Das dunkelgrüne Stoffsofa - J. E. Fickenscher - E-Book

Das dunkelgrüne Stoffsofa E-Book

J. E. Fickenscher

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Beschreibung

Im Kopf eines jungen Mannes mit seelischer Behinderung. Ein kleines Kunstprojekt. Einzigartig. Ein leises Buch, das laut nachhallt. Für mehr Menschlichkeit und Verständnis.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Danke

Familie

Freunde

Inhalt

Erik wohnt alleine

Erik kümmert sich

Erik feiert mit

Erik sucht Wörter

Erik sieht sie

Erik macht Tee

Erik muss baden

Erik ist pünktlich

Erik mag Kekse

Erik ist leise

Erik sucht Halt

Erik fasst an

Erik ist fleißig

Erik geht einkaufen

Erik hört gut

Erik hat Wünsche

Erik riecht Rosen

Erik wohnt alleine

Er saß neben Herbert. Sie saßen beide auf einem dunkelgrünen Stoffsofa. Vor jedem stand ein voller Bierkrug auf dem Couchtisch. Chips lagen verstreut auf dem Boden. Dort lag neben dem Sofa ein Hund – ein Fellknäuel. Herbert trug eine blaue ausgewaschene Jeans. Knopf und Reißverschluss standen offen. Sein kariertes Hemd war unordentlich in die Hose gestopft. Die Knöpfe spannten am Bauch. Er wusste nicht viel über Herbert. Nur, dass Herbert gerne in das Wirtshaus „Zum Sauwirt“ um die Ecke ging. Dann sah er ihn. Er kam fast jeden Abend an seinem kleinen Kellerfenster vorbei. Jetzt saß Herbert bei ihm in der kleinen Kellerwohnung. Hier gab es nur ein Fenster. Von dort aus sah man auf eine Straße und einen Gehweg. Und genau hier hatte er Herbert auch das erste Mal gesehen. Eigentlich hatte er nur seine Beine gesehen. Er sah viele Beine an seinem Fenster vorbeigehen: Männerbeine, Frauenbeine, Kinderbeine, Hundebeine, angezogene Beine, nackte Beine, behaarte Beine, rasierte Beine, blasse Beine, junge Beine, alte Beine. Und er kannte sie fast alle. Seit 2 Jahren wohnte er hier und schaute vor und nach seiner Arbeit immer aus dem Fenster nach oben. Herberts Beine trugen oft Jeans. Er stapfte irgendwie, und nach dem Besuch im Wirtshaus schlurfte er irgendwie. Manchmal hatte er sich vorgestellt, was Herbert im Lokal machte. Er trank bestimmt immer ein Bier und spielte Karten mit jemandem. Im Hintergrund lief bestimmt ein Fernseher. Vielleicht lief auch Musik. Vielleicht war es auch viel zu laut für Musik. Erik wusste nicht, was Herbert im Wirtshaus machte. Erik wusste nicht, was man in einem Wirtshaus macht. Erik war noch nie in einem Wirtshaus gewesen. Aber er hatte einmal einen Film gesehen, in dem jemand in ein Wirtshaus ging. Und so stellte er sich vor, dass Herbert viel Spaß im Wirtshaus hatte. Sonst würde er nicht hingehen. Er würde nicht so oft hingehen. Und jetzt saß Herbert neben ihm und hatte Spielkarten in der Hand. Erik hatte alles getan, dass Herbert sich wohlfühlte. Herbert saß warm und weich auf seinem dunkelgrünen Stoffsofa. Hier in seiner Wohnung gab es Bier. Es gab Bier genauso wie im Wirtshaus, obwohl Erik gar kein Bier mochte. Erik nahm den Bierkrug vom Tisch. Herbert fiel zur Seite wie ein nasser Sack. Herbert war tot. Er war schon tot, als er heute durch die Tür im Erdgeschoss des Hauses kam. Herbert kam in einem Holzsarg, Modell „München“. Eriks Chef hatte ihn mit dem Leichenwagen gebracht. Eriks Chef war Bestatter. Und Erik war für alles andere zuständig. Herbert war in keinem guten Zustand. Erik kannte das. Wenn ein Arzt noch irgendwie helfen wollte, sahen die Toten richtig schlecht aus. Das bedeutete viel Arbeit für Erik. Die Arbeit hatte er schon gemacht. Erik war fleißig. Er hatte Herbert saubergemacht, die Windel gewechselt und wieder schön angezogen. Sein Chef Otto hatte sich um die Papiersachen gekümmert. Danach war Otto nach Hause zu seiner Frau gegangen und Erik war geblieben, wo er war. Denn er wohnte hier im Bestattungsunternehmen „Zur letzten Ruhe“ im Keller. Hier wohnte er alleine. Er wohnte hier seit 2 Jahren alleine. Herbert war der 4. Gast, den er in seiner Wohnung hatte. Otto war sein 1. Gast gewesen. Vor 2 Jahren hatte ihn Otto mit ins Bestattungsunternehmen genommen. Durch die Eingangstür im Erdgeschoss des Hauses. Vorbei an der Küche. Die Treppe hinunter. 22 Stufen hinunter. Otto hatte ihn mit hinunter genommen und ihm das Zimmer gezeigt.

Erik kümmert sich

Vor 2 Jahren hatte das Zimmer noch kein Bett gehabt. Es stand nur das dunkelgrüne Stoffsofa mitten im Raum. Otto sagte, er könne darauf schlafen. In der Ecke hing ein kleines Waschbecken an der Wand. Otto sagte, er könne sich dort waschen. Eine kleine Küche gebe es oben. Otto sagte, er könne sie benutzen. Eine kleine Toilette gebe es oben, er könne sie benutzen. Erik sagte Ja und bekam den Schlüssel zur Eingangstür des Bestattungsunternehmens. Und er bekam den Schlüssel zu seinem Zimmer. So wurde das Zimmer mit dem kleinen Kellerfenster zu seiner Wohnung und Otto wurde so sein 1. Gast. Sein 2. Gast war Siegfried. Das war ein Jahr nach Ottos Besuch. Siegfried kam durch die Tür im Erdgeschoss des Hauses. Er kam in einem Holzsarg, Modell „Salzburg“. Erik war nicht für Angehörige zuständig, er kümmerte sich nur um die Toten. Er fing erst mit der Arbeit an, wenn alle anderen weg waren. Mit Siegfried hatte Erik aber nicht anfangen können. Siegfried war noch nicht alleine gewesen. Erik hatte in der Küche neben dem Trauerzimmer gesessen und gewartet, dass er von Otto geholt wurde. Aber Otto kam nicht. Es war schon spät. Erik wartete über eine Stunde und ging dann zum Raum für die Vorbereitung, um nachzusehen. Er wollte leise nachsehen. Er war nicht für Angehörige zuständig. Er konnte das nicht. Als er die Tür öffnete, hörte er Ottos Stimme: „Erik, gut, dass du da bist!“ Otto kam ihm schon entgegen und griff ihn am Oberarm. Erik fühlte sich unwohl. Alles war anders als sonst. Und alles, was anders war als sonst, war nicht gut. Erik war nicht für Angehörige zuständig. Er konnte das nicht. Und jetzt stand er mit einer Angehörigen in einem Raum. „Frau Hölzl, das ist Erik“, wurde er vorgestellt. Otto zog Erik in Richtung von Frau Hölzl. Otto griff ihn immer noch am Oberarm. Jetzt standen sie direkt bei Frau Hölzl und Siegfried. Siegfried lag im Sarg und Frau Hölzl saß auf einem Stuhl neben ihm und hatte ihre Hand auf dem Sargdeckel. Sie war alt, faltig und blass. Genauso wie Frau Hölzl. Sie war auch alt, faltig und blass. Sie bewegte sich nicht. Die Hand nicht und Frau Hölzl nicht. „Frau Hölzl, Erik ist da, Ihr Mann ist nicht alleine“, sagte Otto. Frau Hölzl schaute Erik an. Erik schaute Frau Hölzl an. Erik wusste nicht, was er machen sollte. Er war nicht für Angehörige zuständig. Er konnte das nicht. Er wusste nicht, was