Cyrillo - Gisi von Sima - E-Book

Cyrillo E-Book

Gisi von Sima

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Beschreibung

Jenn ist CIA-Agentin und undercover hinter diesem mysteriösen Cyrillo her. Es geht um Geld - extrem viel Geld. Wüßte ihr Boss was sie antreibt und wie tief sie in die Sache verstrickt ist, hätte er sie längst von dem Fall abgezogen. Sie ist sich ihrer Sache sicher und sie braucht niemanden. - Oder vielleicht doch? - Wird ihr dieses eine Mal ihre Eigenbrötlerei zum Verhängnis?

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MOBI

Seitenzahl: 289

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Ein Wort zur Zeichensetzung:

Vor unglaublich vielen Jahren habe ich in der Schule sämtliche Komma- und Zeichensetzungsregeln gelernt und sie auch ziemlich gut beherrscht. Dann kam eines Tages jemand auf die Idee sie zu ändern.

Was früher richtig war, war plötzlich falsch und was früher falsch war, war plötzlich richtig.

Tja, was nun? Sollte ich jetzt tatsächlich noch einmal ganz von vorne anfangen und alles neu lernen?

Was wenn dann wieder irgendwer beschloss das Ganze zu reformieren? Was wenn dann das was früher falsch war und dann richtig plötzlich wieder falsch war und das was früher richtig war und dann falsch plötzlich wieder richtig oder falsch?

Da ich manchmal genauso bockig sein kann wie Jenn (ihr lernt sie gleich noch kennen), habe ich mir die ‚künstlerische Freiheit‘ genommen, meine eigenen Regeln aufzustellen und die Zeichen dahin zu setzen, wo ich sie am sinnvollsten halte. Ich hoffe Ihr, meine lieben Leser, kommt damit klar und verzeiht mir mein Rebellentum.

Inhaltsverzeichnis

NEW YORK, USA, 11. NOVEMBER 2016

EIN MONAT SPÄTER : ZÜRICH, SCHWEIZ, 7. DEZEMBER 2016

2 1/2 MONATE SPÄTER : WASHINGTON D.C., USA, 25. FEBRUAR 2017

2 WOCHEN SPÄTER : US MILITARY BASE, PESCHAWAR, PAKISTAN 14. MÄRZ 2017

3 TAGE SPÄTER : ANNANDALE, VIRGINIA, USA, 18. MÄRZ 2017

2 TAGE SPÄTER : WASHINGTON D.C., USA, 20. MÄRZ 2017

RÜCKBLICK 10 MONATE FRÜHER : JETTY SPRINGS, USA, 19. MAI 2016

GEGENWART : WASHINGTON D.C., USA, 21. MÄRZ 2017

2 TAGE SPÄTER : CHIGACO, ILLINOIS, USA, 28. MÄRZ 2017

AM SELBEN TAG : JETTY SPRINGS, USA, 28. MÄRZ 2017

Chicago, Illinois

NEW YORK, USA,

11. NOVEMBER 2016

Michael da Silva verließ die Bar gegen Mitternacht. Sie hatten heute einen lange vorbereiteten Deal abschließen können und richtig Kohle gemacht, das mußte gefeiert werden. Die Zeiten waren schwieriger geworden an der Wallstreet, das 'Große Geld' über Nacht war nicht mehr so einfach zu machen wie früher. Man mußte hart dafür arbeiten und Geduld aufbringen. Das Team hatte dringend einmal wieder ein Erfolgserlebnis gebraucht. Mike hatte das Gefühl, dass das gerade noch rechtzeitig passiert war, bevor die Ersten das Handtuch geworfen hätten. Er war müde und fühlte sich ausgelaugt. Er hatte nicht einmal das Verlangen verspürt, eine der Kolleginnen anzubaggern und sie dazu zu bewegen, mit ihm nach Hause zu kommen.

Äußerst bedenklich! Sollte er sich Sorgen machen?

Er blieb kurz auf dem Gehweg stehen und atmete die frische Nachtluft ein. Dann überlegte er - Subway oder Taxi? Er entschied sich dafür ein Stück zu gehen, die frische Luft tat gut. Er bog nach Osten in die 54. Straße ein, da packte ihn eine starke Hand und zog ihn unsanft in eine dunkle Einfahrt.

"Komm einfach mit, dann wird Dir nichts geschehen", raunte eine weibliche Stimme nahe an seinem Ohr.

Er schlug nach der Angreiferin, machte sich frei und rannte los. Aber er kam nicht weit. Sie war schneller, stärker und wie es schien wesentlich vertrauter mit solchen Situationen.

"Wie Du willst, dann eben so", hörte er die Stimme sagen, dann wurde es dunkel.

***

Als er wieder zu sich kam, fand er sich lange ausgestreckt auf einem Bett. Vorsichtig begann er sich umzusehen. Das große Bett stand direkt vor einer Fensterfront durch die er auf das nächtliche Manhattan schauen konnte. Sein Kopf dröhnte, er hatte Schwierigkeiten sich zu orientieren. Er ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und sah jemanden in dem Sessel neben dem Bett sitzen. Er sprang auf.

"Tun Sie das nicht Mr. da Silva. Ihr Kopf wird es Ihnen krumm nehmen", hörte er die ihm schon bekannte weibliche Stimme sagen und sie hatte Recht, sein Kopf drohte zu zerspringen. Er legte sich wieder hin und presste die Hände an die Schläfen.

"Wer sind Sie? Wo bin ich? Was wollen Sie von mir?", stammelte er angestrengt.

Die Frau stand auf, nahm ein Glas Wasser vom Tisch und brachte es ihm ans Bett.

"Hier trinken Sie das, es wird die Kopfschmerzen etwas mildern."

Als er sie argwöhnisch betrachtete und keine Anstalten machte, das Glas entgegenzunehmen, fügte sie hinzu: "Es ist normales Leitungswasser mit einer Aspirin darin. Wenn ich Sie umbringen wollte, hätte ich nicht damit gewartet bis Sie wieder aufwachen."

Er nahm das Glas und trank es in einem Zug aus, dann setzte er sich auf und sah die Frau fragend an. Sie hatte ihr pechschwarzes langes Haar am Hinterkopf zu einem unordentlichen Dutt zusammen genommen, das Tank-Top, das sie trug, ließ den Blick auf ein farbiges, kleines Tattoo auf ihrer Schulter nahe der Halsbeuge frei. Als sie bemerkte, dass er es betrachtete, nahm sie einen Pullover vom Stuhl und zog ihn über.

Mike nahm das alles nur verschwommen am Rande wahr, er hatte ganz andere Sorgen. Sein Gehirn versuchte eine Erklärung für die Situation zu finden, in der er sich befand.

'Was war das hier? War er gekidnappt worden? Warum? Wieso er?'

Er ging seine letzten Transaktionen durch. Ja klar, es ging um viel Geld - immer - aber er konnte keinen Grund erkennnen, warum jemand sauer auf ihn sein sollte.

Privat? Spielschulden? Eifersüchtige Ehemänner?

Naja, er war kein Heiliger, aber gerade in letzter Zeit war eigentlich alles glatt und unauffällig gelaufen. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen.

"Was soll das alles?", fragte er schließlich, "Warum bin ich hier?"

Bevor seine Bewacherin antworten konnte, kam ein Mann mittleren Alters mit dunklem Vollbart ins Zimmer. Er blieb an der Tür stehen, warf einen kurzen Blick auf Michael da Silva und wies dann die Frau mit einer knappen Kopfbewegung an, ihm nach draußen zu folgen. Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, fragte er:

"Ist das der Kerl?"

"Ja."

"Hast Du dafür gesorgt, dass er nicht vermisst wird?"

Sie nickte. "Er hat gerade einen großen Deal abgeschlossen. Sein Umfeld wird problemlos akzeptieren, dass er nach all dem Stress in letzter Zeit eine längere Auszeit nehmen will. Ich denke, ich habe uns genug Zeit verschafft, bis sie misstrauisch werden."

"Gute Arbeit", sagte der Mann mit einem leichten Zucken des Mundwinkels. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass das das höchste Zeichen von Anerkennung war, das man von ihm erwarten konnte. Aber diesmal setzte er sogar noch eins drauf und sein Gesicht verzog sich tatsächlich für einen kurzen Moment zu einem kleinen Lächeln. Er schien sichtlich zufrieden mit dem Lauf der Dinge zu sein. Er ging näher an die Frau heran und legte ihr seine Hand auf den Rücken.

"Wenn er jetzt noch entsprechend abliefert, könnte das Deine Eintrittskarte an die Spitze der Organisation sein."

"Könnte?", erwiderte die Frau und trat einen Schritt zurück, offensichtlich nicht sehr beeindruckt von seinem Lächeln. "Das war der Deal - ich besorge Euch den Typen, dafür werde ich 'Cyrillo' - oder etwa nicht?" Sie schaute ihm mit festem Blick in die Augen, signalisierend dass auf diese Frage nur eine Antwort die Richtige war.

"Es wird eine Wahl stattfinden", sagte der Bärtige und erwiderte ihren Blick. Er war es gewohnt, das Alphatier im Raum zu sein und als solches behandelt zu werden. Die Tatsache, dass diese Frau das einfach ignorierte und ihm selbstbewußt entgegentrat, turnte ihn unglaublich an. Er sah es als willkommene Herausforderung inmitten der schon langweilig gewordenen Unterwürfigkeit, die ihm normalerweise entgegenschlug, und er freute sich jetzt schon darauf, dieser scharfen Kleinen zu zeigen, wer der Herr im Haus war.

"Ich kann Dich vorschlagen", fuhr er fort, "den Rest musst Du selbst übernehmen. Du musst Sie von Dir überzeugen."

"Sie werden tun, was Du ihnen sagst."

Der Mann grinste selbstgefällig. "Möglich", sagte er nur und wurde dann sofort wieder ernst, "Jetzt müssen wir uns aber zuerst einmal um ihn kümmern." Er nickte in da Silvas Richtung. "Die Schweizer sind angepisst, weil ich ihren Mann eliminieren musste. Sie werden leicht panisch, wenn sie ein paar Tage länger auf der Kohle sitzen bleiben. Ich hoffe, Dein Mann versteht sein Geschäft genauso gut wie der Letzte."

"Besser", die Frau grinste ebenfalls und fügte ironisch hinzu, "ich habe den Besten ausgesucht. Ich weiß, darunter tut Ihr es nicht."

"Wir werden sehen", der Bärtige hob die rechte Augenbraue, "Weiß er schon, was er zu tun hat?"

"Nein, er ist gerade erst wieder aufgewacht."

"Dann sollten wir ihn erleuchten. Er muß gleich morgen früh an die Arbeit gehen."

Sie gingen zurück in das Schlafzimmer und blieben vor dem Bett stehen.

Da Silva blickte von einem zum anderen und wartete. Schließlich sagte der Mann ohne sich mit unnötigem Vorgeplänkel aufzuhalten: "Mr. da Silva sie werden für uns ein paar Geldtransfers tätigen, so dass die Summe nicht mehr eindeutig auf das Ursprungskonto zurückgeführt werden kann. Ich bin sicher, Sie wissen was ich meine."

Michael stand auf.

"Sie wollen, dass ich Geld für Sie wasche? Auf gar keinen Fall!"

Der bärtige Mann zog eine Pistole und richtete sie auf da Silva.

"Das war keine fromme Bitte, das war ein Befehl", knurrte er, "Wenn Sie nicht tun, was wir Ihnen sagen, wird es ungemütlich für Sie."

Michael versuchte seinen verwirrten Kopf zu sortieren. Ein Teil von ihm sagte, dass das hier ernst war und er Angst haben sollte, aber irgendwie wußte das der andere Teil von ihm noch nicht.

"Wie stellen Sie Sich das vor?", fragte er. Seine Stimme zitterte nur leicht. "Wie soll ich das tun?"

"Keine Ahnung, Sie sind der Fachmann. Benutzen Sie die Infrastruktur Ihres Arbeitgebers."

"Ich kann die Konten der Bank nicht nutzen, ohne dass es bemerkt wird. Wie soll ich das erklären?"

Der Mann drückte Michael die Pistole an die Schläfe. "Tja Mann, das ist Ihr Problem. Aber Sie sind doch ein schlauer Kopf, ich bin sicher, Ihnen fällt etwas ein."

"Und wenn nicht?", fragte Mike in aufmüpfigem Ton. Offensichtlich machte der noch anhaltende Alkoholpegel ihn mutiger, als es gut für ihn sein konnte. Vielleicht hatte auch die Art, wie die Frau mit ihm gesprochen hatte damit zu tun. Obwohl sie ihn entführt und ihm offensichtlich eins übergebraten hatte, klang ihre Stimme eher wohlwollend und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn im Ernstfall verteidigen würde.

Der Bärtige war Michael allerdings nicht so wohlgesonnen. Er holte aus und schlug ihm mit der Rückseite der Hand, in der er die Waffe hielt, ins Gesicht.

"Spielen Sie hier nicht den starken Mann", sagte er grob, "wenn Sie Probleme machen, jage ich Ihnen eine Kugel in den Kopf. Es ist unsere Spezialität, Leute verschwinden zu lassen. Einfach so."

Er wandte sich der Frau zu.

"Erkläre ihm seine Optionen. Er scheint noch Verständnisprobleme zu haben", sagte er knapp und verließ den Raum.

Die Frau kam näher auf Michael zu, der nach dem erneuten Schlag benommen auf dem Rücken lag. Mit verschränkten Armen blieb sie vor ihm stehen und sah ihn kopfschüttelnd an.

"Er meint es ernst. Er hat schon Leute aus erheblich weniger offensichtlichen Gründen erschossen. Tun Sie einfach Ihren Job und reizen Sie ihn so wenig wie möglich. Das ist mein Rat."

Michael tastete mit der Hand nach seinem rechten Mundwinkel. Er blutete leicht.

"Meinen Job? Wer ist er? Wer sind Sie?"

"Und vor allem, fragen Sie nicht so viel", fügte die Frau unbeeindruckt hinzu, "das Wesentliche ist, dass wir wissen wer Sie sind. Lassen Sie die Ziererei. Tun Sie einfach was Sie sonst für Ihre guten Kunden oder sich selbst tun. Wir haben Sie nicht zufällig ausgewählt."

Michael da Silva nickte. Das hatte er schon befürchtet. Wie es aussah, musste er sich wohl in sein Schicksal fügen. Er setzte sich auf und sah die Schwarzhaarige mit zusammengekniffenen Augen an.

"Wer garantiert mir, dass Sie mich nicht abknallen, wenn die Transaktion abgeschlossen ist?"

Die Frau sah ihm in die Augen und erwiderte dabei ungerührt: "Niemand. Das Restrisiko müssen Sie wohl eingehen." Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem leichten Grinsen und mit Ironie in der Stimme fügte sie hinzu: "Lebe jeden Tag so als wäre es Dein Letzter! In Ihrer Situation bekommt sogar dieser abgedroschene Satz wieder irgendwie Sinn."

Michael schaute sie entsetzt an. Es war, als würde er plötzlich den Ernst seiner Lage erkennen. Sie konnte sehen, dass er Angst hatte.

"Machen Sie Sich mal nicht ins Hemd", sagte sie schließlich, "wenn Sie Ihren Job vernünftig abwickeln, gibt es keinen Grund, Sie aus dem Weg zu schaffen. Was wollen Sie denn tun, das uns gefährlich werden könnte? Wollen Sie zum FBI laufen und sagen 'Hey, die haben sich unerlaubt meiner hochentwickelten Geldwäscher-Fähigkeiten bedient.' Was glauben Sie, was die dann tun würden? Sagen Sie mir wenn ich falsch liege, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht in Ihrem Interesse ist, das Bureau in Ihren Büchern rumschnüffeln zu lassen."

Michael hatte dazu nichts zu sagen.

EIN MONAT SPÄTER

ZÜRICH, SCHWEIZ,

7. DEZEMBER 2016

"Ich muss das Geld zurückholen. Wenn es nicht bis heute Abend 18 Uhr auf dem Konto ist, fliegen wir auf."

Vom Konferenzraum des Bankhaus Bielmeyer hatte man einen herrlichen Blick auf den See und das in der Schweiz allgegenwärtige Alpenpanorama im Hintergrund. Allerdings schenkten die vier Herren in ihren teuren maßgeschneiderten Anzügen, die sich hier zusammengefunden hatten, der Aussicht keinerlei Beachtung.

Die Stimmung war angespannt. Der blonde, hagere Mitvierziger, der gesprochen hatte, spielte nervös mit seinem Kugelschreiber. Sein Gegenüber, etwas jünger und mit dunklem Vollbart, ergriff das Wort und sagte mit düsterer Miene: „Was ist das Problem? Ich dachte diese Nazi-Konten liegen brach und keiner kümmert sich darum?"

"Ja, normalerweise ist das auch so", erwiderte der Blonde, "aber zum Ende des Jahres werden alle Kontoabschlüsse automatisch vom System erstellt, auch für die Konten, die keinen Umsatz hatten."

"Wir haben gerade mal Anfang Dezember", warf der Andere ein.

"Stimmt, aber der Vorstand hat gerade beschlossen, dass aufgrund des hohen Aktivitätsvolumens zum Jahresultimo alle Buchungen, die in irgendeiner Form vorgezogen werden können, schon morgen laufen sollen. Dazu gehören natürlich auch die nachrichtenlosen Konten, da es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass damit in den verbleibenden Tagen diesen Jahres noch etwas passieren wird."

"Hm, ich will ja nicht meckern, aber", der Bärtige lehnte sich etwas in seinem Sitz vor, "hätte man dieses Problem nicht vorhersehen können? Ich meine, selbst wenn dieser Beschluss, die Buchungen vorzuziehen, nicht gekommen wäre, hätte es bis zum Jahresende knapp werden können. Warum sind wir dieses Risiko eingegangen?"

"Sie haben natürlich recht", stimmte der Andere zu, "Die Kontoabschlüsse zum Jahresultimo sind nicht überraschend. Was überraschend kam, war die Zinspolitik der Zentralbanken und die damit verbundene Talfahrt an der Börse. Der Plan war eigentlich, die Papiere schon vor Wochen abzustoßen, aber uns ist die gewünschte Gewinnspanne weggebrochen und so mussten wir zuwarten, bis der Markt sich wieder beruhigt."

Sichtlich genervt ließ sich der Dunkelhaarige in seinem Sessel nach hinten fallen.

"Was heißt das in konkreten Zahlen? Von wieviel Verlust reden wir hier?"

"Kein Verlust. So gravierend sind die Einbußen glücklicherweise nicht. Der Plan war mit zwanzig Millionen Gewinn herauszukommen und dann das Kapital auf die Ursprungskonten zurückzuführen. Die Fonds, in die wir investiert haben, liefen zu Anfang gut und wir hatten unser Ziel schon mehr als erreicht, als schließlich der Crash dazwischen kam und unseren Gewinn fast halbiert hat, bevor wir ihn realisieren konnten."

Er wandte sich an den Kollegen zu seiner Rechten.

"Simerski, haben Sie die genauen Zahlen?"

"Ja, einen Moment", Simerski blätterte kurz in seinen Unterlagen, "per heute morgen 9.30 Uhr beträgt der erwirtschaftete Überschuss genau 12.786.475,36 Franken."

Der Bärtige sprang auf und hieb mit der flachen Hand auf die Tischplatte.

"Verdammt! Verkaufen Sie den Schrott bevor der Kurs noch weiter fällt und wir noch mehr verlieren. Übernächsten Monat brauche ich zehn Mio für den 'Global Warming Opfer Fund'. Es wird Zeit, dass wir mal wieder unser soziales Gesicht zeigen, sonst rückt uns die Steuerbehörde auf die Pelle. Sie planen eine Wohltätigkeitsgala, an der wir den Scheck des", er machte eine große Bewegung mit beiden Händen und verdrehte höhnisch die Augen, "mysteriösen, anonymen Spenders medienwirksam übergeben können."

Er überlegte einen Moment, dann fuhr er fort.

"Dann bekommen die eben nur fünf Millionen, sonst lohnt die Sache nicht für uns." Er erhob sich und wedelte ungeduldig mit der Hand in Richtung des Blonden. "Regeln Sie das!"

"Mit Verlaub", erwiderte der und blieb ruhig sitzen, "das liegt außerhalb Ihrer Befugnis. Das muss der Cyrillo entscheiden."

Ihre Blicke kreuzten sich. Die Augen des Bärtigen verengten sich zu schmalen Schlitzen, wie bei einer Raubkatze, die sich zum Sprung bereit macht. Im letzten Moment schien er jedoch seinen Zorn, der sich offensichtlich in ihm ausgebreitet hatte, unter Kontrolle zu bekommen.

Er ging einen Schritt rückwärts und sagte in relativ ruhigem Ton: "Ich bin sicher der Cyrillo wird der gleichen Meinung sein wie ich, aber wie Sie wollen, fragen wir ihn", er wandte sich an den Vierten im Bunde, "Kessler, stellen Sie eine Verbindung her!"

Der Mann tat wie ihm geheißen und reichte das Phone an den Blonden weiter. Während dieser in kurzen Worten die Situation schilderte, trommelte der Dunkelhaarige ungehalten mit den Fingerspitzen auf dem Tisch. Obwohl er sich Mühe gab, seinen Frust zu verbergen, merkte man ihm die innere Anspannung an. Er war nicht gut darin, seinen Zorn zu unterdrücken. Warum sollte er? Das war etwas für Schwächlinge. Jeder, der sich seinen Zorn auf irgend eine Weise zuzog, sollte ihn gefälligst auch zu spüren bekommen. Aber er war nicht dumm, er wusste, dass er diese Banker brauchte und obwohl ihm diese ganze soziale 'Cyrillo-Scheiße' unglaublich auf die Nerven ging, war er sich darüber im Klaren, dass er sich an die Regeln halten und das System bis zu einem gewissen Grad akzeptieren musste, um den Profit in vollem Umfang abschöpfen zu können.

"Wir verkaufen nicht", hörte er schließlich den Blonden sagen, nachdem dieser das Gespräch mit dem Oberboss der Organisation beendet hatte.

Der Bärtige traute seinen Ohren nicht.

"Wie bitte!", rief er aufgebracht.

Erst vor ein paar Tagen hatten sie, so wie es die Statuten vorsahen, den neuen 'Cyrillo' gewählt und ausgerufen. Offiziell war dieser der Kopf der Organisation und Richtungsgeber in allen Belangen, inoffiziell hatte er jedoch seit Jahren dafür gesorgt, dass dieser 'Cyrillo' sich weitestgehend auf repräsentative Aufgaben konzentrierte und ihn die Geschäfte führen ließ. Er hatte im Vorfeld ein Mitglied ausgesucht, das ihm schwach genug erschien, um keine Probleme zu machen, oder ihm auf irgendeine Weise verpflichtet war, und dieses dann den anderen Wahlberechtigten schmackhaft gemacht. Auf diese Weise war es ihm gelungen über die Jahre die Organisation an sich zu reissen und soweit möglich in seinem Sinne zu verändern. Auch diesmal war die Wahl entsprechend gelaufen, deshalb konnte er nicht glauben, dass der neugewählte, in seinen Augen unerfahrene 'Cyrillo' tatsächlich gegen seine Empfehlung entschieden haben sollte.

"Haben Sie die Situation nicht erklärt?", fragte er ungehalten.

"Doch das habe ich", erwiderte der Banker und warf seinem Gegenüber einen leicht triumphierenden Blick zu. "Ich habe auch erwähnt, dass Sie der Meinung sind, wir sollten die Papiere abstossen. Der Cyrillo hat jedoch eine andere Idee."

"Und die wäre?"

"Der Markt hat sich seit dem Crash noch nicht wirklich erholt, ist aber seither beständig positiv gestimmt. Das heißt, es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Aufwärtsbewegung einsetzen wird. Wir kaufen verbilligend hinzu, was uns die Möglichkeit gibt, das ursprünglich angestrebte Ziel entsprechend schneller zu erreichen."

"Woher nehmen wir das zusätzliche Kapital?"

"Ich muss bis heute Abend die Konten ausgeglichen haben. Sobald die Abschlussbuchungen gelaufen sind, habe ich wieder Zugriff auf die Gelder. Möglich dass unsere Brüder in Nahost oder im hohen Norden liquide Mittel verfügbar haben, wenn dem nicht so ist, werden wir mit einem Überbrückungskredit arbeiten und den Aufwand auf die Gewinnerwartung anrechnen. Bei dem niedrigen Zinsniveau derzeit sollte das nicht allzu sehr ins Gewicht fallen."

"Ich hoffe, Sie wissen was Sie tun", warf der Bärtige grimmig ein, "wenn ich bis Mitte Februar nicht die zwanzig Millionen verfügbar habe, werden Sie persönlich dafür gerade stehen. Das ist Ihnen hoffentlich bewußt."

Damit verließ er gefolgt von Kessler den Raum.

2 1/2 MONATE SPÄTER

WASHINGTON D.C., USA,

25. FEBRUAR 2017

"Das lief ja erstaunlich gut, was?"

Das Paar überquerte die Straße und ging auf den Parkplatz zu. Die Frau mit dem schwarzen langen Haar in einem eng anliegenden roten Kleid, der Mann mit dem dunklen Vollbart in einem stylischen grauen Anzug. Mit leichtem Grinsen im Gesicht fügte er hinzu: "Die haben uns jedes Wort geglaubt."

"Die Leute glauben was sie glauben wollen, genau das haben die da drinnen auch gerade getan", erwiderte die Frau mit einem verächtlichen Schulterzucken.

"Richtig! Und Du warst echt gut darin, ihnen genau das zu sagen, was sie hören wollten."

Sie waren vor einem schwarzen Porsche Cayenne angekommen. Der Bärtige berührte den Schlüssel in seiner rechten Anzugstasche und ließ den Wagen aufblinken, dann drehte er sich zu der Frau um.

"Ich erinnere mich noch an etwas Anderes in dem Du echt gut warst", sagte er in anzüglichem Tonfall und legte seine Hände auf ihre Hüfte. "Kommst Du mit zu mir? Wir feiern noch ein bißchen."

Die Frau zögerte einen Moment. Sie hatten jetzt schon ein paar Monate miteinander zu tun gehabt und obwohl sie definitiv Probleme mit seiner egoistischen und überheblichen Art hatte, mußte sie zugeben, dass er ihr irgendwie unter die Haut ging. Es war immer das Gleiche. Diese harten, selbstgefälligen Typen schafften es immer wieder ihre Libido anzusprechen ohne ihrem sonst so vernünftigen, kontrollierten Verstand auch nur den Hauch einer Chance zu lassen. Bevor sie es wußte, hörte sie sich selbst sagen: "Ok, warum nicht?" Dann stieg sie in den Porsche, dessen Beifahrertür schon für sie aufgehalten wurde.

Als sie an einer roten Ampel anhalten mußten, drehte die Frau sich zu dem Fahrer um und fragte:

"Wann lerne ich eigentlich die restlichen Cyrillaner kennen?"

Die Ampel wurde wieder grün und er fuhr los.

"Gar nicht", erwiderte er knapp.

"Wie? Gar nicht?", die Frau runzelte die Stirn.

Der Mann tat, als müsse er sich auf die Straße konzentrieren. Nach einer Weile antwortete er schließlich: "Das ist ja gerade das geniale System, das hinter unserem geheimen Bund steckt. Der Cyrillo hat die Verantwortung, aber da den Cyrillo keiner wirklich kennt, kann er nicht zur Verantwortung gezogen werden, falls einmal etwas schiefgehen sollte."

Das überzeugte die Frau offensichtlich nicht, denn sie bohrte weiter.

"Wie soll ich denn die Organisation leiten, wenn ich nicht mal die Mitglieder kenne?"

Der Bärtige verzog das Gesicht zu einem überheblichen Grinsen. Sie standen an der nächsten roten Ampel. Er lehnte sich etwas zu seiner Beifahrerin hinüber und fasste sie leicht am Kinn.

"Darüber zerbrich Dir mal nicht Dein hübsches Köpfchen. Tue einfach was ich Dir sage, dann läuft die Sache schon."

"Hm."

Sie blickte aus dem Seitenfenster und sagte nichts mehr. Für den Mann war das Thema damit erledigt, hätte er die Frau jedoch in dem Moment angeschaut, hätte er sehen können, dass es das für sie noch lange nicht war.

***

Mitten in der Nacht wachte sie auf. Ihr war kühl. Sie stand auf und griff auf dem Weg zum Badezimmer nach ihrem schwarzen Unterkleid, das auf dem Boden gelandet war, und zog es über. Als sie zurück ins Bett kam, legten sich zwei starke Arme um sie und eine tiefe Stimme flüsterte: "Hey, wo warst Du?"

Sie antwortete nicht, nahm seine Hände und befreite sich aus der Umarmung. Dann drehte sie ihm den Rücken zu.

"Was jetzt?", murrte er mit leicht genervter Stimme,

"Sind wir jetzt plötzlich zickig, oder was?"

Als sie sich nicht rührte, nahm er sie bei den Schultern, drehte sie zu sich um und setzte sich auf sie. Es war noch dunkel und sie konnte nicht viel mehr als seine Umrisse erkennen. Trotzdem versuchte sie, ihm in die Augen zu schauen und sagte ruhig aber bestimmt: "Geh runter von mir!"

Durch die Dunkelheit konnte sie sehen, wie sich sein Mund zu einem breiten Grinsen verzog. Mit seinen großen Händen nahm er ihre beiden Handgelenke, drückte sie oberhalb ihres Kopfes auf die Matratze und fragte provozierend: "Und wenn ich das nicht tue?"

"Dann werde ich es tun?", fauchte sie, "Oder denkst Du etwa, ich kann nicht?"

Sie verschränkte ihre langen Beine über ihm, spannte ihre Muskeln an und versuchte ihn umzudrehen. Aber nichts passierte, keinen Millimeter hatte sie ihn bewegen können, er war einfach zu stark für sie.

"Ehrlich gesagt", sagte er jetzt mit einem noch breiteren Grinsen im Gesicht, "das ist genau das, was ich denke."

Er schob ihr Kleid hoch und drang in sie ein.

Sie kämpfte nicht dagegen an, sie bewegte sich überhaupt nicht mehr. Sie lag einfach da als ob sie all das gar nichts anginge und ließ ihn gewähren. Als er fertig war, sagte sie mit vor Sarkasmus triefender Stimme:" Wow, das war toll, was?"

Er rollte auf die andere Seite des Bettes, setzte sich auf und zündete eine Zigarette an. Sie spürte, dass er sauer war, aber das war sie auch.

'Verdammt! Für wen hielt er sich denn? Für wen hielt er sie? Wie konnte er es wagen, sie so zu behandeln?' Sie wollte ihn in Stücke reißen! Hm - aber das war ja vorhin schon schiefgegangen. Körperlich war sie ihm bei Weitem unterlegen. Sie mußte ihn mit anderen Mitteln schlagen und sie wußte genau, wo es ihn am Härtesten treffen würde. Sie nahm ihr Phone zur Hand und fing an darauf herumzutippen. Dabei achtete sie darauf, dass er auf das Display schauen konnte. Es dauerte nicht lange bis er reagierte.

"Was machst Du da?"

"Ich habe beschlossen diesen netten Leuten von gestern Abend ein bißchen Geld zukommen zu lassen. Hm - ", sie tat als müsse sie nachdenken, "ich denke sie haben einen Bonus verdient. Ich werde den angekündigten Betrag verdoppeln."

Ein ungläubiger Blick traf sie.

"Warum würdest Du das tun wollen?"

"Weil ich es kann", erwiderte sie mit einem bitterbösen, provokanten Lächeln im Gesicht.

Sie konnte sehen, dass er etwas unruhig wurde und dass er versuchte herauszufinden, worauf sie aus war, noch nicht ganz überzeugt davon, dass sie es Ernst meinte.

Sie machte unbeirrt weiter.

"Diese Anfänger sind so naiv. Sie brauchen etwas Unterstützung damit sie nicht gleich in der ersten Runde k.o. gehen. Sagen wir - 22 Millionen."

Das war genau der Betrag, den die Schweizer in ihrem letzten Coup erwirtschaftet hatten und den ihnen da Silva erst vor zwei Tagen in blütenreinem Zustand transferiert hatte. Sie gab den genannten Betrag ein.

Er drehte sich weiter zu ihr um und beobachtete genauestens jeden ihrer Schritte auf dem Bildschirm. "Das sind Idioten, die wollen gefickt werden!", sagte er grob.

Sie hob ihren Blick, ihre Augen zu kleinen Schlitzen verengt.

"Ja, sicher!", stieß sie grimmig hervor, "genau wie all diese dummen Weiber mit Titten und Muschis." Sie war außer sich vor Zorn, kurz davor zu explodieren.

"Überweisung......", sagte sie und hob den Finger.

Er kam näher, bereit sie aufzuhalten.

"Das wirst Du nicht wagen!"

Sie suchte seinen Blick.

"Darauf würde ich nicht wetten", flüsterte sie und bewegte ihren Zeigefinger.

".....senden!"

Er sah zu, wie das rote Transferfeld ein paar Mal blinkte und dann grün wurde.

"Scheiß Hure!", schrie er und warf sich auf sie.

Dieses Mal war sie schneller, da sie seine Reaktion erwartet hatte. Sie wußte genau, was für ein Choleriker er war. Einmal hatte sie erleben müssen, wie er einem seiner Leute ins Bein geschossen hatte, nur weil dieser vergessen hatte seinen Porsche rechtzeitig zu betanken.

Sie machte einen Satz aus dem Bett, aber er erwischte sie am Fußgelenk und zog sie zurück. Mit dem Kopf zuerst landete sie hart auf dem Boden. Sie konnte regelrecht spüren wie ihre Nase brach und fühlte Blut herausquellen, aber darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern. Bevor sie überhaupt einen Versuch machen konnte aufzustehen, war er schon über ihr mit einem großen Kampfmesser in der Hand.

Woher war das denn gekommen? Sie hatte keine Ahnung. Wahrscheinlich hatte er es unter seinem Kissen gehabt. Damit hatte sie nicht gerechnet. Das brachte sie in die Bredouille - aber gewaltig!

Sie nahm all ihre Kraft, die sie irgendwo auftreiben konnte, zusammen, zog ihre Beine an und trat zu so fest sie konnte. Dann kämpfte sie sich frei und rannte los. Doch bevor sie Abstand zwischen sich und ihren Angreifer bringen konnte, streckte er das Messer nach ihr aus und erwischte sie auf ihrer rechten Seite unterhalb des Armes. Ihre Bewegung tat ein Übriges und sie wurde von oben bis unten aufgeschlitzt. Der Schnitt war nicht sehr tief, dafür aber lang. Sie hielt ihren Atem an und rannte weiter. Aber erneut war er schnell wieder auf ihrer Höhe und rammte sie krachend gegen die Wand. Ihr Tritt hatte ihn genau in den Magen getroffen, was ihn schwer atmen ließ. Außerdem war er blind vor Wut.

"Warum hast Du das getan?", schrie er sie an, "Mach es rückgängig! Sofort!"

Einer seiner riesigen Unterarme lag quer über ihrem Brustkorb und drückte sie gegen die Wand, die andere Hand fuchtelte mit dem Messer vor ihr herum.

Sie schaute ihm in die Augen und sagte mit einem leichten Kopfschütteln: "Nicht möglich."

Der schwere Lampenfuß traf ihn im selben Moment am Kopf, in dem das Messer in ihr Fleisch eindrang. Sie sah ihn zu Boden sinken. Gleichzeitig spürte sie einen heftigen Schmerz an ihrem Hüftknochen, wo er sie getroffen hatte. Sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Mit dem Schlag auf seinen Kopf hatte sie ein paar Sekunden gewonnen, aber sie konnte nicht sicher sein, dass er ihn lange am Boden halten würde.

Sie biss die Zähne zusammen, schnappte sich ihr Phone und ihre Tasche und rannte aus dem Haus. Ihr Körper war ein einziger Schmerz. Sie konnte kaum gehen aber ihr war klar, dass sie schnellstmöglich verschwinden und sich verstecken mußte, weil sie mit ziemlicher Sicherheit bald ohnmächtig würde und das ihre letzte Chance war, zu entkommen. Mit dem letzten Quentchen Energie, das sie aufbringen konnte, schleppte sie sich über die Straße und versteckte sich hinter einer Mauer. Sie nahm ihr Phone, wählte eine Nummer und wartete. Als endlich jemand auf der anderen Seite abhob, war alles was sie noch sagen konnte: "Kannst Du mich holen? Ich stecke in der Scheiße." Dann wurde es schwarz um sie.

Matt Brower sprang buchstäblich in seine Jeans. Der Anruf, den er gerade erhalten hatte, beunruhigte ihn. Special Agent Jenn Burkman war jetzt seit knapp einem Jahr in seinem Team. In seiner Zeit bei der CIA hatte er schon einiges erlebt, aber diese junge Frau, die auf völlig unorthodoxe Weise und praktisch wie aus dem Nichts zu ihnen gestoßen war, warf alles was er dachte über die Menschen zu wissen und was er jemals über sie gelernt hatte, über den Haufen und verblüffte ihn sozusagen täglich mit ihrer außergewöhnlichen, völlig unvorhersehbaren Art. Sie konnte knallhart sein im Durchsetzen ihrer Ziele und war zugleich der verständnisvollste Mensch, den er kannte. Hart aber herzlich, und zwar in 3D.

Den Fall, an dem sie gerade arbeitete, hatte sie unbedingt haben wollen. Seit dieser mysteriöse Cyrillo wegen angeblicher Waffengeschäfte mit dem Nahen Osten im Weißen Haus auf den Radar gekommen war, hatte sie ihm in den Ohren gelegen und hatte erst Ruhe gegeben, als er ihr den offiziellen Auftrag erteilte, Undercover zu gehen. Nach seinem letzten Stand hatte sie sich erfolgreich in die Organisation eingeschleust und war bis zur Chefetage vorgedrungen. Sie war zielstrebig und effektiv in ihrer Arbeitsweise. Allerdings war sie manchmal etwas zu selbstständig für Browers Geschmack und ließ ihn oft im Dunkeln über ihre Pläne, was ihn manchmal zur Weißglut bringen konnte. Aber da sie selbst nie etwas von ihm oder anderen Kollegen erwartete und am Ende immer ablieferte, ließ er ihr das durchgehen. Irgendwie hatte er von Anfang an einen besonderen Draht zu ihr gehabt und jetzt gerade machte er sich ernsthaft Sorgen um sie.

Noch kein einziges Mal zuvor hatte sie um Hilfe gerufen und sie war noch während des Gespräches ohnmächtig geworden. Er wählte eine Nummer und wartete ungeduldig darauf, dass jemand am anderen Ende antwortete. Als das schließlich geschah, rief er: "Hi, ich bin's Brower, Du mußt ein Phone für mich orten, subito!" Er nannte die Nummer und setzte das Gespräch auf Lautsprecher, damit er sich während er auf die Info wartete, anziehen konnte.

"Ich bekomme ein Signal in der Vernon Terrace Nummer 228. Das ist unten in Alexandria, in der Nähe des Belle Haven Country Clubs."

"Ja, ich weiß wo das ist. Danke."

Er steckte das Phone in die Hosentasche und rannte aus dem Haus zu seinem Auto. Eine Viertelstunde später erreichte er die genannte Adresse. Die Sonne hatte gerade begonnen aufzugehen und gab ihm genug Licht, um zu finden was er suchte. Als er das Grundstück der Nummer 228 auf der breiten Einfahrt betrat, hörte er ein leises Zischen von links. Er drehte den Kopf in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war und sah sie sofort sitzen. Auf dem Boden mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt.

"Ah, da bist Du ja", rief er erleichtert aus und checkte sie von oben bis unten ab.

"Wow! Du siehst aus als wärst Du von 'nem Laster überrollt worden. Was ist passiert?"

Die junge Frau hob langsam ihren Kopf.

"Ein Laster hat mich überrollt", erwiderte sie trocken. Sie hatte die schwarze Perücke, die sie in ihrer Undercoverrolle trug, abgenommen. Ihr echtes blondes Haar, das mit vielen Haarnadeln am Kopf fixiert war, war verschwitzt und total zerzaust. Um ihre Nase herum klebte getrocknetes Blut. Matt Brower ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. Alles was sie trug war ein enges schwarzes Unterkleid, das offensichtlich auf der einen Seite aufgeschnitten worden war und nur noch von ein paar Fäden zusammengehalten wurde. Durch die schwarze Farbe konnte man die Blutflecken, die überall verteilt waren, nicht erkennen. Er sah jedoch sofort, dass ihre Hand, die sie fest in ihre Hüfte presste, völlig blutverschmiert war und bei näherer Betrachtung bemerkte er auch die roten Rinnsale, die ihr an den Beinen entlangliefen. Entsetzt zog er den Atem durch die Zähne ein.

"Oh Mann! Wie schlimm ist es? Kannst Du aufstehen?"

Sie streckte ihre freie Hand nach ihm aus.

"Ja, ich denke schon. Wenn Du mir hilfst."

Er nahm ihren Arm und zog sie vorsichtig hoch. Sie konnte nicht aufrecht stehen und die Wunde an der Hüfte blutete immer noch heftig. Er zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern, dann gingen sie langsam los in Richtung seines Wagens. Es war nicht weit aber selbst die paar Meter, die Matt sie noch fast getragen hatte, hatten Jenn so geschwächt, dass sie fast wieder das Bewusstsein verlor, als sie sich schließlich auf den Beifahrersitz fallen ließ. Brower setzte sich ans Steuer und startete den Motor.

"Wir fahren direkt in die Klinik, ich kann Dir später ein paar Sachen bringen."

"Waas?", Jenn sah ihn mit großen Augen an, "Was soll ich im Krankenhaus? Fahr mich nach Hause!"

"Jenn, mach Dich nicht lächerlich. Du kannst kaum drei Schritte gehen und außerdem hast Du eine Menge Blut verloren."

"Ja, aber....."

Brower hob die Hand.

"Jetzt hör auf mit dem Quatsch! Keine Diskussion mehr! Du lässt Dich behandeln, das ist ein Befehl!"