Das bisschen Kuchen & Den lass ich gleich an - Ellen Berg - E-Book

Das bisschen Kuchen & Den lass ich gleich an E-Book

Ellen Berg

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Beschreibung

Zwei Romane von Bestsellerautorin Ellen Berg in einem E-Book! Das bisschen Kuchen: Mach dich dünne! Der Feind trägt Größe 34 und hat es auf Nikis Gatten Wolfgang abgesehen. Nach Jahren der molligen Idylle nimmt Niki den Kampf auf: um ihren Mann, ihre Familie – ihren Körper! Sie geht in eine Fastenklinik, wo sie unter Glaubersalz und Schlemmerphantasien leidet. Bis sie Bekanntschaft mit dem Shiatsu-Masseur macht. Sollte Fasten der neue Sex sein? Aber was war noch mal Sex? Den lass ich gleich an: Nimm zwei! Die alleinerziehende Fotografin Lulu hat völlig vergessen, wie es sich anfühlt, nicht nur Mutter, sondern Frau zu sein. Und dann mischt sich auch noch ihre Mutter ein und bucht für Lulu und ihre Tochter Lotte ungefragt einen Urlaub in einem Pauschalparadies auf Mallorca: für Familien ein Traum, für eine Mutter mit Kind ohne Mann leider die Hölle. Hier lernt sie Alex kennen, der es wert scheint der Männerwelt noch eine letzte Chance zu geben – und dem sie sicherheitshalber vorenthält, dass es sie nur im Paket mit Lotte gibt. Aber was stimmt nicht mit Alex, dass er in den besten Momenten immer verschwindet? Verbirgt er etwas vor ihr? Und wie zum Teufel verheimlicht man eine achtjährige Tochter?

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Seitenzahl: 596

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Über Ellen Berg

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Ihre Romane »Du mich auch. (K)ein Rache Roman«, »Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman«, »Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman«, »Ich koch dich tot. (K)ein Liebes-Roman«, »Gib's mir, Schatz! (K)ein Fessel-Roman«, »Zur Hölle mit Seniorentellern! (K)ein Rentner-Roman«, »Ich will es doch auch! (K)ein Beziehungs-Roman«, »Alles Tofu, oder was? (K)ein Koch-Roman«, »Blonder wird's nicht. (K)ein Friseur-Roman«, »Ich schenk dir die Hölle auf Erden. (K)ein Trennungs-Roman, »Manche mögen's steil. (K)ein Liebes-Roman« und »Wie heiß ist das denn? (K)ein Liebes-Roman« liegen im Aufbau Taschenbuch vor und sind große Erfolge.

Besuchen Sie die Autorin auch auf www.ellen-berg.de.

Informationen zum Buch

Das bisschen Kuchen

Niki ist Mitte vierzig, rund und vergnügt. Ihre Welt gerät aus den Fugen, als ein untergewichtiges Miststück ihr den Mann abspenstig machen will. Niki sieht sich mit der Schicksalsfrage aller Frauen konfrontiert: Bin ich zu dick? Sie beschließt, den Kampf aufzunehmen – und verordnet sich eine Fastenkur am Zürichsee. Trost fi ndet sie dort nicht nur bei ihren schwergewichtigen Leidensgenossinnen, sondern auch bei Leo, einem XXL-Mann, mit dem sich sogar Kuchenentzug überstehen lässt. Und dann ist da noch Mario, ein hocherotischer Masseur. Eins ist klar: Fasten ist der neue Sex! Doch Niki muss mit harten Bandagen kämpfen, um zur wahren Liebe zu finden.

Den lass ich gleich an

Nach Jahren als Alleinerziehende ist bei Fotografi n Lulu einiges auf der Strecke geblieben: Körper, Frisur, Liebesleben – eine einzige Baustelle. Und dann bucht ihre Mutter auch noch ungefragt einen Urlaub in einem Pauschalparadies auf Mallorca: für Familien ein Traum, für eine Mutter mit Kind ohne Vater die Hölle. Hier lernt sie Alex kennen, der es wert scheint, der Männerwelt noch eine letzte Chance zu geben – und dem sie sicherheitshalber vorenthält, dass sie ein Kind hat. Aber was stimmt nicht mit Alex, dass er in den besten Momenten immer verschwindet? Verbirgt er etwas vor ihr? Und wie zum Teufel verheimlicht man eine achtjährige Tochter?

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Ellen Berg

Das bisschen Kuchen

&

Den lass ich gleich an

Zwei Romane in einem

Inhaltsübersicht

Über Ellen Berg

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Das bisschen Kuchen

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Tag eins

Tag zwei

Tag drei

Tag vier

Tag fünf

Tag vierzehn

Tag fünfzehn

Tag sechzehn

Den lass ich gleich an

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Impressum

Das bisschen Kuchen

(K)ein Diät-Roman

Für alle, die mehr Leichtigkeit in ihrem Leben brauchen.

Tag null

»Tut mir leid. Ich fürchte, das Kleid ist einfach zu eng für Sie.«

Die Verkäuferin wirkte nicht so, als ob ihr diese Tatsache größeren Kummer bereitete. Abschätzig musterte sie ihre Kundin, die im gnadenlosen Licht der Umkleidekabine mit einem Stück Stoff kämpfte. Der Kopf war nicht zu sehen, nur zwei stämmige Beine und ein fleischiger Rücken, über dem der offene Reißverschluss auseinanderklaffte. Kein schöner Anblick.

»Aber das ist Größe achtundvierzig!«, japste Niki.

»Eine italienische achtundvierzig«, erwiderte die Verkäuferin schneidend. »Sie bräuchten mindestens eine achtundfünfzig, doch die gibt es nicht bei Dolce und Gabbana. Wir führen hier Designermode.«

»Verdammt, helfen Sie mir endlich aus dem Ding raus!«

Niki brach der Schweiß aus. Was für eine Schnapsidee, ausgerechnet in diese elegante Boutique zu stolpern. Sie hätte sich denken können, dass eine Frau wie sie hier nichts finden würde. Eine Frau, die seit Jahren ihre Füße nicht mehr sah, wenn sie an sich herabschaute. Hektisch riss sie an dem Kleid herum.

»Vorsicht! Das Teil kostet tausendzweihundert Euro!«

»Ist mir egal. Hauptsache, ich sehe vor heute Nachmittag das Tageslicht wieder«, giftete es aus dem Stoffknäuel.

In Wahrheit stand Niki unter Schock. Tausendzweihundert Euro für so einen winzigen Fetzen? Sie wagte nicht mehr, sich zu bewegen.

Mit spitzen Fingern zerrte die Verkäuferin an dem kostbaren Seidenkleid, bis Niki darunter zum Vorschein kam, hochrot und völlig verschwitzt. Sie trug ein hautfarbenes Mieder, das ihre üppigen Fleischmassen kaum zu bändigen vermochte. Der Körper schien an den Rändern förmlich überzuquellen, wie ein aufgepopptes Soufflé in einer zu kleinen Form.

Niki fuhr sich durch ihre dunklen Locken. Dann betrachtete sie hasserfüllt das elfenhaft schlanke Wesen, das vor ihr stand. »Sie denken wohl, dass Frauen mit ein paar Rundungen kein Recht auf Ihre sturzblöde Designermode haben, was?«, schrie sie. »Das ist diskriminierend! Ich werde mich über Sie beschweren! Und über Dolce und Gabbana!«

Eilig hängte die Verkäuferin das Kleid über einen Bügel und strich es glatt. »Bitte. Wie Sie wünschen.« Sie verzog ihre sorgfältig geschminkten Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Mir aus den Augen gehen, Sie elender Hungerhaken!«

Mit einem beherzten Ruck zog Niki den Vorhang der Umkleidekabine zu und ihr weiträumiges Mantelkleid in Eintopfbraun an. Wütend knöpfte sie es zu. Sie lebte einfach in der falschen Epoche. Vier Jahrhunderte früher, und man hätte sie als Muse von Rubens gefeiert. Als Vollweib. Als sinnliche Sensation. Aber in Zeiten von Size Zero blieb ihr nur die Rolle des Freaks. Das Leben war ungerecht.

Eine Minute später stürmte sie hocherhobenen Kopfes aus dem Laden. Sie war den Tränen nahe. »Kauf dir was Schönes«, hatte ihr Mann beim Frühstück gesagt und ihr seine Kreditkarte in die Hand gedrückt. Schließlich war es ihr fünfundzwanzigster Hochzeitstag. Doch es gab nichts Schönes. Nicht für Niki.

Mit einem Schluchzer in der Kehle ging sie an den spiegelnden Schaufenstern entlang. Sie war fünfundvierzig, und sie war kein schlechter Mensch, aber sie musste zugeben, dass sie aussah wie Moby Dick im Trockendock. Was war bloß mit ihr passiert? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie sich wie schon so oft in ein Kaufhaus schleichen würde, in die Abteilung für Umstandskleider. Dort wurde sie zuweilen fündig. Auch wenn sie aufpassen musste, dass sie nicht wieder ein rosa Hängerchen mit Bärchenaufdruck erwischte.

Schniefend rieb sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Wenigstens Wolfgang hielt zu ihr. Ihr Mann liebte sie, so wie sie war. Mit jedem Kilo. Das nannte man wahre Liebe. So was kannte die Verkäuferin bestimmt nicht, dieses mickrige Häuflein Haut und Knochen, dass sich vermutlich dreimal am Tag erbrach und ihre einsamen Abende mit einem Salatblatt teilte.

Als Niki den Duft von frisch gebackenem Kuchen erschnupperte, blieb sie unwillkürlich stehen. Hmm. Es roch buttrig und süß. Wie von einer geheimen Macht gesteuert, betrat sie das Café, dem der Duft entströmte. Mit seinen verstaubten Seidenblumengestecken und den dunklen, schweren Eichenmöbeln schien es eher ein Tortenfriedhof für alte Damen zu sein, doch das war Niki egal. Sie atmete schwer. Die entwürdigende Szene in der Boutique saß ihr noch in den Gliedern. Gut, sie warf inzwischen einen Schatten, der an eine Mondfinsternis grenzte. Aber hatte sie nicht auf den Schreck eine kleine Belohnung verdient? Das bisschen Kuchen.

Am Tresen wählte sie ein Stück Cappuccinotorte und zwei Mandelhörnchen aus. Dazu bestellte sie einen extragroßen Latte Macchiato. Dann verzog sie sich in eine ruhige Ecke. Sobald das herrlich sündige Zeug vor ihr stand, waren alle Bedenken verflogen. Was gab es Besseres als den sahnigen Geschmack von Cappuccinotorte auf der Zunge? Was konnte befriedigender sein als das tiefe Behagen, die letzten Krümel eines Mandelhörnchens mit einem großzügig gesüßten Schluck Latte macchiato runterzuspülen?

Essen ist der neue Sex, sagte Niki immer. Allerdings verschwieg sie lieber, dass es die einzige Variante von Sex war, die ihr geblieben war. Wolfgang hatte sie seit Jahren nicht mehr angerührt. Aber war das nicht normal, nach zweieinhalb Jahrzehnten Ehe und einer erwachsenen Tochter? Es war doch viel wichtiger, dass sie eine wunderbare Freundschaft verband. Wenn sie zusammen im Bett lagen und fernsahen, Niki mit einer Tafel Schokolade und ihr Mann mit seinem Laptop, fehlte ihnen nichts zum Glück. Wirklich nicht.

Sie schob die leeren Teller von sich. Lecker. Doch richtig rund war die Sache noch nicht. Sie dachte kurz nach, dann orderte sie eine Mousse-au-Chocolat-Schnitte. Das Zeug war köstlich. Sogar eindeutig besser als Sex, wenn sie sich an die zwar angenehmen, aber auch schweißtreibenden Leibesübungen am Anfang ihrer Ehe erinnerte. Echte Leidenschaft spürte sie mittlerweile nur, wenn die Geschmacksknospen ihrer Zunge stimuliert wurden. Zum Beispiel von den feinen Aromen einer Käsesahnetorte.

Sie leckte sich die Lippen. O ja. Eigentlich konnte sie noch ein Stückchen Käsesahne vertragen. Kalorien hin oder her, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Eilig winkte sie die Kellnerin heran und bestellte Nachschub.

Die Käsesahne war eine Offenbarung. Ein Hauch von Creme auf federleichtem Biskuit, abgeschmeckt mit einem Spritzer Zitrone. Der Wahnsinn. Zufrieden lehnte sie sich zurück. Was sich Wolfgang wohl für den Abend ausgedacht hatte? Ob er sie in ihr Lieblingsrestaurant ausführen würde? Ja, ganz bestimmt. Ihr herzensguter Gatte wusste doch, was sie wollte: schlemmen bis zum Pupillenstillstand, eine Flasche Wein und zum Dessert ein, zwei Amaretto. Diese Vorstellung hob ihre Stimmung weiter an. Nur, dass sie immer noch nichts anzuziehen hatte.

Niki zahlte und machte sich auf zum Kaufhaus ihres Vertrauens. Es lag in einer etwas heruntergekommenen Fußgängerzone, jenseits der glamourösen Einkaufsmeile. Das Pflaster war vermüllt, und die Leute, die an ihr vorbeihasteten, sahen nicht so aus, als ob sie Designermode in Übergrößen vermissten.

Sie wollte gerade das Kaufhaus betreten, als sie wie vom Blitz getroffen stehenblieb. Starr vor Entsetzen blinzelte sie in die Morgensonne. Was war das? Es dauerte ein wenig, bis ihr Verstand begriff, was ihre Augen sahen. Dort drüben schlenderte Wolfgang entlang – und er war nicht allein. Nun traf es sie mit der Wucht eines Erdbebens, sie taumelte einen Schritt rückwärts. Wolfgangs Hand lag auf der Schulter einer Frau, die ihn verzückt anlächelte. Sie war jung. Sie war hübsch. Sie war DÜNN!

Nikis Beine knickten ein. Instinktiv klammerte sie sich an den nächstbesten Arm. Er gehörte einem älteren Herrn in einem steingrauen Popelinemantel, dessen spärliches weißes Haar nach allen Seiten abstand.

»So früh am Morgen, und schon betrunken!«, schimpfte er. »Lassen Sie mich gefälligst los!«

Doch Niki musste sich festhalten, sonst wäre sie mit Getöse zu Boden gegangen. Verzweifelt krallte sie ihre Finger in den Mantelstoff und schloss die Augen. Sie hatte genug gesehen. Oder war es nur eine Halluzination gewesen? Als sie die Augen wieder öffnete, schmolz ihre letzte Hoffnung dahin wie ein Nougat-Eclair in der Mikrowelle. Wolfgang war stehengeblieben und küsste die junge Frau. Eng presste sie sich an ihn, während seine Hände zu ihrem kleinen, runden Po wanderten.

Niki dagegen presste sich an einen wildfremden Herrn aus der Abteilung rüstiger Rentner. Vergeblich versuchte er, die schwergewichtige Frau abzuschütteln, die an ihm hing wie ein Koala am Eukalyptusbaum.

»Haben Sie eigentlich noch einen letzten Rest Selbstachtung?«, blaffte er.

»Ist mir gerade abhandengekommen«, schluchzte Niki.

Dann ließ sie den älteren Herrn los und rannte davon, so schnell sie konnte. Blind vor Tränen erreichte sie ihren Wagen. Es war alles aus.

Wie durch ein Wunder landete Niki unfallfrei im Carport ihres adretten Einfamilienhauses. Sie hatte ein paar rote Ampeln überfahren und nur um Haaresbreite eine antriebsschwache Rentnerin verfehlt, die in Zeitlupe einen Zebrastreifen überquerte. Wie sie alles hasste! Wolfgang. Seine Geliebte. Am meisten aber sich selbst.

Nachdem sie ausgestiegen war, blieb sie einen Moment lang stehen. Voller Bitterkeit betrachtete sie das Haus, das so viele Jahre ihr Daheim gewesen war, ihre Burg, ihr warmes Nest. Der zweistöckige Bau lag auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von einem anmutig verwilderten Garten mit blühenden Büschen und alten Obstbäumen. Die grüngestrichenen Fensterläden, die strahlend weiß verputzten Mauern und das weit heruntergezogene Ziegeldach verliehen dem Haus jene Gemütlichkeit, die Niki vom ersten Augenblick an angezogen hatte. Hier hatte sie mit Wolfgang alt werden wollen. Vorbei.

Während ihr Ströme von Tränen über die Wangen liefen, schloss sie die Haustür auf, lief ins Wohnzimmer und warf sich auf die Couch. Hemmungslos weinte sie in ein Sofakissen. Was hatte sie denn erwartet? Dass ein attraktiver Mann wie Wolfgang allen Ernstes eine Vollfettstufe liebte? Ausgerechnet Wolfgang, der regelmäßig ins Fitnessstudio ging und eine Figur besaß, auf die selbst Brad Pitt neidisch gewesen wäre?

Es gibt Situationen im Leben, in denen man eine gute Freundin braucht. Glücklicherweise hatte Niki gleich mehrere gute, na ja, ziemlich gute Freundinnen. Doch was hätte sie schon zu hören bekommen? Vermutlich liebreiche Sätze wie: »Sieh dich doch an – du hast dich gehen lassen. Hast alles in dich reingestopft, was nicht bei drei im Kühlschrank war. Jetzt bekommst du die Quittung!« Nein, diese Art von Trost konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen.

Wenn doch wenigstens ihre Tochter Peggy noch da gewesen wäre. Doch die lebte ihr eigenes Leben und ließ sich nur noch selten zu Hause blicken. Besonders herzlich war das Verhältnis schon länger nicht mehr. Ein, zwei Anrufe im Monat, ab und zu ein Pflichtbesuch, zu mehr reichte es nicht. Peggy war vierundzwanzig und als angehende Juristin äußerst zielstrebig. Eine junge Karrierefrau, im Gegensatz zu ihrer Mutter. Niki war allein. So allein, wie man nur sein konnte.

Wieder stieg das Bild der unerträglich jungen, hübschen und grässlich dünnen Frau in ihr hoch. Es tat verflucht weh. Wer konnte schon wissen, wie lange das bereits lief mit den beiden? Tage? Wochen? Monate? Brutal hieb Niki auf das Sofakissen ein. Ha! Überstunden! Dienstreisen! Der alte Trick! Gut, sie war vielleicht nicht die hellste Lampe am Leuchter, obwohl man ihr einst einen ansehnlichen IQ bescheinigt hatte. Aber wie dämlich musste man eigentlich sein, um einem Mann solche lachhaften Ausreden abzukaufen?

Sie war rettungslos dusslig gewesen, soviel stand fest – blind wie ein Maulwurf und naiv wie eine Vierjährige, die noch an den Weihnachtsmann glaubt. Wenn Wolfgang doch wenigstens etwas gesagt hätte. Aber er hatte sich nie beschwert. Warum war ihr nicht aufgefallen, dass er sich immer seltener zu Hause aufhielt? Warum hatte sie keinen Verdacht geschöpft, als er begann, sie sogar an den Wochenenden allein zu lassen? Daheim auf dem Sofa, wo sie sich einen Liebesfilm nach dem anderen reinzog, gut versorgt mit übergroßen Eiscremebechern? Nachdem sie eine ganze Kleenexschachtel durchgeheult hatte, fasste Niki einen Entschluss. So leicht würde sie sich nicht geschlagen geben. Sie würde um Wolfgang kämpfen. Mit allen Mitteln. Selbst wenn sie dafür, tja, abnehmen musste.

Erschöpft schleppte sie sich ins Badezimmer. Die Wände waren rosa gekachelt, eine Farbe, die sie gegen Wolfgangs Widerstand durchgesetzt hatte, so wie die rosa geblümten Gardinen und die verschnörkelten, goldfarbenen Wasserhähne. Nikis Schuhe flogen in eine Ecke. Dann zog sie ihr Kleid und die teuflisch enge, figurformende Wäsche aus, in der sie aussah wie eine geplatzte Fleischwurst. Todesmutig stieg sie auf die Waage. Das hatte sie seit Menschengedenken nicht mehr getan.

Sie brauchte einen Moment, um die Zahl zu verkraften. Achtundneunzig Kilo. Die Schlagkraft eines linken Hakens hätte kaum vernichtender sein können. Achtundneunzig Kilo?

Beklommen stellte sie sich vor den goldgerahmten Spiegel am Fenster, der bis zum Boden reichte. Betrachtete ihre braunen Locken, die grünen Augen, den sinnlich geschwungenen Mund. Eigentlich war sie doch noch ganz ansehnlich. Ihr Blick glitt tiefer. Jetzt nicht mogeln, ermahnte sie sich. Nicht den Bauch einziehen. Und wirklich einmal hinschauen. So genau hatte sie es bisher nämlich gar nicht wissen wollen. Also los. Augen auf und durch.

Was sie sah, ließ sie erschauern. Okay, das Ding war gelaufen. Sie war eine Naturkatastrophe in XXL. Das Ensemble aus Fettpolstern, Speckschürzen und gedellter Haut, das sie sich all die Jahre als Rubensfigur schöngeredet hatte, verursachte ihr nur noch Übelkeit. Sie war eine Karikatur ihrer selbst.

Niki ertrug den niederschmetternden Anblick nicht länger. Sie warf einen Bademantel über und tappte auf nackten Füßen in Wolfgangs Arbeitszimmer. Die Wände waren bedeckt mit Bücherregalen, auf dem Schreibtisch türmten sich Akten und ungeöffnete Briefumschläge. Von wegen Überstunden. Mit eiskalten Fingern klappte sie seinen Laptop auf.

Als Erstes gab sie »Diät« ein. Das meiste kannte sie schon. »Schlank im Schlaf« hatte sich als dreiste Lüge erwiesen – vielleicht auch deshalb, weil sie nie ohne eine Tafel Schokolade ins Bett ging. Die Low-Carb-Diät war an ihrer Vorliebe für Croissants gescheitert, die Veggie-Diät an ihrem Hang zu Schweinshaxen und Königsberger Klopsen.

Nun versuchte sie es mit dem Stichwort »Fettabsaugung«. Kaum zu glauben, wie viele Kliniken es gab, die diese Verzweiflungstat anpriesen. Aber Niki hatte Angst vor Spritzen und Kanülen. Am Ende saugte man ihr noch sämtliches Gedärm aus dem Bauch. Und dann? Sogar Magenverkleinerungen wurden angeboten. Schauderhaft, einfach schauderhaft.

Zur Abwechslung entschloss sie sich für den schlichten Begriff »abnehmen«. Mit einem sanften Glockenton baute sich die Website eines Hotels auf. An einem malerischen See gelegen, bot es alle erdenklichen Annehmlichkeiten: Luxussuiten mit Whirlpool, eine holzgetäfelte Bibliothek, Wellness bis zum Abwinken. Das Beauty Resort Vitalis am Zürcher See schien das Paradies auf Erden zu sein. Mit einem Schönheitsfehler: das Essen. Darüber schwieg sich die Website nämlich aus. Es war nur von »Ernährungsumstellung«, »entgiften« und »entschlacken« die Rede.

Als Niki die Preisliste anklickte, wurde ihr flau. Ein einziger Tag in diesem Luxusschuppen kostete in etwa so viel wie eine Woche Pauschalurlaub für eine vierköpfige Familie. Sechshundert Euro. Das war Wahnsinn. Wer verbrannte denn so viel Kohle, nur um unter Aufsicht zu hungern?

Sie klappte den Laptop zu und wankte ins Wohnzimmer. Ihr tränengetrübter Blick wanderte über die gemütliche schokoladenbraune Polstergruppe, die Bilder mit gebratenem Federvieh an den Wänden, den Couchtisch, auf dem eine Schale voller Pralinen stand. Keine Frage, sie hatte sich in einen Riesenschlamassel reingefuttert.

Niki horchte in sich hinein. Es war einer der seltenen Momente in ihrem Leben, in denen es ihr den Appetit verschlagen hatte. Ein ganz, ganz schlechtes Zeichen. Normalerweise hätte sie sich jetzt ein üppiges Mittagessen gegönnt. Eine deftige Nudelsuppe, auf der münzgroße Fettaugen schwammen, ein saftiges Eisbein samt buttrigem Kartoffelbrei und zum Nachtisch Götterspeise mit Vanillesauce, gekrönt von einem Cappuccino und einer Handvoll Pralinen. Zum Teufel mit dem ganzen Zeug!

Mit einem gezielten Fußtritt kickte sie die Schale vom Tisch, und die Pralinen kullerten über den Teppich. In diesem Augenblick piepste ihr Handy. Die SMS kam von Wolfgang.

Bestell schon mal einen Tisch im Vittorio.

Und das Zehn-Gänge-Menü für zwei. Wird

leider etwas später. Komme nicht vor neun.

Freu mich ganz doll auf dich!

Nicht vor neun? Selbst heute, an ihrem Hochzeitstag, gab er dieser halbverhungerten Schlampe den Vorzug? Niki schleuderte das Handy in den Kamin, wo es in einem Haufen kalter Asche versank.

»Der Teilnehmer ist leider nicht erreichbar«, flüsterte sie.

Dann begann sie zu packen.

Am Flughafen war die Hölle los. Jetzt, am frühen Abend, strömten lauter gutaussehende Menschen in Businesskleidung aus den Fliegern und strebten dem trauten Heim zu. Das Niki nicht mehr hatte. Und vielleicht nie wieder haben würde. Sie schluckte. Neiderfüllt betrachtete sie die vielen schlanken Frauen mit Attachéköfferchen, die figurbetonte Kostüme trugen und auf hohen Hacken durch die Menge stöckelten.

Irgendetwas hatte sie falsch gemacht. Gründlich falsch. Warum war sie nicht eine dieser rasend attraktiven Frauen? Warum saß sie hier in einem sackartigen rosa Gebilde mit Bärchenaufdruck, die geschwollenen Füße in klobigen Gesundheitsschuhen?

Der Wartebereich vor ihrem Gate war angefüllt mit ernst dreinschauenden Herren, die auf ihren Laptops herumhackten oder lauthals telefonierten. Niemand würdigte sie eines Blickes. Sie war unsichtbar, eine tranige Matrone, der niemand Beachtung schenkte. Unruhig rutschte sie auf dem unbequemen grauen Schalensitz hin und her.

»Der Flug drei-zwei-neun-acht nach Zürich ist nun zum Einsteigen bereit«, ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern.

Niki zuckte zusammen. Das war ihr Flug. Sie war noch nie in Zürich gewesen und hatte keinen blassen Schimmer, was sie dort erwartete – abgesehen von Whirlpools, Wellness und einer holzgetäfelten Bibliothek. Sie zögerte. Sollte sie wirklich losfliegen?

Der Gedanke daran, wie skrupellos sie Wolfgangs Kreditkarte gequält hatte, machte ihr ein schlechtes Gewissen. Ein billiger Flug war so kurzfristig nicht zu haben gewesen. Das Erste-Klasse-Ticket und die Anzahlung für vier Wochen Hotelaufenthalt hatten ein Vermögen verschlungen.

Sie gab sich einen Ruck. Nicht sie, Wolfgang war es, der gefälligst ein schlechtes Gewissen haben sollte. Ciao, du Mistkerl, dachte sie grimmig. Verschlucken sollst du dich an deiner halben Portion. Wenn ich in vier Wochen wiederkomme, schlank wie eine Tanne, wirst du mich um Gnade anbetteln. Diese wundervolle Vorstellung verlieh ihr die nötige Energie, um aufzustehen und sich in die Schlange der einsteigenden Passagiere einzureihen.

Das Innere des Flugzeugs erwies sich als Herausforderung. Peinlich berührt, betrachtete Niki ihren Sitz, der offensichtlich für Kleinstkinder gedacht war. Wie um Himmels willen sollte sie da hineinpassen? Die Herren rechts und links von ihr sahen sie vorwurfsvoll an, als sie sich auf den Mittelplatz quetschte. Keiner von ihnen sagte ein Wort, kein »Hallo«, kein »Guten Abend«. Der smarte Typ im dunkelblauen Anzug zur Rechten zog lediglich eine Augenbraue hoch.

Sie hüstelte nervös. Das ging ja gut los. Die Armlehnen schnitten tief in ihren Rippenspeck, und sie musste ihre umfangreichen Schenkel fest zusammenpressen, um nicht die Hosenbeine ihrer Sitznachbarn zu berühren. Niki rechnete fest damit, dass eine der überirdisch dünnen Stewardessen sie in der nächsten Sekunde rauswerfen würde. Schon meinte sie die Ansage zu hören: »Aufgrund des enormen Übergewichts einer Passagierin kann das Flugzeug leider nicht abheben. Wir bitten daher Frau Annika Michels, umgehend auszusteigen.«

Doch nichts geschah, außer dass die beiden Herren demonstrativ von ihr abrückten. Waren sie etwa angewidert? Sahen sie ein Monster in ihr? Niki versuchte, sich klein zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Eng legte sie die Arme an den Körper und zog die Schultern hoch.

Wann war sie eigentlich das letzte Mal geflogen? Schwach erinnerte sie sich an eine Reise nach Spanien. Es war Lichtjahre her. Auf jeden Fall hatte der allgemeine Schlankheitswahn dazu geführt, dass die Sitze mittlerweile auf Bonsaiformat geschrumpft waren. Ein klarer Fall für die Menschenrechtskommission der UNO.

Das Brummen der Turbinen wirkte wohltuend einschläfernd. Sie war fast eingenickt, als eine Stewardess ihr ein heißes Tuch reichte. Dankbar rieb sie sich die Hände damit ab, dann den Nacken. Sie schwitzte. Sie schwitzte eigentlich immer. Lag das etwa am Übergewicht? Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Verstohlen spähte sie zu den beiden Herren, die sich in ihre Zeitungen vertieft hatten. Bemerkten sie überhaupt, dass Niki eine Frau war? Eine Frau aus Fleisch und Blut, die so gern einen einzigen freundlichen Blick bekommen hätte?

Noch nie war sie allein verreist. Wie sehr sie Wolfgang vermisste! Säße er doch jetzt neben ihr, dann wäre alles gut. Er würde ihr die Hand auf den Arm legen, und sie würde seine Wange streicheln, wie er es gern hatte. Stattdessen saß sie mutterseelenallein im Flieger, ohne männlichen Beistand, während Wolfgang – nicht mal dran denken!

Dabei hatte alles so romantisch angefangen, damals, als sie ihn kennengelernt hatte. Es war im Supermarkt gewesen, an der Käsetheke. Eigentlich kein romantischer Ort, doch als Wolfgang sich neben sie stellte, mit dem hungrigen Blick eines kulinarisch unterforderten Junggesellen, war es um Niki geschehen. Sie hatte ihm einen aromatischen Bergkäse empfohlen, dazu Feigensenf und ein Früchtebrot. Als sie mit ihren Tüten den Supermarkt verließen, hatte er sie zu sich nach Hause eingeladen. Dort hatten sie zuerst den Käse verspeist und dann einander. Von der ersten Minute an war klar gewesen, dass sie zusammengehörten und immer zusammenbleiben würden. Liebe auf den ersten Blick, ja, so etwas gab es wirklich.

»Etwas zu trinken, die Dame?« Die Stewardess hielt Niki ein Tablett mit Champagnergläsern hin.

Niki griff zu. »Und, äh, bekommt man hier auch was zu essen?«

Die Köpfe ihrer Sitznachbarn wandten sich ihr ruckartig zu. Niki versank vor Scham. Man musste kein Hellseher sein, um die Gedanken ihrer Mitreisenden zu lesen: Fett wie ein Krapfen, und denkt nur ans Essen.

Sie räusperte sich. »Ich meine, nicht, dass ich Hunger habe, ich frag nur so.«

Dabei hatte sie seit ihrer Kuchenorgie keinen Bissen zu sich genommen. Ihr Magen war ein riesiges schwarzes Loch im unendlichen Universum ihres Körpers.

Die Stewardess verzog keine Miene. »Selbstverständlich servieren wir in der Ersten Klasse ein Dinner, sobald die Anschnallzeichen erloschen sind. Sie haben die Wahl zwischen Zanderfilet an Lachsschaum, Hühnchen in Weißweinsauce und Bœuf Bourguignon.«

Die Herren feixten. Niki sah es genau. Sie straffte ihre Schultern. Denen würde sie es zeigen. Sie war rund, na und? Sie konnte eben genießen, im Gegensatz zu den hohlwangigen Elendsgestalten mit Streichholzärmchen, die diesen Typen gefielen.

»Zander, Hühnchen, Bœuf Bourguignon – ich nehme an, das sind die Vorspeisen«, flötete sie. »Ich hätte sie gern alle drei. Und was ist der Hauptgang?«

Es war schon dunkel, als die Maschine hart aufsetzte. Niki rieb sich die Augen. Sie hatte fest geschlafen, nachdem sie die lachhaft winzigen Portionen des Menüs eingeatmet hatte. Stöhnend befreite sie sich aus der Zumutung, die diese Airline Sitz nannte.

»Einen schönen Abend noch«, sagte sie zuckersüß zu ihren Sitznachbarn. »Hoffentlich bekommen Sie daheim was Anständiges zu essen.«

Während sie am Gepäckband auf ihren Koffer wartete, fischte sie einen Zettel aus ihrer Handtasche und las die darauf gekritzelte Adresse. Beauty Resort Vitalis, Seestraße 33. Was erwartete sie dort? Ein Einlauf zur Begrüßung und Sit-ups bis zum Morgengrauen? Worauf hatte sie sich bloß eingelassen?

Als sie wenig später am Taxistand auf einen freien Wagen wartete, fiel ihr eine Frau auf, die es an Leibesfülle locker mit ihr aufnehmen konnte. Sie war massig wie ein Sumoringer und trug einen weinroten Jogginganzug, der jeden einzelnen Wulst ihrer unförmigen Gestalt betonte. Darüber hatte sie eine viel zu kleine schwarze Lederjacke gezogen. Das pechschwarz gefärbte Haar und der lila geschminkte Mund vervollständigten den Eindruck, dass hier ein weiblicher Vollproll unterwegs war.

Die Frau stand etwas entfernt in der Warteschlange, doch plötzlich hob sie ihre prall gefüllte Plastiktüte an und drängelte sich zu Niki durch.

»Sagen Sie nichts, Sie rosa Nilpferd«, legte sie los. »Sie wollen ins Vitalis, so wie Sie aussehen. Stimmt's?«

Sprachlos stand Niki da. Was war denn das für eine Unverschämtheit? Und woher wusste diese unmögliche Person, was sie vorhatte?

»Nun klapp mal deinen Kiefer zu«, sagte die Frau. »Ich bin Walburga. Wir können uns gleich duzen, das machen am Ende sowieso alle. Ich fahr schon zum dritten Mal in die Folterkammer. Und du? Zum ersten Mal hier? Egal, wir können uns das Taxi teilen.«

Kalte Wut kroch in Niki hoch. »Ich mache einen – Wanderurlaub in der Schweiz«, sagte sie abweisend. »Und ich wüsste nicht, wieso …«

»Lass mal stecken«, wiegelte die Frau ab, die ungefähr in Nikis Alter sein mochte. »Geschätzte hundert Kilo Lebendgewicht wandern nicht. Sie rollen höchstens die Berge runter. Komm schon, Notfälle wie wir müssen zusammenhalten!«

In diesem Moment hielt ein freies Taxi neben Niki. Walburga stieß einen gellenden Pfiff aus, hob ungefragt Nikis Koffer an und wuchtete ihn zusammen mit ihrer Plastiktüte in den Kofferraum. Dann zwängte sie sich auf den Rücksitz.

»Hallo, fertig zum Schwertransport!«, rief sie Niki zu. »Oder willst du warten, bis dich morgen früh der Putztrupp aufwischt?«

Widerstrebend setzte sich Niki neben sie. Walburga nannte dem Fahrer die Adresse, und schon schoss das Taxi davon. Niki sah schweigend aus dem Fenster. Sie hatte beschlossen, das Grauen in Menschengestalt neben sich abgrundtief zu hassen. Woher hatte diese Person überhaupt so viel Geld, dass sie sich das Vitalis leisten konnte? Banküberfall? Mafia? Drogen? Alles schien möglich.

Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Walburga eine Tafel Schokolade aus ihrer Lederjacke holte und ihre Zähne hineingrub.

»Henkersmahlzeit«, sagte sie kauend. »Willst du auch was?«

Entrüstet wehrte Niki ab. »Auf keinen Fall. Schon mal was von Ernährungsumstellung gehört?«

Dabei lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Es war genau die Sorte Schokolade, der sie nicht widerstehen konnte. Vollmilch mit ganzen Haselnüssen. Ein Brüller.

»Ich hab einen ganzen Vorrat dabei«, verkündete Walburga. Das letzte Stückchen Schokolade verschwand zwischen ihren lila bemalten Lippen wie eine Maus im Rachen eines Löwen. »Kannst jederzeit drauf zurückkommen, Dummerchen.«

Dummerchen? Jetzt wurde es Niki zu viel. »Nur fürs Protokoll: Ich habe einen ziemlich hohen IQ.«

Walburga zuckte die Schultern. »Davon wird die Küche auch nicht sauber.«

Eine feindselige Stille trat ein, während Niki sich vornahm, Walburga in den kommenden vier Wochen konsequent zu schneiden. Die jedoch schien völlig resistent gegen Nikis unnahbare Haltung zu sein.

»Schätzchen, sei froh, dass du mich getroffen hast. Sonst wärst du komplett ahnungslos beim Erstkontakt. Nimm dich in Acht vor Doktor Mannheimer. Der ist Hardcore. Er hat beim Mossad trainiert. Wenn er dich beim heimlichen Essen erwischt, erledigt er dich notfalls auch mit einem Knopf seines Arztkittels. Geh lieber zu Frau Doktor König, die ist ein Cremeschnittchen und drückt auch mal ein Auge zu.«

Niki fixierte einen unsichtbaren Punkt an der Frontscheibe.

»Vorsicht beim Shiatsutrainer«, setzte Walburga ihre ungebetenen Erläuterungen fort. »Mario hat mehr Sex im kleinen Finger als George Clooney in der Hose.« Sie grinste. »Es sei denn, du stehst auf die schnelle Nummer. Er hat mich mal ins Koma massiert. Als ich aufwachte, lag er auf mir. ›Du denkst doch nicht ernsthaft über einen Quickie nach?‹, fragte ich. Und er: ›Hab ich schon. Das Ergebnis war positiv.‹«

Entgeistert sah Niki Walburga an. Auch der Fahrer schenkte ihr mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als dem Straßenverkehr.

»Hey«, lachte Walburga. »So was ist gut fürs Immunsystem. Dicke Frauen haben zu wenig Sex. Das ist bekannt.«

Niki fand es erschreckend, dass Walburga solche Sachen wusste. Sie war nicht prüde, aber Walburgas lose Sprüche gingen ihr gewaltig auf die Nerven.

»Ich will kein Sexabenteuer, nur abnehmen«, sagte sie kalt. »Entschlacken und entgiften. Das ist alles.«

Kopfschüttelnd holte Walburga eine zweite Tafel Schokolade heraus. »Träum weiter. Das Vitalis wird dein Leben verändern. Und zwar komplett.«

Niki kniff die Lippen aufeinander. Sie wollte kein anderes Leben. Sie wollte Wolfgang zurückhaben. Und dann sollte alles wieder so sein wie früher. Tapfer schluckte sie ihre Tränen hinunter.

Die Website hatte nicht zu viel versprochen. Das Beauty Resort Vitalis verströmte schon von weitem den gediegenen Luxus eines klassischen Grandhotels. Der mehrstöckige Bau mit schlanken weißen Säulen lag direkt am Wasser, in einem weitläufigen Park, der mit bunten Glühbirnen illuminiert war. In der Ferne ließen blinkende Lichter das gegenüberliegende Ufer des Sees erahnen.

Im Schritttempo fuhr das Taxi über den knirschenden Kies der Auffahrt, bis es vor dem hellerleuchteten Eingang hielt. Zwei beleibte Frauen in extravaganten Cocktailkleidern standen dort und hielten Wasserflaschen in den Händen, offenbar das angesagteste Accessoire der hiesigen Diätszene. Neugierig musterten sie die Neuankömmlinge, die sich aus dem Taxi schraubten.

Niki hatte alles in ihren Koffer geworfen, was ihr gerade noch passte. Viel war es nicht: farbenfrohe Frotteekittel, die sie vornehm »Hauskleider« nannte, T-Shirts, in denen ganze Großfamilien Platz gefunden hätten, fluffige Umstandshosen mit Gummizug. Eine Garderobe, die diesen Namen verdiente, besaß sie schon lange nicht mehr. Von Cocktailkleidern ganz zu schweigen.

»Die beiden Doppelrahmschnecken da sind Dauerkunden«, flüsterte Walburga und nickte den Frauen zu. »Tamara und Alexis, voll die Diätjunkies. Jojo de luxe. Sobald sie ein paar Gramm abgespeckt haben, geht's ab in die Fresstempel – um schwuppdiwupp wieder hier zu landen. So wie ich. Willkommen im Club«

Nein, so hatte sich Niki das nicht gedacht. Vier Wochen mussten reichen, um aus ihr jene begehrenswerte Frau zu machen, die sie einmal gewesen war. Für Wiederholungen fehlte es schlicht an Geld. Die Hypothek des Einfamilienhauses war noch nicht abbezahlt, sie sparten auf ein neues Auto. Und sie hatte keine Lust, dereinst mit Wolfgang auf dem Campingplatz zu nächtigen, nur, weil sie sich nicht beherrschen konnte.

»Siebzig Franken, die Damen«, rief der Taxifahrer ungeduldig.

Sie legten zusammen, nahmen ihr Gepäck und stapften in die Lobby. Alles hier war überirdisch elegant. Dicke, dezent gemusterte Teppiche lagen auf dem weißen Marmorboden. Überall standen Palmen in silbernen Kübeln, zartgrüne, weiche Couchen luden zum Verweilen ein. An einem weißen Flügel saß ein Pianist und klimperte Wohlfühlmusik.

Niki fühlte sich völlig fehl am Platz. Diese Welt kannte sie nicht. Wenn sie überhaupt mal mit Wolfgang verreiste, logierten sie in preiswerten Mittelklassehotels, wo sie nicht weiter auffielen. Dies hier war eine glänzende Bühne, auf der Niki nicht mal als Statistin vorgesehen war. Unsicher ging sie hinter Walburga her, die den Empfangstresen ansteuerte. Die jungen Mädchen dahinter trugen bunte Dirndl und waren so gut trainiert, dass sie noch nicht einmal aufhörten zu lächeln, als Walburga ihre Plastiktüte auf den Tresen knallte.

»'n Aaabend. Na, alles frisch in der Bluse?«

»Grüezi miteinand'«, erwiderte eine magere Rothaarige, in deren knochigem Dekolleté eine Edelweißkette baumelte. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.«

»Nee.« Walburga kratzte sich ungeniert am Kopf. »Flieger verspätet, nur ein paar eklige Chips in der Holzklasse, runde Füße vom Druckabfall in der Kabine. Walburga Maletzke. Und? Bekomme ich wieder mein Zimmer mit Seeblick?«

Das Mädchen klickte in ihrem Computer herum. »Wir sind leider ziemlich ausgebucht. Zum See hin ist nur noch ein Doppelzimmer frei. Ich kann Ihnen ein Einzelzimmer zum Hof anbieten.«

»Damit ich eine fette Depression kriege?« Walburga stampfte mit dem Fuß auf. »Einzelzelle zum Hof, ohne Sonne, ohne Spaßfaktor? Kommt nicht in den Sack.« Sie warf einen schnellen Blick auf Niki. »Was ist mit ihr? Kriegt sie auch so eine miese Besenkammer?«

Das Lächeln des Mädchens gefror. »Wir verfügen ausnahmslos über sehr hübsche Zimmer.«

»Hübsch ist was anderes«, schnaubte Walburga. »Pass mal auf, du kleiner Mistkäfer, wir zwei Grazien nehmen das Doppelzimmer, und aus die Maus.«

Niki hatte der Unterhaltung mit wachsender Panik zugehört. »Wir?«, stieß sie hervor. »Es gibt kein Wir. Lieber nehme ich eine Wäschekammer im Keller, als mit der da ein Zimmer zu teilen.«

Walburga zwinkerte der Tresenkraft zu. »Ist 'ne total verpeilte Torte. Na, schön. Sie halten uns das Doppelzimmer noch ein paar Tage frei, ja? Falls Prinzessin es sich anders überlegt.«

Da kannst du lange warten, dachte Niki. Sie reichte dem Mädchen ihre Kreditkarte. »Ich würde den Rest gern sofort bezahlen.«

Weil ich nicht weiß, wann Wolfgang die Kreditkarte sperrt, fügte sie in Gedanken hinzu. Er wird vor Wut in den Schreibtisch beißen, wenn er merkt, dass sein Hochzeitstagsgeschenk den Wert eines funkelnagelneuen Autos erreicht hat.

»Selbstverständlich.« Das Mädchen angelte sich die Kreditkarte und zog sie durch die Maschine. »Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Aufenthalt, Frau Michels.«

Während Niki die Quittung unterschrieb, schob ihr die Angestellte eine Plastikhülle mit eng bedruckten Zetteln über den Tresen.

»Ihr Anwendungsplan. Bitte melden Sie sich morgen früh um viertel nach sieben bei Herrn Doktor Mannheimer zur Anfangsuntersuchung. Nüchtern.«

Doktor Mannheimer? War das nicht der gefährliche Finsterling? Walburga verzog höhnisch den Mund. Aber Niki hatte zu viel Stolz, um nach der netten Ärztin zu fragen. Sie nahm die Schlüsselkarte in Empfang, schnappte sich ihren Koffer und floh, bevor Walburga ihr einen frechen Spruch hinterherschicken konnte.

Als Niki ihr Zimmer gefunden hatte, sank ihr ohnehin niedriger Wohlfühlpegel unter null. So beeindruckend das Hotel auch von außen wirkte, dieses enge Gelass war eine einzige Frechheit. Ein Bett, ein Sessel, ein Beistelltisch und ein Kleiderschrank verteilten sich auf geschätzte zwölf Quadratmeter. Da halfen auch die hellgrünen Seidentapeten und der kostbare Kronleuchter nichts. Das Badezimmer war eng wie eine Telefonzelle. Selbst lebenslänglich verurteilte Raubmörder hatten mehr Platz als ein Vitalis-Gast, dem das nötige Kleingeld für eine Suite fehlte.

Sie holte zwei gerahmte Fotos aus dem Koffer und stellte sie auf das Tischchen. Auf einem lächelte ihr Wolfgang entgegen, auf dem anderen ihre Tochter Peggy. Dann überlegte sie es sich anders und verbannte Wolfgang zurück in den Koffer. Sein selbstgefälliges Erobererlachen war schwer zu ertragen. Es hatte ihm immerhin ein außereheliches Testosteronhoch verschafft, das Niki soeben die dunkelsten Stunden ihres Lebens bescherte.

Morgen würde sie sich bei ihm melden. Oder übermorgen. Sie würde sich schön Zeit lassen. Es schadete überhaupt nicht, wenn er ein bisschen vor sich hin schmorte. Sollte er doch glauben, sie sei auf offener Straße an einem Hamburger erstickt. Oder man hätte sie in einen orientalischen Harem verschleppt, wo Kingsize-Frauen als ultimativer erotischer Kick galten.

Seufzend dachte sie an den Mann, mit dem sie fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Wolfgang bedeutete ihr alles. Ein Leben ohne ihn war schlicht nicht vorstellbar. Sicher, im Bett lief nichts mehr, aber das würde sich ändern. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sehr sie seine Nähe genossen hatte, seine Hände auf ihrem Busen, seine zärtlich gemurmelten Worte an ihrem Ohr. Und wie schön es gewesen war, in seinen Armen einzuschlafen.

Niki stülpte sich das lächerliche rosa Hängerchen über den Kopf und setzte sich aufs Bett. Achtundneunzig Kilo. Um bei einer Größe von einem Meter vierundsechzig auch nur entfernt an eine leichtfüßige Gazelle zu erinnern, musste sie sich halbieren. Diese Erkenntnis war so schockierend, dass sie dringend einen Amaretto brauchte. Sie stand auf und öffnete die Minibar. Doch die war nur randvoll mit Wasserflaschen.

Ärgerlich trat Niki die Tür der Minibar zu. Wenn sie jetzt daheim gewesen wäre, hätte sie sich einen schönen Rotwein eingeschenkt und sich mit einer Schachtel Pralinen aufs Sofa gelegt. Dann hätte sie einen Liebesfilm mit sicherem Happy End eingeworfen und einen gemütlichen Couchabend verbracht. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Zuhause. Abgesehen von den unguten Entwicklungen, was Wolfgang betraf, hätte sie sich über nichts den Kopf zerbrechen müssen. Im Kühlschrank warteten stets ausgesuchte Köstlichkeiten auf sie. Der Gedanke daran, dass sie jetzt einen frischgebackenen Apfelkuchen mit Vanilleeis essen könnte, brachte sie fast um den Verstand.

Sie trat ans Fenster, doch die Aussicht auf den trübseligen Innenhof voller Mülltonnen machte alles nur noch schlimmer. Sie hatte Hunger. Sie wollte einen Amaretto. Das Zimmer war eine Katastrophe, ihre Ehe vorläufig am Ende. Ein schreckliches Schicksal hatte beschlossen, sie heimzusuchen. Und sie konnte nicht mal eine Freundin anrufen – ihr Handy lag unter einer dicken Schicht Asche daheim im Kamin.

Tag eins

Als der Morgen graute, war Niki am Ende. Die Nacht war ein Desaster gewesen. Schweißnass hatte sie sich auf dem Bett hin und her gewälzt wie ihr eigener Alptraum. Der Anblick von Wolfgang und seiner Geliebten hatte sich so unauslöschlich in ihre Netzhaut gefräst wie ein Brandzeichen auf das Fell einer Kuh. So ein Schuft. Leider liebte sie diesen Schuft.

An Schlaf war sowieso nicht zu denken gewesen. Vom Innenhof drangen unablässig Geräusche ins Zimmer: rumpelnde Waschmaschinen, klappernde Mülltonnen, Autos, die mit aufheulenden Motoren einparkten und wegfuhren. Aber sie hatte nun einmal die unterste Kategorie gebucht. Da konnte man keinen schalldichten Ballsaal erwarten.

Fast wäre sie schwach geworden und hätte die Rezeption angerufen, um doch noch das Doppelzimmer zu verlangen. Unglücklich mit Seeblick war immer noch besser als deprimiert im Wohnklo. Die Erinnerung an Walburgas prolligen Dampframmenstil hatte sie jedoch davon abgehalten. Wenngleich eine Tafel Schokolade aus Walburgas Vorrat hilfreich beim Einschlafen gewesen wäre …

Missmutig hievte Niki ihren müden Körper aus dem Bett. Sie duschte und zog den weißen Hotelbademantel über, auf dem in Hellgrün der Schriftzug »Beauty Resort Vitalis« eingestickt war. Dann wählte sie ein Paar ausgelatschte Badeschlappen und machte sich auf die Suche nach dem Speisesaal. Ein Mordshunger beutelte sie. Sie hätte töten können für ein Marmeladenbrötchen. Und für Rühreier mit Rostbratwürstchen hätte sie ohne mit der Wimper zu zucken eine mittlere Kleinstadt ausgelöscht.

Auf den Gängen war bereits Betrieb wie in der Fußgängerzone zur Weihnachtszeit. Übernächtigte Gestalten in Bademänteln schlichen Schulter an Schulter die Flure entlang. Niki folgte ihnen und gelangte zu einem großen zitronengelb gestrichenen Raum mit weiß gedeckten Tischen. Von den Stuckdecken baumelten riesige Kristalllüster, an den Wänden hingen buntfarbige Landschaftsgemälde. Die Fensterfront gewährte eine beeindruckende Aussicht auf den See, der im Morgenlicht glitzerte. Ein paar Segelboote glitten über die spiegelglatte Wasserfläche, die mit der Sonne flirtete.

Sofort besserte sich ihre Laune. Früüühstück!, jubilierte es in ihr. Nach allem, was sie über Diäten wusste, durfte man morgens zulangen, bis die Schwarte krachte. Erst abends blühte einem eine Qual namens Dinner Cancelling, wie sie bei ihren ausgedehnten Recherchen im Internet erfahren hatte. Aber etwas fehlte hier. Niki kam nicht gleich drauf. Dann begriff sie: kein Kaffeeduft, kein Duft frischer Brötchen. Es roch eher nach Krankenhaus, eine Mischung aus Desinfektionsmitteln, Verzweiflung und Kamillentee.

Voller Bedauern dachte Niki an die knusprigen Croissants, die sie jeden Morgen vom Bäcker holte, an die selbstgekochten Marmeladen, die brutzelnden Eier, die Wildschweinsalami, den Schinken, die Baguettes. Bei der Vorstellung, wie zu Hause dampfender Cappucino aus der italienischen Kaffeemaschine zischte, war ihr zum Weinen zumute.

Entkräftet hockte sie sich an den nächstbesten Tisch und schaute sich um. Komisch. Die anderen Gäste waren eindeutig hyperaktiv. Dauernd stand jemand auf und verschwand hinter einer Schwingtür am anderen Ende des Speisesaals, um wenig später zurückzukehren. Dann wiederholte sich die Prozedur. Wer machte denn so was? War sie aus Versehen in einer Anstalt des Wahnsinns gelandet, eingesperrt mit verhaltensauffälligen Volltrotteln?

»Einen schönen guten Morgen!«

Niki sehnte den Tag herbei, an dem das stimmen würde. Sie sah auf und direkt in das hagere Gesicht einer Frau, die sie spontan an Heidis gruselige Gouvernante Fräulein Rottenmeier erinnerte. Ihr graues Haar hatte sie straff zu einem Knoten zusammengebunden. Das verhärmte Gesicht war blass und länglich, die spitze Nase und die stechenden Augen verrieten die Gnadenlosigkeit eines weiblichen Folterknechts. Wie die Mädchen an der Rezeption trug sie ein Dirndl.

»Sie sind neu, richtig? Darf ich um den werten Namen bitten?«

Die Stimme der Frau klang streng, dennoch atmete Niki auf. Schließlich war sie ein üppig zahlender Gast und diese Kellnerin quasi der Zugangscode zur Küche. Da sollte man besser Freundschaft schließen, selbst mit einem übellaunigen Drachen. Zum Glück hatte Niki ein paar Geldscheine in die Bademanteltasche gesteckt, bevor sie losgegangen war.

»Michels«, antwortete sie. »Annika Michels.«

Sie senkte ihre Stimme zu einem Raunen, während sie einen Zwanzigeuroschein herausfingerte, den sie dem Drachen unauffällig hinhielt. »Ich weiß, ich bin eigentlich zum Abnehmen hier, aber ich habe schrecklichen Hunger. Könnte ich bitte ein klitzekleines Rührei und einen Cappuccino haben? Fünf, sechs Rostbratwürstchen wären auch sehr schön. Und süßer Senf. Danach würde ich mich über einen Blaubeermuffin freuen.«

Eine steile Falte erschien auf der Stirn der Frau. Sie ignorierte den Geldschein, holte einen Block aus der Schürzentasche ihres Dirndls und tippte mit dem Zeigefinger darauf.

»Frau Annika Michels, soso. Sie haben gleich einen Termin bei Herrn Doktor Mannheimer. Nüchtern. Wissen Sie, was nüchtern bedeutet?«

Niki druckste etwas Unverständliches. Kleinlaut stopfte sie den Schein in ihre Bademanteltasche zurück. Ihr Körper rebellierte. Er wollte etwas zu essen! Irgendwas! Gab es denn kein Erbarmen?

»Ich heiße Inge-Gundula. Sie werden sich hier sehr wohlfühlen«, behauptete die Frau mit dem einschüchternden Tonfall einer Herbergsmutter.

Ohne weitere Erklärung eilte sie davon und kam mit einem Glas Wasser zurück. »Sie haben eine Dreiviertelstunde zur Darmentleerung. Herr Doktor Mannheimer wird Ihnen dann einen Ernährungsplan zusammenstellen.«

Ein Glas Wasser? Das war ja wohl ein schlechter Scherz. Für den Zaster, den Niki hier abdrückte, konnte sie Kaviar pfundweise verlangen. Doch Inge-Gundula war schon zum nächsten Tisch gegangen. Also gut. Niki trank einen großen Schluck und bereute es eine Sekunde später zutiefst. Was für ein Teufelszeug war das denn? Es schmeckte widerwärtig bitter und löste Brechreiz aus. Hustend setzte sie das Glas ab.

Mit einem raubtierartigen Sprung war Inge-Gundula bei ihr. »Nein, Frau Michels, alles trinken!« Sie blieb stehen, um Niki zu überwachen.

»Was – was ist das? Gift?«

Ein schmallippiges Lächeln erschien auf dem Gesicht von Fräulein Rottenmeier, wie Niki sie innerlich taufte. »Das ist Glaubersalz. Die Wirkung ist durchschlagend. Glauben Sie mir.«

Folgsam trank Niki das Glas leer. Kurze Zeit später wusste sie, warum die anderen Gäste immer wieder aus dem Raum stürzten. Der Teil ihres Körpers, der für die Kanalisation zuständig war, explodierte förmlich. Panisch lief sie zur Schwingtür, hinter der sich gleich mehrere Toiletten verbargen. Dann rauschte es aus ihr heraus, als hätte sie in den vergangenen vierundzwanzig Stunden einen ganzen Delikatessenladen geplündert. Die begleitende Geräuschkulisse trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht.

Es war furchtbar. Es war demütigend. Und es war kaum zu glauben, was da alles mit der Gewalt eines Vulkanausbruchs ihre Eingeweide verließ.

Niki war kaum an ihren Tisch zurückgekehrt, als das Ganze wieder von vorn losging. Grinsend winkte ihr Walburga zu, die an einem der Nebentische saß. Sie trug einen türkisfarbenen Jogginganzug und amüsierte sich köstlich über Nikis weit aufgerissene Augen und ihren watschelnden Laufschritt.

»Sommerschlussverkauf!«, rief sie. »Alles muss raus!«

Als Niki zum dritten Mal zu ihrem Stuhl zurücktrottete, wurde sie von Fräulein Rottenmeier erwartet.

»Wir haben hier eine Tischordnung«, erklärte sie. »Ihr Platz ist drüben am Fenster.«

Sie zeigte auf einen Tisch, an dem ein menschlicher Petziball hockte. Der Mann wog locker zweihundert Kilo. Seine Arme reichten kaum bis zur Tischkante, da er wegen seines unförmigen Bauchs etwa einen halben Meter Abstand wahren musste. Mit versteinertem Gesichtsausdruck knabberte er an einem Brötchen herum.

»Ich möchte lieber allein bleiben«, flüsterte Niki. »Haben Sie nicht noch einen Einzeltisch, nur für mich?« Sie zeigte auf die vielen leeren Tische, die nicht eingedeckt waren.

Fräulein Rottenmeier schüttelte ungehalten den Kopf. »Es gehört zu unserem Konzept, dass die Gäste ihre Erfahrungen austauschen. Tisch sieben. Ich mache Sie sogleich mit Herrn Holst bekannt.«

Walburga hatte alles mit angehört. »Bingo!«, gluckste sie, als Niki an ihr vorbeiging. »Leo ist die Sahne auf dem Knäckebrot. Du brauchst aber jede Menge erotische Fantasie, falls er dich antörnt. Ich empfehle die äußerst bequeme Pythonstellung, bei der man sich gegenüberliegend …«

»Kein Wort mehr«, fauchte Niki. »Ich habe null Bedarf an schmuddeligen Tipps!«

Sie folgte Fräulein Rottenmeier, die bereits mit dem Mann sprach. Der erhob sich schwer atmend und streckte Niki eine Hand hin, deren Finger an zu dick geratene Wiener Würstchen erinnerten. Er war etwas kleiner als sie.

»Leo Holst«, sagte er. »Ist mir ein Vergnügen.«

Im Grunde sah er gar nicht so übel aus. Dunkles, welliges Haar, braune Augen mit goldenen Pünktchen, nettes, etwas melancholisches Lächeln. Ein Brötchenkrümel klebte an seiner feuchten Unterlippe. Darunter war Notstandsgebiet. Gleich drei Doppelkinne ruhten auf dem geöffneten Hemdkragen. Sein aufgeblähter Bauch und die seitwärts ausgestellten Plattfüße machten ihn vollends zur bedauernswerten Witzfigur.

Aber war Niki nicht selbst eine Witzfigur? War es das, was Wolfgang in ihr sah? Seit sie das dürre Wesen an seiner Seite gesehen hatte, war das wohl eine traurige Gewissheit.

»Annika Michels«, presste sie hervor. »Ich, äh, muss jetzt leider zum Arzt. Man sieht sich.«

»Um halb zwölf beginnt das Mittagessen«, sagte Fräulein Rottenmeier. »Pünktlich.«

Essen war das Letzte, woran Niki jetzt denken konnte. Wenn sie nicht alles täuschte, rumorte es schon wieder in ihrer Kanalisation. Ohne ein weiteres Wort rannte sie los.

»Viel Spaß, Lady Dünnpfiff«, ätzte Walburga hinter ihr her.

Niki hätte sie am liebsten mit ihrem türkisfarbenen Jogginganzug erwürgt.

Doktor Mannheimer war ein drahtiger Mittfünfziger, der den Charme einer geladenen Pistole verbreitete. Seine abgezehrten Gesichtszüge und das militärisch kurz geschnittene graue Haar machten den ersten Eindruck auch nicht besser. Ängstlich saß Niki auf dem Besucherstuhl und zog den Bademantel fest zu, während er mit dem schnarrenden Tonfall eines ermittelnden Kommissars ihre Daten abfragte.

»Alter? Gewicht? Vorerkrankungen?«

Stockend antwortete sie ihm. Sie fühlte sich wie eine Schülerin, die beim Diktat gemogelt hatte. Dieser Arzt gab einem auf der Stelle das Gefühl, etwas Furchtbares angestellt zu haben. Ob er wirklich beim Geheimdienst gewesen war?

Ihre Augen schweiften durch das Zimmer. Die hellgrün gestrichenen Wände, die hübschen Blumenaquarelle und die einladende beigefarbene Sesselgruppe am Fenster machten dem angepriesenen Wellnessgroove alle Ehre – im Gegensatz zu Doktor Mannheimer, dessen Blick sich dolchartig in Nikis Bademantel bohrte.

Und schon kam der Satz, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte: »Dann legen Sie mal ab, Frau Michels.«

Seit vielen Jahren hatte sich Niki niemandem mehr nackt oder auch nur im Badeanzug gezeigt. Wolfgang kannte seine Frau nur in zeltartigen Flanellnachthemden, die sie bis oben zuknöpfte. Am Strand ließ sie sich gar nicht mehr blicken, einen Arzt hatte sie ebenfalls seit Jahren nicht mehr aufgesucht. Nur ihr Spiegelbild und sie wussten, dass sie mittlerweile einer riesenhaft vergrößerten Qualle glich.

Mit hängenden Schultern löste sie den Gürtel des Bademantels. Das letzte bisschen Restenergie ging dafür drauf, den Bauch einzuziehen. Dann wagte sie einen Blick in Doktor Mannheimers Gesicht.

Mit verspannter Miene scannte er jeden Millimeter ihres sträflich vernachlässigten Körpers.

»Hmmmm.« Das war alles.

Niki räusperte sich. »Wie schlimm ist es?«

Statt einer Antwort machte sich der Arzt Notizen. Mit zackigen Bewegungen glitt der Kugelschreiber übers Papier. Schrieb er gerade ihr Todesurteil?

»Bitte legen Sie sich auf die Liege da drüben.«

Die Liege war viel zu schmal. Niki hatte so gerade eben darauf Platz. Entsetzt sah sie, wie sich Doktor Mannheimer die Hände in einem kleinen Waschbecken wusch. Was hatte er vor? Wollte er mit bloßen Händen eine Notoperation durchführen?

Ohne weitere Vorwarnung kam er auf Niki zu und drückte grob seine Finger in ihren Bauch. »Ich beginne nun mit der manuellen Untersuchung«, verkündete er überflüssigerweise.

Immer heftiger wurden seine knetenden Bewegungen, als wolle er einen zähen Hefeteig in eine Skulptur verwandeln. Es war ziemlich unangenehm. Niki litt stumm. Sie wollte nur noch, dass es wieder aufhörte.

»Erweiterter Rippenbogen, vergrößerter Magen, Unregelmäßigkeiten der Darmausstülpungen«, murmelte Doktor Mannheimer. »Wissen Sie eigentlich, was Sie Ihrem Körper zumuten?«

»Nö. Wieso?«

Niki fand ihn bei weitem zu unfreundlich, wenn man bedachte, dass Klienten wie sie seine zweifellos grandiose Villa in Bestlage sowie mindestens zwei Ferienhäuser und drei Luxuskarossen finanzierten.

»Wenn Sie so weitermachen, haben Sie in fünf Jahren Diabetes Typ zwei, Arthrose, Gicht und chronische Verstopfung.«

»Ach, nee. Noch mehr gute Neuigkeiten?«

Er legte den Kopf schief. »Falls Sie fortschreitende Übersäuerung, Atemnot und Herz-Kreislauf-Probleme als gute Neuigkeiten bezeichnen …«

Toll, dachte Niki. Am besten erschieße ich mich gleich.

Endlich ließ er von ihr ab. »Bitte steigen Sie auf die Waage. Danach können Sie sich wieder anziehen, Frau Michels.«

Die Waage zeigte 97,5 Kilo an, was Niki in einen Taumel der Begeisterung versetzte. Sensationelle fünfhundert Gramm weniger als am Tag zuvor! Beschwingt zog sie ihren Bademantel wieder an. Alles wird gut, dachte sie, Wolfgang wird mich nicht wiedererkennen. Und das bedeutete Sex mit einer fremden Frau. Welcher Mann träumte nicht davon?

Der Arzt überreichte ihr den Zettel, den er mit seiner unleserlichen Handschrift bedeckt hatte. »Sie absolvieren das übliche Programm mit Heuwickeln, Kneippanwendungen, Entgiftungsbädern und Massagen. Zusätzlich Shiatsu, Personal Training und Stretching. Ihren persönlichen Ernährungsplan wird Inge-Gundula Ihnen geben.«

Beim Wort Shiatsu klingelte etwas bei Niki. »Äh, könnten wir dieses Dings, dieses Schatzi weglassen? Ich steh nicht so auf asiatische Akrobatik, wissen Sie.«

Der Mund von Doktor Mannheimer war nur noch ein Strich. »Sie befinden sich in einem äußerst bedenklichen Zustand. Und das wird sich nur ändern, wenn Sie mit aller Konsequenz« – er verschränkte die Arme vor der Brust –, »ich betone: mit aller Konsequenz den Behandlungsplan einhalten. In zwei Tagen sehen wir uns wieder. Nicht zuletzt die Waage wird erweisen, ob Sie die Hoheit über Ihren Körper zurückgewinnen können.«

Mir würde schon reichen, wenn ich die Hoheit über Wolfgangs Körper zurückgewinnen könnte, dachte Niki. Dann schlüpfte sie in ihre Schlappen und verließ grußlos ihren Peiniger.

Kaum war Niki in ihrem Zimmer angelangt, als ein Dirndlmädchen klopfte und ihr ein heißes, streng riechendes Kissen auf die Lebergegend legte. Es war mit aufgewärmtem Heu gefüllt, zur Entgiftung, wie das Mädchen erläuterte. Anschließend wurde Niki zum Kneippraum geführt, wo sie ihre Füße abwechselnd in heißes und kaltes Wasser tauchen musste. Es folgte ein Sprudelbad in einer Wanne mit eingebauter Lichtshow. Das blubbernde Wasser färbte sich gelb, blau, dann violett, während psychedelische Musik aus verborgenen Lautsprechern waberte. Es war wie in musikalischen Seifenblasen paddeln. Für so einen Trip zogen sich andere Leute Drogen rein.

Zur Mittagszeit fühlte Niki sich wie ein nasses Handtuch im Schleudergang. Sie hatte weder Lust auf das gestrenge Fräulein Rottenmeier noch auf den schwabbelnden Leo Holst. Auch auf eine weitere Begegnung mit Walburga verzichtete sie gern. Also ließ sie sich das Mittagessen aufs Zimmer bringen. Es bestand aus einer staubtrockenen Reiswaffel und einem armseligen Häufchen gekochten Gemüses. Widerwillig gabelte sie das faserige Etwas in sich hinein. Warum tat sie sich das an? Sie musste vollkommen verrückt sein.

Nachdem Niki dann noch eine ziemlich grobe Rückenmassage, eine geschlagene Viertelstunde Laufband, eine Stretchinglektion und eine erneute Kneippanwendung durchgestanden hatte, war sie so müde, als hätte sie den Mount Everest bestiegen. Ohne Sauerstoffgerät. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, das Abendessen aufs Zimmer zu bestellen, sondern schlief einfach im Bademantel auf dem Bett ein.

Ein schwerer Fehler, wie sie feststellte, als sie Stunden später erwachte. Ihre Uhr zeigte Mitternacht. Der Hunger wütete in ihrem Magen wie ein wildes Tier. Ein unerträglicher Kopfschmerz hämmerte in ihren Schläfen. Wenn sie nicht sofort etwas zu essen bekam, würde sie die Tapeten von den Wänden kratzen. Nikis Hände zitterten, als sie die Nummer der Rezeption wählte.

»Könnten Sie mir freundlicherweise sagen, in welchem Zimmer Frau Walburga Maletzke untergebracht ist?«

»Einen Moment, bitte.«

Sie wartete voller Ungeduld. Die Vision einer Tafel Vollmilchschokolade mit ganzen Nüssen quälte sie so heftig, dass sie sich zusammenreißen musste, das verschlafene Mädel an der Rezeption nicht wüst zu beschimpfen.

»Zimmer zweihundertvier.«

Jetzt gab es kein Halten mehr. Das Tor zum Schlemmerparadies stand weit offen! Niki musste nur noch das Zimmer finden, bei Walburga zu Kreuze kriechen, und schon würde sie den himmlischen Geschmack schmelzender Schokolade und zart knackender Nüsse auf der Zunge spüren.

Von irren Hungerfantasien getrieben, hastete sie durch die leeren Gänge, bis sie die erlösende 204 erblickte. Doch sie klopfte vergeblich. Entweder schlief Walburga tief und fest, oder sie hatte einfach keine Lust auf Besuch zur Geisterstunde.

»Walburga«, rief Niki leise. »Mach auf! Ich bin's!«

Keine Reaktion. Nikis Vorfreude sank in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon. Fieberhaft überlegte sie, was zu tun war. Bis sie sich angezogen, ein Taxi bestellt hatte und in die Innenstadt gefahren war, hatten die Restaurants sicher schon geschlossen. Also musste sie ihre Schritte dorthin lenken, wo die naheliegende Quelle der Genüsse war: in die Küche. Sie befand sich direkt neben dem Speisesaal, wie Niki sich erinnerte. Heimlich wie ein Dieb schlich sie los.

Im Speisesaal war alles dunkel. Ihr Herz klopfte, als sie die Klinke der Küchentür herunterdrückte. Die Tür war unverschlossen. Innerlich frohlockend, schob Niki sie auf. Dann wich sie erschrocken zurück.

Das konnte nicht wahr sein! Und doch gab es keinen Zweifel: Im flackernden Licht einer Kerze saßen drei Frauen auf dem gekachelten Fußboden und aßen Spaghetti. Walburga und die zwei vormals eleganten Damen, die jetzt statt ihrer Cocktailkleider bunt bedruckte Baumwollnachthemden trugen. Mit großen Augen starrten sie Niki an.

Sie sammelte sich. »Das ist ekelhaft! Das ist unmoralisch! Ich will mitmachen!«

Sekunden später schlang sie die Spaghetti direkt aus dem Topf in sich hinein. Mit den Fingern. Gierig zermalmten ihre Zähne die rettende Pasta. Sie wollte nur noch essen, essen, essen. Ihr gebadeter, massierter, gekneteter, ausgehungerter Körper bebte. Alles drehte sich vor ihren Augen.

Es dauerte eine Weile, bis ihr Magen Entwarnung gab. Mit dem Handrücken wischte sie sich die herrlich fettige Sauce vom Kinn. Seufzend richtete sie sich auf. Und blickte in drei erstaunte Augenpaare.

»'schuldigung«, sagte sie. »Normalerweise habe ich bessere Tischmanieren.«

Walburga lachte dröhnend. »Sieh mal an. Da schiebt aber jemand Kohldampf. Jetzt guck nicht wie ein deprimierter Speckpfannkuchen. Willst du einen Schluck Rotwein?«

Niki verzehrte sich nach einem Schluck Rotwein. »Aber ist das nicht streng untersagt?«

»Bedingungslose Grundversorgung mit Alkohol ist ein Menschenrecht«, widersprach Walburga und rülpste. Sie erhob sich umständlich, was eine ganze Weile dauerte. Dann schenkte sie Niki ein Glas ein.

»Wohl bekomm's, Prinzessin.«

Selig trank Niki das Glas in einem Zug aus. Sie hielt inne. Ach, du dickes Dotter. Schon stieg das Gefühl nagender Reue in ihr hoch. Sie stellte das Glas auf den Küchentresen zurück.

»Was habe ich bloß getan?«

»Das einzig Richtige«, erwiderte eine der beiden Damen. »Man kann nicht immer nur hungern.«

»Aber ich bezahle ein Vermögen dafür, dass die mir das fiese Fett von den Hüften hauen«, jammerte Niki. »Am besten, ich lass das Ganze und fahre wieder nach Hause.«

Walburga klatschte sich eine weitere Ladung Spaghetti auf den Teller. »Nee, nee, so einfach ist das nicht. Das Vitalis ist wie ein Handyvertrag: Einmal unterschrieben, und du kommst nie wieder raus.«

Die zweite Dame nickte. »Stimmt. Aber was viel schlimmer ist: Man wird süchtig danach. Daheim gehe ich in die feinsten Restaurants. Doch nichts schmeckt so gut wie verbotenes Essen während einer Fastenkur.« Sie hob ihr Glas. »Auf die besten Schuldgefühle seit der Erfindung der Kalorien!«

Niki nahm ihr Glas, füllte nach und setzte sich zu den drei Frauen auf den Boden. Es war falsch, und es war entwürdigend, was sie taten. Vier erwachsene Frauen führten sich auf wie Teenager auf Klassenreise, die hinter dem Rücken des Lehrers hirnlosen Unsinn verzapften. Dummerweise machte es wirklich Spaß.

»Wieso bist du eigentlich hier?«, fragte Walburga, den Mund voller Nudeln. »Moment, sag nichts. Dein Kerl treibt's mit einer Größe vierunddreißig, richtig?«

Einmal mehr hatte diese merkwürdige Frau ins Schwarze getroffen. Niki senkte den Kopf. »Könnte man so stehen lassen.«

Walburga tätschelte sich ihren voluminösen Bauch. »Ich sag immer: Wenn's keine Kerle gäbe, wäre die Welt voll von dicken, glücklichen Frauen.«

»Und du?«, erkundigte sich Niki. »Ist bei dir auch ein Mann im Spiel?«

Walburga schmatzte vergnügt. »Nicht nur einer, darauf kannst du einen lassen. Obwohl es immer wieder überraschend ist, wie viele Männer auf Wertstofftonnen wie mich stehen. Auf was Griffiges, falls du weißt, was ich meine.«

Niki überlegte, was Walburga gemeint hatte, als sie gleich mehrere Männer andeutete. Sie konnte sich schwer vorstellen, dass auch nur ein einziges männliches Exemplar Interesse an diesem rülpsenden Fleischberg zeigte.

»Sag mal …«, sie zögerte. »Was machst du eigentlich beruflich?«

Die beiden Damen kicherten.

»Ich bin im Dienstleistungsgewerbe«, antwortete Walburga. Sie schlürfte ihren Wein. »Wenn du's ganz genau wissen willst: Ich betreibe einen Edelpuff.«

Niki fiel fast das Glas aus der Hand. »Wie bitte?«

»Ist 'n anständiger Beruf wie jeder andere auch«, erwiderte Walburga.

»Und sehr lukrativ«, ergänzte eine der Damen. »Sonst hätte sie kaum die finanzielle Möglichkeit, sich im Vitalis aufzuhalten. Ich bin übrigens Tamara.« Sie deutet auf die Dame neben sich. »Und das ist Alexis.«

Stumm schüttelten sie einander die Hände.

»Jetzt, wo wir uns alle liebhaben, sollten wir gleich die nächste Pulle köpfen«, schlug Walburga vor. »Das ist übrigens der Wein von Doc Mannheimer, den er sich immer in der Mittagspause reinpfeift. Echt lecker. Ich könnte schon morgens meine Zähne damit putzen.«

Sie ging auf die Knie und zog sich langsam am Küchentresen hoch. Sportliche Fähigkeiten braucht sie jedenfalls nicht für ihren ausgefallenen Job, dachte Niki. Ob sie bei besonderen Kunden wohl selbst Hand anlegte?

Tamara drehte eine ihrer prachtvollen roten Locken um den Zeigefinger. Sie war etwa Ende vierzig und sah aus wie ein in die Jahre gekommener Posaunenengel. Trotz der späten Stunde war sie stark geschminkt. Die Wimpern hatte sie pechschwarz getuscht, ihre Lippen schimmerten dunkelrot.

»Wirklich köstlich«, sagte sie. »Ein Château Pétrus. Der kostet ein paar Hunderter, wenn man ihn im Lokal bestellt.«

Wie bitte? Niki runzelte die Stirn. In welcher Liga spielte denn Tamara? Ein paar hundert Euro für eine einzige Flasche Wein?

Mit einem gekonnten Plopp entkorkte Walburga die neue Flasche und schenkte die Gläser voll. Bis zum Rand.

Alexis nippte genießerisch. »Ein bisschen zu kalt«, befand sie. Ihr akkurat geschnittener blonder Pagenkopf bildete einen aparten Kontrast zum cremeglänzenden, aufgedunsenen Gesicht, in dem zwei stahlblaue Augen leuchteten. »Morgen bringe ich ein Weinthermometer mit, damit wir diesen edlen Tropfen perfekt temperiert würdigen können.«

So viel zum Thema Luxusprobleme. Niki hätte den Wein auch mit Eiswürfeln fantastisch gefunden.

»Mist, verdammter!«, zischte Walburga plötzlich.

Sie blies die Kerze aus. Im Dunkeln lauschten sie angestrengt. War da was? Oha. Es war deutlich zu hören: Eilige Schritte näherten sich.

»Was ist, wenn sie uns erwischen?«, wisperte Niki.

»Dann schmeißen sie uns unter Absingen schmutziger Lieder in hohem Bogen raus«, grunzte Walburga. »Und falls du denkst, die Kohle gibt's zurück – Fehlanzeige.«

»Grundgütiger!«, entfuhr es Niki. »Was machen wir denn jetzt?«

Man lernt immer dazu. Niki zum Beispiel lernte gerade, dass es leichter war, eine Büffelherde in der Wüste zu verstecken als vier vollgewichtige Frauen in einer geräumigen Hotelküche. Sie hatten sich in den Vorratsraum geflüchtet. Walburga klemmte unter einem Tisch, dessen bodenlange Tischdecke sie verbarg. Tamara und Alexis waren aufs breite Fensterbrett geklettert und hatten die Gardine zugezogen. Niki blieb nur der reichlich unbequeme Platz in einem Wandschrank, in dem das Mineralwasser aufbewahrt wurde. Mit angezogenen Knien hockte sie auf einem der Wasserkästen.

»Was ist hier denn los?«, meckerte eine vertraute Stimme nebenan.

Das fürchterliche Fräulein Rottenmeier musste soeben die Reste des verbotenen Gelages entdeckt haben. Man hörte das Klappern von Geschirr und einen gänzlich ungouvernantenhaften Fluch. Dann quietschte die Tür zum Vorratsraum, und das Licht wurde eingeschaltet.