Das Brombeerzimmer - Anne Töpfer - E-Book

Das Brombeerzimmer E-Book

Anne Töpfer

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Beschreibung

Nora liebt das Zubereiten von Marmelade – am liebsten für ihren Ehemann Julian. Die beiden sind frisch verheiratet und noch so verliebt wie am ersten Tag. Doch dann erleidet Julian einen Herzinfarkt und stirbt. Noras Welt zerbricht. Eines Tages findet sie einen Brief: Er ist von Julians Großtante Klara. Kurz vor seinem Tod hatte Julian Kontakt zu ihr aufgenommen, um sie nach einem alten Familienrezept für Brombeerkonfitüre zu fragen. Er wollte seine Frau damit überraschen. Nora macht sich auf die Suche nach der Dame, die zurückgezogen in der Vorpommerschen Boddenlandschaft lebt. Sie findet einen verborgenen Marmeladenkeller voller Geheimnisse aus der Kriegszeit, und sie erfährt, wer Klara wirklich ist …

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Das Buch

Sonntage sind JuNo-Tage. Sie sind nur für Julian und Nora bestimmt. Sie unternehmen Ausflüge, kochen gemeinsam und probieren leidenschaftlich die unterschiedlichsten Marmeladenrezepte aus. Jeden Monat kreiert Nora eine neue Sorte für Julian. Ausgerechnet an einem JuNo-Tag passiert das Unvorstellbare: Julian erleidet beim Joggen einen Herzinfarkt und stirbt. Nora versteht die Welt nicht mehr. Anstatt zu trauern, kocht sie weiter Marmelade – für Julian, der nie wieder zurückkommen wird.

Ein Jahr später findet Nora einen Brief, den Julian, kurz bevor er starb, erhalten hat: Er ist von seiner Großtante Klara, die ihm ein Rezept für eine Brombeerkonfitüre verrät – Julian hatte vor, Nora zum Hochzeitstag damit zu überraschen. Nora erinnert sich nur entfernt an die Erzählungen über die Schwester von Julians Großvater, die zurückgezogen in einem kleinen Dorf in der Vorpommerschen Boddenlandschaft lebt. Sie antwortet Klara, und zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Nora erfährt, dass Klara schon immer eine Marmeladenmanufaktur gründen wollte, und sie schmieden gemeinsam Pläne, eine solche zu eröffnen. Dabei kommt Nora einem großen Familiengeheimnis der Nachkriegszeit zwischen Ost und West auf die Spur.

Die Autorin

Anne Töpfer ist das Pseudonym der Autorin Andrea Russo, die bereits viele erfolgreiche Erwachsenen- und Jugendromane veröffentlicht hat. Bereits als junges Mädchen kochte sie leidenschaftlich gerne mit ihrer Großmutter Marmelade ein. Aus dieser Zeit hat sie noch viele Rezepte aufbewahrt und verzaubert ihre Familie regelmäßig mit verschiedenen Konfitürenkreationen.

ANNE TÖPFER

Das

Brombeerzimmer

Roman

List Taschenbuch

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ISBN 978-3-8437-1420-4

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017Umschlaggestaltung: bürosüd˚ GmbH, MünchenTitelabbildung: © www.buerosued.de

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Freundinnen Bozena und Kerstin.

Mit euch ist alles viel leichter …

1. Kapitel

Der Duft von Holunder zieht durch das Haus. Ich habe die kleinen weißen Blüten behutsam von den Dolden gestreift und sie über Nacht in Apfelsaft ziehen lassen. Etwas von der goldenen Flüssigkeit schütte ich nun in einen Krug. Mit eiskaltem Wasser aufgefüllt ergibt das eine wohlschmeckende, erfrischende Schorle. Den Rest gieße ich durch ein feines Sieb in einen großen Kochtopf. Dazu gebe ich Gelierzucker und rühre, bis die Masse sprudelnd zu kochen beginnt. Auf der Arbeitsplatte stehen sieben kleine Marmeladengläser. In jedes streue ich einige der hübschen weißen Blüten, die ich frisch von den Zweigen aus der Vase auf dem Küchentisch abzupfe. Schließlich schütte ich die heiße Masse darüber, schraube die Verschlüsse auf die Gläser und drehe sie schnell auf den Kopf. Die kleinen Blüten schweben im Zeitlupentempo nach oben. Das sieht wunderschön aus. Und es schmeckt himmlisch, nach einer Mischung aus Frühling und Sommer. Süß, ein wenig sauer und auch etwas herb, wie die Äpfel, aus denen ich den Saft gewonnen habe.

Ich öffne das Küchenfenster und schaue nach draußen in den Garten. Es ist Mitte Mai. Im Spätsommer wird unser Apfelbaum wieder viele reife Früchte tragen, momentan hängt auch er voller Blüten. Ob ich ihren feinen Duft ebenfalls in einem Gelee einfangen kann? Einen Versuch wäre es wert.

Hier bist du jeden Tag mindestens tausend Mal, Nora. Also ist es genau der richtige Ort für wichtige Notizen.

Julian hat eine große Schieferplatte an der Wand neben dem Kühlschrank befestigt. Dinge, die Nora nicht vergessen möchte, hat er ganz oben in großen Buchstaben geschrieben. Und darunter: Ich liebe dich, mein Herz!

Ich greife nach dem Kreidestift und schreibe mit zittrigen Fingern Den Duft von Apfelblüten einfangen unter Julians Botschaft.

Es stimmt nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ich lebe mit dem Schmerz, aber es fällt mir immer noch schwer. Es ist jetzt genau ein Jahr her. Ich stehe jeden Tag auf, fahre zur Arbeit, esse, trinke, schlafe. Ich verabrede mich mit meiner Freundin Katharina, die auf regelmäßige Treffen besteht. Wir reden, ich höre ihr zu, und manchmal lache ich sogar. Meine Mutter ruft weiterhin jeden Morgen an und fragt mich, wie ich geschlafen habe. Und ich gehe immer ran. Sie hat nämlich einen Haustürschlüssel, den sie nicht wieder rausrückt. Nur so für alle Fälle, wie sie sagt. Als ich einmal wegen einer banalen Erkältung im Bett liegen blieb und das Telefon überhörte, stand sie eine halbe Stunde später in meinem Zimmer. Aus Angst, ich hätte mir etwas angetan, um für immer bei Julian sein zu können. Ich habe ihr erklärt, dass ich nicht an einen Himmel glaube, in dem wir uns alle irgendwann wiedertreffen, deswegen müsse sie sich keine Sorgen machen. Daraufhin ist sie gefahren, aber nur, um eine knappe Stunde später mit gepackten Koffern wieder vor der Tür zu stehen. Meine Beteuerungen hatten sie nicht beruhigt, im Gegenteil. Sie hat fast zwei Monate bei mir gewohnt. Ich war ihr dankbar, aber doch heilfroh, als sie endlich wieder ausgezogen ist.

Ein Schnaufen reißt mich aus meinen Gedanken. Watson kommt in die Küche getrottet und lässt sich seufzend auf den Boden fallen, direkt vor meine Füße. Ich knie mich neben ihn und kraule ihn hinter den Ohren. »Ich weiß, du vermisst ihn auch.«

Der treuherzige Labrador rollt sich auf den Rücken und streckt alle vier Pfoten von sich. Ich streiche über seinen Bauch. Er hat etwas zugelegt, seit Julian nicht mehr bei uns ist. Die beiden sind viermal in der Woche joggen gegangen, bei jedem Wetter. Tränen laufen über mein Gesicht. Wenigstens war Julian nicht allein, als er starb. Watson war bei ihm. Er wich nicht von Julians Seite, als das Herz seines Herrchens beim Joggen im Park plötzlich versagte und er zusammenbrach. Julian war sofort tot. Eine Herzmuskelentzündung durch eine verschleppte Erkältung, wie sich später herausstellte. Durch die Hundemarke an Watsons Halsband konnte die Polizei Julians Identität feststellen – und mich benachrichtigen. Einer der Polizisten hatte selbst einen Hund. Er wusste, wie verfressen Labradore sind, und wollte Watson mit Leckerchen in die Transportkiste locken – ohne Erfolg. Erst nachdem er es mit einem anderen Trick versuchte und ihn mit Julians verschwitztem Stirnband köderte, klappte es. Als die Polizisten Watson zu mir brachten, verschwand er sofort in seinem Körbchen. Ich erfuhr, was geschehen war, und die Beamten nahmen mich mit, um Julian zu identifizieren und mich von ihm zu verabschieden. Ich funktionierte wie in Trance. Zum Glück war Katharina bei mir. Ich hatte ihr eine Nachricht geschickt, und sie hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Als wir spät am Abend zurückkamen, fiel mir siedend heiß ein, dass Watson den ganzen Tag über noch nichts zu fressen bekommen hatte. Ich schüttete eine große Portion seines Lieblingsfutters in seinen Napf. Normalerweise kam er wie der Blitz aus seinem Körbchen geschossen, aber diesmal blieb er liegen. Es brach mir das Herz, als ich sah, warum: Watson lag mit seiner Schnauze auf Julians Stirnband, das er aus der Transportbox mitgebracht hatte. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Katharina in diesem Moment nicht bei mir gewesen wäre. Sie hielt mich, während ich nicht aufhören konnte zu weinen – bis Watson mich mit seiner Nase anstupste und mir schwanzwedelnd das Stirnband vor die Füße legte.

»Ich sag es nur ungern, mein Alter. Aber ich glaube, wir müssen dich auf Diät setzen.« Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und gehe zum Kühlschrank. Watson nimmt sofort meine Verfolgung auf. »Aber nicht heute, heute ist ein schwerer Tag für uns beide.« Der gutmütige Labbi sieht mich mit seinen hellen Bernsteinaugen an. Als er noch ein Welpe war, waren sie blau. Das sah unheimlich süß aus im Kontrast zu seinem dunkelbraunen Fell. Irgendwann hat die Augenfarbe sich geändert. Sein sanftes Wesen allerdings nicht.

»Was würde ich nur ohne dich machen?«, frage ich, als ich ihm ein Wiener Würstchen hinhalte. Der Gute fängt sofort an zu sabbern. Ein langer Speichelfaden läuft an seiner Schnauze hinunter. »Hier, nimm mit.«

Ich sehe ihm nach, wie er durch den Flur ins Wohnzimmer trottet. Julian hat ihm beigebracht, seine Beute nicht gleich an Ort und Stelle zu verspeisen, sondern sie vorher in sein Körbchen zu schleppen. Ich höre das Rattan knarzen, als Watson es sich darin gemütlich macht.

Die Sonne steht hoch am Himmel, sie taucht die Küche in helles Licht. Das Gelee leuchtet in den Gläsern. Ich drehe sie ein letztes Mal um. Die Blüten wandern langsam vom Boden wieder nach oben. Einige bleiben auf dem Weg hängen. Sie verteilen sich gleichmäßig. Perfekt! Als ich gerade dabei bin, den Topf auszuspülen, klingelt es an der Haustür. Ein kurzer Blick auf die große Küchenuhr zeigt mir, dass es schon halb eins ist. Ich bin noch im Schlafanzug, habe weder gefrühstückt noch geduscht. Dabei habe ich Katharina versprochen, mit ihr und Watson spazieren und dann eine Kleinigkeit essen zu gehen.

»Hi.« Ich schenke meiner Freundin das beste Lächeln, das ich in diesem Moment hinbekomme.

»Das habe ich mir gedacht!« Katharina seufzt, bevor sie mich umarmt. Dann grinst sie mich an. »Und weil ich dich so gut kenne, habe ich einfach alles mitgebracht.« Sie deutet auf einen großen Korb, der auf dem Boden steht. Watson hat ihn schon entdeckt. Er sitzt abwartend davor und lässt ihn nicht aus den Augen.

»Komm, wir bringen deine Einkäufe in die Küche, sonst fängt er wieder an zu sabbern«, sage ich lachend. »Er hatte eben schon seine Extrawurst.«

»Tut mir leid, da hast du wohl Pech gehabt«, sagt Katharina zu Watson und streicht ihm über das Fell.

Watson legt den Kopf schief und sieht erwartungsvoll zu mir auf. »Nein«, sage ich, und er verschwindet artig in Richtung Wohnzimmer.

Katharina schnuppert durch die Luft. »Hier riecht es gut. Hast du wieder gezaubert?«

»Ja, Holunderblütengelee.«

»Hm, hört sich lecker an.«

»Ist es auch. Du kannst später probieren, wenn es fest ist.«

»Oh ja, sehr gern.«

Ich schiele auf den Korb, den Katharina auf dem Küchentisch abstellt. »Was hast du mitgebracht?«

»Ciabatta, verschiedene Pasten mit Auberginen, Thunfisch und getrockneten Tomaten, Salate, Oliven, Käse, etwas Schinken, ein paar Garnelen …«

»Ah, du warst in dem kleinen italienischen Delikatessenladen.«

Sie nickt und beginnt auszupacken. »Gestern. Das Brot sollten wir vielleicht aufbacken.«

»Sieht nach einem Einkauf für eine Großfamilie aus«, stelle ich fest und schalte den Ofen ein.

Wie auf Kommando geht die Klingel wieder, zweimal lang, einmal kurz. Watson kommt aus dem Wohnzimmer den Flur entlanggeschossen.

»Meine Mutter«, sage ich. Kurz darauf höre ich auch schon das Türschloss, und eine hohe Stimme hallt durch den Flur.

»Da ist ja mein Liebling. Schau mal, was die Oma für dich hat.«

»Oma?« Katharina grinst mich an.

Ich zucke mit den Schultern. »Wenn sie so weitermacht, glaubt Watson bald wirklich, dass er ihr Enkelsohn ist. Außerdem wird er dann immer fetter. Meine Mutter kommt nie ohne irgendwelche Leckerchen.«

»Nora? Noraschatz!«

»Ja-a«, rufe ich. »Wir sind in der Küche.«

»Wir? Ach, Katharina, das ist ja schön!« Meine Mutter steht im Türrahmen, beladen mit zwei großen Taschen. Als sie mich sieht, schüttelt sie den Kopf. »Du bist ja noch im Schlafanzug.«

»Ich habe etwas länger geschlafen.«

»Hast du was getrunken?« Meine Mutter mustert mich.

Sie weiß, dass ich in der ersten Zeit nach Julians Tod nicht einschlafen konnte und mir vor dem Zubettgehen deswegen oft ein Glas Rotwein genehmigt habe. Und auch, dass es irgendwann mal mehr wurde. Damit habe ich allerdings kurz nach Weihnachten aufgehört, und zwar ganz konsequent … Bis auf gestern.

»Ich habe eine ganze Flasche Chianti vernichtet. Im Bett, gestern Nacht«, sage ich trotzig. »Ich finde, in Anbetracht der Tatsache, dass es jetzt genau ein Jahr her ist, durfte ich das. Wenn ich Wodka gehabt hätte, dann hätte ich den wahrscheinlich auch noch getrunken. Aber du hast ja allen Schnaps weggeschüttet. Eine sehr sinnlose Aktion, wie ich finde.«

Meine Mutter streichelt mir über die Wange. »Ist ja gut, mein Schatz.«

Die liebevolle Geste bewirkt genau das Gegenteil. Sie tröstet mich nicht, sie macht mir nur einmal mehr bewusst, wie traurig ich bin. Ein Kloß verdichtet sich in meinem Hals. Jetzt bloß nicht anfangen zu heulen!

Da sagt Katharina: »Wenn du Wodka trinken willst, dann ruf mich vorher an, ich bin dabei. Wir könnten mal wieder eine richtig leckere Schlammbowle machen, so wie früher. Mit Kirschen und Vanilleeis.«

»Bah!« Ich schüttele mich.

Meine Mutter stellt eine der Taschen auf den Tisch. »Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht. Ich nehme an, du ernährst dich immer noch von dem Tiefkühlzeug, das ihr in eurer Versuchsküche zusammenrührt.« Mit einem schnellen Blick scannt sie meinen Körper. »Du hast noch mehr abgenommen.«

Ich übergehe ihre Bemerkung und deute auf die Leckereien aus dem Delikatessenladen. »Katharina hat auch was mitgebracht.«

»Gut. Dann kannst du das hier morgen essen.« Sie zaubert einen großen Topf aus der Tasche. »Rouladen, mit Mettfüllung.«

Schon allein bei dem Gedanken daran dreht sich mir der Magen um. Als sie strahlend den Deckel anhebt und sich der Geruch der geschmorten Fleischröllchen mit dem der Holunderblüten vermischt, wird mir schlecht. Ich sprinte ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig zur Toilette, um mich zu übergeben. Nur wenige Sekunden später stehen Katharina und meine Mutter hinter mir. Meine Freundin kniet sich neben mich und streichelt mir über den Rücken. Meine Mutter hält einen Waschlappen unter den Wasserhahn und drückt ihn mir an die Stirn.

»Es tut mir leid, Nora, das wollte ich nicht. Ich habe nicht daran gedacht, dass …«

Julian war ganz verrückt nach den Dingern. Er konnte drei Stück hintereinander verputzen. Das erfüllte meine Mutter mit solchem Stolz, dass sie sie so oft wie möglich zubereitete, wenn wir zu Besuch waren. Seit Julian tot ist, kann ich schon den Geruch nicht mehr ertragen.

»Entschuldigt mich, gestern Abend der Wein …« Ich schaue hoch und versuche zu lächeln. »Und eine Tafel Nougatschokolade.«

Meine Mutter stemmt ihre Hände in die Hüften. »Na, dann hast du ja wenigstens was gegessen. Ich schlage vor, du gehst jetzt unter die Dusche und machst dich frisch. Und dann versuchst du es vielleicht erst mal mit dem Weißbrot, das Katharina mitgebracht hat. Was meinst du?«

»Gute Idee.« Vorsichtig stehe ich auf.

»Und wir beide machen schon mal klar Schiff in der Küche.« Meine Mutter sieht meine Freundin auffordernd an.

»Okay.« Katharina nickt ergeben. Nach mittlerweile fünfzehn Jahren Freundschaft mit mir weiß sie, dass Widerstand zwecklos ist, wenn meine Mutter sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

»Wie geht es deinem Freund?«, fragt meine Mutter neugierig. »Wenn er so weitermacht, wird er mit Sicherheit irgendwann Bürgermeister.«

Katharina schüttelt den Kopf. »Jörn ist im Kulturamt eigentlich sehr zufrieden. Seit er Amtsleiter geworden ist …«

Ich schaue ihnen hinterher, wie sie gemeinsam durch den langen Flur in Richtung Küche gehen. Sie sind beide sehr schlank, wobei Katharina meine Mutter mit ihrem schwarzen Pixieschnitt um gut einen Kopf überragt. Das Haar meiner Mutter ist brünett und mit ersten grauen Strähnen durchzogen. Seit ich denken kann, trägt sie es kurz, leicht stufig geschnitten und zu einem Seitenscheitel frisiert. Mein Vater hat schütteres blondes Haar. Meine störrischen roten Locken sind angeblich ein Vermächtnis eines Ururgroßvaters meiner Mutter, der aus Irland stammte. Von ihm hat meine Mutter wohl ihre quirlige Energie geerbt. Sie betont gern, es würde irisches Blut durch ihre Adern fließen. Irgendwann wollte ich mit Julian zu einem Trip nach Irland aufbrechen, um auf den Spuren meiner Vorfahren zu wandeln. Wir hatten noch so viel vor …

Die heiße Dusche tut gut. Ich lasse mit geschlossenen Augen das Wasser über meinen Körper laufen, bis das ganze Bad voller Dampf hängt.

Weißt du, was echt praktisch ist, Nora? Wenn du alles eindampfst, dann kann ich dir Botschaften auf dem beschlagenen Spiegel hinterlassen …

In mein Handtuch eingewickelt, stütze ich mich mit der einen Hand am Waschbecken ab, mit dem Zeigefinger der anderen zeichne ich ein großes Herz auf den Spiegel. In die Mitte schreibe ich JuNo. Einen Moment bleibe ich stehen und starre auf das Herz, das im Zeitlupentempo in kleinen Tropfen an der Scheibe nach unten fließt. Es wäre leichter für mich, wenn ich, so wie Julian es war, vom Himmel und einem Leben nach dem Tod überzeugt wäre. Julian war zwar kein Kirchgänger, aber er hatte einen festen Glauben. Seine Zuversicht habe ich immer bewundert. Er war offen gegenüber Themen wie Religion und Spiritualität, während ich mich eher wissenschaftlich und sehr kritisch damit auseinandersetze. Doch seitdem Julian mich von einem Tag auf den anderen verlassen hat, wünsche ich mir, dass er recht hatte und dass er dort, wo er jetzt ist, glücklich ist. Manchmal stelle ich mir sogar vor, dass sein Geist bei mir ist, um auf mich aufzupassen. So wie Patrick Swayze in Nachricht von Sam. Bei dem Gedanken zieht eine Gänsehaut über meinen Körper, und ich drehe mich um, meinen Blick auf den Hocker neben der Badewanne geheftet. Dort hat Julian oft gesessen, um mir zuzuschauen, wenn ich mich eingecremt oder frisiert habe.

Bin ich froh, dass du dich nicht ständig mit Schminke einkleisterst, Nora. Ich mag dich am liebsten so, wie die Natur dich erschaffen hat.

Einen kurzen Moment lang sehe ich Julian vor mir, sein schelmisches Lächeln, das verstrubbelte blonde Haar, die blitzenden blauen Augen …

Genau in dem Moment klopft jemand an die Tür und lässt mich erschrocken zusammenzucken.

»Ja?«

Katharina steckt ihren Kopf herein. »Wo kommen denn die Marmeladengläser hin? Ich kann in der Küche keinen Platz dafür finden.«

»In Julians Arbeitszimmer.«

»Echt?«

Ich nicke und überlege kurz, ob ich Katharina sagen soll, dass ich die Gläser gleich selbst dorthin bringe, aber da ist sie auch schon wieder verschwunden.

Ohne noch einmal auf den Hocker zu schauen, trockne ich mich ab. Gerade als ich mir einen Handtuchturban um den Kopf binde, geht die Tür wieder auf.

»Nora?« Meine Freundin sieht mich mit großen Augen an.

»Ich weiß, das sind mittlerweile ziemlich viele.«

»Ziemlich?«

Ich rechne kurz im Kopf nach. Sieben Gläser pro Sonntag, ein Jahr lang … viel verbraucht habe ich davon bisher nicht. »Etwa dreihundertfünfzig mit denen von heute.«

Noras Holunderblütengelee

1,5 Liter naturtrüber Apfelsaft (100 %)

25 große Holunderblütendolden, frisch gepflückt

1 Paket Gelierzucker 3:1

Marmeladengläser

Den Apfelsaft aufkochen. Die Holunderblüten von 20 Dolden vorsichtig abzupfen und zum Saft geben. Die restlichen Dolden für den nächsten Tag in einer Vase aufbewahren. Den Saft an einem kühlen Ort über Nacht stehen lassen.

Am nächsten Tag die restlichen Blüten abzupfen und jeweils etwa einen Teelöffel davon in jedes Glas streuen.

1300 ml des Saftes durch ein Sieb in einen großen Topf schütten. (Den Rest entweder gleich trinken oder eine leckere Schorle damit zubereiten – himmlisch!) Den Gelierzucker dazugeben, aufkochen und etwa vier Minuten sprudelnd kochen lassen. Dabei gut umrühren. In die vorbereiteten Gläser geben, gut verschließen und für 3 Minuten auf den Kopf stellen. Wieder umdrehen und ein wenig warten. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn die Masse anfängt zu gelieren, schweben die Blüten langsam nach oben und verteilen sich gleichmäßig im Glas. Ist sie zu flüssig, setzen sie sich oben ab. Dann einfach wieder umdrehen und schweben lassen, bis sie im Gelee festsitzen.

Die Blüten kann man übrigens auch sehr gut trocknen und daraus in der kalten Jahreszeit einen duftenden Holunderblütentee zubereiten. Heißen Weißwein verzaubern sie in Glühwein der besonderen Art! Und über Nacht in Zuckersirup (3 Teile Zucker mit 2 Teilen Wasser aufkochen, köcheln lassen, bis er etwas eindickt) eingelegt, bekommt man duftenden Holunderblütensirup für Limonade oder Hugo.

2. Kapitel

Wir arbeiten gerade an einer neuen veganen Menüproduktserie«, erzähle ich und schiebe mir etwas lauwarmes Ciabatta in den Mund.

Meine Mutter zieht eine Augenbraue nach oben. Dann zuckt sie mit den Schultern. »Na ja, vielleicht gar keine schlechte Idee. Eingefrorenes Fleisch schmeckt fürchterlich. Bei Gemüse sieht das anders aus. Ich habe immer einen Vorrat an Erbsen, grünen Bohnen und Blattspinat im Gefrierschrank, frisch eingefrostet kann man sie noch sehr gut verwenden.«

»Das stimmt. Außerdem bleiben die Vitamine zum Großteil erhalten. Aber wir testen gerade einige Rezepte mit Seitan aus. Das schmeckt gar nicht schlecht.«

»Was? Noch nie gehört.«

»Das ist ein Produkt aus Weizeneiweiß mit fleischähnlicher Konsistenz«, erkläre ich meiner Mutter. »Es wird aus Mehl gewonnen, das mit Wasser vermischt wird, damit die Stärke ausgespült wird. Bei Veganern und Vegetariern ist es sehr beliebt. Man kann Geschnetzeltes daraus machen, Gulasch, alles, was das Herz begehrt.«

»Klingt nicht gerade appetitlich«, sagt meine Mutter. Sie sticht demonstrativ mit der Gabel in eine Scheibe Schinken und lässt sie auf eine Schnitte Brot gleiten. »Und schmeckt bestimmt nicht so gut wie das hier, oder, Katharina?«

Meine Freundin lächelt. »Ich mag Seitan ehrlich gesagt auch nicht, aber manche schwören darauf. Der Parmaschinken ist allerdings wirklich lecker. Mild, aber trotzdem würzig.«

Meine Mutter sieht mich unschuldig an. »Probier doch mal, Nora.«

Ihr zuliebe greife ich zu. Außerdem häufe ich noch ein paar Oliven und etwas Käse auf meinen Teller. Ich möchte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen macht. Es stimmt zwar, dass ich innerhalb des letzten Jahres zwölf Kilo abgenommen habe, aber zu dünn bin ich deswegen nicht. Als ich Julian damals kennengelernt habe, wog ich ungefähr genauso viel. Aber das behalte ich lieber für mich. Übers Essen zu reden ist mir nur recht. Das Thema ist unverfänglich und lenkt mich ab. Traurig sein und bemitleiden kann ich mich später, wenn die beiden weg sind.

»Du arbeitest viel zu viel«, sagt meine Mutter prompt und macht damit meinen Plan zunichte. »Ich versteh ja, dass du dich damit ablenkst. Und ich weiß, dass dir dein Beruf viel bedeutet …«

Ich arbeite als Produktentwicklerin für Fertiggerichte. Der Job macht mir Spaß, ich habe nette Kollegen. Es stimmt. Meine Arbeit lenkt mich ab. Wenn ich könnte, würde ich vierundzwanzig Stunden am Tag in der Versuchsküche stehen.

»… aber du musst auch mal wieder zur Ruhe kommen, Nora. Julian ist jetzt ein Jahr tot, und da wird es langsam Zeit, nach vorne zu schauen.«

Da ist es wieder, das böse Wort – tot–, gefolgt von der Floskel, die ich jetzt schon so oft gehört habe: nach vorne schauen … Ich weiß, dass meine Mutter auch damit recht hat. Das Leben geht weiter, auch ohne Julian. Und schon andere haben ihre große Liebe verloren und sind doch wieder glücklich geworden – irgendwann. Aber momentan steht mir absolut nicht der Sinn danach. »Mama, bitte, nicht ausgerechnet jetzt.« Meine Stimme kippt.

»Ist gut, tut mir leid. Ich wollte nur … Ach, heute ist aber auch wirklich nicht mein Tag.« Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Mein Feingefühl ist anscheinend in dem ganzen Bauschutt verlorengegangen.«

»Was macht denn der Umbau, Hanne, kommt ihr gut voran?«, fragt Katharina, und ich lächele sie dankbar an.

Meine Mutter seufzt theatralisch auf. »Hör bloß auf, es ist Chaos pur! Wir hatten ja einen Durchbruch zwischen Küche und Wohnzimmer geplant. Aber da es eine tragende Wand ist, muss dafür ein Stahlträger eingebaut werden. Stell dir vor, die haben ihn zu kurz bestellt …«

Meine Mutter hat vor zwei Jahren wieder geheiratet. Es hat fast 10 Jahre gedauert, bis sie wieder nach vorne schauen konnte und sich noch einmal verliebt hat. Mein Vater ist allerdings nicht gestorben, er hat sie von einem Tag auf den anderen wegen einer jüngeren Frau verlassen. Und das war richtig schlimm für sie, zumal ich ein halbes Jahr zuvor zu Hause ausgezogen war, um in Münster Ökotrophologie zu studieren. Nach der Trennung meiner Eltern bin ich ein Semester lang fast jeden Tag die Strecke von Oberhausen nach Münster und wieder zurück gefahren, um meiner Mutter beizustehen. Dafür ist sie dann im letzten Jahr kurzerhand zu mir gezogen, als es mir richtig schlecht ging. Bei dem Gedanken, dass wir füreinander da sind, wenn wir uns brauchen, wird mir warm ums Herz, auch wenn meine Mutter nicht immer einfach ist. Ich beobachte sie aus den Augenwinkeln. Sie tut zwar so, als sei ihr der ganze Umbau ein Gräuel, aber ich weiß, dass sie es eigentlich genießt. Sie braucht Action, und sie ist gerade dann in ihrem Element, wenn es stressig wird. Armer Konrad! Er hat seiner Frau eine neue Küche versprochen. Ihm war bestimmt nicht klar, dass dafür neue Wände benötigt werden.

»Puh!« Ich stehe am Fenster zur Straßenseite und sehe zu, wie meine Mutter in ihrem roten Polo davonbraust. »Das hätte ich keine Minute länger durchgestanden.«

Katharina schmunzelt. »Komm, immerhin hat sie die Rouladen ohne weitere Diskussionen wieder eingepackt. Ich habe fest damit gerechnet, dass sie sie in den Kühlschrank stellt, in der Hoffnung, du würdest dich vielleicht doch noch überwinden.«

»Der Kühlschrank wäre zu offensichtlich. Wenn überhaupt, hätte sie sie im Hausflur stehen lassen, natürlich aus Versehen. Aber dann hätte Watson die Fleischröllchen längst gewittert.«

»Ich mag deine Mutter.« Katharina sitzt im Schneidersitz auf dem Küchenstuhl. Sie hält eine der großen Milchkaffeeschalen in ihren Händen, die wir einmal gemeinsam in einem Kreativkurs getöpfert haben, und trinkt genüsslich den Schaum ab. »Noch heute denke ich hin und wieder an die leckeren Pausenbrote, die sie dir für mich mitgegeben hat, nachdem sie erfahren hatte, dass ich ständig ohne Verpflegung in die Schule kam.« Sie grinst. »Und immer war auch Obst und etwas Süßes dabei.«

»Sie ist klasse, absolut! Du weißt, wie sehr ich sie liebe. Aber manchmal ist sie eben auch ein bisschen anstrengend. Ich weiß ja, dass sie es immer nur gut meint, aber es ist schwer, sich gegen sie durchzusetzen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Sie vergisst gern, dass ich keine sechs mehr bin, sondern mit großen Schritten auf die dreißig zusteuere.«

»Stimmt, aber das wird sich wahrscheinlich nie ändern. Ich finde gerade das sehr süß an ihr. Sie kümmert sich eben … Im Übrigen bist du ihr da sehr ähnlich, du trägst auch dieses Kümmer-Gen in dir. Du verwöhnst deine Lieben nach Strich und Faden.« Sie lächelt. »Manchmal habe ich Julian richtig beneidet.«

Ich mache es mir neben Katharina gemütlich und knuffe sie in die Seite. »Quatsch! So schlimm bin ich auch nicht.«

»Habe ich was von schlimm gesagt? Du bist großartig!«

»Danke.« Katharina hat recht. Es hat mir Spaß gemacht, Julian zu umsorgen und zu verwöhnen. Aber ich habe auch viel von ihm zurückbekommen. »Weißt du, es kommt mir immer noch so unwirklich vor. Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, und eigentlich glaube ich auch nicht daran, aber ich habe oft das Gefühl, dass Julian immer noch da ist. Besonders, wenn ich hier in der Küche bin. Manchmal höre ich ihn sogar reden. Ich weiß, dass die Stimme nur in meinem Kopf ist, aber es fühlt sich so an, als wäre er mir in diesen Momenten ganz nah.«

Katharina schießen Tränen in die Augen. »Ich vermisse ihn auch, Nora. Wenn ich dir nur helfen könnte.«

Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Julian war auch Katharinas Freund. Die beiden waren Nachbarskinder und haben schon im Sandkasten miteinander gespielt. Später sind sie auf verschiedene Schulen gegangen. Julian auf die Gesamtschule, Katharina aufs Gymnasium. Dort haben Katharina und ich uns kennengelernt. Sie ging in die Parallelklasse. Im Deutsch-Leistungskurs haben wir uns dann angefreundet. Und etwas später hat sie uns einander vorgestellt. Damals war ich siebzehn, Julian ein knappes Jahr älter. Er war nicht nur meine große, er war auch meine erste und somit einzige Liebe. Aber er war auch Katharina sehr wichtig.

»Es tut mir leid, wenn es um Julian geht, denke ich immer nur an mich«, sage ich, und dann weinen wir beide.

Nach einer Weile schiebt Katharina mich etwas von sich weg und lächelt mich an. »Oh Mann, wenn Julian uns jetzt so sehen könnte.«

Ich schniefe noch ein letztes Mal. »Er würde sagen, dass wir Heulsusen sind, und uns Watson auf den Hals hetzen. Wahrscheinlich würde er ihn irgendein verrücktes Kunststück vorführen lassen und keine Ruhe geben, bis wir wieder lachen.«

Wie auf Kommando steht kurz darauf der braune Riesenteddy schwanzwedelnd in der Küchentür.

»Das gibt es doch nicht!«, entfährt es Katharina. »Wenn er jetzt tatsächlich ein Kunststück vorführt, falle ich auf der Stelle vom Stuhl.«

Ich lache. »Watson hat unheimlich gute Ohren. Er hat seinen Namen gehört. Außerdem weiß er ganz genau, dass es Zeit für seinen Nachmittagsspaziergang ist. Julian hat immer behauptet, dass Watson mal einen Wecker gefressen hat, so wie das Krokodil bei Peter Pan.« Ich zeige auf die Küchenuhr. »Tick tack, tick tack, vier Uhr, Mister Watson möchte ausgehen.«

Wir sind noch nicht ganz zur Tür raus, da bleibt Katharina plötzlich stehen und sagt: »Du kannst Julians Anwesenheit spüren, du hörst ihn, du kochst jede Woche Marmelade für ihn und stapelst sie auf seinem Schreibtisch … Er ist noch da, hier überall, vor allen Dingen aber in deinem Herzen – und in meinem auch.«

»Ja«, sage ich. »Und dort wird er auch immer bleiben.« Ich blinzele eine Träne aus meinen Augen weg. »Danke – für alles.«

Katharina sieht mich ernst an. »Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben, weißt du?«

Ich greife nach ihrer Hand und drücke sie fest. »Und du für mich.« Meine Freundin hat es nicht immer leicht gehabt. Wir haben schon einiges miteinander durchgestanden. Wenn es ihr schlechtging, habe ich ihr nicht nur einmal gesagt, dass irgendwann alles gut werden wird. Ob das auch für mich gilt? »Wenn wir alt sind«, überlege ich laut, »ziehen wir zusammen in ein kleines gemütliches Haus und haben nie wieder Sorgen, egal, wegen was.«

»Gute Idee.« Katharina kichert. »Und abends genehmigen wir uns vor dem Schlafengehen einen deiner selbst angesetzten Liköre.«

»Das machen wir. Und jetzt lass uns raus an die frische Luft. Das Wetter ist herrlich!«

»Wenn es nach mir ginge, könnte der Frühling durchgehend bis zum Herbst dauern. Es ist schon warm, aber die Luft ist noch frisch. Und alles blüht.« Ich zeige auf die großen Wildkirschbäume, die ein paar Meter entfernt auf einer großen Wiese stehen. »Sind sie nicht wunderschön?« Die kleinen weißen und rosafarbenen Blüten leuchten wie ein Blütenmeer im Himmel.

Katharina schnuppert durch die Luft. »Ja, und sie riechen auch unheimlich gut. Süß, fast ein bisschen wie Honig.« Sie atmet tief ein, bückt sich nach einem Stöckchen für Watson und schleudert es weg. Watson schießt los wie ein Wahnsinniger. »Ihr wohnt echt toll hier.«

Ihr … Ich atme tief ein und wieder aus. Julian fehlt mir so sehr, dass es weh tut.

Katharina deutet auf einen einzelnen, etwas kleineren Baum, der abseits von den Kirschen steht. »Hängt da später auch was dran, was man essen kann?«

»Quitten, Anfang Oktober. Aber bisher habe ich immer Pech gehabt. Meistens werden sie von irgendwelchen Spaziergängern gepflückt, wenn sie noch gar nicht richtig reif sind. Letztes Jahr habe ich gerade mal eine erwischt. Sie hat sich ganz oben in der Baumspitze versteckt, ich habe sie erst entdeckt, als schon fast alle Blätter abgefallen waren. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich sie vom Baum hatte, obwohl ich dafür extra meinen Obstpflücker mit Teleskopstange geholt habe.« Julian hätte sich kringelig gelacht, wenn er das erlebt hätte. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum mageren Ertrag. Aber ich wollte die Frucht unbedingt – und habe mich gefreut wie eine Schneekönigin, als ich sie endlich unversehrt in meinen Händen hielt.

»Und was hast du damit gemacht? Die kann man doch nicht so essen, oder? Ich habe irgendwann mal in eine reingebissen. Die war steinhart, und außerdem total sauer.«

»Roh sind sie ungenießbar. Durch den hohen Tanningehalt schmecken sie fast herb, aber man kann die Früchte ganz toll verarbeiten. Gelee, Marmelade, Chutney … Ich habe eine Miniportion Kompott, gemischt mit einem Apfel, daraus gekocht. Vielleicht erwische ich dieses Jahr mehr, dann gebe ich dir was ab. Einen Löffel davon auf eine Portion Milchreis … lecker!«

»Hmmm … Milchreis hatte ich schon Ewigkeiten nicht mehr. Damit sollten wir nicht bis zum Herbst warten. Der schmeckt auch mit Zimt und Zucker.«

»Oder mit Mirabellen. Ich hab noch ein paar Gläser aus dem letzten Jahr.«

»Weißt du, in einer Sache hat deine Mutter recht.« Katharina sieht mich an. Dabei runzelt sie die Stirn. »Anstatt Tiefkühlprodukte zu kreieren, solltest du vielleicht eher Marmeladen, Konfitüren und dergleichen herstellen. Klar, in deinem Job bist du gut, du hast einfach ein Händchen für alles, was sich ums Essen dreht. Aber als Marmeladenfee wärst du der Hammer. Du würdest darin richtig aufgehen, da bin ich mir sicher.«

»Manche Dinge sollten ein Hobby bleiben, damit sie Spaß machen. Ich freue mich immer auf den Mai, wenn die Saison losgeht. Erst die Holunderblüten, dann nach und nach die Johannisbeeren, die Wildkirschen, danach die Holunderbeeren, Äpfel, Birnen, Quitten …« Ich lächle meine Freundin an. Als Julian und ich uns vor zwei Jahren das Haus anschauten, war ich zuerst unsicher. Wir hatten kaum Eigenkapital für die Finanzierung, und der Gedanke, so viel Geld von der Bank aufnehmen zu müssen, behagte mir gar nicht. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir mit dem Hauskauf noch gewartet, aber Julian war ganz begeistert von dem Gedanken, endlich im eigenen Haus zu wohnen. Er kannte es nicht anders, er war selbst im großen Haus seiner Eltern aufgewachsen, während ich meine Kindheit in einer Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus und die Studienzeit in einem Zimmer des Studentenwohnheims verbracht hatte. Als ich nach dem Studium mit Julian zusammenzog, war ich überglücklich über unsere gemütliche Dachgeschosswohnung. Mir reichten die drei Zimmer mit dem kleinen Balkon, auf dem ich meine Kräuter in schönen Terracottatöpfen anpflanzen konnte. Doch Julian plante weit voraus. Er wünschte sich mindestens zwei Kinder – und viel Platz für uns alle. Nachdem er sein Referendariat beendet hatte, fingen wir an zu suchen. Es dauerte nicht lange, da kam er mit dem Angebot für ein freistehendes Haus um die Ecke, von dem einer seiner Kollegen ihm erzählt hatte. Mir ging das alles viel zu schnell. Außerdem stellten wir bei der Besichtigung fest, dass das Gebäude renovierungsbedürftig war. Die Heizung musste ausgetauscht, die Fenster und die Fußböden erneuert werden. Ich war gegen das Haus, wollte Julian, der Feuer und Flamme war, aber nicht enttäuschen. Deswegen bin ich noch einmal allein hingefahren und habe mir dabei auch die nähere Umgebung angeschaut. Ganz in der Nähe entdeckte ich dabei einen großen renaturierten Gehölzgarten, bepflanzt mit den unterschiedlichsten Bäumen und Sträuchern. Ich war begeistert, meine Zweifel waren wie weggeblasen – nur drei Monate später sind wir umgezogen.

»Du hast schon recht. Wir wohnen zwar im Ruhrpott, aber trotzdem mitten im Grünen.« Ich deute mit dem Kopf auf Watson, der vor uns sitzt und darauf wartet, dass endlich wieder jemand sein Stöckchen wirft. »Für ihn ist es ideal hier. Er hat das Paradies direkt vor der Haustür.«

»Wir müssen viel öfter spazieren gehen.« Katharina hakt sich bei mir unter. »Wo gehen wir lang?«

»Links rum«, sage ich. Nach rechts geht es in den Park, in dem Julian vor einem Jahr mit Watson joggen war. Ich habe ihn nie wieder betreten. »Julians Mutter hat mich übrigens gestern angerufen«, erzähle ich. Sie hat dort, wo Julian zusammengebrochen ist, in der Nähe der großen Eiche am Wegesrand, ein kleines Holzkreuz in den Boden gesteckt und stellt regelmäßig frische Blumen dazu. »Sie wollte mich für heute zu einem gemeinsamen Spaziergang und einem Besuch auf dem Friedhof überreden, mit anschließender Familienzusammenkunft. Aber ich habe ihr gesagt, dass ich lieber für mich bleiben möchte.« Julian ist eingeäschert worden. Nur ein einziges Mal war ich an seinem Grab, am Tag der Urnenbeisetzung. Ich seufze auf. »Ich kann mich einfach nicht dazu überwinden, seine Asche zu besuchen. Der Gedanke ist gruselig. Sie denkt bestimmt, ich sei herzlos.«

Katharina zieht mich etwas näher an sich heran. »Nein, das denkt sie nicht. Sie weiß, wie sehr du Julian geliebt hast. Davon mal ganz abgesehen, muss sie akzeptieren, dass du eben auf deine Art trauerst.«

»Ja. Ihr bleibt wohl nichts anderes übrig.« Margot hat mich von Anfang an sehr herzlich im Familienkreis willkommen geheißen und mich als die Tochter angesehen, die sie nie bekommen hat, das hat sie sehr oft betont. Richtig wohl gefühlt habe ich mich dabei allerdings nicht. Ich weiß nicht genau, warum, aber in ihrer Gegenwart habe ich mich oft wie ein kleines Kind gefühlt. Das lag vielleicht daran, dass sie ihr Verhalten und vor allem den Tonfall als Grundschullehrerin auch im privaten Bereich nicht ablegen konnte. Margot ist zwar viel ruhiger als meine Mutter, aber auf eine sanfte Art so bestimmend, dass man auch ihr einfach nicht widersprechen kann.

Tiefes dunkles Bellen reißt mich aus meinen Gedanken. Im gleichen Moment sehe ich den sonst so friedfertigen Watson wie von der Tarantel gestochen über die Wiese preschen.

»Was ist denn mit dem los?«, fragt Katharina.

Ich lache und zeige nach oben. »Er jagt die Killerkatze.« Ein Zeppelin zieht am Himmel vorbei. »Watson, kehr um!«, rufe ich. Der braune Labbi reagiert sofort. Ohne sich noch ein weiteres Mal umzudrehen, kommt er zurück. »Zeppeline und Heißluftballons sind ihm suspekt. Zeigt sich einer am Himmel, bellt er ihn so lange an, bis er ihn verjagt hat. Und immer hat er Erfolg: Irgendwann verschwinden sie alle.« Ich streiche ihm über das Fell. »Fein gemacht.«

»Trotzdem ist er sofort zurückgekommen, als du ihn gerufen hast. Watson hört wirklich aufs Wort. Ich bin immer wieder begeistert«, sagt Katharina.

»Julian hat ihn sehr gut erzogen und viel mit ihm trainiert.« Ich zeige auf den Zeppelin, der in diesem Moment über uns hinwegfliegt. Auf seinem Bauch prangt das große Werbebanner der Tageszeitung, für die Katharina als Journalistin arbeitet: »Wie läuft es denn bei dir im Büro? Hast du dich an deine neue Kollegin gewöhnt?«

»Hör mir bloß auf mit der, die geht gar nicht.« Meine Freundin rollt mit den Augen. »Für ihre hohe Stimme kann sie ja nichts. Allerdings könnte sie ab und zu mal eine Sprechpause einlegen, sie plappert ununterbrochen. Gut, dass ich die meiste Zeit draußen unterwegs bin. Apropos …« Sie strahlt mich an. »Stell dir vor, ich habe zufällig unsere Lieblingsserie von damals in der DVD-Abteilung entdeckt und konnte natürlich nicht widerstehen. Ich habe alle Anne auf Green Gables-Filme gekauft. Wir können also die ganze Nacht auf deiner großen Couch verbringen und uns eine Folge nach der anderen anschauen, so wie früher. Und morgen bleiben wir bis in die Puppen im Bett liegen.«

»Mist!« Ich beiße mir auf die Unterlippe.

»Du hast doch wohl nicht vergessen, dir Urlaub zu nehmen?«

Ich nicke. »Am Freitag ist das Chaos im Labor ausgebrochen. Zwei Kollegen haben sich krankgemeldet. Ausgerechnet wegen einer Magendarmerkrankung. Und die neue Produktreihe musste doch fertig werden. Tut mir leid …« Seit Julian nicht mehr bei mir ist, passiert es mir häufiger, dass ich bestimmte Sachen vergesse. Ich muss alle Termine sofort im Kalender meines Handys notieren und mich rechtzeitig daran erinnern lassen. »Ich glaube, ich habe es verdrängt«, gebe ich kleinlaut zu.

»Ach, das macht doch nichts. Dann sagst du einfach, deine Kollegen hätten dich angesteckt. Das passt doch. Am Samstag hat es angefangen, Sonntag war ganz schlimm, und morgen bist du noch so schlapp, dass du nicht arbeiten kommen kannst.«

»Das geht nicht, das wäre unfair Martin gegenüber. Außerdem kann ich schlecht lügen, du kennst mich doch.« Ich laufe an wie eine rote Tomate, wenn mir etwas unangenehm ist. Am Telefon würde Martin es natürlich nicht mitbekommen, aber spätestens, wenn ich ihn wiedersehe, würde mir das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben stehen.

»Dann sagst du ihm die Wahrheit. Dir ging es schlecht. Er weiß doch, was passiert ist. Komm schon, Nora.«

»Du hast recht. Am besten schreibe ich ihm gleich noch eine Nachricht. Ich habe die Nummer seines Diensthandys. Das wird kein Problem sein.« Ich tippe schnell ein paar Worte an Martin und schicke sie los. Er wird es mir nicht übelnehmen, dass ich ihn nicht persönlich anrufe. Ich bin so gut wie nie krank. Martin liegt mir schon seit Monaten damit in den Ohren, dass ich mir endlich mal einen richtig langen Urlaub gönnen soll, damit ich wieder auf andere Gedanken komme. Aber bisher konnte ich mich nicht überwinden. Ich möchte in Julians Nähe bleiben …

»Schön, dann gibt es heute einen DVD-Marathon auf der Couch, dazu die restlichen Leckereien – und ein Glas Wein. Oder sollen wir uns Wodka und Vanilleeis besorgen?«

Ich schüttele den Kopf. »Bloß nicht.«

Katharina schiebt liebevoll eine meiner Locken, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, hinter das Ohr. »Ich würde alles dafür geben, damit ich so wunderschönes rotes Haar hätte wie du. Die Farbe ist einmalig.«

Schönheit ist immer ein Gesamtkunstwerk. Du leuchtest wie warmes Kupfer in der Sonne, Nora. Von außen und von innen.

3. Kapitel

Katharina bleibt im Flur vor der Tür zu Julians Arbeitszimmer stehen. »Was sagtest du? Wie viele sind es?«

»Zweiundfünfzig Sonntage à sieben Gläser, abzüglich der, die ich für mich selbst behalten habe. Dreihundertfünfzig etwa.«

»Hm …« Meine Freundin sieht mich an. »Was hast du damit vor?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich weiß nicht.« Sie sind für Julian, aber der ist nicht mehr da. »Möchtest du welche mitnehmen?«

»Gern.«

Es fällt mir noch immer schwer, Julians Zimmer zu betreten. Seitdem er vor einem Jahr vom Joggen nicht nach Hause gekommen ist, habe ich nichts darin verändert. Mal abgesehen von den Marmeladengläsern, die ich auf seinem großen antiken Holzschreibtisch gestapelt habe.

Mein Herz schlägt etwas schneller, als ich die Türklinke nach unten drücke und vor Katharina den Raum betrete. Im warmen Licht der durch das Fenster scheinenden Abendsonne sieht der Marmeladenturm fast magisch aus. Er leuchtet in den unterschiedlichsten Farben. Warme Gelbtöne, intensive Rottöne, dunkles Violett … Die Gelees lassen die Sonne hindurchscheinen, die Marmeladen verschlucken sie.

Katharina greift nach meiner Hand. »Wow«, entfährt es ihr.

Auf den unteren Reihen der Gläser hat sich über die Monate hinweg eine feine Staubschicht gebildet. Ein paar Wollmäuse wirbeln über das Parkett. Watson trägt in seinem Fell haufenweise Schmutz in die Wohnung, der mit Vorliebe an den Socken kleben bleibt, so dass man ihn in der kompletten Wohnung verteilt – gemeinsam mit den widerspenstigen braunen Tierhaaren. Staub zu saugen gehörte zu Julians Aufgaben. Jetzt ist es allein meine, genauso, wie die Fenster zu putzen, den Rasen zu mähen und die gelben Säcke rechtzeitig nach draußen zu stellen.

»Das sieht aus wie ein Kunstwerk, oder …« Katharina zeigt zum Fenster. »Als ich vorhin hier war, stand die Sonne noch anders, aber jetzt, in diesem Licht, wirkt es wie ein Schrein, ein Marmeladen-Schrein.« Sie hält mir ihren Arm vor die Nase. »Schau mal, ich habe Gänsehaut.«

Es entspannt mich, wenn ich in der Küche in meinen Schüsseln und Töpfen rühren kann. Früher habe ich Julian gern mit einer neuen Kreation aus Früchten der Saison überrascht. Julian war generell eher der süße Typ. Er liebte Marmelade nicht nur zum Frühstück, er hat sie auch pur oder mit etwas Joghurt verrührt gefuttert. Jetzt stapeln sich die Gläser hier. Vielleicht habe ich doch etwas übertrieben? Auf einmal fühle ich mich schlecht deswegen. Die Stimme meiner Mutter schleicht sich in meine Gedanken. Du musst endlich nach vorne schauen …

Ich greife wahllos nach einem Glas und halte es Katharina hin. Es ist Wildkirsche, das intensive Aroma mochte Julian besonders gern. Mein Blick fällt auf den großen Terminplaner, den Julian mit bunten Reißzwecken an der Wand hinter seinem Schreibtisch angebracht hat. In die Sonntagsfelder hat er jeweils ein kleines rotes Herz gemalt.

Die Sonntage sind JuNo-Tage, Nora. Sie gehören nur uns. Wir beginnen sie mit einer deiner leckeren Marmeladen im Bett. Ich gehe frische Brötchen besorgen, du kochst Kaffee … und wenn wir uns ordentlich gestärkt haben …

Warum musste Julian ausgerechnet an einem JuNo-Tag sterben, einem Tag, den wir nur für uns bestimmt hatten? Warum musste er überhaupt sterben?

»Nora?« Katharina drückt meine Hand.

»Ja?«

»Alles okay? Du bist ganz blass.«

»Ja, nein. Meine Mutter hat mir letztens gesagt, ich sollte doch mal zu einer Therapeutin gehen. Vielleicht hat sie ja recht? Es ist jetzt ein Jahr her, aber es wird überhaupt nicht besser.«

»Ich weiß nicht. Aber du könntest es ja einfach mal ausprobieren. Soll ich unten mal nachfragen? Frau Doktor Kretschmar kann dir bestimmt eine gute empfehlen.«

Katharina wohnt mit ihrem Freund über einer Arztpraxis für Allgemeinmedizin, was sich schon manches Mal als sehr praktisch herausgestellt hat. Ich schaue noch einmal auf Julians Kalender, dann greife ich nach einem weiteren Marmeladenglas und sage: »Ja, ich glaube, das wäre eine gute Idee. Sag ihr liebe Grüße, und gib ihr ein Glas Gelee, okay?«

»Klar, mach ich.« Meine Freundin lächelt mich an. Ich weiß, dass sie sich Sorgen macht. Alle machen sich Sorgen um mich. Katharina, meine Mutter, meine Kollegen – und sogar Julians Mutter, die doch eigentlich genug mit sich selbst und ihrer Trauer zu schaffen hat.

»Du kannst noch mehr mitnehmen.« Ich nehme den Korb, in dem Julian das Altpapier aufbewahrt hat, und kippe den Inhalt kurzerhand auf den Boden. Katharina schaut mir skeptisch zu, als ich eine Sorte nach der anderen darin verstaue. »Ich möchte es so«, erkläre ich. Ein erster Schritt nach vorne. »Was hältst du von Zitrone mit Basilikum, klingt etwas ungewöhnlich, aber schmeckt total gut.«

»Auf jeden Fall.« Katharina drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Danke.«

Von draußen ertönen die Kirchturmglocken. Es dauert keine Minute, da kommt Watson in den Raum marschiert und stupst mich mit seiner Nase an.

»Sechs Uhr«, sage ich. »Nun wünscht der Herr zu speisen.«

Katharina lacht. »Gute Idee. Ich könnte auch eine Kleinigkeit essen. Was hältst du davon, wenn wir erst den armen Hund versorgen, bevor er verhungert, und es uns dann mit den restlichen Leckereien auf der Couch gemütlich machen?«

Bis heute habe ich mich nicht an die riesige Sofalandschaft gewöhnen können. Das liegt nicht daran, dass sie unbequem ist, im Gegenteil, sie ist urgemütlich. Wir haben lange gesucht, bis wir sie gefunden und ohne zu zögern ein kleines Vermögen dafür ausgegeben haben. Die alte war zu klein, um zu zweit darauf liegen zu können. Und nachdem Watson kurz nach dem Hauskauf Mitglied unserer Familie geworden war, löste sich nach und nach der Bezug in seine Bestandteile auf. Der Gute machte es sich mit Vorliebe darauf gemütlich, wenn er unbeobachtet war, reckte und streckte sich und zerschliss mit seinen Krallen den Stoff. Außerdem blieben die widerspenstigen Haare darin hängen und ließen sich nur schwer entfernen. Also musste endlich eine neue her. Julian versprach mir, Watson von Anfang an konsequent zu verbieten, dem guten Stück zu nahe zu kommen. Zum Ausgleich haben wir ihm sein schönes Rattankörbchen mit dicken gemütlichen Kissen besorgt, als wir die Couch bestellten. Sie wurde drei Wochen nach Julians Tod geliefert. Zuerst wollte ich sie auf direktem Weg wieder zurückgehen lassen, aber an dem Tag war meine Mutter bei mir, und ich hatte keine Kraft für Diskussionen. Also verschwand stattdessen die alte Couch und mit ihr ein Stück Erinnerung. Die neue ist für eine Person viel zu groß, man verliert sich richtiggehend darin. Für zwei Frauen plus Hund ist sie allerdings perfekt. Watson hat es sich zwischen Katharina und mir bequem gemacht. Der Bezug ist aus dickem, sehr robustem schokobraunen Leder. Seine Krallen können der Couch nichts anhaben. Und ich bin froh, dass ich nicht Abend für Abend allein darauf sitzen muss. Meinen festen Vorsatz, Watson habe darauf nichts verloren, habe ich noch am Abend der Anlieferung über Bord geworfen. Er seufzt zufrieden. Katharina krault ihn hinter den Ohren.

»Schön, dass du heute bei mir bleibst«, sage ich zu ihr.

Sie schiebt ihre langen Beine unter meine und lächelt mich an.

»Ich habe doch früher jedes Wochenende bei dir geschlafen. Und wenn es ganz schlimm war, auch unter der Woche. Du warst immer für mich da. Und deine Mutter auch. Das vergesse ich euch nie. Ich weiß nicht, was ich ohne euch gemacht hätte.« Sie seufzt. »Meine Mutter hat sich übrigens auch mal wieder bei mir gemeldet.«

»Echt? Wann?«

»Gestern Abend, ziemlich spät. Ich lag schon im Bett und hatte das Handy lautlos gestellt. Heute Morgen habe ich es dann gesehen. Sie hat mir eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen.« Katharina greift nach ihrem Telefon und stellt den Lautsprecher an. »Hör selbst.«

Nur wenige Augenblicke später ertönt die kratzige, unsicher klingende Stimme ihrer Mutter. Sie bittet Katharina darum, sich bei ihr zu melden. Es sei wichtig, sagt sie, und dass Katharina sich über die Neuigkeiten freuen würde, die sie ihr zu berichten habe.

»Hat sie ihn endlich rausgeworfen?«, frage ich.

Meine Freundin zuckt mit den Schultern. »Weiß nicht. Habe sie noch nicht angerufen. Und wenn … sie nimmt ihn ja doch wieder zurück, wenn er lange genug bettelt und beteuert, wie sehr er alles bereut.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Rufst du sie trotzdem an?«

»Kann ich im Moment noch nicht sagen.« Sie streckt sich. »Ehrlich gesagt, möchte ich mir darüber jetzt keine Gedanken machen. Lass uns lieber über etwas anderes reden.«

»Genau, über was Schönes. Weißt du was? Wir haben etwas, was sonst niemand hat, wir haben uns! Und für uns gibt es jetzt Nachtisch.« Ich greife nach dem Glas Holunderblütengelee, das auf dem Couchtisch steht, und drehe es auf. Klack – ich liebe das Geräusch, das der Deckel von sich gibt, wenn er beim Öffnen in seine ursprüngliche Form zurückspringt. Es ist das Zeichen dafür, dass beim Einkochen alles funktioniert hat – und dass ich die Erste bin, die den Löffel in das Gelee tauchen darf. »Der erste schmeckt immer am besten«, sage ich und halte ihn Katharina hin. »Den musst du pur genießen.«

»Hmmm …« Sie rollt genießerisch mit den Augen. »Schmeckt nach mehr.«

»Kein Problem.« Ich bestreiche zwei große Scheiben Ciabatta dick mit Frischkäse und verteile jeweils eine Portion Holunderblütengelee darauf. Dabei fällt mir der Eiswein wieder ein, den ich gestern auf der Suche nach Wodka gefunden und in den Kühlschrank gestellt habe. »Warte mal kurz, bin gleich zurück.«

»Passt gut zusammen. Süffig, extrem süß, aber lecker.« Katharina stellt ihren leeren Teller auf den Wohnzimmertisch. »Und jetzt eine Folge Anne auf Green Gables?« Sie zeigt auf die Hülle und grinst mich an. »Ich finde ja immer noch, dass sie dir ungemein ähnlich sieht.« Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen steht in idyllischer Landschaft vor einem weißen Landhaus und schaut gedankenverloren in den Himmel. Es ist die eigensinnige und erfindungsreiche Waise Anne Shirley. Ihr Haar ist rot, wie meins. Und genau wie ich mochte sie die Farbe gar nicht, als sie noch ein junges Mädchen war.

Ich wickle mich in eine Wolldecke und kuschele mich tief in die Couch. Noch einmal zwölf sein, denke ich. Damals war die Welt noch in Ordnung, zumindest für mich – und für das fröhliche rothaarige Mädchen, das vom Bildschirm aus gute Laune versprüht.

Wir haben die zweite DVD fast geschafft, als plötzlich mein Handy klingelt. Es ist gleich halb zehn. Es gibt eigentlich nur eine Person, die um diese Uhrzeit auf die Idee kommt, mich anzurufen – und die liegt mit mir auf der Couch.

»Unbekannte Nummer«, stelle ich mit einem schnellen Blick fest, »vielleicht Martins private.« Ich nehme das Gespräch an. »Nora Kluge.«

»Hallo, Nora, hier ist Henrik.«

»Henrik?« Mit Julians Bruder habe ich absolut nicht gerechnet. Er ist zwei Jahre jünger als Julian. Eigentlich haben wir uns immer sehr gut verstanden, aber in den letzten Monaten hatte ich auch zu ihm keinen Kontakt mehr. Mein Herz klopft etwas schneller, und mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich hatte versprochen, mich bei ihm zu melden, wenn es mir etwas bessergeht, um ihm ein paar Erinnerungsstücke an Julian zu geben.

»Ja, es tut mir leid, dass ich dich so spät noch anrufe. Es ist nur so … Ich bin noch bei meinen Eltern, fahre morgen aber ganz früh wieder zurück nach Hamburg. Und, na ja … ich würde dir gern noch etwas vorbeibringen. Ich weiß, das kommt ziemlich überraschend und ist sehr spontan, aber kann ich vielleicht kurz reinschauen?«

»Ja, klar.« Ich habe mich schnell wieder gefasst, aber mein Herz klopft immer noch etwas zu schnell. »Komm ruhig vorbei. Katharina ist auch hier.«

»Kat ist da? Sehr gut. Die habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen. In zehn Minuten bin ich bei euch. Ich fahre sofort los.«

»Ist gut, bis gleich.« Ich atme einmal tief durch und schaue Katharina an. »Henrik kommt. Er will mir irgendwas bringen.«

»Hab ich gehört. Und das ist okay für dich?«

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