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Vor dem Hintergrund der genauen Lektüre des biblischen (Ur-)Textes predigt Markus Niederhäuser nahe bei den Menschen und ihren Fragen. Auf vielfältige Weise nehmen die Predigten Bezug auf Kurt Martis literarisches «Multiversum» (Elsbeth Pulver). Von 2008 bis 2015 hat Kurt Marti seinerseits auf Predigten Markus Niederhäusers reagiert. Insgesamt 67 Zuschriften sind es geworden. In Martis Echos fliessen Erinnerungen an sein eigenes Predigen ein. Die Auslegungen der Bibeltexte inspirieren ihn zum Weiterdenken. Begegnungen mit Persönlichkeiten blitzen auf. Er berichtet, was er gerade liest und was ihn in Politik, Kirche und Welt beschäftigt. Und immer wieder thematisiert Marti sein Ringen mit den «Beschwernissen» und «Trübnissen» des Altwerdens. Die aufeinander bezogenen Texte bilden ein neues Genre zwischen Briefwechsel und Predigtband: einen Predigtverkehr. Markus Niederhäuser (*1956) 2002-2021 Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern. Kurt Marti (1921-2017) Lyriker, Schriftsteller, Zeitkritiker, 1961-1983 Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
«kirche das haus aus dem hauche des worts»
Predigten von Markus Niederhäuser in der Nydeggkirche & Echos von Kurt Marti 2008–2015
Was heisst – Auferstehung? (Lukas 24,36–43)
Bitterer als der Tod ist die Frau (Kohelet 7,24–30)
Weisheit ist besser als Waffen (Kohelet 9,13–10,1)
Wegnehmen, was lähmt (Markus 2,1–12)
Was den Menschen erwartet (Kohelet 12,3–8)
Be-rufung (Exodus 3,1–14)
Wir sind sterbliche und bleiben geburtliche Wesen (Johannes 16,20–22)
Naher, ferner Gott (Exodus 33,17–23)
Frau, was weinst du? (Johannes 20,11–18)
Geist der Wahrheit (Johannes 14,1–7.16–17)
Dreieinigkeit (2. Korinther 13,11–13)
Woran werden wir ihn erkennen? (Matthäus 11,2–6)
Frei aufblicken (Genesis 4,1–16)
Heitere Gelassenheit (Jona 4)
Ein Flüchtling wird zum Segen (Genesis 37–50)
Bewährte willkommen! (Psalm 15)
Selig die Trauernden (Matthäus 5,4)
Ein neuer Himmel auf Erden (Offenbarung 21,1–8)
Unscheinbar wächst Bedeutsames (Matthäus 13,11f.)
Wir werden verwandelt werden (1. Korinther 15,50–58)
Name und nicht Nummer (Jesaja 43,1)
Glauben Sie an Engel? (Matthäus 18,10)
Aus der Deutung seines Traumes (Genesis 40,5)
Wehen der Endzeit (Markus 13)
Und sieh, es war sehr gut (Genesis 1,31)
Grenzenlose Hoffnung (Petrus 3,15–17)
Anstössig (Markus 9,42–48)
Stell dich in die Mitte (Lukas 6,6–11)
Erhöht zur Rechten Gottes (Apostelgeschichte 2,32–35)
Wir brauchen Orientierung (Psalm 36)
Mut zur Ruhe (Markus 6,30–34)
Um sich als Fremde niederzulassen (Ruth 1)
So pries ich die Freude (Kohelet 8,15)
Zacharias verstummt (Lukas 1,5–25)
Zu gescheit, um religiös zu sein (Matthäus 22,34–40)
Die Füsse des Freudenboten (Jesaja 52,7–10)
Die Reue des Judas (Matthäus 27,3–8)
Nicht alles selber wollen (Exodus 18,13–27)
Zum Lachen (Psalm 126,2–3 und Lukas 2,10–11)
Motiviert zur Selbständigkeit (Römer 8,14–17)
Vier Predigten aus der Reihe «barfüssig» 2020
mein hurrabe entflog (Kurt Marti & Psalm 130)
glücklich ihr atheisten! (Kurt Marti & Psalm 42)
gib uns heute unser tägliches lachen (Kurt Marti & Lukas 6,21b)
mit dir ist gut kirschen essen (Kurt Marti & Hohelied 2,1–7)
Nachworte
Im Resonanzraum Predigt – oder: responsorisch das Wort in den Wörtern aufspüren (Magdalene L. Frettlöh)
Raststätte Nydegg (Andreas Mauz)
Dank
Biographische Angaben
Das Leben hat mich zu meiner Verwunderung an die Nydeggkirche in Bern geführt, wo Kurt Marti früher als Pfarrer gearbeitet hatte.
Während des Studiums war ich Kurt Marti aus der Ferne sporadisch begegnet. Zwar nicht als Professor für Praktische Theologie im Fach Homiletik (Predigtlehre), wie dies von Fakultät und Studierendenschaft geplant gewesen war. Bekanntlich wurde ihm diese Aufgabe per Intervention des Regierungsrats des Kantons Bern verwehrt. Aber ich erinnere mich an eine erhellende Gastvorlesung mit Kurt Marti an der Theologischen Fakultät in Bern über den Nutzen des Theologiestudiums für die pfarramtliche Praxis. Im Gedächtnis ist mir auch ein Gottesdienstbesuch in der Nydeggkirche, als er gegen Schluss seiner Pfarrtätigkeit vor gut besetzten Reihen, in denen auch Dozierende der Theologischen Fakultät fleissig vertreten waren, den Ersten Johannesbrief fortlaufend auslegte.
Wie unzählige Kolleginnen und Kollegen habe ich dann ab 1985 in meiner ersten Pfarrstelle in Rüfenacht und Worb reiche Inspirationen von Kurt Marti empfangen, der, nachdem er 1983 etwas früher in Pension ging, mehr Zeit zum Schreiben, Lesen und Reisen hatte. Seine Gedichte, die mit knappen Worten so unendlich viel sagen, seine Essays, in denen theologische Grundfragen höchst originell aktualisiert werden, seine Psalmenauslegungen, von ihm bescheiden als Annäherungen betitelt, mit denen er sich von der jahrhundertelangen kirchlichen Vereinnahmung absetzte und den Psalmen als Gebetbuch des Judentums gerecht zu werden trachtete … – all dies war und bleibt eine Fundgrube für die Gemeindearbeit!
In den 1990er-Jahren wirkte Klaus Bäumlin als Freund und Mitstreiter von Kurt Marti in der Kirchgemeinde Nydegg. Im Herbst 2002 habe ich die Stelle als dessen Nachfolger an der Nydeggkirche angetreten.
Kurt und Hanni Marti wohnten weiterhin am Kuhnweg in Kurts Elternhaus, welches ihnen, nachdem sie 1961 an die Nydegg berufen worden waren, über zwanzig Jahre als Pfarrhaus gedient hatte. Und so traf man sich ab und zu im Gottesdienst. In der Kirchgemeinde Nydegg war es zudem üblich, dass die Predigt auf Wunsch an Interessierte zur Nachlese verschickt wurde. Auch Hanni Marti wünschte sich meine Predigten. Gerne, wenn auch mit etwas Bammel, nahm ich sie in den Verteiler auf, wusste ich doch, dass auch Kurt sie lesen würde.
Nachdem sich bei Hanni Marti gesundheitliche Probleme gemeldet hatten, sah sich das Ehepaar gezwungen, aus dem vertrauten Heim in eine nahe Altersresidenz umzuziehen. Dort, im «Elfenaupark», ist Hanni im Oktober 2007 verstorben. Auf Wunsch der Familie hielt ich den Dankgottesdienst für Hanni Marti-Morgenthaler in der Nydeggkirche. Ihr Tod hat Kurt tief getroffen. Nun fehlte ihm sein vertrautes Gegenüber, die täglich-stündliche Zwiesprache blieb aus. Obwohl von seiner Konstitution her rüstiger als seine Frau, entschied er sich, im «Elfenaupark» zu bleiben.
Als ich ihn nach Hannis Tod fragte, ob ich ihm die Predigten weiterhin schicken solle, schrieb er mir am 3.1.2008: Lieber Markus, danke für Deine Predigt! Ich lese sie jedes Mal mit Gewinn, da Du stets für mich neue Textaspekte zu zeigen weisst. Gerne bin ich also weiterhin Abnehmer.
Von da an begann er, mir auf meine Predigten zurückzuschreiben. Unser «Predigtverkehr» dauerte acht Jahre, von 2008 bis 2015, bis er nicht mehr zu schreiben vermochte. Kurz nach seinem 96. Geburtstag ist Kurt Marti am 11. Februar 2017 gestorben. Ich habe ihn bis zuletzt besucht, besonders in den Monaten, als er mir nicht mehr zurückschreiben konnte. Auf Wunsch der Familie gestaltete ich den Dankgottesdienst, als wir von ihm Abschied nahmen.
Jedes Mal war es eine Freude, wenn ein Couvert mit Kurts markanter Handschrift im Briefkasten landete. Freundschaftlich, ermutigend hat er mir immer wieder geschrieben. 67 Zuschriften sind es geworden, handgeschrieben mit seiner schwungvollen, gut lesbaren Schrift, meist mit schwarzem Filzstift.
In seinen Echos auf die Predigten fliessen Erinnerungen an sein eigenes Predigen ein. Die von mir ausgelegten biblischen Texte inspirierten ihn zum Weiterdenken. Begegnungen mit Persönlichkeiten, die er einst getroffen hatte, blitzen auf. Zwischendurch berichtet er, was er gerade liest. Auch was ihn in Politik, Kirche und Welt beschäftigt, wird sichtbar. Und immer wieder Thema ist sein Ringen mit den Zumutungen des Altwerdens, wenn er von dessen «Beschwernissen» und «Trübnissen» schreibt.
Kurt Martis Karten und Briefe habe ich jeweils, mit einer Predigtkopie versehen, auf eine Beige weggelegt. Erst nach meinem Abschied aus dem Pfarramt an der Nydeggkirche habe ich sie wiedergelesen. Über der Lektüre ist mir dieser wunderbare Mensch wieder ganz nahe und präsent geworden – sorgfältig, klar, menschlich wie er war. Mitglieder der Kurt Marti-Stiftung haben mich ermuntert, mit dem Material unseres Predigt-Brief-Dialogs zu arbeiten. Die aufeinander bezogenen Texte bilden sozusagen ein neues Genre zwischen Briefwechsel und Predigtband. Rund ein Drittel meiner Predigten und zwei Drittel der Reaktionen von Kurt Marti konnten aufgenommen werden. Das Ganze hätte den Rahmen gesprengt. Die Auswahl unseres Predigtverkehrs erfolgt in chronologischer Reihenfolge. Zwischendurch sind Faksimiles mit Martis Handschrift eingestreut. Zum Abschluss habe ich vier weitere Predigten von mir aufgenommen aus einer Predigtreihe zu Marti-Texten von 2020. Für ein Nachwort haben mir zu meiner Freude Magdalene L. Frettlöh und Andreas Mauz zugesagt.
Kurt Martis Reaktionen bleiben mir kostbar. Seine Überlegungen, Erinnerungen und Impulse in seinen Zuschriften erweisen sich frisch und horizontöffnend – ich denke nicht nur für mich.
Gwatt bei Thun, im August 2025
Markus Niederhäuser
Unsere reformierte Kirche ist eine Kirche des Worts. Von ihrem Ursprung und von ihrem Selbstverständnis her steht demnach die Auslegung der Schriften des Alten beziehungsweise Ersten und des Neuen Testaments in der Predigt im Zentrum des Gottesdienstes. Pfarrerinnen und Pfarrer werden dafür ausgebildet und bei ihrer Ordination dazu beauftragt, das Wort der Bibel nach bestem Wissen und Gewissen auszulegen. V.D.M. «Verbi Divini Minister / Ministra», zu deutsch «Diener:in des göttlichen Worts» lautet denn auch die offizielle Berufsbezeichnung nach Abschluss des Master-Studiums Theologie. Schön die Unterscheidung: «Minister – Diener», nicht «Magister – Master / Meister:in» wie in den anderen universitären Studienrichtungen üblich. Immer geht es in unseren Gottes-Diensten und in unserem Kirchesein in der Welt darum, dem Wort Gottes zu dienen. Denn das Wort ist der Logos, ist Jeschua, der Messias, der Christus. Alles ist demnach daran zu setzen, dass das Wort in der Predigt lebendig werden kann. Getreulich hat Kurt Marti in seiner Predigttätigkeit diesem Grundsatz nachgelebt, wovon wir uns in seinen publizierten Predigtsammlungen überzeugen können. Bei ihm, dem Schüler von Karl Barth, geniesst das Wort höchste Achtung. Stark finde ich, wie er in einem frühen Gedicht Kirche aus dem Wesen des Worts bestimmt:
die kirche
I
kirche nachts rot tags weiss glühend im dunkel und blendend im licht fliesen uralt die wände aus zukunft gefügt
II
kirche nachts rot tags weiss das fremde lodernde zeichen am weg dornbusch darin gott selber verbrennt im feuer reifen südlich und jäh früchte für brot früchte für wein schmelzen altäre festlich treppab bersten bögen und bilder aber erloschenen gluten entsteigt demütig jung der phönix des worts
III
kirche nachts rot tags weiss lustig geschminkt in den betten der macht sulamith zärtlich für herren und sieger kirche in kerkern kellern und busch brüder stiftend in frommen verstecken die hochzeit zwischen geduld und revolte kirche das haus aus dem hauche des worts da gott sich dem atem des menschen vermählt im munde seiner bekenner
IV
kirche nachts rot tags weiss glühend im dunkel und blendend im licht petrus tot doch sein wort aus zukunft gefügt
1
Ganz besonders spricht mich die Wendung an:
kirche das haus aus dem hauche des worts
da gott sich dem atem des menschen
vermählt im munde seiner bekenner
Eindrücklich, wie Marti das Predigtgeschehen als Inkarnation des Worts in unseren Worten ernst nimmt, und wunderschön, wie er ihm mit seinen Worten Ausdruck verleiht. Dem Wort zu dienen und Menschen mit ihm / IHM bekannt zu machen, darin liegt der vornehmste Auftrag im Gottesdienst in Wort, Stille und Musik.
Dass das Wort aktuell werden kann, bleibt jedoch immer Geschenk. Ein weiteres Gedicht Kurt Martis kreist um dieses unverfügbare Geschehen:
lichtstrahl
immer ist ER
mit uns zusammen
immer ist ER
von uns getrennt
immer ist eine wand
zwischen uns und IHM
und in der wand
eine tür –
oft lange verschlossen
plötzlich sich öffnend
SEIN lichtstrahl
SEIN wort2
Wenn es gelingt, dass die Türe aufgeht und SEIN Wort im Gottesdienst lebendig wird, erleben wir eine Sternstunde (vielleicht sind es manchmal auch nur Sternminuten). Solche Momente suche ich, wenn ich einen Gottesdienst besuche, und bin beglückt, wenn sie sich ereignen. Und ich habe in der Vorbereitung meiner Predigten immer auch darum gebeten, dass sie sich geschenkt ereignen. Doch aus Erfahrung weiss ich, dass Wortauslegungen, Predigten oftmals scheitern. Trotz aller Bemühungen ist es nicht herstellbar, dass das Wort Ereignis wird. Lapidar und aufs Äusserste verknappt, beschreibt es Kurt Marti:
predigtnot
der ort versammelt
die leute singen
die wörter fallen
das wort bleibt aus3
Das Wort bleibt aus. Kurt Marti kannte die Schwierigkeiten als Predigtschreiber und als Gottesdienstbesucher aus eigener Erfahrung. In einem weiteren Gedicht finden wir sie verdichtet. Die Wortwahl erinnert an einen alttestamentlichen Klagepsalm:
KLAGE
Geläng’s, ach nur,
meine Gedanken zu schmücken
mit Dir,
Dein Wort zu vermählen
mit mir!
Doch zerschlagen sind
die Knochen meiner Knochen,
verdrossen welkt
das Fleisch meines Fleisches.
Dein Wort ist weit weg,
es findet mich nicht.
Meine Gedanken sind blind,
sie erkennen Dich nicht.
Ob ich Dich einmal noch sehen werde
in meiner Finsternis?
Vielleicht, ach vielleicht
durch Tränen hindurch,
die mir fehlten bisher
(so versteinert bin ich)?4
Das kostbare göttliche Wort, wie Gott selber, drängt sich nicht auf. Es bleibt schutzlos:
schutzlos
schutzlos das wort
schutzlos wers redet
schutzlos wers hört
schutzlos wers tut
doch
unwandelbar die weisung
ohne beweis5
Doch es wartet auf uns, das Wort, dass wir uns ihm/IHM zuwenden. Dass wir seiner gewahr werden, es in uns hineinnehmen, uns mit ihm/IHM verbünden – im Gottesdienst in der Kirche und im Gottesdienst im alltäglichen Leben mit den Menschen.
gottesdienst
keim wort
keim!
klimm in
köpfe
kriech durch
körper
knet den
kummer
kitt was
klafft
kämpf wos
klemmt
klär das
kreuz
krön mit
kraft!6
Im gottesdienst kann das wort keimen, auf dem Weg der Liturgie in ihren einzelnen Elementen und im Zusammenspiel aller Teile – bereits in den Einführungsworten oder im Gebet, beim Singen, im gemeinsamen Stillesein, in der Schriftlesung und in der Musik, auch während einer Taufe oder in der Feier des Abendmahls, durch den Segen und eben in der Predigt. Sie, die Predigt, lebt im Gewebe des Gottesdienstganzen – auch in der Stimme der Predigerin, in ihren Gesten, im Blickkontakt, dem unsichtbaren Dialog zwischen dem Liturgen und der Gemeinde. Separiert von alledem sind Predigten eigentlich nicht publizierbar. Im Bewusstsein dieser Verkürzung und aus dem Gewicht, das ihnen im reformierten Gottesdienst traditionellerweise zukommt, mag es dennoch geschehen.
1 Kurt Marti, geduld und revolte – die gedichte am rand. Neuausgabe, Radius Verlag: Stuttgart 1984, 44.
2 Kurt Marti, gott gerneklein. Neuausgabe, Radius Verlag: Stuttgart 2006, 60.
3 Kurt Marti, gott gerneklein, a.a.O., 64.
4 Kurt Marti, Ungrund Liebe. Neuausgabe, Radius Verlag: Stuttgart 2004, 13.
5 Kurt Marti, gott gerneklein, a.a.O., 65.
6 Kurt Marti, gott gerneklein, a.a.O., 61.
Christos anesthi! Alithos anesti! Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Mit dem alten Ostergruss begrüssen sich heute Millionen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt und wünschen sich ein frohes Osterfest. Ich wünsche es auch Ihnen, liebe Gemeinde: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Mit der Osterbotschaft beginnt die christliche Bewegung. Ohne dieses Osterzeugnis gäbe es uns Christen heute nicht. Das Zeugnis von der Auferstehung ist und bleibt das Fundament für den christlichen Glauben und für die Kirche. Tertullian, der brillante Theologe aus Karthago, formulierte bereits ums Jahr 200 knapp und klar: Unser Glaube ist die Auferstehung der Toten.7
Doch, was ist es eigentlich mit dieser Auferstehung? Darf ich fragen, wie Sie Auferstehung verstehen? Wann, wenn nicht heute, ist es Zeit, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, diesem grundlegenden Geheimnis nachzuspüren? Als Text soll uns dabei ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium begleiten. Er handelt von der Erscheinung des Auferstandenen vor den Zwölfen: Ich lese Ihnen aus Lukas 24, die Verse 36 bis 43:
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! Da gerieten sie in Angst und Schrecken und meinten, es sei ein Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so verstört, und warum steigen solche Gedanken in euch auf? Seht meine Hände und Füsse: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht. Und während er das sagte, zeigte er ihnen seine Hände und Füsse. Da sie aber vor lauter Freude immer noch ungläubig waren und staunten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisch; und er nahm es und ass es vor ihren Augen.8
Auferstehung. Nirgends wird in den biblischen Schriften beschrieben, was sich ereignet hat. An Ostern ist ER einfach da. Gänzlich unerwartet begegnet, ja überfällt der Auferstandene seine Freundinnen und Freunde. Als erste fanden die Frauen das leere Grab und vernahmen die Botschaft: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden (Lukas 24,5b.6a). Später erschien er den Jüngern. In den Evangelien und von Paulus sind verschiedene Begegnungen mit dem Auferstandenen überliefert. Auffällig dabei: die Frauen und Männer, die Jesus bestens gekannt hatten, erkennen den auferweckten Christus im ersten Moment gar nicht!9 Auch in unserem Text: Als der Auferstandene mit dem Friedensgruss Schalom mitten unter seine Freunde tritt – gerieten sie in Angst und Schrecken und meinten, es sei ein Geist.
Auch wir denken im Bemühen, Auferstehung zu verstehen, wohl zuerst an eine Geisterscheinung, gemäss den Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod. Den Jüngern, die solches meinen, entgegnet er: Was seid ihr so verstört, und warum steigen solche Gedanken in euch auf? Seht meine Hände und Füsse: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht.
Die Auferstehung des gekreuzigten Jesus ist also nicht zu vergleichen mit dem, was uns im Sterben erwartet und wovon diejenigen berichten, die eine sogenannte Nahtoderfahrung gemacht haben. In all den Erscheinungsberichten verliert der Auferstandene bezeichnenderweise kein Wort über die jenseitige Welt. Er vergewissert seine Jünger seiner Nähe, schliesst ihnen den Sinn der Passionsereignisse und der Heiligen Schriften auf und schickt sie dann mit irdischen Aufträgen in ihren Alltag zurück (Lukas 24,25f.44f.; Matthäus 28,10.18ff.). Die Auferstehung Jesu ist keine Out-of-body-Erfahrung der Jenseitswelt. Auferstehung ist vielmehr gerade ein leibliches, ein bodyhaftes Phänomen, wie die Berichte bezeugen:
Seht meine Hände und Füsse: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht. Und während er das sagte, zeigte er ihnen seine Hände und Füsse. Da sie aber vor lauter Freude immer noch ungläubig waren und staunten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisch; und er nahm es und ass es vor ihren Augen.
Ist es nicht völlig erstaunlich? Die Erkennungszeichen des Auferstandenen sind allesamt körperlich, leiblich: Hände, Füsse – Fleisch, Knochen, demonstratives Essen – die Jünger werden zum Anfassen und Greifen aufgefordert, um begreifen zu können.
Auferstehung ist also mehr als ein irgendwie geartetes Leben nach dem Tod. Die Auferstehung ist eine Verwandlung, die offenbar auch das Physische, den Leib, mit einbezieht. Auferstehung ist aber auch mehr als ein bloss innerseelisches Ereignis.
Generationen von gescheiten Forschern haben sich in der Geschichte der Theologie über die Auferstehung den Kopf zerbrochen. Neben plump rationalen Erklärungsversuchen, wonach Jesus nur scheintot oder der Leichnam Jesu ohne Kenntnis der Jünger in ein anderes Grab verlegt worden sei, stehen Deutungen, die die Auferstehung Jesu als mythologische, legendenhafte oder psychische Reaktion auf seinen Tod verständlich machen wollen. Auferstehung nur symbolisch, Erscheinung des Auferstandenen als innerseelischer Vorgang, etwa als Kompensation für die Trauer und Verzweiflung der Jünger.
Ich finde, all dies vermag nicht zu befriedigen. Das Auferstehungszeugnis muss auf einer realen Erfahrung basieren. Gegen die symbolischen Deutungen ist zu sagen: Das Christentum hätte sicher nicht überdauert, ohne dass tatsächlich etwas geschehen ist.10 Der Osterglaube hat die Jünger unerwartet ergriffen. Auch die Jünger mussten durch den Auferstandenen selbst von der Tatsächlichkeit seines Lebens überzeugt werden. Zudem sähe ich ohne wirkliche Grundlage für die Auferstehung keine plausible Erklärung, wie sich das Christentum derart schnell im ganzen damaligen Weltkreis verbreiten konnte.11 Der bereits erwähnte Tertullian, der etwa im Jahre 190 Christ geworden ist, hat zum Verstehen der Auferstehung einen klugen Satz geprägt: Certum est, quia impossibile. Es ist sicher, weil es unmöglich ist. Gemeint ist: Etwas, was derart jeglicher Erfahrung spottet, wie die Auferstehung Jesu Christi, wäre niemals von den ersten Jüngern geglaubt worden, wenn sie es nicht tatsächlich erlebt hätten. Das bestätigt eine Erfahrung, die wir immer wieder machen können: die Wahrheit ist oftmals paradox.
Die Auferstehung Jesu ist Gottes Handeln. Gottes Schöpfermacht hat Jesus nach seinem Tod am Kreuz ins Leben gerufen. Nicht ins Leben zurück, sondern vorwärts in ein Neues hinein: Nach der Auferstehung war er ein anderer, die Seinen hatten erst Mühe ihn zu erkennen. Ihre Begegnung mit dem Auferstandenen hat ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. Aus Verzweifelten wurden Tatmenschen, aus Zweiflern Männer und Frauen mit einem unerschütterlichen Vertrauen. So ist es. Die Auferstehung hat Folgen für unser Leben hier und jetzt. In diese Richtung verweist uns Kurt Marti, wenn er in einem der Texte seines «Bestsellers», den Leichenreden, schreibt:
ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ihr fragt
wann ist die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ihr fragt
gibt’s eine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ihr fragt
gibt’s keine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ich weiss
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiss
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt
12
Das Zeugnis von der Auferstehung ist und bleibt das Fundament für den christlichen Glauben und für die Kirche. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!! Ohne das Osterzeugnis gäbe es uns Christinnen, Christen heute nicht.
Was ist Auferstehung? – Sie bleibt ein leibhaftiges Geheimnis, greifbar und doch dem Begreifbaren entzogen. Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört (hat), was in keines Menschen Herz aufgegangen ist (1. Korinther 2,9).
Doch tatsächlich und wahrhaftig ist etwas geschehen. Und es ist glaub-würdig, gerade weil es unmöglich ist. Dieses Unmögliche hat Folgen: Die Auferstehung Jesu ist so vital, dass seine Botschaft, seine Message, seine Vision – wenn auch immer wieder verkürzt, missbraucht, unterschlagen und überlagert – bis heute überlebt hat. Seine Lebensphilosophie, sein Aufstand gegen den Tod für ein lebenswertes Leben aller, trägt immer noch das Potential in sich, die Welt zu retten vor dem ökologischen oder atomaren Kollaps. Was wir vom Auferstandenen lernen können, hilft diese Erde zu verwandeln in einen Ort, wo Menschen unterschiedlicher Kulturen gerecht und im Frieden zusammenleben können.
So wirkt die Auferstehung schon in unser irdisches Leben hinein und verändert unser Handeln. Sie beginnt heute und jetzt. Und geht weiter als grossartige Hoffnung, dass wir dereinst voll und ganz Anteil an ihr erhalten, dann, wenn wir – wie es so schön heisst – «das Zeitliche segnen werden».
28.3.08
Lieber Markus, vielen Dank für Deine Osterpredigten! Ja, ohne die Auferstehung Jesu Christi gäbe es keine Kirchen, kein «Christentum» und wahrscheinlich nicht einmal das Neue Testament. Mit dem Ostergeschehen ist es fast wie mit dem Urknall: Wir erkennen nur die Auswirkungen, das Ereignis selbst entzieht sich uns. Anbei findest Du meine Schöpfungspredigten, vom Verlag nach 25 Jahren wieder neu aufgelegt.
Mit herzlichen Grüssen, auch an Margrit,
Dein Kurt Marti
7 Zitat in Kurt Martis Leichenreden, Hermann Luchterhand Verlag: Neuwied und Berlin 1969, 24. Auch Paulus im berühmten 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes: Auferstehung als Fundament des christlichen Glaubens: 12b Wie können einige unter euch sagen, es gebe keine Auferstehung der Toten? 13 Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. 14 Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube. […] 20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, als Erstling derer, die entschlafen sind.
8 Zürcher Bibel 2007. Fortan wird, wenn nicht anders angegeben, nach dieser Ausgabe zitiert.
9 Maria Magdalena meinte, es sei der Gärtner (Johannes 20,14–18).
10 Pinchas Lapide ist der Meinung, ohne tatsächliche Auferstehung hätte das Christentum nicht auch nur bis ins 2. Jh überdauern können. Auferstehung – Ein jüdisches Glaubenserlebnis, Calwer Verlag: Stuttgart, und Kösel Verlag: München 1983, 11.92.
11 Nicholas Thomas Wright (Easter and History, in: The Resurrection of the Son of God) «untersuchte zuerst das Verständnis der Begriffe Tod und Auferstehung in der Antike, dann im Judentum des zweiten Tempels, dann in den urchristlichen Berichten der Evangelien und außerkanonischen Texten. Er folgerte aus diesem umfassenden Vergleich, dass die Auferstehungsberichte von Matthäus, Lukas und Johannes wegen ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrscheinlich auf eine gemeinsame sehr frühe mündliche Tradition zurückgingen, die ihnen von jeweils unterschiedlichen Personen überliefert worden sei. Diese mündliche Auferstehungstradition hält er besonders wegen der Erwähnung von Frauen für älter als die Liste der Auferstehungserscheinungen in 1. Korinther 15,3–8». Aus der von ihm dokumentierten Tatsache, dass «Berichte über Erscheinungen von Toten in der Antike nicht ungewöhnlich waren», schliesst er, dass solche Erlebnisse der Jesusanhänger keine genügende Erklärung für ihren Auferstehungsglauben wären, sondern dass dieser nur aus der Kombination solcher Erscheinungen mit den Berichten vom leeren Grab entstehen konnte. Nur die tatsächliche Auferstehung Jesu könne diese beiden Traditionen erklären, da alle übrigen Hypothesen dafür versagten. (Aus Wikipedia-Artikel «Auferstehung Jesu Christi»).
12 Kurt Marti, leichenreden, Hermann Luchterhand Verlag: Neuwied und Berlin 1969, 25.
In der Predigt fahren wir weiter mit der fortlaufenden Auslegung des Prediger Salomo oder des Buches Kohelet. Es ist immer wieder überraschend, was uns dieser Weisheitssucher und Weisheitslehrer aus dem Alten Testament zu sagen hat. Doch manchmal macht er es einem nicht gerade leicht. Jedenfalls habe ich mir in Bezug auf den Text, der heute an der Reihe ist, überlegt, ob ich für einmal nicht einen kleinen Sprung machen sollte, um uns gewisse Aussagen zu ersparen. Nun, ich hab’ es mir «verklemmt», und so setzen wir ein beim nächsten Vers aus Kapitel 7. Ich lese die Verse 24 bis 30 in der Übersetzung von Kurt Marti.13 Übrigens spricht Kohelet nach langem wieder mal in der Ich-Form. Er sagt:
All dies versuchte ich, mit der Weisheit als Ziel – denn ich hatte mir vorgenommen: Weise will ich werden – doch sie blieb mir fern. Fern bleibt, was da ist, und tief, tief – wer kanns ergründen? Ich habe mich umgetan mit meinem Denken, um erkennend und erkundend nach Weisheit und einem Ergebnis zu suchen, um Frevel als Torheit und Torheit als Wahn einsichtig zu machen. Und da fand ich heraus: Bitterer als der Tod ist die Frau, denn sie ist ein Fangnetz, das umgarnt, und ihr Herz ein Schleppnetz und ihre Hände sind Fesseln. Wer vor Gott bewährt ist, entrinnt ihr, der Sünder jedoch wird von ihr gefangen. Siehe, dies fand ich nach und nach heraus – spricht Kohelet – und kam zu diesem Ergebnis: Was meine Seele immerzu suchte, ich habe es nicht gefunden. Wohl fand ich unter tausend einen Mann, eine Frau fand ich nicht unter ihnen allen. Und dennoch, siehe, kam ich zum Schluss, dass Gott die Menschen richtig gemacht hat, sie aber suchen viele Künste.
Nun verstehen Sie wahrscheinlich, warum ich mir überlegt habe, für einmal einen kleinen Hüpfer zu machen und paar Verse zu überspringen. Bitterer als der Tod ist die Frau, denn sie ist ein Fangnetz, das umgarnt, und ihr Herz ein Schleppnetz und ihre Hände sind Fesseln. Wer vor Gott bewährt ist, entrinnt ihr, der Sünder jedoch wird von ihr gefangen.
Das stachelt nicht nur Feministinnen auf, sondern ist einfach schlicht ärgerlich. Was soll dieser Rundumschlag gegen das «Weib»? Haben wir es bei Kohelet mit einem Frauenfeind zu tun? Haben wir uns in ihm bisher einfach getäuscht? Verbirgt sich hinter seiner Person ein frustrierter Macho? Er lebte ja in einer durch und durch patriarchal bestimmten Zeit. Zeigt er uns hier sein wahres Gesicht? – Oder: Geht es vielleicht um etwas ganz anderes?
Auffällig, jedenfalls merkwürdig ist, dass unser Textabschnitt mit ganz anderen Gedanken einsetzt. Zu Beginn heißt es da: All dies versuchte ich, mit der Weisheit als Ziel – denn ich hatte mir vorgenommen: Weise will ich werden – doch sie blieb mir fern. Fern bleibt, was da ist, und tief, tief – wer kanns ergründen?
Ja, ein Weisheitssucher war er. Was hat Kohelet nicht alles unternommen, um Weisheit zu erlangen! Von Anfang an war dies sein Thema. Wir haben ihn auf seiner leidenschaftlichen Suche begleitet. Und nun hat er begonnen, sich kritisch mit der traditionellen Weisheit seines Volkes auseinander zu setzen. Aus den letzten Predigten ist schon bekannt, dass sich Kohelet schwer tat mit dem, was in seiner Umgebung noch als weise galt. Das traditionelle Wissen von Generationen lag gesammelt vor, in Sprichworten konserviert, um den Lernenden als weise Richtschnur fürs Leben zu dienen. Nur musste Kohelet feststellen, dass die gut gemeinten Sprüche nicht mehr griffen. Die Welt hatte sich total verändert. Die kleinräumige Welt des jüdischen Volkes, aus der diese Spruchweisheit erwachsen war, gab es nicht mehr. Die Zeit Kohelets war beherrscht von der hellenistischen Weltströmung. Politisch, wirtschaftlich und kulturell lag das Schicksal der Juden Palästinas in fremden Händen, diktiert von unkontrollierbaren fremden Mächten, weit weg von Jerusalem. Unter solchen Umständen musste Kohelet einsehen: das traditionelle Wissen taugt nicht mehr, es ‹vrhäbt schlicht nümm›. Kritisch und manchmal geradezu sarkastisch setzt sich Kohelet von verbreiteten Auffassungen ab. Und da eine neue Weisheit nicht oder noch nicht in Sicht ist, gelangt er zur sokratischen Weisheit: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Mit seinen Worten:
Ich hatte mir vorgenommen: Weise will ich werden – doch sie blieb mir fern. Fern bleibt, was da ist, und tief, tief – wer kanns ergründen? Ich habe mich umgetan mit meinem Denken, um erkennend und erkundend nach Weisheit und einem Ergebnis zu suchen, um Frevel als Torheit und Torheit als Wahn einsichtig zu machen. Und dann fährt er, scheinbar unvermittelt, weiter: Und da fand ich heraus: Bitterer als der Tod ist die Frau.
War Kohelet ein Frauenfeind? Aber so kennen wir ihn doch nicht! Er, der in den elementaren Freuden des Lebens das Geschenk Gottes erkennt, liebte und schätzte auch die heiteren Freuden der Liebe. Hören wir ihn selber, das ist doch Kohelet himself, wenn er spricht:
So geh denn hin, iss mit Freuden dein Brot, trink frohgemut deinen Wein […] Geniess das Leben mit der Frau, die du liebst, in all deinen Hauch-Tagen, die Gott dir gibt unter der Sonne, denn dies ist dein Anteil am Leben nebst der Mühe, mit der du dich abmühen musst unter der Sonne (Kohelet 9,7.9).
Wie also sollen wir den abwertenden Spruch verstehen? Meint Kohelet mit der «Frau», die bitterer sei als der Tod, die Frauen an sich? Stehen im Hintergrund vielleicht persönliche Frustrationen im Umgang mit dem anderen Geschlecht? Oder meint Kohelet mit der Frau eben etwas ganz anderes? Nämlich – wie manche Ausleger meinen – die Frau Weisheit?
In der hebräischen Bibel wird die Weisheit vielerorts als Frau, sogar als weibliche Gespielin Gottes dargestellt. Die Weisheit, hebräisch chochmah, griechisch sophia, wird in den altorientalischen Kulturen (auch in der jüdischen Bibel) als Wesen besungen, das in einer innigen Nähe zum Schöpfer steht. Im Buch der Sprüche können wir lesen:
Der Ewige schuf mich, [die Frau Weisheit] als seines Waltens Erstlingin, als Anfang seiner Werke. Gewoben wurde ich in der Vorzeit; zu Urbeginn, vor dem Anfang der Welt. Noch ehe die Meere waren, ward ich geboren […] als er die Erde gemacht […] den Himmel baute, war ich dabei. Als er die Grundfesten der Erde legte, war ich als Gespielin ihm zur Seite (Sprüche 8,22–30).
Redet Kohelet von dieser Frau, der Frau Weisheit? Sie hat er ja, wie er selbst bezeugt, gesucht und gesucht – und frustriert doch nicht gefunden? Ist dies das Bittere: seine lebenslange und ergebnislose Mühe, Frau Weisheit zu finden? Ist dies das Fangnetz, die Fessel, nicht von der Suche lassen zu können, obwohl sie ohne Erfolg bleibt?
Damit könnten wir tatsächlich auf der rechten Spur sein. Denn: wie muss er gelitten haben, er, der wirklich alles daransetzte, Weisheit zu finden, um sie dann nirgends zu entdecken! Ist das nicht bitter? Es kommt mir vor wie eine Lebensbeichte, wenn er – bewusst in Ichform – konstatiert:
[…] ich hatte mir vorgenommen: Weise will ich werden – doch sie blieb mir fern. Fern bleibt, was da ist, und tief, tief – wer kanns ergründen? Ich habe mich umgetan mit meinem Denken, um erkennend und erkundend nach Weisheit und einem Ergebnis zu suchen, um Frevel als Torheit und Torheit als Wahn einsichtig zu machen.
Dies war und blieb sein Ziel, dafür hat er gelebt. Und seine Analyse brachte viel Schmerzliches ans Licht: Unüberschaubare Zusammenhänge, Unrecht, Ausbeutung, Bereicherung durch anonyme Mächte in der Ferne. Und die enttäuschende Einsicht: Was bis anhin als weise galt im jüdischen Volk, taugt nicht mehr. Das ist Kohelets bittere, erschütternde Analyse. Dies ist der Grund, weshalb er alte Spruchweisheiten vor unseren Ohren demontiert. Nicht aus Lust am Demontieren, sondern um einer neuen Weisheit Platz zu schaffen, einer Weisheit, die den neuen Verhältnissen gewachsen ist, die es aufnehmen kann mit den Bedrohungen der globalisierten Welt.
Nun, was meinen Sie, haben wir das Ärgernis zurecht behoben? Zwei Hinweise noch, die die Vermutung bestärken, dass wir Kohelet nicht frauenfeindlich verstehen sollten. Der Name Kohelet, so führte ich es vor langer Zeit schon in der ersten Predigt aus, ist im Hebräischen eigentlich eine weibliche Partizipform: qohelet – die Versammlerin. An einer einzigen Stelle wird dies innerhalb des Koheletbuches zusätzlich bestätigt durch eine weibliche Verbform, und diese Stelle steckt genau in unserem Text! Im Satz: Siehe, dies fand ich nach und nach heraus – spricht Kohelet– Im hebräischen Text steht hier: amrah qohelet. amrah, weiblich: sie spricht. Damit ist Kohelet gerade hier eindeutig als eine Sie vorgestellt! –
Siehe, dies fand ich nach und nach heraus – spricht die Versammlerin – und kam zu diesem Ergebnis: Was meine Seele immerzu suchte, ich habe es nicht gefunden: Wohl fand ich unter tausend einen Mann, eine Frau fand ich nicht unter ihnen allen.
Der andere Hinweis, weshalb Kohelet kein solcher Macho sein kann, liegt im Schlussergebnis seiner Bemühungen und Betrachtungen:
Und dennoch, siehe, kam ich zum Schluss, dass Gott die Menschen richtig gemacht hat, sie aber suchen viele Künste.
Dieses abschliessende Resümee schiebt jeglicher Abwertung der Frau gegenüber dem Mann einen Riegel vor. Gott hat den Menschen, laut der Schöpfungsgeschichte als weiblich und männlich erschaffen (Genesis 1,27 und 5,1). Und Gott hat sie richtig gemacht!! Hebräisch: jaschar, d.h. redlich, recht, aufrecht und gerade. Doch beide, Mann und Frau, laufen Gefahr, ihre Geradheit und Integrität auf der Suche nach großen, vergeblichen Erkenntnissen zu verlieren. Die Suche nach Weisheit ist der Versammlerin darüber fragwürdig geworden: Gott (hat) die Menschen richtig gemacht, sie aber suchen viele Künste.
Matthias Claudius stand offensichtlich unter dem Eindruck der Lektüre unseres Kohelet-Abschnittes, als er in seinem bekannten Abendlied die Strophe dichtete:
Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.
Treffen die alten Dichterworte nicht noch immer genau die Situation, wie es um uns bestellt ist? Was meinen wir alles zu wissen – heute erst recht – und was hilft es uns? Was verlieren wir uns doch in unseren Luftgespinsten! Und verfehlen dabei unsere eigentliche Bestimmung.
Nochmals Matthias Claudius: Nachdem er – wie Kohelet – die Vergeblichkeit unseres Suchens und Trachtens benannt hat, schenkt er uns mit seinem wunderbaren Abendlied die vielleicht schönste Antwort. In der Gedichtstrophe, die der von Kohelet inspirierten folgt, bittet er:
Gott, lass uns dein Heil schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.
Darauf sage ich: Amen, ja so sei es!
13 Kurt Marti, Prediger Salomo. Weisheit inmitten der Globalisierung, Radius Verlag: Stuttgart 2002, 61f. Alle Kohelet-Zitate folgen der Übersetzung von Kurt Marti.
«Weisheit ist besser als Waffen»
Immer wieder vermag der Prediger Salomo beziehungsweise Kohelet mit seiner aktuellen Botschaft zu überraschen. Nach seiner Gesellschafts- und Ideologiekritik legt er uns dar, worin er trotz der widrigen Umstände eine sinnvolle Lebensführung erkennt.14 In der letzten Predigt riet er für das individuelle Leben, sich an die Freude zu halten, das nahe Glück zu ergreifen – und tatkräftig zu handeln!
