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Noahs großer Wunsch ist es, ein Superheld zu sein. Aber wie soll das gelingen, wenn man vor ziemlich vielen Dingen ganz schönen Bammel hat? Da kann nur das Buch der (un)heimlichen Wünsche helfen - und vielleicht Wanda mit ihren verrückten Ideen. Dass die Wunscherfüllung einhergeht mit einem Dachboden voller Spinnen und einer halsbrecherischen Achterbahnfahrt, war allerdings nicht Teil des Plans ... Aber wunderbar turbulent wird es allemal!
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Sabrina J. Kirschner
Das Buch der (un)heimlichen Wünsche – Plötzlich Superheld
Mit Bildern von Vera Schmidt
***Dieses Buch macht Wünsche wahr!***
Noahs großer Wunsch ist es, ein Superheld zu sein. Aber wie soll das gelingen, wenn man vor ziemlich vielen Dingen ganz schönen Bammel hat? Da kann nur das Buch der (un)heimlichen Wünsche helfen - und vielleicht Wanda mit ihren verrückten Ideen. Dass die Wunscherfüllung einhergeht mit einem Dachboden voller Spinnen und einer halsbrecherischen Achterbahnfahrt, war allerdings nicht Teil des Plans ... Aber wunderbar turbulent wird es allemal!
***Wer dieses Buch bekommt, hat einen Wunsch frei. Egal, wie verrückt, niemals nie erfüllbar dieser ist! Die einzige Bedingung: Erst muss der Wunsch eines anderen Kindes erfüllt werden …***
Wohin soll es gehen?
Buch lesen
Personenvorstellung
Viten
Verborgen zwischen Holunderblüten beobachtete Wilmine die verdunkelte Limousine am Straßenrand.
Verschlafen lag die Sackgasse in der Morgendämmerung. Die Vögel erwachten und begannen zu zwitschern. Die Luft roch schwer nach Rosen und vertrocknetem Gras.
Ein Huhn pickte suchend durchs Gebüsch zu Wilmines Füßen. Ein anderes mit braun geschecktem Gefieder kuschelte sich in ihre grauen Strubbellocken.
„Zeit aufzuwachen, Genie! Jetzt gehts gleich rund. Ich hoffe, du hast den Plan noch abgespeichert?“
Die Henne auf ihrer Schulter schüttelte sich und gackerte zustimmend. Ohne die Limousine aus den Augen zu lassen, griff Wilmine in ihre Manteltasche, um eine kleine Lederkappe hervorzuholen. Eine Mini-Kamera war darauf befestigt. Lächelnd stülpte die alte Frau sie der Henne über. Dann betätigte sie einen versteckten Druckknopf an der glubschigen Brille, die sie selbst auf der Nase trug. „Showtime!“, wisperte sie aufgeregt.
Die Henne flatterte los, wuselte durchs Gebüsch und brachte die Holunderzweige ordentlich ins Schwingen.
Grinsend sah Wilmine, wie die Autotür langsam aufgedrückt wurde; erst kam ein schwarzer Regenschirm hervor, gefolgt von einem alten Herrn im Anzug. Auf den teuren Ledersohlen seiner Salonschleicher huschte er zum verborgenen Durchgang in der Hecke, wo Wilmine noch immer stand.
Kaum erreichte der Mann den Straßenrand, passierte es. Genie, die braun gescheckte Henne, flatterte ihm entgegen. Gackernd schoss sie an ihm vorbei.
„Aha! Wusste ich’s doch!“, grunzte der Mann und nahm die Verfolgung auf. Seinen schwarzen Regenschirm mit dem Silberknauf schwang er dabei wie ein Schwert vor sich her. „Ich erwische dich, du olles Federvieh! Und dann dein Frauchen! Wo du bist, kann die verrückte Wunderlich nicht weit sein.“ Die Henne flatterte die Straße entlang und auf das altehrwürdige Gebäude der Holunderwegschule zu. Dort schlug sie einen unerwarteten Haken und verschwand um die Hausecke.
Wilmine hastete los. Ab durch die Hecke und rund um das Gebäude. Allerdings von der anderen Seite, um dem Mann nicht über den Weg zu laufen.
Auf dem Monitor ihrer Brille, der mit der Kamera der Henne verbunden war, sah Wilmine, wie Genie über den Pausenhof wetzte. „Na warte! Gleich hab ich dich!“, schrie Stramm der Henne hinterher. Immer schneller ging es übers Schulgelände, erst um das Hauptgebäude herum, dann auf den Sportplatz. Hin und her, kreuz und quer, im Zickzack sauste der Alte hinter dem Huhn über den Fußballrasen.
Als er kurz innehielt, um Luft zu holen, nutzte Wilmine ihre Chance. Sie schlich zur Seitentür neben dem Sportplatz und schlüpfte blitzschnell in den Theatersaal.
Der Alte fluchte in die Kamera, als ihm dämmerte, dass die Henne ihn bloß in Trab gehalten hatte, um ihn abzulenken. „Verdammt! Du Mistvieh!“ Er tobte auf der Stelle, stieß seinen Regenschirm zornig in den veilchenblauen Morgenhimmel – dann rannte er Wilmine nach.
„Ojemine, besser, ich leg einen Zahn zu.“ Hektisch fischte sie in der extragroßen Innentasche ihres Hausmeistermantels und beförderte ein altes, verkratztes Lederbuch hervor. „So, mein alter Freund, da wären wir wieder.“ Mit dem Buch in den Händen eilte sie zum hinteren Bühnenaufgang. Bereits am Tag zuvor hatte sie alles vorbereitet. Im Fallenstellen war sie eine Meisterin! Vor allem wenn es um den alten Stramm ging. Er würde ihr Buch niemals in die Hände bekommen. Es gehörte den Kindern – denen, die es am dringendsten brauchten.
Behutsam legte sie den alten Schinken in eines der Requisiten-Regale hinter der Bühne. Zwischen Hüten, Federboas und anderem Krimskrams fiel es nicht im Geringsten auf.
Zufrieden strich Wilmine sich die Hände am Mantel ab. Genau in dem Moment wurde es laut vor der Bühne. Hastig warf sie einen Blick durch den Bühnenvorhang und dann durch ihre Spezialbrille. „Tja, gibts denn so was? Was für ein ungehobelter Kerl, na warte …“ Wilmine kicherte und machte sich bereit, während im Zuschauerraum Herr Stramm durch die Sitzreihen tobte. Dicht gefolgt von Genie, die wütend auf seinen Schuhkappen herumpickte.
„Pass nur auf, dass du heute Abend nicht in meiner Suppe landest“, wetterte der Alte.
Dann blieb er schlagartig stehen und lauschte. „Pst, Ruhe!“, herrschte er Genie an. Aber die verschwand gackernd hinter dem Vorhang, um kurz darauf neben der grinsenden Wilmine aufzutauchen. Gemeinsam beobachteten sie nun, wie Stramm auf den roten Vorhang zuschlich.
Ein Brett knarzte, erschrocken blieb er stehen.
Wilmine lief langsam rückwärts. Leider blieb sie dabei an einem Notenständer hängen. Es schepperte laut.
Der Alte hastete los, packte den Bühnenvorhang und suchte nach der Öffnung. Hektisch zog er den Stoff hin und her.
Aber Wilmine war vorbereitet. Schnell legte sie einen Klappschalter um und trat zur Seite.
Ein brummendes Geräusch setzte ein.
Endlich fand der Mann die Öffnung im Vorhang und hechtete hindurch.
Wilmine kicherte und löste das Seil, das einen Eimer an der Decke gehalten hatte.
Jetzt surrte er abwärts. Direkt auf Stramm zu.
Alarmiert warf der Alte den Kopf in den Nacken. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Eimer zurückruckte, über ihm hängen blieb und seinen Inhalt auf sein Gesicht ergoss. „Igitt!“, kreischte er, während sich das klebrig-zähe Gemisch über Mund, Nase und Augen verteilte. „Ist das etwa …?“ Er gurgelte und spuckte.
„Kleister!“, lachte Wilmine. „Jaja.“ Dann gab sie dem surrenden Ventilator neben sich einen leichten Schubs.
Ein Windstoß traf Herrn Stramm so unvermittelt, dass er einen Schritt rückwärts taumelte und gegen einen Teil des Bühnenbilds stieß. Hektisch versuchte er, sich den Kleister aus den Augen zu wischen.
Doch es war bereits zu spät. Wilmine schnappte sich einen zweiten Eimer und schüttete den Inhalt direkt vor den rotierenden Ventilator. Ein weiterer heftiger Luftzug warf Stramm zurück und unzählige braun gescheckte Federn wirbelten ihm ins Gesicht. „Hilfe!“, kreischte er empört.
„Mein lieber Herr Stramm, das hast du nun davon, dass du meine Hühner ärgerst!“, gurrte Wilmine über das brummende Geräusch hinweg. „Jetzt bist du erst mal gefedert und gerupft“, kicherte sie schadenfroh.
Herr Stramm brüllte wütend und tapste vorwärts – ohne etwas sehen zu können. Denn seine Augen waren mit Kleister und Federn verklebt! „Das wirst du bereuen!“, nuschelte er und spuckte Federn. „Ich bekomme das Buch, so oder so …“ Er stieß gegen den Ventilator, taumelte seitwärts und ging zu Boden.
Wilmine lachte noch mehr. „Ach ja, das werden wir ja sehen, mein lieber Stramm!“
Der Alte folgte ihrer Stimme, krabbelte vorwärts, tastete sich weiter am Bühnenbild entlang. Seine Hände trafen auf den untersten Regalboden des Requisitenlagers, woran er sich nach oben zog. „Dafür wirst du bezahlen, ich werde dir ein für alle Mal die Tour vermasseln, du wirst diese Schule nie wieder betreten, wirst …“ Das Regal gab unter seinem Gewicht nach.
Wilmine sog geschockt die Luft ein. „Oh nein, was hast du getan …?“
Panisch wischte sich Stramm noch einmal über die Augen. Jetzt konnte er etwas erkennen. Gerade rechtzeitig riss er die Hände in die Höhe. Schon stürzte das riesige, voll beladene Metallregal krachend auf ihn hernieder.
Schwungvoll öffnete Wanda die Tür zur Holunderwegschule und tänzelte durch den Flur. Sie warf ihre bunt gefärbten Haare über die Schulter und strahlte. Gerade so, als wäre sie die Sonne persönlich. Ihre Darbietung war tadellos, jeder, der sie sah, hielt sie für das glücklichste Mädchen der Welt. Selbst wenn sie es eigentlich nicht war …
Denn heute gab es kein Entkommen mehr. Entweder sie schaffte es oder sie würde ihren großen Traum für immer begraben können.
Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Die Show musste weitergehen!
Wanda vollführte eine perfekte Drehung um eine der fetten Steinsäulen im Flur herum und bog ab in Richtung Theatersaal. Unverhofft prallte sie mit einem blond gelockten Jungen zusammen.
„Oh nein!“, jaulte er und ruderte mit den Armen. Auch er war ein wenig zu schnell um die Ecke gesaust und ging nun schlitternd zu Boden. Dabei flog seine knallgelbe Schultasche gegen die Säule. Ihr kompletter Inhalt entleerte sich auf die Steinfliesen.
Sofort kniete sich Wanda hin, wobei sich ihr regenbogenfarbener Tüllrock aufbauschte. „Oh nein, das tut mir so megakrass leid. Warte, ich helfe dir schnell …“ Sie sammelte eine große Plastikfigur ein, die ein wenig aussah wie ein Warzenmonster. Dann eine Brotbox sowie einen Stapel Hefte und Comicbücher.
Der blonde Junge lief knallrot an. „Ähm, das musst du nicht … Das passiert mir ständig, ich bin so ein Schussel.“
„Bist du nicht! Ich bin einfach zu übermütig. Meine Mutter sagt immer, ich hätte was von einem überdrehten Welpen.“
Der Junge lachte und entspannte sich, während sie gemeinsam die Sachen zurück in seinen Schulrucksack stopften.
Eben wollte Wanda den Jungen nach seinem Namen fragen, als eine Stimme ihr aus dem Flur entgegenrief: „Wanda! Bist du gleich dran?“ Sie wirbelte herum. „Hi, Isa!“, quiekte Wanda nervös. Vor ihr stand ein hochgewachsenes Mädchen mit unzähligen Sommersprossen und einer hübschen Stupsnase. Sie hieß Isabella, aber ihre Freunde nannten sie Isa. Leider waren sie und Wanda keine Freundinnen. Eher das Gegenteil. Isabella war Wandas größte Konkurrenz. Gleich würde sich entscheiden, ob Wanda auch nur den Hauch einer Chance gegen sie hatte.
Ihr Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. „Ja, ich bin gleich dran …“ Prompt versagte ihre Stimme den Dienst.
Der blonde Junge sah unbehaglich von einer zur anderen. „Ähm, okay, Mädels, ich muss dann mal in den Unterricht“, sagte er hastig. „Und äh … danke fürs Helfen!“
Wanda räusperte sich und zwang sich, den Blick von Isabella zu lösen. „Klaro, machs gut“, winkte sie dem Jungen zu.
Doch ihre Aufregung war kaum mehr niederzukämpfen. Isabella brachte sie total aus dem Konzept.
„Die Show muss weitergehen …“, wisperte Wanda und versuchte zu lächeln.
„Was bitte?“, fragte Isabella.
„Ähm, Selbstgespräche …“, keuchte Wanda und schob sich an ihr vorbei. Sie musste weg hier, weg in den Theatersaal. Und zwar ruckzuck, bevor sie die Nerven komplett verlor.
Isa seufzte. „Mach dir nicht zu viele Hoffnungen, Kleines! Schließlich ist es dein erstes Jahr in der Theater-AG. Sei froh, dass du überhaupt schon für die Hauptrolle vorsprechen darfst.“
Wanda blieb stehen. Sie schluckte. So lange fieberte sie diesem Moment bereits entgegen! Mit aller Kraft kämpfte sie die aufsteigende Übelkeit nieder und setzte ihr Lächeln wieder auf. „Wir werden sehen!“ Eben wollte sie weiterlaufen, als sich ein Arm von hinten um Wandas Schulter legte. „Hey, Nachbarin, wie gehts dir heute, an diesem großartigen Tag?!“, posaunte Valentin. „Dem Tag, an dem ein neuer Stern am Schauspiel-Himmel erstrahlt!“
Wanda kicherte und der fette Knoten in ihrem Magen entkrampfte sich ein wenig. So etwas konnte sich nur Wandas bester Kumpel ausdenken. Valentin oder kurz: Val. Bruder ihrer Wahl und Nachbar im selben Haus – nur eine Etage tiefer wohnte er mit seiner Familie. Sie waren Freunde, seit sie im Sandkasten sitzen konnten.
Klar wusste Valentin, wie nervös sie tatsächlich war – er durchschaute sie. Immer. Aber er tat auch wie immer sein Bestes, um sie aufzumuntern.
Also tat Wanda ihr Bestes, um ihm vorzuspielen, das alles in Ordnung wäre. „Was dü nisch sagst!“, säuselte Wanda mit verstellter Stimme und französischem Akzent. Sie legte sich den Handrücken an die Stirn. „Erscht abe isch verschlafen unde dann ischt mir wieder eingefallen, warum isch vergessen abe, den Wecker zu estellen.“ Valentin lachte.
„Das kannst du wirklich sensationell!“, lobte er. „Wenn die Probe genauso glatt läuft …“
„Mon Dieu, natürlisch wirds très bien laufen!“, witzelte sie weiter.
„Das ist die richtige Einstellung!“, rief Valentin so laut durch den Schulflur, dass es alle Kinder mitbekamen. „Wanda wird heute die Hauptrolle abstauben, heute wird Geschichte geschrieben! Die erste Viertklässlerin in der begehrten Rolle der Arielle!“
Prompt sah sich der komplette Flur nach ihr um, ein paar feixten, andere tuschelten und guckten neugierig. Isabella hatte sich zu einer Gruppe älterer Mädchen gesellt und lachte hämisch. Wanda wurde rot, ihre Fingerspitzen prickelten, wie immer, wenn zu viele Blicke auf ihr ruhten. Schnell sah sie weg.
„Den passenden Fanclub hast du auch schon …“, kommentierte Val und grinste schief. Dann schob er Wanda Richtung Theatersaal.
Mit Schmetterlingsflattern im Bauch nahm Wanda wahr, wie ein paar andere Kinder ihr folgten. Isabella war natürlich dabei. Schließlich war gerade Mittagspause und die meisten wollten sich den Kampf um die diesjährige Hauptrolle kaum entgehen lassen.
Durch ein Paar mächtiger Flügeltüren betraten Wanda und Val den Saal. Ehrfürchtig durchquerten sie die langen Sitzreihen.
Der Theatersaal der Holunderwegschule war wirklich riesig. Und ein echtes Schmuckstück! Darum war es auch kein Wunder, dass die Theater-AG der Schule über die Grenzen der Stadt bekannt war.
Mit klopfendem Herzen blieb Wanda vor der Bühne stehen, während sich Isa total lässig auf einen der freien Sitze in der ersten Reihe fallen ließ. Val verschwand seitlich hinter dem Vorhang. Wandas Kopf dröhnte viel zu sehr, als dass sie sich darüber gewundert hätte.
„Viel Glück! Du schaffst das“, hörte sie ihren besten Freund noch neben sich wispern, dann war sie auch schon dran.
„Also dann! Wanda, Liebes, du bist die Nächste. Bühne frei!“, schepperte es von hinten aus den Lautsprechern.
Ein letztes Mal holte Wanda tief Luft, endlich betrat sie über eine kleine Treppe die Bühne.
Die Schmetterlinge in ihrem Bauch mauserten sich langsam zu einem regelrechten Schwarm!
Egal wie oft sie hier am Wochenende schon heimlich gestanden hatte, um sich genau auf diesen Moment vorzubereiten – die Aufregung überrollte sie wie ein Tsunami.
Keuchend blinzelte Wanda hinab in den Zuschauerraum.
Vergebens. Es war so hell, dass sie absolut nichts erkennen konnte. Vielleicht ein Segen. Isabellas hämisches Grinsen verfolgte sie selbst in ihren schlaflosen Nächten.
„Welche Szene willst du uns denn vorführen, Liebes?!“ Die körperlose Stimme aus den Lautsprechern schwebte zu Wanda herüber. Auf einmal war ihr die Hitze der Scheinwerfer ringsum zu viel. Sie schwitzte unfassbar und gleichzeitig fühlten sich ihre Füße an wie Eisklötze. Panisch sah sie zu ihnen hinab. Nein, alles gut. Sie steckten noch immer in Glitzerturnschuhen und Ringelstrümpfen. Also eigentlich kein Grund zur Sorge.
Eigentlich.
Wandas Gedanken rasten, genau wie ihr Herzschlag. Nichts würde passieren! Alles war super! Megakrass cool. Lässig. Versuchte sie, sich zu beruhigen.
„Wanda?“ In echt war die Stimme überhaupt nicht körperlos. Nein. Im Gegenteil! Die Leiterin der Theater-AG, Frau Tamara Dreh, war sogar ziemlich raumfüllend. Selbst im riesigen Theatersaal der Holunderwegschule wirkte die hochgewachsene Frau alles andere als verloren. Aber vielleicht war es weniger ihre Körpergröße als vielmehr ihr Auftreten, überlegte Wanda. Frau Dreh hatte ganz klar null Probleme, im Mittelpunkt zu stehen.
„Wanda, Liebes, geht es dir gut? Du wirkst auf einmal so blass.“
Leises Kichern folgte.
Wanda hörte es kaum. Sie stand noch immer auf der Bühne und bewegte sich nicht. Brachte keinen Ton heraus. Hier stand sie schon eine ganze Weile. Warum sie hier stand, wusste sie gar nicht mehr. Vor lauter Aufregung hatte sie es vergessen. Ihre Hände waren klatschnass und ihr Herz hämmerte mittlerweile so schnell, dass es sich bestimmt gleich überschlagen würde. Oder einfach aus Wandas Brust herausspringen. Dann würde es dort zu Füßen der Zuschauer auf der Bühne liegen, im gleißenden Licht.
„Los, Wanda, du kannst das, ich weiß, dass du es kannst!“, zischte Val auf einmal hinter dem Bühnenvorhang hervor. Val. Ach ja, er war ja auch hier.
Auf einmal fiel ihr auch wieder ein, warum sie hier stand, auf dieser Bühne, in diesem Theatersaal voller Schüler und Schülerinnen.
Isabella, sie, die Hauptrolle.
Valentin hatte sie zu diesem Vorsprechen geschleppt. Weil Val an sie glaubte. Er glaubte, dass Wanda ein riesiges, unerkanntes Talent sei. Wanda war sich da nicht so sicher. Vor allem jetzt nicht, in diesem todpeinlichen Moment.
Das Kichern ringsum wurde lauter.
Ihre Knie begannen unkontrolliert zu schlackern.
„Sollen wir vielleicht ein bisschen Musik spielen, damit du leichter reinkommst, Liebes? Die richtige Stimmung wirkt oftmals Wunder!“, trällerte Tamara Dreh durch den Lautsprecher.
„Wanda! Hey! Wunder-Wanda! Du kannst das, du bist eine echt wahnsinnstolle … wahhh … hoppala …“
Etwas ratschte laut hinter Wanda!
„… Oh … verdammter Mist … ahhhh!“ Das reißende Geräusch wurde jäh von einem dumpfen Schlag beendet. „Autsch!“, keuchte Val.
Das klang nach einer von seinen typischen Val-Aktionen. Gern zog Wanda ihn auf, weil er sie oftmals an einen verrückten Professor erinnerte. Niemand war so clever und gleichzeitig so verplant wie Val!
Plötzlich erfüllte lautes Lachen den Saal.
Zu gerne hätte Wanda nachgesehen, was da hinter ihr mit Val gerade abging, aber sie konnte sich noch immer nicht bewegen. Jetzt erst recht nicht mehr. Jetzt, da alle lachten. Jemand schaltete das Bühnenlicht um und schlagartig kam der gesamte Saal vor ihr in Sicht.
Wanda blinzelte. Frau Dreh stand geschockt hinter der Scheibe des Technikraums. In den Sitzreihen davor saß die gesamte Theater-AG und an den großen Flügeltüren zum Hauptgebäude drängten sich ziemlich viele schaulustige Schulkinder. „Hey, schaut euch das an, Leute!“, rief ein kleiner Junge mit dunklem Haar.
Immer mehr Kinder lachten überdreht und deuteten zu Wanda. Sie bekam keine Luft und strauchelte ein wenig. Hektisch zerrte sie an ihrem Lieblingsschal, der ihr Glück bringen sollte, jetzt aber die Kehle zuschnürte. Oh no. Gleich würde es passierten. Sie würde … Vor ihren Augen tanzten die ersten Sterne. Noch mehr Kinder kamen in den Saal und zeigten mit den Fingern auf Wanda.
Eben begann sich die Bühne unter ihren Füßen zu drehen, als ein Arm sie von hinten packte.
„Okay, danke für die – äh – Vorführung, wir müssen dann mal weiter!“, rief Valentin laut. Bevor Wanda mit dem Gesicht voraus auf die Bühnenbretter knallen konnte, riss er sie zurück. „Komm schon!“, zischte Val. Wanda stolperte hinter ihrem Kumpel her.
Während sie rannten, stürzte die Welt wie im Zeitraffer auf Wanda ein: lautes Kinderlachen, verärgertes Rufen, das Getrappel unzähliger Füße.
„Das wars dann wohl für heute mit der Probe“, dröhnte die Lautsprecherstimme von Frau Dreh. „Ab in die Pause, ich muss erst einmal die Hausmeisterin holen.“
Dann war Wanda von der Bühne.
Schlagartig konnte sie wieder atmen. Hastig sog sie die Luft in ihre Lungen. „Totalversagen!“, würgte sie hervor. „Ich bin so eine Oberniete! Nicht mal improvisieren konnte ich, nichts. Ich hätte einfach irgendetwas vorführen können, mir spontan was überlegen, irgendwas sagen, aber – nichts. Nichts. Nichts. Nichts.“ Endlich konnte Wanda auch wieder klar denken und vor allem sprechen! „Es war einfach eine megatotalüberkrasse Schnapsidee, Val, ich hab doch gesagt, ich kann das nicht!“, brach es wasserfallartig aus ihr heraus. „Ich konnte keinen Piep rausbringen und sicherlich war mein Kopf megarot und ich dachte, ich sterbe, und überhaupt, jetzt werden mich alle für einen krassen Volltrottel halten oder eine Trottelin?! Na ja, egal, du weißt, was ich meine! Ich hätte Isa die Rolle auch auf dem Silbertablett servieren können …“
„Wanda?“
„Ja?“
„Mach mal einen Punkt!“ Val blieb stehen und schaute ihr tief in die graugrünen Augen. Plötzlich musste Wanda grinsen. „Das war mal wieder ein Satz mit X. Vollpleite!“
Val seufzte und strich sich durch die krausen Haare. „Vollpleite hat kein X und ist auch kein Satz. Aber schön, dass du dein Lachen nicht verloren hast.“
Wandas Grinsen wurde breiter.
„Und mach dir mal keine Sorgen, sie werden sich so oder so nicht daran erinnern“, ergänzte Val.
„Werden sie nicht?“
„Nein.“
„Warum?“
Val drehte Wanda um. Jetzt sah sie zurück auf die Bühne oder vielmehr auf das Bühnenbild. Dort bot sich ein Anblick der Verwüstung. Der Bühnenvorhang lag zerknüllt auf dem Boden. Das Regal mit dem Theaterfundus war umgestürzt! Und zwar durch das Bühnenbild hindurch, wo es nun feststeckte. Das Ganze wirkte reichlich schräg, denn die Szene zeigte einen riesigen Hai, in dessen weit aufgerissenem Maul das Regal steckte. Darum verteilt waren Hunderte von kleinen hellbraunen Federn. In einer seltsamen Schleifspur zogen sie sich vom zerstörten Regal bis hinüber zur Hintertür des Theaters.
Wanda kicherte, erleichtert, dass das allgemeine Gelächter nicht ihr gegolten hatte. „Wie abgedreht! Was ist denn da passiert? Hat der Hai ein Huhn gerupft?“
Das Gleiche fragte sich anscheinend auch die Meute an schaulustigen Schülern, die das Spektakel begutachtete.
Val guckte betreten auf seine Füße, die wie immer in seinen knallbunten Lieblingsturnschuhen steckten.
„Sag mir jetzt nicht, du hast dein eigens gebautes Bühnenbild gerade zerstört, um mich zu retten?“ Sie verschränkte die Arme.
„Das wäre ja cool, aber nein, ich war hinter dem Vorhang, um dich … äh, anzufeuern. Dann wollte ich ihn nach vorne ziehen, um dich dahinter zu verstecken, aber stattdessen hab ich das Ding irgendwie heruntergerissen … Ich glaube, es war schon defekt … entschuldige.“
Wanda runzelte die Stirn. „Aha, und wer war dann das mit dem Regal?“
Vals dunkle Augen strahlten. „Ich war es jedenfalls nicht!“
Wanda packte Valentins Hand. „Na schön! Ich will aber trotzdem mal schauen, was da passiert ist. Wenn das jemand mit Absicht gemacht hat, kriegt der’s mit mir zu tun!“
Val grinste schief und zuckte die Achseln. „Nicht so wichtig, morgen repariere ich es. Ein paar neue Bretter von hinten, ein wenig …“
„Oh doch! Keine Widerrede!“
„Na schön …“
Auf leisen Sohlen und im Schutze verschiedener beweglicher Bühnenteile schlichen die Freunde zur hinteren Wand. Dort herrschte noch mehr Chaos! Alles, was sich zuvor in dem riesigen Regal befunden hatte, lag verstreut am Boden. Taschen, Hüte, Tassen, Teller, ein altes Telefon, eine grasgrüne Stehlampe, ein ausgestopfter Kauz, ein verbeultes Fahrrad und eine fluffige Daunendecke.
Wanda stiefelte begeistert hindurch. „Wow, sieht das nicht unfassbar cool aus?“, fragte sie Val und hielt ihm ein flauschiges Bärenkostüm hin.
Ende der Leseprobe
