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Die Dialoge und Lehrreden des berühmten Zen-Meisters Linji sind in dem Basiswerk Linji Lu zusammengefasst worden. Es gründet auf den Aufzeichnungen seiner Schüler, denn wie viele der "ganz Großen" hat Linji nichts selbst verfasst. Diese Ausgabe ist die erste vollständige Übersetzung direkt aus dem chinesischen Originaltext. Die Kommentare von Soko Morinaga Roshi sind präzise und erläutern die Hintergründe und Absichten der Unterweisungen. Sie schaffen eine Brücke des Verständnisses zwischen östlichem und westlichem Geist und führen ohne Umwege zum Kern der wesentlichen Aussagen. Keiner, der am authentischen Zen interessiert ist, wird auf diesen Klassiker verzichten können.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2015
Linji
Die Lehren des großen Zen-Meisters
Aus dem Chinesischen von Ursula Jarand
Mit Erläuterungen von Soko Morinaga Rōshi
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Die Dialoge und Lehrreden des berühmten Zen-Meisters Linji sind in dem Basiswerk Linji Lu zusammengefasst worden. Es gründet auf den Aufzeichnungen seiner Schüler, denn wie viele der »ganz Großen« hat Linji nichts selbst verfasst. Diese Ausgabe ist die erste vollständige Übersetzung direkt aus dem chinesischen Originaltext. Die Kommentare von Soko Morinaga Roshi sind präzise und erläutern die Hintergründe und Absichten der Unterweisungen. Sie schaffen eine Brücke des Verständnisses zwischen östlichem und westlichem Geist und führen ohne Umwege zum Kern der wesentlichen Aussagen.
Keiner, der am authentischen Zen interessiert ist, wird auf diesen Klassiker verzichten können.
Einleitung
Teil I
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Teil II
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
Teil III
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Teil IV
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Meister Linjis Lebenslauf
Zur Textgeschichte und zur Übersetzung des Linji Lu
Meister Linji Yixuan (Lin-chi I-hsüan, jap. Rinzai Gigen, gest. 866/67) lebte und wirkte in einer Zeit, als das chinesische Tang-Reich unter großen politischen Unruhen bereits im Untergang begriffen war. Die Regierung befand sich in einem Zustand des totalen Chaos, was zur Folge hatte, dass sich kleine Provinzen ablösten und sich dort Diktaturen bildeten, die sich gegenseitig wiederum bekämpften. Es waren dunkle Zeiten der Kriege und sozialen Wirren, von denen auch Nanhua in der heutigen nordchinesischen Provinz Shandong, wo Linji lebte, nicht verschont blieb. Er hatte zwar einen einflussreichen Gönner in der Regierung, der den Tempel Linji – dessen Name auf ihn überging, nachdem er sich dort niedergelassen hatte – für ihn erbaute, aber auch das bedeutete angesichts der dauernden Umstürze nur geringe Sicherheit.
Meister Linji wurde nicht durch staatliche Gelder unterstützt. Das war einerseits sicher hart, andererseits gab es dadurch aber auch nichts, was ihn gesellschaftlich gebunden hätte. Vor solch einem Hintergrund erscheinen seine freien und kraftvollen Worte sogar noch lebendiger, und es ist umso erstaunlicher, dass er gerade in Zeiten von Krieg und Unheil, wo fast jeder nach einem Ausweg aus diesem Leiden suchte, sagen konnte: »Gerade ihr, so wie ihr seid, seid unabhängige Menschen des Weges!« Oder auch: »Wenn ihr die Patriarchen und Buddhas treffen wollt – gerade ihr, die ihr jetzt die Lehre hört, ihr seid es!« Aber Linji war nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht ungebunden, sondern wurde auch religiös von nichts behindert. Natürlich betrachtete er sich als Schüler von Meister Huangbo Xiyuan (jap. Ōbaku Kiun, gest. 850), einem Meister der »Südlichen Schule«, den er im Alter von ungefähr zwanzig Jahren nach einer zweitausend Kilometer langen Wanderschaft aufsuchte. Und im weiteren Sinne war er ein Nachfolger von Bodhidharma, auf den die Linie von Huangbo zurückführt, aber er hatte bestimmt nicht das Gefühl, irgendetwas, und sei es auch nur das Kleinste, übernommen oder ererbt zu haben.
Im Zen1 dachte man zu diesen Zeiten noch nicht in Begriffen von Schulrichtungen oder Sekten. Es gab höchstens gewisse Eigenarten bestimmter Übertragungslinien, die auf Eigenheiten der jeweiligen Meister beruhten. Diese Stile gingen natürlich auf den Schüler über, aber nicht in dem Sinne, dass er sie imitiert oder als eine bestimmte Schulrichtung proklamiert hätte. Kontakte und Herausforderungen zwischen den verschiedenen Meistern und ihren Schülern waren damals an der Tagesordnung, und es hieß sogar, ein Schüler verrate die Lehre seines Meisters, wenn er sie übernähme, ohne sie zu übersteigen. Wir brauchen das im folgenden übersetzte Linji Lu, die »Aufzeichnungen (der Lehre) des Linji«, also nicht als die grundlegende Doktrin oder gar als das »Heilige Buch« der Linji-Schule aufzufassen.
Linji selbst war, obwohl er zu einer bestimmten Übertragungslinie gehörte, doch in keiner Weise darauf fixiert, und er brauchte auch keine offiziellen Bestätigungen oder Anerkennungen mehr. Als Huangbo ihm zum Abschied als Zeichen der Dharma-Bestätigung sein Stützbrett geben wollte, lehnte Linji dies deshalb entschieden ab und rief nach dem alten Gehilfen mit der Bitte, Feuer zu bringen, um diese Dinge zu verbrennen. Was er in seiner Übung tat, war nicht, etwas weiterzuführen, das er erhalten hatte. Es war im Gegenteil das Zunichtemachen von dem, was nur als Täuschung für ihn existiert und auf seinen Schultern gelastet hatte. Er hatte bestimmt nicht die Absicht, durch sein Lehren eine neue Schulrichtung zu gründen, sondern wirkte frei und vollkommen ungebunden, gesellschaftliche Normen, Fesseln religiöser Tradition, Begriffe wie Geist und Buddha, gewöhnlich und heilig überschreitend.
Im Gegensatz zu einer Tendenz, die sich in der Tang-Zeit in Zen-Kreisen breitmachte – einer Denkweise, die die Transzendierung des Ich zur Erlangung von Buddhaschaft betonte, einer Auffassung, die unterschied zwischen »Gewöhnlichem« und »Heiligem« –, betonte Linji wieder und wieder: »Seid natürlich, ohne nach etwas zu suchen!« Oder er sagte: »Glaubt an euer Wirken, das sich jetzt und hier zeigt – es gibt kein einziges Problem!« Und wenn er immer wieder von der »Wahren Einsicht« spricht, meint er damit nichts anderes – jedenfalls nichts Übernatürliches. Es ist vielmehr das totale Verschmelzen mit den Erscheinungen, ohne jedoch vom wahren, ursprünglichen Wesen abzuweichen.
Linji verwendete niemals Begriffe wie »Buddha« oder »Geist«, um ES auszudrücken, sondern gebrauchte oft das Wort »Mensch«. Er meinte damit nicht, dass etwas im Menschen Verborgenes existiert, das man Buddha-Wesen nennen könnte, sondern er sagte klar: Ohne Buddha, ohne Dharma, ohne außerhalb oder innerhalb zu suchen – das ist ES, das ist der Unabhängige Mensch des Weges, das ist die Wahre Einsicht, das ist der Wahre Mensch ohne Rang.
Macht euch deshalb frei von Vorstellungen von gewöhnlich und heilig sowie der Gewohnheit, euch selbst niedrig einzustufen und zu denken, der Buddha sei etwas »Höheres«. Hört gut zu, was Linji lehrt:
Ihr, die ihr hier, ohne von irgendetwas abzuhängen, den Dharma vernehmt, gerade ihr seid die Mutter aller Buddhas!
Ohne Unterscheidungen zu treffen oder an Formen festzuhalten, erlangt ihr den Weg, natürlich und augenblicklich.
Ohne irgendwelche Halbheiten, ohne etwas zu übersteigen und nach etwas Besserem zu suchen – nur hier und jetzt, so wie es ist.
Soko Morinaga Rōshi
Vom Hohen Sitz
Der Ratsherr Wang und einige Regierungsbeamte baten den Meister um einen Vortrag. Der Meister nahm den Hohen Sitz in der Dharma-Halle ein und sprach:
»Ich, der Mönch vom Berge, folge heute unvermeidlicherweise dem Brauch der Welt und habe deshalb diesen Hohen Sitz eingenommen. Wenn ich mich in Bezug auf die ›Große Angelegenheit‹ streng an die Tradition der Patriarchen hielte, dann könnte ich den Mund nicht aufmachen; dann aber hättet ihr keinen Ort, wo ihr eure Füße aufsetzen könntet. Da ich heute vom Ratsherrn Wang so dringlich gebeten wurde, wie könnte ich da die letztliche Essenz geheim halten.
Nun denn – gibt es hier einen erfahrenen Kriegsherrn, der seine Truppen aufreiht und seine Standarte hisst? Lasst ihn vor der Versammlung hier einen Beweis erbringen!«
Ein Mönch fragte: »Was ist der letztliche Sinn des Buddha-Dharma?«
Der Meister stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Der Mönch verbeugte sich.
Der Meister sagte: »Dieser Mönch hält einer Debatte stand.«
Ein anderer Mönch fragte: »Meister, zu welchem Haus gehört das Lied, das Ihr singt? Welche Schulrichtung setzt Ihr fort?«
Der Meister sprach: »Als ich bei Meister Huangbo war, stellte ich dreimal eine Frage und wurde dreimal geschlagen.«
Der Mönch zauderte.
Der Meister stieß einen Ho-Schrei aus, schlug ihn dann und sagte: »Du solltest keine Nägel in den leeren Raum schlagen.«
Anmerkungen: Obwohl Linji betont, dass er nichts zu sagen hat, fährt er doch fort in seiner Rede und sagt, dass er auf die dringende Bitte des Ratsherrn hin die »letztliche Essenz« nicht geheim halten will. Soll das heißen, dass er es nicht sagen kann, oder sind seine Worte so zu verstehen, dass er gewillt ist, die »letztliche Essenz« zu lehren, wenn er nur entsprechend darum gebeten wird?
Es gibt sicher einige Leser, die gleich zu Anfang bei diesem Satz stocken und eine logische Diskrepanz fühlen. Vergessen Sie deshalb nicht, dass die Worte des Meisters Linji Kategorien wie logisch oder unlogisch überschreiten. Was sich hier gleich zu Beginn seiner Reden deutlich zeigt und was sich durch den ganzen Text fortsetzt, ist die Tatsache, dass er kein Mensch ist, der »den Dharma predigt«, sondern jemand, der den Dharma an sich verkörpert; er redet nicht darüber, sondern offenbart sein Wirken direkt hier und jetzt. »Wie könnte ich die letztliche Essenz geheim halten« bedeutet deshalb, dass er sich selbst als das Wirken des Dharma nicht verstecken wird. In diesem einen Satz wird die Art und Weise, wie Meister Linji lehrt, gleich von Anfang an deutlich.
»Welche Schulrichtung setzt Ihr fort?« – Dem Fragesteller war natürlich bekannt, dass Linji der Nachfolger von Huangbo war. Aber er wollte wissen, wie Linji auf diese Frage reagieren würde.
»Du solltest keine Nägel in den leeren Raum schlagen.« – Der Mönch versucht mit seiner Frage den unbefangenen Geisteszustand von Linji, einen Geisteszustand, der so weit und groß ist wie der leere Himmel, in einen Rahmen zu pressen. Deshalb erhält er nicht nur Hiebe, sondern wird mit diesen Worten zurechtgewiesen.
Freie Fassung: Der Ratsherr Wang und einige Regierungsbeamte baten Meister Linji, über den Dharma zu lehren. Der Meister nahm den für förmliche Darlegungen bestimmten Hohen Sitz in der Dharma-Halle ein und sprach zu den Versammelten: »Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich heute auf diesem Hohen Sitz Platz nehme, aber ich habe wirklich nichts zu sagen, und es gibt überhaupt nichts, was ich euch lehren könnte. Nicht etwa, weil ich etwas vor euch verstecken will – ich habe nicht die Spur eines Gefühls, dass ich euch etwas verheimlichen möchte. Tretet deshalb vor und fordert mich heraus. Auf diese Weise könnt ihr vielleicht das wahre Wirken der Wahrheit erkennen. Nun denn, gibt es jemanden unter euch, der ein erfahrener Kriegsherr ist; der seine Truppen mobilisiert, die Fanfaren bläst und einen Dharma-Kampf mit mir aufnimmt? Wenn ja, so soll er vortreten und zeigen, welchen Geisteszustand er durch seine bisherige Übung erlangt hat!«
Daraufhin trat ein Mönch vor und fragte: »Was ist die letztliche Essenz des Buddha-Dharma?«
Meister Linji stieß sofort einen lauten Schrei aus: »Ho!«
Der Mönch verbeugte sich auf der Stelle als Zeichen seines Dankes.
Der Meister sagte: »Er kann es ein bisschen mit mir aufnehmen.«
Ein anderer Mönch fragte: »Zu welchem Stammbaum gehört Ihr? Welchen Dharma setzt Ihr fort?«
Meister Linji antwortete: »Als ich bei Huangbo übte, stellte ich dreimal eine Frage und wurde dreimal deswegen geschlagen.«
Der Mönch war verwirrt über diese unerwartete Antwort.
Meister Linji stieß sofort einen lauten Schrei aus: »Ho!«, schlug ihn darüber hinaus noch und sagte: »Heh, wach auf! In den leeren Raum kann man keine Nägel schlagen.«
Ein Schriftgelehrter fragte: »Die Drei Fahrzeuge und die Zwölf Abteilungen des buddhistischen Kanons enthüllen das Buddha-Wesen, oder nicht?«
Der Meister antwortete: »Das wuchernde Unkraut wurde niemals umgegraben.«
Der Gelehrte sagte: »Wie könnte es sein, dass Buddha die Menschen hinters Licht führt!«
Der Meister sagte: »Wo ist Buddha?«
Der Gelehrte war sprachlos.
Der Meister sagte: »Ihr wolltet mich wohl hier vor den Regierungsbeamten zum Besten halten. Verschwindet, aber schnell! Ihr hindert die anderen daran, ihre Fragen zu stellen.«
Dann fuhr er fort: »Die heutige Dharma-Veranstaltung betrifft die ›Eine Große Angelegenheit‹. Wenn es noch Fragen gibt, dann tretet schnell vor und fragt. Aber wenn ihr den Mund auch nur ein wenig aufmacht, seid ihr bereits entfernt davon.
Warum? Wisst ihr nicht, dass Buddha sagte: ›Der Dharma ist von Worten getrennt, weil er weder an Ursachen gebunden ist noch auf Bedingungen beruht.‹2 Weil euer Glaube unzulänglich ist, haben wir uns heute in Worte verstrickt. Ich befürchte, dass auch der Ratsherr und die Beamten davon ins Stocken gebracht wurden und ihr Buddha-Wesen verdunkelt wurde. Es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.«
Der Meister stieß einen Ho-Schrei aus und sagte dann: »Für diejenigen, deren Glaube nicht tief verwurzelt ist, wird der letzte Tag niemals kommen.
Ihr seid lange gestanden. Gebt gut auf euch acht.«
Anmerkungen: »Wucherndes Unkraut wurde niemals umgegraben« – dieser Satz lässt von den chinesischen Zeichen her verschiedene Lesarten beziehungsweise Interpretationen zu. Er kann in dem Sinn verstanden werden, dass die Täuschungen der Menschen nicht durch solche Lehren umgegraben werden können. Man kann ihn aber auch so lesen, als sagte Linji zu dem Mönch: »Du hast dein wucherndes Unkraut noch nicht umgegraben und bist immer noch befangen in Begriffen und Vorstellungen.« In beiden Fällen würde eine Unterscheidung zwischen Täuschung und Erleuchtung getroffen.
Es wäre aber auch denkbar, dass Linji sagt: »Ich selbst, so wie ich bin, habe es seit meiner Geburt bis jetzt noch nie umgegraben.« Oder auch: »Niemand hat es jemals umgegraben!« Bei diesen beiden Lesarten bedeutet »wucherndes Unkraut« nicht Täuschung im Gegensatz zu Erleuchtung, sondern es drückt aus, dass die Existenz in ihrer Soheit hier und jetzt bereits Wahrheit oder Erleuchtung ist. Für Linji gibt es, wie im ganzen Text immer wieder deutlich wird, keine Ignoranz, die umgegraben werden müsste, und kein Buddha-Wesen, nach dem man suchen müsste. Nur das, was hier und jetzt lebendig und frei wirkt, ist von Bedeutung. Ich selbst bevorzuge die beiden letzten Möglichkeiten, die im Grunde das Gleiche bedeuten, möchte es aber dem Leser überlassen, sich seine eigenen Gedanken zu machen.
»Unzulänglicher Glaube« sollte nicht so verstanden werden, dass Linji blinden Glauben an etwas fordert. Das Wort Glaube, so wie er es verwendet, bedeutet das ursprüngliche Wirken, die Reinheit des Geistes an sich. »Unzulänglicher Glaube« ist deshalb das Befangensein in den eigenen, willkürlich erzeugten Täuschungen, infolgedessen man das ursprüngliche Wirken aus den Augen verliert.
Freie Fassung: Ein Mönch, der die buddhistischen Schriften studiert hatte, fragte Meister Linji: »Die Lehren, die Shākyamuni zu seinen Lebzeiten lehrte, sind sie nicht alle dazu da, das Buddha-Wesen der Menschen deutlich zu zeigen?«
Linji erwiderte: »Man kann Buddha-Wesen nicht mit einem Spaten aus willentlichen Anstrengungen umgraben.«
Der Mönch sagte: »Es ist nicht zu erwarten, dass der Buddha die Menschen betrog und hinterging.«
Linji antwortete: »Wo ist Buddha? Wer ist Buddha?«
Der Mönch konnte nichts erwidern.
Linji sagte: »Wollt ihr mich etwa vor dem Ratsherrn Wang überlisten? Verschwindet, aber schnell! Ihr behindert die Fragen der anderen.«
Dann sagte er, zu allen gewandt: »Die heutige Zusammenkunft findet nur statt, damit ihr die grundlegende, wichtigste Angelegenheit erkennt. Wenn es noch Fragen gibt, zaudert nicht und tretet schnell vor. Aber wenn ihr auch nur ein wenig an Worten klebt, während ihr den Mund aufmacht, dann entfernt ihr euch weit von der grundlegenden Wahrheit. Warum ist das so? Es ist zu erwarten, dass ihr wisst, was der Buddha sagte: ›Der Dharma ist ursprünglich. Er hat Worte überschritten und hat keinerlei Beziehung zu irgendwelchen Bedingungen.‹ Obwohl das so ist, hört ihr dies nur als Worte und lasst es nicht von Moment zu Moment in eurem eigenen Leben wirken. Deshalb wird es, wie in dem vorigen Dialog, lediglich zu einem intellektuellen Spiel. Ich befürchte, dass vielleicht sogar der Ratsherr und seine Beamten darin verstrickt wurden und sich selbst aus den Augen verloren. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich mich jetzt zurückziehe.«
Nachdem er einen lauten Schrei ausgestoßen hatte, sagte er: »Wenn der Glaube, dass man selbst der Dharma ist, nicht gründlich ist, bringt man es niemals zu etwas, egal wie viele Fragen man auch stellt!«
Eines Tages kam der Meister nach Hefu3. Der Ratsherr Wang bat ihn, den Hohen Sitz einzunehmen. Der Mönch Mayu4 trat hervor und fragte: »Der Bodhisattva des Großen Erbarmens5 hat tausend Hände und tausend Augen. Welches ist das Wahre Auge?«
Der Meister erwiderte: »Der Bodhisattva des Großen Erbarmens hat tausend Hände und tausend Augen. Welches ist das Wahre Auge? Sag’s, schnell!«
Mayu zog den Meister von seinem Sitz und setzte sich selbst darauf. Der Meister trat nah an ihn heran und fragte: »Wie geht es dir?«
Mayu zögerte.
Der Meister zog seinerseits Mayu vom Sitz und setzte sich selbst. Mayu ging hinaus. Der Meister stieg vom Sitz herab.
Anmerkungen: Meister Linji und der Mönch Mayu setzen sich abwechselnd auf den Hohen Sitz. Verstehen Sie, dass das Wahre Auge des Bodhisattva des Großen Erbarmens dabei von Moment zu Moment offenbart wird?
Linji und Mayu, die beiden Zen-Mönche, führen keine intellektuellen Diskussionen über den Bodhisattva mit den tausend Händen und Augen, sondern offenbaren das Wahre Auge spontan und direkt. Das Wahre Auge ist nichts Bestimmtes oder Fixiertes, nichts, von dem man sagen könnte: »Das ist es!« Von Augenblick zu Augenblick erscheint es in wechselseitigem Wirken. Dieses Wirken wird auch der freie, wechselseitige Wandel von »Hausherr und Gast« genannt. Es scheint, als stellte Mayu hier die Fragen und Linji antwortete. Aber sie sind beide zusammen das Wirken des Bodhisattva mit den tausend Händen und tausend Augen.
Freie Fassung: Eines Tages kam Linji nach Hefu, wo ihn der Ratsherr Wang bat, einen Dharma-Vortrag zu halten. Als Linji den Hohen Sitz eingenommen hatte, trat der Mönch Mayu vor und fragte: »Der Bodhisattva des Großen Erbarmens hat tausend Hände, und in jeder Handfläche befindet sich wiederum ein Auge. Welches von diesen tausend Augen ist das Wahre Auge?«
Linji gab ihm die Frage zurück und sagte: »Der Bodhisattva besitzt tausend Hände und tausend Augen. Welches ist das Wahre Auge? Sag es, schnell!«
Mayu zog Linji vom Sitz herunter und stieg selbst hinauf. Linji trat zu ihm heran und fragte: »Wie geht’s?«
Als Mayu zögerte, zog er ihn ohne Umschweife herunter und setzte sich selbst wieder. Nachdem Mayu hinausgegangen war, stieg er wieder vom Sitz herunter.
Der Meister sprach vom Hohen Sitz: »In diesem Klumpen aus rotem Fleisch ist der Wahre Mensch ohne Rang. Er kommt und geht ständig durch die Tore eures Gesichts. Diejenigen, die noch keinen Beweis von ihm haben – seht, seht!«
Ein Mönch trat vor und fragte: »Was ist der Wahre Mensch ohne Rang?«
Der Meister kam von seinem Sitz herunter, packte den Mönch und sagte: »Sag es, sag es!«
Der Mönch zauderte. Der Meister ließ ihn los und sagte: »Der Wahre Mensch ohne Rang – was für ein Scheißstock6 er ist!« Damit kehrte er in seine Räume zurück.
Anmerkungen: Abstammung, soziale Stufen oder Rangordnungen – solche Dinge waren im China der Tang-Zeit von größter Wichtigkeit. »Der Wahre Mensch ohne Rang« ist deshalb eine Ausdrucksweise, die sicher äußerst schockierend war. Der Begriff »Wahrer Mensch« wurde schon im Zhuangzi (Chuang-tzu)7, einem taoistischen Text, im Sinne eines idealen, freien Menschen verwendet, und für die chinesischen Buddhisten, die sich anfangs taoistischer Terminologie bedienten, um bestimmte buddhistische Vorstellungen im Chinesischen wiedergeben zu können, bedeutete er das Gleiche wie »Buddha«. In Hebei, wo Linji lebte, blühte der Taoismus, und es ist deshalb denkbar, dass er den Ausdruck »Wahrer Mensch« verwendete, damit alle es leicht verstehen konnten.
Man muss jedoch bei dieser Ausdrucksweise vorsichtig sein und darf nicht dem Fehler verfallen zu denken, dass in unserem fleischlichen Leib der »Wahre Mensch« als etwas Transzendentes existiert. Linji sagte eindringlich wieder und wieder: »Ihr, die ihr hier vor meinen Augen den Dharma vernehmt, ihr seid Buddha.« Genauso wie an einem heißen Sommertag nur der Lufthauch, der tatsächlich den eigentlichen Körper kühlt, nützlich ist und der Wind, der in der ganzen Welt weht, uns nicht kümmert, genauso ist für Linji nur der Wahre Mensch, der hier und jetzt im Einzelnen konkret wirkt, von Bedeutung. Ein Wahrer Mensch, der sich, obwohl er in jedem Einzelnen kommt und geht, nicht als konkretes Wirken in diesem Augenblick offenbart und lediglich bei einem generellen Verstehen stehen bleibt, ist für ihn ohne Bedeutung. Deshalb drängt er den Mönch, den Wahren Menschen sofort und unmittelbar zu zeigen. Aber die Frage bleibt, ob der Mönch bei Linjis Worten erkennen konnte, dass gerade er selbst, ein unnützer Scheißstock, der wahre, freie Mensch ist.
Freie Fassung: Bei einer Darlegung des Dharma sagte Linji zu den Versammelten: »In eurem fleischlichen Leib ist ein nicht fixierbarer, nicht einstufbarer, wahrer, freier Mensch. Er kommt und geht ständig durch eure Sinnestore. Diejenigen unter euch, die sich dessen noch nicht vergewissert haben – seht es jetzt und hier, sofort und unverzüglich!«
Da trat ein Mönch vor und fragte: »Was ist dieser nicht erfassbare, freie Mensch?«
Linji packte ihn sofort am Kragen und drängte ihn: »Sag es, sag es!«
Aber der Mönch konnte nicht antworten und zauderte.
Da stieß Linji ihn von sich und sagte: »Dieser freie Mensch – er ist ein bereits gebrauchter Scheißstock!«
Mit diesen Worten ging er in seine Räume zurück.
Der Meister nahm den Hohen Sitz ein. Ein Mönch trat vor und verbeugte sich. Der Meister stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Der Mönch sagte: »Ehrwürdiger Meister, Ihr tätet besser daran, mich nicht auszuloten.«
Der Meister antwortete: »Dann sag, an welchen Ort ist es [das Ho] gefallen?«
Der Mönch stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Ein anderer Mönch fragte: »Was ist der Große Sinn des Budhha-Dharma?«
Der Meister stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Der Mönch verbeugte sich. Der Meister fragte: »Findest du, dass es ein guter Schrei war?«
Der Mönch sagte: »Der Strauchdieb erlitt eine komplette Niederlage.«
»Wo liegt der Fehler?«, fragte der Meister.
Der Mönch antwortete: »Ein zweites Mal wird es nicht vergeben.«
Der Meister stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Anmerkungen: Der Begriff »Dieb« oder auch »Räuber« wird im Zen sehr oft verwendet. Es ist ein Wort des Lobes für einen Meister, der dem Übenden sein Allerliebstes, das, was er behütet und wichtig nimmt – oder in anderen Worten, das, was ihm zur Fessel wird –, unbemerkt entwendet. Im Gegensatz zum ersten Dialog, in dem der Mönch sein Wirken ohne jede Vernünftelei, direkt und unmittelbar zeigt, weshalb Linji auch nichts mehr hinzufügt, ist der Mönch des zweiten Dialoges bemüht zu zeigen, dass er nichts besitzt, was ihm Linji wegnehmen könnte. In dieser Absicht befangen, argumentiert er auf gedanklicher Ebene. Freundlicherweise gibt ihm Meister Linji zum Schluss noch einen Schrei.
Es gibt einen ähnlichen Dialog zwischen Meister Zhaozhou Congshen und dem Mönch Yanyang Zunzhe8. Der Mönch kam zu Meister Zhaozhou und fragte: »Wie ist es, wenn man nicht mal mehr ein einziges Ding (im Geist) hat?«
Zhaozhou antwortete: »Leg es nieder!«
Der Mönch sagte: »Aber ich habe doch nichts.«
Zhaozhou erwiderte: »Dann trag es halt weiter mit dir herum!«
Freie Fassung: Als Linji den Hohen Sitz einnahm, trat ein Mönch vor und verbeugte sich. Linji stieß sofort einen Schrei aus. Der Mönch sagte: »Meister, Ihr wolltet wohl prüfen, wie ich auf den Schrei reagieren würde. Lasst das besser bleiben!«
Linji sagte: »Was, glaubst du, ist die Bedeutung dieses Schreies?«
Der Mönch stieß sofort einen lauten Schrei aus.
Ein anderer Mönch fragte: »Was ist das grundlegende Prinzip des Buddha-Dharma?«
Linji stieß einen Schrei aus. Der Mönch verbeugte sich als Zeichen seines Dankes für die Antwort. Da fragte Linji ihn: »Findest du, dass dies ein guter Schrei war?« Der Mönch erwiderte: »Der Strauchdieb erlitt einen großen Misserfolg.«
Linji sagte: »Misserfolg? Worin bestand denn der Misserfolg?«
Der Mönch sagte: »Einen zweiten Verstoß dulde ich nicht.«
Linji stieß einen lauten Schrei aus.
Eines Tages trafen sich die Hauptmönche der beiden Hallen9 und stießen zur gleichen Zeit einen Schrei aus: »Ho!«
Ein Mönch fragte den Meister: »Gab es Gast und Herr?«
Der Meister erwiderte: »Gast und Herr waren klar und offensichtlich.«
Dann sagte der Meister zu den Versammelten: »Wenn ihr den Satz von ›Gast und Herr‹ verstehen wollt, dann fragt die Hauptmönche der beiden Hallen.«
Mit diesen Worten kam er vom Sitz herunter.
Anmerkungen: Lassen Sie mich an dieser Stelle noch zwei weitere Kōans erwähnen, die genau die gleiche Thematik ansprechen. Das erste beschreibt, wie Meister Zhaozhou zu einem Eremiten kommt und fragt: »Hast du es, hast du es?« Der Eremit hält seine Faust hoch. Zhaozhou sagt: »Das Wasser ist zu seicht, als dass darin ein Schiff ankern könnte.«
Danach geht er weiter und kommt zu einem anderen Eremiten. Er ruft wieder: »Hast du es, hast du es?« Auch dieser Eremit zeigt seine Faust. Zhaozhou sagt: »Du hast die Freiheit zu geben und zu nehmen, zu töten oder Leben zu geben.« Mit diesen Worten verneigte er sich vor ihm (Wumenguan, Nr. 11).
Das zweite Kōan ist von Meister Fayan Wenyi10.
Als sich die Mönche vor dem Mittagessen in der großen Halle versammeln, um die Dharma-Darlegung des Meisters zu hören, weist er auf die Bambusjalousien. Sofort gehen zwei Mönche gleichzeitig zu den Jalousien und rollen sie in gleicher Weise auf. Fayan sagt: »Der eine hat es, der andere hat es nicht« (Wumenguan, Nr. 26).
Alle drei Kōans, Linjis Satz von »Gast und Herr«, Zhaozhous zwei Eremiten und Fayans Mönche, die die Bambusjalousien aufrollen, fordern uns gleichermaßen auf, nicht nur unseren Vorstellungen über richtig und falsch, Überlegenheit und Unterlegenheit, Gewinn und Verlust auf den Grund zu gehen, sondern genauso unseren Vorstellungen über Einheit und Unterscheidung.
Einheit oder Gleichheit und Unterscheidung, so wie wir die Worte normalerweise verwenden, sind künstlich erzeugte Begriffe und Ideen. Im Buddhismus jedoch wird »Gleichheit« nur in Bezug auf die Wahrheit an sich verwendet und »Unterscheidung« in Bezug auf die Welt der Erscheinungen.
Willkürliche, eigenmächtig erzeugte Werturteile sind darin nicht enthalten. Berge sind hoch, Täler sind tief – es besteht ein deutlicher Unterschied, aber gleichzeitig ist da keinerlei Über- oder Unterlegenheit.
Betrachten Sie deshalb diese Kōans in solch einem Geisteszustand, der im Diamant-Sūtra folgendermaßen besungen wird: »In der Gleichheit des Dharma gibt es weder hoch noch tief.«
Und auch Sengcan, der dritte chinesische Zen-Patriarch, singt in seinem Gedicht Xinxinming11:
Verweile nicht
in dualistischen Anschauungen;
vermeide absolut, ihnen zu folgen.
Existiert auch nur ein wenig
richtig und falsch,
dann wird der Geist
in Verwirrung verloren.
Zwei existiert
abhängig vom Einen,
aber man darf auch nicht
bei dem Einen verharren.
Und noch ein anderes berühmtes Zen-Gedicht lautet:
Der Frühlingswind in einem Baum
hat zwei Seiten.
Ein südlicher Zweig
streckt sich zur Wärme,
ein nördlicher Zweig
zur Kälte.
Freie Fassung: Eines Tages trafen sich zufälligerweise die beiden Hauptmönche der beiden Hallen, und sie stießen gleichzeitig einen Schrei aus. Ein Mönch, der sie sah, fragte Linji: »Gab es in dem Schrei der beiden Mönche Überlegenheit und Unterlegenheit?«
Linji antwortete: »Obwohl die beiden Mönche genau zum gleichen Zeitpunkt den gleichen Schrei ausstießen, existieren Überlegenheit und Unterlegenheit.«
Und er fuhr fort: »Wenn ihr meine Worte von ›Überlegenheit und Unterlegenheit‹ [Herr und Gast] begreifen wollt, dann geht und fragt die Hauptmönche der beiden Hallen.«
Damit stieg er vom Dharma-Sitz herunter.
Der Meister nahm den Hohen Sitz ein. Ein Mönch fragte: »Was ist der Große Sinn des Buddha-Dharma?«
Der Meister nahm seinen Fliegenwedel senkrecht in die Hand. Der Mönch stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Der Meister schlug ihn mit dem Fliegenwedel.
Ein anderer Mönch fragte: »Was ist der Große Sinn des Buddha-Dharma?«
Der Meister nahm erneut seinen Fliegenwedel auf.
Der Mönch stieß einen Schrei aus: »Ho!«
Der Meister stieß auch einen Schrei aus: »Ho!«
Der Mönch zögerte. Der Meister schlug ihn und sagte danach: »Ihr alle, passt gut auf. Jemand, der für den Dharma lebt, schreckt nicht davor zurück, Leib und Leben zu verlieren. Als ich vor zwanzig Jahren bei Meister Huangbo war, fragte ich ihn dreimal nach dem letztlichen Sinn des Buddha-Dharma, und dreimal schlug er mich mit seinem Stock. Es war, als wäre ich mit einer Rute gestreichelt worden. Jetzt würde ich gern noch einmal einen Hieb erhalten. Gibt es jemanden hier, der mir diesen Hieb verabreichen kann?«
Ein Mönch trat vor und sagte: »Ich kann.«
Der Meister nahm den Stock auf und hielt ihn dem Mönch hin. Als der Mönch ihn ergreifen wollte, gab ihm der Meister einen Hieb.
Anmerkungen: Der Fliegenwedel (jap. Hossu) ist ein Wedel aus Tierhaaren, Leinenfasern oder Baumwollfäden mit einem Holzgriff, der ursprünglich dazu benutzt wurde, Fliegen oder Staub wegzuwedeln. Die Jaina-Mönche in Indien benutzen diese Wedel noch heute, um so Fliegen zu verscheuchen, ohne sie zu töten. In China wurde der Wedel später dann als Würdenzeichen bei Vorträgen oder Zeremonien verwendet; nur wer einen bestimmten Rang innehatte, durfte einen Hossu verwenden. In Japan verwenden hochstehende buddhistische Priester (außer in der Jōdo-shin-Schule) den Hossu auch heute noch als Würdenzeichen.
Zur Bedeutung des Hossu schreibt Prof. Yanagida Seizan: »Wenn der Hossu senkrecht in die Hand genommen wurde, war es ein Zeichen des Willkommens für hochstehende Persönlichkeiten. Linjis Geste war also kein Mittel, um den Mönch zu prüfen und herauszufordern, sondern ein Ausdruck der Hochachtung vor dem Mönch als Großer Sinn des Buddha-Dharma an sich. Und es ist eine Geste, mit der die Frage des Mönchs, der nach dem Sinn des Buddha-Dharma fragt, während er selbst der Große Sinn des Buddha-Dharma ist, weggewischt wird.«
Es gab einen taoistischen Brauch, bei dem der Kopf eines kleinen Kindes mit einer Beifuß-Rute (Artemisia indica) berührt wurde, um ihm dadurch ein glückliches Leben zu wünschen. Für Linji waren die Schläge, die er von Meister Huangbo bekam, nicht einfach nur Schläge, die Rute keine Rute – sondern es war das ganzheitliche, vollständige Wirken von Huangbo, in dem es keinen Raum für Unterscheidung zwischen Linji und Huangbo gab. Denken Sie deshalb nicht, dass Zen etwas mit Gewalttätigkeit zu tun hat oder dass es einen gibt, der schlägt, und einen, der geschlagen wird. Huangbos Wirken ist weit jenseits von solchen Dimensionen, ist das absolute Wirken an sich. Nur deshalb sagt Linji: »Ich möchte gern noch einmal solch einen Hieb bekommen.«
Freie Fassung: Der Meister nahm den Hohen Sitz ein. Ein Mönch trat vor und fragte: »Was ist das grundlegende Prinzip des Buddha-Dharma?«
Der Meister nahm seinen Hossu aufrecht in die Hand, und so, als ob er Fliegen verscheuchen wollte, wischte er die Frage des Mönchs weg.
Der Mönch stieß einen lauten Schrei aus: »Ho!«
Der Meister schlug ihn mit ganzer Kraft.
Ein anderer Mönch trat vor und fragte: »Was ist das grundlegende Prinzip des Buddha-Dharma?«
Als Meister Linji seinen Hossu nahm, stieß der Mönch einen lauten Schrei aus: »Ho!«
Der Meister schrie auch: »Ho!«
Der Mönch zögerte, da schlug ihn der Meister. Das war das wunderbare, ganzheitliche Wirken von Linji.
Danach sagte er: »Ihr, die ihr den Dharma übt, haltet nicht fest an Leib oder Leben. Als ich früher bei Meister Huangbo übte, stellte ich, genau wie ihr, dreimal eine Frage über den Sinn des Buddha-Dharma und bekam dreimal Hiebe. Zurückblickend waren diese Schläge, als wäre ein Kind mit einer Beifuß-Rute gestreichelt worden, um ihm ein glückliches Leben zu wünschen. Ich möchte zu gern noch einmal so einen Hieb bekommen.«
Ein Mönch trat vor und sagte: »Ich kann dem Meister solch einen Hieb geben.«
Linji hielt ihm den Stock hin, und als der Dummkopf ihn ergreifen wollte, wurde er im Gegenteil von ihm geschlagen.
Der Meister nahm den Hohen Sitz ein. Ein Mönch fragte: »Was hat es mit der Schwertklinge auf sich?«
Der Meister antwortete: »Fürchterlich! Fürchterlich!«
Der Mönch zögerte. Der Meister schlug ihn.
Anmerkungen: Es gibt zwei Weisen, diesen Dialog auszukosten. Entweder als das freie, flexible Wirken von Linji, oder auch in dem Sinne, dass es für Linji nichts mehr gab, was zu durchschneiden oder zu erlangen war. Deshalb liegt gerade in dem Geisteszustand, den der Mönch hier zur Sprache bringt, ein Problem – das Problem von gut und schlecht, überlegen und unterlegen, Gewinn und Verlust.
Freie Fassung: Als der Meister den Hohen Sitz einnahm, trat ein Mönch vor und fragte: »Wie ist der Geisteszustand, in dem alles Denken und alle Unterscheidungen abgeschnitten sind?«
Linji schrie: »Oh, furchtbar! Gerade das ist das Problem!«
Jemand fragte: »Als der arbeitende Shishi12 den Reismörser trat und dabei vergaß, dass er seine Beine bewegte, wohin war er gegangen?«
Der Meister sagte: »Ertrunken in tiefem Wasser.«
