Das andere Zimmer - Jürgen Kaiser - E-Book

Das andere Zimmer E-Book

Jürgen Kaiser

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Beschreibung

Eine Sammlung an Predigten, die in den letzten zehn Jahren im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt gehalten wurden.

Das E-Book Das andere Zimmer wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bibelauslegung,Hugenotten,Gendarmenmarkt,reformiert,dramaturgische Homiletik

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Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürgen Kaiser war von 2003 bis 2025 Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin, also der Berliner Hugenottengemeinde, deren Hauptkirche der sogenannte „Französische Dom“ auf dem Gendarmenmarkt ist. Seit 2020 ist er auch Geistlicher Moderator des reformierten Moderamens der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Von 1996 bis 2003 war er Pfarrer in Germersheim am Rhein. Er wuchs im saarländischen St. Ingbert auf und studierte evangelische Theologie in Erlangen, Bern und Heidelberg. In Heidelberg promovierte er mit einer Dissertation über die Deutungen des Sabbats in der Reformationszeit bei Prof. Gottfried Seebaß.

Inhalt

Vorwort

Präludium: Es steht geschrieben…

Römer 15,4-13 (Dritter Advent)

Das andere Zimmer

Galater 4,4-6 (Heiligabend)

Engel für Josef

Matthäus 1 (Zweiter Weihnachtstag)

Lebensspannen

Kohelet 3,1-15 und Römer 8,31-39 (Altjahrsabend)

Der Weg und die Wahrheit und das Leben und ich und Er

Johannes 14,1-6 (Neujahr)

Rückblicksmenschen und Vorschaumenschen

2. Mose 33,18-23 und 1. Korinther 2,1-10 (2. Sonntag nach Epiphanias)

Lust auf Liebe?

1. Korinther 13,1-13 (Estomihi)

Flucht aus dem Garten – Thema mit Variationen und Fuge

1. Mose 3 (Invokavit)

Der Geschmack des Wortes

Johannes 6,47-51 (Lätare)

Das gute Ende sehen

1. Mose 22,1-14 (Judika)

Partita über „O Mensch, bewein“

Matthäus 27,33-60 (Karfreitag)

Seelenheilungen, Ostertrilogie nach Johannes

I: Seele anrühren

Johannes 20,1-23 (Ostern)

II: Seele aufräumen

Johannes 21,1-14 (Quasimodogeniti)

III: Liebe heilen

Johannes 21,15-19 (Misericordias Domini)

Der Kämpfer

1. Mose 32,23-32 (Quasimodogeniti)

Keine Fragen mehr

Johannes 16,16-23 (Jubilate)

Sinfonia sacra

2. Chronik 5 (Kantate)

Corona-Pfingsten: Atmen – leben

Ezechiel 37,1-10 (Pfingsten)

Über christliche und künstliche Intelligenz

Römer 11,33-36 (Trinitatis)

Die Unerträglichkeit der Gnade

Jona 4 und Lukas 15 (3. Sonntag nach Trinitatis)

Peace Fiction: Putins Bekehrung

1. Samuel 24,1-20 (4. Sonntag nach Trinitatis)

Kennst du mich?

Psalm 139 (6. Sonntag nach Trinitatis)

Tattoo-Tempel

1. Korinther 6,12-14.19-20 (8. Sonntag nach Trinitatis)

Weisst du, wieviel Sternlein stehen?

1. Mose 15,1-6 (15. Sonntag nach Trinitatis)

Der Herbst 2015 und die drei guten Geister Gottes

2. Timotheus 1,7-10 (16. Sonntag nach Trinitatis)

Ich will ein neuer Mensch werden

Epheser 4,22-32 (19. Sonntag nach Trinitatis)

Hiob will seine Ruhe

Hiob 14,1-17 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr)

Plädoyer für das Jüngste Gericht

Matthäus 25,31-46 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr)

Einfältig werden

Über „Der Mond ist aufgegangen“ (Ewigkeitssonntag)

Abgesang: Komischer Vogel

Ezechiel 2,1-3,3 (Sexagesimä)

VORWORT

Das Consistorium der Französischen Kirche zu Berlin, deren Pfarrer und Prediger ich seit fast 22 Jahren bin, hat mich gebeten, eine Auswahl meiner Predigten in einem Predigtband zu veröffentlichen. Ich habe mich anfangs dagegen gesträubt, unter anderem deshalb, weil meinem Eindruck nach der Kreis derer, die gedruckte Predigten lesen, sehr überschaubar ist, es also für ein solches Buchprojekt keinen Bedarf und keinen Markt gibt. Wenn ich mich darin getäuscht habe, würde mich das freuen.

Einige hundert Predigten habe ich durchgesehen, um eine Auswahl zu treffen. Das Auswahlkriterium ist vordergründig naheliegend: Es sollten nur diejenigen Predigten aufgenommen werden, die mir immer noch gefallen. Zu meiner eigenen Überraschung ist dabei eine Auswahl zustande gekommen, die nur Predigten der letzten zehn Jahre enthält. Ältere Predigten, die in den ersten gut zehn Jahren am Französischen Dom gehalten wurden, fielen durch. Sie gefallen mir nicht mehr. Das hat offensichtlich mit dem Einfluss des Konzepts der Dramaturgischen Homiletik in meine Predigtarbeit zu tun. 2013 gönnte ich mir ein Predigtcoaching beim Wittenberger Zentrum für Predigtkultur und 2014 führten wir am Französischen Dom auf Anregung des Zentrums die Predigtreihe „Ohne große Worte…“ durch. Beides hat mein Predigen offenbar stärker und nachhaltiger weiterentwickelt, als es mir bislang bewusst war. Predigten, die davor entstanden, erscheinen mir im Rückblick als ein konturloser Redebrei.

Angeregt insbesondere durch dramaturgische Konzepte der sog. „performing arts“ (Schauspiel, Film, Musik, Tanz) entsteht die Predigt durch die Komposition verschiedener „moves“, die nicht stringent aufeinander aufbauen müssen, sondern gerade durch ihr wechselvolles Spannungsfeld einen biblischen Text zum Leuchten bringen. Meine zweite Leidenschaft neben dem Predigen gilt der sog. klassischen Musik. Das ist einigen der hier aufgenommenen Predigten anzumerken. Sie nehmen das Gespräch mit der Musik auf („KOMISCHER VOGEL“) oder gewinnen ihre Gestalt aus musikalischen Formen („FLUCHT AUS DEM GARTEN“, „PARTITA ÜBER ‚OMENSCH, BEWEIN…‘“, „SINFONIA SACRA“), aber auch aus dem Film („PEACE FICTION: PUTINS BEKEHRUNG“) oder der bildenden Kunst („ENGEL FÜR JOSEF“).

Die Gestaltungsanleihen bei außerhomiletischen Künsten könnten bei einigen Predigten den Eindruck des Gekünstelten, des Artifiziellen erwecken. Das wirft die Frage auf, ob diese Anleihen den kognitiven wie emotionalen Gewinn des Predigthörens unterstützen oder beeinträchtigen. Exemplarisch könnte diese Frage an der Invokavitpredigt über Genesis 3 („FLUCHT AUS DEM GARTEN“) untersucht werden. Sie spielt mit den musikalischen Formanleihen, gewinnt aber gerade aus dem Variationsspiel die tragische Einsicht in den Realitätsbezug des Sündenfall-Mythos: Man kann diese Geschichte drehen und wenden, wie man will – am Ende steht immer die Flucht aus dem Garten, der Verlust des Paradieses. Von daher kann ich die Überzeugung der Dramaturgischen Homiletik bestätigen: Das Wechselspiel mit künstlerischen Formen ist nicht bloß „l’art pour l’art“, vielmehr hilft es der Predigt in ihrem Bemühen, die Wirklichkeit im Lichte des biblischen Wortes und des Glaubens zur Sprache zu bringen.

Nicht alle Predigten in diesem Band lassen sich explizit auf das Spiel mit außerhomiletischen Künsten ein. Einige Predigten sind mir wichtig, weil sie wesentliche Aspekte meines Glaubens und meiner Theologie zu erkennen geben („DAS ANDERE ZIMMER“, „DAS GUTE ENDE SEHEN“, „DIE UNERTRÄGLICHKEIT DER GNADE“, „ICH WILL EIN NEUER MENSCH WERDEN“, „PLÄDOYER FÜR DAS JÜNGSTE GERICHT“ und „EINFÄLTIG WERDEN“).

In diesem Band gibt es ferner zeitlose Predigten und es gibt Predigten, die durchdrungen sind von dem Bedrückenden ihrer jeweiligen Zeitumstände, es sind ja die Jahre der sich ablösenden Krisen, die Flüchtlingskrise („DER HERBST 2015 UND DIE DREI GUTEN GEISTER GOTTES“), die Pandemie („CORONA-PFINGSTEN“), der Ukrainekrieg („PEACE-FICTION“).

Angeordnet wurden die Predigten nach dem Kirchenjahr. Zwar sind nicht alle Sonn- und Feiertage vertreten, aber die Auswahl sollte das Kirchenjahr wenigstens exemplarisch abbilden.

Gerahmt wird die Sammlung durch zwei Predigten, die homiletisch Grundlegendes ansprechen: Die erste Predigt findet den Grund allen Predigens im geschriebenen Wort („PRÄLUDIUM: ES STEHT GESCHRIEBEN“); abgerundet wird die Auswahl am Ende mit einer Predigt, die die Rolle der Predigenden reflektiert („ABGESANG: KOMISCHER VOGEL“). Weil diese Predigt an den Schluss gehört, durchbricht sie das Anordnungsschema des Kirchenjahres.

Zu Quasimodogeniti und zum vorletzten Sonntag im Kirchenjahr gibt es jeweils zwei Predigten. Alle biblischen Hauptbücher und Textgattungen sind vertreten: die Tora, die Propheten, Weisheitsliteratur, eine Psalmpredigt, die Evangelien und die Briefe. Auch eine Liedpredigt ist enthalten.

Predigten werden als Rede geschrieben. Beim Nachlesen gehaltener Predigten wird man daher an einigen Stellen eine gewisse Redundanz bemerken. In einem Lesetext kann manches knapper geschrieben werden als es in der Rede gesagt werden kann. Und dass viele Sätze mit „und“ beginnen, ist sowohl der mündlichen Redegewohnheit wie auch der narrativen Eigentümlichkeit besonderes der hebräischen Bibel geschuldet.

Die erste Frucht einer gehaltenen Predigt wird – noch während des Gottesdienstes – in den Fürbitten geerntet. Sie versuchen, Impulse der Predigt aufzugreifen und als Dank oder Bitte wieder vor Gott zu bringen. Darum habe ich zu allen Predigten die entsprechenden Fürbitten angefügt.

Nicht alle Predigten wurden in der Französischen Friedrichstadtkirche gehalten. In den Jahren 2020 und 2021 wurde die Kirche einer gründlichen Innensanierung unterzogen. In dieser Zeit feierte die Gemeinde ihre Gottesdienste in der St. Matthäuskirche am Berliner Kulturforum.

Die Bibelstellen sind in der Regel aus der Züricher Bibel von 2007 und kursiv gesetzt. Weitere Predigten von mir finden sich im Internet unter: https://predigten.evangelisch.de/verfasser/pfarrer-dr-juergen-kaiser und https://franzoesische-kirche.de/de/theologisches-profil/predigtsammlung/predigt-archiv.

Ich danke der Französischen Kirche zu Berlin, dass sie diesen Band angeregt und seine Realisierung mit einem Zuschuss ermöglicht hat.

Teltow im März 2025

PRÄLUDIUM : ES STEHT GESCHRIEBEN …

RÖMER 1 5 , 4 - 1 3 ,

3 . ADVENT ,

1 7 . DEZEMBER 2 0 1 7

Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.«

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Es steht geschrieben.

Es steht geschrieben: Wir sollen loben.

Es steht geschrieben: Wir sollen einmütig sein.

Es steht geschrieben: Wir sollen einander annehmen.

Es steht geschrieben zur Belehrung.

Es steht geschrieben, damit wir an der Hoffnung festhalten.

Es steht geschrieben: Ich werde Gott bekennen unter den Völkern.

Es steht geschrieben: Die Völker sollen sich freuen.

Es steht geschrieben: Die Völker sollen Gott preisen.

Es steht geschrieben: Aus der Wurzel Jesse wird hervorkommen der, der

über die Völker herrschen wird und auf den sie hoffen.

Es steht geschrieben.

***

So vieles steht geschrieben. So vieles, was wir sollen.

Und noch was steht geschrieben, etwas von Gott. Dass er ein Gott des Trostes sei. Mehrmals wird er so genannt: ein Gott des Trostes.

Trost, ein biblisches Zauberwort. Ich habe immer gedacht, Liebe sei das größte Wort der Bibel und ihr Gott sei der Gott der Liebe. Je älter ich werde, desto mehr denke ich: Trost ist ein noch größeres Wort in der Bibel. Und ihr Gott ist noch mehr ein Gott allen Trostes. Der liebende Gott ist mehr ein männlicher Gott, ein Bräutigam, der die Braut Israel liebt und um sie wirbt. Der tröstende Gott ist mehr ein weiblicher Gott, wie eine Mutter. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 60,13)

***

Ihr sollt nicht über Trost predigen, sprach eine Predigtlehrerin. Ihr sollt trösten. Über den Trost könnte ich noch manches sagen. Aber wen tröstet ein Vortrag über den Trost? Wie kann ich trösten?

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. …Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. (Jes 40,1.6)

Ihr sollt nicht über Trost predigen, sprach eine Predigtlehrerin. Ihr sollt trösten. Und wie soll ich das tun, sprach ich. Alles Fleisch ist Gras.

Ich habe keinen Trost. Meinem Fleisch fehlt das Blut, meinen Augen fehlen die Farben, meiner Fantasie fehlen die Geschichten, meiner Sprache fehlt das Erlebte. Ich habe keinen Trost. Wie soll ich trösten?

***

Ich würde gern – wenn ich könnte – die Geschichte einer Umarmung schreiben. Zwei Menschen umarmen sich. Ein Paar, eine Mutter und ihr weinendes Kind, eine Frau und ihre trauernde Freundin… Mit allen Details würde ich das gerne beschreiben, die Härchen auf der Haut beschreiben, die Strömung unter der Haut, das Fließen der Wärme, das Seufzen und den Aufschwung der Atmung, die Neigung des Kopfes an der Brust des andern, die langsame Bewegung einer Hand über den Kopf oder über den Rücken. Wo wird Trost spürbarer als in einer Umarmung? Das würde ich gern beschreiben, einen ganzen Text lang, eine ganze Predigt lang oder länger, ein ganzes Kapitel einer Geschichte, vielleicht einen ganzen Roman lang. Hunderte Seite über eine Umarmung. Selig sind, die das Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. (Mt 5,4) Wo liegt mehr Trost drin?

Aber ich habe keine Worte, keine eigenen. Ich bin kein Dichter, kein Literat. Ich kann nicht mit eigenen Geschichten trösten. Ich bin nur ein Prediger.

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. …Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. – Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Etwas bleibt. Durch die Zeiten. Durch alle Wechselfälle. Durch alle Zeitenwenden. Etwas bleibt: Gottes Wort. Es steht geschrieben. Der Trost der Schrift, uns zur Lehre und zur Hoffnung.

***

Als einer in Heidelberg einen Katechismus schreiben sollte und da bei sich selber wohl dachte, dazu müsse er erst sich selber Lust machen, solches zu schreiben, und seinen Lesern Lust machen, solches zu lesen, er müsse also die allererste Frage so fragen, dass man gar nicht mehr anders könne als weiterschreiben und weiterlesen, da kam ihm eine schöne Idee. Diese Idee hat dazu beigetragen hat, dass der Heidelberger Katechismus zum vielleicht besten Katechismus aller Zeiten wurde. Er hat als erstes gefragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Calvin begann seine Lehrbücher mit der Frage nach der Erkenntnis. Das ist schlau, aber es ist lange nicht so tief und lange nicht so fesselnd. Erst die zweite Frage im Heidelberger Katechismus ist dann die nach dem Wissen: Was musst du wissen, damit du leben und sterben kannst? Aber die erste Frage ist die nach dem Trost.

Der Trost ist, dass ich nicht mir selbst zu eigen bin, sondern Jesus Christus, meinem Heiland, zu eigen bin. Ich muss nichts über mich selbst wissen. Gar nichts. Je weniger ich über mich weiß, desto besser. Ich muss aber alles über ihn wissen. Über diesen Heiland, der mich gekauft hat. Mit seinem teuren Blut. Über ihn muss ich alles wissen. Und alles, was es über ihn zu wissen gibt, steht geschrieben. In dem Buch. Zusammengefasst im Katechismus. Zusammenfassungen sind hilfreich und nützlich. Aber so gut wie das Buch sind sie nie.

Trost steht geschrieben. Der Trost der Schrift. Mein Heiland Jesus Christ. Woher er kommt und wohin er geht. Aus Israel, Wurzel Isais, Davids Stamm. Ohne die Verwurzelung in dieser Geschichte hinge alle Wahrheit Gottes in der Luft. Der Trost und alle Hoffnung haben sich in Israel geerdet. Dort sind sie groß geworden. Gott hat sie groß werden lassen, so groß, dass sie jetzt alle Völker, die ganze Welt umarmen.

Es steht geschrieben in den Büchern Israels und erneut in den Briefen an die Heiden: Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«

Die Wahrheit Gottes wird in Israel greifbar, die Barmherzigkeit wird in aller Welt greifbar in der großen Umarmung, mit der Gott alle in die Hoffnung einschließt.

***

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. …Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

Ihr sollt nicht über Trost predigen, sprach eine Predigtlehrerin. Ihr sollt trösten.

Ich kann nur trösten mit dem, was geschrieben steht. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Ich kann nur trösten mit dem ewigen Wort.

Ich kann nur trösten, wenn ich selbst getröstet wurde. Auch das steht geschrieben.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. (2. Kor 1,3f) steht geschrieben im zweiten Brief an die Korinther.

Der Trost der ganzen Welt steht geschrieben. In vielen Trostworten. Man muss sie finden, man muss sie lesen, immer wieder.

Ich war in allerlei Bedrängnis, war ein verzweifelter Prediger, weil ich nicht wusste, wie ich trösten sollte. Untröstlich! Da las ich in der Schrift vom Trost der Schrift und las: Es steht geschrieben. Und wurde getröstet. Ich muss selbst kein Tröster sein. Ich muss auch kein Dichter von Trostgedichten, kein Autor von Trostgeschichten sein. Ich muss nur wissen, wo der Trost zu finden ist und darauf hinweisen. In der Schrift ist der Trost.

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. …Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Predige die Schrift. Und du wirst trösten. Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe. (Jes 38,17)

***

So tröste ich alle, die an diesem 3. Advent 2017 in Sorge sind über Jerusalem, weil ein unbedenklicher Trump nicht ganz bei Trost zu sein scheint und schnell mal Jerusalem zur Hauptstadt des Staates Israel erklärt hat. Leider bringt er damit nur zum Teil zusammen, was zusammengehört. Zwar gehören Jerusalem und Israel zusammen, aber zu beiden gehört auch Frieden.

Den Trost dazu hat Jesaja, der Prophet des Trostes, mit folgendem Trostwort: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. (Jes 66,10-14a)

***

Es steht geschrieben.

Es steht geschrieben: Wir sollen loben.

Es steht geschrieben: Wir sollen einmütig sein.

Es steht geschrieben: Wir sollen einander annehmen.

Es steht geschrieben zur Belehrung.

Es steht geschrieben, damit wir an der Hoffnung festhalten.

Es steht geschrieben: Ich werde Gott bekennen unter den Völkern.

Es steht geschrieben: Die Völker sollen sich freuen.

Es steht geschrieben: Die Völker sollen Gott preisen.

Es steht geschrieben: Seid fröhlich über Jerusalem, denn ich breite bei ihr aus den Frieden wie einen Strom.

Es steht geschrieben: Aus der Wurzel Isais wird hervorkommen der, der über die Völker herrschen wird und auf den sie hoffen.

Gut, dass so viel Tröstliches geschrieben steht. Jetzt soll kommen „der Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt“ (EG 7,4). Amen.

Gebet

Barmherziger Gott,

unser einziger Trost im Leben und im Sterben, dich bitten wir:

Tröste uns im Leben, damit wir trösten können die, die nicht leben können, weil sie keinen Sinn im Leben sehen,

und die, die traurig sind und nicht wissen, warum,

und die, denen Unrecht widerfahren ist,

und die, die benachteiligt sind oder sich benachteiligt fühlen,

und die, die einen lieben Menschen verloren haben,

und die, die leiden, weil sie krank sind,

und die, die leiden, weil Hass und Gewalt und Krieg sie getroffen hat,

und die, die flüchten müssen und Heimat suchen,

und die, die arm sind, geistlich und geistig und auf dem Bankkonto.

So viele brauchen Trost und manchmal nur einen, der zuhört und nachfragt. Tröste uns, Gott, im Leben, damit wir trösten können die, die leiden im Leben und am Leben. Tröste und umarme uns, großer Gott, Mutter!

Gelobt sei der Gott allen Trostes und geheiligt werde sein Name! Amen.

DAS ANDERE ZIMMER

GALATER 4 , 4 - 6 ,

HEILIGABEND ,

2 4 . DEZEMBER 2 0 2 3

Da ist er wieder, dieser besondere Abend, dieser Heilige Abend. Er ist so ganz anders als alle anderen Abende. Er hat seine eigene Stimmung, seine eigenen Abläufe, seine hohen Erwartungen, aber auch einen reichen – soll ich es so nennen – Segen?

Ich freue mich auf diesen Abend. Immer noch, nicht ganz wie ein Kind, aber fast. Ich freue mich auf den Gottesdienst, auf die Lieder, auf das Beisammensein mit der Familie nach der Arbeit, auf das Essen, auf die Weihnachtsrituale.

Als Kind musste ich immer warten, bis die Tür zum Wohnzimmer geöffnet wurde, in dem der Weihnachtsbaum stand mit den Kerzen und den Geschenken darunter. An Weihnachten wurde das Wohnzimmer zum Kinderzimmer.

Die kindliche Unmittelbarkeit habe ich verloren. Aber eine Sehnsucht ist geblieben. Und die treibt die Erwartungen an diesen Abend immer noch hoch, bisweilen absurd hoch. Bei mir zum Beispiel dergestalt, dass ich denke und erwarte: An diesem Abend, in dieser Nacht muss es doch geschehen, dass … nichts geschieht. Ich denke, eigentlich müsste es heute Abend auf der ganzen Welt friedlich sein. Nicht nur in den Familien, sondern auf der ganzen Welt. Ich denke, heute Abend bitte keine Nachrichten! Lohnt nicht. Die Tagesschau ist heute in 10 Sekunden vorüber: „Guten Abend, meine Damen und Herrn, ich begrüße Sie zur Tagesschau. Heute ist nichts geschehen und auch das Wetter ist ganz normal. Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht.“

Das ist natürlich Blödsinn, ich weiß es. Es ist eine Illusion, eine kindliche Sehnsucht, naiv und einfältig. Und trotzdem erzeugt dieser Abend mit seiner Heiligkeit diese Sehnsucht in mir. Heute darf es keinen Hass geben, keine Gewalt, kein Unglück. Heute gibt es keine Nachrichten. Nur die eine: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Man gibt sich utopischen Sehnsüchten hin, die selbst Gott sich verbietet. Denn diese Weihnachtsgeschichte fängt ja mit einer Nachrichtenmeldung an. Rom hat beschlossen, eine umfangreiche Datenerhebung durchzuführen. Damit soll die Datenbasis für die jährliche Steuerschätzung verbessert werden. Die Regelung sieht vor, dass sich alle Einwohner an ihren Geburtsort begeben, um sich dort von den zuständigen Behörden registrieren zu lassen.

Wenn selbst die Weihnachtsgeschichte mit einer Weltnachricht beginnt, wieso bilde ich mir dann ein, dass es heute keine Nachrichten geben dürfe, weil in dieser Heiligen Nacht nichts passieren darf – außer eben, dass Weihnachten ist?

Dieser Heilige Abend hat seiner hohen Erwartungen, seine gewiss übertriebenen Erwartungen, denen man nicht so leicht entkommt.

***

Vor einigen Jahren hat die Schriftstellerin Sibylle Berg in einer Spiegelkolumne ihre vergeblichen Fluchtversuche beschrieben:

„Gleich ist Heiligabend“, schreibt sie, „…dieser miese Abend. Ich habe ja alles versucht. … Bei Freunden war ich und wir haben getan, als sei es ein Abend wie alle. Haben gelärmt gegen etwas Fahles, etwas Peinliches, das keiner aussprach. … Ich bin weggefahren, in heiße Länder, habe Touristen belächelt, die Plastikbäume in den Sand steckten. Doch auch da kam die Nacht und ein Sehnen, nach was nur. Wegfahren hilft nicht. Zu Hause bleiben ist wunderbar. …Daheim ist es warm, da ist der Computer, man kann Sushi essen. Kann man nicht. Weil alles geschlossen ist. Weißt du, ich könnte jetzt rausgehen, in einen Club gehen, wo all die Einsamen gegen die Traurigkeit antanzen, antrinken.

Aber es würde nicht helfen, nichts hilft in dieser verdammten Nacht. Verstehst du mich? Die Glocken, jetzt gehen die Glocken los. … Ich möchte verächtlich den Mund verziehen. Die Idioten belächeln, die in die Kirche gehen, sich ein Märchen anhören in schlecht geheiztem Gemäuer. Aber ich schließe nur die Augen und höre den Glocken zu. Dann ist Ruhe, und ich weiß, was jetzt passiert, in tausend Wohnungen. … Kinder fallen über die Geschenke her. … Das Essen ist angebrannt, vielleicht brennt später auch noch die Gardine. Lüg nicht, lüg dich nicht an. Was passiert, ist Heimat. Zu wissen, wo man hingehört. Ist Ruhe. Und wenn es auch nur die Idee von diesen Dingen ist.“1

***

Ja, so ist das wohl: Ob man will oder nicht, man entkommt diesem Abend nicht. Man entkommt dieser Heiligkeit nicht, selbst wenn man versucht, sie zu verachten. Dieser Abend holt dich ein, auch wenn du vor ihm fliehst. Ist er so aufdringlich und übergriffig oder rührt er etwas an, das auch die Hartgesottensten nur verleugnen können, wenn sie sich selbst belügen?

Was an diesem Abend passiert, ist Heimat, schreibt Sibylle Berg. Zu wissen, wo man hingehört.

Und ein anderer schrieb vor sehr langer Zeit, als es dieses ganze Weihnachten so noch gar nicht gab: Als sich aber die Zeit erfüllt hatte, sandte Gott seinen Sohn, zur Welt gebracht von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, um die unter dem Gesetz freizukaufen, damit wir als Söhne und Töchter angenommen würden. Weil ihr aber Söhne und Töchter seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, den Geist, der da ruft: Abba, Vater!

Paulus schrieb das in einem Brief an die Gemeinde in Galatien, in einem der ältesten Texte des Neuen Testaments, Jahrzehnte bevor Lukas sein Evangelium mit der schönen Weihnachtsgeschichte verfasste.

***

Heiliger Abend – als sich aber die Zeit erfüllt hatte … Wir werden Söhne und Töchter – wieder Kinder. Heimat nennt es Sibylle Berg. Kinder Gottes werden, nennt es Paulus. Es ist wahrscheinlich dasselbe.

An diesem Abend bricht etwas auf. An diesem Abend wird etwas klar. Du brauchst diesen Ort, wo du nicht mehr kämpfen musst. Nicht mehr kämpfen um deinen Platz, um dein Ansehen, um deinen Willen, um deine Freiheit und Selbstbestimmung. Du brauchst diesen Ort, wo du dich fallen lassen kannst, wo ein anderer alles für dich in die Hand nimmt, wo er dich selbst an die Hand nimmt und du weißt: Alles ist gut, alles wird gut. Dieser Ort, das ist der Ort des Vertrauens. Man kann ihn Heimat nennen, man kann ihn Kindheit nennen.

***

Weihnachten also ist: Gott sandte seinen Sohn, um uns zu Söhnen und Töchtern Gottes zu machen.

Weihnachten ist nicht das, was die Psychologen eine Regression nennen. Dass wir wieder kindliche Verhaltensmuster an den Tag legen und das Erwachsensein verlassen. Kind Gottes zu sein bedeutet nicht, albern zu werden. Natürlich leben wir weiter als reife und vernünftige Menschen, die ihr Denken und Tun kontrollieren, die erwägen und abwägen, die sich informieren und entscheiden, die dabei der Wissenschaft vertrauen und sich an Regeln orientieren. Aber das ist sehr anstrengend. Darin gehen wir nicht auf. In dem, was notwendig ist und unumgänglich. Paulus nennt es das Gesetz. Daneben ist noch Raum für anderes. Ein Raum für die Kinder Gottes, ein Raum des Kindseins. Man kann in beiden Räumen leben, im Raum der Erwachsenen, der Vernunft, der Wissenschaft, der Regeln und des Gewissens, und im Raum der Kinder, im Raum des Glaubens, des Vertrauens und des Spielens. Allzu oft halten wir uns nur noch im Erwachsenenraum auf. Aber da ist noch der andere Raum, das Kinderzimmer. Seine Tür wird an Weihnachten geöffnet. Dort ist es schön. Nicht nur an Weihnachten.

***

Was ich meine, hat Matthias Claudius in einer Strophe seines Abendlieds auf den Punkt gebracht:

Gott, lass dein Heil uns schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun;

lass uns einfältig werden

und vor dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Einfältig werden – das ist es. Einfältig. Das ist weder dumm noch blöd, weder albern noch unvernünftig. Es ist vielmehr: bescheidener werden, geistig und seelisch. Nicht alles selber machen wollen, auch Gott machen lassen. Darauf verzichten, alles verstehen zu wollen. Auf Gott vertrauen, auch wenn mich mein Intellekt tausendmal fragt: Ist das dein Ernst? Einfältig werden, das ist auch, mir die ganzen Geschichten als Seine Geschichten gefallen lassen, diese Märchen, wie Sibylle Berg sie nennt. Und das sind sie auch, wenn man im Erwachsenenzimmer bleibt. Wenn man ins Kinderzimmer geht, sind es die Geschichten, mit und in denen die Kinder Gottes fromm und fröhlich sind. Man muss nicht immer alles erklären, um verstehen zu können.

Einfältig werden – je älter ich werde, desto mehr gefällt mir dieses Wort. Es ist nicht ein Wort aus einem Kinderlied, es ist ein Wort aus einem Abendlied! Die Sehnsucht nach Einfalt, das ist etwas für reifere Menschen.

Einfältig werden – was steht dem entgegen? Auch das wusste Matthias Claudius:

Gott, lass dein Heil uns schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun;

Die Eitelkeit steht dem entgegen, sie mehr noch als das Bauen auf das Vergängliche, das Materielle. Die Eitelkeit hindert uns daran, einfältig zu werden und wie Kinder fromm und fröhlich zu sein. Eitelkeit, dieser Selbstbehauptungszwang, diese „Ich aber“, das ist es, was du an der Garderobe abgeben musst, bevor du ins Kinderzimmer gehst.

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Heiliger Abend. An diesem Abend geht die Tür auf zu diesem anderen Zimmer. Der Raum, in dem du die Kontrolle abgeben darfst. Der Raum, in dem du dich einem anderen anvertrauen darfst. Lass es dir gefallen! Lass dir die Art und Weise gefallen, in der Gott dein Vertrauen sucht! Mit dieser Geschichte, in der vor langer Zeit ein Kind geboren wurde in Bethlehem im heiligen Lande. Und in der dann irgendwelchen Hirten mitgeteilt wird, was es zu bedeuten habe: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Diese wunderliche Geschichte. An Weihnachten üben wir das Kind-Gottes-Sein ein. Dann wissen wir an all den anderen Tagen des Jahres, dass das Kinderzimmer noch da ist und immer betreten werden kann, wenn wir einen Trost und eine Hoffnung brauchen, die nicht von dieser Welt sind. Damit wir uns nicht mehr fürchten.

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Heiliger Abend, da ist er wieder, dieser besondere Abend, an dem in Wahrheit nie etwas Anderes geschah, als dass vor langer Zeit ein Kind zur Welt kam in der Stadt Davids, die da heißt Bethlehem. Amen.

Gebet

Ewiger Gott, Mutter und Vater aller Menschen!

Dich loben und dich preisen wir.

Lass dein Heil uns schauen, heute, morgen, in den kommenden Tagen, immer wieder. Wir brauchen deinen Trost, wir brauchen deine Verheißungen.

Du hast deinen Sohn gesandt, damit wir deine Töchter und Söhne werden. Nimm von unseren erschreckten Seelen, was uns daran hindert, wie Kinder fromm und fröhlich zu sein.

Gib uns den Mut zur Einfalt. Verdirb uns die Eitelkeiten, die Besserwisserei, den Eigensinn, den Trotz, die Sturheit und fördere die Gelassenheit, das Zutrauen und die Fröhlichkeit. Wir bitten dich um Frieden für uns und alle, die uns anvertraut sind, heute Nacht und in den kommenden Tagen. Lass es heilige Tage werden und bewahre uns vor Enttäuschungen.

Wir bitten auch für die, für die dieser Abend nicht heilig ist. Für die Menschen in der Ukraine bitten wir dich um Frieden und ein Ende der Besatzung. Beende du die Gewalt und den Hass.

Wir bitten dich für alle Kinder, die heute geboren werden. Ob sie in Reichtum oder in Armut leben müssen. Ob sie gewünscht oder ungewollt ihr Leben beginnen. Ob sie eine kurze oder eine lange Zeit vor sich haben. Lieber Gott, vergiss kein Kind auf dieser Erde!

Auch heute suchen und fragen und schreien viele nach dir, Gott. Die Verlassenen und die Verzweifelten. Die Armen und die Alten. Die Hungernden und die Unterdrückten. Die in dieser Stunde geschlagen werden. Und die, die heute noch sterben.

Gott, du kennst alles Leid. Du siehst alles Elend.

Rette und erhalte uns. Bewahre uns die Freude.

Stärke uns in der Liebe. Segne uns mit Frieden. Amen.

1 Sibylle Berg, In dieser verdammten Nacht, in: Der Spiegel vom 22.12.2012, https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-weihnachten-a-873783.html

ENGEL FÜR JOSEF

MATTHÄUS 1 ,

ZWEITER WEIHNACHTSTAG ,

2 6 . DEZEMBER 2 0 1 4

Jeder braucht seinen Engel. Jeder bekommt seinen Engel. Wer Großes zu erwarten hat wie Maria, bekommt einen Engel zu Besuch, der ihr Großes ankündigt, dass sie’s glaube.

Und wer sich klein und übergangen fühlt wie Josef, bekommt einen Engel zu Besuch, der ihn aufklärt und aufrichtet.

Der Evangelist Lukas hat Maria im Blick. Der Evangelist Matthäus hat Josef im Blick. Gut, dass den auch einer im Blick hat. Der arme Mann! Ihm wurde übel mitgespielt von höherer Seite!

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Ein Bildhauer hatte ihn auch im Blick, hat ihn an das Kapitell einer Klostersäule in Arles gemeißelt. Er hatte ihn im Blick und hat ihn doch versteckt, den Blicken der im Kreuzgang wandelnden Mönche entzogen. Auf die Rückseite des Kapitells hat er ihn gemeißelt. Man entdeckt ihn, wenn man aus dem Gang raus in den Innenhof des Kreuzgangs tritt. (Foto: Yvan Tessier)

Hätten die Mönche Mitleid mit ihm gehabt? Hätte sie der Anblick der traurigen Gestalt allzu schmerzlich an ihr eigenes Los erinnert? Nicht zeugen zu dürfen!

Seht ihn euch an, wie er traurig kauert. Den von trüben Gedanken schweren Kopf auf den Arm gestützt. Den Flügel des Engels, der hinter ihm schirmt, sieht er nicht.

Die Augen blicken in die Ferne. Ich weiß, was er sieht: eine Ahnengalerie, seine