Das Buch des Phönix - Nnedi Okorafor - E-Book

Das Buch des Phönix E-Book

Nnedi Okorafor

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Beschreibung

Man hat sie vieles genannt – ein Forschungsobjekt, ein Ding, eine Abscheulichkeit. Sie selbst nennt sich Phoenix und ist ein genetisches Experiment. Mit nicht mehr als zwei Lebensjahren verfügt Phoenix über den Körper und den Verstand einer Erwachsenen – und über Kräfte jenseits aller Vorstellungskraft. Eines Tages jedoch beschließt sie, nach Antworten zu suchen und bricht aus dem mysteriösen Turm 7, ihrem Zuhause, aus, um zu erkennen, dass dieser keine Zuflucht war, sondern ein Gefängnis.

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DAS BUCH DES

PHÖNIX

Nnedi Okorafor

Ins Deutsche übertragen vonClaudia Kern

Ebenfalls bei Cross Cult:LAGUNEWER FÜRCHTET DEN TODBINTI (2018)von Nnedi Okorafor

Die deutsche Ausgabe von DAS BUCH DES PHÖNIXwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;Lektorat: Kerstin Feuersänger; Korrektorat: André Piotrowski;Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Umschlag-Artwork: Greg Ruth.Print-Ausgabe gedruckt von CPI Books GmbH , Leck.Printed in the Germany

Titel der Originalausgabe:

THE BOOK OF PHOENIX

Copyright © Nnedi Okorafor 2015. All rights reserved.

German translation copyright © 2017, by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-493-5 (Oktober 2017)

E-Book ISBN 978-3-95981-494-2 (Oktober 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für die entführten Mädchen aus Chibok, Nigeria. Möget ihr mit dem Herzen einer Phönix Okore erwachen und mögen eure mächtigen Flammen euch den Weg erhellen, der euch schnell nach Hause bringt.

»Reise durch den Tod ins Leben an diesen Gestaden.«

– Robert Hayden, Dichter (Mittlere Passage)

Inhalt

Prolog GEFUNDEN

Kapitel 1 EXEMPLAR

Kapitel 2 LEUCHTTURM

Kapitel 3 KLICK

Kapitel 4 WELTALL

Kapitel 5 SENSENMANN

Kapitel 6 ROTE ROTAUGEN

Kapitel 7 KABUMM!

Kapitel 8 KEIN KAMPF, KEINE FLUCHT

Kapitel 9 SCHURKIN

Kapitel 10 WAZOBIA

Kapitel 11 RÜCKKEHR

Kapitel 12 SAAT

Kapitel 13 TERRORISTEN

Kapitel 14 FLIEGEN

Kapitel 15 KREUZFAHRTSCHIFF

Kapitel 16 IN DER SCHWEBE

Kapitel 17 SANDBURG AM STRAND

Kapitel 18 DEUS EX MACHINA

Kapitel 19 A LUTA CONTINUA

Kapitel 20 LEER

Kapitel 21 ABGESCHLOSSENES UNIVERSUM

Kapitel 22 SUNUTEEL

Kapitel 23 NACKT

Kapitel 24 WER FÜRCHTET DEN SENSENMANN?

Kapitel 25 SAEED

Kapitel 26 SO WAR DIE FRAU!

Epilog SOLA SPRICHT

Danksagungen

Prolog

GEFUNDEN

Niemand weiß so recht, wer das Große Buch geschrieben hat.

Oh, die Gläubigen haben immer Antworten, mit denen sie das Unerklärliche erklären können. Einige von ihnen behaupten gerne, die Göttin Ani habe das Große Buch geschrieben und dafür gesorgt, dass zehn Männer und Frauen, die Geschichten liebten, gleichzeitig Ausgaben davon fanden. Einige sagen, dass eine einzige Frau mit zehn Kindern Anis Worte über zehn Jahre hinweg transkribiert habe. Andere sagen, irgendein stumpfsinniger Bauer, der weder lesen noch schreiben konnte, habe Anis Segen bekommen und es daraufhin in einer Nacht niedergeschrieben. Die meisten glauben, dass es sich bei dem Autor des Großen Buchs um einen verrückten, aber heiligen, immerzu heiligen Propheten handele, der sich in einer Höhle versteckt hatte.

Ich kann dir sagen, dass, zweihundert Jahre nachdem alles schiefgegangen war, ein alter Mann namens Sunuteel sich in der Wüste aufhielt. Er gehörte zu denen, die gerne wochenlang dort draußen waren, weil sie der Sonne, dem Sand und den Wüstentieren nahe sein wollten. Wenn er Zeit ohne seine Frau verbrachte, war die gemeinsame Zeit umso schöner. Sunuteel und seine Frau waren sich da einig. Sie waren alt. Sie waren weise.

»Geh ruhig.« Seine Frau lächelte. Sie ergriff seine alte, raue Hand mit ihrer ebenso rauen, alten Hand. Sie war eine schöne Frau und Sunuteel fiel es leicht, ihr in die Augen zu sehen. »Es ist gut so«, sagte sie. »Ich brauche die Ruhe.«

Es hatte einen besonders schweren Ungwa-Sturm gegeben, und das alte Nomadenpaar hatte die trockene Nacht voller Blitz und Donner nur knapp überlebt. Ein Blitz war in der Nähe ihres stabilen Zeltes eingeschlagen und hatte dabei eine der drei verdorrten Palmen, neben denen sie lagerten, in Brand gesetzt. Seine Frau hatte einen Blick aus dem Zelt geworfen, als es geschehen war. Zum Glück hatte sie genau im richtigen Moment geblinzelt. Sie sagte, der Baum hätte ausgesehen wie eine Frau, die im Feuer tanzt. Als Sunuteel sie in die Mitte des Zeltes gezerrt hatte, wo sie sich aneinandergeklammert und gebetet hatten, hatte sie die Anwesenheit von etwas gefühlt. Sie war sich sicher gewesen, dass es sich um ein Omen handelte.

Der alte Mann war an den Aberglauben seiner Frau und ihre seltsamen Eingebungen gewöhnt. Daher wusste er, dass seine Frau nun allein sein wollte, um nachzudenken, zu brüten und sich Sorgen zu machen. Als der Sturm vorübergezogen war und sie ihn sanft bat, ein paar Tage lang die Wüste zu erkunden, widersprach er nicht. Er nahm das zusammengerollte Ziegenlederzelt und den Rucksack mit Vorräten, den sie ihm reichte, und küsste sie auf die Wange. Er verabschiedete sich nicht, denn bei seinem Stamm galten Abschiedsworte als Fluch.

»Ich lasse meinen chi zurück, damit er dir Gesellschaft leistet«, sagte er. Wenn er unterwegs war, bereitete sie jeden Abend außer ihrer eigenen Mahlzeit noch eine kleine für seinen persönlichen Gott zu. Sunuteel hängte sich sein Tragbares an die Hüfte, sodass es in seiner Tasche steckte. Nach einem letzten, viel längeren Kuss verließ er seine Frau. Glaubte sie, ein Engel würde zu Besuch kommen? Die Familie seiner Frau stammte aus dem islamischen Teil von Alt-Naija. Sie sagte, ihr Vater habe ihr alle möglichen Geschichten über Engel und Djinn erzählt. Sie hatte diese magischen Geschichten an ihre eigenen Kinder weitergereicht.

Minuten nachdem er das Zelt verlassen hatte, nahm Sunuteel sein Tragbares, rief den virtuellen Bildschirm auf und tippte: »Hussaina, grüß sie von mir, wenn du sie siehst, ob sie nun ein Engel oder ein Djinni ist.« Einen kurzen Moment später erschien die Antwort seiner Frau Hussaina auf dem Bildschirm. Sie sagte, was sie immer sagte, wenn Sunuteel in die Wüste aufbrach. »Und du bringst mir bitte eine gute Geschichte mit.«

Zwei Tage später fand Sunuteel eine Höhle voller Computer. Ein Mausoleum uralter Technologie aus den Schwarzen Tagen, der Zeit des Dunklen Volks, der Ära der Okeke. Dies war eine der Höhlen, in der die Okeke voller Panik Tausende Computer versteckt hatten, kurz bevor Ani ihre Aufmerksamkeit wieder der Erde zugewandt hatte. In diesen Computern hatte man angeblich gewaltige Informationsmengen jenseits von digitalen Depots namens virtuelle Räume gelagert. Gebracht hatte das nichts; ob virtuell oder real, alles war tot, vergessen, verrottet.

»Was sehe ich da?«, flüsterte er. »Kann das sein?«

Er presste seine zitternde Hand auf seine Brust und spürte den kräftigen Schlag seines kräftigen Herzens. An diesem Ort fühlte er sich nicht alt. Nein, gar nicht alt. Er fühlte sich hier so jung wie ein Baby. Sunuteel war ein Okeke und damit ein Nachfahre des Bösen, das die Göttin Ani dazu veranlasst hatte, die Wüsten zu bringen. Er wusste von den giftigen Schwarzen Tagen und ihren noch giftigeren genialen Geräten. Aber er hatte diese uralten Computer auch immer einmal mit eigenen Augen sehen wollen.

Also ging er hinein.

Die Höhle war kühl und roch nach Staub, Mineralöl, Plastik, Drähten und Metall. Es gab hier Geister, und Sunuteel erschauerte beim Gedanken an sie. Trotzdem näherte er sich den alten Maschinen. Das war eine Geschichte für seine Frau. Der dritte Computer, den er berührte, erwachte zum Leben. Verängstigt riss er seine Hand von dem »Ein«-Schalter, den er versehentlich gestreift hatte, weg und stolperte zurück. Die graue, handgroße Schachtel summte. Dann sprach sie mit dem Tragbaren, das an einem kleinen Haken in der Tasche seiner staubigen Hose hing. Das Tragbare machte leise Ping, als es drahtlos eine große Datei von dem Computer empfing. Sunuteel blinzelte und floh aus der Höhle. Er war sich sicher, dass er von einem Geist berührt worden war.

Erst als er sein kleines Ziegenlederzelt erreichte, das er neben einem Baobab aufgeschlagen hatte, wagte er es, einen Blick auf sein Tragbares zu werfen. Er legte das münzgroße Gerät auf seine Handfläche und brachte sie an sein Gesicht heran, da er nicht gut sah. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er den winzigen Bildschirm. Neben der Datei, die Nachrichten von seiner Frau enthielt, entdeckte er ein schwarzes Icon, das wie ein Vogel aussah, der über seine Schulter blickt. Er berührte es mit der Fingerspitze, und eine tiefe Männerstimme fing an zu reden … auf Englisch!

Das war eine Audiodatei. Sunuteel lehnte sich in seinem Zelt zurück und grinste vor Begeisterung. Meine Güte, dachte er. Wie seltsam. Und was für ein Zufall! Er kannte diese tote Sprache, auch wenn sie mit einem wirklich sehr merkwürdigen Akzent gesprochen wurde. Er aktivierte den virtuellen Bildschirm. Die Worte, die dort auftauchten, während die Audiodatei lief, waren rot und nicht wie sonst grün. Er legte das Tragbare vor sich auf die Decke. Dann sah er zu und lauschte.

Die Stimme las ein Inhaltsverzeichnis vor, während digital Worte auf den virtuellen Bildschirm vor ihm projiziert wurden.

»Teil eins, Mythologie. Teil zwei, Legende. Teil drei, Mechanik. Teil vier, Nachrichten …«

Er runzelte die Stirn, als die Stimme immer weiterlas. Nach einer Weile beschloss er, auf »Teil achtunddreißig, Erinnerungsextrakte« zu klicken, weil ihm der Begriff vage aus seiner Kindheit bekannt vorkam. In der Schule hatte die Lehrerin ihnen von den dunklen Zeiten vor Hunderten Jahren erzählt, als die Menschen besessen versucht hatten, unsterblich zu werden. Sie hatten sogar eine Möglichkeit gefunden, Erinnerungen direkt aus dem Bewusstsein von Menschen zu ziehen, um sie bis in alle Ewigkeit aufzubewahren. »So wie eine Sammelstation Feuchtigkeit aus der Luft zieht und daraus Trinkwasser macht«, hatte seine Lehrerin gesagt.

Sunuteel war fasziniert von dem unglaublichen technischen Fortschritt gewesen, den die Menschen erlangt hatten, und insgeheim auch stolz darauf. Doch seine Lehrerin hatte ihn von weiteren Nachforschungen abgehalten. »Sunuteel«, sagte sie. »Das hat Anis Zorn über uns gebracht.«

Und so wandte sich der junge Sunuteel von der Vergangenheit ab und konzentrierte sich größtenteils auf die Zukunft. Er liebte Sprache, Worte und Geschichten. Er wurde schließlich in seinem Dorf zu einem sehr respektierten Aufzeichner und Rezitator. Er konnte die schönsten Gedichte fehlerlos in fünf verschiedenen Okeke-Dialekten zitieren, aber auch in der Sprache und mit den verschiedenen Dialekten der majestätischen und mächtigen Nuru und in der Gemeinsprache der Sipo. Noch unglaublicher war allerdings, dass es einem der geschätzten Dorfältesten gelang, ihm auch Englisch beizubringen.

Soweit Sunuteel wusste, war dieser alte Mann, den man in Sunuteels Dorf nur Die Saat nannte, der einzige Mensch, der diese Sprache kannte. Die Saat war auch die einzig hellhäutige Person in seinem Dorf, die kein Albino war. Dieser Mann verweigerte die Bezeichnung Nuru und bestand darauf, ein »Araber« zu sein. Dieser Begriff hatte sich schon vor langer Zeit von einer ethnischen Beschreibung der Nuru in eine Beleidigung verwandelt. Die Saat zog es vor, bei den Okeke zu leben, dem dunkelhäutigen, wollhaarigen Volk. Er hatte sein Haus vor einer der Pyramiden errichtet, weil sie ihn an zu Hause erinnerten. Als Sunuteel ein Teenager war, sah die Saat nicht älter als fünfzig aus, aber Sunuteels Mutter sagte, er sei viel älter.

»Er sah schon so aus, als ich ein kleines Mädchen war«, hatte sie ihm gesagt. Sie hatte recht. Sunuteel war mittlerweile sehr, sehr alt und Die Saat sah immer noch wie fünfzig aus. Sunuteel gehörte zu einem Volk, das verstand, dass die Welt voller Rätsel war. Deshalb störte es niemanden, dass ein anscheinend unsterblicher Mann bei ihnen lebte. Die Saat beherrschte die englische Sprache unglaublich gut, und obwohl er manchmal launisch und verschlossen sein konnte, erwies er sich als wundervoller Lehrer.

Schließlich las Sunuteel die einzigen beiden englischen Texte, die es in der gesamten Region gab. Beide befanden sich im Besitz der Saat. Bei einem handelte es sich um ein Anthropologiebuch namens Viruserkrankungen auf den Marskolonien, das andere handelte von vulkanischen Steinsedimenten. Die Themen waren zwar trocken, aber Sunuteel liebte den Rhythmus der englischen Sprache. Da die Worte ineinander übergingen, schien die Sprache zu fließen.

»Erinnerungsextrakte«, verkündete die Stimme auf Englisch. Doch dann sagte sie eine weitere Liste auf und jeder Punkt war in einer anderen Sprache. Sunuteel verstand keine davon. Er hörte eine Weile frustriert zu und wollte schon zurück ins Hauptmenü springen, als die männliche Stimme deutlich auf Englisch sagte: »Extrakt Nummer fünf, Das Buch des Phönix.«

Er klickte darauf.

Zuerst gab es eine lange Pause und das Vogelicon tauchte auf dem Bildschirm auf. Es drehte sich entgegen dem Uhrzeigersinn. Er zählte dreizehn Drehungen, und als es weitermachte, sah er zum Himmel hinauf. Blau. Klar. Ein großer falkenartiger Vogel flog hoch über ihm am Himmel entlang und sah ihn dank seiner guten Augen gestochen klar. In zwei Tagen werde ich zu Hussaina zurückkehren, dachte er. Die Zeit allein muss ihr reichen, um über Omen und Engel nachzudenken. Er lächelte in sich hinein. Sie würde ihm aufgeregt scharfes Doro Wat zubereiten, wenn er ihr sagte, dass er »eine große, große Geschichte« für sie habe. Sie liebte gute Geschichten, und gute Geschichten erzählte man am besten mit vollem Bauch.

»Erinnerungsextrakt Nummer fünf«, verkündete die Männerstimme auf einmal, was Sunuteel zusammenzucken ließ. »Titel: Das Buch des Phönix. Lokationsnummer 578.«

Und dann begann eine Frauenstimme, hektisch zu reden. Ihre leisen, gehauchten Worte waren wie eine mächtige Beschwörung, denn während sie redete, verbesserten sich die Augen des alten Mannes, die mit jedem Jahr schlechter geworden waren, deutlich. Seine Welt wurde heller. Seine Frau hätte verstanden, was geschah. Sunuteel war für solche Dinge jedoch weniger empfänglich.

Trotzdem bemerkte er, als er in seinem Zelt saß und durch die roten virtuellen Worte vor ihm und die offene Zeltklappe direkt dahinter in die Wüste blickte, dass er meilenweit sehen konnte. Schweiß trat ihm auf die Stirn und sammelte sich zwischen den rauen Haaren in seinen Achselhöhlen. Er lauschte. Und so wurde der erste Mensch, der eine der vielen Geschichten im Großen Buch hörte, von ihr in seinen Bann gezogen.

»Dies ist kein Buch über mich«, sagte die Stimme, »zumindest noch nicht. Das ist egal. Ich werde es selbst erschaffen; es ist besser so. Ich werde die alten afrikanischen Werkzeuge der Erzählkunst bei meiner Geschichte verwenden. Gesprochene Worte. Ich vertraue ihnen mehr und sie werden länger Bestand haben. Und in schattigen Zeiten reicht das gesprochene Wort weiter als das getippte, erdachte oder geschriebene. Meine Anfänge lagen im Dunkeln. Wir alle hausten im Dunkeln, wahnsinnige Wissenschaftler und Exemplare. Ein guter Freund von mir würde sagen, dass zu dieser Zeit ›die Göttin Ani noch schlief‹. Ich nenne meine Geschichte Das Buch des Phönix. Es ist glaubwürdig und kurz, denn es wurde beschleunigt …«

Kapitel 1

EXEMPLAR

Ich kannte keinen anderen Ort. Der 28. Stock von Turm 7 war mein Zuhause. Gestern erkannte ich, dass er auch mein Gefängnis war. Das hätte ich eigentlich ahnen sollen. Der zweihundert Jahre alte Marmor-Wolkenkratzer hatte viele dunkle Seiten, und ich kannte die meisten. Es gab neununddreißig Stockwerke, und auf fast jedem lebte eine Abscheulichkeit. Ich war eine Abscheulichkeit. Ich hatte viele Bücher gelesen und das war mir klar. Trotzdem war dieses Gebäude immer noch mein Zuhause.

Zuhause, ein. Der Ort, an dem man wohnt. Ja, das war mein Zuhause.

Sie gaben mir so viele 3-D-Filme, wie ich sehen wollte, aber mich interessierten die unzähligen Bücher mehr. Ein Jahr zuvor hatten sie mir ein E-Lesegerät gegeben, das mit siebenhunderttausend Büchern aus allen möglichen Themenbereichen vollgestopft war. Egal um welches Thema es sich handelte, ich verschlang die Bücher und hatte mittlerweile schon über die Hälfte gelesen. Sie gewährten mir Zugang zu all den Informationen, um die ich bat. Das gehörte zu ihrer Forschung. Damals wusste ich das nicht, heute schon.

Forschung. Darum ging es in den Türmen. Es gab insgesamt sieben und sie standen in amerikanischen Städten, aber sie gehörten nicht zur amerikanischen Regierung. Jedenfalls nicht theoretisch. In keiner der Dateien, die ich durcharbeitete, stieß ich auch nur auf eine Verbindung zur Regierung.

Ich konnte auch auf Informationen über die Türme zugreifen, und das tat ich ausgiebig. Aber da Turm 7 mein Zuhause war, beschäftigte ich mich mit diesem Turm am eingehendsten. Sie gaben mir viele »streng geheime« Dateien über Turm 7. Wie ich schon sagte, bekam ich alles, worum ich bat; das gehörte zu ihrer Forschung. Außerdem sahen sie in mir keine Bedrohung, nicht für sie. Ich war ein perfekt gesichertes und klassifiziertes »Exemplar«. Und für ein Exemplar stellte Wissen keine Macht dar.

Turm 7 stand auf dem Times Square auf der Insel Manhattan, Vereinigte Staaten von Amerika. Ein Großteil von Manhattan befand sich unter Wasser, aber die Geologen waren sich sicher, dass dieser Teil stabil genug für Turm 7 war. Seine Lage war für Überwachung und Sicherung perfekt geeignet. Ich hatte mich über jedes Stockwerk und über einige der Abscheulichkeiten, die man in ihnen fand, informiert. Ich hatte mir die Audioaufnahmen spiritueller Geschichten längst verstorbener afrikanischer und indianischer Schamanen, Zauberer und Hexenmeister angehört. Ich hatte den Tanakh, die Bibel und den Koran gelesen. Ich hatte den Buddha studiert und meditiert, bis ich Krishna gesehen hatte. Und ich hatte zahllose Bücher über die Wissenschaften der Welt gelesen. All das trug ich in meinem Kopf herum, und so verstand ich Abscheulichkeit. Ich verstand den Sinn von Turm 7. Bis gestern.

Jeder Turm hatte … Spezialisierungen. In Turm 7 beschäftigte man sich mit fortgeschrittener und aggressiver genetischer Manipulation und Klonen. In Turm 7 wurden Menschen und Kreaturen erfunden, modifiziert oder beides. Einige waren deformiert, einige waren geisteskrank, einige waren einfach nur gefährlich, und keine war fehlerlos. Ja, einige von uns waren gefährlich. Ich war gefährlich.

Die Lobby im Erdgeschoss des Turms vermittelte jedoch ein völlig anderes Bild. Ich war nie da unten gewesen, aber in meinen Büchern wurde ein erdiges Wunderland voller rankenbedeckter Wände und kleiner Bäume beschrieben, die aus kunstvoll geschaffenen Löchern im Boden wuchsen. In der Mitte der Lobby stand die Hauptattraktion. Hier wuchs etwas, das Leute aus der ganzen Welt zur berühmten Lobby von Turm 7 lockte (nur zur Lobby; den Rest des Gebäudes konnte man nicht besichtigen).

Vor hundert Jahren hatte einer der Gärtner einen neuen Baum in der Mitte der Lobby gepflanzt. Aus einer Laune heraus hatten Wissenschaftler aus Turm 4, die ein Gewächshaus im neunten Stock besichtigen sollten, eine experimentelle Flüssigkeit in das Erdreich des Baumes geschüttet. Diese Substanz sollte das Wachstum von Pflanzen beschleunigen und fördern. Der Baum wuchs immer höher. An einem Ort, an dem die Leute wie normale Menschen dachten, hätte man diesen fantastischen Baum nach draußen versetzt.

Doch dies war Turm 7, wo Grenzen auf der einen Seite eingehalten und auf der anderen überschritten wurden. Der Baum wuchs wie wild und nach nur wenigen Wochen hatte er die hohe Decke der Lobby erreicht. Die Handwerker von Turm 7 bohrten ein großes Loch, damit er in den zweiten Stock hineinwachsen konnte. Das Gleiche taten sie im dritten, vierten, fünften. Schließlich taufte man den gewaltigen Baum »das Rückgrat«, weil er sich durch alle neununddreißig Stockwerke von Turm 7 erstreckte.

Ich heiße Phönix. Ich wurde hier im 28. Stock zusammengemischt, großgezogen und schließlich geboren. Einer meiner Ärzte sagte, ich sei nach dem Geburtsort meiner Eispenderin benannt worden. Ich habe das nachgesehen; ich fand einen Ort namens Phoenix, Arizona. Dort gibt es keinen Turm, was gut ist.

Doch nach allem, was ich über die Vorgehensweisen dort gelesen habe, kannten selbst die Wissenschaftler, die meine Existenz erzwangen, keine Spendernamen. Deshalb zweifle ich daran. Ich glaube, dass sie mich aus einem anderen Grund Phönix genannt haben.

Ich war ein »beschleunigter Organismus« und wurde vor zwei Jahren geboren. Doch ich sah aus und fühlte mich wie eine vierzigjährige Frau. Meine Ärzte sagten, die Beschleunigung sei nun, da ich »gereift« war, gestoppt worden. Sie sagten, ich würde immer wie vierzig aussehen, selbst wenn ich fünfhundert Jahre alt werden sollte. Für sie war ich eine Pflanze, die sie gezüchtet hatten, damit sie geerntet werden konnte.

Du musst dich fragen, wen ich mit »sie« meine. Sie alle, das »Großauge« – Wissenschaftler, Laborassistenten, Labortechniker, Ärzte, Sachbearbeiter, Wachen und Polizisten von Turm 7. Wir Exemplare im Turm nannten sie »Großauge«, weil sie uns beobachteten. Sie beobachteten uns ständig, allerdings nicht so aufmerksam, dass sie ihren großen Fehler bemerkt und das Unvermeidliche hätten verhindern können.

Ich las ein fünfhundert Seiten langes Buch in zwei Minuten. Mein Gehirn saugte die Informationen und Geschichten auf wie ein Schwamm. Bis vor zwei Wochen hatte ich meine Zeit, abgesehen von den Mahlzeiten, dem Betrachten der Landschaft durch das Fenster, dem Training auf meinem Laufband und den Terminen bei Ärzten, ausschließlich mit dem E-Lesegerät verbracht. Ich hatte stundenlang in meinem Zimmer gesessen und Wörter konsumiert, die in meinem Kopf zu Bildern wurden. Nun gaben sie mir Bücher aus Papier und entfernten sie, wenn ich fertig war. Ich mochte das E-Lesegerät lieber. Es nahm weniger Platz weg. Ich konnte Bücher noch einmal lesen, wenn ich das wollte, es gab mehr zu lesen, und die E-Seiten rochen nicht so alt und faulig. Ich starrte aus dem Fenster, betrachtete die Autos und Lastwagen unter mir und die anderen Wolkenkratzer um mich herum, während ich ein Blatt meiner Hoya-Pflanze berührte. Sie hatten mir die Pflanze fünf Tage zuvor gegeben, und sie wuchs so schnell, dass sie bereits über mein Fensterbrett gekrochen war und sich um den Stuhl, der dort stand, gewickelt hatte. Allein in der letzten Nacht war sie fünfzig Zentimeter gewachsen. Ich glaubte nicht, dass ihnen das auffiel. Niemand sagte je etwas darüber. Ich war damals so naiv. Natürlich war es ihnen aufgefallen. Die Pflanze war keine nett gemeinte Geste, sondern Teil ihrer Forschung. Ich hatte ihnen nie etwas bedeutet. Aber Saeed bedeutete ich etwas.

Saeed ist tot, Saeed ist tot, Saeed ist tot, dachte ich immer und immer wieder, während ich die Blätter meiner Pflanze streichelte. Ich zuckte zusammen und riss dabei ein Blatt ab. Saeed, mein Geliebter, mein einziger Freund. Ich zerknüllte das Blatt in meiner ruhelosen Hand; der grüne, erdige Geruch, der von ihm ausging, hätte auch Blut sein können. Gestern hatte Saeed etwas Schreckliches gesehen. Etwas später hatte er beim Abendessen mir gegenübergesessen, die Augen so groß wie gekochte Eier. Er hatte nichts essen können. Er verriet mir keine Details. Er sagte, mit Worten ließe sich das nicht beschreiben. Er hatte nur meine Hand gehalten und mit der anderen an seinem kurzen, dunkelbraunen Bart gezogen.

»Was verrät dein Herz dir über diesen Ort?«, hatte er ernst gefragt.

Ich hatte nur mit den Schultern gezuckt, weil es mich frustrierte, dass er mir von dem Schrecklichen, das er gesehen hatte, nicht erzählen wollte.

»Behiima hamagi. Xara«, murmelte er und starrte einen der Großaugen an. Er sprach immer Arabisch, wenn er wütend war. Er beugte sich vor und redete leiser weiter. »Du hast all diese Bücher gelesen … Warum sehnt sich dein Herz nicht nach Rebellion? Träumst du denn nie davon, diesen Ort zu verlassen? Den ganzen Großaugen zu entkommen?«

»Rebellion gegen wen?«, flüsterte ich verwirrt.

»Ich würde mich sogar darauf einlassen, ein sanftes Exemplar zu sein«, murmelte er. »Die sind zwar kaputt, aber nicht so kaputt. Und Großauge lässt sie draußen ein normales Leben führen, so wie normale Leute.«

»Sanfte Exemplare sind nichts Besonderes«, sagte ich. »Deshalb lässt Großauge sie raus. Ich würde so nicht sein wollen. Ich mag mich, wie ich bin.«

Er lachte verbittert, berührte meine Wange, küsste mich flüchtig und sah mir tief in die Augen. Dann lehnte er sich zurück und sagte: »Iss deinen Joloffreis, Phönix.«

Ich versuchte, ihn dazu zu bringen, sein zermalmtes Glas zu essen. Das war sein Lieblingsgericht, und es beunruhigte mich, dass er den Teller einfach so wegschob. Aber er wollte es nicht anrühren.

Bevor wir in unsere separaten Quartiere zurückkehrten, bat er mich um meinen Apfel. Ich nahm an, dass er ihn malen wollte; wenn er deprimiert war, malte er. Ich gab ihm den Apfel, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, und er steckte ihn in seine Tasche. Großauge erlaubte das, obwohl sie es nicht gern sahen, wenn man Lebensmittel aus dem Speisesaal mitnahm, selbst wenn man sie nicht essen wollte.

Seine Worte berührten mich erst in der Nacht, als ich im Bett lag. Ja, irgendwo tief in meiner Psyche wollte ich den Turm verlassen und die Welt jenseits von Großauge kennenlernen. Ich wollte die Dinge sehen, über die ich in all den Büchern gelesen hatte. »Rebellion«, flüsterte ich leise. Das Wort erblühte auf meinen Lippen wie eine Blume.

Sie teilten mir die Neuigkeit am nächsten Morgen während des Frühstücks mit. Ich saß allein am Tisch und sah mich nach Saeed um. Die anderen sprachen zwar miteinander, aber nie mit mir – die Frau mit der verdrehten Wirbelsäule, die ihren Kopf wie eine Eule drehen konnte, der Mann mit den langwimprigen, ausdrucksvollen Augen, der nie mit seinem Mund sprach, mit dem aber ständig Leute redeten, die drei Frauen, die gleich aussahen und gleich klangen, der grünäugige Pavian, der eine komplexe Zeichensprache zur Kommunikation benutzte, die Frau, deren Pullover die vier großen Brüste nicht verbergen konnte, die beiden Männer, die an der Hüfte miteinander verwachsen waren und gelegentlich einfach so lachten, die Frau mit den Klauen und Zähnen eines Löwen. Nur Saeed, derjenige, der nicht afrikanischer Abstammung war (abgesehen von der Löwenfrau, die hellhäutig war), redete mit mir. Und eigentlich war sogar die Löwenfrau zum Teil Afrikanerin, weil man ihre Gene mit denen eines Löwen vermischt hatte.

Eine meiner Ärztinnen setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Sie hieß Bumi, sah afrikanisch aus und trug eine glänzende schwarze Perücke, die aus Kunsthaar bestand. Sie wurde immer zu mir geschickt, wenn ich körperliche Schmerzen erleiden musste, also ergab es Sinn, dass man sie auch schickte, um mir eine schlimme Nachricht zu überbringen. Mein Körper verkrampfte sich. Sie berührte meine Hand, und ich zog sie weg. Sie lächelte mitfühlend und sagte mir etwas Schreckliches. Saeed hatte den Apfel nicht gemalt. Er hatte ihn gegessen. Und das hatte ihn umgebracht. Meine Gedanken wandten sich einem der Bücher zu, die ich gelesen hatte. Der Bibel. Ich war Eva und er war Adam.

Ich konnte nichts essen. Ich konnte nichts trinken. Ich würde nicht weinen. Nicht im Speisesaal.

Stunden später lag ich mit feuchten Augen und rasenden Gedanken im Bett. Saeed war tot. Ich hatte das Mittag- und das Abendessen ausgelassen, war aber immer noch nicht hungrig. Mir war heiß. Der Scanner an der Wand würde bald piepen. Dann würden sie mich holen. Weitere Tests. Ich schloss die Augen und quetschte Tränen heraus. Sie verdampften, als sie über meine heißen Wangen liefen. Das Salz, das sie hinterließen, juckte auf meiner Haut. »Oh Gott«, stöhnte ich. Die Trauer um ihn brannte in meiner Brust. »Saeed. Was hast du gesehen?«

Saeed war ein Mensch. Er war mehr Mensch als ich. Ich lernte ihn kennen, als sie mich zum ersten Mal mit den anderen im Speisesaal essen ließen. Ich war ein Jahr alt; ich sah aus wie zwanzig. Er saß allein am Tisch und wollte gerade etwas Verrücktes tun. Es gab viele andere im Saal, die meinen Blick auf sich zogen. Die siamesischen Zwillinge lachten bei meinem Anblick laut. Der Pavian sprang auf und ab und redete aufgeregt mit seiner Zeichensprache auf die Frau mit den Löwenklauen und Löwenzähnen ein. Doch Saeed hielt einen Löffel in der Hand und betrachtete eine Schüssel mit Glassplittern, die vor ihm stand. Ich starrte ihn an, so wie die anderen mich anstarrten. Er holte einen Löffel voll Splitter aus der Schüssel und schob ihn sich in den Mund. Ich hörte es knirschen. Er lächelte gedankenverloren, so als schmecke ihm das Glas.

Aus reiner Neugier ging ich zu ihm und blieb ihm gegenüber mit meiner Portion scharfen Doro Wats stehen. Er sah mich misstrauisch an, wirkte aber weder wütend noch gemein, soweit ich das mit meinem eingeschränkten Wissen über Sozialverhalten beurteilen konnte. Ich beugte mich vor und fragte, was mich beschäftigte: »Wie fühlt es sich an, das zu essen?«

Er blinzelte überrascht. »›Wie‹, fragt sie. Nicht ›Warum‹.« Er grinste. Er hatte perfekte Zähne – weiß, leuchtend und so geformt wie die Zähne in Gemälden oder den bearbeiteten Bildern in Zeitschriften. Hatten sie seine natürlichen Zähne entfernt und durch welche aus härterem Material ersetzt? »Der Geschmack ist angenehm weich und dezent, die Textur knusprig. Ich empfinde keinen Schmerz, nur Vergnügen«, sagte er mit einem Akzent, den ich noch nie gehört hatte. Aber ich kannte bisher auch nur die Akzente der Großaugenärzte und -wachen.

»Erzähl mir mehr«, sagte ich. »Mir gefällt deine Stimme.«

Er sah mich sehr lange an, dann lächelte er und sagte: »Setz dich.«

Danach kamen wir uns nahe. Ich liebte Worte und er spürte den Drang, sie auszusprechen. Er konnte nicht lesen, also erzählte ich ihm während der Mahlzeiten von den Büchern, die ich las. Manchmal knurrte er genervt, wenn ich gerade Liebesromane las oder solche, die er als »Frauengeschichten« bezeichnete. Doch so sehr missfielen sie ihm wohl nicht, denn er wollte auch diese Geschichten von Anfang bis Ende hören. »Mir gefällt der Klang deiner Stimme«, sagte er, als ich ihn nach dem Grund fragte. Vielleicht stimmte das, aber ich glaube, dass er die Geschichten auch mochte.

Saeed stammte aus Kairo, Ägypten. Er war ein Waisenjunge, hatte aber nie gehungert, weil er immer etwas zu essen gefunden hatte. Er aß verdorbenen Reis, Dattelkerne, sogar die Holzspieße der Kebabs. Er hatte den Magen einer Ziege. Sie hatten ihn vor sechs Jahren, als er dreizehn gewesen war, zum Turm gebracht. Er verriet mir nicht, wie oder warum sie ihn zu dem gemacht hatten, was er nun war. Das war auch nicht wichtig. Wichtig war nur, wer wir waren und wo wir waren.

Saeed erzählte mir von Orten, die ich nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Er benutzte die Worte eines Dichters, der mit der Zunge sah. Saeed hatte auch die Hände eines Künstlers. Er war so begabt wie die berühmten Maler, über die ich in meinen Büchern gelesen hatte. Am liebsten malte er die Lebensmittel, die er nicht mehr essen konnte. Lebensmittel für Menschen. Bilder mit Brotlaiben. Schüsseln voll mit dicker Egusi-Suppe und Fufu-Bällchen. Sträuße aus geräucherten Lamm- und Rind-Kebabs. Spiegeleier mit Zwiebeln und weißem Käse. Teller voller Kichererbsen. Karaffen mit frisch gepresstem Orangensaft. Aufeinandergestapelte gegrillte Maiskolben. Sie erlaubten ihm, seine Gemälde zu den Mahlzeiten mitzubringen, damit alle sie sehen konnten. Anscheinend hatten sogar wir das Recht, Kunst zu genießen.

Saeed konnte sich von Glas, Metallspänen, Rost und Sand ernähren, Dingen, die übrig bleiben würden, wenn sich die Menschheit endlich in die Luft gesprengt hatte. Sie schmeckten ihm sehr gut. Doch ein Stück Brot würde ihn ebenso umbringen wie eine Schüssel scharfer Glassplitter einen gewöhnlichen Menschen.

Wir küssten uns während eines Abendessens zum ersten Mal. Ich hatte gerade meine Mahlzeit – gebratenen Curryreis mit Hühnchen – gegessen und spekulierte darüber, dass grüner Rost wahrscheinlich anders schmeckte als normaler. »Wahrscheinlich schmeckt er dir besser, weil er komplexer aufgebaut und variabler ist.« Wir saßen dicht nebeneinander. Das hatten wir uns angewöhnt, seit uns aufgefallen war, dass meine natürliche Körpertemperatur warm und seine kühl war. Er trank einen großen Schluck Wasser aus seinem vollen Glas, wandte sich mir zu, nahm mein Kinn in die Hände und küsste mich. Die Gedanken an Eisenoxid und Korrosion verschwanden aus meinem Kopf. Ersetzt wurden sie von Verblüffung und der sanften Kühle seiner Lippen.

»Kein affektiertes Benehmen«, bellte einer der Großaugen, der in der Nähe stand. Wir trennten uns sofort voneinander, aber gegen das breite Lächeln auf meinem Gesicht konnte ich nichts tun. Ich hatte viele Geschichten gesehen und gelesen, in denen Menschen sich küssten, aber ich hatte mir das völlig anders vorgestellt. Und ich hatte nicht damit gerechnet, jemals geküsst zu werden. Saeed ergriff unter dem Tisch meine Hand, und mein Lächeln wurde noch breiter. Ich hörte ihn leise kichern. Ich kicherte auch. Alle im Speisesaal starrten uns an. Ich erinnere mich vor allem an die Idiok-Paviane, die auf Saeed und mich zeigten und dann aufgeregt in Zeichensprache miteinander redeten. »Die sind nur neidisch«, flüsterte Saeed und drückte meine Hand. Ich grinste. Mein Bauch war voller Schmetterlinge und meine Lippen fühlten sich heiß an. Ich tat das zwar nur innerlich, aber zum ersten Mal in meinem Leben lachte ich Großauge aus.

Nun musste ich ständig an das denken, was passiert war. Er hat meinen Apfel genommen und ihn gegessen. Er hat meinen Apfel genommen und ihn gegessen. Er hat meinen Apfel genommen und ihn gegessen. Großauge erklärte, daraufhin sei es in seinem Magen und in seinen Eingeweiden zu Blutungen gekommen und Saeed sei noch vor Tagesanbruch gestorben. Am meisten bedrückte mich, dass ich ihm nicht mehr hatte erzählen können, was mit mir geschah. Ich war mir sicher, dass ihm das Hoffnung gegeben hätte; es hätte ihn daran erinnert, dass sich Dinge ändern würden. Ich wischte mir eine Träne ab. Ich liebte Saeed.

Als mich zum ersten Mal in meinem Leben Trauer übermannte, legte ich die Hand auf das dicke Glas meines Fensters und betrachtete sehnsüchtig das grüne Dach des wesentlich kleineren Gebäudes direkt neben Turm 7; einer der Bäume, die dort wuchsen, war voller roter Blüten. Ich war noch nie draußen gewesen. Ich wollte hinaus. Saeed war durch den Tod entkommen. Ich wollte auch entkommen. Wenn er hier nicht glücklich gewesen war, dann war ich auch nicht glücklich. Ich wischte mir heißen Schweiß von den Augenbrauen. Der Scanner in meinem Zimmer piepte, als meine Körpertemperatur sprunghaft anstieg. Die Ärzte würden bald hier sein.

Als es vor zwei Wochen anfing, bemerkte nur ich es. Meine Haare fielen aus. Ich bin genetisch gesehen eine Afrikanerin. Ich hatte die Gesichtsmerkmale, meine Haut war sehr dunkel und meine Haare stark gelockt. Sie rasierten mir die Haare sehr kurz, denn weder sie noch ich wussten, was man mit ihnen machen sollte, wenn sie länger wurden. In meinen Büchern fand ich auch keinen Hinweis darauf. In Turm 7 interessierte man sich nicht für Stil, obwohl die Löwendame weiter unten im Gang sehr langes und seidiges weißes Haar hatte und die Laborassistenten von Großauge alle zwei Tage vorbeikamen, um ihr beim Kämmen und Flechten zu helfen. Und sie taten das trotz ihrer Löwenklauen und Löwenzähne.

Ich saß auf dem Bett und starrte aus dem Fenster, als mir auf einmal sehr heiß wurde. Seit ein paar Tagen war meine Haut trocken und schuppig, obwohl sie mir superhydriertes Wasser zu trinken gaben. Doktor Bumi gab mir ein großes Glas Sheabutter, was meiner Haut sehr guttat. Doch an diesem heißen und fiebrigen Tag trocknete meine Haut so schnell aus, als sei ich in der Wüste.

Ich fühlte Schweiß auf dem Kopf, und als ich über mein kurzes, kurzes Haar rieb, löste es sich zusammen mit dem Schweiß. Ich lief in mein Badezimmer, duschte rasch, wusch mir ausgiebig den Kopf, trocknete mich ab und stellte mich vor den großen Spiegel. Ich hatte auch die Augenbrauen verloren. Doch das war nicht das Schlimmste. Ich rieb meine Haut mit Sheabutter ein, damit ich etwas zu tun hatte. Hätte ich mich nicht bewegt, wäre ich vor lauter Panik in Tränen ausgebrochen.

Ich weiß nicht, warum es in meinem Badezimmer einen so großen Spiegel gab. Er war hoch und rund und erstreckte sich über die ganze Wand. Daher konnte ich mich in meiner ganzen Pracht ansehen. Als ich die dicke, gelbe, nach Nüssen riechende Creme auf meiner trockenen Haut verteilte, kam es mir so vor, als trüge ich eine Sonne tief im Inneren meines Körpers, eine Sonne, die herauskommen wollte. Unter meinem dunkelbraunen Fleisch leuchtete ich. Ich war Licht.

Ich pulsierte und fühlte eine Welle aus Hitze und leichten Vibrationen in mir. »Was ist das?«, flüsterte ich, während ich zu meinem Bett hastete, auf dem mein E-Lesegerät lag. Ich wollte das Phänomen nachschlagen. Obwohl ich so viel gelesen hatte, war ich noch nie auf etwas über Menschen gestoßen, beschleunigt oder normal, die sich erhitzten und wie das Hinterteil eines Glühwürmchens leuchteten. Als ich das E-Lesegerät in die Hand nahm, piepte es leise. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Rauch stieg aus ihm auf. Ich warf es auf den Boden und der Bildschirm zerbarst, während er langsam verbrannte. Der Rauchmelder in meinem Zimmer schaltete sich ein.

Psss! Das Zischen war leise und wurde von einem Schmerz in meinem linken Daumennagel begleitet. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine Nadel hineingesteckt. »Ah!«, schrie ich und drückte instinktiv auf meinen Daumen. Als ich die Hand vor meine Augen hielt, pulsierte ich erneut.

In der Mitte meines Daumennagels war ein schwarzer Fleck, der wie altes Blut aussah, nur schwärzer. Verbranntes Fleisch. Jedes Exemplar, jede Kreatur, jede Schöpfung in dem Gebäude war mit einem Diagnostikchip im Fingernagel, in der Klaue, dem Tentakel oder dem Horn ausgestattet. Ich war gerade von Großauges Radar verschwunden. Ich keuchte.

Nicht einmal zwanzig Sekunden später stürmten sie in mein Zimmer. Sie richteten ihre Pistolen und Spritzen auf mich, als sei ich eine tollwütige Bestie, die alles zerstören wollte, was sie errichtet hatten. Bumi schien vor Stress fast wahnsinnig zu werden, aber nur sie erkannte, dass sie mir nicht zu nahe kommen durfte.

»Runter! Runter!«, schrie sie mit zitternder Stimme. Sie hielt ein Tragbares in einer Hand, die andere steckte in der Tasche ihres Laborkittels.

Als ich nur verwirrt stehen blieb, ergriff einer der männlichen Großaugenwachen meinen Arm, wahrscheinlich, weil er mich aufs Bett werfen wollte, um mir Handschellen anzulegen. Er schrie und starrte auf seine verbrannte, noch qualmende Hand. Das Zimmer roch auf einmal nach gekochtem Fleisch. »Du gehst nirgendwo hin«, stammelte Bumi und zog eine Pistole aus ihrer Tasche. Ohne zu zögern, schoss sie mir ins rechte Bein. Es fühlte sich an, als habe mich jemand mit einem Metallfuß getreten. Ich stöhnte. Ich sank zu Boden und Schmerz hüllte mich ein wie eine zweite Schicht noch intensiverer Hitze. Ich wäre erledigt gewesen, hätte nicht jemand den anderen befohlen, nicht zu schießen.

Zum Glück heilte die Wunde schnell und die Kugel hatte das Bein komplett durchschlagen. Bumi sagte, sie hätte mich genau aus diesem Grund dort angeschossen. Ich glaubte ihr. Wenn die Kugel in meinem Fleisch stecken geblieben wäre, weiß ich nicht, wie sich das wegen meiner extremen Körpertemperatur ausgewirkt hätte. Bumi wusste das besser als jeder andere.

Eine Minute lang starrte ich entsetzt auf das Blut, das aus meinem Bein quoll, dann wurde ich ohnmächtig. Ich erwachte in einem Bett. Mein Körper war kühl, mein Bein verbunden. Als sie mich in mein Zimmer zurückbrachten, war dort ein Scanner, der mich von nun an überwachen sollte, da man mir kein Implantat mehr einsetzen konnte. Meine neuen Bettlaken und meine Kleidung waren schwerer und hitzebeständig. Der Teppich war verschwunden. Zum ersten Mal sah ich, dass der Boden unter dem Teppich aus stabilem weißem Marmor bestand.

Bumi brachte mich kurz danach in eines der Labore. Dies war meine erste, aber nicht letzte Begegnung mit dem viereckigen Raum, dessen Wände wie Glas aussahen. Vielleicht bestanden sie aus dickem, durchsichtigem Plastik. Vielleicht bestanden sie aus Kristall. Oder vielleicht aus einer streng geheimen, außerirdischen Substanz. Ich wusste nichts. Ich wusste nicht einmal, wie man die Maschine nannte. Sie steckten mich einfach hinein und sie heizte sich auf wie ein Ofen. Es fühlte sich an, als stünde ich in Flammen, und als ich schrie, meldete sich Bumi mit einer Stimme so weich wie Okrasuppe, so süß wie Mangosaft und so weit entfernt wie die Außenwelt.

»Phönix, halt still«, sagte sie. »Wir sammeln nur Informationen über dich.«

Ich glaubte ihr. Trotz des Schmerzes. Ich glaubte immer alles, was sie mir sagten. Der Raum war gerade so groß, dass ich mich hinsetzen und meine langen Beine ausstrecken konnte. Den Rücken drückte ich durch, meine Handflächen berührten den Boden. Die glatten, transparenten Wände wurden in ein rotes, oranges und gelbes Licht getaucht. Es kam mir vor, als säße ich in der Abendsonne, die ich jeden Tag untergehen sah.

»Muss das denn so wehtun?«, schrie ich. »Ich verbrenne! Meine Haut verbrennt!« Es wurde nicht so heiß, dass mein Fleisch Feuer fing, aber die Teile von mir, die die Wände berührten – vor allen meine Beine –, erlitten Verbrennungen ersten Grades.

»Wahre Größe erlangt man nur durch Schmerz«, sagte sie. »Entspann dich.«

Ich schloss die Augen und versuchte, mich in meinen Geist zurückzuziehen. Doch die Erinnerung an den Knall, als Bumi abgedrückt hatte, schoss immer noch durch meinen Kopf. Ich hatte mich nicht gewehrt. Ich wurde nicht so gefährlich wie andere Exemplare, wenn man mich bedrängte. Ich hatte nur verwirrt dagestanden und darüber nachgedacht, dass die Überwachungssysteme mich nicht mehr sehen konnten. Und doch hatte sie auf mich geschossen.

Ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Beine anspannten und zuckten, wenn der Schmerz sie traf. Meine Beine rannten, so als existierten sie separat von meinem Körper.

»Entspann dich«, sagte Bumi.

Entspannen. Wie konnte ich mich entspannen? Ich runzelte die Stirn. Ich musste ständig daran denken. Es kam mir so vor, als würden meine Gedanken zu aufgeheizten Atomen, die immer heftiger und schneller von den Wänden abprallten. Vielleicht waren Gedanken wirklich nur Atome, die aus einem anderen Material bestanden, das nicht einmal Großauge untersuchen konnte.

»Das versuche ich ja«, sagte ich.

»Möchtest du eine Geschichte hören?«

Zum ersten Mal konnte ich mich von dem Knall des Schusses und dem Samen von was auch immer es war, das da in meiner Brust heranwuchs, zurückziehen. »Ja.« Ich blickte auf. Doch ich sah nur die künstliche, brennende Sonne der Maschine.

»Okay«, sagte Bumi. Sie machte eine Pause. Ich lauschte. »Da du sehr viel liest, weiß ich, dass du mein Land Nigeria kennst.«

»Der offizielle Name lautet Bundesrepublik Nigeria. Die Hauptstadt ist Abuja. Die bekannteste Stadt heißt Lagos. Sie ist die zweitgrößte Stadt der Welt. Westafrika. Einer der Hauptproduzenten von Streamingfilmen, Rohöl und guter Literatur«, flüsterte ich.

Ich hörte sie leise lachen. »Du weißt mehr über mein Land als ich.« Sie hielt inne. »Aber um es wirklich kennenzulernen, muss man dorthin gehen. Ich wurde in der Metropole Lagos geboren und wuchs auch dort auf. Meine Eltern lebten auf Victoria Island in einer umzäunten und gesicherten Wohnanlage. Große, große Häuser mit Säulen, Veranden, Marmor und breiten Wendeltreppen. Sorgsam gestutzte Palmen und farbenprächtige, süß riechende Blumen. Sogar die Hausdiener und Hausmädchen kleideten sich wie Filmstars. Asphaltierte Straßen. Überwachungskameras. Gut gekleidete Afrikaner mit perfekt sitzenden Perücken, Anzügen, Schmuck und teuren Autos. Siehst du das vor dir?«

Ich nickte.

»Gut. Ich wurde also in diesem Haus geboren, als erstes von fünf Kindern. Meine Mutter war allein, als die Wehen kamen. Mein Vater war auf einer kurzen Geschäftsreise nach Ghana. Die beiden Hausmädchen waren ins Dorf gefahren, um vor meiner Geburt ihre Familien zu besuchen. Nur ein virtueller Arzt half ihr bei der Niederkunft. Sie hatte vorher noch nie einen benutzen müssen. Sie konnten sich einen richtigen Arzt leisten und hatten sogar eine Hebamme bestellt. Doch die Wehen kamen zehn Tage zu früh und die Hebamme blieb im Stau in Lagos stecken. Meine Mutter sagte, es sei ihr vorgekommen, als bekäme sie ihre Anweisungen von einem Geist.

Ich wurde gesund und munter im Schlafzimmer meiner Mutter geboren. Sie hatte die Fenster geschlossen und den Luftreiniger eingeschaltet, sodass ich bei meinem ersten Atemzug nicht Lagosluft atmete, sondern Luft aus dem Himalaja.« Sie lachte. »Meine Mutter brachte mich drei Wochen später zum ersten Mal nach draußen. Ich nahm einen Zug Lagosluft und musste so stark husten, dass ich mich übergab. Danach war alles okay.«

Ich hatte die Augen geschlossen. Ich roch zwar immer noch, wie meine Haut in dem winzigen Raum gegrillt wurde, doch ich schlenderte in Lagos über eine schwarz asphaltierte Straße, zusammen mit Bumis Mutter, die dunkelhäutig, hübsch und so klein wie Bumi war. Sie schob einen Kinderwagen vor sich her, in dem die kleine Bumi hustend und glucksend saß.

»Wenn ich an meine Kindheit in Nigeria denke, weiß ich, dass ich nie ganz Amerikanerin sein werde, auch wenn ich mich einbürgern lasse.«

»Dann bist du keine Amerikanerin?«, fragte ich. »Aber du lebst hier. Du arbeitest hier. Du …«

»Ich lebe legal hier, bin aber keine Bürgerin. Noch nicht. Aber dank meiner Arbeit mit dir werden sie mich einbürgern.« Sie machte eine Pause. »Möchtest du wissen, wie du als Baby warst?«

Ich runzelte die Stirn. Ich erinnerte mich an mein Leben vom ersten Monat an; ich war wie eine Dreijährige gewesen.

»Kanntest du mich, als ich ein Baby war?«, fragte ich.

»Ich war da, als sie dich brachten«, erzählte sie. »Du warst so klein wie eine Frühgeburt, aber stark, sehr, sehr stark. Du brauchtest keinen Inkubator, keine Antibiotika, keine Spezialnahrung. Du gewöhntest dich rasch ans Leben.«

Die Lichter in der Maschine gingen aus und etwas piepte. Ich atmete erleichtert durch.

»Das war’s. Ich bringe dich in dein Zimmer«, sagte Bumi. Auf dem Weg dorthin, entlang der roten Linien, sagte sie nichts mehr über unsere erste Begegnung. Ich war neugierig, aber Bumi setzte immer so einen harten Blick auf, wenn sie ihre Großaugenpersönlichkeit annahm. Ich wusste, dass sie nichts mehr erzählen würde.

Als wir in meinem Zimmer ankamen, war es Abend.

»Möge der Tag dämmern«, sagte Bumi. So sagte sie jeden Abend »Gute Nacht« zu mir. Sie hatte den Spruch einmal in einem nigerianischen Film gehört. Sie sagte ihn nur zu mir und normalerweise lachte und lächelte ich, wenn sie das tat.

Doch an diesem Abend hatte ich so starke Schmerzen, dass ich nicht lächeln konnte. Doch ich antwortete wie immer: »Möge er dämmern.«

Die Verbrennungen schmerzten, aber als ich meine Kleidung auszog und mich untersuchte, sah ich, dass keine Wunden zurückgeblieben waren. Doch ich erinnerte mich an die Schmerzen. Die Schmerzen und den Geruch vergisst man nie. Ich duschte lang und kalt.

Mit der Zeit erkannte ich, dass, wenn mir so heiß wurde und ich leuchtete, Elektrogeräte in meinen Händen explodierten oder kaputt gingen, nur nicht in dem quadratischen Raum. Aus diesem Grund gaben sie mir Papierbücher, obwohl das Risiko bestand, dass ich sie versehentlich in Brand setzen würde. Die Papierbücher waren alt und schwer lesbar und ich konnte die Seiten nicht so schnell umblättern wie bei einem E-Lesegerät. Und sie konnten nun genau sehen, was ich las. Allerdings glaube ich mittlerweile, dass sie das auch bei dem E-Lesegerät konnten.

Ich erzählte Saeed nichts von der Hitze und dem Leuchten, weil ich damals verhindern wollte, dass er sich Sorgen um mich machte. Ich genoss unsere Unterhaltungen zu sehr. Ich wünschte, ich hätte es ihm erzählt.

Die Tür glitt zurück und meine Ärztinnen, Debbie und Bumi, traten ein. Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Die Hitze ließ nach, ebenso wie das Leuchten, verschwand aber nicht ganz.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Bumi, als sie mein Handgelenk nahm und den Puls maß. Sie zischte und zog die Hand zurück.

»Heiß«, sagte ich knapp.

Sie funkelte mich an und ich funkelte zurück. Dabei dachte ich etwas, das ich vor Saeeds Tod niemals gedachte hätte – Du hättest vorher fragen sollen.

»Aufmachen«, sagte Debbie. Sie schob mir ein stabil aussehendes Thermometer in den Mund.

»Sie leuchtet nicht besonders hell«, sagte Bumi, während sie etwas in ihr Tragbares eintippte. Ich widerstand der Versuchung, danach zu greifen und es so lange in meinen Händen zu halten, bis es explodierte. Diese Leute waren für Saeeds Tod verantwortlich. Ich beruhigte mich und dachte an all die kühlen Orte, die in den Romanen, die ich gelesen hatte, beschrieben wurden. Ich hatte einmal eine Kurzgeschichte über einen Mann gelesen, der in einem Wald erfror. Wie gerne wäre ich in diesem Moment an jenem kalten Ort gewesen.

»Vielleicht kommt sie in die Wechseljahre«, sagte Bumi. »Ich glaube, dass diese beiden Faktoren zusammenhängen.«

Ich ignorierte ihre Unterhaltung und konzentrierte mich auf meine eigenen Gedanken. Flucht. Aber wie? Was würden sie mir antun? Was hatte Saeed gesehen? Meine Körpertemperatur betrug 130 Grad, die meiner Haut 220. Sie konnten meinen Blutdruck nicht messen, weil das Gerät geschmolzen wäre.

»Wir müssen sie ins Labor bringen«, sagte Debbie.

Bumi nickte. »Sobald der Scanner anzeigt, dass sie 300 Grad erreicht hat. Höher darf die Temperatur nicht steigen, sonst gehen die Dinge in ihrer Nähe in Flammen auf. Vielleicht morgen früh.« Sie sah mich an und lächelte. »Möge der Tag dämmern.«

»Möge er dämmern«, antwortete ich.

Sie verließen das Zimmer. Ich ging auf und ab. Ruhelos. Wütend. Verzweifelt. Sie würden bald zurückkommen.

Wie soll ich denn hier rauskommen?, fragte ich mich. Wie zur Antwort auf meine Frage kam Mmuo ins Zimmer. Er kam durch die Wand gegenüber von meinem Bett. Mein Herz sprang fast aus der Brust. »Mmuo, guten Abend«, sagte ich. Ich hatte mich erschreckt, aber ich war froh, ihn zu sehen. Mmuo war der einzige Freund, der mir geblieben war.

»Schon gehört?«, fragte er und setzte sich auf mein Bett. Er sprach leise, seine tiefe Stimme klang wie weit entfernter Donner.

Ich blinzelte und fühlte, wie mich erneut Trauer überkam. Auch er war Saeeds Freund gewesen. »Ja«, sagte ich.

»Es tut mir leid, Phönix.«

Der Schweiß auf meinem Gesicht trocknete langsam. »Ich werde hier abhauen«, verkündete ich.

Mmuo lachte leise. »Du?«