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Noch immer ist der inzwischen 16-jährige Jack auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Doch jetzt sind alle seine Freunde aus dem Camp von Soonmary Winterbottom und dem Jugendheim Philos an seiner Seite. Zusammen durchdringen sie unheimliche Wälder und überwinden gefährliche Schluchten, entkommen Festnahmen und fliehen vor unbekannten Verfolgern. Dabei wächst ihre Liebe zueinander ebenso wie ihre Kraft als Gruppe. Sie schaffen es schließlich, sich von William Afternoon, der so viel Leid über sie alle gebracht hat, zu befreien und die dunkle Zeit ihres Lebens zu überwinden. Dark Life ist der dritte und letzte Band der Dark River - Trilogie.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Buch
Noch immer ist der inzwischen 16-jährige Jack auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Doch jetzt sind alle seine Freunde aus dem Camp von Soonmary Winterbottom und dem Jugendheim Philos an seiner Seite. Zusammen durchdringen sie unheimliche Wälder und überwinden gefährliche Schluchten, entkommen Festnahmen und fliehen vor unbekannten Verfolgern. Dabei wächst ihre Liebe zueinander ebenso wie ihre Kraft als Gruppe. Sie schaffen es schließlich, sich von William Afternoon, der so viel Leid über sie alle gebracht hat, zu befreien und die dunkle Zeit ihres Lebens zu überwinden. Dark Life ist der letzte Band der Dark River – Trilogie.
Die Autorin
Milena Markowitsch wurde im August 2009 als ältestes von drei Kindern in Berlin geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Freiburg. Noch bevor sie lesen und schreiben konnte, dachte sie sich Geschichten für ihre Geschwister aus. Im Jahr 2022/23 erhielt sie ein Stipendium an der Kulturakademie Baden-Württemberg und wurde 2024 als Teilnehmerin der Schreibcouch des Literaturhauses Freiburg ausgewählt.
Sie war Praktikantin in der Theatervermittlung des Theaters im Marienbad und machte erste Bühnenerfahrungen beim Jungen Theater Freiburg. Von einem Schüleraustausch in Kanada 2025 brachte sie neue Eindrücke mit.
Neben dem Schreiben liebt sie Theaterspielen und Musizieren. Seit ihrem 8. Lebensjahr spielt sie Kontrabass und Klavier.
Die drei Romane der Dark River-Trilogie schrieb sie im Alter von 11 bis 14 Jahren.
Prolog
1. Kapitel
Mathematik
2. Kapitel
Der verhängnisvolle Apfelbaum
3. Kapitel
Hotel Lavendla
4. Kapitel
Jeackane und Harrison
5. Kapitel
Meerblaue Augen
6. Kapitel
Das rettende Wildschwein
7. Kapitel
Crowcher
8. Kapitel
Der rote Felsen
9. Kapitel
Cornflakes
10. Kapitel
Afternoons Geschichte
11. Kapitel
Feuerholz und Melonencreme
12. Kapitel
Becher und Henkel
13. Kapitel
Lissie
14. Kapitel
Ritter und Pinguin
15. Kapitel
Besuch
16. Kapitel
Noch ein Atemzug
17. Kapitel
Traurigkeit
18. Kapitel
Leuchtend grün
19. Kapitel
Der Notausgang
20. Kapitel
Der magische Kreis
21. Kapitel
Wie alles begann
22. Kapitel
Erinnerungen
23. Kapitel
Sterne im Dunkeln
24. Kapitel
Ende und Neubeginn
Nachwort
Stille. Es ist still, so still und dunkel, als wäre die Welt verschluckt worden. Die lähmende Angst und die unbändige Wut, die dich so lange beherrschten – plötzlich sind sie fort.
Gekommen aber ist die Traurigkeit. Sie hat sich unbemerkt herangeschlichen, hat dich umarmt und langsam mit ihren grauen Nebelschwaden zugedeckt. Du bist gefangen zwischen den eiskalten, festen Stäben der Verzweiflung und der starken, hohen Mauer der Einsamkeit. Die Trauer ist ganz in dich eingedrungen. Du glaubst, alles ist verloren, was dir einmal wichtig war, du hast dich selbst verloren.
Doch du bist nicht allein. Es gibt jemanden, der an dich denkt, an dich glaubt, mit dir hofft, dich tröstet und wieder zum Lachen bringt. Zusammen seid ihr stark. Du wirst diese Zeit überstehen.
„Jack Evans! Verdammt nochmal! Jack!“ Jack schreckte bei der lauten Stimme, die wiederholt seinen Namen rief, benommen auf. Müde rieb er sich die Augen. Sein Kopf dröhnte. Der Raum, in dem er sich befand, drehte sich vor seinen Augen im Kreis, so als würde er ihn von einem Karussell aus betrachten. Sämtliche Erinnerungen an letzte Nacht waren verschwunden, und er war kurz davor, sich das Buch, das vor ihm auf dem Tisch lag, an den schmerzenden Kopf zu schlagen. MATHEMATIK 10 stand in großen Buchstaben auf dem grellgelben Cover. Was war das denn für ein merkwürdiger Titel?
Er ließ seinen noch etwas verschwommenen Blick durch den Raum schweifen: er nahm mehrere Tische, an denen jeweils zwei Stühle standen, wahr und ein großes, grünes Etwas, das ganz vorne im Raum an der Wand hing. Das grüne, lange Brett war mit weißen Zahlen und Buchstaben bis obenhin vollgekritzelt, was in Jack ein noch stärkeres Schwindelgefühl auslöste. Er befand sich ganz offensichtlich in einem Klassenzimmer und hatte Mathe.
Urplötzlich schob sich ein bebrilltes, mit Altersflecken, tiefen Falten und einem grauen Schnauzer bedecktes Gesicht in sein Blickfeld. Jack musste die Augen zukneifen, um sich zu erinnern, wer vor ihm stand. Schließlich fiel es ihm wieder ein: sein Mathelehrer Mr. Cacy. Ein Mann der Tat und Perfektion, der keinen Spaß verstand und seinen Job hasste, da er ihnen immer wieder unter die Nase rieb, was für eine furchtbar dumme Klasse sie doch wären, und er eigentlich ein Wissenschaftler hätte werden wollen, dieser Plan jedoch offensichtlich gescheitert war.
Mr. Cacy blickte ihn mit einem so wütenden Blick an, dass Jack unwillkürlich zusammenzuckte.
„Was um alles in dieser Gott verdammten Welt fällt dir ein, in meinem Unterricht zu schlafen?!“
Jack öffnete den Mund, um zu antworten, aber sein Lehrer kam ihm zuvor.
„Nein, warte, beantworte lieber diese Frage: Wieso schläfst du überhaupt im Unterricht!?“
Jack wischte sich die Spucke, die Mr. Cacy in seinem Gesicht verteilt hatte, angeekelt mit dem Handrücken weg und antwortete dann, als sei es das Selbstverständlichste der Welt:
„Na, weil ich müde bin.“
Während Mr. Cacy vor Wut rot anlief, begann die Klasse bei Jacks Worten zu lachen.
„Haha, der Jack ist ja so witzig, so witzig ist der Jack!“
Mr. Cacys Stimme war eine Oktave höher gerutscht und hatte einen sarkastischen Unterton bekommen.
„Aber ich sag euch jetzt mal was: der super lustige und gegen alle Regeln verstoßende Jack wird später einmal bestenfalls Kanalarbeiter oder Abwassertechniker!“
Mr. Cacy sah die Klasse auffordernd an, wahrscheinlich hoffte er, ein paar Lacher zu kassieren.
„Wenigstens würde ich das schaffen und nicht wie Sie als Mathelehrer enden.“
Nun brach die Klasse wieder in Gelächter aus, und einige nickten zustimmend. Mr. Cacy wurde rot wie eine Tomate, schlug seine knochige Faust kochend vor Wut auf Jacks Tisch und schürzte seine Lippen, so dass Jack mit seinem Stuhl zurück rutschte, in der Angst, wieder von der feuchten Spucke seines Lehrers besprüht zu werden.
„RAUS! SOFORT!“
Sein Lehrer deutete zur Tür, und Jack erhob sich lächelnd. Er hatte sein Ziel erreicht: er durfte den Unterricht verlassen. Er packte sein Mathebuch in seinen schwarzen Rucksack und verbeugte sich vor Mr. Cacy.
„Der Unterricht war wie immer sehr unterhaltsam, ist mir immer wieder ein Vergnügen, Sir.“
Mit diesen Worten verließ er grinsend das Klassenzimmer.
Draußen angekommen erlosch sein Lächeln augenblicklich. Erschöpft ließ er sich auf den kalten Steinboden sinken und lehnte seinen Kopf an die Wand hinter sich. Er schloss die Augen. Schon sieben Wochen war er nun in Philos, einer Art Internat für Jugendliche, und hier hatte er plötzlich seiner Mutter gegenübergestanden. Laynia, seine Mutter, die er nur von Fotos kannte, war die Leiterin von Philos. Sie wolle ihn, ihren Sohn, ab jetzt selbst schützen, hatte sie ihm gesagt, denn sein Leben sei bedroht. Deshalb habe sie ihn hierher bringen lassen.
Sein Leben bedroht? Jetzt? Sein Leben war schon lange bedroht. Seine Mutter hatte die Familie verlassen, als er noch nicht einmal ein Jahr alt war. Sie war eines Tages plötzlich verschwunden. Er war bei seinem Vater, Antony Evans, aufgewachsen bis zu dem Tag, als er den gewaltsamen Tod seines Vaters mit ansehen musste. Jack hatte sich danach fast ein ganzes Jahr auf der Straße und in der Kanalisation in Jeacksonwille versteckt, verzweifelt und voller Angst vor William Afternoon, dem Mörder seines Vaters. Hier fand ihn Soonmary Winterbottom und brachte ihn in sein Camp. Soonmary, mit seiner lustig wackelnden Butterblume auf dem Hut, hatte Jack gerettet, und nun begann in diesem Camp mit seinen vielen Kindern und Jugendlichen, die genau wie Jack keine Eltern mehr hatten oder zuhause bedroht waren, ein neues Leben. Jack fand Freunde, und er hatte Unterricht bei fantasievollen und lustigen Lehrern. Doch dann war William Afternoon in das Camp eingedrungen und hatte alles zerstört, er hatte ihre Häuser niedergebrannt und erneut Menschen getötet.
Seitdem war Jack wieder auf der Flucht, aber dieses Mal zusammen mit seinen Freunden, mit Becca und Charlie, Jeremy und Theo. Sie hatten so viel gemeinsam erlebt.
Und nun war er eingesperrt in Philos, von seiner eigenen Mutter. Seine Freunde waren in ihr Camp zurückgekehrt, um es wieder aufzubauen, und er war wieder allein. Er hatte zwar auch in Philos neue Freunde gefunden, Nate und Jessica, aber er wollte wieder zurück ins Camp, sein Zuhause.
Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wie sich jemand neben ihn setzte. Erst als er einen kräftigen Schlag auf seine Schulter bekam, sah er auf. Nate saß neben ihm, einen besorgten Blick auf dem Gesicht.
„Du bist schon wieder rausgeflogen? Wie schaffst du das nur immer!“
„Keine Ahnung. Ich hab inzwischen Übung, die Lehrer zu provozieren“, antwortete Jack und zuckte mit den Schultern.
„Du musst echt was lernen, Jack. Deinetwegen feiern wir jetzt nur noch am Wochenende und versuchen, uns so gut wie möglich auf den Unterricht zu konzentrieren. Du hast uns gesagt, wenn wir im Leben mal was erreichen wollen, sollten wir uns schon jetzt anstrengen und nicht jeden Tag feiern. Und jetzt sieh dich an, du bist so geworden wie ich! In ein bisschen beliebter…“
Nate sah gedankenversunken an die Decke, von der eine defekte Lampe baumelte. Jack lächelte verschmitzt.
„Wie´s aussieht, werde ich Kanalarbeiter. Mr. Cacy hat wieder den allwissenden Wahrsager gespielt.“
Nate grinste in sich hinein.
„Mir hat er mal prophezeit, dass ich später Lamas züchten werde. Seit diesem Tag ist das Lama mein Lieblingstier.“
Sie begannen zu lachen, doch schließlich wurde Jack wieder ernst.
„Du weißt, warum ich das mache. Ich will hier raus, und ich dachte, du willst das auch!“
Jack sah seinen Freund fragend an.
„Ja…schon. Nur, wo soll ich denn hin, wenn ich abhaue? Ich kann ja wohl schlecht zu meinen Eltern zurück. Da will ich, ehrlich gesagt, auch gar nicht hin.“
„Ich dachte, es wäre klar, dass du mit mir ins Camp kommst.“
Nate knetete verlegen seine Hände.
„Ja, das hatten wir mal angesprochen. Aber ich war mir dann nicht ganz sicher, ob das wirklich ernst gemeint war von dir. Ich mein, also ist das echt oka...?“
„Natürlich war das ernst gemeint! Es wäre cool, wenn du mitkommst.“
Ein Leuchten erhellte Nates eisblaue Augen.
„Also, wenn´s dich glücklich macht.“
Nate schlug Jack auf die Schulter, und der zog eine Grimasse.
„Dann würde ich sagen, wir brechen heute Abend auf, oder? Je schneller desto besser!“
Jack sah ihn überrascht an.
„Schon heute Abend? Echt jetzt? Das wäre super!“
Jacks Herz begann schneller zu schlagen. Wenn alles gut laufen würde, wären sie morgen im Camp. Bei Becca, Jeremy, Charlie und Theo!
„Noch eine Frage, Jack, gibt es bei dem Camp, oder was auch immer das ist, eine Schule oder sowas in der Art? Ich will nämlich noch was erreichen in meinem Leben…obwohl, wenn ich es mir recht überlege, wäre ich mit „Lamazüchter“ auch einverstanden.“
Jack begann wieder zu lachen und antwortete schnell, um Nate mit seinem erwartungsvollen Blick nicht zu enttäuschen:
„Ja, eine Schule gibt es dort auch.“
Nate strahlte.
„Cool! Ich bin schon mega gespannt, wie es da aussieht, und vor allem freue ich mich auf diesen lustigen Typen...Jeremy oder? Der, der immer deinen Pulli klaut.“
„Ja, Jer. Apropos: wo ist der Pulli überhaupt?“
Jack sah seinem Freund, der soeben auffällig schnell hinter einem ihnen nahestehenden Busch verschwunden war, misstrauisch hinterher. Er erhob sich und lief, die Hände zu einer Pistole geformt, auf den Busch zu.
„Kommen Sie sofort aus der Palme da raus, oder ich schieße“, drohte er mit tiefer und bedrohlich klingender Stimme.
Nate seufzte ergeben und kam schließlich mit erhobenen Händen hinter der Pflanze hervor. Jack ließ seinen Blick von unten nach oben gründlichst über Nate wandern. Dieser trug schwarze Stiefel, dunkelblaue Jeans und einen pechschwarzen Hoodie.
„Aha!", rief Jack aus und deutete triumphierend auf den schwarzen Pulli.
„Der ist nicht gestohlen, nur ausgeliehen. Wirklich Officer, Sie müssen mir glauben!“
Nate ließ sich vor Jack auf die Knie fallen und krallte sich an dessen Beine.
„Ja, ja, das sagen sie alle.“
Jack versuchte alles, um ihn abzuschütteln, doch Nates Griff war überraschend fest.
„Okay! Okay, ich glaube Ihnen! Der Pulli ist nur ausgeliehen.“
Nate ließ augenblicklich los und erhob sich wieder.
„Weißt du was? Ich glaub, jetzt freue ich mich sogar noch mehr, diesen Jer kennenzulernen. Oh, und natürlich deine kleine Freundin.“
Er durchwuschelte Jacks dichtes, pechschwarzes Haar, das länger geworden war und ihm nun beinahe bis über seine karamellbraunen Augen fiel. Mit einer Hand strich er sie aus der Stirn, um wieder freie Sicht zu bekommen. Nate zwinkerte ihm noch einmal zu, bevor er sich zum Gehen wandte.
„Ich würde vorschlagen, wir gehen jetzt unsere Sachen packen und um 23:00 Uhr treffen wir uns im Erdgeschoss. Ich hab schon einen Plan, den erzähl‘ ich dir, wenn es soweit ist.“
Mit diesen Worten eilte Nate zum Fahrstuhl und verschwand darin. Jack erhob sich ebenfalls. Heute Abend, heute Abend würde er endlich nach Hause zurückkehren!
Jack rannte die großen, steinigen Treppenstufen nach unten ins Erdgeschoss. Fast wäre er erwischt worden, als er sich aus dem Apartment seiner Mutter geschlichen hatte, und sein Herz pochte noch immer rasend schnell und wollte nicht zur Ruhe kommen. Würden sie es heute nicht schaffen auszubrechen, so würde er es womöglich auch nie mehr nur in Betracht ziehen können, hier je wieder rauszukommen.
Er übersprang die letzten paar Stufen und lief den langen Gang entlang, auf der Suche nach Nate. Einen genauen Treffpunkt hatten sie nicht ausgemacht, nur, dass es im Erdgeschoss sein würde und zwar um Punkt 23:00 Uhr.
Der Gang endete bald, und er hatte seinen Freund noch immer nicht entdeckt. Dabei war es schon fünf Minuten nach! Jacks Herz begann wieder hektisch zu klopfen. Was, wenn Nate erwischt worden war? Was, wenn…er schrak fürchterlich zusammen, als ihn jemand von hinten grob an den Schultern packte. Jack drehte sich blitzschnell um, seine Faust geballt, bereit, sie seinem Angreifer ins Gesicht zu schlagen, doch es war nur Nate. Jack ließ die Hand wieder sinken und sah seinen sich vor Lachen krümmenden Freund wütend an.
„Was sollte das denn, verdammt?“
„‘tschuldigung, ich konnt´s echt nicht lassen. Du hättest dein Gesicht sehen sollen!“
Nate hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Okay, was ist jetzt dein Plan?“
Nate hatte sich wieder beruhigt, und sein Blick wurde ernst und konzentriert.
„Also, wir gehen in den Keller, dort gibt es ein kleines Fenster, durch das wir nach draußen kommen, da passen wir locker durch. Man gelangt in den Garten in die Nähe der großen Tanne. Weißt du, welche ich meine?“
Jack nickte, und Nate führte seine Planerläuterung fort:
„Von dort aus müssen wir einmal quer durch den Garten zu dem Apfelbaum, der nah am Zaun steht. Na ja, wir klettern rauf und können uns so am Ast entlang über den Zaun hangeln. Auf der anderen Seite springen wir runter und laufen dann in die Stadt, wo es eine Bushaltestelle gibt. Von dort aus fahren wir nach Jeacksonwill. Tada!“
Jack sah Nate skeptisch an. Der Plan war ziemlich riskant, und sie konnten im Garten gesehen werden.
„Wir schaffen das, Jack. Mach dir keine Sorgen. Ich hab‘s zwar noch nie geschafft, den Plan durchzuziehen, weil ich immer erwischt wurde…aber heute wird es schon gut gehen. Ich bin ja in die Schule gegangen und schlauer geworden, und ich hab dich.“
Nate schlug ihm aufmunternd auf die Schulter und kramte einen Schlüssel aus seinem vollgepackten Rucksack, der Jack erst jetzt auffiel.
„Was hast du denn alles dabei?“
„Ach, nur das Nötigste,“ antwortete Nate seelenruhig und öffnete eine vor ihnen liegende Tür.
Eine lange Treppe, die in matte Dunkelheit führte, tat sich vor ihnen auf. Nate zog nach langem Kramen in seinem vollgepackten Rucksack zwei Taschenlampen heraus und drückte Jack eine in die Hand.
„Ich hab an alles gedacht, glaub mir.“
Er knipste seine Lampe an und begann den Treppenabstieg. Jack folgte ihm.
Der Keller war bis zur Decke mit Fässern und Regalen, in denen sich Lebensmittel häuften, vollgestellt.
„Ach, hier haben sie das Essen versteckt! Ich hab die Speisekammer immer gesucht, aber nie gefunden.“
Nate trat zu einem Regal und begann, sich Brot, Würste, Schokolade, Obst und Gemüse in den Rucksack zu stopfen.
„Nate, wir haben jetzt keine Zeit dafür! Wo ist das Fenster?“
Jack hatte sich schon die ganze Zeit nach dem kleinen Fenster umgesehen, von dem Nate ihm erzählt hatte und das ihr Fluchtweg sein sollte, konnte jedoch keins entdecken.
„Entspann dich mal, du wirst mir später noch danken, dass ich uns was zu essen eingepackt hab. Und da ist es doch!“
Nate deutete nach oben, wo Jack ein winziges Fenster, durch das schüchtern das zarte Mondlicht schimmerte, erkennen konnte.
„Was? Da kommen wir doch niemals hoch.“
Jacks Hoffnung, es irgendwie zu schaffen, hier herauszukommen, sackte in sich zusammen.
„Das sind 70 Meter, wenn nicht mehr.“
„Jack, das sind doch keine 70 Meter. Und außerdem hab ich ein Seil dort befestigt.“
Er leuchtete vom Fenster abwärts, so dass Jack das dicke Seil erkennen konnte.
„Und daran sollen wir uns hochhangeln?“
Nate nickte.
„Für dich sollte das aber wirklich kein Problem sein. Du machst jeden Tag Sport, Jack! Also, wenn das für irgendjemanden kein Problem ist, da hoch zu kommen, dann für dich.“
Jack nickte ermutigt und lief zu dem Seil. Er umgriff es weit oben. Seine Hände waren vor Aufregung schweißnass. Er zog sich immer weiter nach oben und merkte überrascht, dass es sogar ziemlich gut funktionierte. Die vielen Stunden Sport jeden Tag machten sich endlich bezahlt. Etwas außer Atem ließ er sich oben auf die kleine Fensterbank fallen und wischte seine feuchten Hände an der Hose ab. Er blickte nach unten. Nate hatte das Seil umgriffen, seine Füße an die Wand gestemmt und zog sich mit Hilfe der Wand hoch. Schwer atmend kam er oben an.
„Du bist echt verrückt. Ich bin auch mit Wand komplett außer Atem, und du machst das ohne.“
Nate schüttelte den Kopf, während Jack sich bereits daran versuchte, das Fenster zu öffnen. Es war verschlossen.
„Verschlossen! Was machen wir jetzt?“
Er drehte sich zu Nate um, der schon wieder begonnen hatte, in seinem Rucksack zu kramen. Schließlich zog er einen Hammer raus.
„Du willst das Fenster einschlagen?“
Jack sah ihn fassungslos an.
„Nein, du willst das.“
Mit diesen Worten drückte er Jack den Hammer in die Hand. Jack zögerte, doch dann schmetterte er ihn entschlossen mit voller Wucht gegen die Scheibe. Ein Knall, ein Klirren, und das Glas zersprang in tausend Stücke. Vorsichtig, um sich nicht an den spitzen, scharfen Scherben zu verletzen, schlüpften die beiden durch das kleine Loch, das entstanden war.
Jack ließ sich für einen Moment erschöpft ins feuchte Gras fallen und genoss den kühlenden Wind in seinem Gesicht. Doch Nate zog ihn schnell wieder auf die Füße, warf den Hammer zurück in seinen Rucksack und lief voraus in den dunklen Garten. Hier wartete die nächste Herausforderung. Um nicht vom Haus aus gesehen zu werden, mussten sie ihre Taschenlampen ausschalten. Es war stockfinster. Jack stolperte zweimal über Wurzeln und stürzte und lief einmal direkt gegen einen Baum. Nate kannte den Weg wegen seiner unzähligen Ausbruchsversuche fast auswendig, und so kam er schneller vorwärts.
„Weißt du, was ich schon immer mal wissen wollte…“
Nate hatte sich bei diesen Worten zu Jack umgedreht und stolperte sofort über einen großen Stein. Er stöhnte und schlug mit einem harten Aufprall zu Boden. Jack wollte ihm gerade aufhelfen, da traf sie ein heller Lichtstrahl.
„Renn!“, rief Nate, und beide sprinteten in die Finsternis hinein, wo das Licht sie nicht mehr erreichte, und weiter bis zum Zaun und dem Baum, von dem aus sie auf die andere Seite springen wollten.
„Das war so verdammt knapp“, keuchte Nate und lehnte sich an den Zaun.
Jack drehte sich noch einmal zurück, und während Nate schon den Baum hochkletterte, erblickte er eine dunkle Silhouette, die sich ihnen näherte.
„Oh nein! Nate! Nate, da kommt jemand!“
Nate hatte den Sprung auf die andere Seite schon geschafft, während er sich noch an einem langen Ast hochhangelte. Sein Atem stockte, er verlor den Halt und stürzte zu Boden. Wie vom Teufel gejagt sprang er auf, um den Aufstieg abermals zu versuchen - da packte ihn jemand. Eine Hand umklammerte seinen Arm, während sich lange Fingernägel in seine Haut gruben, die andere Hand war in sein Shirt gekrallt und drückte ihn an den Baum.
„Du wolltest also abhauen, hm?“
Das war eine Mädchenstimme…Jessica. Erleichtert atmete er auf, als er ihre Stimme erkannte.
„Jess, ich, ich kann das erklären…“
„Musst du nicht, du kommst jetzt mit mir nämlich wieder rein.“
Ihr Griff wurde fester, und sie kam ihm so nahe, dass er ihr Gesicht auch im Dunkeln erkennen konnte.
„Lass den armen Jack los!“, rief Nate von der anderen Seite und kam an den Zaun zurück.
Jessica löste sich augenblicklich von Jack.
„Du auch? Du wolltest einfach abhauen? Ohne mich? Du hast mir versprochen, das nächste Mal hauen wir zusammen ab. Du mieser Verräter!“
Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden auf, ihre Stimme war schrill geworden vor Enttäuschung und Wut.
„Tut mir echt leid, wirklich, aber wir müssen jetzt weiter, also bitte verrate uns nicht, bitte!“
Nate flehte sie an und ging sogar auf der anderen Seite des Zauns in die Knie. Jessica, der das Schauspiel anscheinend sehr gefiel, ließ ihn noch ein paar Minuten grinsend zappeln, dann antwortete sie:
„Schön, ich verrate euch nicht...“, Jack und Nate atmeten erleichtert auf, „wenn…“, beide stöhnten enttäuscht, „ich mitkommen darf“, beendete sie den Satz, und Nate verdrehte genervt die Augen.
„Na gut, aber schnell jetzt!“, zischte er, und Jack begann, den Baum zum zweiten Mal zu erklimmen.
Mit einem gewagten Sprung ins Dunkle kam er auf der anderen Seite an, und Jessica folgte ihm nach. Jetzt mussten sie nur noch hinunter zum Ort und dort den Bus nach Jeacksonwill nehmen.
Verschwitzt und außer Atem kamen die drei im Dorf an. Der Weg dorthin war länger gewesen als gedacht. Die Sonne war bereits hinter den kleinen, eng aneinander gereihten Häusern aufgegangen, und sie hörten einen Hahn krähen. Die Gassen, durch die sie sich müde und erschöpft schleppten, waren verschmutzt und stanken nach Müll. Die Häuser standen schief und krumm, von den Wänden blätterte der Putz. Manche Gebäude schienen unbewohnt zu sein.
„Hier ist das Ende der Siedlung, und wir haben keine Bushaltestelle entdeckt.“
Jack ließ sich auf die schräge Bordsteinkante fallen. Jessica und Nate setzen sich neben ihn.
„Wo ist jetzt diese Bushaltestelle, von der du erzählt hast?“
Jessica sah Nate fragend an.
„Nun ja…es könnte sein, dass ich das mit der Bushaltestelle in dem Glauben, dass jede Stadt eine Bushaltestelle besitzt, gesagt habe…“
Nate zuckte entschuldigend mit den Schultern, und Jack fuhr sich verzweifelt übers Gesicht.
„Wasser?“
Nate zog eine große Flasche Wasser aus seinem Rucksack, aus denen die drei nacheinander mit großen, gierigen Schlucken tranken.
„Und was sollen wir jetzt machen?“
Jessica nahm noch einmal zwei große Schlucke.
„Keinen Plan“, antworteten Nate und Jack fast zeitgleich.
Jessica verdrehte die Augen und zog sich ihre High Heels von den schmerzenden Füßen.
„Du hattest den ganzen Weg lang so hohe Schuhe an?“
Jack blickte sie ungläubig an und sog scharf die Luft ein, als große Blasen zum Vorschein kamen.
„Ach, das geht schon. Ich bin darin geübt.“
Sie zwinkerte ihm zu und nahm dankend das große Pflaster entgegen, das Nate ihr aus seinem Rucksack geholt hatte.
Jack schaute nachdenklich die Dorfstraße hinunter, da blieben seine Augen an dem Gebäude schräg gegenüber hängen. Es war ein ziemlich heruntergekommenes Hotel namens „Lavendla“. Dass es einst in einem schönen Violette gestrichen war, konnte man nur noch an einer Stelle oberhalb der Tür erkennen. Sonst war der Putz vollends abgeblättert, die Fassade darunter schmutzig braun.
„Das sieht ja einladend aus!“
Er deutete auf das Hotel, und Nate und Jessica nickten zustimmend.
„Aber es sieht von allen Häusern hier am erträglichsten aus, findet ihr nicht?“
Nun nickten Nate und Jack zustimmend, aber keiner rührte sich. Gespannt beobachteten die drei, wie sich die Tür öffnete und zwei riesige, muskulöse Männer heraustraten. Beide waren schwarz gekleidet und trugen große Sonnenbrillen, die fast ihr gesamtes Gesicht verdeckten. Nach ihnen folgten zwei weitere Personen, ebenfalls mit Sonnenbrille und in schwarzen Anzügen.
„Lassen Sie mich los, ich kann alleine gehen!“
Jack horchte überrascht auf. Die Stimme kannte er, da war er sich sicher. Einer der Männer drehte sich zu ihnen um und wies die anderen auf sie hin, so dass schließlich alle schwarz gekleideten Personen ihren Blick auf sie gerichtet hatten.
„Ich fühl‘ mich irgendwie beobachtet“, flüsterte Nate.
„Wirklich? Wie kommt das bloß?“, wisperte Jack sarkastisch, und Nate musste grinsen.
„Das ist gerade sehr, sehr unangenehm“, flüsterte Jessica, zog eine Sonnenbrille aus ihrer Jackentasche und setze sie auf.
„So, schon besser!“
Nun starrte sie die sonnenbebrillten Menschen genauso merkwürdig an, wie diese sie beobachteten. Jack konnte erkennen, wie sich eine kleinere Person, die nicht schwarz gekleidet war, zwischen den anderen mühsam hindurchschob.
„Jack!“
Sie rannte auf Jack zu und fiel ihm in die Arme. Es war Lucy. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, und ihre himmelblauen Augen strahlten vor Freude.
„Was machst du denn hier?“
Jack sah sie verwirrt an.
„Längere Geschichte. Ich erzähle es euch drinnen, wenn ihr wollt. Kommt!“
Sie nahm Jack bei der Hand und zog ihn mit sich. Die anderen beiden folgten ihnen verständnislos. Lucy drängte sich zwischen den schwarzen Männern hindurch und führte sie ins Innere des Hotels.
