Das alte Kapitänshaus – Inselgeheimnisse - Anne Labus - E-Book

Das alte Kapitänshaus – Inselgeheimnisse E-Book

Anne Labus

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Beschreibung

Drei Schwestern, ein Gästehaus und neue Träume.

Jetzt ist Rose, die älteste der Brown-Töchter, an der Reihe, das Kapitänshaus auf Jersey zu führen. Eigentlich wollte die ehrgeizige Investmentbankerin nur für drei Monate aus London zurückkehren, um den letzten Willen ihrer Mutter zu erfüllen. In der Metropole liebt sie ihren Beruf und glaubt, in ihrem Kollegen Kevin den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Doch das Leben auf der Insel hält ungeahnte Herausforderungen bereit, und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Vor allem der amerikanische Journalist Lance Cooper lässt ihr Herz höherschlagen und Rose fühlt sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen. Doch was verbirgt er vor ihr? Warum verschweigt er den wahren Grund für seinen Aufenthalt?

Je länger Rose auf der Insel bleibt, desto stärker wächst in ihr die Sehnsucht nach etwas Neuem. Als ihr Leben in London ins Wanken gerät und sie überstürzt abreisen muss, steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kehrt sie in ihr altes Leben zurück, oder wagt sie einen Neuanfang?

Inmitten der beeindruckenden Landschaft Jerseys müssen die Brown-Schwestern erneut ihren Mut und Zusammenhalt unter Beweis stellen. Dritter Band der Reihe "Jersey-Träume" von Anne Labus.

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Drei Schwestern, ein Gästehaus und neue Träume.

Jetzt ist Rose, die älteste der Brown-Töchter, an der Reihe, das Kapitänshaus auf Jersey zu führen. Eigentlich wollte die ehrgeizige Investmentbankerin nur für drei Monate aus London zurückkehren, um den letzten Willen ihrer Mutter zu erfüllen. In der Metropole liebt sie ihren Beruf und glaubt, in ihrem Kollegen Kevin den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Doch das Leben auf der Insel hält ungeahnte Herausforderungen bereit, und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Vor allem der amerikanische Journalist Lance Cooper lässt ihr Herz höherschlagen und Rose fühlt sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen. Doch was verbirgt er vor ihr? Warum verschweigt er den wahren Grund für seinen Aufenthalt?

Je länger Rose auf der Insel bleibt, desto stärker wächst in ihr die Sehnsucht nach etwas Neuem. Als ihr Leben in London ins Wanken gerät und sie überstürzt abreisen muss, steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kehrt sie in ihr altes Leben zurück, oder wagt sie einen Neuanfang?

Inmitten der beeindruckenden Landschaft Jerseys müssen die Brown-Schwestern erneut ihren Mut und Zusammenhalt unter Beweis stellen. Dritter Band der Reihe "Jersey-Träume" von Anne Labus.

Über Anne Labus

Anne Labus, Jahrgang 1957, lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Udo Weinbörner, in der Nähe von Bonn. Nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau arbeitete sie unter anderem als selbstständige Fitness- und Pilatestrainerin. Die Leidenschaft für das Reisen hat sie an ihren Sohn vererbt, der auf Hawaii seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Die Autorin entspannt sich beim Kochen, liebt Bergtouren und lange Strandspaziergänge. Inspirationen für ihre Romane findet sie in Irland und Italien oder auch auf Spiekeroog.

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Anne Labus

Das alte Kapitänshaus – Inselgeheimnisse

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Liebe Leserinnen und Leser,

Mein herzlichster Dank

Impressum

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Kapitel 1

»Zum Flughafen Gatwick bitte.« Rose schob den Rollkoffer neben die schwarze Limousine und reichte dem Chauffeur ihr Bordcase.

Fröstelnd schlang sie sich den Wollschal um den Hals. Februarnebel waberte durch das Hafenbecken der Londoner Docklands. Die obersten Etagen der Büroriesen hüllten sich in tristes Grau.

»Danke, dass Sie mich fahren, Stan.«

Ein letzter Blick zu dem gläsernen Bürokomplex, auf dessen Fassade der Name ihrer Bank in blauen Lettern prangte, dann nahm sie auf dem Rücksitz Platz. So lieblos hatte sie sich ihren Abschied nicht vorgestellt. Die Kollegen in der Investmentabteilung hatten kaum von den Bildschirmen aufgesehen, als sie sich abmeldete. »Zeit ist Geld«, lautete die Devise. Neue Ideen mussten entwickelt, neue Mandanten gewonnen werden. Der behutsame Aufbau und die akribische Pflege von Kundenbeziehungen gehörten auch zu ihrem Job. Sie arbeitete zwar erst seit vier Jahren in der Londoner Zentrale der Barclays Bank, verfügte aber bereits über einen beachtlichen Kundenstamm, den jetzt ihr Kollege Kevin MacDowell übernommen hatte.

Sie schmiegte die Wange in den weichen Wollschal und lächelte versonnen. Der Schotte, wie ihn alle in der Bank nannten, seit er vor vier Monaten von der Filiale in Edinburgh nach London gewechselt war, hatte sie mit seiner zurückhaltenden Art vom ersten Moment an fasziniert. Dieser Rotschopf mit den grauen Augen war kein Schönling, kein Aufschneider. Er prahlte nicht mit seinen Abschlüssen. Das gefiel ihr. Nur zu gern hatte sie vor knapp zwei Monaten seine Einladung zum Dinner angenommen. Weitere Dates waren gefolgt, in denen Kevin und sie sich näherkamen. In der Bank waren sie nur Kollegen, doch privat seit Kurzem ein Paar. »Sooft es der Job zulässt, besuche ich dich, Darling«, hatte er gesagt, ihr zum Abschied den Wollschal mit dem Tartanmuster seines Clans umgehängt und sie in seine Arme gezogen. Für sie klang es wie ein Versprechen auf eine gemeinsame Zukunft.

»Darf ich fragen, wohin die Reise geht, Miss Brown?« Stan schob seine Dienstkappe in den Nacken und lächelte sie im Rückspiegel an. »Ich gebe ja nicht viel auf Büroklatsch, aber in der Cafeteria habe ich aufgeschnappt, dass Sie eine längere Auszeit nehmen, um sich von dem Stress hier zu erholen.« Souverän steuerte er den schweren Bentley durch den dichten Feierabendverkehr. »Verstehen könnte ich es schon.«

Bittere Säure stieß ihr auf. Rose kramte in der Handtasche nach den Notfallpillen. Ohne hinzusehen, drückte sie eine Magentablette aus einem Blister und schob sie sich in den Mund. »Auszeit, so kann man es auch nennen.«

Sie zerbiss den Säureblocker und schluckte ihn hastig herunter. Zu viel Kaffee, zu viele Überstunden. Zu lange schon hatte sie die Signale ihres Körpers ignoriert. Die Folge waren häufiges Sodbrennen, Appetitlosigkeit und Schlafprobleme. Sie musste endlich mehr auf sich achten. Automatisch legte sie eine Hand auf den Magen. »Nein, im Ernst. Ich fliege nach Jersey, um den Letzten Willen unserer Mutter zu erfüllen. Sie hat meinen zwei Schwestern und mir das Hotel vermacht, mit der Auflage, dass jede von uns es mindestens drei Monate lang selbstständig führen muss. Erst nach einem Jahr dürfen wir frei über das Erbe verfügen.« Sie wusste selbst nicht, warum sie diesem freundlichen, älteren Mann das alles erzählte. Doch die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. »Meine Schwestern Lily und Jasmin haben ihren Part schon erfolgreich gemeistert. Jetzt bin ich an der Reihe.« Sie stöhnte leise. »Auch wenn es nur ein kleines Gästehaus mit fünfzehn Zimmern ist, graut mir vor dieser Aufgabe. Buchführung und Geschäftsbriefe, das liegt mir. Meine hausfraulichen Fähigkeiten hingegen lassen zu wünschen übrig. Ich kann kaum unfallfrei ein Tablett mit Geschirr tragen, und meine Kochkünste beschränken sich auf Toast und Rührei. Ich habe zwar gelernt, wie man anspruchsvollen Geschäftskunden Aktien verkauft, aber beim Gästeverwöhnprogramm tue ich mich schwer.«

»Steht Ihnen denn kein Personal zur Seite?«, hakte der Chauffeur nach.

»Doch, doch. Ein Zimmermädchen und ein Frühstückskoch. Trotzdem bleibt noch genug Arbeit an mir hängen. Zum Glück muss ich mich momentan nur um vier Gäste kümmern. Erst Mitte des Monats haben wir wieder ein volles Haus.« Seufzend lehnte sie sich in die weichen Lederpolster.

Mit einem Augenzwinkern hatte der Vizepräsident ihr seinen Dienstwagen für die Fahrt zum Flughafen angeboten.

»Dann spielen Sie mal ein bisschen Hotelchefin, Rose, und regeln Ihr Erbe. In drei Monaten will ich Sie wieder an Ihrem Schreibtisch sehen. Beim Rennen um den Abteilungsleiterjob stehen Sie für mich auf Startplatz eins. Denken Sie daran.« Dass er sie zum Aufzug begleitet hatte und ihr seinen Bentley samt Chauffeur zur Verfügung stellte, war für seine Verhältnisse fast wie ein Ritterschlag. Doch sie blieb skeptisch. Drei Monate waren eine lange Zeit im Bankengewerbe, die Launen des Chefs ebenso wechselhaft wie die Börsenkurse. Oft genug hatte sie miterlebt, wie austauschbar man in diesem Business war. Heute noch der Liebling vom Boss, morgen in die zweite Reihe verbannt, weil man die gewünschten Erfolge nicht einfuhr.

»Im Winter verschlägt es sicher nicht viele Gäste nach Jersey«, unterbrach Stan ihre Grübelei. »Meine Frau schwärmt schon lange von einem Urlaub auf den Kanalinseln. Ist das Wetter dort wirklich so angenehm, wie man sagt?« Er bog auf die M25 ab und beschleunigte das Tempo. Sanft wurde sie in den Sitz gedrückt.

Sie schloss die Augen und träumte sich nach Jersey. Vorfreude auf den ausgedehnten Aufenthalt schlich sich ein. »Schon wenn Sie aus dem Flugzeug steigen, spüren Sie den Unterschied. Die Luft ist reiner, klarer. Der Himmel spannt sich weiter über die Insel. Ich mag zwar voreingenommen sein, weil es meine Heimatinsel ist, aber Jersey würde Sie verzaubern. Wilde Steilküsten, traumhafte Strände, bezaubernde Dörfer und eine Inselhauptstadt, in der es sich stressfrei bummeln und shoppen lässt.«

»Klingt verlockend. Vielleicht sollte ich es mir mal durch den Kopf gehen lassen«, warf Stan ein.

Rose war nicht mehr zu bremsen. »Geben Sie sich einen Ruck. Der Flug dauert keine Stunde. Wenn Sie mögen, reserviere ich Ihnen ein Zimmer in unserem kleinen Hotel.« Erstaunt stellte sie fest, dass sie in die Rolle der Hotelchefin geschlüpft war, kaum dass sie den Bankendistrikt hinter sich gelassen hatten.

Stan kratzte sich den Nacken. »Ich weiß nicht, ob wir uns das leisten können. Auf Jersey leben doch nur Millionäre.«

Lachend beugte sich Rose vor und legte ihm eine Hand auf den Arm. »Keine Sorge. Auf unserer Insel sind die Normalverdiener immer noch in der Mehrzahl. Wir haben keine Mehrwertsteuer. Deshalb können Sie wunderbar shoppen, und das Essen ist auch günstiger als in London. Mögen Sie Hummer?«

Er rümpfte die Nase. »Lieber Fish and Chips.«

»Auch gut. Nirgendwo sonst bekommen Sie frischeren Fisch und handgeschnittene Pommes so delikat serviert wie bei uns. Selbst der kleinste Pub legt Wert auf erstklassige Qualität. Für Fish and Chips zahlen Sie dort nicht mehr als sechzehn Pfund. Wenn Sie in unserem Kapitänshaus absteigen, garantiere ich Ihnen einen Sonderpreis.«

Er wandte sich kurz um und strahlte sie an. »Danke, das ist sehr nett von Ihnen. Womöglich komme ich auf Ihr Angebot zurück.« Geschickt umfuhr er eine halbe Stunde später das Flughafengelände und wählte eine weniger befahrene Nebenstraße zum Abflugterminal. »Da wären wir.« Dienstbeflissen stieg er aus und hielt ihr die hintere Wagentür auf.

Rose überlegte kurz, ihm Trinkgeld zuzustecken. Doch wie sie ihn einschätzte, würde er es als Beleidigung ansehen. Stattdessen reichte sie ihm eine Visitenkarte des Kapitänshauses. »Mein Angebot steht. Zögern Sie nicht, mich anzurufen. Im Frühling ist unser Haus sehr begehrt.« Sie wartete, bis Stan den Rollkoffer und ihr Bordcase aus dem Kofferraum genommen hatte, dann verabschiedete sie sich von ihm, befestigte ihr Handgepäck auf dem Koffer und schob ihn in die Abflughalle.

Punkt achtzehn Uhr hob der Airbus A320 ab. Rose überließ ihren Fensterplatz einer jungen Frau, die zum ersten Mal nach Jersey flog und voller Vorfreude in einem Reiseführer blätterte. »Waren Sie schon mal auf den Kanalinseln?«

»Ich bin eine waschechte Jersianerin.« Rose schenkte ihr ein warmherziges Lächeln. »Meiner Familie gehört ein kleines Hotel in St. Aubin. Das Alte Kapitänshaus. Wo werden Sie absteigen?«

»Wollen wir nicht Du sagen? Wir sind sicher gleichaltrig. Ich bin fünfunddreißig.« Die junge Frau hielt ihr die Hand hin. »Ich heiße Maya, und wie es der Zufall so will, wurde mir im Reisebüro das Kapitänshaus empfohlen.«

Die offenherzige Art ihrer Sitznachbarin gefiel ihr. »Rose, Rose Brown, ebenfalls fünfunddreißig«, stellte sie sich vor. »Was für ein schöner Zufall, dass wir nebeneinandersitzen, Maya. Ich werde das Hotel die nächsten drei Monate leiten.«

Nach und nach fiel die Anspannung der letzten Tage von ihr ab. Nur hin und wieder ertappte sie sich dabei, unauffällig die Börsenkurse auf dem Smartphone zu checken. Energisch schob sie es in die Handtasche und plauderte angeregt mit Maya. Als die Stewardess mit dem Rollwagen neben ihr hielt, bestellte sie sich ein Lachssandwich und statt des üblichen Kaffees Kräutertee. Wenn sie schon mehr auf die Gesundheit achten wollte, warum dann nicht sofort damit anfangen? Verstohlen musterte sie die um einen Kopf kleinere Maya. Ihre raspelkurzen blonden Haare betonten das schmale Gesicht. Sie wirkte zart und zerbrechlich. Rose erfuhr, dass die Büroangestellte sich nach einer stressigen Scheidung auf Jersey erholen wollte.

»Ich verstehe nicht, wie ich es so lange mit diesem Pedanten ausgehalten habe. Sein Ordnungsfimmel war zwanghaft. Ständig räumte er auf. Wenn ich nur eine Zeitschrift auf dem Küchentisch liegen ließ, nörgelte er an mir herum. Er hat die Oberhemden farblich sortiert, sogar seine Unterwäsche gebügelt und zur Krönung jedes Abends die Wohnung gesaugt. Sogar im Bett musste alles seine Ordnung haben«, gestand Maya leise. »Du verstehst?«

»Ich kann es mir lebhaft vorstellen.« Letzte Nacht hatten Kevin und sie sich auf der Couch geliebt. Bei der Arbeit höflich distanziert, verwandelte er sich zum phantasievollen Liebhaber, kaum dass er ihr Apartment in Stratford betrat. Sie räusperte sich, schob die Sehnsucht zur Seite, als das Zeichen zum Anschnallen aufleuchtete und die Stimme des Flugkapitäns erklang.

»In wenigen Minuten landen wir auf Jersey. Momentan herrschen milde zehn Grad auf der Insel. Es weht ein schwacher Südwestwind. Meine Crew und ich wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«

»Das nenne ich mal eine nette Begrüßung.« Maya drückte ihre Nase an die Fensterscheibe. Mit offenem Mund starrte sie auf die unter ihnen auftauchenden Inseln. Rose reckte den Hals.

Sie hatte längst aufgehört, zu zählen, wie oft sie von London nach Jersey geflogen war, doch der Blick auf die Inselwelt faszinierte sie jedes Mal aufs Neue. Wie getupft lagen die Kanalinseln im Wasser. Der Pilot flog in einem weiten Bogen auf Jersey zu und leitete den Sinkflug ein. Sie erkannte die Bucht von St. Aubin mit der vorgelagerten Festungsinsel. Halbmondförmig führte die mit bunten Lichtern erhellte Uferstraße vom Hafen zur Inselhauptstadt. »Dort oberhalb des Ortes liegt unser Hotel. Nur wenige Schritte durch den Garten, und du bist auf der Uferpromenade. Bei Ebbe, so wie jetzt, kannst du über den Strand nach St. Helier laufen.«

»O Mann, was für ein Anblick.« Maya drückte schniefend Roses Hand. »Lach nicht, wenn ich gleich vor Rührung heule. Mein erster Urlaub ohne mäkelnden Kerl. Wie werde ich das genießen. Keiner, der ständig nach Mängeln sucht und Beschwerdebriefe schreibt.« Sie stupste Rose mit dem Ellbogen an. »Wir reden die ganze Zeit über mich. Bist du eigentlich liiert?«

»Es gibt da einen Freund in London. Wir sind noch nicht lange zusammen.« In Roses Magen kribbelte es warm, als sie an Kevin dachte. »Er wird mich auf Jersey besuchen.«

Rumpelnd setzte die Maschine auf der Rollbahn auf. Sie raste auf den Hangar zu, bremste stotternd ab und stoppte in Sichtweite des Flughafengebäudes.

»Der Airport ist erfreulich überschaubar«, stellte Maya erfreut fest. »Für mich war Gatwick der Horror. Diese Menschenmassen und die vielen Gates.«

»Unser bescheidener Airport ist mir auch lieber. Hier müssen wir uns nicht in einen überfüllten Bus quetschen und über das Rollfeld schaukeln lassen. Wir laufen zu Fuß zur Ankunftshalle. Den Stress, den kannst du getrost im Flieger lassen. Bei uns ticken die Uhren anders. Wir Jersianer nehmen uns Zeit. Zeit für gute Gespräche, eine Tasse Tee und ausgedehnte Spaziergänge am Meer.« Rose hoffte inständig, selbst runterzukommen, und nahm sich vor, jeden Gedanken an die Bank und ihre Kunden beiseitezuschieben. Ab sofort stand für sie das Kapitänshaus im Vordergrund. Und jetzt freute sie sich darauf, ihre Schwestern und ihren Neffen wiederzusehen.

Sie führte Maya durch das Ankunftsgebäude zum Gepäckband. Keine zehn Minuten später hatten sie ihre Koffer. »Normalerweise nehme ich den Bus nach St. Aubin. Der hält gleich vor der Ankunftshalle, aber heute spendiere ich uns ein Taxi. Meine Schwester Jasmin wartet schon auf die Wachablösung. Sie hat die letzten drei Monate das Hotel geleitet.« Rose steuerte zielstrebig den Taxistand an, da tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter.

»Darf ich Sie mitnehmen, schöne Frau?«, meldete sich Jasmins Freund Christian. »Hast du unser Begrüßungskomitee nicht gesehen?« Er deutete zum Wartebereich für Besucher, wo Tim ein Pappherz mit ihrem Namen hochhielt. Neben ihm wedelte Sir Henry, Christians Labrador, freudig mit dem Schwanz.

Maya zupfte sie am Ärmel und nickte ihr zu. »Ich nehme den Bus. Wir sehen uns dann später im Hotel.«

»Unsinn. Du fährst selbstverständlich mit uns. Nicht wahr, Chris? Es macht dir doch nichts aus, Maya mitzunehmen? Wir haben im Flieger nebeneinandergesessen und festgestellt, dass sie bei uns ein Zimmer gebucht hat. Ist das nicht ein netter Zufall?«

»Neue Gäste sind uns immer herzlich willkommen«, bekräftigte der groß gewachsene Mann. Ungefragt nahm er den Frauen die Koffer ab. »Ich hoffe, du hast keine Angst vor Hunden?«, wandte er sich an Maya, als der siebenjährige Tim mit dem Labrador auf sie zulief.

»Hi, Tantchen.« Der Kleine zögerte einen Moment, dann reckte er sich und küsste Rose auf beide Wangen. Ihrer Begleiterin reichte er die Hand. »Herzlich willkommen auf Jersey«, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, damit sein vierbeiniger Freund sie begrüßen konnte. »Sag Hallo, Henry.«

Prompt setzte sich der schokoladenbraune Labrador vor Maya und hob eine Pfote.

Sie kicherte verlegen und griff vorsichtig nach der Hundetatze, ließ sie jedoch sofort wieder los. »Große Hunde sind mir etwas suspekt. Aber dich mag ich.«

»Na, dann wäre das ja geklärt.« Christian marschierte vorweg zum Parkplatz und führte sie zu einem schlammbespritzten Geländewagen. »Ich setze euch vor dem Kapitänshaus ab und fahre gleich weiter zum Cottage. Auf mich wartet noch ein halb fertiger Bauplan.«

»Chris ist Architekt«, erklärte Tim. »Er baut echt coole Häuser. Um unseren neuen Wintergarten kümmert er sich auch.« Zuvorkommend nahm er Maya den Rucksack ab. »Sie können gern vorne sitzen. Meine Tante kommt zu Henry und mir auf die Rückbank.«

Die junge Frau blieb unschlüssig vor dem Geländewagen stehen. Rose schob sie sanft zur Beifahrertür. »Keine Scheu. Ich kuschle gern mit meinem Lieblingsneffen.« Sie rutschte zu ihm auf die Rückbank und lachte, als Sir Henry sich neben sie quetschte und seinen Kopf auf ihren Schoß legte. »An dieses Schmusetier könnte ich mich gewöhnen.« Erst jetzt nahm sie sich die Zeit, Tims selbst gebasteltes Willkommensschild gebührend zu würdigen. »Wow. Das sieht megastark aus«, versuchte sie sich am Jugendslang. »Hast du das Herz mit Neonfarben ausgemalt?«

»Klaro. Die habe ich extra gekauft.« Der Kleine lehnte sich an sie und grinste schief, als sie mit einer Hand durch seine dichten Locken fuhr. Mit der anderen kraulte sie den Hund.

»Du bist schon wieder ein Stück gewachsen, seit wir uns Weihnachten gesehen haben. Bald kannst du Lily auf den Kopf spucken.« Sie beugte sich vor und wandte sich an Maya. »Lily ist meine jüngere Schwester. Sie kommt nach unserem Vater. Jasmin und ich haben mehr Gene von unserer Ma abbekommen. Wir überragen das Küken um einen Kopf.«

»Ich beneide dich um deine Familie. Leider hatten meine Eltern nach mir keine Lust mehr auf Kinder. Ich war wohl zu anstrengend.«

Christian fuhr so nah an einer Bruchsteinmauer vorbei, dass sie nach Luft schnappte. »Ich habe im Reiseführer gelesen, dass die Straßen auf Jersey sehr schmal sind. Aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt.«

»Unsere Green Lanes sind noch schmaler«, erklärte Tim altklug. »Die sind ja auch nur für Anwohner, Radler und Fußgänger.« Er deutete aus dem Fenster. »Das Ortsschild von St. Aubin. Wir sind gleich da.«

Der Fischerort zog sich mit seinen Kopfsteinpflastergassen und pittoresken Häusern den bewaldeten Hügel hinauf. Vor ihnen lag der hell erleuchtete Hafen. Restaurants, Pubs und kleine Geschäfte luden dort zum Bummeln und Verweilen ein. Christian fuhr in die Rue du Crocquet und hielt vor einem weißen Gebäude mit roten Windladen. In der offenen Haustür wartete eine braun gelockte junge Frau. Sie eilte die Steintreppe hinunter auf den Geländewagen zu.

»Das ist meine Schwester Jasmin. Geh doch bitte schon mal vor ins Haus, Maya. Christian bringt dir sicher gern dein Gepäck. Ich komme gleich nach und zeige dir dein Zimmer.« Rose quetschte sich an Henry vorbei und stieg eilig aus. »Hier kommt die Wachablösung.« Sie drückte ihre vier Jahre jüngere Schwester an sich. »Schade, dass wir die Schlüsselübergabe vor der Tür machen müssen. Ich würde jetzt gern mit dir und Lily in unserer Küche einen Tee trinken.«

Jasmin schüttelte energisch den Kopf. »Du weißt, was in Mutters Testament steht. Solange eine von uns das Hotel führt, dürfen die anderen es nicht betreten. Die letzten drei Monate stehen wir auch noch durch. Lily lässt sich übrigens entschuldigen. Unsere Frau Lehrerin hat Elternabend in der Schule.« Auf ihrer Stirn zeigte sich eine kleine Sorgenfalte. »Leider …« Sie druckste herum.

»Diesen Gesichtsausdruck kenne ich. Was ist los? Haben ein paar Rockmusiker bei uns übernachtet und die Zimmer verwüstet?« Rose verspürte nicht die geringste Lust, schon am ersten Abend mit schwierigen Gästen konfrontiert zu werden.

Ihre Schwester hob tadelnd einen Zeigefinger. »Male bitte nicht den Teufel an die Wand. Nächste Woche quartiert sich tatsächlich eine Jazzband bei uns ein. Die werden doch hoffentlich keine wilden Partys auf den Zimmern feiern. Ich wollte dich nur schonend darauf vorbereiten, dass du die nächsten Tage ohne Murad und Anna auskommen musst. Unser Koch kuriert eine Erkältung aus, und Anna ist heute nach Sark gefahren, um bei den Vorbereitungen zur Geburtstagsfeier ihrer Großmutter zu helfen. Sie wird Montagmorgen wieder pünktlich auf der Matte stehen.«

Rose schaute Hilfe suchend zum Haus der Nachbarin. Die beste Freundin ihrer Mutter war seit deren Tod eine große Stütze für die Brown-Töchter. Die rüstige alte Dame war ihre engste Vertraute und sprang gern ein, wenn Not am Mann war.

»Leider kann Martha dir auch nicht helfen«, erriet Jasmin ihre Gedanken. »Sie und unsere alte Küchenhilfe Gil sind mit dem Frauenchor auf Guernsey. Ich habe mir die Finger wundtelefoniert, aber auf die Schnelle bekommen wir keine Aushilfe.« Sie hockte sich neben Rose auf die Treppe und legte ihr einen Arm um die Schultern. »Wenn ich morgen nicht an einer Fortbildung im Stadtarchiv teilnehmen müsste, würde ich liebend gern noch länger im Kapitänshaus arbeiten. Dann könntest du dich über das Wochenende erholen und Montag in aller Frische loslegen.« Aufmunternd strich sie ihr über den Rücken. »Mensch, Große. Das schaffst du locker. Es sind nur fünf Gäste im Haus. Kuchen und Brot habe ich schon gebacken. Das Porridge setzt du gleich an, dann musst du es morgen früh nur aufwärmen. Den Rest schaffst du mit links. Für alle Fälle habe ich dir eine Liste mit Notfallnummern von Handwerkern und Lieferanten auf den Schreibtisch gelegt. Die Buchungsanfragen sind wie üblich im obersten Eingangskörbchen.«

»Der Bürokram ist meine kleinste Sorge. Den Rest werde ich wohl irgendwie hinkriegen. Also gut. Noch mal fürs Protokoll: Ich muss Frühstück zubereiten, servieren und die Zimmer der Gäste putzen?«

Rose erhob sich und streckte den Rücken durch, als die Haustür geöffnet wurde. »Dann mache ich mich besser gleich an die Arbeit. Zur Sicherheit übe ich heute Abend schon mal, Omeletts zu braten und …«

»Die Tische im Frühstücksraum habe ich bereits eingedeckt«, bremste Jasmin sie aus. »Mach dich nicht verrückt. Und melde dich, wenn du seelischen Beistand brauchst. Lily und ich sind Tag und Nacht erreichbar.« Sie strahlte ihren Freund verliebt an, der zwei Koffer zum Geländewagen trug.

Christian verstaute das Gepäck und verabschiedete sich dann von Rose. »Maya wartet in der Bibliothek auf dich. Ich wünsche dir einen guten Start im Kapitänshaus. – Kommst du mit, Liebes?« Zärtlich strich er Jasmin eine Locke hinter das Ohr.

Die zögerte. »Falls du noch Fragen hast, Schwesterherz …«

»Dann rufe ich dich an. Lass deine Männer nicht warten, und genieß den ersten gemeinsamen Abend im Cottage.« Rose setzte ein zuversichtliches Lächeln auf, dabei hätte sie am liebsten laut geflucht. Sie begleitete ihre Schwester zu Christians Geländewagen, blieb dann jedoch hinter dem alten Polo stehen, der neben dem Gartenzaun parkte. »Willst du deinen Wagen nicht mitnehmen?«

»Er gehört dir für die nächsten drei Monate. Du brauchst einen fahrbaren Untersatz, wenn du uns besuchen willst oder schnell etwas besorgen musst. Lily erwartet uns Sonntagnachmittag zum Tee im Herrenhaus.« Sie drückte Rose die Autoschlüssel in die Hand und küsste sie auf die Wange. »Viel Glück, Große. Ruf an, wann immer dir danach ist. Wir sind alle für dich da. Notfalls eilen Simon oder Christian zu Hilfe.«

»Ich kann auch vorbeikommen«, meldete sich Tim, der mit Sir Henry im Geländewagen geblieben war. »Meine Handynummer hast du ja.«

»Du bist unter der Nummer eins gespeichert.« Rose beugte sich zu ihm in den Wagen und verpasste ihm einen Schmatzer auf die Wange. »Könnte gut sein, dass ich deine Hilfe irgendwann mal brauche«, raunte sie ihm zu, und er strahlte sie an. Hastig drehte sie sich um und eilte ins Haus.

Im Flur lehnte sie sich einen Moment an die Haustür und atmete tief durch. Das Kapitänshaus war ihr Elternhaus. Hier hatte sie mit ihren Schwestern die glücklichsten Kindertage verlebt. Gemeinsam hatten sie den zu frühen Tod des Vaters beweint und miterlebt, wie die Mutter das einstige Wohnhaus zu einem behaglichen kleinen Hotel umfunktioniert hatte und in der Rolle der Gastgeberin aufgegangen war. Rose wünschte, sie hätte ihre Stärke geerbt. Würde es ihr gelingen, die an sie gestellte Aufgabe zu meistern? Oder würde sie schon an den ersten Hürden scheitern?

Kapitel 2

Sanfte Geigenmusik drang durch die angelehnte Tür der Bibliothek. Rose lauschte einen Moment und freute sich, dass Maya eine von Mutters Klassik-CDs aufgelegt hatte. Mozarts »Kleine Nachtmusik« wurde abrupt von einem dumpfen Pochen unterbrochen.

»Noch mal von vorn, Solveig«, verlangte eine Frau energisch. »Mit mehr Gefühl. Und setz bitte eine freundlichere Miene auf. Du trittst morgen auf der goldenen Hochzeit deiner Großeltern und nicht auf ihrer Beerdigung auf.«

»Spiel doch selbst, wenn du es besser kannst.« Die Tür flog auf. Ein von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidetes Mädchen im Teenageralter stürmte an ihr vorbei in den Flur. In Springerstiefeln stampfte sie die Treppe hinauf. Kurz darauf fiel in der ersten Etage krachend eine Zimmertür ins Schloss.

Rose sah ihr kopfschüttelnd hinterher. »So viel zum Thema pflegeleichte Gäste«, murmelte sie und klopfte an die offen stehende Tür zur Bibliothek.

Auf dem Sofa kauerte eine Frau in ihrem Alter, den Blick stur auf den Notenständer vor sich gerichtet. Sie hielt eine Geige im Arm, als wäre sie ein Säugling. Zärtlich strich sie über die Saiten. »Hast du es dir noch mal überlegt, Solveig? Tut mir leid, dass ich eben so streng war.« Sie hob den Kopf, stutzte, als sie Rose sah. »Entschuldigung. Ich dachte, es wäre meine Tochter.« Fahrig ordnete sie ihre zerzauste Kurzhaarfrisur und atmete durch. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. »Sie müssen Jasmins ältere Schwester sein. Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen.« Behutsam bettete sie die Geige neben sich auf dem Sofa und erhob sich, um ihr die Hand zu reichen. »Clarice Barton. Der rebellische Teenager ist meine Tochter Solveig.«

»Rose Brown. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Das mit der Ähnlichkeit wird uns oft nachgesagt. Wir haben beide Moms lockiges braunes Haar geerbt, ihre Augenfarbe und ihre Statur.« Sie atmete auf. Nach dem kleinen Intermezzo gerade hatte sie mit einer strengen Gouvernante gerechnet. Doch vor ihr stand eine gestresste Mutter, die ihr jetzt ein warmherziges Lächeln schenkte.

»Der Ausraster unserer Tochter ist mir mehr als peinlich. Was müssen Sie für einen Eindruck von uns haben?« Clarice räumte hastig den Notenständer zur Seite und verstaute die Geige in einem Lederkoffer.

Lächelnd winkte Rose ab. »Ich habe das kleine Abendkonzert genossen. Nur am Abgang sollte die junge Künstlerin noch feilen. Ein Glas Sherry wird Ihren Nerven jetzt guttun.« Sie öffnete die Hausbar im Schreibsekretär und entnahm ihr eine Kristallkaraffe. Hinter ihr räusperte sich jemand. Sie wandte sich um und entdeckte Maya, die am Türrahmen lehnte. »Da bist du ja. Ich habe dich schon vermisst. Möchtest du auch ein Glas Sherry?«, sagte sie strahlend.

»Sehr gern. Ich hoffe, es war okay, dass ich mich ein wenig umgeschaut habe. Ich wollte Clarice und Solveig nicht stören.« Maya stellte sich vor den Kamin und studierte die Familienfotos, die in Silberrahmen auf dem Sims standen. Auf einem hatte Familie Brown vor dem Kapitänshaus Aufstellung genommen und strahlte in die Kamera. »Man sieht euch an, dass ihr an diesem Ort sehr glücklich wart. Ich kann mir gut vorstellen, wie du mit deinen Schwestern durchs Treppenhaus getobt bist und ihr in dem bezaubernden Garten Verstecken gespielt habt. Und dann diese Lage. Ihr konntet in Badesachen die Gartentreppe hinunter zum Strand laufen.« Ihre Wangen glühten. Sie hörte nicht auf, zu schwärmen. »In jedem Winkel gibt es etwas zu entdecken. Die Teekannensammlung hat es mir angetan. Das müssen doch mindestens hundert Stück sein.«

»Mit denen im Flur und in der Küche zweihundertvierundzwanzig, wenn ich mich recht entsinne.« Rose schenkte Sherry ein und reichte den Frauen je ein Glas. »Wo sind denn die zwei anderen Gäste?«

»Mein Mann Liam und unser Sohn Sasha holen gerade die bestellten Pizzen im Ristorante Sorrento am Hafen ab. Sie müssten längst wieder da sein. Wie ich die zwei kenne, bummeln sie noch die Mole entlang und schauen sich Boote an.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, wurde die Haustür aufgeschlossen.

»Der Lieferservice ist da!«, tönte der sonore Bass eines Mannes durch den Flur.

»Nicht so laut, Dad. Du bist hier nicht zu Hause. Womöglich sind neue Gäste angekommen. Die wollen wir doch nicht stören«, bremste ihn ein Junge aus.

»Wir freuen uns, dass ihr euch hier wohlfühlt«, entgegnete Rose. Sie eilte in den Flur, um die beiden zu begrüßen.

Liam Barton, ein Mann wie ein Kleiderschrank, und sein etwa zehnjähriger Sohn, der ihm figürlich nacheiferte, waren ihr auf Anhieb sympathisch. Die beiden trugen lässige Seglerkluft, hatten das gleiche verschmitzte Lächeln und windzerzauste blonde Haare. Sie wechselten einen Blick miteinander, stellten die Pizzakartons auf der Treppe ab und schüttelten zuerst Rose, dann Maya, die sich zu ihr gesellt hatte, die Hand. »Dürfen wir die Damen zum Abendessen einladen?« Liam deutete auf die Pizzen. »Keine Sorge. Es ist genug für alle da. Ich neige dazu, immer zu viel einzukaufen. Und das kommt dann dabei raus.« Er strich sich über den leichten Bauchansatz.

Rose gähnte verstohlen hinter vorgehaltener Hand. Jetzt rächte sich, dass sie bereits um sechs im Büro gesessen hatte. Ihre Augen brannten, und ihre verspannte Rückenmuskulatur sehnte sich nach einem heißen Bad. Doch sie wollte nicht unhöflich wirken.

Tapfer lächelte sie die Müdigkeit weg und hob schnuppernd den Kopf. »Das duftet so verführerisch, da kann ich schwer widerstehen.« Sie lachte. »Wer hätte gedacht, dass es heute noch so gemütlich wird?« Ein Spruch ihres Vaters, der wie von selbst über ihre Lippen kam. »Wollen wir uns im Frühstücksraum zusammensetzen? Die Getränke übernehme ich. Rotwein für die Erwachsenen, Saft für die jungen Leute, nehme ich an.«

Sasha reckte anerkennend einen Daumen in die Luft. »Du bist genauso cool wie deine Schwester.«

»Danke für das Kompliment.« Rose sah Maya unschlüssig von einem Bein auf das andere treten, wobei sie immer wieder sehnsüchtig zur Tür mit der Aufschrift »Küche« linste. »Möchtest du das Herzstück des Hauses gern näher in Augenschein nehmen? Du könntest mir helfen, Geschirr und Gläser rüberzutragen.«

Sofort war die zierliche junge Frau an ihrer Seite und betrat als Erste Murads Reich. »Kannst du Gedanken lesen? Ich habe mich vorhin nicht getraut, hier reinzuschauen.« Ihre neue Freundin kam aus dem Staunen nicht heraus. »Wow! Von so einer Profiausstattung träume ich schon lange.« Sie schlenderte zum Gasherd, bewunderte die glänzenden Töpfe und Pfannen, die in Reih und Glied in einem Regal darüber standen. »Ich koche für mein Leben gern. Leider habe ich viel zu selten die Gelegenheit dazu. Und für mich allein …« Sie schluckte. »Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, wieder Single zu sein.« Sie strich über die verchromten Armaturen, linste in die Besteckschubladen. »Keine Sorge. Ich behalte die Finger bei mir.« Sie seufzte sehnsüchtig. »Ihr habt echte Santoku-Messer. Stimmt es, dass sie durch Gemüse gleiten wie durch Butter?«

»Da fragst du die Falsche. Ich kann gerade mal ein Obst- von einem Fleischmesser unterscheiden.« In Rose blitzte eine Idee auf. Sie wagte kaum, ihre Bitte auszusprechen. »Könntest du …? Nein, das kann ich nicht von dir verlangen. Du bist Gast in unserem Haus und sollst deinen Urlaub genießen.«

Maya zog eine Augenbraue hoch. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und musterte sie mit schief gelegtem Kopf. »Was kannst du nicht von mir verlangen? Rede bitte Klartext.«

»Unser Frühstückskoch ist krank, und unser Zimmermädchen ist in den nächsten zwei Tagen auch nicht da. Ich bin eine lausige Köchin«, eierte Rose herum.

Maya verdrehte stöhnend die Augen. »Jetzt frag mich endlich, ob ich das Frühstück zubereiten kann, bis der Koch wieder fit ist. Sonst wird nebenan die Pizza kalt.«

»Eigentlich wollte ich dich nur bitten, mir beim Kochen ein wenig zur Hand zu gehen, falls die Bartons ausgefallene Wünsche haben. Spiegeleier, Rühreier und krossen Speck bekomme ich hin. Damit erschöpft sich mein Kochrepertoire aber auch schon.« Rose nahm die Frühstückskarte von der Fensterbank und hielt sie ihr vor die Nase. »Sieh selbst, was wir im Angebot haben.«

Maya studierte ausgiebig die doppelseitig bedruckte Speisekarte. »Was haben wir denn da? Omelette mit Spinat, Blaubeerpfannkuchen, Eier Benedict, gebratener Hering, French Toast. Das ist alles kein Hexenwerk. Das bekomme ich hin. Ich übernehme die Küche. Dann kannst du dich auf den Service konzentrieren.« Begeistert rieb sie sich die Hände.

»Bist du sicher, dass du dir das aufhalsen willst? Du müsstest schon um sieben anfangen, wenn du den Obstsalat schnippeln willst. Den servieren wir den Gästen außerhalb der Karte.«

Lässig winkte die Freundin ab. »Sieben Uhr ist perfekt. Dann kann ich vorher noch am Meer joggen. Ich schlafe nie länger als bis sechs.«

»Es wäre aber wirklich nur für zwei, maximal drei Tage.« Rose schob ihre Bedenken erleichtert zur Hintertür raus. Obwohl sie die quirlige junge Frau erst seit ein paar Stunden kannte, hatte sie das Gefühl, sie schon ewig zu kennen. Sie vertraute darauf, dass ihre Menschenkenntnis sie nicht im Stich ließ, und war sich sicher, ihre neue Freundin würde sie nicht enttäuschen. »Über die Bezahlung reden wir aber noch.«

»Geh mit mir an einem deiner freien Nachmittage wandern, dann sind wir quitt.« Ihre Aushilfsköchin schnappte sich einen Stapel Teller und tanzte damit Richtung Tür. »Ich kann es kaum erwarten, die Pfannen auf den Herd zu stellen.«

»Deine Begeisterung in allen Ehren – trotzdem bestehe ich auf eine ordentliche Entlohnung.« Rose bemerkte, wie Mayas Mundwinkel nach unten wanderten. Rasch fügte sie an: »Wandern gehe ich natürlich auch mit dir, und im Anschluss führe ich dich zum Essen aus.«

Diese Ankündigung zauberte ein breites Lächeln in Mayas Gesicht. »Super. Und mach dir keine Sorgen wegen der Bartons. Den erzählen wir, dass ich deine Freundin bin und nur aushelfe, bis euer Personal wieder an Bord ist. Stimmt doch auch irgendwie.«

»Besser könnte ich es nicht formulieren.« Rose warf ihr eine Kusshand zu. Eilig stellte sie Wein, Saft, Cola und Gläser auf ein Tablett und trug es hinter Maya in den Frühstücksraum. »Ihr wart schon fleißig«, lobte sie, als sie die zusammengestellten Tische vor dem Panoramafenster sah. Sie parkte ihre Fracht auf dem Buffetschrank, räumte mit wenigen Handgriffen die Frühstücksgedecke zur Seite. Dabei hatte sie Mühe, nicht über Solveig zu stolpern, die mit ausgestreckten Beinen auf dem Teppich vor der Heizung saß und mürrisch dreinblickte. »Gibt’s jetzt endlich Essen?«, brummte sie.

»Erst wenn alle, einschließlich dir, am Tisch sitzen.« Liam reichte seiner Tochter eine Hand und zog sie auf die Beine. »Nehmt Platz. Heute spielen wir mal die Gastgeber«, erklärte der Familienvater gut gelaunt. Großzügig verteilte er Pizzastücke auf den Tellern. Maya schenkte Rotwein für die Erwachsenen aus und stellte den Kindern Cola, Apfelsaft und Zitronenlimonade zur Auswahl hin.

Sie prosteten sich zu. Rose erfuhr, dass Familie Barton am Vortag aus Canterbury angereist war, um die goldene Hochzeit der Großeltern zu feiern. Die reiselustigen Senioren hatten Jersey als Alterswohnsitz gewählt und lebten in einer Eigentumswohnung am Howard Davis Park in St. Helier.

»Die Feier findet morgen Nachmittag im Hotel Pomme d’Or am Liberation Square statt«, erzählte Clarice.

Ihre Tochter kaute lustlos an einem Stück Pizza und starrte aus dem Fenster. »Was ist das für ein altes Gemäuer da hinten im Wasser?«, knurrte sie.

Rose folgte ihrem Blick. »Die vorgelagerte Festungsinsel war früher ein beliebter Treffpunkt junger Leute. Man kann sie bei Ebbe zu Fuß erreichen. Als Teenager haben Jasmin und ich im Schutz der Ruine unsere erste Zigarette geraucht. Es war auch die letzte«, fügte sie rasch an, weil Sasha die Nase rümpfte.

Der Zehnjährige schien das genaue Gegenteil seiner fünf Jahre älteren Schwester zu sein. Er beteiligte sich lebhaft am Gespräch, lachte ausgelassen, wenn sein Vater einen Witz zum Besten gab. Bisweilen ein wenig altklug, erinnerte er sie an ihren Neffen Tim.

»Wie lange bleibt ihr noch?«, fragte sie mit dem Hintergedanken, die beiden Geschwister zu einem gemeinsamen Ausflug ins Maritime Museum zu überreden. Dort gab es ein spezielles Mitmachprogramm für Kinder und Jugendliche.

»Montagmittag geht es leider wieder nach Hause.« Bedauernd zuckte Liam mit den Schultern. »Länger können wir die Kinder nicht aus der Schule nehmen. Ich hätte gern noch die Bunkeranlagen besichtigt und dem Weingut einen Besuch abgestattet. Aber für Sonntag steht ein Familienausflug zum Leuchtturm an.«

»Wir sind nicht das letzte Mal auf Jersey.« Clarice streichelte zärtlich seinen Handrücken. »Wie wäre es, wenn wir die Sommerferien auf Jersey verbringen statt wie üblich in Spanien? Ihr könntet hier auch surfen«, wandte sie sich an die Kinder.

»Wir haben hier einige angesagte Surfspots. In der Bucht von St. Ouen trifft sich jeden Sommer die Surfgemeinschaft. Die Brandung dort ist legendär«, warf Rose ein.

»Vergiss es«, maulte Solveig. Sie sprang so hektisch auf, dass ihr Stuhl bedenklich kippelte. »Habt ihr unseren Deal vergessen? Ich trete nur auf dieser dämlichen Feier auf, wenn ich im Sommer am Gitarrenworkshop auf Ibiza teilnehmen darf. Falls ihr euch nicht daran haltet, könnt ihr für morgen Ersatz besorgen. Ich bin dann raus.« Sie zeigte ihren Eltern einen Stinkefinger und rauschte davon.

»Nicht in diesem Ton, junge Dame.« Clarice machte Anstalten, ihr zu folgen, doch Liam drückte sie sanft auf den Stuhl. »Lass mich mit ihr reden, Darling. Auf mich hört sie.«

»Ihr seid doch nicht böse, wenn ich mich jetzt zurückziehe?« Rose schien das der perfekte Augenblick, um sich zu verabschieden. »Bleibt gern noch so lange im Frühstücksraum, wie ihr möchtet. Ich räume morgen früh auf. Und danke noch mal für die Pizza und den gemütlichen Abend.«

Clarice schaute sie zerknirscht an. »Es tut mir leid, dass er so endet.« Sie fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen blonden Haare. Seufzend wandte sie sich an ihren Sohn. »Wollen wir zwei auch hochgehen?«

»Nicht traurig sein, Ma. Die beruhigt sich schon wieder. Sie ist voll pubertär.« Sasha nickte Maya und Rose zu. »War total nett, mit euch zu quatschen. Schlaft gut.« Beim Hinausgehen schnappte er sich die leeren Pizzakartons. »Darum kümmere ich mich. Ich weiß, wo eure Mülltonnen stehen.«

»Danke. Das ist sehr nett von dir. Dann kann ich meiner Freundin jetzt ihr Zimmer zeigen.« Rose schaute Maya fragend an. »Wollen wir?«

»Untersteh dich, mein Gepäck zu tragen.« Die zierliche Person schnappte sich den großen Koffer, als wäre es nur eine Handtasche, und eilte vor ihr die Treppe hinauf.

»Ich schaue rasch nach, welches Zimmer Jasmin für dich vorgesehen hat«, rief Rose ihr hinterher. Im Dunkeln tapste sie ins Büro und knipste die Schreibtischlampe an. Wie versprochen hatte ihre Schwester die Gästeliste und den Belegungsplan dort abgelegt. Keine Minute später eilte sie in den ersten Stock zu Maya. Die kauerte gähnend auf ihrem Koffer.

»Ein Königreich für eine heiße Dusche und ein weiches Bett. Ich bin total geschafft.«

»Der Wunsch ist leicht zu erfüllen. Du hast die Nummer Sieben, unser größtes Einzelzimmer mit Blick auf die Bucht.« Rose schloss die gegenüberliegende Tür auf und reichte der Freundin den Zimmerschlüssel. »Das ist dein Reich für die nächsten zwei Wochen.« Mit einer einladenden Geste deutete sie ins Zimmer.

Maya hievte ihren Koffer auf die dafür vorgesehene Ablage und streifte die Sneakers von den Füßen. »Endlich!«, jubelte sie, ließ sich rücklings auf das Boxspringbett plumpsen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schaute sich um. »Die Bilder im Internet haben nicht zu viel versprochen. Hier fühlt man sich wie in einem englischen Landhaus. Kommt gleich der Butler mit dem Schlummertrunk?« Sie kuschelte sich in die Kissen, knipste die antike Nachttischlampe an.

»Es tut mir leid. Unser James weilt zurzeit mit Lord Ashton auf den Antillen. Mylady müssen sich wohl selbst behelfen«, witzelte Rose. »Falls dir nach einer Tasse Tee oder Kaffee ist, findest du auf dem Beistelltisch am Fenster alles, was du zur Zubereitung brauchst. Cookies sind auch da. Im Kühlschrank steht eine Flasche Wasser.« Sie strich über die geblümte Tagesdecke, lächelte traurig. »Unsere Mutter wollte, dass der Gast sich hier so wohlfühlt, dass er am liebsten bleiben würde.« Rose schluckte. »Die Gardinen hat sie selbst genäht, die Kommode eigenhändig restauriert.« Fröstelnd schlang sie die Arme um den Oberkörper. »Schlaf gut, Maya. Falls du noch etwas brauchst – ich bin am Ende des Flurs im Zimmer mit der Aufschrift ›Privat‹. Das ist das ehemalige Schlafzimmer meiner Eltern. Und wegen morgen früh … Willst du dir das wirklich antun?« Sie konnte nicht so schnell reagieren, wie ein Kissen in ihre Richtung flog. Es streifte ihren Kopf und landete auf dem Bettvorleger.

»Wehe, du machst jetzt einen Rückzieher. Wie hat Solveig vorhin so treffend gesagt? Wir haben einen Deal. Punkt sieben schwinge ich den Schneebesen.« Maya hüpfte vom Bett, schnappte sich das Kopfkissen und legte es in den Sessel. Dann verschwand sie lachend im angrenzenden Bad. »Gute Nacht, Chefin.«

Ein sanfter Windhauch bauschte die Gardine. Fürsorglich schloss Rose das gekippte Fenster und verließ Mayas Zimmer. Am liebsten hätte sie sich jetzt angezogen, wie sie war, ins elterliche Ehebett verkrochen und die Decke über die Nase gezogen. Rotwein und Pizza bescherten ihr eine angenehme Bettschwere, doch sie zwang sich zu der obligatorischen abendlichen Inspektionsrunde.

Auf Seidenstrümpfen, die Pumps in der Hand, schlich sie durch die Flure und vergewisserte sich, dass die Fenster geschlossen waren. In der Küche knipste sie die Deckenleuchte aus, tapste dann zur Hintertür, um sie zu verriegeln. Erst letztes Frühjahr hatte ihre Mutter das neue Schloss anbringen lassen.

Rose rang um Atem. Die Erinnerung überrollte sie wie eine Welle. Mit zittrigen Fingern riss sie die Tür auf, stürzte ins Freie. Zwischen den Rhododendren lehnte sie sich an die Gartenmauer und schnappte nach Luft. Hier hatte Martha ihre Freundin Ida Brown leblos im Gras gefunden. An ihrem Lieblingsplatz.

Bilder aus dem Krankenhaus tauchten auf. Hilflos durchlebte Rose noch einmal den Todeskampf ihrer Ma. Im hektischen London hatte sie ihren Schmerz mit Arbeit betäubt. Doch hier, wo jeder Stein an ihre Eltern erinnerte, übermannte er sie erneut. Feuchte Kälte kroch von ihren Füßen in alle Glieder und holte sie zurück in die Gegenwart. Verwundert schaute sie auf die Pumps in ihrer Hand und streifte sie über.

Ein Schatten huschte vorbei. Mister Bean, Marthas Kater, tänzelte auf Samtpfoten am Gartenzaun entlang auf sie zu. Schnurrend schmiegte er sich an ihre Beine. Sie nahm ihn auf den Arm und kraulte sein weiches Fell.

»Na, du kleiner Rumtreiber, bist du auch auf deiner abendlichen Inspektionsrunde?«

Er rieb seinen Kopf an ihrer Wange, sprang zurück ins Gras. Mit erhobenem Schwanz schlich er zu dem tristen grauen Platz vor der Mauer. Er schnupperte an den Blumentöpfen, die als Platzhalter ihr trauriges Dasein fristeten. Der viktorianische Wintergarten, der bis November dort gestanden hatte, war einem Sturm zum Opfer gefallen. Den Schwestern hatte es das Herz gebrochen, das Schmuckstück ihres Gartens in Scherben zu sehen.

Erneut tauchten Bilder aus der Vergangenheit auf. Ihr Dad, der auf der Leiter stand und voller Inbrunst die Holzstreben des Glashauses weißelte. Mom breitete die Picknickdecke aus und rief ihre Töchter zur Teepause. Es war die glücklichste Zeit ihrer Jugend. Kurz darauf erkrankte ihr Vater an Krebs. Der Kapitän, der so vielen Stürmen auf großer Fahrt getrotzt hatte, verlor diesen Kampf. Trauer kehrte ein in das Haus, das nach ihm benannt war. Im Mai letzten Jahres war seine Frau Ida ihm gefolgt.

Rose blinzelte die Tränen weg, die ihr die Sicht erschwerten. Um sich abzulenken, stellte sie sich den neuen Wintergarten vor, der in zwei Wochen aus England geliefert werden würde. Ein Lichtblick in der tristen Jahreszeit.

Als ihr Handy den Eingang einer Nachricht meldete, riss sie sich aus den Gedanken und zog es eilig aus der Hosentasche. Enttäuscht seufzte sie, weil die WhatsApp nicht von Kevin war.

Lily, ihre jüngste Schwester, wünschte ihr eine gute Nacht und viel Glück für den Start im Kapitänshaus. Rose schickte ihr ein Kuss-Smiley und eine Umarmung.

Getrieben von einer inneren Unruhe wählte sie Kevins Nummer. Nach dem zehnten Freiton wollte sie schon enttäuscht auflegen, da nahm er endlich ab. Im Hintergrund hörte sie lautes Stimmengewirr. Jemand rief: »Die nächste Runde geht auf mich!« Der übliche Freitagabendlärm in einer Londoner Kneipe. Kevins Stimme drang kaum zu ihr durch.

»Ich wollte nur sagen, dass ich gut angekommen bin und dich vermisse«, betonte sie laut.

Er erwiderte etwas, das wie »Ich dich auch« klang und: »Ich melde mich morgen bei dir.« Dann legte er auf.

Kopfschüttelnd starrte sie auf das Display. Warum war er nicht wenigstens für einen Moment mit dem Handy vor die Tür gegangen, um mit ihr zu reden? Und woher sein plötzlicher Sinneswandel? Kevin hatte ihr gegenüber behauptet, dass er die stickige Atmosphäre in Pubs verabscheue. Zu laut, zu voll und zu wenig Privatsphäre, um ein Gespräch zu führen. Die Einladung der Kollegen zum Feierabenddrink hatte er stets ausgeschlagen.

Tief in ihr rührte sich leiser Zweifel, ob sie den Mann, der seit einem Monat jede freie Minute mit ihr verbrachte und das Bett mit ihr teilte, wirklich so gut kannte, wie sie dachte.

Kapitel 3

Ein zaghaftes Klopfen an der Zimmertür riss sie aus dem Dämmerschlaf. »Rose? Hast du verschlafen? Es ist gleich acht. Die Bartons werden jeden Moment zum Frühstück kommen«, hörte sie Maya sagen.

Sie öffnete die Augen einen Spalt weit und setzte sich auf. »Mmh«, krächzte sie mit belegter Stimme. Hinter ihren Schläfen pochte es, ihre Zunge klebte am Gaumen.

Benommen blinzelte sie zum alten Reisewecker auf dem Nachttisch, und ihr Puls schoss in die Höhe. »Verdammter Mist. Ich habe vergessen, den Wecker aufzuziehen. Er ist stehen geblieben.« Rose sprang so schnell aus dem Bett, dass sich das Zimmer um sie drehte. Stöhnend setzte sie sich auf die Bettkante und wartete, bis der Schwindel nachließ. »In einer Viertelstunde bin ich unten«, versprach sie, obwohl das in ihrem derangierten Zustand kaum zu schaffen war. Sie hangelte sich am Schrank entlang zur Zimmertür, schloss sie auf und schaute entgeistert auf ihre neue Freundin, die mit rosigen Wangen vor ihr stand und sie kopfschüttelnd musterte.

»Du siehst ziemlich mitgenommen aus.« Maya legte ihr eine Hand an die Stirn. »Fieber hast du keins. Hat dich der Rotwein ausgeknockt?«

»Wohl eher die frische Meeresbrise. Ich war gestern Abend noch eine Weile im Garten.«

Rose schmunzelte beim Anblick der karierten Kochschürze, die sich Maya umgebunden hatte. Sie reichte der knapp ein Meter fünfundsechzig großen Frau bis an die Waden. Statt Kochmütze trug sie ein Piratentuch. In ihren Augen blitzte es schelmisch.

»Mach dich in Ruhe fertig. Ich habe unten alles im Griff. Der Frühstücksraum ist gerichtet, Thermoskannen mit Tee und Kaffee stehen bereit.« Maya winkte ihr lässig zu. »Bis gleich, Chefin.« Mit einem kessen Hüftschwung marschierte sie den Flur entlang zur Treppe.

»Komm bitte noch mal her.« Rose tapste ihr barfuß ein Stück entgegen und drückte sie an sich. »Danke«, murmelte sie und rannte zurück in ihr Zimmer.

Der kurze Sprint brachte ihren Kreislauf in Schwung, der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich. Sie sah wieder klarer. Drei Monate Auszeit lagen vor ihr. Keine nervigen Chefs mehr, keine stundenlangen Meetings mit Investoren und Anlegern. Ihre formelle Bankkleidung, die gewöhnlich aus einem grauen oder dunkelblauen Hosenanzug und einer weißen Bluse bestand, würde sie in die hinterste Schrankecke verbannen. Die neue Aufgabe verlangte nach einem frischen Look.

Voller Tatendrang riss sie die Schranktür auf, um sich eine Jeans und einen Kaschmirpullover herauszunehmen. Doch beim Anblick der leeren Kleiderbügel fuhr sie sich stöhnend durch die Locken. Ihr Rollkoffer stand ungeöffnet neben dem Ohrensessel. Sie erinnerte sich, dass sie am Vorabend erschöpft ins Schlafzimmer getapst war, sich im Dunkeln ausgezogen hatte und in das geblümte Nachtkleid ihrer Mutter geschlüpft war, das Jasmin ihr fürsorglich auf das Kopfkissen gelegt hatte. Eingehüllt in den flauschigen Flanellstoff war Rose rasch eingeschlafen, bis sie mitten in der Nacht ein Albtraum aufschreckte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, als sie an die leer geräumten Konten ihrer Stammkunden dachte und das wutverzerrte Gesicht ihres Chefs wieder vor sich sah. Der eigene Angstschrei hatte sie geweckt. Kein Wunder, dass ihr Hals jetzt schmerzte. Mit einem Glas Wasser kühlte sie die raue Kehle, kramte eilig frische Wäsche aus dem Koffer und huschte ins Bad.

Eine halbe Stunde später eilte sie die Treppe hinunter in die Küche. »Schneller ging es leider nicht. Sorry.« Rose ließ den Blick durch die geräumige Wohnküche schweifen. Auf dem Tisch standen sechs Schälchen Obstsalat, daneben eine Silberplatte mit diversen Käsesorten. Aus dem Backofen duftete es verführerisch nach Pfannkuchen. Sie öffnete die Backofentür einen Spalt weit und linste hinein. »Sind die etwa alle für dich?«

Maya klopfte sich auf den flachen Bauch. »Da geht mehr rein, als du denkst. Nein, im Ernst. Sasha und Liam haben mir verraten, was die Familie gern frühstückt. Die beiden sind mir am Strand quasi vor die Füße gelaufen.« Ihre Freundin hangelte einen Stieltopf vom obersten Regalbrett, goss Milch hinein und stellte ihn auf die Herdplatte. »Sasha sitzt übrigens nebenan in der Bibliothek und schaut sich alte Seefahrtskarten an. Möchtest du später auch einen Blaubeerpfannkuchen mit Vanillesoße?«

Rose zuckte zusammen, als die Türglocke durch das Haus schallte. »Ja, vielleicht. Zuerst muss ich mich um die Gäste kümmern.«

Auf dem Weg zur Haustür warf sie einen Blick ins Büro. Der Anrufbeantworter blinkte. Dann schrillte ihr Handy.

»Eins nach dem anderen«, murrte sie und rannte in den Flur. Durch das schmale Flurfenster spähte sie auf die Außentreppe.

Was wollte Jasmins Ex schon so früh von ihr? Der groß gewachsene blonde Mann lehnte lässig am Treppengeländer und tippte auf seinem Smartphone herum. Kurz darauf bimmelte erneut ihr Handy. Auf dem Display tauchte sein Name auf. Genervt öffnete sie die Haustür und schaute ihn vorwurfsvoll an. »Nenn mir bitte einen vernünftigen Grund, warum du um diese Uhrzeit hier auftauchst und mich mit Anrufen bombardierst?«, rutschte ihr heraus. Obwohl Jasmins Scheidung über vier Jahre her war, hatte Rose ihm nie verziehen, dass er, der angeblich so glücklich in seiner Ehe gewesen war, die Schwester wegen einer anderen verlassen hatte. Damit nicht genug, hatte er versucht, ihr das Sorgerecht streitig zu machen. Niemals würde sie vergessen, wie sehr Jasmin unter diesem Zerwürfnis gelitten hatte. Tim zuliebe pflegten seine Eltern inzwischen einen freundschaftlichen Kontakt, doch Rose blieb skeptisch, ob das auf Dauer so bleiben würde. Zumal Stefan wieder solo war und keinen Hehl daraus machte, dass er noch immer Gefühle für Jasmin hegte. Seit er den Firmensitz seines Reiseunternehmens aus Steuergründen von Berlin nach St. Helier verlegt hatte, tauchte er auffällig oft bei seiner Ex-Frau auf. Sicher nicht nur, um seinen Sohn zu sehen. Sie würde nicht zulassen, dass der smarte Deutsche einen Keil zwischen ihre Schwester und den warmherzigen Christian trieb. Die beiden waren so glücklich miteinander.

»Schau mich bitte nicht so finster an. Ich komme in rein geschäftlicher Absicht. Wenn es nicht wichtig wäre, würde ich mich wohl kaum hierherbemühen.« Stefan linste an ihr vorbei in den Flur und schnupperte. »Was riecht denn hier so gut? Sind das Blaubeerpfannkuchen?«

Das Thema »Geschäft« ließ sie aufhorchen. Rasch trat sie einen Schritt zur Seite, um ihn hereinzulassen. Stefan warb in seinen Reiseprospekten mit dem Kapitänshaus. Regelmäßig vermittelte er ihnen Reisegruppen. Sie konnte es sich nicht leisten, einen wichtigen Geschäftspartner zu verprellen. Auf Jersey gab es viele Hotels, die liebend gern eine Kooperation mit dem deutschen Reiseunternehmer eingehen würden. »Sorry, wenn ich vorhin etwas barsch reagiert habe. Du kannst schließlich nichts dafür, dass ich verschlafen habe und jetzt hinter dem Zeitplan hänge.« Sie schob ihren Groll auf ihn für einen Moment zur Seite und schenkte ihm ein Lächeln. »Guten Morgen, Stefan. Komm bitte herein.« Mit einer einladenden Geste deutete sie zum Frühstücksraum. »Darf ich dir eine Kleinigkeit zu essen bringen? Anna hat Urlaub. Wenn ich den Gästen das Frühstück serviert habe, können wir uns in Ruhe unterhalten.«