Das Blut des Bösen - Martin Schürf - E-Book

Das Blut des Bösen E-Book

Martin Schürf

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Beschreibung

Ein Körper ohne Blut. Eine Substanz ohne Herkunft. Ein Täter mit einer Botschaft. Als in Köln ein Mord jede bekannte Grenze überschreitet, geraten Anna Siebert und ihr Team in ein Spiel aus Inszenierung und Täuschung. Die Spur führt nicht zu einem Tatort – sondern zu einer Bühne. Zwischen Kunst und Wissenschaft, Moral und Kontrolle stellt sich eine Frage: Was, wenn der Täter nicht töten will – sondern zeigen?

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Blut des Bösen

Texte: © Copyright by Martin Schürf

Umschlaggestaltung: © Copyright by Martin Schürf

Korrekturen von Pamela Schmidt

Verlag:

Martin Schürf

Kreuznacher Strasse 11

55452 Guldental

[email protected]

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Prolog

Die Nacht über Köln war klar und kühl. Ein scharfer Wind wehte vom Rhein herauf und ließ die Lichter der Stadt wie Sterne in einer endlosen Dunkelheit flimmern. Unweit des Kölner Doms, in direkter Nachbarschaft zur Hohenzollernbrücke, erhob sich das Ludwig Museum wie ein moderner Monolith. Seine glatten Betonwände und riesigen Glasflächen reflektierten das Licht der Straßenlaternen und das gelegentliche Flackern vorbeifahrender Züge. Das Gebäude wirkte monumental, beinahe abweisend – und doch zog es an diesem Abend eine besondere Menge an.

Im Inneren herrschte ein eigenartiges Schweigen. Nicht das Schweigen der Abwesenheit von Menschen, sondern das eines unterdrückten Raunens, als ob die Luft von unausgesprochenen Gedanken erfüllt war. Die Galerie im Erdgeschoss beherbergte die neueste Ausstellung des gefeierten Künstlers Johan Gottwald. Der Titel der Serie, „Rot-Braun“, prangte in großen, schlichten Lettern an der Wand, und die Werke selbst waren ebenso reduziert wie verstörend: elf riesige Leinwände, dominiert von erdigen Brauntönen, durchzogen von grellen, blutroten Linien und Formen.

Johan Gottwald selbst stand inmitten der Menge, doch er wirkte wie ein Fremdkörper. Der schlanke Mann mit schulterlangem, aschblondem Haar und schwarzer Kleidung strahlte eine distanzierte Eleganz aus, die sowohl faszinierend als auch einschüchternd war. Er sprach kaum, schien stattdessen die Reaktionen der Gäste mit kühler Präzision zu beobachten. Seine grauen Augen wirkten, als könnten sie durch die Oberfläche der Dinge hindurchsehen.

In einer Ecke der Galerie standen drei Personen, deren Präsenz sich deutlich von der der Kunstliebhaber unterschied. Sie waren nicht hier, um Gemälde zu bewundern, sondern um den Ort und die Menschen zu studieren – jede Bewegung, jedes Wort.

Hauptkommissarin Anna Siebert war die erste von ihnen. Mit ihren 38 Jahren war sie eine Frau, die Autorität ausstrahlte, ohne laut werden zu müssen. Ihre dunkelblonden, halblangen Haare und die markanten Gesichtszüge gaben ihr ein unverkennbares Profil. Sie trug eine dunkle, schlichte Bluse und eine schwarze Hose, ihre Hände lässig in den Taschen. Doch ihre wachsamen, stahlgrünen Augen durchbohrten jeden Winkel des Raumes. Anna war eine Analytikerin, jemand, der Muster in Unordnung fand, und genau das hatte sie zu einer der besten Ermittlerinnen der Stadt gemacht.

Neben ihr stand Jens Weber, ihr langjähriger Kollege und Partner im Team der Mordkommission. Mit seinen 33 Jahren war Jens der jüngste in der Gruppe, doch sein Alter tat seiner Erfahrung keinen Abbruch. Er hatte eine schlanke, athletische Statur und trug an diesem Abend ein dunkelgraues Hemd und eine Jeans. Sein Gesichtsausdruck war wie immer aufmerksam, doch seine braunen Augen hatten eine Wärme, die ihm oft half, die richtigen Fragen zu stellen – und die richtigen Antworten zu bekommen.

Die Dritte im Bunde war Carmen Stenitz, die forensische Psychologin der Mordkommission. Sie war eine Frau von mittlerer Größe und schlanker Gestalt, mit langen, dunklen Haaren, die sie an diesem Abend zu einem eleganten Zopf gebunden hatte. Ihr schwarzes Kleid betonte ihre Bewegungen, die so ruhig und kontrolliert waren wie ihr Wesen. Carmen war dafür bekannt, selbst die kompliziertesten Persönlichkeiten zu durchschauen, und ihre leise, doch präzise Stimme hatte schon so manches Verhör in die richtige Richtung gelenkt.

„Ein ungewöhnlicher Ort für uns“, bemerkte Jens und nippte an einem Glas Wasser, das er von einem der herumgehenden Kellner entgegengenommen hatte. Seine Augen wanderten über die Gemälde. „Und diese Kunst… Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

„Sie provoziert“, sagte Carmen, die eine der Leinwände genauer betrachtete. „Das ist ihre Absicht. Rot und Braun… das sind Farben von Gewalt, von Erde und Blut. Es ist kein Zufall, dass er sie so zentral wählt.“

„Provokation allein macht noch keine gute Kunst“, sagte Anna und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wirkte, als wäre sie hier fehl am Platz – doch in Wahrheit war sie es gewohnt, sich wie ein Außenseiter zu fühlen. „Aber was mich wirklich interessiert, ist, warum so viele Augen auf diesen Mann gerichtet sind.“

„Johan Gottwald ist ein Phänomen“, sagte Carmen. „Ein Mann, der fast nichts über sich preisgibt und trotzdem alle fasziniert. Seine Werke sind brutal ehrlich, aber gleichzeitig verschlossen. Sie geben nicht mehr preis, als er will.“

Anna nickte, ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Die Menge war eine Mischung aus einflussreichen Kunstkritikern, wohlhabenden Sammlern und neugierigen Kunstliebhabern. Doch es war nicht nur die Kunst, die die Leute hierher lockte. Es war die Spannung, die von Gottwalds Name ausging – und von den Gerüchten, die ihn umgaben.

„Er war in letzter Zeit häufig Thema in den Medien“, sagte Jens nachdenklich. „Und nicht nur wegen seiner Kunst. Angeblich hat er Verbindungen in Kreise, die… na ja, sagen wir, nicht ganz sauber sind.“

„Okkultismus, Geheimgesellschaften, und so weiter?“ fragte Anna mit einem Hauch von Skepsis in der Stimme.

„Mehr oder weniger“, antwortete Jens. „Es gibt nichts Konkretes, aber sein Auftreten, seine Werke, die Symbolik – das alles gibt Anlass zu Spekulationen.“

Anna zog eine Augenbraue hoch. „Und was meinst du? Glaubst du, er ist gefährlich?“

„Ich glaube, er ist nicht nur ein Künstler“, sagte Jens leise. „Was auch immer das bedeutet.“

Carmen beobachtete die beiden mit einem nachdenklichen Blick. „Vielleicht sollten wir ihn kennenlernen, bevor wir zu viele Theorien aufstellen. Es gibt keinen Ersatz für den direkten Eindruck.“

Anna wollte gerade antworten, als Johan Gottwald plötzlich näherkam. Er hatte die drei bemerkt, und in seinen Augen lag eine Mischung aus Neugier und Zurückhaltung. Er blieb nur wenige Schritte entfernt stehen und sah Anna direkt an.

„Sie scheinen nicht hier zu sein, um Kunst zu genießen“, sagte er mit einer Stimme, die kühl und dennoch einladend klang.

Anna hielt seinem Blick stand. „Vielleicht genießen wir sie anders, als Sie erwarten.“

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Johans Gesicht. „Interessant. Vielleicht werden Sie mehr finden, als Sie erwarten.“

Ohne eine weitere Erklärung drehte er sich um und ging weiter, seine Bewegungen elegant wie die eines Tänzers.

„Was für ein Typ“, murmelte Jens, während er Johan nachsah.

„Ein Mann mit Geheimnissen“, sagte Carmen. „Aber das macht ihn nur noch interessanter.“

Anna nickte, ihre Gedanken bereits bei den bevorstehenden Tagen. Der Fall, den sie bearbeiteten, hatte sie hierhergeführt – zu Johan Gottwald und seinen Werken. Ob er selbst ein Schlüssel zu den Antworten war oder nur ein weiterer Schatten in der Dunkelheit, würde sich noch zeigen. Doch eines war klar: Die Bühne war bereitet, und das Spiel hatte begonnen.

Ein dunkler Morgen

Der Regen trommelte auf das Dach der Altbauwohnung von Anna Siebert, während sie durch die dünnen Vorhänge hindurch die ersten zaghaften Lichtstrahlen des Januarmorgens bemerkte. Grau, kalt und erbarmungslos wirkte der Himmel über Köln, als wäre er der Spiegel ihrer Seele. Die Welt außerhalb schien in einem endlosen Trauerschleier aus Wolken und Nieselregen zu versinken.

Anna lag noch einen Moment in ihrem Bett und lauschte. Ihr kleiner Wecker tippte leise auf den Nachttisch, als wollte er sie daran erinnern, dass die Zeit weiterlief, ob sie wollte oder nicht. Der Geruch von kaltem Kaffee, den sie gestern Abend nicht weggekippt hatte, mischte sich mit der feuchten Kühle, die durch das gekippte Fenster hereinzog. Sie seufzte schwer und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Es war ein neuer Tag, und er fühlte sich bereits an wie eine Last.

Im Badezimmer flackerte die Leuchtstoffröhre über dem Spiegel auf, als Anna den Lichtschalter betätigte. Sie musterte ihr Spiegelbild. Ihre blonden Haare waren zerzaust, die Augen leicht gerötet vom zu wenigen Schlaf. Sie hatte wieder von Pedro geträumt. Von seiner Leiche. Von dem Blut. Anna schüttelte sich und drehte den Wasserhahn auf. Das kalte Wasser spritzte ihr ins Gesicht, jagte einen Schauer über ihren Rücken, aber vertrieb auch die dunklen Bilder aus ihrem Kopf – zumindest für den Moment.

Während Anna sich an ihren kleinen Küchentisch setzte und einen frischen Kaffee aufbrühte, dachte sie an Jens Weber. Der junge Kollege war in den letzten Wochen zu einer Art Anker geworden. Seine ruhige, durchdachte Art brachte eine Stabilität, die Anna dringend benötigte. Trotzdem fragte sie sich manchmal, ob Jens die Lasten, die dieser Beruf mit sich brachte, wirklich verstehen konnte.

Am anderen Ende der Stadt zog sich Jens Weber seinen Mantel über. Auch in seiner Wohnung war die Atmosphäre schwer, doch auf eine andere Weise. Jens lebte alleine, in einer kleinen Wohnung mit nüchterner Einrichtung. Alles hatte seinen Platz – keine Unordnung, keine Ablenkungen. Der Regen klatschte gegen die Fensterscheiben, als er mit einer Tasse grünem Tee an seinem Fenster stand und in die graue Suppe draußen blickte.

Sein Handy vibrierte leise auf der Kommode. Ein Blick auf das Display zeigte Annas Nachricht: „Kann dich in zehn Minuten abholen. Regen hält an. Lass uns die Sache im Auto besprechen.“

Jens zog eine Augenbraue hoch. Anna war keine Frau großer Worte, und wenn sie so kurz angebunden schrieb, wusste er, dass sie sich nicht wohlfühlte. Er griff nach seiner Tasche und schlüpfte in die regendurchweichten Straßen hinaus.

Der alte Golf, den Anna im Moment als Dienstwagen fuhr, wartete schon an der Ecke. Die Scheiben waren leicht beschlagen, und der Motor lief auf Hochtouren, um den Innenraum zu beheizen. Jens öffnete die Tür, und ein warmer Schwall Luft empfing ihn. „Morgen,“ sagte er und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

„Morgen,“ murmelte Anna zurück, die Augen fest auf die Straße gerichtet.

Es war ein seltsames Gefühl, durch das erwachende Köln zu fahren. Die Stadt, die sonst voller Leben pulsierte, schien an diesem Morgen still zu sein. Die Straßen glänzten vom Regen, Pfützen reflektierten das kalte Licht der Straßenlaternen, und die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hasteten unter Regenschirmen oder in dicken Mänteln durch die nasse Kälte.

„Hast du wieder schlecht geschlafen?“ fragte Jens vorsichtig, als Anna in eine Nebenstraße einbog.

„Wie immer,“ antwortete sie knapp. Dann, nach einer kurzen Pause: „Ich frage mich manchmal, wie du das machst. Du siehst immer aus, als würdest du acht Stunden Schlaf bekommen und keinen einzigen Albtraum haben.“

Jens zuckte mit den Schultern. „Vielleicht bin ich einfach gut darin, es zu verbergen.“

Anna warf ihm einen schnellen Blick zu, ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen. „Das bezweifle ich.“

Für einen Moment herrschte Stille im Wagen, nur das monotone Geräusch der Scheibenwischer durchbrach die Ruhe. Anna holte tief Luft, als würde sie etwas sagen wollen, doch stattdessen drückte sie das Gaspedal ein wenig durch und bog auf die Rheinbrücke ein. Der Fluss unter ihnen war ein schwarzes Band, aufgewühlt und unruhig, genau wie sie sich fühlte.

„Was macht dir mehr Sorgen? Der Fall González oder das, was dahintersteckt?“ fragte Jens plötzlich.

Anna warf ihm erneut einen Blick zu, dieses Mal länger. „Was dahintersteckt,“ gab sie schließlich zu. „Es fühlt sich an, als wären wir auf etwas gestoßen, das größer ist, als wir uns vorstellen können.“

Jens nickte langsam. „Ich weiß, was du meinst. Es ist, als ob... keine Ahnung, als ob jemand möchte, dass wir nichts herausfinden.“

Anna schwieg, aber ihre Finger umklammerten das Lenkrad ein wenig fester.

Die Fahrt führte sie durch die engen Straßen der Innenstadt. Vor einem kleinen Café hielt Anna an. „Ich brauche einen Kaffee,“ sagte sie, und Jens nickte nur.

Das Café war warm und einladend, ein starker Kontrast zur Kälte draußen. Der Duft von frisch gebrühtem Espresso und warmen Croissants erfüllte die Luft, und für einen Moment konnte Anna fast vergessen, was sie draußen erwartete.

„Zwei große schwarze Kaffees, bitte,“ bestellte sie an der Theke.

„Und ein Croissant für mich,“ fügte Jens hinzu.

Zurück im Auto riss Anna das Croissant in zwei Hälften und reichte eine Jens. „Wir müssen zusammenhalten, oder?“ sagte sie mit einem schwachen Lächeln.

„Absolut,“ antwortete Jens, während er den ersten Bissen nahm.

Die Stadt begann langsam zu erwachen, doch die Dunkelheit schien sich hartnäckig zu halten. Es war ein Morgen voller Schatten, in dem sowohl die Menschen als auch die Stadt selbst mit ihren eigenen Geistern kämpften.

Als Anna und Jens sich schließlich auf den Weg zur Polizeistation machten, bereit, sich dem zu stellen, was der Tag bringen würde, spürten sie beide eine unbestimmte Schwere in der Luft. Doch inmitten dieser Schwere war auch etwas anderes – ein Funke, eine Entschlossenheit, die sie beide antrieb, weiterzumachen.

Der Regen mag an diesem Morgen alles überdecken, doch tief in ihrem Inneren wussten sie: Sie würden die Wahrheit finden, egal, wie dunkel die Tage noch werden würden.

Ein Fund in der Südstadt

Tage später. Der Himmel über Köln war noch immer in Dunkelheit gehüllt, als der 32-jährige Tom Schneider seinen Lauf entlang des Rheinufers begann. Es war ein kalter Januarmorgen, und der Atem bildete kleine Wolken vor seinem Gesicht, während seine Laufschuhe leise auf dem feuchten Asphalt des Ubierring-Parks aufsetzten. Tom, ein Personal Trainer mit athletischer Figur, war an solchen Tagen ein seltener Anblick. Während die meisten Menschen sich in ihre warmen Wohnungen zurückzogen, war er mit seinem Lauf unterwegs – eine eiserne Routine, die er nie ausließ, egal wie kalt oder dunkel es war.

Tom war groß gewachsen, mit breiten Schultern und einer schlanken Taille, die unter seiner enganliegenden Laufjacke deutlich zu erkennen war. Die langen Beine in den schwarzen Laufleggings trugen ihn mit einem gleichmäßigen Rhythmus durch den Park. Sein Gesicht, markant und von kurzen Bartstoppeln geziert, war leicht gerötet von der Kälte.

Seine wachen, blauen Augen suchten die Umgebung aufmerksam ab, wie es seine Gewohnheit war. Er war früh unterwegs, nicht nur, um sich fit zu halten, sondern auch, um den Tag mit einem klaren Kopf zu beginnen.

Die Alleen des Parks waren nahezu menschenleer. Die kahlen Äste der Bäume wirkten wie knochige Finger, die sich in den grauen Himmel reckten, während der Wind in kurzen, eisigen Böen über die Wege pfiff. Tom fühlte, wie sich die Kälte langsam durch seine Handschuhe fraß, doch er genoss die Einsamkeit. Nur das Geräusch seiner Schritte und das rhythmische Rauschen seines Atems begleiteten ihn.

Er bog um eine kleine Kurve, die zu einer von Bäumen gesäumten Lichtung führte. Hier, am Rand des Parks, lagen oft vereinzelte Blätter, die der Wind gesammelt hatte, und Pfützen, die in der Nacht vom Regen zurückgelassen worden waren. Doch heute schien etwas anders. Ein seltsamer Schatten, fast wie ein unregelmäßiger Hügel, lag mitten auf dem Weg.

Tom verlangsamte seine Schritte und zog die Stirn in Falten. Ein Tier? Vielleicht ein Obdachloser? Er hob die Hand zu seiner Stirn, um den Schweiß abzuwischen, und blieb schließlich stehen. Die kühle Luft schnitt ihm in die Lunge, als er sich über das merkwürdige Etwas beugte.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er erkannte, dass es sich nicht um einen Schatten oder einen Müllsack handelte. Es war ein Mensch. Nackt. Reglos. Die blasse Haut wirkte beinahe unwirklich im fahlen Licht der Straßenlaterne, die durch die Äste brach.

„Scheiße…“ Toms Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er machte einen zögerlichen Schritt nach vorne, seine Hände zitterten, ob vor Kälte oder Schock konnte er nicht sagen. Der Geruch von feuchter Erde und Metall stieg ihm in die Nase, und als er genauer hinsah, bemerkte er die dunklen Flecken, die sich um den Körper ausbreiteten.

Es war ein Mann, das war klar. Doch die Gestalt war so entstellt, dass Tom nicht sagen konnte, wie alt der Unbekannte sein mochte. Die Arme waren seltsam verrenkt, als hätte jemand sie in unmögliche Winkel gedreht. Tiefe Schnitte an den Handgelenken, den Knöcheln und am Hals ließen vermuten, dass er gefesselt gewesen war – oder noch schlimmer. Toms Blick fiel auf die Augen des Mannes. Sie waren weit geöffnet, starr, als sähen sie noch immer etwas, das Tom nicht begreifen konnte.

Ein erstickter Laut entwich seiner Kehle. Panik breitete sich in ihm aus, ein lähmendes Gefühl, das seine Brust zuschnürte. „Nein, nein, nein…“ murmelte er vor sich hin, während er zurückwich, seine Hände schützend vor sich ausgestreckt. Er wollte nicht näher herangehen, doch sein Blick war gefesselt. Der Anblick war wie ein Unfall – grausam, aber unmöglich zu ignorieren.

Er fühlte, wie sein Herz hämmerte, laut und unkontrolliert, als hätte es seinen eigenen Rhythmus verloren. Ein kalter Schweiß brach auf seiner Stirn aus, trotz der eisigen Temperaturen. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Was sollte er tun? Wer war das? Wie lange lag der Mann schon hier? Die Kälte des Morgens hatte den Körper steif werden lassen, doch das Blut – das Blut sah frisch aus.

Ein leises Knacken hinter ihm ließ Tom herumfahren. Der Wind, redete er sich ein, nur der Wind. Doch die Schatten um ihn herum schienen sich plötzlich zu bewegen, und jeder Baum schien näher zu rücken, als wollten sie ihn umschließen. Ein Prickeln lief über seinen Rücken, und er fühlte sich beobachtet, obwohl kein Mensch in Sicht war.

„Hilfe!“ Seine Stimme war laut und scharf, durchdrang die Stille des Parks. Doch es war keine Antwort zu hören. Er zog sein Handy aus der Tasche, seine Finger zitterten so sehr, dass es ihm fast aus der Hand fiel. Er versuchte, die Notrufnummer zu wählen, doch seine Finger fühlten sich klobig und ungeschickt an, als würde sein Körper nicht mehr auf ihn hören.

„Komm schon, komm schon!“ fluchte er leise, während er das Telefon endlich an sein Ohr presste. Die kalte Metalloberfläche schien seine Haut zu durchdringen, während das Freizeichen erklang.

„Notrufzentrale, was ist Ihr Notfall?“ Die Stimme der Disponentin war ruhig, fast mechanisch, doch für Tom klang sie wie ein rettender Anker.

„Ein… ein Mann! Im Park! Er ist… tot. Ich weiß nicht… Er… da ist überall Blut! Am Ubierring! Bitte, Sie müssen jemanden schicken!“ Er hörte, wie seine Stimme überschlug, sein Atem flach und keuchend wurde.

„Bleiben Sie ruhig. Können Sie Ihre genaue Position angeben?“ Die Stimme blieb professionell, doch Tom konnte hören, wie die Frau auf der anderen Seite der Leitung mit jemandem sprach.

Er schaute sich hektisch um. „Ich… ich bin in der Nähe der Lichtung, neben dem großen Baum mit der Bank. Sie können ihn nicht verfehlen. Bitte, beeilen Sie sich!“

„Die Einsatzkräfte sind unterwegs. Bleiben Sie in der Nähe, aber fassen Sie nichts an. Sind Sie in Sicherheit?“ Die Frage klang routiniert, aber für Tom fühlte sie sich seltsam an. Sicherheit? Wie konnte er hier sicher sein, mit diesem Anblick, mit diesem Gefühl, dass der Mörder vielleicht noch ganz in der Nähe war?

Er nickte, obwohl die Frau ihn nicht sehen konnte. „Ja… ich glaube schon.“ Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass nichts mehr sicher war. Nicht hier. Nicht in diesem Moment.

Das Martinshorn der nahenden Polizeiwagen durchschnitt die Stille, doch für Tom klang es wie eine Erlösung. Die Schatten schienen ein wenig zurückzuweichen, als die ersten blauen Lichter den Park erhellten. Doch der Anblick des toten Mannes brannte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis ein. Dies war ein Morgen, den er nie vergessen würde.

Blutiges Geheimnis

Das Blaulicht der Streifenwagen tanzte zwischen den dunklen Bäumen des Stadtparks, während sich die ersten Polizeibeamten vorsichtig dem Tatort näherten. Das Geräusch von Funkgeräten und knirschendem Kies unter schweren Stiefeln durchbrach die Stille der Nacht. Tom saß zitternd auf einer Parkbank, während ein Sanitäter versuchte, ihn zu beruhigen. Sein Gesicht war aschfahl, seine Augen weit aufgerissen – der Schock saß tief.

Polizeihauptmeister Michael Hartmann war einer der ersten Beamten vor Ort. Mit geübtem Blick musterte er die Umgebung. Die Szenerie war bedrückend: Die Dunkelheit des frühen Morgens lag schwer auf dem Park, nur das diffuse Licht der Laternen warf unheimliche Schatten auf den Boden. In der Mitte des Tatorts lag die reglose Gestalt eines Mannes, umgeben von einer dunklen, rötlichen Flüssigkeit, die sich in den Rissen des Pflasters sammelte.

Hartmann nahm einen tiefen Atemzug und bereute es sofort. Ein beißender, chemischer Geruch stieg ihm in die Nase, ein Geruch, der nicht nach Blut roch. Er runzelte die Stirn und trat vorsichtig näher. „Das ist nicht normal…“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinen Kollegen.

Er hockte sich nieder und betrachtete die Leiche genauer. Der Körper lag in einer unnatürlichen Position, als wäre er mitten in einer Bewegung erstarrt. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen geweitet, als hätte er etwas Schreckliches gesehen. Der Geruch war jetzt noch intensiver, eine Mischung aus Metall, Essig und etwas, das an scharfes Reinigungsmittel erinnerte.

Sein Magen zog sich zusammen.

Mit behandschuhten Händen nahm er eine kleine Probe der rötlichen Flüssigkeit auf die Fingerkuppe. Sie war leicht klebrig, zog Fäden, aber sie hatte nicht die Konsistenz von Blut. Er kannte den Anblick von Blut – er hatte in seiner Karriere genug gesehen –, doch das hier war anders.

„Was zum Teufel…?“ flüsterte er und sah sich um. Seine Kollegen blickten ihn fragend an.

„Alles in Ordnung, Hartmann?“ fragte eine junge Polizistin, die sich mit einer Taschenlampe neben ihn hockte.

„Nein. Gar nicht. Das hier ist kein Blut.“

Ihre Stirn legte sich in Falten. „Was meinst du?“

Hartmann hielt seine Finger hoch. Die Flüssigkeit glänzte unnatürlich im Licht der Taschenlampe. Sie war nicht nur rötlich – sie hatte einen leicht schimmernden, fast ölig wirkenden Unterton.

„Ich bin mir nicht sicher, was es ist, aber ich weiß, dass es kein menschliches Blut ist.“

Die Polizistin nahm sich eine sterile Probe-Tüte und ließ Hartmann die Flüssigkeit hineinträufeln.

„Wir brauchen sofort die Spurensicherung. Und einen Chemiker.“

Ein Funkruf wurde abgesetzt, während Hartmann weiter über den Körper nachdachte. Seine Gedanken rasten. Wenn das hier kein Blut war – was war es dann? Und warum roch es so beißend?

Er stand auf und wischte sich die behandschuhten Hände an einem Papiertuch ab. Seine Gedanken gingen zurück zu vergangenen Fällen, an denen er beteiligt war, doch keiner hatte so begonnen.

Dann fiel ihm etwas auf. Die Haut des Opfers – sie war ungewöhnlich blass, fast leichenhaft grau, als hätte das Blut den Körper bereits vor Stunden verlassen.

„Das ist nicht richtig“, murmelte er und beugte sich erneut hinab.

Er zog sich ein kleines LED-Licht aus der Tasche und leuchtete in die weit aufgerissenen Augen des Toten. Die Pupillen waren starr, die Iris beinahe farblos.

Hartmann spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Dieser Fall war anders. Und er hatte das ungute Gefühl, dass sie gerade erst an der Oberfläche eines sehr tiefen und düsteren Geheimnisses gekratzt hatten.

Hauptkommissarin Siebert wird alarmiert

Ein durchdringendes Vibrieren riss Anna aus dem Schlaf. Ihre Finger tasteten instinktiv nach dem Handy auf dem Nachttisch, während ihr Bewusstsein noch zwischen Traum und Realität schwankte. Das grelle Licht des Displays blendete sie, als sie es ans Ohr führte.

„Siebert.“ Ihre Stimme klang belegt, noch schwer vom Schlaf.

„Mordkommission, Frau Hauptkommissarin. Ein Toter im Ubirring-Park. Verstümmelt. Ein Jogger hat ihn entdeckt. Sie müssen sofort kommen.“

Die Worte ließen Anna schlagartig wach werden. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie sich aufsetzte. „Details?“

„Ein Mann, entstellt. Viel Blut. Wir haben den Bereich bereits abgesperrt. Ihr Kollege Weber wurde auch alarmiert.“

Anna atmete tief durch und rieb sich die Schläfen. Der Stadtpark. Um diese Uhrzeit leer, nur ein paar Frühaufsteher, Jogger oder Hundebesitzer. Ein öffentlicher Ort, aber der Täter musste sich sicher gefühlt haben. Oder er wollte, dass die Leiche gefunden wird.

„Bin unterwegs.“

Sie warf die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Die kalte Morgenluft ließ sie frösteln. Mit schnellen Schritten lief sie ins Bad, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Ihr Blick im Spiegel zeigte dunkle Schatten unter den Augen – zu wenig Schlaf, zu viele Gedanken.

Mit geübten Handgriffen zog sie sich an: Dunkle Jeans, ein schlichter Rollkragenpullover, darüber die abgewetzte Lederjacke. Die Waffe landete im Schulterholster, das Diensthandy in der Jackentasche. Ihre Finger strichen flüchtig durch ihr zerzaustes, blondes Haar, bevor sie es hastig zu einem Zopf zusammenband.

In der Küche griff sie nach ihrem Schlüsselbund und einer Wasserflasche aus dem Kühlschrank. Kaffee musste warten. Keine Zeit.

Der Motor ihres alten Golfes erwachte mit einem satten Brummen zum Leben. Der Himmel war dunkelgrau, der Morgen lag noch schwer über der Stadt. Der Verkehr nahm langsam Fahrt auf, und die nassen Straßen spiegelten das Licht der Laternen.

Während sie Richtung Stadtpark fuhr, nagten die Gedanken an ihr. Ein weiterer Mord. Verstümmelt. In einem öffentlichen Park. Das passte nicht zum klassischen Mörder, der in dunklen Gassen oder abgeschiedenen Wohnungen zuschlug. Hier wollte jemand, dass man seine Tat fand. Eine Botschaft?

An einer Seitenstraße hielt sie vor einem Altbau. Jens stand bereits auf dem Gehweg, zwei dampfende Kaffeebecher in den Händen. Er trug eine dunkle Jeans und eine schlichte Jacke, sein braunes Haar war ordentlich zur Seite gestrichen.

Als sie hielt, stieg er wortlos ein und reichte ihr den Kaffee. „Frühschicht für uns“, murmelte er.

Anna nahm den Becher entgegen, atmete das Aroma tief ein und nahm einen vorsichtigen Schluck. „Ja. Und ich fürchte, es wird keine normale Schicht.“

Jens lehnte sich zurück, nahm ebenfalls einen Schluck von seinem Kaffee. „Die Kollegen sagten, es sieht übel aus.“

„Ich weiß.“

Anna fuhr weiter, die Straßen verschwammen in der Dämmerung. Ein neuer Tatort. Ihr Magen fühlte sich flau an, und nicht nur wegen des leeren Magens. Sie hatte das Gefühl, dass dies erst der Anfang war.

Die Spurensicherung

Das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge warf unstete Reflexe auf die nassen Pflastersteine des Ubierring-Parks. Die Sirenen waren längst verstummt, doch die bedrückende Stille des Tatorts war fast lauter als jedes Martinshorn. Der Regen hatte nachgelassen, nur noch ein feiner Niesel zog sich wie ein grauer Schleier durch die Luft. Die Straßenlaternen spendeten spärliches Licht, das die Szenerie noch unheimlicher wirken ließ.

Hauptkommissarin Anna Siebert und Jens Weber stiegen aus dem Wagen. Der Boden unter ihren Schuhen war matschig, vermischt mit Laub, das durch den Regen schwer und dunkel geworden war. Schon aus der Entfernung konnten sie die weiß gekleideten Spurensicherer sehen, die wie gespenstische Gestalten zwischen den Absperrungen arbeiteten.

Ein Mann in einem blauen Schutzanzug drehte sich zu ihnen um. Sein Gesicht war scharf geschnitten, die Wangenknochen hoch, die Nase schmal und gerade. Kurzes, dunkles Haar lugte unter der Kapuze hervor, und seine grau-grünen Augen musterten sie aufmerksam. Er schien Mitte vierzig zu sein, seine Haltung aufrecht, fast militärisch diszipliniert.

„Hauptkommissarin Siebert?“ Seine Stimme war ruhig, ein wenig rau, aber ohne Unsicherheit.

Anna nickte und reichte ihm die Hand. „Ja. Und Sie sind?“

„Dr. Elias Kern. Ich bin seit dieser Woche in der Gerichtsmedizin und übernehme diesen Fall.“

Seine Hand war warm und kräftig, sein Händedruck fest. Nicht zu stark, nicht zu schwach – genau berechnet. Ein Mann, der Kontrolle gewohnt war. Jens musterte ihn mit leicht hochgezogenen Augenbrauen, doch er nickte höflich.

„Willkommen in unserem Chaos“, sagte er trocken.

Kern zog ein Paar Handschuhe aus seiner Tasche und zog sie langsam über seine Hände. „Nun, ich fürchte, dieser Fall wird einiges an Chaos mit sich bringen. Ich habe mir die Leiche bereits angesehen. Möchten Sie einen ersten Überblick?“

Anna und Jens traten näher an die Absperrung. Das Flatterband wurde von einem leichten Windstoß erfasst, zitterte für einen Moment, als wollte es sie warnen.

„Was haben wir?“ fragte Anna, während ihr Blick bereits auf die reglose Gestalt fiel, die zwischen den Spurensicherern lag.

Die Leiche eines Mannes – nackt, verstümmelt. Sein Körper lag in einer verdrehten Position, als wäre er in einem letzten, grotesken Tanz verendet. Die Haut war fahl, fast wächsern, doch das war nicht das Ungewöhnlichste.

„Zunächst das Offensichtliche“, begann Kern, während er sich neben die Leiche kniete. „Das Opfer ist männlich, vermutlich zwischen 30 und 40 Jahre alt, sportliche Statur. Auffällig ist die extreme Blässe der Haut. Auf den ersten Blick würde man an einen erheblichen Blutverlust denken, doch…“

Er hob eine metallene Pinzette und berührte eine der tiefen Schnittwunden an der Brust.

„Es gibt hier keine typischen Merkmale einer massiven Blutung. Keine dunklen, getrockneten Ränder, keine Koagulation. Stattdessen…“ Er deutete auf die rötlichen Flecken, die sich auf dem Pflaster um die Leiche herum verteilten. „Diese Substanz ist auffallend viskos und hat eine ungewöhnliche Farbe.“

Jens ging in die Hocke und sah genauer hin. Das Licht der Taschenlampe reflektierte ein schimmerndes Rot, aber nicht das tiefe, dunkle Rot, das er von Tatorten gewohnt war. Es hatte einen eigenartigen, fast künstlichen Glanz.

„Ist das überhaupt Blut?“ fragte er.

Kern schüttelte langsam den Kopf. „Nicht im herkömmlichen Sinne. Ich habe eine erste Probe genommen. Es sieht aus wie eine Jodlösung.“

Anna zog die Stirn kraus. „Jod?“

„Ja. Ich vermute, dass das gesamte Blut des Opfers gegen eine jodhaltige Flüssigkeit ausgetauscht wurde. Eine vollständige Perfusion. Das bedeutet, dass das Blut nicht einfach nur verloren ging – es wurde ersetzt.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Nur das leise Klicken der Kameras der Spurensicherung durchbrach die drückende Stille.

„Ersetzt? Wie?“ Jens‘ Stimme klang angespannt.

Kern legte den Kopf leicht schief, als wäre die Frage für ihn eine rein technische Überlegung. „Das ist ein langwieriger Prozess. Der Körper müsste vor oder unmittelbar nach dem Tod an eine perfusionsfähige Vorrichtung angeschlossen worden sein – ähnlich wie in der Pathologie bei der Einbalsamierung. Die normale Zirkulation wird gestoppt, das Blut durch eine andere Flüssigkeit ersetzt.“

Anna sah auf den Körper herab. „Das bedeutet, der Mord war nicht nur geplant – er war aufwendig.“

Kern nickte. „Ja. Und es gibt noch etwas.“

Er nahm eine kleine Lampe aus seiner Tasche und leuchtete auf die offenen Wunden. „Die Schnittwunden sind extrem präzise. Keine Anzeichen von Abwehrverletzungen, keine klassischen postmortalen Verletzungen durch Tiere oder Umgebungseinflüsse. Der Täter wusste genau, was er tat.“

Er drehte sich zu ihnen um, seine Augen wirkten im kalten Licht noch kälter.

„Dieser Mensch wurde präpariert.“

Anna presste die Lippen zusammen. Ein Gefühl von Beklemmung breitete sich in ihrer Brust aus.

„Wie lange ist er tot?“ fragte sie.

Kern betrachtete die Leiche erneut. „Die Leichenstarre ist voll ausgeprägt, die Körpertemperatur weist auf einen Todeszeitpunkt zwischen vier und sechs Stunden hin. Allerdings kann ich das nicht mit Sicherheit sagen, bis ich genauere Untersuchungen gemacht habe. Der Austausch der Körperflüssigkeiten könnte den natürlichen Verwesungsprozess beeinflusst haben.“

Jens stand auf und rieb sich über das Gesicht. „Verdammt. Wer macht so etwas?“

„Jemand, der eine Botschaft senden will“, sagte Anna leise.

Kern erhob sich ebenfalls und zog die Handschuhe aus. „Ich werde mehr wissen, wenn wir die toxikologische Untersuchung abgeschlossen haben. Aber eines ist sicher: Das hier ist kein gewöhnlicher Mord.“

Anna atmete tief durch. Sie wusste es bereits. Dieses Gefühl im Bauch, das sie nie täuschte.

Dies war erst der Anfang.

Ein Bild, das fehlt

Die Dämmerung tauchte den Park in ein diffuses Grau, in dem Formen weich wurden und Schatten sich auflösten. Der Regen hatte die Nacht über gewaschen, doch keine Klarheit gebracht – nur feuchte Erde, spiegelnde Pfützen und die gespenstische Stille eines Ortes, der etwas Grauenvolles gesehen hatte.

Anna stand ein paar Schritte abseits des Tatorts, ihre Arme vor der Brust verschränkt, während sie den Blick über die Umgebung gleiten ließ. Sie sog die Atmosphäre des Parks in sich auf, versuchte, ihn nicht als bloßen Schauplatz eines Verbrechens zu sehen, sondern als ein Bild, das noch nicht vollständig war – ein Rätsel, aus dem ein entscheidendes Detail fehlte.