Dare to Stay - April Dawson - E-Book
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Dare to Stay E-Book

April Dawson

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Beschreibung

Ihr seid mein Zuhause

Verwüstete Hotelzimmer, Frauen und Partys sind das Leben von Rockstar Ian Millard - bis seine Band ihm ein Ultimatum stellt: Entweder er bekommt sein Leben in den Griff oder er fliegt aus der Band! Doch erst als seine Nachbarin Brooke ihn eines Abends betrunken im Treppenhaus findet und bei sich aufnimmt, ändert sich sein Leben schlagartig. Die alleinerziehende Mutter hat eigentlich ganz andere Sorgen als den schlafenden Rockstar in ihrem Bett. Aber mit ihrer liebevollen Art weckt Brooke Gefühle in Ian, die er noch nie zuvor gespürt hat. Und plötzlich sehnt er sich nach mehr als nur einem Kuss oder einer kurzen Affäre, doch eine Frau an seiner Seite ist das Letzte, was Ians Fans jetzt von ihm wollen ...

"Emotional und tiefschürfend! April Dawson zeigt uns, dass die wahre Liebe manchmal Umwege gehen muss, aber immer ans Ziel gelangt." HERE.IS.KATHI

Band 3 der romantisch-leichten DARE-TO-LOVE-Reihe

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Seitenzahl: 485

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INHALT

Titel

Zu diesem Buch

Leser:innenhinweis

Widmung

Playlist

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

Fünf Jahre später

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von April Dawson bei LYX

Impressum

APRIL DAWSON

Dare to Stay

Roman

ZU DIESEM BUCH

Rockstar Dorian Millard hat alles, wovon andere nur träumen: Mit seiner Band Everstorm gibt er Konzerte auf der ganzen Welt, und die Fans liegen ihm zu Füßen. Doch auf jeden Auftritt folgen die Stille und die Einsamkeit, die ihn mehr und mehr zu verschlingen drohen. Verwüstete Hotelzimmer, Frauen und Partys sind daher an der Tagesordnung – bis seine Bandmitglieder ihm ein Ultimatum stellen: Entweder er bekommt sein Leben endlich wieder in den Griff oder er fliegt aus der Band! Doch so sehr er auch versucht, sich auf die Aufnahmen des neuen Albums zu konzentrieren, sein Leben gerät immer mehr außer Kontrolle. Und als er eines Abends betrunken und völlig durchgefroren im Treppenhaus seines Apartmentgebäudes in Brooklyn einschläft, fasst sich seine Nachbarin Brooke ein Herz und nimmt ihn bei sich auf. Die alleinerziehende Mutter hat eigentlich ganz andere Sorgen als den schlafenden Rockstar in ihrem Bett. Aber mit ihrer liebevollen Art weckt sie etwas in Ian, das er noch nie zuvor gespürt hat: Geborgenheit, Liebe, das Gefühl, zu Hause zu sein. Doch eine Frau an seiner Seite ist so ziemlich das Letzte, was Ians Fans jetzt von ihm wollen …

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Eure April & euer LYX-Verlag

Für alle, die es wagen, für die Liebe einzustehen

PLAYLIST

The Lumineers – Ophelia

Young the Giant – Cough Syrup

Halsey – Bells in Santa Fe

Yongzoo – Maze

Alec Benjamin – The way you felt

Heize, Kim Feel – The Walking Dead

Adam Chance – Song for Home

Kacey Musgraves – Simple Times

Declan J. Donovan – Perfectly Imperfect

Lady A – Ocean

Rascal Flatts – Bless the broken Road

Thien – i try to smile

AILEE – Make up your mind

Heize – On Rainy Days (2021)

BTS, Steve Aoki – The Truth Untold

Oasis – Wonderwall

Jooyoung – Here we are

Ed Sheeran – Cold Coffee

Halsey – Girl is a Gun

Kacey Musgraves – Good Wife

Key, Taeyeon – Hate that …

B. I. – Illa Illa

ONEWE – Rain to Be

Tom Odell – Heal

PROLOG

»Du bist ein Held.« Das waren die ersten Worte, die ich hörte, als ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Ich blinzelte, sah den Mann an, der mir gegenüberstand und geduldig auf eine Reaktion meinerseits wartete. Alles an ihm vermittelte Wohlstand: die Designerklamotten, die er trug, die teure Uhr an seinem Handgelenk und Markenschuhe, die genauso glänzten wie seine Rolex, die sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatte. Er und ich hatten nichts gemeinsam außer dem traurigen Zug um den Mund, den erschöpften Augen und dem Umstand, dass wir beide dabei hatten zusehen müssen, wie die Frauen, die uns die Welt bedeuteten, verletzt wurden.

»Bin ich nicht. Ich habe nur versucht zu helfen.« Meine Stimme hörte sich fremd und kraftlos an, spiegelte wohl exakt die Gefühle wider, die mich gerade überfluteten.

»Du hast es nicht nur versucht. Du hast uns gerettet.« Verlegen blickte ich auf meinen Becher mit dem fad schmeckenden Krankenhauskaffee, da ich seinem Blick nur schwer standhalten konnte. Ja, ich und meine engsten Vertrauten, die eher wie Geschwister für mich waren, hatten ihn und seine Frau vor einem Raubüberfall gerettet, doch die Situation war eskaliert.

Ich glaubte die Situation im Griff zu haben, doch alles ist mir entglitten und Menschen sind zu Schaden gekommen. Nun lagen seine Ehefrau und Quinn verletzt im Krankenhaus, die Schuldigen hatten jedoch entkommen können. Ich hatte alles aus dem Ruder laufen lassen und das Leben meiner Familie riskiert und das nur, weil die Frau mit ihrem Schrei mich in die Vergangenheit katapultiert hatte.

»Wieso fühlt es sich dann so an, als hätte ich versagt?«, flüsterte ich kaum hörbar, da der Umstand, dass meine kleine Quinn verletzt wurde, einzig und allein meine Schuld war. Dass ich diese Unsicherheit aussprach, wunderte mich selbst. Es fiel mir nicht leicht, anderen Vertrauen entgegenzubringen. Zu oft war ich enttäuscht oder im Stich gelassen worden, also hatte ich mir eine dicke Haut zugelegt und behielt meine Sorgen in der Regel für mich. Doch als ich den Blick wieder nach oben gleiten ließ, sah ich in den Augen von Griffin Millard nur Verständnis und etwas, was ich nicht ganz deuten konnte. Es sah beinahe aus wie Wärme. Aber wieso sollte ein Fremder mich so ansehen? Ich war ein Junge von der Straße, dem niemand eine erfolgreiche Zukunft voraussagte. Es wirkte so, als wüsste er genau, was in mir vorging. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb ich mich ihm öffnete.

»So, wie ich das sehe, hätten meine Frau und ich weitaus mehr als unsere Portemonnaies verlieren können. Hättet ihr uns nicht geholfen, würden wir jetzt gerade ums Überleben kämpfen oder bereits in der Leichenhalle liegen. Durch deine Hilfe konnte Schlimmeres verhindert werden.«

»Wer weiß«, murmelte ich und blickte an ihm vorbei zum Kaffeeautomaten. Einem Erwachsenen in die Augen zu sehen, war für mich schon immer ein Problem gewesen. Jedes Mal, wenn ich es tat, hatte ich das Gefühl, dass dieser Jemand dann bis tief in meine Seele blickte. Dinge erfahren konnte, die ich noch nicht bereit war preiszugeben.

»Auch wenn du anderer Meinung zu sein scheinst, hast du Mut bewiesen und dafür danke ich dir.« Er reichte mir seine gepflegte Hand, die ich aber nur anstarren konnte. Weder in der Einrichtung für Jugendliche noch in der Schule hatte mich je jemand als Gleichgestellten behandelt. Überall war ich das arme Waisenkind, das keine Familie hatte und nur mit wenigen Menschen befreundet war. Mitleid war während meines ganzen Lebens mein ständiger Begleiter. Für viele waren Personen wie ich ein Schandfleck des Systems, Jugendliche, aus denen nie etwas Vernünftiges werden konnte. Jugendliche ohne Eltern, die dazu verdammt waren zu scheitern. Niemand gab uns eine Chance oder nahm sich die Zeit, uns wirklich kennenzulernen. Doch dieser Fremde tat es. Ich fühlte, dass er anders war. Als er einen Schritt auf mich zuging, schüttelte ich seine Hand und nahm seine Dankbarkeit an. Ohne zu wissen, dass dies bald mein Leben verändern sollte.

Vier Wochen nach dem Überfall hatte ich nicht mehr das Gefühl versagt zu haben. Im Gegenteil: Ich betrachtete es eher als Schicksal, dass wir zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen waren. Dass es uns bestimmt war, die Millards zu retten. Quinn war mittlerweile wohlauf und nur eine Narbe war geblieben, die durch ihre Kleidung verdeckt wurde. Was uns außerdem erhalten blieb, waren die Millards selbst. Aus Dankbarkeit und stundenlangen Gesprächen unter uns entstand eine richtige Freundschaft, die ich so noch nie erlebt hatte. Auch wenn das Paar mehr als doppelt so alt war wie wir, hatten wir das Gefühl, als würden die beiden Quinn, Hayden und mir auf Augenhöhe begegnen. Und dafür war ich ihnen überaus dankbar. Zum ersten Mal hatten wir jemanden an unserer Seite, der uns zuhörte und sich wirklich für uns einsetzte.

An dem Tag, an dem sich für uns alles verändern sollte, war der Tagesablauf wie immer. Die Schule und die Leute dort nervten, die Hausaufgaben häuften sich, und die Zeit zog sich wie Kaugummi. Zum Glück fiel an dem Tag das Footballtraining aus. Dieser Sport hatte mich ohnehin nicht mehr interessiert, da die Band einfach Vorrang hatte. In meinen schlimmsten Momenten war es die Musik, die mich rettete und davor bewahrte durchzudrehen. Um sechzehn Uhr kamen wir gut gelaunt in der Einrichtung an, als uns die Heimleiterin, Mrs Fine, zu sich rief.

Ich überlegte fieberhaft, ob ich etwas angestellt hatte oder ob es etwas mit Quinn und Hayden zu tun hatte. Doch auch die beiden sahen mich verblüfft an und konnten sich wohl keinen Reim daraus machen, was vor sich ging. Normalerweise wurde man nur dann zur Heimleitung zitiert, wenn etwas nicht stimme. Wir betraten das Büro, wo wir Eve und Griffin vorfanden, die mit strahlenden Gesichtern neben der Leiterin standen.

»Nehmt doch Platz«, wies die Leiterin uns an, und wir taten wie verlangt. Sie griff nach einer Akte und sah mich direkt an.

»In dem letzten Monat seid ihr drei regelrecht aufgeblüht, was ich wohl auch dem Kontakt mit diesen lieben Menschen zuschreibe.« Sie wusste, dass wir uns mit ihnen trafen, und befürwortete es, nachdem sie ein Gespräch mit Eve und Griffin geführt hatte. Auch wenn ich schon achtzehn war, war die Leiterin bis zu meinem Schulabschluss mein Vormund.

»Ihr wart hier immer die Vorzeigekinder. Trotz aller Steine, die euch in den Weg gelegt wurden, habt ihr einander gefunden und seid zu wunderbaren jungen Menschen herangewachsen. Das macht mich unsagbar stolz.« Mrs Fines Augen wurden glasig, als sie sich erhob und mir und Hayden jeweils eine Hand auf die Schulter legte, ehe sie Quinn in eine feste Umarmung zog.

»Ich wünsche euch alles Glück der Welt«, sagte sie, als sie sich schließlich von ihr löste und sich dann wieder zu den Millards umdrehte, die ihr zunickten. Fragend blickten wir zwischen der Leiterin und dem Paar hin und her, da wir noch immer nicht wussten, was vor sich ging.

»Sagt Hallo zu euren zukünftigen Adoptiveltern«, sagte Mrs Fine ergriffen, woraufhin unsere Augen sich weiteten. Es passierte in dieser Einrichtung äußerst selten, dass Teenager adoptiert wurden. Niemand wollte fast erwachsene Kinder mit harter Vergangenheit aufnehmen und ihnen ein Zuhause schenken. Und doch standen sie hier und sahen uns voller Mitgefühl und Freude an. Wir verstanden die Tragweite erst, als Eve auf uns zukam und uns in eine Gruppenumarmung schloss.

»Es wäre uns eine Ehre, wenn wir eure Eltern sein dürften«, flüsterte Eve und löste sich nur widerwillig von uns. Eine Träne kullerte über ihre Wange. In meiner Brust breitete sich eine Wärme aus, die ich so noch nie gespürt hatte.

»Was?«, fragte Quinn, doch Eve und Griffin nickten nur und dann wurde es uns fast gleichzeitig klar.

Wir wurden adoptiert.

Wir würden nun Teil einer Familie sein.

Danach war der Raum erfüllt von Tränen, Lachen und Glück. Ich war der Letzte, der zu Griffin kam und ihn fest in den Arm nahm. Auch Griffin hatte feuchte Augen und blinzelte. Ich spürte das aufgeregte Klopfen meines Herzens. Denn mir wurde klar, dass ich nun jemanden an meiner Seite hatte, der mich tatsächlich in seiner Familie wollte und an mich glaubte.

»Ich danke euch«, murmelte ich an seiner Schulter und konnte immer noch nicht fassen, das dies hier wirklich geschah.

»Es ist mir eine Ehre. Ich bleibe dabei, wenn ich sage, dass du mein Held bist, Ian.« Um nicht in Tränen auszubrechen, drückte ich ihn fester an meine Brust und flüsterte in sein Ohr.

»Und du bist meiner.«

1. KAPITEL

Ian

Tu es nicht, schreie ich in Gedanken meine Schwester an, die mit ihrem Bräutigam vor den Altar tritt. Troy ist nicht der Richtige für meine Schwester, und das ist meiner ganzen Familie bewusst – mit Ausnahme von Quinn. Es ist nicht so, dass er unhöflich wäre oder ein schlechtes Benehmen an den Tag legt. Er passt nur einfach nicht zu meiner Schwester. Er ist ein Workaholic und Muttersöhnchen, das keine eigene Meinung hat und alles tut, was seine Eltern von ihm verlangen. Er mag teure Klamotten und glamouröse Feste mit den oberen Zehntausend, während Quinn offen für alles ist. Sie genießt eine Gala genauso wie ein Bier in einem Pub. Und früher oder später werden diese Unterschiede zwischen ihnen stehen.

Mit gerunzelter Stirn verfolge ich mit, wie die beiden sich nicht zu dem Geistlichen, sondern zu der Hochzeitsgesellschaft in der Kirche wenden. Quinns Blick gleitet zu mir. In ihren Augen sehe ich Dankbarkeit, als hätte ich ihr bei etwas geholfen, doch die Frage ist, wobei. Sie lächelt und blickt dann wieder verlegen auf ihre Füße. Es ist schließlich ihr verliebtes Lächeln, das sie verrät, denn plötzlich weiß ich es und atme erleichtert aus.

Sie werden die Hochzeit absagen. Auch meine Familienmitglieder wirken erleichtert, und das ist etwas, was ich in unserer Familie immer geliebt habe: dass wir uns ohne Worte verständigen können. Wir wollen alle das Beste für Quinn und hätten auch ihre Entscheidung, Troy zu heiraten, akzeptiert, wenn es sie glücklich gemacht hätte. Doch eigentlich hat meine kleine Schwester immer schon gewusst, was sie will. Und jetzt sieht es beinahe so aus, als würde sie die Hochzeit platzen lassen.

Bevor die beiden jedoch etwas sagen können, eilt Quinns Jugendliebe Jackson Orwood auf den Altar zu und fleht Quinn an, Troy nicht zu heiraten. Als Teenager waren sie ein Paar, ehe sie durch Missverständnisse getrennt wurden und sich erst Jahre später wiedertrafen – zwei Monate vor Quinns Hochzeit.

Es überrascht mich kein bisschen, ihn hier zu sehen, denn er und meine Schwester sind füreinander geschaffen, und offensichtlich haben die beiden es endlich geschnallt. Jackson dabei zuzuhören, wie er meiner Schwester seine Liebe gesteht, lässt mich etwas neidisch auf das Glück der beiden werden. Ich bin kein Beziehungstyp, aber es wäre schön, einmal wahrhaftig zu lieben. Die große Liebe begegnet mir überall: in Filmen, Büchern und Songs. Selbst gespürt habe ich sie aber noch nie.

Quinn schafft es schließlich, Jackson zum Schweigen zu bringen, und Troy klärt alle darüber auf, dass es keine Hochzeit geben wird und Quinn und er getrennte Wege gehen werden. Eine Welle der Empörung geht durch die Menge. Besonders aus der Richtung von Troys Familie und Bekannten ist Getuschel zu vernehmen. Doch wenn Quinn in unsere Richtung sieht, wird sie nur Wärme und Verständnis erblicken, denn wir werden sie immer unterstützen, egal, wie sie sich entscheidet. Mit einem stolzen Lächeln im Gesicht blicke ich meiner Schwester nach, die mit ihrer Jugendliebe überglücklich die Kirche verlässt. Der Bräutigam steht noch immer am Altar, wo er sich nun dem ausbrechenden Chaos gegenübersieht. Sein zufriedener Geschichtsausdruck zeigt aber, dass er nicht unglücklich über die jetzige Situation ist. Dad verkneift sich ein Lächeln, als er nach vorn zum Altar blickt, wo Troy wohl gerade seiner Mutter zu erklären versucht, dass Quinn und er sich im Guten getrennt haben. Seine Mutter redet weiterhin hartnäckig auf ihn ein. Diese Frau war schon immer eine Furie und hätte Quinn sicherlich das Leben schwer gemacht.

»Das ist ein Chaos, was?«, meint Hayden amüsiert, denn keiner von uns wollte, dass Quinn in diese unmögliche Familie einheiratet. Mit jeder Begegnung mit den Buchanans wurde mir klarer, dass Quinn nicht zu ihnen passt. Sie ist das blühende Leben und strahlt wie eine Sonne, während ihre Beinahe-Schwiegereltern eher das Gegenteil sind.

»Habt ihr Lust, brunchen zu gehen?«, fragt Mom uns, ohne den anderen weiter Beachtung zu schenken. Auch wenn ein Teil der Hochzeitsgesellschaft bereits die Kirche verlassen hat, ist es noch immer ziemlich laut. Die Absage der Hochzeit hat hohe Wellen geschlagen, was uns aber kalt lässt. Wir sind über den Ausgang dieses Vormittags mehr als zufrieden.

»Klar, Jungs, seid ihr auch dabei?«, frage ich meine Bandmitglieder, die eine Reihe hinter uns in der Kirche sitzen.

»Ich würde ja gerne, aber ich muss unbedingt ins Studio. Dieser eine Song lässt mich nicht los«, antwortet Seth, woraufhin die anderen Jungs sich ihm anschließen.

»Ist okay, ich komme nach dem Brunch einfach nach.«

»Alles klar, bis später«, sagt Lewis und verabschiedet sich als Erster von meiner Familie.

»Dann bleiben wohl nur wir fünf, was?«, fragt Hayden und rutscht von der Kirchenbank. Wir folgen ihm und schlendern an den bereits leeren Bänken vorbei.

»Na dann. Lasst uns gehen. Ich halte Shonas Stimme einfach nicht mehr aus«, meint Mom und legt einen Zahn zu, um endlich aus der Kirche zu kommen.

»Ich kann noch immer nicht fassen, dass Jackson hergekommen ist, um Quinn zurückzugewinnen. Das ist so romantisch«, seufzt Tori, die Freundin meines Bruders Hayden, als wir aus der Kirche treten, wo zum Glück keine Paparazzi zugegen sind. Für die wäre die Absage der Hochzeit vermutlich ein gefundenes Fressen.

»Soll ich mich von dir trennen und dann einen herzzerreißenden Versuch unternehmen, um dich zurückzugewinnen?«, fragt mein Bruder belustigt, worauf Toris Miene sich verfinstert.

»Okay, ich fasse das als ein Nein auf.«

»Völlig richtig erfasst«, antwortet sie und küsst ihn zärtlich auf die Wange. Wenn ich die beiden so ansehe, fühle ich eine tiefe Zufriedenheit in mir. Mein Bruder ist endlich mit seinem Schwarm aus der Jugend zusammen, und meine kleine Schwester hat den Mut gefunden, endlich auf ihr Herz zu hören. Ich habe mir für die beiden immer nur gewünscht, dass sie ihrem Herzen folgen. Beide sind nun glücklich, und auch ich werde in ein paar Monaten wahres Glück verspüren, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Ich betrete als Letzter den Parkplatz, als mein Smartphone zu klingeln beginnt. »Fahrt schon mal vor, wir treffen uns dann im Restaurant«, rufe ich ihnen zu, da es eiskalt ist und wir nicht alle hier herumstehen müssen.

»Okay, aber beeil dich. Ich habe einen Bärenhunger«, ruft Dad mir zu, ehe er und Mom in den Wagen steigen. Meine Eltern fahren zuerst los, gefolgt von Hayden und Tori. Ich schaue aufs Display. Da es meine gute Freundin Courtney ist, gehe ich direkt dran.

»Hey Court, ich habe gerade an dich und unsere Zukunft gedacht«, sage ich gut gelaunt, verkrampfe mich allerdings, als ich einen lang gezogenen und schmerzhaften Schrei am anderen Ende der Leitung vernehme, einen, der mich an meine Kindheit erinnert, die schlimmste Zeit meines Lebens. Alles um mich herum scheint plötzlich trist und grau zu werden, während ich nur dastehen kann, ehe die Worte aus mir herausplatzen.

»Courtney! Hallo?«, rufe ich panisch und blicke mich um. Ich bin allein. Erneut höre ich ihren Schrei, gefolgt von Schluchzern, und drohe vor Verzweiflung das Smartphone fallen zu lassen. Dazwischen höre ich undeutliche Männerstimmen. Was zum Teufel geht hier vor? Angst erfüllt mich, da ich weiß, dass sie mich braucht, ich aber nichts tun kann. Ich rufe immer und immer wieder ihren Namen, doch es kommt keine Antwort. Mein Puls rast, während mein Körper wie zu einer Salzsäule erstarrt. Ich will rennen, um mich schlagen, um ihr zu helfen, aber ich kann mich nicht bewegen.

Als ich schon auflegen und sie nochmals anrufen will, höre ich ein Rascheln, ehe sich eine tiefe Stimme meldet.

»Hallo?«

»Wer ist da? Wo ist Courtney?«

»Mein Name ist Benjamin, und ich bin Sanitäter, wir haben einen Notruf erhalten. Die Patientin wird Sie wohl angerufen haben, als wir sie in den Krankenwagen brachten.«

»Was ist passiert?«

»Das darf ich Ihnen aus rechtlichen Gründen nicht übers Telefon sagen. Wir bringen sie jetzt ins Mount Sinai Hospital. Dort erhalten Sie weitere Informationen, falls Sie dazu berechtigt sind.« Danach ist die Leitung tot, aber ich höre ihre Schreie immer noch in meinem Ohr und fühle sie tief in meinem Inneren. Sie triggern mich und ziehen mich in die Vergangenheit, der ich um jeden Preis entfliehen wollte. Doch ich schüttle den Kopf, versuche mich zusammenzureißen. Es bringt mir nichts, jetzt durchzudrehen. Ich muss mich beruhigen, ehe ich losfahren kann.

Während der Fahrt bin ich komplett konzentriert, wage es nicht, zu viel nachzudenken, da ich durch meine Wut einen Unfall herbeiführen könnte. Meiner Familie habe ich geschrieben, dass etwas dazwischengekommen ist und ich es nicht ins Restaurant schaffen werde. Den wahren Grund verschweige ich bewusst, da niemand von ihnen überhaupt weiß, wie tief ich mit Courtney verbunden bin. Ich könnte jetzt niemals darüber reden, solange ich selbst nicht weiß, was wirklich passiert ist. Also blicke ich auf die Straße, fädele mich durch den dichten Verkehr und bin froh, in keinen Stau zu geraten. Ich schüttle den Kopf, als ich erneut an das Telefonat denke und verstärke meinen Griff ums Lenkrad. Das Knarzen des Leders wirkt beruhigend auf mich, also wiederhole ich die Bewegung immer wieder. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich das Gebäude und parke meinen Truck in der Parkgarage, ehe ich mir Baseballcap und Sonnenbrille schnappe und aussteige.

Ich bete, dass sich hier keine Fanmeute um mich versammelt, sobald ich erkannt werde, und plötzlich bereue ich es, heute keinen Bodyguard an meiner Seite zu haben. Die Fahrt mit dem Aufzug kommt mir wie eine Ewigkeit vor und jetzt, wo ich nicht mehr hinter dem Steuer sitze, ist die Angst stärker denn je, da ich mich an nichts festhalten kann. Die Sorge und die Wut, weil ich immer noch nicht weiß, was geschehen ist, treiben mich in den Wahnsinn. Mit schnellen Schritten trete ich an den Informationsschalter und stütze mich auf der Theke ab, da meine Beine zu zittern beginnen.

»Ich möchte zu Courtney Borrows.« Die blonde Frau macht sich nicht die Mühe aufzusehen, sondern tippt quälend langsam auf der Tastatur herum und sieht gelangweilt auf den Monitor.

»Sind Sie mit ihr verwandt? Ansonsten darf ich Ihnen keine Auskunft geben.«

»Ich bin ihr Bruder«, lüge ich, und bemühe mich, meine Stimme gesenkt zu halten, da die Wut über die ganze Situation nach außen dringen möchte. Sieht sie nicht, dass ich am Verzweifeln bin?

»Können Sie sich ausweisen?«, murmelt sie und blickt zu allem Überfluss zu ihrem Smartphone. Sie will gerade danach greifen, als mir der Kragen platzt.

»Nein, verdammt, das kann ich nicht!«, knurre ich, gerade mal so laut, dass es noch nicht als Schreien durchgehen würde. Sie hebt eine Braue und blickt mich überheblich an. Blicke dieser Art haben mich meine gesamte Jugendzeit begleitet. Nicht dass sie mich gestört hätten, denn sie waren so präsent, dass ich mich schließlich an sie gewöhnt habe. Doch in diesem Moment würde ich mein Gegenüber am liebsten anschreien, damit ich endlich zu Courtney komme.

»Sir, wenn Sie sich nicht ausweisen können, kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.« Ich richte mich zu voller Größe auf und nehme die Sonnenbrille ab, um mir mit der anderen Hand die schmerzende Schläfe zu massieren. Heftige Kopfschmerzen gesellen sich zu meinen Sorgen und machen mich zu einer tickenden Zeitbombe. Sie hebt erneut den Blick, und man kann regelrecht dabei zusehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Schließlich verschwindet die Überheblichkeit aus ihrem Gesicht und Erstaunen breitet sich darauf aus.

»Aber … Sie sind doch Ian Millard.«

»Der bin ich.« Da sie meinen Spitznamen kennt, muss sie wohl ein Fan von Everstorm sein, was ich hoffentlich zu meinen Gunsten nutzen kann. Meine Fans wissen, dass ich privat meist Ian genannt werde.

»Aber Ihr Nachname ist nicht Borrows.« Ihre Stimme ist jetzt versöhnlicher, auch wenn sie mir nicht die Antworten liefert, die ich brauche, also flunkere ich.

»Millard ist auch mein Künstlername, also bitte ich Sie inständig, mich zu meiner Schwester zu bringen. Sie ist verletzt und hat Angst, ich muss zu ihr.«

»Selbstverständlich. Einen Augenblick bitte.« Zufrieden verschränke ich die Arme vor der Brust und sehe ihren flinken Fingern zu, die nun geradezu über die Tastatur fliegen. Normalerweise hasse ich es, aufgrund meines Rockstar-Status anders behandelt zu werden, aber heute bin ich so froh wie noch nie, prominent zu sein.

»Miss Borrows ist noch im Aufwachraum, aber wenn Sie möchten, können Sie im Zimmer auf sie warten, die anderen dort wird das mit Sicherheit nicht stören.«

»Andere?«, frage ich verwirrt, da ich einfach nicht nachvollziehen kann, wieso Fremde bei ihr im Zimmer liegen sollten.

»Die Krankenkasse Ihrer Schwester deckt nur die Unterbringung in einem Vierbettzimmer ab.«

»Das kommt gar nicht infrage. Bitte bringen Sie sie in einem Zimmer der Sonderklasse unter. Ich übernehme die vollen Kosten.« Ich greife nach meiner Brieftasche und reiche ihr meine Kreditkarte, die sie mit einem Lächeln entgegennimmt. Nun, da sie weiß, wer ich bin, geht alles schneller voran und zu meiner Erleichterung stellt sie auch keine nervigen Fragen mehr. Zum Glück wird sie nicht stutzig, weil meine Kreditkarte auf Dorian Millard läuft.

Innerhalb einer halben Stunde haben wir alles geklärt, und sie bringt mich persönlich aufs Zimmer – nicht, ohne vorher um ein Selfie mit mir zu bitten. Dann bin ich allein in diesem Raum, der nach Krankenhaus riecht und so viele Erinnerungen in mir wachruft, die ich eigentlich verdrängen wollte. Als Quinn damals nach dem Überfall im Krankenhaus lag, habe ich eine Abneigung gegen Krankenhäuser entwickelt. Hinzu kommt, dass meine Angst um Courtney ebenso groß ist wie die um Quinn damals, wenn nicht sogar noch größer.

Warten ist normalerweise kein Problem für mich. Durch meinen Beruf muss ich ständig warten – in der Maske, während die Roadies die Bühne für den Soundcheck fertig machen oder vor einem Fotoshooting, für das noch die letzten Vorbereitungen zu treffen sind. Doch hier und jetzt fühlt es sich an, als würde mit jeder verstreichenden Sekunde meine Welt mehr ins Wanken geraten. Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich stehe unter Strom und tigere nervös im Raum auf und ab. Immer wieder höre ich Courtneys Schreie in meinem Kopf, ganz egal, wie sehr ich sie auszublenden versuche. Das Kreischen der Fans ist etwas, was ich genieße, wenn ich auf der Bühne stehe, doch schmerzerfüllte und Hilfe suchende Schreie triggern mich seit meiner Kindheit. Es scheint so, als würde mein Inneres diese Laute filtern und in Gut und Böse unterteilen.

Irgendwann geht die Tür auf und Courtney wird mit dem Bett hineingeschoben. Sie scheint bei vollem Bewusstsein zu sein, was mich erleichtert, aber der Anblick ihres Gesichtes lässt mich erstarren.

Überall sind dunkelblaue Flecken und Blutergüsse, die sich über ihr gesamtes Gesicht erstrecken. Doch auch an dem Fuß, der unter der Decke hervorlugt, sehe ich dunkle Verfärbungen. Ich schlucke schwer. Obwohl ich tausend Fragen habe, halte ich mich zurück. In diesem Moment entdeckt Courtney mich und beginnt stumm zu weinen. Dicke Tränen durchnässen den Verband an ihrem Kinn und doch bleibt ihr Körper ruhig. »Wir sehen in Kürze nach Ihnen. Ruhen Sie sich aus, denn später wird die Polizei Ihnen mit Sicherheit Fragen stellen wollen«, sagt ein Pfleger und lächelt sie mitfühlend an, doch sie reagiert nicht, sondern sieht weiterhin in meine Richtung. Mich beachtet der Pfleger gar nicht, wofür ich überaus dankbar bin. Ich könnte jetzt nicht gute Miene zum bösen Spiel machen. Ich bedanke mich beim Krankenhauspersonal, ehe alle den Raum verlassen. Dann bin ich mit meiner Freundin allein in diesem Raum und habe Angst, meine Fragen zu stellen, da Court so aussieht, als würde sie gleich endgültig zusammenbrechen. Sie in den Arm zu nehmen, traue ich mich in diesem Moment auch nicht, also stehe ich einfach nur da.

Ich kenne diese starke und unabhängige Frau nun seit Jahren. Sie hat uns als Roadie auf der Tournee begleitet, ehe sie kündigte, um die Welt zu bereisen. Sie war immer der Typ Mensch, der den Mount Everest besteigen, über die Chinesische Mauer rennen und von einem Turm Bungee jumpen würde, und das habe ich immer an ihr gemocht – ihren freien und offenen Geist. Wir blieben in Kontakt und trafen uns häufiger, seitdem sie wieder in New York wohnte. Ich habe sie immer nur als Freundin gesehen, auch wenn wir einmal in betrunkenem Zustand eine Nacht miteinander verbracht haben. Das hat unserer Freundschaft keinen Abbruch getan, sie eher noch verstärkt. An einer Liebesbeziehung sind wir beide nicht interessiert.

Die lebensfrohe Frau nun verletzt und gebrochen zu sehen, lässt mein Herz in tausend Teile brechen. Ich greife sanft nach ihrer Hand und drücke sie, den Blick fest auf sie gerichtet.

»Was ist nur passiert?« Es braucht zwei Anläufe und einige Räusperer, ehe sie antworten kann.

»Colton hat mich gefunden und verprügelt«, murmelt sie so leise, dass ich sie nur mit Mühe verstehe. Bei der Erwähnung ihres Ex-Freundes verkrampft sich alles in mir. In den letzten Monaten hatte sie häufiger von ihrem Ex erzählt, der mehr und mehr zum Kontrollfreak, Schläger und Stalker mutiert ist. Er hatte die Trennung nie akzeptiert und sie regelrecht verfolgt. Schließlich hatte sie es geschafft unterzutauchen. Bis zu diesem Moment. Nun liegt sie gebrochen und verletzt in diesem Krankenhausbett. Was hat dieses Arschloch ihr bloß angetan? Bewusst blicke ich weiterhin auf ihr Gesicht, denn ich brauche ein paar Atemzüge, ehe ich auf ihren Bauch sehen kann. Tief in mir ist da diese Angst. Die Angst, dass sich alles verändern wird, sobald ich es tue. Meine Befürchtung bewahrheitet sich, als ich schließlich den Blick hinabgleiten lasse und ihren flacheren Bauch sehe.

Das Atmen fällt mir schwer, als sich der Nebel in meinem Kopf schließlich klärt und die Wahrheit sich dort manifestiert.

Sie hat unser Baby verloren.

Dort, wo bereits ein Schwangerschaftsbauch zu sehen war, ist nun nur noch eine Wölbung zu erkennen, die die Verbände hinterlassen. Etwas in mir will es nicht wahrhaben. Auch wenn es glasklar zu sehen ist, ist der Wunsch groß, dass dies alles nur ein Albtraum ist, aus dem ich bald erwachen werde. Ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um diesen Wunsch wahr zu machen, doch ich bin machtlos.

Unser Mädchen ist weg.

Sie wurde uns genommen.

Lange finde ich nicht den Mut, Court wieder ins Gesicht zu sehen. Schließlich tue ich es doch. Auf den Schmerz, der mir in ihren Augen begegnet, bin ich nicht vorbereitet. Er lässt etwas in mir zerbrechen, das schon lange instabil war. Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, doch sie schüttelt heftig den Kopf und bricht weinend im Bett zusammen.

Für Worte ist in diesem Moment kein Raum. Nicht wenn alles über uns einstürzt. Auch ich kämpfe gegen die Tränen an, verliere aber schnell und weine mit ihr. Wir werden nie wieder dieselben sein, denn dieser Mistkerl hat uns das genommen, was der Mittelpunkt unserer Welt werden sollte.

Unsere Tochter.

Da ich sie nicht halten kann, drücke ich ihre Hand und streiche beruhigend über ihr Haar. Ich muss jetzt ihre Stütze sein, muss alles tun, um uns beide davor zu bewahren, völlig zusammenzubrechen, doch alles woran ich denken kann, ist, dass ich diesen Typen in die Finger bekommen will. Er soll den gleichen Schmerz spüren wie Courtney und ich. Es dauert nicht lange, bis die Schmerzmittel sie müde machen und sie vor Erschöpfung einschläft. Ich halte immer noch ihre Hand und blicke auf ihren geschundenen Körper, präge mir jede ihrer Verletzungen ein, um sie nie wieder zu vergessen. Alles was ich je wollte, ist, an ihrer Seite zu stehen und sie zu unterstützen, wo ich kann. Das Schicksal hat uns verbunden, doch jetzt ist alles zerstört. All die gemeinsamen Pläne sind nicht mehr relevant, und das lässt mich eine Entscheidung fällen. Ich hauche ihr einen Kuss auf die Stirn, ehe ich das Krankenhaus verlasse, um Rache zu nehmen.

2. KAPITEL

Ian

Ich bin so froh, dass ich einen Backup-Check durchgeführt habe. Deshalb weiß ich, wo dieser Mistkerl wohnt. Ich werde mit Sicherheit nicht warten, bis irgendwann ein überarbeiteter Cop auftaucht, der Courtney halbherzige Fragen stellt, ehe die Polizei tatsächlich ermittelt. Bis dahin könnte er längst untergetaucht sein. Doch das werde ich nicht zulassen.

Eine Stunde, nachdem ich das Krankenhaus verlassen habe, trete ich die Tür dieses Mistkerls ein und erwische ihn dabei, wie er auf der Couch mit einer Frau vögelt. Kurz bin ich bewegungsunfähig und kann ihn einfach nur voller Hass anstarren. Er macht einfach weiter, als wäre nie etwas passiert. Als hätte er unsere Leben nicht für immer zerstört.

»Wer zum Teufel bist du! Raus hier!«, brüllt er, gefolgt von dem erschrockenen Kreischen der Frau, die mich wohl gerade entdeckt hat. Der Laut lässt mich kurz zusammenzucken, doch ich fasse mich wieder und lenke all meinen Hass auf Colton. Ich keuche wie ein wilder Stier und bin dankbar, dass die Frau sich von ihm löst und rasch ihre Klamotten einsammelt, ehe sie verschwindet. Das macht es mir leichter, das zu tun, wonach mein Innerstes lechzt.

»Wieso?«, frage ich bedrohlich ruhig. Er zieht seine Hose hoch und erhebt sich von der Couch.

»Wovon zum Teufel redest du? Ich kenne dich nicht mal.« War klar, dass er den Ahnungslosen spielt. Ich mahle mit dem Kiefer und erblicke seine geschwollenen und teilweise blutigen Handknöchel. Wie fest muss er sie wohl geschlagen haben, dass auch er selbst Verletzungen davongetragen hat?

»Du wirst mich sehr schnell kennenlernen, glaub mir«, gebe ich zurück und balle die Hände zu Fäusten.

»Ich gebe dir drei Sekunden, um dein Anliegen vorzutragen, ehe ich die Cops rufe«, antwortet er und scheint sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein. Er zieht wohl nicht einmal in Erwägung, dass die Polizei ihn wegen eines Gewaltdeliktes festnehmen könnte.

»Gibt es dir einen Kick, unschuldige Frauen zu verprügeln?« Stelle ich eine Gegenfrage, denn ich will wirklich wissen, was in seinem Kopf vorgeht.

»Ah. Daher weht der Wind. Diese kleine Schlampe hat es nicht anders verdient. Ich schätze mal, du bist der Arsch, der sie …« Sein überhebliches Grinsen und das Ausbleiben von Reue lösen einen Kurzschluss in mir aus. Die Angst, Wut und Verzweiflung bündeln sich, bereit, ihn zu zerstören. Ich sehe nur die verletzte Courtney vor mir, als ich ihm den Arm breche. Höre ihr Schluchzen, als ich immer und immer wieder auf ihn einschlage. Sehe ihre todtraurigen Augen vor mir, als ich ihm in den Bauch schlage. Immer und immer wieder, bis mich jemand von hinten packt und von ihm wegzieht.

Ich schlage um mich und will mich aus dem Griff lösen, doch die Erschöpfung lässt es nicht zu. Sobald ich mich umsehe, erkenne ich Cops, die in den Raum stürmen, gefolgt von Sanitätspersonal. Ihre Worte höre ich nicht. Ich fühle mich wie in Watte gepackt, also lasse ich mir widerstandslos Handschellen anlegen. Jetzt verhaftet zu werden, wird alle hart treffen, und mich wird wohl einiges an Ärger erwarten. Doch egal wie hoch die Strafe ausfallen sollte, ich bereue nichts.

Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist unbequem, aber etwas anderes hätte ich in einem Verhörraum auch nicht erwartet. Trotzdem fällt es mir auf. Nachdem ich stundenlang in einer Zelle saß und still vor mich hin brütete, hat man mich schließlich in diesen Raum geführt. Ich sehe überall hin, nur nicht in die Augen des Polizisten vor mir. Er hat mir noch keine Fragen zu Colton gestellt, doch auch wenn er es getan hätte, wäre jede davon unbeantwortet geblieben. Zum einen, weil erst jetzt die Spannung von mir abfällt und meine Gedanken sich langsam klären. Zum anderen will ich niemandem von Faith erzählen.

Nur Courtney und ich wussten von ihrer Existenz, und hier in diesem stickigen und kalten Raum will ich ihren Namen nicht in den Mund nehmen. Auf die Frage, ob ich etwas trinken will, schüttle ich den Kopf, als sich auch schon die Tür öffnet und meine Schwester Quinn den Raum betritt. Sie begrüßt den Cop, ehe sie mir einen besorgten Blick zuwirft. Dann, nachdem sie sich vergewissert hat, dass ich nicht verletzt bin, wechselt sie wieder in den Modus der Bossin, den sie immer draufhat, wenn sie arbeitet. Kurz spüre ich, wie sich mein schlechtes Gewissen regt. Meine Schwester sollte jetzt feiern, dass sie endlich wieder zu ihrer Jugendliebe Jackson zurückgefunden hat. Stattdessen ist sie hier und muss sich mit ihrem unverbesserlichen Bruder herumärgern. Doch genauso schnell wie sie gekommen ist, verschwindet die Gefühlsregung wieder und weicht dem Schmerz, der mich plötzlich erneut zu überwältigen droht.

»Ich bin die Anwältin von Mr Millard.«

»Detective Evans. Bitte nehmen Sie Platz«, weist er sie an und setzt sich ebenfalls.

»Wurden dir Fragen gestellt, bevor ich hier war?«, fragt sie in meine Richtung, doch ich schüttle den Kopf.

»Was genau ist vorgefallen?«, fragt sie den Ermittler und strafft die Schultern, als würde sie sich körperlich dafür wappnen, was er ihr in Kürze erzählen wird. Es ist immerhin nicht das erste Mal, dass wir uns in solch einer Situation befinden.

»Wir erhielten den Notruf einer Mieterin. Mr Millard hat eine Schlägerei losgetreten.«

»Kann das jemand bezeugen?«

»Ich war es.« Quinn dreht sich zu mir um und erdolcht mich mit Blicken, da ich ihr bei der Verteidigung wohl keine große Hilfe bin, doch ich zucke nur mit den Achseln. Der Cop macht sich eine Notiz, bleibt aber sonst ruhig.

»Dürfte ich kurz mit meinem Mandanten allein sprechen?«, fragt meine Schwester angespannt.

»Selbstverständlich«, antwortet er und erhebt sich, um aus dem Raum zu treten. Kaum hat er die Tür geschlossen, ist Anwältin Millard Geschichte und Quinn, die besorgte Schwester, tritt in Erscheinung.

»Was zum Teufel machst du da?«

»Die Wahrheit sagen.«

»Das hätte ich auch getan, aber ich hätte den Fokus darauf gelegt, dass es Verteidigung war.«

»Ich habe es getan. Jeden einzelnen Schlag habe ich genossen, denn ich wollte ihm wehtun.«

»Wieso? Was hat er getan, dass du dich vollkommen selbst verlierst?«, fragt sie, ohne mir Vorwürfe zu machen. Sie will tatsächlich die Wahrheit von mir, aber ich bin nicht bereit sie preiszugeben. Zumindest nicht die ganze Wahrheit.

»Er hat Courtney krankenhausreif geprügelt.«

»Was!? Wann?«

»Vor ein paar Stunden. Dieser Mistkerl hat sie übel zugerichtet. Ihr Anblick hat mich so rasend gemacht, dass ich in blinder Wut zu ihm gefahren bin.« Sie seufzt und lässt kurz den Kopf sinken. Sie und mein Bruder Hayden kennen Courtney, also wird auch sie diese Neuigkeit mitnehmen.

»Ich finde es schrecklich, was Court passiert ist, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, Selbstjustiz zu üben.« Ihre Strenge ist zwar abgeflaut, aber der Vorwurf ist greifbar. Ich verstehe ihre Reaktion. Kurz überlege ich, ihr von Faith zu erzählen. Doch etwas in mir sträubt sich dagegen.

»Doch, glaub mir. Nach dem, was dieser Mistkerl uns angetan hat, hat er noch weitaus Schlimmeres verdient.«

»Was er euch angetan hat? Wie meinst du das?«

»Na, ich bin schließlich verhaftet worden oder nicht?« Die Lüge hinterlässt einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge, da ich es hasse, meine Familie anzulügen.

»Was auch deine Schuld war. Du hättest die Arbeit der Polizei überlassen sollen.«

»Damit er abhauen kann? Niemals. Ich stehe zu meinen Taten. Ich habe Rache geübt.«

»Aber das war nicht richtig. Ian, du kannst nicht immer um dich schlagen, sobald dir etwas nicht passt.« Ich habe keine Antwort auf ihre Aussage. Ich weiß selbst, dass ich falsch reagiere und mich nicht unter Kontrolle habe, wenn mir alles zu viel wird.

»Du brauchst Hilfe, Brüderchen«, flüstert sie und streicht mir tröstend über den Rücken. Doch ich bin zu erschöpft, um irgendetwas zu fühlen. Ich bin leer. Durch und durch verloren und ich denke nicht, dass ich so schnell aus diesem Loch finde. Nicht einmal mit der besten Therapie der Welt.

»Ich weiß nicht, wie ich dich da rausboxen kann.«

»Das musst du auch nicht. Ich nehme die Strafe, wie sie kommt.« Die Zeit, in der Sly und andere meine Handlungen unter den Teppich kehren mussten, ist vorbei. Ich bin nicht mehr der Mann, der ich gestern noch war.

»Die Presse hat es übrigens schon wieder irgendwie mitbekommen«, informiert Quinn mich, doch ihr Tonfall verrät mir, dass sie das für das kleinste meiner Probleme hält. »Wenn du ihm Schmerzensgeld …«, setzt sie an, doch ich schneide ihr das Wort ab, da die Wut meinen Körper wieder einmal erfasst.

»Niemals! Dieser Mistkerl wird keinen Cent von mir bekommen. Ich gehe ins Gefängnis oder mache Sozialstunden. Alles werde ich in Kauf nehmen, aber ich werde ihm sicher kein Geld in den Rachen schieben.«

»Okay, okay, beruhige dich«, sagt sie und hebt abwehrend die Hände. Sie streicht sich über ihren azurblauen Blazer. Wieder muss ich daran denken, dass sie eigentlich jede Sekunde mit Jackson genießen sollte. War sie gerade bei ihm, als sie die Schlagzeilen gesehen hat? Vorhin trug sie noch ihr Brautkleid, doch jetzt verrät nur noch ihr leicht verschmierter Kajal, dass es sich um keinen normalen Arbeitstag in der Kanzlei handelt.Quinn sucht erneut meinen Blick.

»Irgendwie werde ich das hinbiegen, aber, Ian, das wird das letzte Mal sein. Nicht weil ich dich nicht liebe, sondern weil du Hilfe brauchst.«

»Ich brauche nichts und niemanden«, gebe ich schroff zurück, da ich es schon immer gehasst habe, zur Therapie zu gehen.

»Ich werde alles geben, um deine Strafe so gering wie möglich zu halten, aber vorher muss ich die Wahrheit wissen. Gibt es noch mehr, was du mir sagen willst? Etwas, das mitunter ein Grund wäre, wieso du so um dich geschlagen hast?«

»Ich habe nichts mehr zu sagen.« Niemand kann von mir erwarten, dass ich nach dem schlimmsten Tag meines Lebens gesprächig bin. Wenn Quinn eine Strafmilderung bewirken kann, ist das gut, wenn nicht, werde ich es auch verkraften. Denn es gibt keine schlimmere Strafe als die, dass dir dein Kind genommen wird, noch bevor du die Möglichkeit dazu hattest, es in den Arm zu nehmen.

»War’s das? Ich muss dringend ins Krankenhaus.« Ich möchte noch etwas sagen, möchte ihr zu ihrem Glück gratulieren, mich bei ihr bedanken. Doch ich bekomme kein weiteres Wort heraus.

»Ich frage mal nach«, antwortet sie, gefolgt von einem tiefen Seufzen. Nun ist auch zu meiner Schwester durchgedrungen, dass ich ihr entglitten bin. Wieder ein Stückchen mehr.

Es dauert ganze zwei Stunden, bis ich endlich auf freiem Fuß bin und in ein Taxi steigen kann. Ich nenne dem Fahrer die Adresse des Krankenhauses und lehne mich im Sitz zurück, um die Augen zu schließen. Heute wollte ich die Hochzeit meiner kleinen Schwester feiern und schlussendlich habe ich meine Tochter verloren – auf die schlimmste Art, die ich mir vorstellen kann.

Mein einziger Antrieb ist es, zu Courtney zu gelangen und für sie da zu sein. Doch diese Taxifahrt zieht sich ewig hin. Ich setze mich aufrecht hin und blicke auf meine Hände, die von der Prügelei immer noch geschwollen sind. Ich strecke meine Finger auseinander, ehe ich sie wieder zu einer Faust balle und die Wut mich erneut durchströmt. Mittlerweile habe ich mich an das Gefühl gewöhnt und akzeptiere sie als einen Teil von mir. Aber so rasend und verzweifelt darf ich nicht vor Court treten. Nicht, nachdem sie die Hölle durchmachen musste. Ich versuche, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und all die niederschmetternden Gedanken auszublenden. Für Courtney und für meine mentale Gesundheit – auch wenn ich weiß, dass alles erneut über mir einstürzen wird, sobald ich allein bin.

Im Krankenhaus herrscht wie immer reges Treiben. Ich gehe direkt zu Courtneys Zimmertür, aus der gerade zwei Polizisten treten. Als sie an mir vorbeigehen, kann ich sogar verstehen, was der eine Cop sagt. »Ich hoffe, dieser Mistkerl bekommt, was er verdient.« Ich lege die Hand auf den Türgriff und lächle in mich hinein, denn auch wenn Selbstjustiz falsch ist, bin ich froh, dass ich derjenige war, der ihm das gegeben hat, was er verdient.

Als ich in das Zimmer eintrete, scheint Courtney es nicht einmal zu bemerken. Sie hat den Kopf zur Seite geneigt und blickt aus dem Fenster in die Dunkelheit der Nacht, die Hand ruht auf ihrem Bauch. Bei diesem Anblick zerreißt es mich innerlich. Langsam gehe ich auf sie zu und setze mich an die Bettkante.

Courtney starrt weiterhin ins Nichts, selbst dann, als ich ihre Hand nehme und sanft drücke, scheint sie weit weg zu sein. So verbringen wir einige Zeit damit, einfach still zu trauern. Ab und zu weint einer von uns, doch wir wechseln kein Wort miteinander.

Ich habe kein Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist – Stunden oder Minuten –, als ein Ärzteteam den Raum betritt. Die Ärztinnen und Ärzte kommen auf uns zu, doch Courtney reagiert noch immer nicht. Ich stehe auf und gehe vor ihr in die Hocke, streiche ihr sanft über die Wange, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Wenn jemand sie aus ihren Gedanken rausholt, sollte ich das sein.

Langsam klärt sich ihr Blick, doch was ich darin sehe, zieht mich noch tiefer in das Loch aus Pein und Verzweiflung. »Hey, die Ärztinnen und Ärzte sind hier und wollen mit dir reden.«

»Ich will nicht mit ihnen reden«, flüstert sie mit erstickter Stimme, woraufhin ich verständnisvoll nicke und ihre Hand in meine nehme.

»Ich weiß, dass du einfach deine Ruhe willst, aber wir müssen mit ihnen reden.« Sie blinzelt, und ich erwarte schon, dass sie sich weigert, doch da setzt sie sich auf.

»Miss Borrows, wir möchten Ihnen und Mr Millard unser herzliches Beileid ausdrücken«, beginnt eine Ärztin des Teams.

»Danke«, haucht sie kraftlos. Sie legt die Hand auf ihren Bauch und zuckt zusammen, als ihr wohl erneut klar wird, dass dort kein Baby mehr ist.

»Wir wollen Ihnen noch die Möglichkeit geben, sich von Ihrer Tochter zu verabschieden, wenn Sie es wünschen. Sie können sie noch ein letztes Mal im Arm halten, bevor die Vorbereitungen für die Beerdigung getroffen werden.«

»Wir können sie halten?«, frage ich fassungslos, da mir nie in den Sinn gekommen wäre, dass diese Möglichkeit besteht.

»Nur wenn Sie das wünschen«, antwortet einer der Ärzte und man sieht ihm an, dass auch ihm dieses Gespräch nicht leichtfällt. Langsam gleitet mein Blick erneut zu Courtney, die das erste Mal, seit ich hier angekommen bin, lächelt, auch wenn ihre Augen von Tränen erfüllt sind.

»Ja, ich will meine Tochter ein letztes Mal halten.«

Wenige Minuten später befinden wir uns in einem fensterlosen Verabschiedungsraum. Durch die einladenden Farben und die Sitzgelegenheiten sieht es gar nicht wie ein Krankenzimmer aus, sondern wirkt eher wie ein gemütliches Wohnzimmer, doch der Schein trügt. Denn in diesem Raum werden wir Faith zum ersten und letzten Mal sehen. Wir werden weinen, sie berühren, und dann wird ein Teil von uns sterben – der Teil, der immer ihr gehört hat.

3. KAPITEL

Brooke

Einen Monat später …

»Bryony, pack dir etwas Moussaka ein!«, höre ich meine Mom rufen und kann nur die Augen verdrehen. Ich hasse es, wenn sie mich mit meinem griechischen Geburtsnamen anspricht – als wäre es nicht schon über zehn Jahre her, dass ich ihn habe ändern lassen. Also ignoriere ich sie und gehe ins Wohnzimmer, wo meine Großmutter auf der Couch mal wieder strickt, während sie eine neue Folge ihrer Daily Soap Reich und Schön ansieht. Oder sollte ich sagen anschmachtet?

»Giagiá, bist du es nicht leid, seit 1987 dieselbe Soap zu sehen?« Ich drücke ihr ein Küsschen auf die Wange, ehe ich mich neben ihr auf das Sofa plumpsen lasse. Zuerst denke ich, dass sie mich nicht gehört hat, weil sie nicht antwortet, doch schließlich erhalte ich eine Antwort. »Kindchen, ich habe teilweise das Gefühl, dass die Personen aus der Serie ebenfalls Teil meiner Familie sind.«

»Weißt du noch damals, als wir auf dem Fan-Event waren und ich Ridge Forrester gegenüberstand?«

»Klar weiß ich das noch, immerhin bist du in Ohnmacht gefallen.« Da meine Mom und ich sie begleitet haben, kann ich mich noch lebhaft an den Schock erinnern, als sie einfach umgekippt ist.

»Sei nicht albern! Mir war nur heiß. Sieh hin!« Sie blickt auf das gerahmte Foto von ihr und dem Schauspieler Ronn Moss, das damals aufgenommen wurde und bis heute ihr wertvollster Besitz ist. Daneben hängt ein Foto mit Grandpa, doch dieses Bild himmelt sie nicht so an wie das mit ihrem Lieblingsschauspieler.

»Sieht so eine Frau aus, die in Ohnmacht fallen würde?«

»Nein, Giagiá, wie konnte ich nur. Du hast damals schon rattenscharf ausgesehen und jetzt erst recht.« Sie gibt mir einen sanften Klaps auf den Oberarm.

»Aua! Was habe ich denn gesagt?«

»Sei nicht frech!« Sie deutet mit dem Zeigefinger auf mich, ehe sie wieder ihre Stricknadeln zur Hand nimmt.

»Wieso bist du wieder so brutal?«, höre ich meinen Großvater sagen, noch ehe er den Raum betritt und sich auf den Fernsehsessel gegenüber von uns setzt.

»Weil sie mal wieder frech war.« Mein Grandpa hebt eine Braue und sieht mich schmunzelnd an, so als wolle er fragen: Was hast du diesmal getan, um sie auf die Palme zu bringen?

»Ich habe nur gesagt, dass Giagiá noch immer ein heißer Feger ist.« Sie schnaubt, verdreht die Augen und ignoriert mich.

»Glaubst du, das weiß ich nicht? Sieh sie dir doch an, wunderschön wie die Sommerblumen auf Samos.« Sie hält inne und blickt ihren Ehemann an, dabei färben sich ihre Wangen zartrosa.

»Costas, du kleiner Charmeur!« Meine Großmutter kichert wie ein Schulmädchen und schüttelt daraufhin den Kopf, bevor sie sich wieder dem Fernseher zuwendet.

»Hey! Ich habe fast dasselbe gesagt und bei mir warst du nicht so gerührt.« Ich verschränke empört die Arme vor der Brust, da ich es einfach nicht verstehe.

»Ach was! Du übertreibst«, antwortet sie, noch immer ein verliebtes Lächeln auf den Lippen. Mein Großvater sieht sie schweigend an, und es wirkt so, als würde er sich gerade denken, was für ein Glück er doch mit seiner Ehefrau hat. Ich unterdrücke ein Seufzen, da mich die Liebe im Raum zu erdrücken droht. Das ist immer so mit den beiden – ehe es ein Donnerwetter gibt. Doch als er einen Blick auf den Bildschirm wirft, ist es an ihm zu seufzen.

»Musst du dir wieder diese Schnulzsendung ansehen, Sofia?« Nun verschränkt er die Arme vor der Brust, was ich zum Anlass nehme, schnell das Weite zu suchen.

»Natürlich, so wie schon die letzten dreißig Jahre«, antwortet sie empört, als hätte er sie beleidigt. Die Liebe meiner Großmutter zu dieser Soap ist beinahe nicht von dieser Welt.

»Können wir nicht einmal etwas Normales sehen?«

»Willst du damit etwa sagen, meine Sendung und folglich auch ich seien nicht normal? Was stimmt nicht mit dir?« Und da beginnt es wieder. Meine Großeltern lieben sich innig seit über sechzig Jahren, doch sie streiten über alle möglichen Kleinigkeiten, ehe sie sich wieder vertragen. Der Part mit dem Streiten kann manchmal ewig dauern. Es ist ein ewiger Teufelskreis. Die beiden sollten ihre eigene Sitcom starten, das wäre ein Quotenhit. Zumindest, bis es dann zu den griechischen Beschimpfungen käme, dann würde man nur noch die Pieptöne hören.

Ich gehe in die Küche zu meiner Mom und in sichere Gefilde.

»Streiten sie wieder?«, fragt sie und sieht von ihrem Schneidebrett zu mir auf.

»Ja, es geht wieder mal um ihre Obsession für die Daily Soap.«

»Das kann also noch dauern. Ich sag’s dir, ich bin so froh, dass wir in einem Haus wohnen. In einer Wohnung wären wir längst wegen Ruhestörung rausgeflogen.« Kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln im Gesicht kommt sie auf mich zu. Es erstaunt mich immer wieder, wie alle Frauen meiner engsten Familie sich so ähnlich sehen können. Meine Mom sieht wie eine jüngere Version meiner Großmutter aus, ich sehe wie eine jüngere Variante meiner Mom aus und meine Tochter Athina wie ich, als ich zehn Jahre alt war. »Wir wissen alle, dass die beiden immer schon so waren und sich nie ändern werden«, sage ich mit Stolz in der Stimme, denn ich liebe meine Großeltern, ob sie sich nun gegenseitig an die Gurgel gehen oder nicht.

»Und das würden wir auch niemals wollen. Stell dir doch mal vor, wie langweilig es ohne die beiden Streithähne wäre.«

»Du würdest vermutlich vor Langeweile zu stricken beginnen«, sage ich, um sie aufzuziehen.

»Um Himmels willen, sag das nicht vor deiner Giagiá, ich habe sie vor Jahren endlich dazu gebracht, mich nicht immer zu bedrängen, mit dem Stricken anzufangen.«

»Nur wenn du sie endlich überredest, mir keine Fotos von potenziellen Ehemännern mehr zu schicken.«

»Wenn ich das nur könnte, Kind«, seufzt meine Mom, da sie selbst weiß, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, Grandma etwas auszureden, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat.

»Sind wenigstens attraktive dabei?« Ich hebe anklagend die Brauen, was sie nur zum Grinsen bringt.

»Nimm es uns nicht übel. Wir wollen nur, dass du glücklich bist.«

»Dafür brauche ich keinen Mann. Mein Glück werde ich nie wieder von einem Mann abhängig machen.« Meine harten Worte lassen ihre Miene ernster werden.

»So meinte ich das nicht.« Verlegen blickt Mom zur Küchentheke, ehe sie nach etwas greift, das hinter ihr auf dem Esstisch steht.

»Hier.« Meine Mutter reicht mir eine Box aus Edelstahl, die noch warm ist. Sie hat mir wieder mal etwas zu essen eingepackt. Sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich schroff gewesen bin, immerhin kann meine Mom nichts für meine Situation. Ich stelle die Box wieder auf den Tisch und nehme sie fest in den Arm. Wie immer umweht sie der Duft von Gewürzen.

»Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anfahren. Die Situation überfordert mich immer noch.«

»Das ist doch verständlich, jetzt lass uns das einfach vergessen. Du weißt, wir können einfach nicht streiten, diese Gabe haben wir nicht von deiner Großmutter geerbt.«

»Stimmt, wobei ich gerne etwas von ihrem Selbstvertrauen hätte.«

»Das kommt noch und jetzt nimm.« Sie drückt mir wieder die Essensdose in die Hand.

»Du musst uns nicht immer bekochen, Mom.«

»Ach was. Ich koche täglich für sechs Personen und wie üblich bekommen wir sicher Besuch. Du weißt ja, wie es im Hause Little Greece zugeht.« Seit ich denken kann, ist dieses Haus immer gefüllt mit Menschen, seien es nun Verwandte, Personen aus der Nachbarschaft oder Mitglieder der Kirchengemeinde. Savannah, meine beste Freundin seit dem Kindergarten, hat mein Zuhause einmal Little Greece genannt, und es stimmt ein wenig, da die Besuchenden größtenteils griechisch sind. Stille sucht man in diesem Haus vergeblich, da die vielen lauten Familienmitglieder einen ordentlich auf Trab halten. Das hat meine Teenagerjahre zur Hölle gemacht, denn als junge Erwachsene möchte man manchmal einfach nicht gestört werden. Mein jüngster Bruder Aris ist achtzehn und spielt Schlagzeug, mein Großvater dreht Fernseher oder Radio zu laut auf, da er nie die Batterien in seinem Hörgerät wechseln will. Meine Mutter singt beim Putzen, und mein Dad ist Hobbytischler – seine Säge höre ich von der Garage bis zu meinem alten Kinderzimmer.

Nach dem Tod meiner Urgroßmutter erbte meine Großmutter einiges an Geld, doch da die Lebensumstände in Griechenland immer schwerer wurden, entschieden sich meine Großeltern, nach Amerika auszuwandern. Meine Mutter war damals fünf Jahre alt. Meine Großeltern kauften ein großes, aber sanierungsbedürftiges dreistöckiges Haus mit viel Grünfläche in Brooklyn. Damals waren die Immobilienpreise nicht so horrend wie heute. Das Haus haben sie mit der Zeit nach ihren Wünschen renoviert und zu dem Zuhause geformt, das wir kennen und lieben.

Ich blicke mich um und werde auf einmal nostalgisch. Die Küche wurde vor ein paar Jahren modernisiert und nach den Wünschen meiner Mutter umgebaut, da sie den Großteil ihrer Zeit in der Küche verbringt. Hier habe ich meine ersten Schritte gemacht, im Garten meinen ersten Kuss erhalten, und im Wohnzimmer haben meine Wehen eingesetzt. Hier ist mein Zuhause und das meiner Tochter, und doch wollte ich nach der Scheidung nicht hierher ziehen, da ich meine Ruhe brauchte. Und wenn es hier eine Sache nicht gibt, dann ist es Ruhe.

»Wo bist du wieder mit deinen Gedanken?«

»Ach, mal hier mal da. Aber alles ist gut.«

»Du warst schon immer eine schlechte Lügnerin. Raus damit.« Ich lächle, blicke auf meine Füße und stelle wieder einmal fest, dass mich wohl niemand so gut kennt, wie meine Mutter.

»Das hier ist ein Zuhause, wie es sein sollte. Dad und du habt es zu einem gemacht. Ich hoffe einfach, dass ich ein wahres Zuhause für Athina und mich gestalten kann. Den Auszug aus dem Penthouse hat sie nur schwer verkraftet, da sich nun auch unsere Umstände geändert haben.« Die letzten Monate meiner toxischen Ehe waren die Hölle für uns beide. Selbst fünf Monate danach haben wir uns nicht davon erholt. Meine Tochter musste vieles mit anhören, was niemals für ihre Ohren bestimmt war, und welchen seelischen Schaden das angerichtet hat, kann ich noch nicht abschätzen. Auch finanziell leben wir nun ein völlig anderes und eher schwieriges Leben.

»Das tust du schon längst. Die letzten Monate waren hart, aber sie weiß, wie sehr du sie liebst und dass du alles in deiner Macht Stehende tun wirst, damit sie sich von dem Geschehenen erholt.«

»Wieso habe ich dann das Gefühl, sie zu enttäuschen?«, frage ich und lasse die Selbstzweifel zu, die mich in meinem Inneren immer wieder quälen.

»Niemand ist enttäuscht von dir. Du hast einen mutigen Schritt gemacht, als du diesen Mistkerl verlassen hast. Der Weg mag jetzt steinig sein, aber das Ziel macht es wieder wett. Glaub mir.« Sie nimmt mich erneut fest in den Arm. Heute erkenne ich den Geruch von Anis und Basilikum an ihr. Ein Duft, den ich mit meinem Zuhause verbinde, mit Liebe und Rückhalt. Ich drücke sie fester an meine Brust und lächle in ihr Haar.

»Danke, Mom«, flüstere ich.

»Ich will nur, dass du mir sagst, wenn du etwas brauchst, okay?« Ich weiß, dass ihre Worte aufrichtig gemeint sind, also nicke ich, auch wenn ich zuerst versuchen werde, es allein zu schaffen. Sollte ich scheitern, weiß ich, dass meine Familie immer hinter mir steht. Finanziell könnte es bei mir besser laufen, aber über dieses Thema will ich jetzt nicht reden. Nachdem ich nach der Scheidung quasi ohne Geld dastand, haben meine Eltern die Kaution für meine Mietwohnung gestellt. Sie meinten, es sei ein Geschenk, doch ich spare schon fleißig und kann ihnen das Geld bald wieder zurückgeben. Wir führen nun ein sparsames, aber glückliches Leben.

»Natürlich«, sage ich mit einem strahlenden Lächeln, damit sie sich keine Sorgen machen muss, und atme auf, als sie das Thema fallen lässt.

»So kenne ich meine Brooke.«

»Ich hab dich lieb.« Ich drücke sie fest und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Meine Großmutter und Mutter bilden das Herz unserer überaus großen Familie und ich liebe den Umstand, dass ich immer mit beiden reden und sie um Rat bitten kann.

»Schluss mit den Liebeserklärungen. Schau auf die Uhr, es ist sechzehn Uhr, du musst dein Kind von der Schule abholen. Nicht dass du wieder zu spät kommst.« Rasch blicke ich zur Uhr und fluche innerlich. Wieder mal hat sie recht. Ich bin ziemlich spät dran, was aber nichts Neues ist.

»Bye!«, rufe ich laut, sodass auch meine Großeltern und meine Brüder sich angesprochen fühlen.