s Publishers UK.
© 2014 cbt Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Übersetzung: Tanja Ohlsen
Lektorat: Ivana Marinovic´
Umschlagbild: Artwork © Stephen Mulcahey
with title lettering by James Fraser
Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen
kg · Herstellung: kw
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-13782-3
www.cbt-jugendbuch.de
Für Erika
Ich habe dir meine Träume zu Füßen gelegt
EINS
Es war ein bisschen früh dafür, dass jemand an die Haustür hämmerte. Mit nassen Haaren rannte ich aus der Dusche die Treppe hinunter und machte die Tür auf.
»Tut mir leid, mein Junge, ich habe mich ausgesperrt«, sagte Dad und trat fröstelnd ein. Er war in Pantoffeln draußen gewesen, wie ich bemerkte, und ich fragte mich, warum, bis ich die Fernsehzeitschrift in seiner Hand sah.
Ein wenig enttäuscht stellte ich fest, dass Dad reichlich mitgenommen aussah. Seine hellblauen Augen waren blutunterlaufen, und sein blondes Haar stand in Büscheln ab, die nicht wuschelig oder schick aussahen, sondern so, als hätte er unter einer Brücke geschlafen. Ich hatte ihn gestern Nacht spät nach Hause stolpern hören. Er hatte versucht, nicht allzu viel Lärm zu machen, und war dabei gegen Möbel gestoßen und hatte leise vor sich hin geflucht. Aber er war zur gleichen Zeit aufgestanden wie immer, während ich joggen war, und auf dem Tisch wartete ein warmes Frühstück: alte Eier, dünner salziger Speck und Instantkaffee mit Milch. Bei der Arbeit würde ich mir ein Glas Orangensaft holen, bevor ich anfing, auch wenn das Orange in dem Zeug, das wir verkauften, hauptsächlich von Farbstoffen herrührte.
»Mist«, sagte mein Vater und blinzelte durch seine schiefe Brille auf die erste aufgeschlagene Seite der Zeitschrift.
Das hatte ja nicht lange gedauert. »Was ist los?«
»Bill Winchester hat mit dieser Zeitreise-Cop-Serie eine zweite Staffel bekommen. Was für ein alberner Schwachsinn.«
»Du meinst Future Perfect?«
Mein Dad sah mich tief getroffen an, als hätte ich ihn verraten.
»Habe ich nie gesehen«, meinte ich achselzuckend. »Ich habe nur davon gehört.«
»Bill und ich haben vor Jahren mal zusammengearbeitet, in Henby General.«
»Ja, hast du erwähnt.« Aber er sprach nicht oft darüber.
Dads große Zeit war in den frühen Neunzigern gewesen. Eine ganze Weile war er der allseits beliebte irische Schauspieler mit dem gewissen Glitzern in den Augen gewesen– er hatte sogar einmal einen Preis für den besten Newcomer gewonnen. Die Bronzefigur stand immer noch als Staubfänger auf dem Kaminsims. Doch von da an war es bergab gegangen. Er ließ die Statue nicht aus Gründen der Nostalgie oder Eitelkeit dort stehen– sie sollte seinen Neid anspornen. Neid nährt den Hunger, sagte Dad immer. Ich konnte das nie so recht verstehen, denn ich war ständig hungrig und mochte das Gefühl nicht besonders. Aber allen Schauspielerkollegen meines Vaters ging es besser als ihm selber. Wenn es stimmen würde, dass jedes Mal, wenn ein Freund etwas mehr Erfolg hat als man selbst, ein kleiner Teil von einem stirbt, dann hätte mein Vater ein Zombie im fortgeschrittenen Stadium sein müssen.
Er selbst betrachtete sich als einen leidenschaftlichen, engagierten und provokanten Schauspieler. Die Regisseure jedoch hielten ihn schnell für launisch und dickköpfig und fanden es unmöglich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Als er meine Mutter kennenlernte, waren seine Engagements bereits weniger geworden, und seine letzte Rolle hatte er vor Jahren gehabt. Damals hatte er auf einer einsamen Insel eine imaginäre Pizza gegessen– für eine Versicherungsreklame, glaube ich, es hätte aber auch ein Spot für Pizzas oder einsame Inseln sein können. Offiziell hat er sich nie aus dem Geschäft zurückgezogen, aber er ließ sich einen Bart wachsen, ging nicht mehr zum Vorsprechen und hörte auf, seine Agentin um Arbeit anzubetteln.
Er würde nicht darauf warten, dass das Telefon klingelt, sagte er. Er würde sein Glück selbst in die Hand nehmen. Er wollte ein TV-Drama schreiben, das so ergreifend und authentisch wäre, dass sich die Produzenten gegenseitig an die Kehle gehen würden, um es zu verfilmen, und er würde eine richtig gute Rolle für sich selbst hineinschreiben, sodass sie ihn ins Cast aufnehmen müssten. Natürlich nicht die Hauptrolle– er musste realistisch bleiben, erklärte er. Die Hauptrolle könnte einer seiner berühmteren alten Kollegen übernehmen, damit die Serie besser anlief. Er hatte alles ausgearbeitet. Das war nun schon seit Jahren so, doch es hatte nicht den Anschein, als würde es je tatsächlich passieren.
»Mach dir nichts draus, Dad. Du sagst doch immer, Erfolg ist die beste Rache.«
»Ja, aber vielleicht täusche ich mich ja«, gab Dad zurück. »Vielleicht ist die beste Rache ja, jemandem mit einer rostigen alten Säge den Kopf abzusäbeln. Womöglich sollte ich es mal damit versuchen.«
Ich brachte unsere leeren Teller in die Küche, um sie abzuwaschen.
»Und was machst du heute?«, fragte ich mehr aus Höflichkeit als aus Interesse.
»Arbeiten«, bekam ich zur Antwort.
Diesen Begriff gebrauchte Dad recht frei. Ein großer Teil seiner Arbeit schien darin zu bestehen, aus dem Fenster zu starren. Er hatte alle Bücher über das Schreiben von Drehbüchern gelesen, die in unserer Bibliothek aufzutreiben waren, zitierte ständig Mottos und Aphorismen über Inspiration, Schweiß und Hosen, die an einem Stuhlsitz klebten, und schrieb jeden Tag zehn Seiten. Das Problem war nur, dass er am nächsten Tag neun davon wieder zerriss. An manchen Tagen strich er in London herum und »recherchierte«. Dann stapelten sich Notizen und Aufzeichnungen auf dem Esstisch neben seinem Laptop, und beim Essen versuchte er, mir die neuesten Ideen für seine Story zu erzählen, doch ich hatte schon vor langer Zeit aufgehört, ihm zuzuhören.
»Du ahnst nicht, was ich gestern Abend gehört habe«, sagte Dad. »Diese Gangs von London, da geht es zu wie am Hof von Caligula, sie fallen sich alle gegenseitig in den Rücken. Das ist ein richtiges Drama. Es spielt sich direkt hier vor unserer Nase ab und kein Mensch will etwas darüber hören.«
Warum zum Teufel schreibst du dann darüber?, dachte ich, doch ich sagte es nicht laut. Das Beste an Dad war sein unerschütterlicher Optimismus. Mit viel Anstrengung und ein wenig Glück würde er reich und berühmt werden und dann müssten wir nicht mehr von seinen schrumpfenden Honoraren und meinem mickrigen Lohn bei Max Snax leben.
»Soll ich für heute Abend etwas zu essen mitbringen?«, fragte ich.
»Nein«, erwiderte Dad. »Ich gehe wohl selbst später runter zum Einkaufen.«
Mir war klar, dass er die Läden nicht betreten würde, bevor er nicht die Container dahinter nach Fertiggerichten durchsucht hatte, die wegen des abgelaufenen Verfallsdatums weggeworfen worden waren. Er servierte sie für gewöhnlich mit einem Vortrag über die Missstände der Konsumgesellschaft und den Überschuss, den sie produzierte. Ich dachte mir, wenn uns dieser Überschuss unser Abendessen beschert, soll es mir recht sein.
»Weißt du, wo die Ersatzschlüssel sind?«, fragte Dad, als ich mir die Schuhe zuband.
»Hängen am Haken«, antwortete ich. »Heftige Nacht?«
»Ach«, meinte Dad, »meine tauchen schon irgendwann wieder auf.«
»Bis später, ja?«
Ich stand auf, um zu gehen, und erwartete sein übliches Abschiedsbrummen, doch er ließ die Zeitschrift sinken und sah mich an.
»Finn?«, fragte er. »Uns geht es doch gut, oder? Dir und mir?«
Gut? Wie sollte es uns denn gut gehen? Ich war ein ungebildeter Schulabgänger ohne Abschluss, mit einem Job ohne jegliche Aufstiegschancen, und er war ein Ex-Niemand, der seine Tage damit verbrachte, ein Drehbuch zu schreiben, das nie fertig werden würde und das auch nie jemand würde lesen wollen.
»Ja, Dad, klar. Ich muss los.«
»Bis dann.«
Ich zog die Tür hinter mir zu, lief ein kurzes Stück langsam, um mich aufzuwärmen, und rannte dann los.
»Also, ich möchte das Texas Chicken Spezial, ohne Salat, ohne Soße und so Zeug.«
»Wie? Nur Huhn und Brot?«
»Genau.«
Der Mann war etwa eins fünfzig groß und hatte wohl auch eins fünfzig Umfang. Es war leicht zu sehen, woran das lag. Ich fragte mich immer, wie Leute wie Mr Kugelrund es schafften, dass ihre Hosen oben blieben– tackerten sie den Gürtel an den Bauch? Jedenfalls war das Essen ohne die Soße kein Texas Chicken Spezial, sondern nur frittiertes Huhn mit pappigem Weißbrot, aber schließlich sollte ich mich nicht mit den Gästen darüber streiten, wie man das Zeug nannte, ich sollte es ihnen verkaufen. Und dabei lächeln. Und mich bedanken. »Ein Lächeln und ein Dank gibt Geld auf der Bank«, pflegte Andy bei unseren wöchentlichen Motivationsgesprächen zu flöten. Er liebte Slogans, die die Moral aufpäppelten, und glaubte, ein Talent dafür zu haben, sie zu prägen, aber seine eigenen waren sogar noch schlimmer als die auf den Max-Snax-Motivationsvideos für die Angestellten.
Ich tippte die Bestellung in die programmierte Kasse und reichte Mr Kugelrund sein Wechselgeld. Jerry schob in der Küche das Folienpaket in den Ofen, während ich einen Literbecher erst mit einem halben Liter Eis und dann einem halben Liter aufgesprudeltem Sirup füllte und mich zum wohl tausendsten Mal fragte, wie um Himmels willen irgend jemand diesen chemisch aufbereiteten Müll für Essen halten konnte und wie ich dazu kam, so etwas zu verkaufen. Zum wohl tausendsten Male verdrängte ich den Gedanken, doch er tauchte immer wieder auf wie ein ekliges Fettauge, das man nicht übersehen kann. Und heute war erst Montag.
Ich schaltete auf Automatik und war mit den Gedanken überall anders als hier – Dings, Bums, Sandwich, eine einzelne Papierserviette, vorschriftsmäßig, Getränk, Tablett, tief Luft holen, Lächelversuch und den Fast-Food-Segen sprechen: »Vielen Dank, Sir, guten Appetit und einen schönen Tag noch.«
Der stämmige Kunde grunzte, machte kehrt und watschelte zur Tür, wo er sich umdrehte und sie mit dem Rücken aufstieß, um dem schönen Aprilmorgen zu begegnen, den ich hinter einem überheizten Tresen in einem verschwitzten Polyesterhemd verschwendete.
»He, Maguire!«, gackerte Jerry aus der Küche. »Ein Lächeln und ein Dank gibt Pimmel in der Hand.«
Das war zwar nicht ganz die richtige Formulierung, aber er beherrschte den grell-hysterischen Ton, mit dem wir die Waren überreichen sollten, perfekt. Ich kam mit Jerry gut aus. Solange man nicht versuchte, sich richtig mit ihm zu unterhalten, war er fast erträglich. In die Augen sehen konnte man ihm sowieso nicht, dazu war sein Rücken zu krumm. Entweder hatte er einen Buckel oder er verbrachte viel zu viel Zeit über seinem Computer und holte sich einen auf Internetpornos runter. Andy ließ ihn nie Kunden bedienen, weil er der Meinung war, dass ich einen besseren Eindruck von Max Snax vermittelte. Wenn dem so war, dann lag das daran, dass ich jeden Tag zehn Kilometer joggte und nie irgendetwas von dem aß, was wir verkauften, doch das sagte ich Andy lieber nicht.
Ich zeigte Jerry den Mittelfinger, woraufhin er kichernd wieder hinter seinen Friteusen verschwand, während ich mich verfluchte.
Wie konnte ich nur die Überwachungskameras vergessen? Andy hatte überall im Laden Überwachungskameras unter kleinen schwarzen Plastikabdeckungen verborgen und die meisten davon waren auf das Personal gerichtet und nicht auf die Kunden. Ich frage mich manchmal, warum Andy in der Gastronomie gelandet war, wenn er Menschen doch nicht ausstehen konnte. Die Gäste verachtete er eher so nebenher, doch das Personal zu hassen war seine Lieblingsbeschäftigung. Also steckte er den ganzen Tag in seinem Büro und beobachtete uns über die Überwachungskameras. Er wollte sichergehen, dass wir keine Pommes stahlen oder uns nach draußen schlichen, um einen Joint zu rauchen. Doch dazu kam er nicht zu uns, sondern saß lieber vor seinen sechs schäbigen Monitoren und wartete darauf, dass er einen Verstoß gegen einen der Hunderte von »Vorschlägen« bemerkte, aus denen der Verhaltenskodex von Max Snax bestand. Dann öffnete sich leise seine Bürotür, und Andy kroch daraus hervor wie ein nervöser Einsiedlerkrebs, der den Meeresboden nach allem absucht, was Einsiedlerkrebse eben so fressen. Und wie ich befürchtet hatte, ging gerade seine Tür auf. Ich würde mir einen dreiminütigen Vortrag über das angemessene Verhalten für Angestellte im Kundenbereich anhören dürfen, wozu obszöne Gesten Richtung Küchenpersonal mit Sicherheit nicht gehörten.
Andy schälte sich aus seinem Büro. Er war schätzungsweise Mitte dreißig und trug stets Hemd und Krawatte, wie es sich seiner Meinung nach für jemanden in einer leitenden Position gehörte. Seine Frisur faszinierte mich auf morbide Weise. Eigentlich hatte er volles Haar, doch durch den sorgfältigen Gebrauch eines Kammes schaffte er es, sich das Aussehen eines kahl werdenden Fünfzigjährigen zu verleihen. Sein Gesicht war fleckig und blass, was er mit falscher Sonnenbräune wettzumachen versuchte– aber nicht mithilfe eines teuren Solariums, sondern aus der Tube. Die Vermutung bestätigte sich bei näherem Hinsehen, das ich nach Möglichkeit vermied. Sonnenbänke hinterlassen normalerweise keine blassen Streifen auf der orangenen Stirn oder hellgelbe Flecken am Hemdkragen.
»Finn…«, nickte Andy, schwänzelte hin und her und wich meinem Blick aus.
Er hat nicht gesehen, dass ich Jerry den Finger gezeigt habe, dachte ich. Es geht um etwas anderes. Wahrscheinlich um etwas Unangenehmes, das er nicht selbst erledigen will– dazu bezahlte er uns schließlich den gesetzlichen Mindestlohn.
»Da drüben haben wir ein Kundenprofitproblem.«
Ich starrte ihn an und bemühte mich, verwundert auszusehen. Ich wusste wohl, was er sagen wollte, aber ich wollte sehen, ob er das auch in normalen Worten ausdrucken konnte.
»Da drüben.«
Er nickte so diskret wie möglich zum Tisch in der Ecke des Restaurants, der am weitesten vom Tresen entfernt war.
Sie war am Vormittag gekommen, hatte eine heiße Schokolade bestellt und nippte seit fünfundvierzig Minuten daran. Sie war etwa in meinem Alter und trug die braune Uniform der Kew Mädchenschule, obwohl ich bezweifelte, dass man dort den Stecker in ihrer Nase genehmigt hatte. Ihre schwarzen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und sie trug zu viel Eyeliner, doch das konnte die Tatsache nicht verbergen, dass sie reine helle Haut hatte und einen zarten Körperbau sowie Kurven, die selbst die weite Uniform nicht verhüllen konnte. Allerdings nicht so viele Kurven, wie sie hätte haben können: Meiner Schätzung nach lag sie bei etwa fünf Kilo unter ihrem Idealgewicht. Das war einer der Gründe, warum sie hier auffiel. Der zweite war, dass sie die einzige Kundin war. Für die Schüler war es zu spät am Vormittag, und für die Leute, die hier Mittagspause machten, war es noch zu früh.
»Wo ist das Problem?«
»Sie blockiert unsere besten Plätze.«
Ich sah hinüber. Ich wusste gar nicht, dass wir beste Plätze hatten. Alle bestanden aus giftgrünen Stühlen um knallgelbe Tische, und alle hatten dieselbe fantastische Aussicht auf den Parkplatz, abgesehen von den großen Aufklebern an den Fenstern, auf denen die neuesten Kräuter-, Gewürz-, Salz-, noch mehr Salz- und anderen chemischen Mischungen angepriesen wurden, mit denen Max Snax die mechanisch in Form gepressten graurosa Hühnerprodukte beschmierte.
»Aber hier ist doch sonst niemand«, bemerkte ich.
»Na, weil sie unsere besten Plätze blockiert«, zischte Andy. »Und ihre Haltung… das passt nicht zu unserem Geschäftsbild.«
In den ersten Wochen, nachdem ich in dem Laden angefangen hatte, hatte ich Andys Blödsinn noch lustig gefunden. Ich erzählte abends die neuesten Ausgaben seines lächerlichen Geschäftschinesisch meinem Vater, und wir versuchten beide, genauso zu reden: »Könntest du das Natriumchlorid über die Verzehrfläche transferieren?«
Nach drei oder vier Monaten hatte ich allerdings realisiert, dass ich möglicherweise jahrelang für Max Snax arbeiten würde müssen– den Geruch nach ranzigem Fett in mich aufsaugen und mich in Max’ Spezialchemiemischung wälzen, bis ich selbst für immer damit paniert war. Da ging der Witz mit einem Mal auf meine Kosten und war überhaupt nicht mehr lustig.
»Sag ihr, dass sie etwas bestellen oder sich repositionieren muss.«
»Repositionieren?«
»Also bitte, Finn!«
Er wuselte zurück in sein Büro. Einen Augenblick lang wedelte noch seine kleine Krabbenantenne, er schnüffelte den Fettdunst, dann trat er ein und schloss die Tür hinter sich.
Ich konnte mir vorstellen, wie er sich in seinem Vinyl-Kunstleder-Chefsessel zurücklehnte und auf dem Monitor beobachtete, wie ich die unwillkommene Kundschaft umleitete. Wahrscheinlich stoppte er, wie lange ich dazu brauchte. Seufzend machte ich mich auf den Weg.
»Hallo!«
Sie hatte den Verkehr an der Kreuzung draußen beobachtet, als warte sie auf einen Unfall, der die graue Monotonie ihres langweiligen Morgens unterbrechen würde. Jetzt sah sie mich mit leuchtend grünen Augen an, die fast zu groß für ihr herzförmiges Gesicht waren. Ich fragte mich unwillkürlich, welche natürliche Farbe ihre tiefschwarz getönten Haare hatten.
»Kann ich dir noch etwas bringen?«
»Ich wusste gar nicht, dass ihr hier auch bedient.«
Sie klang irgendwie schnippisch und ein wenig amüsiert, als wolle sie flirten. Allerdings war sie nicht mit ganzem Herzen dabei.
»Tun wir auch nicht.«
»Warum fragst du dann?«
»Weil der Geschäftsführer will, dass du etwas bestellst.«
»Ich habe doch etwas bestellt.«
Die Amüsiertheit war verschwunden. Sie wusste, weshalb ich zu ihr gekommen war, und hatte vor, das mit mir auszudiskutieren. Es war nutzlos, und ihr Morgen war schon ruiniert gewesen, bevor wir angefangen hatten, aber ihr kam ein Streit ebenso gelegen wie ein Autounfall. Bis jetzt hatte sie mir noch nicht leidgetan.
»Ich könnte dir noch eine Scheiße Schokolade bringen«, bot ich ihr an. Das Wortspiel entging ihr, und eigentlich war ich froh darüber, denn es klang schleimig und blöd.
»Vergiss es. Schmeckt wie Pisse mit Seife.«
»Echt? Woher weißt du das?«
Ihre Nasenflügel bebten vor Zorn. Ich war auch wütend und fragte mich, warum ich mich auf Andys Befehl hin in so eine Situation brachte. Und dann fragte ich mich, ob sie etwas mit ihren Lippen gemacht hatte, um diese Form und Farbe hinzubekommen.
»Ich muss also etwas bestellen, sonst wirfst du mich hinaus?«
»Nein, musst du nicht. Ich kaufe es dir und du musst es nicht mal trinken. Aber dann kannst du so lange hier sitzen, wie du willst.«
Seufzend sah sie wieder auf den Parkplatz hinaus, doch dann lächelte sie mich plötzlich breit an.
»Ehrlich gesagt, Finn, könntest du mir einen Max Snack machen? Einen von den großen Dreideckern?«
Natürlich kannte sie meinen Namen. Er stand ja in großer fröhlicher Max-Snax-Schrift auf dem Schildchen über meiner linken Titte. Normalerweise ignorierten die Kunden es, es sei denn, sie wollten sich beschweren.
»Mit allem?«
»Ja. Extra Barbecue-Soße, Pickels, alles.«
»Klar.« Ich rührte mich nicht vom Fleck.
»Und eine Riesencola.«
»Okay.«
»Das stellst du dann bitte alles auf ein Tablett, mit jeder Menge Servierten, ja?«
»Klar.«
»Und könntest du es dir dann in den Hintern stecken?«
Ich nickte. »Willst du auch Pommes dazu?«
»Ach, verpiss dich doch!«
Heftig stand sie auf, als erwarte sie, dass Tisch oder Stuhl umkippen würden, oder noch besser, beides. Aber die waren natürlich am Boden festgeschraubt, sodass sie nur schmerzlich das Gesicht verzog, als sie dagegen stieß. Ich sorgte dafür, dass sie sah, das ich es gemerkt hatte.
»Vielen Dank für Ihren Besuch bei Max Snax. Einen schönen Tag noch!«
Ich brachte die Floskel mit genau der richtigen Menge an herablassender Ernsthaftigkeit und einem künstlichen Grinsen in exakter Breite des Max-Snax-Personal-Trainigsvideos hervor. Sie sah mich mit noch mehr Verachtung an, als ich sie im Moment für mich selbst verspürte, warf einen Blick auf mein beiges Polyesterhemd mit den attraktiven Schweißflecken unter den Armen und am unteren Rücken und stapfte hinaus. Ich sah ihr nach und es prickelte überall auf meiner Haut vor Scham und Demütigung und dennoch wollte ich ihr gerne nachgehen. Sie hatte so einen Gang…
Dann war es wieder leer im Laden. Eine leere Plastikzelle. Selbst mit mir, der ich nach Schweiß und altem Fett stinkend im Raum stand, war er leer. Nur die kleine schwarze Plastikkugel von Andys Überwachungskamera beobachtete mich. Ich konnte ihm nicht einmal den erhobenen Daumen und ein falsches triumphierendes Grinsen zeigen. Für heute hatte ich genug Ironie gehabt.
Ich ging wieder hinter den Tresen, schnappte mir ein feuchtes Tuch und begann, die Theke, die Kasse, die Speisekarten und alles, was mir in die Finger kam, abzuwischen. Ich versuchte, mich zu beschäftigen, um den Drang zu bekämpfen– den Drang, mir das steife Kunstfaserhemd und die formlosen, taschenlosen Hosen herunterzureißen und nur in meiner schäbigen Unterhose nach Hause zu laufen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Danken ist voll für’n Arsch. Frittieren geht über Studieren…
Andy kam zurück. Er trug seinen Blazer, den mit den Messingknöpfen und den glänzenden Ellbogen. Den trug er nur während der freitäglichen Max-Snax-Personal-Trainingsstunden, wenn er die monatlichen Verkaufszahlen verkündete oder wenn er jemandem einen neuen Anstecker für sein Plastiknamensschild überreichte.
Einen davon bot er mir jetzt an.
»Das war vorbildlich, Finn. Sehr gut gemacht.«
»Schon gut, Andy. Nicht der Rede wert.«
Er wollte mich dafür belohnen, dass ich einen Kunden losgeworden war?
»Komm schon, noch drei mehr und du bist ein Max-Snax-Star. Das bedeutet sechs Prozent Lohnerhöhung!«
Wenn ich ablehnte, würde er wissen, dass ich Max Snax, ihn, die Uniform und diesen Job hasste, und dann würde er einen anderen einstellen, der die Schule geschmissen hatte. Aber ich brauchte das Geld. Ich konnte nicht Auto fahren und kaum richtig lesen. Was sollte ich denn sonst tun?
»Vielen Dank, Andy.«
Ich nahm ihm den Anstecker ab. Im ersten Loch auf meinem Namensschild prangte bereits ein goldener Knopf– den bekam man am ersten Arbeitstag allein dafür, dass man gekommen war. Ich setzte den neuen Stecker in das zweite Loch, und es tat kaum mehr weh, als mir selbst eine reinzuhauen.
»Wenn du so weitermachst, dann hast du irgendwann deine eigene Filiale.«
Der Rest meiner Schicht verging wie im Frittiernebel, und wie immer duschte ich und zog mich um, bevor ich nach Hause ging. Die Dusche war ein weiterer Grund, warum ich den Job behielt. Bei unserer Dusche zu Hause hatte man das Gefühl, als würde man von einem alten Mann mit Prostataproblemen angepinkelt, aber hier schoss ein Strahl heißen Wassers hervor wie ein Tropensturm. Da ich der Einzige war, der sie je benutzte, schien dies der einzige Ort auf der Welt zu sein, der mir ganz allein gehörte.
Vor dem Spiegel im Waschraum bückte ich mich– für jemanden von meiner Größe hing er nicht hoch genug– und versuchte, mein mausbraunes Haar mit den Fingern zu kämmen. Ich trug das Haar kurz, weil es sonst in Büscheln abstand, die ich unmöglich in Form bringen konnte. Den Rest meiner Erscheinung betrachtete ich lieber nicht. Ich hatte zwar eigentlich nichts gegen mein Aussehen– abgesehen von der schiefen Nase, die mir ein Sparringpartner mal gebrochen hatte, sah mein Gesicht gar nicht so übel aus, wenn man meinem Dad glauben wollte, mit einem markanten Kinn, das mal rasiert werden musste, und einem etwas mädchenhaften Mund. Meine Zähne waren gerade und gleichmäßig und meine blasse Haut rein (jedenfalls diese Woche). Doch ich konnte mir nie in die wässrig blauen Augen sehen, weil sie immer zu fragen schienen, wie sie dorthin geraten waren und ob sie die nächsten zwanzig Jahre die Aussicht über den Tresen von Max Snax genießen durften– und ich fand nie den Mut, mir zu antworten.
Ich stopfte die Uniform in meinen Rucksack, weil ich sie zu Hause waschen wollte, schnürte mir die Laufschuhe zu und lief über den Parkplatz. Während ich schneller wurde, wich ich den Fußgängern aus. Ich brachte meinen Puls auf hundertzwanzig und rannte durch die Nebenstraßen nach Hause.
Als ich keuchend vor dem Haus anhielt, flackerten gerade die Straßenlaternen auf. Ich machte ein paar Dehnungsübungen, um wieder zu Atem zu kommen, und stellte erfreut fest, dass ich immer noch beweglich genug war, mit dem Kopf an mein Knie zu kommen. Doch als sich mein Puls beruhigt hatte und mein Atem wieder den normalen Rhythmus gefunden hatte, merkte ich, dass mich etwas störte. Das Haus war dunkel, als wäre Dad ausgegangen. Doch normalerweise arbeitete er an seinem Drehbuch, bis ich von der Arbeit nach Hause kam– meine Rückkehr war seine Ausrede, für diesen Tag genug getan zu haben.
Die Vorhänge waren bereits vorgezogen. Waren sie überhaupt offen gewesen? Ich nahm meinen Schlüssel aus dem Rucksack und schloss die Tür auf. Als ich nach dem Lichtschalter tastete, spürte ich etwas Merkwürdiges in der Stille, die mir entgegenschlug.
»Dad?«
Sie war zu schwer… als sei das Haus leer, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, dass niemand da war.
Unser Haus war nur klein– durch den kurzen Gang hinter der Tür gelangte man direkt ins Wohnzimmer. Das Licht wurde langsam heller. Dad konnte die Deckenleuchte nicht ausstehen und schaltete sie nur ein, wenn er einen Putzanfall bekam. Jetzt tauchte sie den Raum in das kalte, harte Licht, das er nicht mochte, und es fiel auf ihn, wie er am Tisch saß. Eigentlich saß er nicht, er war zusammengesunken. So hatte ich ihn nur gesehen, wenn er im Pub gewesen war und jemand anderes ihm zu viele Drinks spendiert hatte.
Ich blieb an der Tür stehen. Ich war sicher, dass etwas nicht stimmte, doch ich wusste nicht recht, was.
»Dad?«
Es war zu kalt im Raum. Er hörte mich nicht– wahrscheinlich hatte er seine Kopfhörer auf.
Ein paar Mal hatte ich ihn früh morgens so vorgefunden, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt.
Jetzt lagen seine Arme seltsam verdreht unter ihm und er atmete nicht. Das wusste ich, noch bevor ich es wirklich wahrgenommen hatte, bevor ich bemerkte, dass sein Kopf eine blutige Masse war und dass neben seinem Stuhl auf dem Boden etwas Schweres, Klobiges lag, das selbst mit Blut verschmiert war und an dem Haare klebten.
Mein Vater war tot. Er hatte an seinem Tisch gesessen und seine Musik gehört, und jemand hatte sich von hinten an ihn herangeschlichen und ihm die Trophäe für den Besten Newcomer 1992 auf den Kopf geschlagen, so lange, bis er tot war. Seine Augen standen offen und seine Brille war heruntergefallen. Aus seinem Mund war Blut gelaufen, in seinem Bart verklumpt und hatte sich auf dem Tisch gesammelt. Er war tot. Und im Haus war es totenstill.
ZWEI
Die Wände des Vernehmungszimmers waren in einem offiziellen Blaugrau gestrichen, doch das wurde mir erst viel später bewusst, obwohl ich sie stundenlang angestarrt haben musste. Ich ging alles durch, was geschehen war, seit ich ins Haus gekommen war– wie die kalte Stille vom Gellen der Sirenen zerrissen worden war, erst leise, doch dann immer lauter und lauter, erst zwei, dann drei, ihr Kreischen steigerte sich zu einer Kakofonie. Ich stand immer noch mit dem Handy in der Hand da, als die blauen Lichter zwischen den Spalten in den zugezogenen Vorhängen hindurchflackerten und den Raum mit Blitzen erleuchteten wie die -Lichter an einem Weihnachtsbaum. Irgendjemand– höchstwahrscheinlich ich– hatte auf das hartnäckige Klopfen an der Tür reagiert und aufgemacht. Zwei riesige Cops mit Schutzwesten über den Jacken und tief in die Augen gezogenen Mützen forderten mich auf, mich auszuweisen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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