Das Brombeerzimmer - Anne Töpfer - E-Book
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Beschreibung

Nora liebt das Zubereiten von Marmelade – am liebsten für ihren Ehemann Julian. Die beiden sind frisch verheiratet und noch so verliebt wie am ersten Tag. Doch dann erleidet Julian einen Herzinfarkt und stirbt. Noras Welt zerbricht. Eines Tages findet sie einen Brief: Er ist von Julians Großtante Klara. Kurz vor seinem Tod hatte Julian Kontakt zu ihr aufgenommen, um sie nach einem alten Familienrezept für Brombeerkonfitüre zu fragen. Er wollte seine Frau damit überraschen. Nora macht sich auf die Suche nach der Dame, die zurückgezogen in der Vorpommerschen Boddenlandschaft lebt. Sie findet einen verborgenen Marmeladenkeller voller Geheimnisse aus der Kriegszeit, und sie erfährt, wer Klara wirklich ist …

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Das Buch

Sonntage sind JuNo-Tage. Sie sind nur für Julian und Nora bestimmt. Sie unternehmen Ausflüge, kochen gemeinsam und probieren leidenschaftlich die unterschiedlichsten Marmeladenrezepte aus. Jeden Monat kreiert Nora eine neue Sorte für Julian. Ausgerechnet an einem JuNo-Tag passiert das Unvorstellbare: Julian erleidet beim Joggen einen Herzinfarkt und stirbt. Nora versteht die Welt nicht mehr. Anstatt zu trauern, kocht sie weiter Marmelade – für Julian, der nie wieder zurückkommen wird.

Ein Jahr später findet Nora einen Brief, den Julian, kurz bevor er starb, erhalten hat: Er ist von seiner Großtante Klara, die ihm ein Rezept für eine Brombeerkonfitüre verrät – Julian hatte vor, Nora zum Hochzeitstag damit zu überraschen. Nora erinnert sich nur entfernt an die Erzählungen über die Schwester von Julians Großvater, die zurückgezogen in einem kleinen Dorf in der Vorpommerschen Boddenlandschaft lebt. Sie antwortet Klara, und zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Nora erfährt, dass Klara schon immer eine Marmeladenmanufaktur gründen wollte, und sie schmieden gemeinsam Pläne, eine solche zu eröffnen. Dabei kommt Nora einem großen Familiengeheimnis der Nachkriegszeit zwischen Ost und West auf die Spur.

Die Autorin

Anne Töpfer ist das Pseudonym der Autorin Andrea Russo, die bereits viele erfolgreiche Erwachsenen- und Jugendromane veröffentlicht hat. Bereits als junges Mädchen kochte sie leidenschaftlich gerne mit ihrer Großmutter Marmelade ein. Aus dieser Zeit hat sie noch viele Rezepte aufbewahrt und verzaubert ihre Familie regelmäßig mit verschiedenen Konfitürenkreationen.

ANNE TÖPFER

Das

Brombeerzimmer

Roman

List Taschenbuch

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ISBN 978-3-8437-1420-4

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017Umschlaggestaltung: bürosüd˚ GmbH, MünchenTitelabbildung: © www.buerosued.de

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Freundinnen Bozena und Kerstin.

Mit euch ist alles viel leichter …

1. Kapitel

Der Duft von Holunder zieht durch das Haus. Ich habe die kleinen weißen Blüten behutsam von den Dolden gestreift und sie über Nacht in Apfelsaft ziehen lassen. Etwas von der goldenen Flüssigkeit schütte ich nun in einen Krug. Mit eiskaltem Wasser aufgefüllt ergibt das eine wohlschmeckende, erfrischende Schorle. Den Rest gieße ich durch ein feines Sieb in einen großen Kochtopf. Dazu gebe ich Gelierzucker und rühre, bis die Masse sprudelnd zu kochen beginnt. Auf der Arbeitsplatte stehen sieben kleine Marmeladengläser. In jedes streue ich einige der hübschen weißen Blüten, die ich frisch von den Zweigen aus der Vase auf dem Küchentisch abzupfe. Schließlich schütte ich die heiße Masse darüber, schraube die Verschlüsse auf die Gläser und drehe sie schnell auf den Kopf. Die kleinen Blüten schweben im Zeitlupentempo nach oben. Das sieht wunderschön aus. Und es schmeckt himmlisch, nach einer Mischung aus Frühling und Sommer. Süß, ein wenig sauer und auch etwas herb, wie die Äpfel, aus denen ich den Saft gewonnen habe.

Ich öffne das Küchenfenster und schaue nach draußen in den Garten. Es ist Mitte Mai. Im Spätsommer wird unser Apfelbaum wieder viele reife Früchte tragen, momentan hängt auch er voller Blüten. Ob ich ihren feinen Duft ebenfalls in einem Gelee einfangen kann? Einen Versuch wäre es wert.

Hier bist du jeden Tag mindestens tausend Mal, Nora. Also ist es genau der richtige Ort für wichtige Notizen.

Julian hat eine große Schieferplatte an der Wand neben dem Kühlschrank befestigt. Dinge, die Nora nicht vergessen möchte, hat er ganz oben in großen Buchstaben geschrieben. Und darunter: Ich liebe dich, mein Herz!

Ich greife nach dem Kreidestift und schreibe mit zittrigen Fingern Den Duft von Apfelblüten einfangen unter Julians Botschaft.

Es stimmt nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ich lebe mit dem Schmerz, aber es fällt mir immer noch schwer. Es ist jetzt genau ein Jahr her. Ich stehe jeden Tag auf, fahre zur Arbeit, esse, trinke, schlafe. Ich verabrede mich mit meiner Freundin Katharina, die auf regelmäßige Treffen besteht. Wir reden, ich höre ihr zu, und manchmal lache ich sogar. Meine Mutter ruft weiterhin jeden Morgen an und fragt mich, wie ich geschlafen habe. Und ich gehe immer ran. Sie hat nämlich einen Haustürschlüssel, den sie nicht wieder rausrückt. Nur so für alle Fälle, wie sie sagt. Als ich einmal wegen einer banalen Erkältung im Bett liegen blieb und das Telefon überhörte, stand sie eine halbe Stunde später in meinem Zimmer. Aus Angst, ich hätte mir etwas angetan, um für immer bei Julian sein zu können. Ich habe ihr erklärt, dass ich nicht an einen Himmel glaube, in dem wir uns alle irgendwann wiedertreffen, deswegen müsse sie sich keine Sorgen machen. Daraufhin ist sie gefahren, aber nur, um eine knappe Stunde später mit gepackten Koffern wieder vor der Tür zu stehen. Meine Beteuerungen hatten sie nicht beruhigt, im Gegenteil. Sie hat fast zwei Monate bei mir gewohnt. Ich war ihr dankbar, aber doch heilfroh, als sie endlich wieder ausgezogen ist.

Ein Schnaufen reißt mich aus meinen Gedanken. Watson kommt in die Küche getrottet und lässt sich seufzend auf den Boden fallen, direkt vor meine Füße. Ich knie mich neben ihn und kraule ihn hinter den Ohren. »Ich weiß, du vermisst ihn auch.«

Der treuherzige Labrador rollt sich auf den Rücken und streckt alle vier Pfoten von sich. Ich streiche über seinen Bauch. Er hat etwas zugelegt, seit Julian nicht mehr bei uns ist. Die beiden sind viermal in der Woche joggen gegangen, bei jedem Wetter. Tränen laufen über mein Gesicht. Wenigstens war Julian nicht allein, als er starb. Watson war bei ihm. Er wich nicht von Julians Seite, als das Herz seines Herrchens beim Joggen im Park plötzlich versagte und er zusammenbrach. Julian war sofort tot. Eine Herzmuskelentzündung durch eine verschleppte Erkältung, wie sich später herausstellte. Durch die Hundemarke an Watsons Halsband konnte die Polizei Julians Identität feststellen – und mich benachrichtigen. Einer der Polizisten hatte selbst einen Hund. Er wusste, wie verfressen Labradore sind, und wollte Watson mit Leckerchen in die Transportkiste locken – ohne Erfolg. Erst nachdem er es mit einem anderen Trick versuchte und ihn mit Julians verschwitztem Stirnband köderte, klappte es. Als die Polizisten Watson zu mir brachten, verschwand er sofort in seinem Körbchen. Ich erfuhr, was geschehen war, und die Beamten nahmen mich mit, um Julian zu identifizieren und mich von ihm zu verabschieden. Ich funktionierte wie in Trance. Zum Glück war Katharina bei mir. Ich hatte ihr eine Nachricht geschickt, und sie hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Als wir spät am Abend zurückkamen, fiel mir siedend heiß ein, dass Watson den ganzen Tag über noch nichts zu fressen bekommen hatte. Ich schüttete eine große Portion seines Lieblingsfutters in seinen Napf. Normalerweise kam er wie der Blitz aus seinem Körbchen geschossen, aber diesmal blieb er liegen. Es brach mir das Herz, als ich sah, warum: Watson lag mit seiner Schnauze auf Julians Stirnband, das er aus der Transportbox mitgebracht hatte. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Katharina in diesem Moment nicht bei mir gewesen wäre. Sie hielt mich, während ich nicht aufhören konnte zu weinen – bis Watson mich mit seiner Nase anstupste und mir schwanzwedelnd das Stirnband vor die Füße legte.

»Ich sag es nur ungern, mein Alter. Aber ich glaube, wir müssen dich auf Diät setzen.« Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und gehe zum Kühlschrank. Watson nimmt sofort meine Verfolgung auf. »Aber nicht heute, heute ist ein schwerer Tag für uns beide.« Der gutmütige Labbi sieht mich mit seinen hellen Bernsteinaugen an. Als er noch ein Welpe war, waren sie blau. Das sah unheimlich süß aus im Kontrast zu seinem dunkelbraunen Fell. Irgendwann hat die Augenfarbe sich geändert. Sein sanftes Wesen allerdings nicht.

»Was würde ich nur ohne dich machen?«, frage ich, als ich ihm ein Wiener Würstchen hinhalte. Der Gute fängt sofort an zu sabbern. Ein langer Speichelfaden läuft an seiner Schnauze hinunter. »Hier, nimm mit.«

Ich sehe ihm nach, wie er durch den Flur ins Wohnzimmer trottet. Julian hat ihm beigebracht, seine Beute nicht gleich an Ort und Stelle zu verspeisen, sondern sie vorher in sein Körbchen zu schleppen. Ich höre das Rattan knarzen, als Watson es sich darin gemütlich macht.

Die Sonne steht hoch am Himmel, sie taucht die Küche in helles Licht. Das Gelee leuchtet in den Gläsern. Ich drehe sie ein letztes Mal um. Die Blüten wandern langsam vom Boden wieder nach oben. Einige bleiben auf dem Weg hängen. Sie verteilen sich gleichmäßig. Perfekt! Als ich gerade dabei bin, den Topf auszuspülen, klingelt es an der Haustür. Ein kurzer Blick auf die große Küchenuhr zeigt mir, dass es schon halb eins ist. Ich bin noch im Schlafanzug, habe weder gefrühstückt noch geduscht. Dabei habe ich Katharina versprochen, mit ihr und Watson spazieren und dann eine Kleinigkeit essen zu gehen.

»Hi.« Ich schenke meiner Freundin das beste Lächeln, das ich in diesem Moment hinbekomme.

»Das habe ich mir gedacht!« Katharina seufzt, bevor sie mich umarmt. Dann grinst sie mich an. »Und weil ich dich so gut kenne, habe ich einfach alles mitgebracht.« Sie deutet auf einen großen Korb, der auf dem Boden steht. Watson hat ihn schon entdeckt. Er sitzt abwartend davor und lässt ihn nicht aus den Augen.

»Komm, wir bringen deine Einkäufe in die Küche, sonst fängt er wieder an zu sabbern«, sage ich lachend. »Er hatte eben schon seine Extrawurst.«

»Tut mir leid, da hast du wohl Pech gehabt«, sagt Katharina zu Watson und streicht ihm über das Fell.

Watson legt den Kopf schief und sieht erwartungsvoll zu mir auf. »Nein«, sage ich, und er verschwindet artig in Richtung Wohnzimmer.

Katharina schnuppert durch die Luft. »Hier riecht es gut. Hast du wieder gezaubert?«

»Ja, Holunderblütengelee.«

»Hm, hört sich lecker an.«

»Ist es auch. Du kannst später probieren, wenn es fest ist.«

»Oh ja, sehr gern.«

Ich schiele auf den Korb, den Katharina auf dem Küchentisch abstellt. »Was hast du mitgebracht?«

»Ciabatta, verschiedene Pasten mit Auberginen, Thunfisch und getrockneten Tomaten, Salate, Oliven, Käse, etwas Schinken, ein paar Garnelen …«

»Ah, du warst in dem kleinen italienischen Delikatessenladen.«

Sie nickt und beginnt auszupacken. »Gestern. Das Brot sollten wir vielleicht aufbacken.«

»Sieht nach einem Einkauf für eine Großfamilie aus«, stelle ich fest und schalte den Ofen ein.

Wie auf Kommando geht die Klingel wieder, zweimal lang, einmal kurz. Watson kommt aus dem Wohnzimmer den Flur entlanggeschossen.

»Meine Mutter«, sage ich. Kurz darauf höre ich auch schon das Türschloss, und eine hohe Stimme hallt durch den Flur.

»Da ist ja mein Liebling. Schau mal, was die Oma für dich hat.«

»Oma?« Katharina grinst mich an.

Ich zucke mit den Schultern. »Wenn sie so weitermacht, glaubt Watson bald wirklich, dass er ihr Enkelsohn ist. Außerdem wird er dann immer fetter. Meine Mutter kommt nie ohne irgendwelche Leckerchen.«

»Nora? Noraschatz!«

»Ja-a«, rufe ich. »Wir sind in der Küche.«

»Wir? Ach, Katharina, das ist ja schön!« Meine Mutter steht im Türrahmen, beladen mit zwei großen Taschen. Als sie mich sieht, schüttelt sie den Kopf. »Du bist ja noch im Schlafanzug.«

»Ich habe etwas länger geschlafen.«

»Hast du was getrunken?« Meine Mutter mustert mich.

Sie weiß, dass ich in der ersten Zeit nach Julians Tod nicht einschlafen konnte und mir vor dem Zubettgehen deswegen oft ein Glas Rotwein genehmigt habe. Und auch, dass es irgendwann mal mehr wurde. Damit habe ich allerdings kurz nach Weihnachten aufgehört, und zwar ganz konsequent … Bis auf gestern.

»Ich habe eine ganze Flasche Chianti vernichtet. Im Bett, gestern Nacht«, sage ich trotzig. »Ich finde, in Anbetracht der Tatsache, dass es jetzt genau ein Jahr her ist, durfte ich das. Wenn ich Wodka gehabt hätte, dann hätte ich den wahrscheinlich auch noch getrunken. Aber du hast ja allen Schnaps weggeschüttet. Eine sehr sinnlose Aktion, wie ich finde.«

Meine Mutter streichelt mir über die Wange. »Ist ja gut, mein Schatz.«

Die liebevolle Geste bewirkt genau das Gegenteil. Sie tröstet mich nicht, sie macht mir nur einmal mehr bewusst, wie traurig ich bin. Ein Kloß verdichtet sich in meinem Hals. Jetzt bloß nicht anfangen zu heulen!

Da sagt Katharina: »Wenn du Wodka trinken willst, dann ruf mich vorher an, ich bin dabei. Wir könnten mal wieder eine richtig leckere Schlammbowle machen, so wie früher. Mit Kirschen und Vanilleeis.«

»Bah!« Ich schüttele mich.

Meine Mutter stellt eine der Taschen auf den Tisch. »Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht. Ich nehme an, du ernährst dich immer noch von dem Tiefkühlzeug, das ihr in eurer Versuchsküche zusammenrührt.« Mit einem schnellen Blick scannt sie meinen Körper. »Du hast noch mehr abgenommen.«

Ich übergehe ihre Bemerkung und deute auf die Leckereien aus dem Delikatessenladen. »Katharina hat auch was mitgebracht.«

»Gut. Dann kannst du das hier morgen essen.« Sie zaubert einen großen Topf aus der Tasche. »Rouladen, mit Mettfüllung.«

Schon allein bei dem Gedanken daran dreht sich mir der Magen um. Als sie strahlend den Deckel anhebt und sich der Geruch der geschmorten Fleischröllchen mit dem der Holunderblüten vermischt, wird mir schlecht. Ich sprinte ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig zur Toilette, um mich zu übergeben. Nur wenige Sekunden später stehen Katharina und meine Mutter hinter mir. Meine Freundin kniet sich neben mich und streichelt mir über den Rücken. Meine Mutter hält einen Waschlappen unter den Wasserhahn und drückt ihn mir an die Stirn.

»Es tut mir leid, Nora, das wollte ich nicht. Ich habe nicht daran gedacht, dass …«

Julian war ganz verrückt nach den Dingern. Er konnte drei Stück hintereinander verputzen. Das erfüllte meine Mutter mit solchem Stolz, dass sie sie so oft wie möglich zubereitete, wenn wir zu Besuch waren. Seit Julian tot ist, kann ich schon den Geruch nicht mehr ertragen.

»Entschuldigt mich, gestern Abend der Wein …« Ich schaue hoch und versuche zu lächeln. »Und eine Tafel Nougatschokolade.«

Meine Mutter stemmt ihre Hände in die Hüften. »Na, dann hast du ja wenigstens was gegessen. Ich schlage vor, du gehst jetzt unter die Dusche und machst dich frisch. Und dann versuchst du es vielleicht erst mal mit dem Weißbrot, das Katharina mitgebracht hat. Was meinst du?«

»Gute Idee.« Vorsichtig stehe ich auf.

»Und wir beide machen schon mal klar Schiff in der Küche.« Meine Mutter sieht meine Freundin auffordernd an.

»Okay.« Katharina nickt ergeben. Nach mittlerweile fünfzehn Jahren Freundschaft mit mir weiß sie, dass Widerstand zwecklos ist, wenn meine Mutter sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

»Wie geht es deinem Freund?«, fragt meine Mutter neugierig. »Wenn er so weitermacht, wird er mit Sicherheit irgendwann Bürgermeister.«

Katharina schüttelt den Kopf. »Jörn ist im Kulturamt eigentlich sehr zufrieden. Seit er Amtsleiter geworden ist …«

Ich schaue ihnen hinterher, wie sie gemeinsam durch den langen Flur in Richtung Küche gehen. Sie sind beide sehr schlank, wobei Katharina meine Mutter mit ihrem schwarzen Pixieschnitt um gut einen Kopf überragt. Das Haar meiner Mutter ist brünett und mit ersten grauen Strähnen durchzogen. Seit ich denken kann, trägt sie es kurz, leicht stufig geschnitten und zu einem Seitenscheitel frisiert. Mein Vater hat schütteres blondes Haar. Meine störrischen roten Locken sind angeblich ein Vermächtnis eines Ururgroßvaters meiner Mutter, der aus Irland stammte. Von ihm hat meine Mutter wohl ihre quirlige Energie geerbt. Sie betont gern, es würde irisches Blut durch ihre Adern fließen. Irgendwann wollte ich mit Julian zu einem Trip nach Irland aufbrechen, um auf den Spuren meiner Vorfahren zu wandeln. Wir hatten noch so viel vor …

Die heiße Dusche tut gut. Ich lasse mit geschlossenen Augen das Wasser über meinen Körper laufen, bis das ganze Bad voller Dampf hängt.

Weißt du, was echt praktisch ist, Nora? Wenn du alles eindampfst, dann kann ich dir Botschaften auf dem beschlagenen Spiegel hinterlassen …

In mein Handtuch eingewickelt, stütze ich mich mit der einen Hand am Waschbecken ab, mit dem Zeigefinger der anderen zeichne ich ein großes Herz auf den Spiegel. In die Mitte schreibe ich JuNo. Einen Moment bleibe ich stehen und starre auf das Herz, das im Zeitlupentempo in kleinen Tropfen an der Scheibe nach unten fließt. Es wäre leichter für mich, wenn ich, so wie Julian es war, vom Himmel und einem Leben nach dem Tod überzeugt wäre. Julian war zwar kein Kirchgänger, aber er hatte einen festen Glauben. Seine Zuversicht habe ich immer bewundert. Er war offen gegenüber Themen wie Religion und Spiritualität, während ich mich eher wissenschaftlich und sehr kritisch damit auseinandersetze. Doch seitdem Julian mich von einem Tag auf den anderen verlassen hat, wünsche ich mir, dass er recht hatte und dass er dort, wo er jetzt ist, glücklich ist. Manchmal stelle ich mir sogar vor, dass sein Geist bei mir ist, um auf mich aufzupassen. So wie Patrick Swayze in Nachricht von Sam. Bei dem Gedanken zieht eine Gänsehaut über meinen Körper, und ich drehe mich um, meinen Blick auf den Hocker neben der Badewanne geheftet. Dort hat Julian oft gesessen, um mir zuzuschauen, wenn ich mich eingecremt oder frisiert habe.

Bin ich froh, dass du dich nicht ständig mit Schminke einkleisterst, Nora. Ich mag dich am liebsten so, wie die Natur dich erschaffen hat.

Einen kurzen Moment lang sehe ich Julian vor mir, sein schelmisches Lächeln, das verstrubbelte blonde Haar, die blitzenden blauen Augen …

Genau in dem Moment klopft jemand an die Tür und lässt mich erschrocken zusammenzucken.

»Ja?«

Katharina steckt ihren Kopf herein. »Wo kommen denn die Marmeladengläser hin? Ich kann in der Küche keinen Platz dafür finden.«

»In Julians Arbeitszimmer.«

»Echt?«

Ich nicke und überlege kurz, ob ich Katharina sagen soll, dass ich die Gläser gleich selbst dorthin bringe, aber da ist sie auch schon wieder verschwunden.

Ohne noch einmal auf den Hocker zu schauen, trockne ich mich ab. Gerade als ich mir einen Handtuchturban um den Kopf binde, geht die Tür wieder auf.

»Nora?« Meine Freundin sieht mich mit großen Augen an.

»Ich weiß, das sind mittlerweile ziemlich viele.«

»Ziemlich?«

Ich rechne kurz im Kopf nach. Sieben Gläser pro Sonntag, ein Jahr lang … viel verbraucht habe ich davon bisher nicht. »Etwa dreihundertfünfzig mit denen von heute.«

Noras Holunderblütengelee

1,5 Liter naturtrüber Apfelsaft (100 %)

25 große Holunderblütendolden, frisch gepflückt

1 Paket Gelierzucker 3:1

Marmeladengläser

Den Apfelsaft aufkochen. Die Holunderblüten von 20 Dolden vorsichtig abzupfen und zum Saft geben. Die restlichen Dolden für den nächsten Tag in einer Vase aufbewahren. Den Saft an einem kühlen Ort über Nacht stehen lassen.

Am nächsten Tag die restlichen Blüten abzupfen und jeweils etwa einen Teelöffel davon in jedes Glas streuen.

1300 ml des Saftes durch ein Sieb in einen großen Topf schütten. (Den Rest entweder gleich trinken oder eine leckere Schorle damit zubereiten – himmlisch!) Den Gelierzucker dazugeben, aufkochen und etwa vier Minuten sprudelnd kochen lassen. Dabei gut umrühren. In die vorbereiteten Gläser geben, gut verschließen und für 3 Minuten auf den Kopf stellen. Wieder umdrehen und ein wenig warten. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn die Masse anfängt zu gelieren, schweben die Blüten langsam nach oben und verteilen sich gleichmäßig im Glas. Ist sie zu flüssig, setzen sie sich oben ab. Dann einfach wieder umdrehen und schweben lassen, bis sie im Gelee festsitzen.

Die Blüten kann man übrigens auch sehr gut trocknen und daraus in der kalten Jahreszeit einen duftenden Holunderblütentee zubereiten. Heißen Weißwein verzaubern sie in Glühwein der besonderen Art! Und über Nacht in Zuckersirup (3 Teile Zucker mit 2 Teilen Wasser aufkochen, köcheln lassen, bis er etwas eindickt) eingelegt, bekommt man duftenden Holunderblütensirup für Limonade oder Hugo.

2. Kapitel

Wir arbeiten gerade an einer neuen veganen Menüproduktserie«, erzähle ich und schiebe mir etwas lauwarmes Ciabatta in den Mund.

Meine Mutter zieht eine Augenbraue nach oben. Dann zuckt sie mit den Schultern. »Na ja, vielleicht gar keine schlechte Idee. Eingefrorenes Fleisch schmeckt fürchterlich. Bei Gemüse sieht das anders aus. Ich habe immer einen Vorrat an Erbsen, grünen Bohnen und Blattspinat im Gefrierschrank, frisch eingefrostet kann man sie noch sehr gut verwenden.«

»Das stimmt. Außerdem bleiben die Vitamine zum Großteil erhalten. Aber wir testen gerade einige Rezepte mit Seitan aus. Das schmeckt gar nicht schlecht.«

»Was? Noch nie gehört.«

»Das ist ein Produkt aus Weizeneiweiß mit fleischähnlicher Konsistenz«, erkläre ich meiner Mutter. »Es wird aus Mehl gewonnen, das mit Wasser vermischt wird, damit die Stärke ausgespült wird. Bei Veganern und Vegetariern ist es sehr beliebt. Man kann Geschnetzeltes daraus machen, Gulasch, alles, was das Herz begehrt.«

»Klingt nicht gerade appetitlich«, sagt meine Mutter. Sie sticht demonstrativ mit der Gabel in eine Scheibe Schinken und lässt sie auf eine Schnitte Brot gleiten. »Und schmeckt bestimmt nicht so gut wie das hier, oder, Katharina?«

Meine Freundin lächelt. »Ich mag Seitan ehrlich gesagt auch nicht, aber manche schwören darauf. Der Parmaschinken ist allerdings wirklich lecker. Mild, aber trotzdem würzig.«

Meine Mutter sieht mich unschuldig an. »Probier doch mal, Nora.«

Ihr zuliebe greife ich zu. Außerdem häufe ich noch ein paar Oliven und etwas Käse auf meinen Teller. Ich möchte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen macht. Es stimmt zwar, dass ich innerhalb des letzten Jahres zwölf Kilo abgenommen habe, aber zu dünn bin ich deswegen nicht. Als ich Julian damals kennengelernt habe, wog ich ungefähr genauso viel. Aber das behalte ich lieber für mich. Übers Essen zu reden ist mir nur recht. Das Thema ist unverfänglich und lenkt mich ab. Traurig sein und bemitleiden kann ich mich später, wenn die beiden weg sind.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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