Das ABC des Beutemachens - Monika Niehaus - E-Book

Das ABC des Beutemachens E-Book

Monika Niehaus

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Beschreibung

Von Feinschmecker-Orcas, die sich auf Weißhai-Leber spezialisiert haben, über Keksausstecher-Haie, die ihren Opfern Fleischplätzchen aus dem Leib stanzen, bis zu Krokodilen, die auch unsereins ganz selbstverständlich als Beute ansehen – der Einfallsreichtum der Natur ist wahrhaft unerschöpflich, wenn's um die Beschaffung der nächsten Fleischmahlzeit geht. Und wenn Sie einige der Geschichten so interessant finden, dass Sie die eine oder andere weitererzählen, dann hat sich das Aufschreiben doch gelohnt!

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Monika Niehaus

Das ABC des Beutemachens

Wie Fleischfresser an ihre nächste Mahlzeit kommen

Außer der Reihe 93

Monika Niehaus

DAS ABC DES BEUTEMACHENS

Wie Fleischfresser an ihre nächste Mahlzeit kommen

Außer der Reihe 93

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juli 2025

p.machinery Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild: W. Carter, Gelbe Haarqualle, die gerade drei Ohrenquallen erbeutet (commons.wikimedia.org/wiki/File:Three_moon_jellyfi shes_captured_by_a_lion%27s_mane_jellyfish_1.jpg)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 461 8

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 687 2

Für Dr. Barbara Riehl (1960–2024)

Studienkollegin und Freundin

Vorwort

Sich selbst versorgen oder andere fressen

Jeder Organismus, der überleben will, muss eine Möglichkeit finden, sich zu ernähren, und da gibt es im Bereich höherer Organismen (Bakterien lassen wir hier außen vor) prinzipiell zwei grundsätzlich verschiedene Formen: Man ist Selbstversorger und erzeugt das, was man braucht, aus anorganischen Verbindungen und Energie, oder man ernährt sich von anderen Organismen.

Im ersten Fall ist der Organismus autotroph. Das beste Beispiel sind Fotosynthese betreibende Pflanzen: Sie nutzen Kohlendioxid als Kohlenstoffquelle, Wasser als Elektronenquelle und Sonnenlicht als Energiequelle und erzeugen mit deren Hilfe Zucker (Glukose) als Treibstoff.

Im zweiten Fall ist der Organismus heterotroph. Das bekannteste Beispiel sind Tiere. Heterotrophe Organismen (zu denen neben Mensch und anderem Getier auch die Pilze zählen) müssen organische Verbindungen zu sich nehmen, um ihren Energiehaushalt und ihren Stoffwechsel in Gang zu halten. Dabei gibt es prinzipiell wieder zwei Möglichkeiten: Man ernährt sich von Pflanzen bzw. pflanzlichem Material und ist Pflanzenfresser (herbivor), oder man ernährt sich von Tieren, dann ist man Fleischfresser (karnivor). Dazwischen gibt es allerlei Mischformen; Tiere, die sich teils pflanzlich, teils fleischlich ernähren, nennt man Allesfresser (omnivor).

In diesem Buch geht es um Fleischliebhaber, also vor allem um Raubtiere, Beutegreifer oder Prädatoren (sowie ein paar fleischfressende Pflanzen), die andere Tiere erbeuten, töten und sich einverleiben, und das auf ganz unterschiedliche Weise, von direkt und ohne Federlesens bis höchst raffiniert. Denn so gut wie alles, was die menschliche Fantasie ersonnen hat, um störenden Artgenossen den Garaus zu machen, findet sich auch als Beutestrategie im Tierreich: vom Abschießen über Elektroschocken, Enthaupten, Erdolchen, Ersticken, Ertränken, bis Vergiften und Zerreißen – you name it, you get it.

Dabei stehen die Methoden des Beutefangs im Mittelpunkt, sei es per Unterwasserfalle, Stromschlag, Geschoss oder Bolawurf, mit täuschenden Attrappen oder Panzerfaustschlag à la Old Shatterhand. In diesem Zusammenhang werden Sie feststellen, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Formen des Fleischerwerbs fließend sind und sich manche Aggressoren mit Teilen ihrer Beute begnügen; daher finden Sie unter den Porträtierten den Keksausstecher-Hai, der seinen Opfern große Fleischbrocken aus dem Leib reißt, ebenso wie einige Blutsauger. Und Sie werden feststellen, dass es in der Biologie praktisch keine Regel ohne Ausnahme gibt – irgendeine Art tanzt immer aus der Reihe (die kommt dann in die Endnoten).

Wer über biologische Themen schreibt, braucht vor allem Mut zur Lücke. Das Thema »Beute machen« ist derart vielfältig, dass dieses Buch nur eine kleine Auswahl von Beispielen vorstellen kann, die aus dem Rahmen des Üblichen fallen und nicht nur informativ sind, sondern Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht manchmal auch zum Staunen bringen. Da hätten wir Quallen, die Fische mit Explosivwaffen attackieren, fleischfressende Pflanzen, die ihren Besuchern Freilufttoiletten anbieten, Fliegen, die ihre Wirte enthaupten, oder Spinnen, die Schlangen fressen – ungewöhnliche Geschichten, die man auch gut weitererzählen kann (am heimischen Küchentisch auf Tauglichkeit geprüft).

Monika Niehaus

Düsseldorf, im Mai 2025

Abschießen

Erstaunlich viele Lebewesen in freier Natur setzen in bestimmten Lebenslagen auf Ballistik: Sie haben Mechanismen zum Abschuss körpereigener und auch körperfremder Objekte entwickelt, darunter raffinierte Katapulttechniken, bei denen die Projektile mit großer Wucht auf ihr Ziel treffen. Pflanzen und Pilze nutzen solche »explosiven« Mechanismen im Rahmen der Fortpflanzung zur Verbreitung, Tiere hingegen zum Beutemachen. So beschießen Quallen und Polypen ihre Beute mit Hochgeschwindigkeitswaffen, während Fische, Amphibien und Reptilien auf Zungenfertigkeit setzen. Dabei geht es stets darum, potenzielle Energie (wie sie zum Beispiel in einer gespannten Feder gespeichert ist) möglichst raffiniert in kinetische Energie (Bewegungsenergie) umzuwandeln.

Explosivwaffen von Quallen & Co.: Nesselkapseln

Blumentiere (Korallen und Seeanemonen), Hydrozoen, Schirm- und Würfelquallen gehören zu den ältesten mehrzelligen Tieren überhaupt. Sie sind die ersten Tiere, die echte Gewebe ausbilden (Metazoa), und stehen stammesgeschichtlich ganz am Anfang dieser Entwicklung. Sie alle zeichnen sich durch den Besitz von Nesselzellen mit Nesselkapseln (Nematocysten oder Cniden) aus und werden daher als Nesseltiere (Cnidaria) bezeichnet. Alle Nesseltiere sind Wasserbewohner. Die meisten Arten leben im Meer und machen einen Generationswechsel zwischen Polyp und Meduse durch, wobei das Polypenstadium auf ungeschlechtlichem Wege Medusen (Quallen) bildet, die ihrerseits auf geschlechtlichem Weg Larven erzeugen, die wieder zu Polypen heranwachsen.

Die schreckliche Medusa

Quallen werden auch als Medusen bezeichnet. Das geht auf eine Story in der griechischen Mythologie zurück: Die wunderschöne Medusa bändelte mit Poseidon an, sehr zum Missfallen der Göttin Athene, die ebenfalls ein Auge auf den Meeresgott geworfen hatte. Um ihre Konkurrentin auszuschalten, verwandelte sie Medusa in ein Ungeheuer mit Schlangenhaar und tödlichem Blick. So wurde die unglückliche Medusa zur Namenspatronin dieser zarten Geschöpfe mit ihren schlangengleichen Tentakeln und ihrem tödlichen Gift.

Nesselkapseln sind einzigartig im ganzen Tierreich und gehören wohl zu den komplexesten Zellen überhaupt – »ursprünglich« und »höchst raffiniert« schließen sich also keineswegs aus. Diese Organellen sitzen oft zu Tausenden in der Oberhaut von Nesseltieren, vor allem in den Tentakeln von Quallen und Polypen. Nesselkapseln sind Hochleistungswaffen in Miniaturformat; sie dienen zur Verteidigung gegen Feinde, bei Korallen und Seeanemonen aber auch gegen Artgenossen, die ihnen zu nahe auf die Pelle rücken. Vor allem werden sie aber zum Beutefang eingesetzt.

Diese Nesselkapseln kommen in verschiedenen Typen vor: Es gibt solche, die sich beim Ausschleudern wie ein Lasso um die Beute schlingen (Wickelkapseln oder Volventen), solche, die sie mit einem Klebfaden umwickeln (Klebekapseln oder Glutinanten, die bei Hydra auch zur Fortbewegung dienen1) und solche, die die Körperdecke des Opfers wie ein Projektil durchschlagen (Durchschlagkapseln oder Penetranten). Diese Penetranten sind wahre Meisterwerke der Natur und ihr Abschuss ist inzwischen mit speziellen Hochgeschwindigkeitskameras bei Hydra untersucht worden.

Abb. 1: Der Süßwasserpolyp Hydra vulgaris kann bis zu 1,5 cm lang werden. Mithilfe der Nesselkapseln in seinen Tentakeln, die rund um die Mundöffnung stehen und sich bis auf doppelte Rumpflänge strecken können, fängt er Wasserflöhe und andere kleine Wasserbewohner. Seinen Namen verdankt der Polyp dem mythologischen Ungeheuer Hydra, dem, wenn man ihm einen Kopf abschlug, zwei neue wuchsen: Hydren besitzen ein ungewöhnliches Regenerationsvermögen, aus wenigen Zellen können wieder ganze Individuen heranwachsen. commons.wikimedia.org/wiki/File:Hydravulgaris.jpg

3-2-1: Feuer!

Jede Nesselzelle enthält stets nur eine einzige Nesselkapsel (siehe Abbildung). An der Außenseite besitzt die Nesselzelle einen auf mechanische Reizung reagierenden Stift (Cnidocil), der bei Berührung die Nesselkapsel im Inneren »scharf« macht. Die Nesselkapseln enthalten einen giftgefüllten Schlauch, der aufgerollt in der mit einem Deckel verschlossenen, unter Druck stehenden Kapsel liegt. Bei Aktivierung des Triggers öffnet sich der Deckel blitzschnell, die Kapsel entlädt sich explosionsartig und schleudert den Schlauch wie eine Harpune heraus. Dabei schlägt der Stilettapparat ein Loch in die Oberfläche der Beute und schafft damit eine Öffnung für den anhängenden Schlauch.

Der Stilettapparat hat zwei kritische Funktionen: Zunächst dient er als zusammengedrückte Hohlnadel, um die Oberfläche des Zielobjekts zu durchschlagen, anschließend bildet er einen Tunnel für den Durchtritt des Schlauches. Dabei stülpt sich der Schlauch wie ein Handschuh von innen nach außen. Zudem ist der stark verdrillte Schlauch mit winzigen Zähnchen versehen, die sich beim Entspannen wie ein Drillbohrer ins Gewebe des Opfers bohren. Durch Poren in dem eingeschleusten Schlauch wird dann ein Cocktail von Neurotoxinen und anderen Giften in die Beute abgegeben, der das Opfer lähmt und schließlich tötet.

Wer’s genau wissen will

Triebkräfte für die Explosion sind zum einen ein hoher osmotischer Druck im Inneren der Nesselkapsel und zum anderen die Dehnung der Kapselwand, die ihre Energie bei der Entladung wie eine gespannte Stahlfeder blitzschnell freisetzt. Bei Aktivierung des Sinnesstifts kommt es durch einen raschen Wassereinstrom zu einem enormen Anstieg des Drucks auf die Kapselwand: Der Deckel springt auf, und das Stilett wird ausgeschleudert. Die hohe Entladungsgeschwindigkeit ist demnach eine Folge der Freisetzung von potenzieller Energie, die in der gedehnten Kapselwand aus elastischem Material gespeichert ist. Alles in allem erfolgt der gesamte Entladungsvorgang der Nesselzelle bei Hydra innerhalb von 3 Millisekunden – so schnell schlägt kaum ein anderes Tier seine Beute!

Das Beutetier wird dann mit den Tentakeln zur Mundöffnung der Hydra gezogen, verschlungen und in einer Art Magen mithilfe von Enzymen verdaut. Sollte das Opfer im Magen noch zappeln, wird es von einigen dort sitzenden Nesselzellen ruhiggestellt. Ungenießbares wird anschließend durch die Mundöffnung wieder ins Wasser abgegeben.

Nesselkapseln sind »Einmalwaffen« und nicht recycelbar – einmal abgeschossen, sind sie nicht länger brauchbar und müssen ersetzt werden, was viel Energie kostet. Das bedeutet, dass Nesseltiere vorsichtig mit ihrem Waffenarsenal umgehen. Um Nesselzellen besonders effizient einzusetzen, sind sie in den Tentakeln in sogenannten Batterien angeordnet, die mit Hilfs- und Nervenzellen in Verbindung stehen. Das stellt sicher, dass nur die richtige Kombination von Reizen – eine vorbeipaddelnde Beute, die die passenden chemischen Signale aussendet – den Abschuss auslöst. Bei starken Reizen feuern gleichzeitig Tausende von Nesselkapseln in den Batterien. Diese kostbaren Waffen werden in der Regel nur eingesetzt, um »Frischfleisch« zu fangen oder aber noch stark zappelnde Beutetiere zu überwältigen.

Quallen und Mensch

Nesselkapseln sind höchst effiziente Waffen. Das Gift einer einzigen Kapsel kann einen kleinen Gliederfüßer lähmen – Tausende dieser Minigeschosse bringen auch größere Beute wie Fische zur Strecke. Da zahlreiche Quallen Fischfresser sind und Fische im Vergleich zu höheren Wirbeltieren wie Säugern relativ unempfindlich gegen Gift sind, verfügen viele Meeresbewohner über besonders starke Gifte.2 Häufig handelt es sich dabei um Neurotoxine, die die Weitergabe von Nervensignalen an die Muskulatur blockieren und damit zu Lähmungen führen. Sogenannte Cardiotoxine lösen hingegen Krämpfe aus, die ein Kreislaufversagen nach sich ziehen können. Zudem sorgen Toxine, die Proteine angreifen, enzymatisch für eine Vorverdauung der Beute.

Menschen gehören definitiv nicht ins Beuteschema von Nesseltieren, aber alle Quallen nesseln, wenn sie sich bedroht fühlen. Das hat Folgen, die von unangenehm bis lebensgefährlich reichen können. Es gibt Quallen, vor denen man sich als Schwimmer oder Badender tunlichst fernhalten sollte.

Zu den größten Quallenarten gehört die in chinesischen und japanischen Gewässern heimische Nomura-Qualle (Nemopilema nomurai), deren Schirm einen Durchmesser von bis zu zwei Meter und ein Gewicht von 200 Kilogramm erreichen kann. Mit ihren bis zu 5 Meter langen Tentakeln fängt sie Plankton. Kommen diese Tentakel in Kontakt mit menschlicher Haut, so rufen ihre Nesselgifte starke Schmerzen hervor, die aber in der Regel ohne Nachwirkungen abklingen. Für die Quallen endet der Kontakt mit Menschen hingegen nicht so glimpflich: Sie verfangen sich bei Massenauftreten regelmäßig in Fischernetzen und werden in japanischen Restaurants zu Quallensalat verarbeitet.

Die in offenen Wasserzonen des Atlantiks verbreitete Gelbe Haarqualle (Cyanea capillata) ist mit einem Schirmdurchmesser von bis zu 1 Meter sowie einer bis zu 50 Meter langen Tentakelschleppe eine eindrucksvolle Erscheinung. Sie ernährt sich vorwiegend von Zooplankton, anderen Quallen und kleinen Fischen. Bei Kontakt mit menschlicher Haut entstehen Verletzungen, die wie Brandmale aussehen, daher auch der umgangssprachliche Name »Feuerqualle«. Sherlock-Holmes-Fans kennen diese Qualle aus der Kurzgeschichte »Die Löwenmähne«, wo sie im Zentrum eines rätselhaften Todesfalles steht.

Die vorwiegend im Pazifik verbreitete Portugiesische Galeere (Physalia physalis) sieht einer Qualle sehr ähnlich, doch es handelt sich nicht um ein Einzeltier, sondern um einen Tierstock, eine Kolonie hoch spezialisierter Polypen, die allein nicht überlebensfähig sind. Getragen von einer bläulichen, etwa doppelt faustgroßen Gasblase, treiben die Tiere an der Wasseroberfläche. Bei Gefahr können sie die Gasblase blitzschnell leeren und abtauchen. Diese räuberischen Nesseltiere, die sich vorwiegend von Krebsen und Fischen ernähren, lassen sich von Wind und Wellen verdriften; sie sind auch schon vor Mallorca und Formentera gesichtet worden. Bei Hautkontakt hinterlassen ihre Tentakel äußerst schmerzhafte Striemen wie von Peitschenhieben, die zu Luftnot und Schockzuständen bis zum Tod führen können.

Der für Menschen gefährlichste Nesselgiftcocktail findet sich bei der Seewespe (Chironex fleckeri). Diese australische Würfelqualle erreicht einen Schirmdurchmesser von 30 Zentimeter und ein Gewicht von ca. 6 Kilogramm, wird aber gewöhnlich nur halb so groß und schwer. Die Seewespe ernährt sich zunächst von Krebstieren, ältere und größere Exemplare jagen jedoch vor allem Fische. Mit dieser Umstellung der Ernährung wandelt sich auch das Gift ihrer Nesselkapseln in ein gegen Wirbeltiere besonders wirksames Toxin um. Dem australischen Institut für Meereswissenschaften zufolge ist sie »das giftigste Meerestier, das wir kennen«. Chironex fleckeri verfügt Berechnungen zufolge über 150 bis 200 Millionen Nesselzellen, wobei 22 µg Nesselgift pro kg für Erwachsene als tödliche Menge gelten. Das Gift einer einzigen Seewespe reicht demnach theoretisch aus, um rund 250 erwachsene Menschen zu töten.

In Australien wurden seit 1884 rund 70 von Seewespen verursachte Todesfälle gemeldet (darunter viele Kinder). Alljährlich sterben dort mehr Menschen durch diese Quallen als durch Haiangriffe. Jeder Kontakt führt zu äußerst heftigen Schmerzen wie bei starken Verbrennungen; der Tod tritt schon nach kurzer Zeit durch Herzstillstand ein. Inzwischen gibt es ein Gegengift, das aber sehr rasch nach dem Kontakt gespritzt werden muss, um zu helfen. Gibt es an australischen Stränden jellyfish alert (Warnung vor Seewespen wie Chironex fleckeri und der kaum weniger gefährlichen Chiropsalmus quadrigatus sowie der Portugiesischen Galeere), werden daher ganze Strandabschnitte abgesperrt – Verbotsschilder, an die man sich tunlichst halten sollte.

Schleuderzungen: Chamäleons und Salamander

Während Quallen Ballistik mithilfe von Osmose und in elastischen Strukturen gespeicherten Kräften (Federkräfte) betreiben, setzen Wirbeltiere (Fische, Amphibien, Reptilien) beim Abfeuern ihrer »Schusswaffen« im Allgemeinen auf Muskelkraft. Viele Amphibien und einige Reptilien besitzen Schleuderzungen, mit denen sie ihre Beute – kleine Wirbellose, vor allem Insekten – packen und fangen.

Die bekanntesten Zungenschleuderer sind zweifellos die Chamäleons, die in den Tropen und Subtropen der Alten Welt heimisch sind. Diese Reptilienfamilie umfasst mehr als 200 Arten und ist berühmt für ihre blitzartig vorschnellende Zunge, mit der die Tiere Insekten erbeuten. Ihre Zunge besteht aus einem Zungenskelett mit diversen, raffiniert um den Zungenapparat gewickelten, schraubenförmig angeordneten Bindegewebshüllen und Muskeln, die die nötige Beschleunigung für den Katapultmechanismus liefern, während andere Muskeln für das Zurückziehen sorgen. Dazu kommen Gleitmittel, damit's auch gut rutscht, und Klebstoff an der Zungenspitze, damit das getroffene Insekt beim Zurückziehen der Zunge nicht entwischt.

Die nötige Energie liefert die Kontraktion des Vorziehers (»Beschleunigungsmuskel«), die zum Teil als elastische Energie in den Bindegewebsfasern gespeichert und dann auf einen Schlag freigesetzt wird. Sie sorgt dafür, dass die Zungenspitze bis auf die doppelte Körperlänge ausgeschleudert werden kann. Diesen Vorgang kann man sich wie das Ausquetschen einer Zahnpastatube vorstellen: Wird gehörig Druck auf die Tube ausgeübt, spritzt der Inhalt, dessen Volumen ja konstant bleibt, mit hoher Geschwindigkeit aus der Öffnung. Aber während sich die Zahnpasta bekanntlich nicht wieder in die Tube drücken lässt, findet die Zunge des Chamäleons (samt Beute) dank des Rückziehmuskels problemlos zurück ins Maul.

Weniger bekannt sind die Schleuderzungensalamander (Plethodontidae), obgleich sie es ebenfalls zu einer wahren Meisterschaft in der Disziplin Beutefang via Zungenkatapult gebracht haben. Diese lungenlosen Amphibien, zu denen auch die kaum handlangen, in Teilen von Europa heimischen Höhlensalamander (Hydromantes) gehören, atmen ausschließlich über ihre nackte Haut und ihre Mundschleimhaut.

Im Gegensatz zu anderen Amphibien, wie Kröten und Fröschen, ist die Zunge nicht vorn im Maul festgewachsen und wird auch nicht herausgeklappt. Das Zungenskelett besteht aus mehreren gelenkig miteinander verbundenen Knorpelteilen, die eine Gabel bilden. Die beiden nach hinten weisenden Zinken dieser Gabel können von je einem kräftigen Muskel aus ihrer Bindegewebshülle herausgequetscht werden, sodass die klebrige Schleuderzunge fast eine ganze Körperlänge vorschnellt. Dank Zungenschleuder fängt der kleine Salamander Beute wie eine in 5 Zentimeter Entfernung hockende Fliege in weniger als einer hundertstel Sekunde mit erstaunlicher Treffsicherheit. Zurückgezogen wird die ausgeschleuderte Zunge durch einen Muskel, der – einzigartig unter Wirbeltieren – fast durch den ganzen Körper reicht und sich von der Zungenspitze bis zum Beckenrand zieht; da die Lunge fehlt, ist ja genügend Platz.

Aufschlitzen und Ausweiden

Kukri-Nattern

Nicht nur die typischen großen Würgeschlangen wie Pythons und Boas (siehe unten) töten ihre Beute durch Muskelkraft, sondern auch eine ganze Reihe kleinerer ungiftiger Schlangen wie Nattern (Colubridae). So ringelt sich beispielsweise unsere Ringelnatter um ihre Beute (Mäuse, Frösche, Fische) und erdrückt sie.3 Anschließend verschlingt sie die Tiere am Stück, meist mit dem Kopf voran. Dieser »Am-Stück-Verzehr« kann allerdings bei Beutetieren zum Problem werden, die sich durch giftige Hautabsonderungen schützen, wie es viele Amphibien tun.

Der in Südostasien heimischen, gut 1 Meter langen, ungiftigen Kukri-Natter (Oligodon fasciolatus) ist es jedoch gelungen, einen Weg zu finden, durch eine bislang unbekannte Killertechnik jeden Giftkontakt zu vermeiden. Ihren Namen verdankt sie ihren hinten im Oberkiefer sitzenden vergrößerten Fangzähnen, die gekrümmt sind wie die Kukri-Dolche nepalesischer Gurkha-Soldaten. Kleine, ungiftige Beute verschlingen diese Schlangen im Ganzen, wie es sich für ihresgleichen gehört, ebenso Eier, die sie mit ihren Zähnen anstechen.

Abb. 3: Kukri-Natter (Oligodon fasciolatus). commons.wikimedia.org/wiki/File:Banded_Kukri_Snake_(Oligodon_fasciolatus)_(7783163348).jpg

Die bevorzugte Beute dieser dämmerungsaktiven Schlangen sind jedoch Kröten, wie die in Asien häufige giftige Schwarznarbenkröte(Duttaphrynus melanostictus). Bei einem Angriff wehren sich diese Kröten heftig und schwitzen an Rücken und Nacken große Mengen einer giftigen weißen Flüssigkeit aus, ein Bufotoxin, das sie auch aus ihren Hinterohrdrüsen versprühen können. Das ist eine wirksame Verteidigungsmaßnahme, die allerdings von der Kukri-Natter, wie erst kürzlich (2020) beobachtet, geschickt unterlaufen wird: Sie schlitzt die »ungiftige« Unterseite der Kröte mit ihren messerscharfen Zähnen auf, versenkt den Kopf im Bauch ihres sich heftig wehrenden Opfer, reißt ihm die Eingeweide heraus und verschlingt es nach und nach lebend. Zurück bleibt die giftige Haut der ausgeweideten Kröte. Nature raw in tooth and claw … klingt wirklich nach einem Horrorfilm!4

Appetit auf Haifischleber: Schwertwale

Seit »Jaws« ist der Weiße Hai für Filmzuschauer der Inbegriff des wasserbewohnenden Schreckens5: 7,5 Meter tonnenschwere Mordlust, ausgestattet mit einem Maul voller rasiermesserscharfer Zähne, die ständig nachgeliefert werden – sensible Seelen sollen sich anschließend kaum mehr in die Badewanne getraut haben.

Seine Kraft, seine Schnelligkeit und sein typisches Revolvergebiss (so genannt, weil bei Abnutzung die nächste Zahnreihe »nachgedreht« wird, siehe Glossar) machen den Weißen Hai (Carcharodon carcharias) zu einem Spitzenprädator, dem in seinem Lebensraum kein anderes Tier gewachsen ist. Das gilt allerdings nur so lange, bis ein noch größerer und stärkerer Jäger auftaucht, der den Weißen Hai das Fürchten lehrt: Schwertwale (Orcinus orca), auch Orcas oder Killerwale genannt.