Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Welche Freude, Babs, dich auch einmal wieder in Sophienlust zu sehen«, begrüßte Denise von Schoenecker die junge Frau, die dem neuen dunkelgrünen Auto entstieg. Viel Zeit für eine Umarmung hatten sie nicht, denn Barbara Baumgartens Kinder – Frieder, Axel und die kleine Denise – begrüßten ihre Tante Isi stürmisch. Wieder einmal bedauerten die beiden Frauen, dass sie sich viel zu selten sahen und dass es meist nur dann geschah, wenn ein zwingender Anlass vorlag. Auch heute war es ein besonderer Grund, der Barbara Baumgarten nach Sophienlust geführt hatte. »Ich wollte dich fragen, ob du unsere Rangen für ein paar Stunden in deine Obhut nehmen könntest«, sagte Babs verlegen. »Werner ist wieder mal unabkömmlich, deshalb muss ich Doktor Claussen von der Bahn abholen. Das ist den Trabanten natürlich viel zu langweilig, darum haben sie mich geplagt, sie hier abzuliefern.« »Du brauchst dich doch dafür nicht zu entschuldigen«, meinte Denise herzlich. »Wir freuen uns immer, wenn deine Kinder hier sind. Bei der großen Zahl, die wir haben, macht es wirklich nichts aus. Nun kommt Claussen also doch«, fügte sie hinzu. »Wenn ihr mehr Zeit für ihn haben wollt, kannst du die Kinder ruhig hierlassen.« »Ach, Chris will sich nur erholen. Viel unternehmen kann er ja mit seinem schlimmen Bein nicht. Bei Frau Bernrieder in Buchenau ist er sicher sehr gut untergebracht, und ich hätte einfach ein schlechtes Gewissen, wenn ich dir unsere Kinder auch noch aufladen würde, obwohl ich weiß, dass sie sehr gern hier sind.« »Mach dir keine unnötigen Gedanken.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
»Welche Freude, Babs, dich auch einmal wieder in Sophienlust zu sehen«, begrüßte Denise von Schoenecker die junge Frau, die dem neuen dunkelgrünen Auto entstieg.
Viel Zeit für eine Umarmung hatten sie nicht, denn Barbara Baumgartens Kinder – Frieder, Axel und die kleine Denise – begrüßten ihre Tante Isi stürmisch.
Wieder einmal bedauerten die beiden Frauen, dass sie sich viel zu selten sahen und dass es meist nur dann geschah, wenn ein zwingender Anlass vorlag. Auch heute war es ein besonderer Grund, der Barbara Baumgarten nach Sophienlust geführt hatte.
»Ich wollte dich fragen, ob du unsere Rangen für ein paar Stunden in deine Obhut nehmen könntest«, sagte Babs verlegen.
»Werner ist wieder mal unabkömmlich, deshalb muss ich Doktor Claussen von der Bahn abholen. Das ist den Trabanten natürlich viel zu langweilig, darum haben sie mich geplagt, sie hier abzuliefern.«
»Du brauchst dich doch dafür nicht zu entschuldigen«, meinte Denise herzlich. »Wir freuen uns immer, wenn deine Kinder hier sind. Bei der großen Zahl, die wir haben, macht es wirklich nichts aus. Nun kommt Claussen also doch«, fügte sie hinzu. »Wenn ihr mehr Zeit für ihn haben wollt, kannst du die Kinder ruhig hierlassen.«
»Ach, Chris will sich nur erholen. Viel unternehmen kann er ja mit seinem schlimmen Bein nicht. Bei Frau Bernrieder in Buchenau ist er sicher sehr gut untergebracht, und ich hätte einfach ein schlechtes Gewissen, wenn ich dir unsere Kinder auch noch aufladen würde, obwohl ich weiß, dass sie sehr gern hier sind.«
»Mach dir keine unnötigen Gedanken. Du siehst ja, sie fühlen sich hier schon wieder ganz zu Hause. Du könntest viel öfter davon Gebrauch machen und dir ein wenig mehr Ruhe gönnen.«
»Sehe ich so schlecht aus?«, fragte Barbara erschrocken. »Werner schaut mich auch manchmal ganz komisch an.«
Barbara Baumgarten war ein blasser Typ, aber Denise musste feststellen, dass sie heute tatsächlich besonders angegriffen aussah. Insgeheim machte sie sich Sorgen um die Freundin, aber das wollte sie ihr nicht sagen.
Und nun kam auch noch dieser Dr. Christoph Claussen, ein Freund von Werner, der sich bei einem Unfall einen komplizierten Beinbruch zugezogen hatte. Denise kannte ihn nicht persönlich. Sie wusste nur, dass er ein bekannter Dramaturg war und sich auch schon als Schriftsteller einen Namen gemacht hatte. Sie wusste auch, dass seine Schwester einmal Werners Jugendliebe gewesen war, und fragte sich nun, ob Barbara sich deswegen Sorgen machte. Aber das waren sicher nutzlose Sorgen, denn die Baumgartens führten eine sehr glückliche Ehe.
»Ich muss fahren, sonst verpasse ich noch den Zug«, meinte Barbara nervös. »Ich hole die Kinder dann auf dem Rückweg wieder ab.«
»Es hat doch keine Eile. Trinkt erst einmal gemütlich Kaffee zusammen.«
Denise konnte in diesem Augenblick nicht ahnen, dass aus dem gemütlichen Beisammensitzen nichts werden und jener Dr. Claussen einige Aufregung nach Sophienlust bringen sollte.
*
Als Dr. Christoph Claussen in Köln den Zug bestieg, fand er ihn ziemlich überfüllt. Doch in einem Erster-Klasse-Abteil befanden sich nur ein Herr und ein schlafendes Kind, das andere Reisende abzuschrecken schien, nicht aber Dr. Claussen. Er hatte nichts gegen Kinder, ganz im Gegenteil. Er hätte selbst gern welche gehabt, aber er hatte noch immer nicht die Frau gefunden, die er sich als Mutter seiner Kinder vorstellen konnte.
Das verletzte Bein verursachte ihm noch immer Beschwerden, sodass er sich nach einem kurzen höflichen Gruß etwas umständlich auf den Platz nahe der Tür setzte.
Dr. Claussen war nicht allein eine markante Erscheinung, er war auch eine bekannte Persönlichkeit. Es war deshalb für ihn nicht ungewohnt, dass man ihn musterte. Aber jener Mann, der auf dem Fensterplatz ihm schräg gegenübersaß, betrachtete ihn mit einem so merkwürdigen Blick, dass es ihm unbehaglich wurde. Davon, dass der Fremde sich noch weitaus unbehaglicher fühlte, ahnte Dr. Claussen allerdings nichts.
Das Kind war mit einem hellen Tuchmantel zugedeckt. Man sah nur seine blonden Locken, sonst nichts.
Jetzt ertönte das Abfahrtssignal. Der Zug setzte seine Fahrt fort.
Christoph Claussen verschanzte sich hinter seiner Zeitung. Es war still im Abteil. Nur die Geräusche des fahrenden Zuges waren zu hören und ab und zu das Zuklappen des Aschenbechers, denn der Fremde rauchte eine Zigarette nach der anderen.
Der Kontrolleur kam. Christoph Claussen reichte ihm seine Fahrkarte, nahm sie wieder in Empfang und warf unwillkürlich einen Blick auf den Fremden, dessen Gesicht dabei fahl wurde. Das Kind schlief noch immer. Die Fahrkarte des Fremden schien schon früher kontrolliert worden zu sein. Dies registrierte Christoph Claussen jedoch nur im Unterbewusstsein, denn er widmete sich wieder seiner Zeitung und merkte nicht, dass ihn sein Gegenüber immer wieder musterte.
Als der Fremde sich plötzlich erhob und über den ausgestreckten Fuß von Dr. Claussen mit einer kaum vernehmbaren Entschuldigung hinwegstieg, sah dieser auf. Er stellte fest, dass der Fremde seine Reisetasche in der Hand hielt und noch einen flüchtigen Blick auf das schlafende Kind warf.
Ein komischer Vater ist das, wenn er sein Kind mit einem Fremden allein im Abteil lässt, dachte Dr. Claussen missbilligend.
Im nächsten Moment hielt der Zug auf einer Station, setzte aber die Fahrt bald wieder fort.
Die Zeit verstrich. Der Mann kam nicht zurück. Wenn er in den Speisewagen gegangen ist, hätte er doch wenigstens ein Wort sagen können, ging es Dr. Claussen durch den Sinn. Was soll ich tun, wenn das Kind aufwacht und nach seinem Vater weint? Mit meinem Bein kann ich nicht durch den ganzen Zug laufen und diesen fremden Mann suchen. Dr. Claussen seufzte. Komische Leute gab es schon und sehr viele leichtsinnige Eltern.
*
Der Fremde hatte den Zug bereits verlassen. Es war in höchster Eile geschehen, doch das bemerkte nur eine elegante junge Frau, die ihn an der Sperre erwartete.
»Wo hast du den Jungen, René?«, fragte Nora Paulus aufgeregt. »Ich dachte, du wolltest ihn mitbringen?«
»Lass uns erst mal von hier verschwinden«, brummte René Porten. »Dann erkläre ich dir alles.«
Nora Paulus widersprach nicht, denn sie bemerkte, dass er erregt war. Und wenn René Porten erregt war, war es besser zu schweigen. Schließlich kannte sie seinen Jähzorn zur Genüge.
Vor dem Bahnhof wartete ein schickes Kabriolett.
»Eine fatale Situation«, knurrte René, als er sich neben Nora in den Wagen setzte. »Da steigt doch in Köln ausgerechnet Claussen zu. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich habe ja auch keine Ahnung, ob er mal ein Bild von mir gesehen hat. Ich habe Daniel im Zug gelassen.«
Sie sah ihn entsetzt an. »Im Zug …, ganz allein?«, fragte sie konsterniert. »Bist du noch zu retten? Was meinst du, welche Schwierigkeiten dir daraus entstehen können!«
»Das ist mir egal. Wir hauen ab. Ohne den Jungen. Irgendwie wird er schon zu Diana zurückkommen. Es war überhaupt eine Schnapsidee. Ich habe kein Talent zum Entführer.«
»Er ist dein Sohn«, widersprach sie. »Du hast das gleiche Recht auf ihn wie sie.«
Es war sein Glück, dass Nora Paulus nicht ahnte, dass er mit der Entführung seines eigenen Sohnes nichts anderes hatte bezwecken wollen, als seine geschiedene Frau Diana zur Rückkehr zu zwingen und sich dadurch wieder jenes angenehme Leben zu verschaffen, das er einmal genossen hatte und das er jetzt so sehr vermisste. Schon lange war er zu der Erkenntnis gekommen, dass die Scheidung ein Fehler gewesen war und dass eine reiche, wenn auch langweilige Diana immer noch besser war als eine exzentrische Nora, die ihre Einkünfte als Fotomodell zum größten Teil für sich selbst verbrauchte. Doch im Moment sah er sein Ziel, Diana seinen Wünschen gefügig zu machen, in weite Ferne gerückt. Christoph Claussen hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. René wusste, dass Diana und Dr. Claussen früher einmal eng befreundet gewesen waren. Deshalb hatte ihn dessen Erscheinen auch in Panik versetzt.
*
Von den Plänen und Überlegungen René Portens ahnte wiederum Christoph Claussen nichts. Er sah sich noch immer allein mit dem Kind in dem Eisenbahnabteil. Und nun begann sich dieses Kind zu rühren.
Eine kleine Hand stieß einen hellen Mantel von sich. Kerzengerade saß der kleine Kerl plötzlich da. Mit großen angstvollen Augen blickte er den ihm fremden Mann an.
»Ich will zu Mami«, stieß er trotzig hervor. »Papa hat gesagt, ich komme wieder zu Mami.«
Ein schöner Papa, dachte Dr. Claussen erbittert. Er verschwindet einfach und kümmert sich nicht mehr um sein Kind.
»Du kommst ja wieder zu deiner Mami«, versuchte er das Kind zu beschwichtigen. »Dein Papa ist nur mal hinausgegangen.«
Der Kleine blickte ihn altklug an. »Er kommt nicht wieder«, antwortete er trotzig. »Er kommt immer nur mal so.«
Dr. Claussen horchte auf. Das war ja recht geheimnisvoll!
»Wie heißt du denn?«, erkundigte er sich ablenkend.
»Danny. Mami sagt Danny. Er sagt Daniel«, flüsterte das Kind.
»Und wie alt bist du?«, fragte Christoph Claussen.
»Weiß ich nicht. Ich will heim. Ich will zu meiner lieben Mami!«
»Ich werde deinen Papa suchen«, erklärte Dr. Claussen. Aber da sprang das kleine Kerlchen auf und klammerte sich an ihn.
»Ich will ihn ja nicht. Danny hat Angst. Ich will lieber bei dem Onkel bleiben!«
Christoph Claussen blickte auf seine Uhr. Gleich mussten sie am Ziel angelangt sein. Endstation! Viel Zeit blieb diesem sauberen Vater nicht mehr, sich um sein Kind zu kümmern. Und wenn er die Angst in diesen Kinderaugen sah, wurde ihm die Sache unheimlich.
»Du bringst mich doch zu meiner Mami, lieber Onkel«, bat der Kleine flüsternd, und schon war Christoph fest entschlossen, dem Kind diesen Wunsch zu erfüllen. Er wollte dem Vater auf jeden Fall schön die Leviten lesen, sobald dieser kam.
»Ja, ich bringe dich zu deiner Mami«, versprach er.
»Wie heißt du denn? Ich mag dich«, sagte Danny.
»Ich heiße Christoph. Meine Freunde nennen mich Chris«, erwiderte er mechanisch.
»Chris«, wiederholte der Kleine tiefernst. »Du bist mein großer Freund.«
Der Zug hielt mit einem Ruck. Die Endstation war erreicht. Und der Vater des Kindes war weit und breit nicht zu sehen.
Christoph Claussen befand sich in einem schwer definierbaren Zustand. Er war durchaus nicht gewillt, diesen entzückenden kleinen Jungen fremden Menschen zu überlassen. Zugleich hatte er eine Mordswut auf den Fremden, der das Kind allein gelassen hatte. Außerdem empfand er, wenn er das Kind anblickte, ein unbegreifliches Bedauern für dessen Mutter.
»Chris«, rief da eine helle Frauenstimme. »Gott sei Dank, dass du da bist. Ich hätte die Suche nach dir schon fast aufgegeben.«
Barbara Baumgarten stieg die Stufen zum Abteil empor. Verblüfft blickte sie auf das Kind, das Christoph Claussen auf den Arm genommen hatte.
»Was hast du denn da?«, fragte sie erstaunt.
»Ein Findelkind«, brummte er. »Was sollen wir mit Danny machen?«
»Danny will bei Chris bleiben, bis Mami kommt«, sagte der Kleine ängstlich.
Barbara Baumgarten holte tief Luft. »Komm erst mal zu mir, kleiner Mann«, meinte sie aufmunternd. »Schau, Chris hat ein schlimmes Bein. Er kann dich nicht tragen.«
»Bist du auch eine Mami?«, fragte Danny.
»Ja, ich bin auch eine Mami«, erwiderte sie. Dann trug sie das Kind zu ihrem Wagen.
*
Mit kurzen Worten hatte Dr. Claussen Barbara Baumgarten den Sachverhalt erklärt. Sie hatte schnell begriffen.
»Eigentlich müssten wir die Bahnpolizei verständigen«, sagte sie.
»Damit sie mir das Kind wegnehmen?«, fragte er aufgebracht. »Ich habe dem Kleinen versprochen, dass ich ihn zu seiner Mami bringe. Weißt du nicht, was man in einer Kinderseele anrichten kann, wenn man sein Wort nicht hält?«
»Ich weiß es schon, aber dass du es auch wissen könntest, wäre mir nicht in den Sinn gekommen«, entgegnete sie. »Bringen wir ihn doch nach Sophienlust. Denise hat Erfahrung. Sie wird schon wissen, was wir tun sollen.«
»Danny will bei Chris bleiben«, beharrte der Junge wieder.
Christoph hielt die kleine Hand fest. »Du brauchst keine Angst zu haben, Danny. Ich bleibe bei dir.«
Das kann ja gut werden, dachte Barbara. Allem Anschein nach gibt es auch einen Vaterkomplex, und der gute Chris besitzt einen.
Trotz der Behinderung durch sein Bein nahm Dr. Claussen den Kleinen auf den Schoß. Barbara fuhr sehr vorsichtig und langsam.
»Er ist schätzungsweise drei bis vier Jahre alt«, stellte sie beiläufig fest. »Wahrscheinlich kann er keine näheren Angaben über seinen Wohnort machen.«
Danny sah sie aufmerksam an. »Wir haben ein schönes Haus«, erzählte er. »Eine Mascha auch. Mascha kann Papa nicht leiden. Sie hat gesagt, er soll mich gleich wiederbringen.«
Es schien nicht sehr sinnvoll zu sein, ihn auszufragen. Aber vielleicht würde er mit der Zeit selbst das erzählen, woran er sich erinnern konnte. Unwillkürlich dachte Chris auch daran, dass da irgendwo eine Mutter war, die sich um ihr Kind sorgte. Die Zusammenhänge konnte er allerdings nur kombinieren. Und jetzt ärgerte er sich auch, dass er mit dem Mann im Abteil nicht ein Gespräch begonnen hatte.
»Ihr habt doch eine Wohnung für mich gemietet, Babs«, meinte Chris. »Kann ich den Jungen nicht dorthin mitnehmen?«
»Einfälle hast du«, erwiderte sie. »Du bist doch gehandicapt mit deinem Bein. Außerdem hoffen wir doch, die Mutter des Kindes bald zu finden.«
Während Barbara Baumgarten das aussprach, hatte sie das komische Gefühl, dass das seinetwegen gar nicht so schnell zu gehen brauchte. Der berühmte Chris Claussen schien ganz vernarrt in den Kleinen zu sein. Oder witterte er nur eine spannende Story?
*
Denise von Schoenecker war sehr überrascht, als Barbara noch einmal kam, und noch mehr darüber, dass nicht nur Christoph Claussen, sondern auch ein kleiner blonder Junge dem Wagen entstiegen.
Danny klammerte sich an Chris. »Will nicht weg von dir«, wisperte er. »Will bei dir bleiben.«
Aber Denise gelang es, sein Vertrauen sehr rasch zu gewinnen. Sie brachte Danny dazu, mit Henrik und der kleinen Denise zu Habakuk zu gehen. Ein sprechender Papagei war natürlich etwas ganz Besonderes, und durch ihn wurde Danny abgelenkt.
Chris informierte Denise, von der er sehr beeindruckt war, inzwischen über sein Erlebnis.
Sie sah ihn nachdenklich an. »Die Sache ist sehr merkwürdig«, überlegte sie. »Vielleicht erkannte dieser Mann Sie und fürchtete Schwierigkeiten? Alles lässt doch darauf schließen, dass er das Kind ohne Wissen seiner Mutter mitgenommen hat. Aber es könnte natürlich auch sein, dass Danny sich manches zusammengereimt hat. Kinder haben in diesem Alter eine rege Fantasie. Natürlich werden wir schnellstens alles in die Wege leiten, um seine Mutter zu finden. Sie sind sich doch sicher darüber im Klaren, dass wir sonst mit den Gesetzen in Konflikt kommen?«
Dr. Claussen nickte. Aber wie sollte er Danny beibringen, dass er hierbleiben sollte?
Eben noch hatte der Kleine über Habakuk gelacht. Doch als Chris ihm sagte, dass er hier bei diesen netten Kindern bleiben müsse, füllten sich seine Augen mit Tränen.
»Ich muss doch deine Mutti finden, Danny«, meinte Chris tröstend. »Das habe ich dir doch versprochen. Sie hat sicher große Sehnsucht nach dir.«
»Aber wenn wir sie wiederhaben, dann bleibst du doch immer bei uns, Chris, nicht wahr?«, fragte der Junge. »Ich habe dich nämlich lieb.«
Das schien ja eine Liebe auf den ersten Blick zu sein, stellte Denise betroffen fest, und nicht nur vonseiten des Kindes.
*
Diana Porten betrachtete geistesabwesend die Stoffmuster, die ihr zur Begutachtung vorgelegt worden waren. Seit ihrer Scheidung hatte sie ihren Platz in der väterlichen Weberei wieder übernommen, um diese unter allen Umständen für ihren Sohn zu erhalten. Doch heute irrten ihre Gedanken immer wieder ab. Der Tag, an dem René Daniel besuchen durfte, war für sie jedes Mal der schlimmste Tag im Monat, aber sie konnte daran nichts ändern. Das Gericht hatte ihm dieses Recht eingeräumt, und er machte davon Gebrauch.
Diana wusste genau, dass René den Jungen nicht aus Liebe besuchte, sondern um sie immer wieder daran zu erinnern, dass es ihn gab. Um ihm nicht zu begegnen, fuhr sie an diesem Tag mittags nie, wie sonst, nach Hause. Doch heute wurde sie von einer besonderen Unruhe getrieben. Immer wieder griff sie zum Telefon, um daheim anzurufen, ließ es aber dann doch bleiben, um Mascha nicht aufzuregen, die mit dieser Regelung ebenso wenig einverstanden war wie sie.
Doch dann rief Mascha plötzlich selbst an. Ihre Stimme klang tränenerstickt, als sie berichtet: »Er ist schon ein paar Stunden mit Danny fort. So lange hat es noch nie gedauert.«
Nichts hielt Diana nun noch in der Fabrik. Sie fuhr nach Haus.
Im Garten, der den wunderschönen Bungalow umgab, stand Dannys Dreirad, als Diana eintraf. Die rundliche Mascha kam ihr entgegengestürzt. Ihre guten Augen waren trübe und rot umrändert und verrieten, dass sie geweint hatte. Außerdem zitterte sie am ganzen Körper. Diana versuchte sie zu trösten, obwohl ihr selbst elend zumute war. Doch die Zeit verstrich, und René Porten brachte seinen Sohn nicht zurück.
Als die Dämmerung herabsank, war es um Dianas Fassung geschehen. Mit einem jammervollen Schluchzen brach sie zusammen. Eilends verständigte Mascha den Hausarzt Dr. Gumpert, der die junge Frau sorgenvoll untersuchte.
Diana Porten war ein zartes Geschöpf ohne große Widerstandskraft. Der Arzt fürchtete Schlimmes, wenn der kleine Daniel nicht schnellstens wieder heimkam. Deshalb entschloss er sich nach kurzem Zögern, die Polizei zu verständigen, damit René Porten gesucht wurde.
*
Erst als sie die französische Grenze ohne Zwischenfall passiert hatten, wurde Nora Paulus ruhiger.
»Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, René«, meinte sie vorwurfsvoll. »Du hättest dir doch sagen müssen, dass Diana Himmel und Hölle in Bewegung setzt, wenn Daniel nicht pünktlich wieder daheim ist. Ich bin sicher, dass man dich jetzt schon sucht.«
»Na und?«, entgegnete er gleichmütig. »An meiner Wohnungstür wird man vergebens läuten.«
Ihre Augenbrauen schoben sich zusammen. Misstrauisch blickte sie den gut aussehenden Mann an. René war schon ein Typ, der auf Frauen wirkte, das musste man ihm lassen. Auch konnte er sehr charmant sein.
»Was hattest du eigentlich vor?«, fragte sie unwillig.
Er presste die Lippen aufeinander. Das fehlte ihm jetzt gerade noch, dass sie seinen Plan durchschaute. Dann würde er sie auch los sein. Aber er brauchte sie, weil es um seine Finanzen zurzeit sehr schlecht stand. Bis er sich wieder irgendwo Geld besorgt hatte, musste er sie bei guter Laune halten.
