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Elvira wünscht sich zu ihrem 39.Geburtstag, gemeinsam mit ihrem Harald das neu eröffnete Dunkelrestaurant auf dem Schafsberg zu besuchen. Zugleich erhält der Lokalredakteur Harald Stöhr von seinem Chef Benno Bitterlich den Auftrag, eine Reportage über die Neueröffnung des Dark Restaurants zu schreiben. Mit von der Partie sind Elviras Freundin Susanne und deren Mann Horst. Gesagt – getan. Gleich im düsteren Vorraum und in der Wandelbar wirkt die Atmosphäre recht unheimlich. Die Beklemmungen und Ängste steigern sich zusehends im total finsteren Raum des Lokals, dies nicht zuletzt aufgrund der schaurigen akustischen "Unterhaltung". Für Haralds Steigerung schrecklicher Phantasien sorgen zudem das seltsame Personal, auch eine Clique von Satanisten und der dubiose Horst, vor dem sich Harry mehr und mehr fürchtet. Schließlich kommt es im Dunkel zu einem Tumult. Ist da ein Verbrechen verübt worden? Die Gäste geraten in Panik. Harald und Elvira flüchten vom Ort des Schreckens. Wie wird sich das Ganze aufklären?
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Andreas Henschel
Dark Restaurant
Eine Thriller-Satire
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Dark Restaurant
Impressum neobooks
(Eine Thriller-Satire)
„Harald, die Turmuhr hat schon acht geschlagen“, sagte Elvira so prononciert, als hätte ich eben anderes behauptet. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs rostbraun gefärbte Kräuselhaar und stellte die Kaffeekanne betont geräuschvoll aufs Stövchen.
Ich blickte kurz über den Rand meiner Morgenzeitung.
„Bin ja nicht taub. Lass dir’s schmecken, Elvi.“ Mit Sicherheit wollte sie mich dazu bewegen, das lokale Wurstblatt beiseitezulegen. Den Teufel werde ich tun, dachte ich. So rebellierte ich schweigend, und sei es nur, um in diesem kleinen Machtkampf nicht gleich die Waffen zu strecken.
Außerdem ist dieser allmorgendliche Akt für mich bereits Arbeit. Denn als Redakteur des Nesselstedter Boten gliche es einer Majestätsbeleidigung, wenn man beispielsweise die neuste Kolumne von Lokalchef Benno Bitterlich nicht gleich beim Eintritt in sein Gemach in höchsten Tönen lobt. Nur meine Frau weigert sich bis heute vehement, Lesen als Arbeit zu akzeptieren.
Jenes morgendliche Ritual wiederholt sich fast immer an den Tagen, da Elvira erst zur Nachmittagschicht antanzen muss. Sie arbeitet als Verkäuferin in der Textilabteilung des größten Supermarkts unserer Kleinstadt. Es ist wohl auch ihrem Beruf geschuldet, dass bei ihr zwei Eigenschaften besonders ausgeprägt sind. Sie kann ein Vorhaben sehr zielstrebig, ja zäh verfolgen und kommuniziert gern und häufig. Ich nenne sie redselig, wenn ich geschwätzig meine.
Damals beim Frühstück erzählte sie etwa zehn Minuten lang von ihrer Freundin und Kollegin Susanne, um so peu à peu zu ihrem eigentlichen Anliegen vorzustoßen.
„Ständig unternimmt sie etwas mit ihrem Horst. Die beiden sind beneidenswert fit und agil“, meinte sie, „da kann sich mancher eine Scheibe abschneiden.“ Nach diesen Worten hielt sie inne. Ihr fragender Blick ließ mich Schlimmes befürchten.
Mit dem Scheibenabschneider war wohl ich gemeint. Während ich bisher nur beharrlich schwieg, merkte ich nun, dass ich um eine verbale Reaktion nicht herumkam. Nach einem tiefen Seufzer legte ich die Zeitung beiseite.
„Hab dir doch versprochen, dich zu deinem neununddreißigsten Geburtstag groß auszuführen. Schon vergessen?“
Sie zupfte an ihrer blau geblümten Kittelschürze.
„Der ist erst in drei Wochen, Harry. Aber gut. Wohin?“
„Natürlich in unser Stammlokal. Da schmeckt es uns doch.“
„Mal was Neues fällt dir wohl nicht ein?“, echauffierte sie sich. Ich muss sie daraufhin ziemlich grimmig angeschaut haben, denn sie blinzelte versöhnlich und lächelte listig.
„Entspann dich, Harry. Die Mühe haben wir dir abgenommen. Susanne hatte die tolle Idee. Echt ein heißer Tipp. Nun halte dich fest. - Wir feiern im Dark Restaurant.“
Ich schluckte heftig, während sie fortfuhr:
„Um die Eintrittskarten zur Eröffnung sollen sich die Leute regelrecht gebalgt haben. Aber keine Angst. Susi hat für uns vier schon welche ergattert.“
Für uns vier! Und Susi! Für sie hätten wir glatt einen dritten Stuhl aufstellen können, symbolisch natürlich. Denn bei unseren Gesprächen war sie stets allgegenwärtig. Elviras Mitteilung bereitete mir eher Angst als Freude, und ich fragte:
„Ein dunkles Restaurant? Ganz finster?“
Elvira nickte und lächelte glückselig, als sei ihr eben die Jungfrau Maria erschienen.
„Welch ein haarsträubender Blödsinn“, wagte ich einzuwenden, „ich will doch sehen, was ich mir einverleibe. Das Auge isst mit.“
Mit dieser abfälligen Bemerkung war ich nun voll ins Fettnäpfchen getreten. Wie so oft, wenn man ihre Leidenschaften nicht teilte, reagierte sie ungestüm, ja ausfallend.
„Du bist eine alte Dumpfbacke ohne jeden Sinn für kreative Ideen.“
Unsere kontroversen Auffassungen über Kreativität brachte ich vorerst nicht zur Sprache. Selbst die ‚alte Dumpfbacke‘ würgte ich samt Marmeladenbrötchen still hinunter wie eine Kröte.
Meine Frau schickte bei gravierenden Kontroversen immer solch ein niederschmetterndes Pauschalurteil über meine Person voraus, ehe sie sich zu einer ausführlichen Begründung herabließ. Aber die hätte sie sich und mir auch ersparen können, weil mir der Vorbericht meiner Kollegin Debby in unserer Lokalpresse nicht entgangen war. Selbst die Eröffnung einer Dönerbude ist ja für unsere kleine Kreisstadt Nesselstedt im tiefsten Osten Deutschlands schon eine Sensation, auf die wir Redakteure uns mit Heißhunger stürzen.
Also wusste ich alles, eigentlich mehr als nötig. Ein leerstehender, verfallener einstiger Gasthof auf dem ortsnahen Schafsberg galt als großes Sorgenkind unseres rührigen Bürgermeisters Willi Wollkopf. Doch der Provinzler hatte hochfliegende Pläne. Irgendein ostfriesischer Investor hatte ihm und allen Bürgern der Region hoch und heilig versprochen, das Mini-Dornröschenschloss in einen wahren Touristenmagneten zu verwandeln und damit das ganze triste Nesselstedt aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken.
Bisher gebe es Dunkelrestaurants nur in ein paar Großstädten, meinte der Stadtchef. Aber das auf dem Schafsberg werde einmalig, - eine Attraktion, die über unsere Landesgrenzen hinaus Beachtung finden würde. Und der Ostfriese pflichtete ihm bei, zog gar noch einen Trumpf aus der Tasche. Die Geschäftsidee habe er sogar verfeinert. Ihm schwebe kein stinknormales Dunkelrestaurant vor. Nein, er sorge auch für die passende Unterhaltung der Gäste. Zugleich zeuge „DARK“ schon mal vom internationalen Flair.
Während der Stadtchef sofort und unbedenklich Blut geleckt hatte, war ich wesentlich skeptischer. Ich bezweifelte arg, dass sich jemals ein Engländer oder Amerikaner auf den Schafsberg, diesen 190 Meter hohen Hügel, verirrt. Überhaupt hatte ich wenig übrig für all den neumodischen, verzichtbaren Schwachsinn, der da über den Atlantik zu uns herüberschwappte.
Elvira schien mir meinen Missmut von der Stirn abzulesen. Sie spulte sich eines ihrer rostbraunen Löckchen um den Zeigefinger und versuchte mich aufzumuntern:
„Ist doch eine kreative Geschäftsidee. Findest du nicht? Wenn alles Visuelle ausgeschaltet ist, können unsere Geschmacksknospen wahre Wunderdinge vollbringen.“
„Bei mir ist es gerade umgekehrt“, erwiderte ich trocken. „Meine Augen versenden ziemlich zuverlässige Signale an meine Geschmacksknospen. Auch verstehe ich unter Kreativität etwas anderes. Schließlich wird die Erfindung des Sarges auch nicht als besonders kreativ gepriesen, weil sich’s im Dunkel besser schläft.“
Sie blickte säuerlich drein.
„Wie witzig! Wir werden ja sehen.“
„Wieso sehen?“, fragte ich zurück, ohne eine Antwort zu bekommen.
***
Die Zeit bis zu Elviras großem Tag verfloss langsamer als mir lieb war. Mitten in meiner Schreibarbeit ertappte ich mich zuweilen, dass mir plötzlich wilde Szenarien durch den Kopf schwirren:
Vergeblich taste ich im finsteren Raum nach meinem Besteck. Da ertönt die böse Stimme eines Brummbärs.
„Suchst du dein Messer, Kamerad? Sorry, das habe ich. Und ich weiß auch, wozu es bestimmt ist …“
