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In this volume Alvin H. Rosenfeld criticizes the recent increase in the number of books, films and public memorials held to remember the Holocaust. It is almost perverse that such an escalation threatens rather to denigrate the remembrance of the Holocaust and effectively weakens its meaning. Rosenfeld studies a number of events, for example, Ronald Reagan´s visit to the cemetery at Bitburg in 1985 or the distortions to the story of the Anne Frank and the overall reception of the Holocaust in popular culture. He also points out the cultural forces that work to downplay the general perception of the Holocaust. The book ends with an emphatic warning against the possible consequences of proclaiming the "End of the Holocaust" in the public awareness.
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Seitenzahl: 568
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Alvin H. Rosenfeld
Das Ende des Holocaust
übersetzt von Manford Hanowell
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
eISBN 978-3-647-99668-4 ISBN 978-3-647-54042-9
Umschlagabbildung: © akg-images/Udo Hesse Berlin-Wilmersdorf, Bahnhof Grunewald. Blick auf die Gleise des ehemaligen Deportationsbahnhofes.
The End of the Holocaust, by Alvin H. Rosenfeld. Copyright © 2011 by Alvin H. Rosenfeld. German-language rights licensed from the English-language publisher, Indiana University Press.
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen
Dieses Buch ist für meine Frau,
Erna Rosenfeld,
und unsere Kinder und Enkel
Gavriel und Erika, Julia und Benjamin
Dalia und Asher,
Inhalt
Dank
Einleitung
Kapitel 1 Die gängige Kultur und die Politik der Erinnerung
Kapitel 2 Die Rhetorik der Viktimisierung
Kapitel 3 Die Amerikanisierung des Holocaust
Kapitel 4 Anne Frank: Die Jahre nach ihrem Tod
Kapitel 5 Die Anne Frank, an die wir uns erinnern / Die Anne Frank, die wir vergessen
Kapitel 6 Jean Améry: Die Angst des Zeugen
Kapitel 7 Primo Levi: Der Überlebende als Opfer
Kapitel 8 Das Überleben überleben: Elie Wiesel und Imre Kertész
Kapitel 9 Das Ende des Holocaust
Epilog Ein „Zweiter Holocaust“?
Sach- und Namensregister
Dank
Viele Freunde, Kollegen, frühere Studenten und Familienmitglieder haben jeweils Teile des Manuskripts gelesen und mir viele wertvolle Erkenntnisse vermittelt. Während sie keinerlei Verantwortung tragen für eventuelle Fehler, die in der Schlussfassung dieses Buches vielleicht noch vorhanden sind, haben sich aber ihre Kommentare und ihre Kritik immer wieder als sehr nützlich erwiesen. Besonders danke ich Edward Alexander, Ilan Avisar, Lisa Braverman, Dov-Ber Kerler, Myron Kolatch, Barbara Krawcowicz, Matthias Lehmann, Vivian Liska, Daniel und Gale Nichols, Cynthia Ozick, Aron Rodrigue, Dalia Rosenfeld, Erna Rosenfeld, Gavriel Rosenfeld, Sidney Rosenfeld, Tammi Rossman-Benjamin, John Schilb, David Semmel, David Singer, Eric Sundquist, Leona Toker, Jeffrey Veidlinger und Elhanan Yakira. Sehr gern möchte ich auch die Unterstützung von Meghan Clark würdigen, die mir mit ihrer Kompetenz und ihrer Fröhlichkeit geholfen hat, das Manuskript dieses Buches für die Veröffentlichung vorzubereiten.
Ich danke der Universität von Indiana dafür, dass sie mir das Wintersemester 2009 als Forschungsfreisemester ermöglicht hat, und Andrea Ciccarelli, dem Direktor des Arts and Humanities Institute des Universitäts-College (CAHI), für die Gewährung eines Forschungsstipendiums während des Frühjahrs 2010. Beide Stipendien ermöglichten es mir, in einer wesentlich konzentrierteren Weise zu arbeiten, als mir das sonst möglich gewesen wäre.
Dank sage ich auch den folgenden Institutionen für die Erlaubnis, frühere Fassungen eines Teils des in diesem Buch verwendeten Materials nachzudrucken:
Dem Jean and Samuel Frankel Center for Judaic Studies der Universität Michigan für die Erlaubnis, eine frühere Fassung von „Die Amerikanisierung des Holocaust“ nachzudrucken, die als The David W. Belin Lecture in American Jewish Affairs erschienen war.
Dem United States Holocaust Memorial Museum für die Erlaubnis, Material von „Anne Frank und die Zukunft des Holocaust-Gedenkens“, Joseph and Rebecca Meyerhoff Annual Lecture, nachzudrucken, Material, das als Gelegenheitsbeitrag im Center for Advanced Holocaust Studies des Museums verfügbar ist (Copyright 2005 beim United States Holocaust Memorial Museum).
Der Northwestern University Press für die Erlaubnis, Material von „Popularization and Memory: The Case of Anne Frank“, nachzudrucken, erschienen 1991 in Lessons and Legacies: The Meaning of the Holocaust in a Changing World, hg. Peter Hayes.
Dem American Jewish Committee für die Erlaubnis, Material aus „The Assault on Holocaust Memory“, American Jewish Year Book (2001), nachzudrucken.
Der American Labor Conference on International Affairs, Inc. für die Erlaubnis, Kommentare zu Imre Kertész und Elie Wiesel nachzudrucken, die November/Dezember 2004 bzw. Januar/Februar 2009 in The New Leader erschienen sind.
Dem Weekly Standard für die Erlaubnis, Material nachzudrucken, das ursprünglich in „Exploiting Anne Frank“ erschienen ist und zuerst am 23. Juni 2008 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Informationen siehe www.weeklystandard.com.
Einleitung
In diesem Buch geht es um Opfer und Überlebende des Holocaust. Es lässt etwas von dem erkennen, was wir inzwischen über diese Menschen und auch über uns selbst im Verhältnis zu ihnen denken. Darüberhinaus richtet sich mein besonderes Augenmerk auf die sich allmählich verändernde Wahrnehmung des Holocaust in der gegenwärtigen Kultur sowie auf den starken Einfluss, den gewisse kulturelle Zwänge und Wertungen auf unser gefühlsmäßiges Verhältnis zu dieser besonderen Periode der Vergangenheit ausüben. Es ist eine grauenhafte Vergangenheit, dabei aber auch eine unausweichliche. „Unausweichlich“ ist jedoch nicht dasselbe wie „akzeptabel“. Und die Geschichte des Holocaust wird, wie ich zeigen werde, nur dadurch weitgehend akzeptabel, dass der grundlegende Charakter des Erzählens von dem Geschehen eine Wandlung dahingehend erfährt, dass sehr viele Menschen sich mit dem Geschehen identifizieren können. Den Kern dieses Prozesses der Wandlung und der Identifikation bildet das Schicksal der Opfer und der Überlebenden – dazu gehören ihre Erinnerungen, Berichte und ihr zukünftiger Status als nur in der Vorstellung existierende Personen innerhalb einer sich ständig neu herausbildenden Charakteristik der Schilderungen der Nazi-Verbrechen gegen die Juden.
Wenn ich von den Opfern und Überlebenden als Personen spreche, die nur in der gedanklichen Vorstellung noch präsent sind, dann ist mir bewusst, dass ich Gefahr laufe, missverstanden zu werden. Offensichtlich waren (und sind) sie wirklich existierende Menschen, die gezwungen wurden, ein ganz reales, entsetzliches Leiden zu erdulden. Um all das geht es hier aber nicht. Es geht hier vielmehr um die Quellen unserer Kenntnis ihres Leidens. Wenn man diese Quellen, besonders in ihren eher gängigen Ausprägungen, betrachtet, dann wird unsere Aufmerksamkeit unausweichlich genauso unmittelbar auf die erzählerische Kraft der Literatur und anderer kultureller Darstellungsformen gelenkt wie auf die dokumentarischen Quellen der meisten historischen Darstellungen. Die Betonung des Erzählerischen – sowohl des Erzählaktes selbst als auch des Erzählten – ist hier durchaus beabsichtigt. Denn nur dadurch, dass wir das Erzählerische angemessen würdigen, können wir die Hoffnung haben zu begreifen, auf welche Weise die Vergangenheit die meisten von uns überhaupt erreicht. So verstanden, umfasst Geschichte daher sowohl das Geschehen selbst als auch seine Darstellung. Und die Geschichte des Geschehens wird, wie Yosef Yerushalmi es ausdrückt, „nicht auf dem Amboss des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanautors geformt“.1 Die Rolle des Historikers ist durchaus wichtig für die Aufdeckung der Vergangenheit und wird es auch immer bleiben; dennoch hängt das historische Gedächtnis im weiteren Sinne vielleicht weniger von den Berichten über Geschehnisse ab, die von Historikern verfasst worden sind, als vielmehr von der eigenständigen Gestaltung dieser Geschehnisse etwa durch Autoren, Filmproduzenten, Künstler. So beschreibt Raul Hilberg, der sich als Historiker großes Ansehen dadurch erworben hat, dass er die Bedeutung des souveränen Umgangs mit den wesentlichen historischen Dokumenten betont, die Situation, die ich deutlich machen möchte: „Um den Holocaust darzustellen“, sagte Claude Lanzmann einmal zu mir, „muss man ein Kunstwerk schaffen. … Der Künstler bemächtigt sich der Tatsächlichkeit, indem er eine rasch schwindende Realität durch einen Text ersetzt. Die auf diese Weise geschriebenen Worte nehmen dann den Platz der Vergangenheit ein. Es sind diese Worte – und nicht so sehr die Ereignisse selbst –, die in Erinnerung bleiben werden“.2 Imre Kertész, der ungarisch-jüdische Autor und Nobelpreisträger, der „die Ereignisse“, auf die Hilberg sich bezieht, selbst durchlitten hat, stimmt ihm zu: „Das Konzentrationslager ist nur und ausschließlich als Literatur vorstellbar, niemals als Realität. (Nicht einmal – und dann sogar am allerwenigsten –, wenn wir es selbst unmittelbar durchlebt haben.)“3
Wenn man Yerushalmi, Hilberg und Kertész folgt, dann wird klar, dass jeder, der heute, mehr als 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Befreiung der Nazi-Todeslager, über den Holocaust schreibt, sich mit großer Wahrscheinlichkeit recht bald bewusst wird, dass er sowohl über Fragen literarischer und kultureller Natur als auch über solche nachdenkt, die rein historischer Art sind. Es ist nicht so, dass wir all das über die Katastrophe selbst wissen, was wir brauchen und auch wissen wollen. Ganz und gar nicht! Weil uns schmerzhaft bewusst geworden ist, dass die Kenntnis dieser Periode der Vergangenheit uns in Gestalt eines so umfangreichen und verschiedenartigen Materialbestandes übermittelt worden ist, ist es vielmehr notwendig, sowohl über die Art und die Funktion dieser Vermittlungsformen als auch über den Charakter der historischen Information und Interpretation, die sie mitteilen, nachzudenken. Deshalb sind Untersuchungen über die literarische Repräsentation der Vergangenheit in den letzten Jahren als ein wesentlicher Teil der Aufarbeitung des Holocaust stark in den Vordergrund getreten. Aus demselben Grunde fühlen sich viele veranlasst, genau den Ausdruck, der gemeinhin zur Bezeichnung des von den Nazis an den Juden begangenen Völkermordverbrechens verwendet wird, in Anführungszeichen zu setzen – also „Holocaust“ statt Holocaust –, um damit anzudeuten, wie ungeheuer wichtig es ist, das konstruierte „Erzählen“ von dem Geschehen wirklich zu begreifen, wenn man überhaupt die Hoffnung hat, dessen Geschichte und die Erinnerung daran in einer verantwortungsvollen Weise zu bewahren. Den meisten Menschen ist dieses Geschehen außer in der Form seiner anschaulichen Darstellung nämlich einfach nicht zugänglich. Weil die letztgenannte Gruppe inzwischen so zahlreich und auch so unterschiedlich ist, ist es wichtig, dass man sein Augenmerk unter anderem auf folgende Fragen richtet: Wie und durch wen ist die Geschichte des Holocaust übermittelt worden? Wie und von wem wird sie aufgenommen? Innerhalb welcher speziellen kulturellen Kontexte geschieht dies? Inwieweit ist die Auswirkung auf das individuelle und das kollektive Bewusstsein überhaupt messbar? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das kulturelle Gedächtnis? Das sind komplexe Problemkreise, aber sie erfordern unsere Aufmerksamkeit, wenn wir den Stellenwert dieser traumatischen Periode der Vergangenheit sowohl in unserem gegenwärtigen Leben als auch – möglicherweise in veränderter Form – im Leben kommender Generationen überhaupt verstehen sollen. In den folgenden Kapiteln wird es daher mein oberstes Ziel sein, die sich herausbildenden Ausdrucksformen des „Erzählens“ von dem Holocaust-Geschehen nachzuzeichnen und nicht so sehr etwas signifikant Neues zur Geschichte des Geschehens selbst beizutragen.
Es gab eine Zeit, und sie liegt nicht weit zurück, in der man allgemein davon ausging, dass das „Erzählen“ von dem Geschehen sich auf drei Hauptgruppen verteilte: die Opfer, ihre Mörder und die große Mehrheit der Menschen, die in der jeweiligen Gesellschaft bei dem immer offenkundiger werdenden Verbrechen zusahen oder eben auch wegsahen. Die meisten wussten (obwohl nicht jeder bereit war, es zuzugeben), dass die Hauptopfer die europäischen Juden waren. Es ist jedoch schon lange bekannt, dass andere Gruppen, unter ihnen eine große Anzahl von Slawen, Sinti und Roma, dann auch Behinderte, Homosexuelle sowie bestimmte politische und religiöse Gruppen, ebenfalls das Ziel von Misshandlungen, Unterjochung, Versklavung und in mehreren Fällen auch Ermordung durch die Nazis waren. Dennoch herrschte weithin die Erkenntnis vor, dass Hitlers besessene Fixierung auf die Juden den grauenhaftesten, allumfassenden Verbrechen des Dritten Reichs zugrundelag und dass die Juden und nur die Juden für die totale Vernichtung vorgesehen waren. Dass der Völkermord nicht vollständig gelang, war nicht so sehr darauf zurückzuführen, dass er in seiner Totalität den mörderischen Plänen etwa nicht entsprochen hätte, sondern eher auf eine Folge von Ereignissen außerhalb der Einflussnahme der Verbrecher. Um das Ausmaß der grauenhaften Untaten darzustellen, ist die Zahl „sechs Millionen“ generell als autoritativ anerkannt worden, mit der der Umstand gekennzeichnet werden sollte, dass die Juden, verfolgt und dahingeschlachtet en masse, die Hauptopfer des Holocaust waren.
Was die Täter angeht, so war ihre Identität von Anfang an deutlich: Es waren die deutschen Gefolgsleute Hitlers, die militärischen und auch die zivilen, sowie Mitglieder anderer europäischer Gruppen, die den Nazis dabei halfen, ihre infame „Endlösung der Judenfrage in Europa“ zu verwirklichen. Die Kriegsverbrecherprozesse der Nachkriegszeit machten einer breiten Öffentlichkeit die Namen, Gesichter und Alibi-Versuche einer kleinen Anzahl der Haupttäter zugänglich. Einige der schlimmsten Verbrecher, unter ihnen Hitler selbst, entzogen sich der Gerechtigkeit durch Selbstmord, Verschleierung oder durch Flucht ins Ausland. Die meisten der anderen blieben in Deutschland, Österreich oder in ihrer jeweiligen Heimat innerhalb von Europa und zogen es vor, über ihre Mittäterschaft an den Verbrechen des Dritten Reiches Stillschweigen zu bewahren, oder sie versteckten sich in der Unauffälligkeit von im allgemeinen farblosen bürgerlichen Existenzen. Während die meisten Namen und spezifischen Verbrechen der einzelnen Täter in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurden, so blieb ihre kollektive Identität als Nazi-Mörder durchaus im Bewusstsein haften und wurde von Zeit zu Zeit durch bestimmte öffentliche Sensationsenthüllungen sogar deutlicher wahrnehmbar. Beispiele sind die Ergreifung und die Verurteilung Adolf Eichmanns sowie die Jagd auf andere Nazi-Verbrecher und ihre Verurteilung.
Was die übrigen Gesellschaftsgruppierungen angeht – heute gemeinhin bekannt als „Zuschauer“ –, so handelte es sich um diejenigen, die wenig dazu beitrugen, die „Endlösung“ entweder voranzutreiben oder sie zu verhindern; sie verhielten sich stattdessen eben als unbeteiligte Zuschauer, was in gewissem Maße dazu führte, dass die „Endlösung“ ungehemmt weitergehen konnte. Diese Menschen bilden eine Kategorie, die weite und sehr unterschiedliche Bevölkerungskreise umfasst; dazu gehören die ganz gewöhnlichen Bürger der meisten von den Nazis besetzten europäischen Länder sowie auch größere europäische Institutionen wie etwa die christlichen Kirchen, das Rote Kreuz, Universitäten, Bereiche in Handel, Gewerbe und Industrie, Teile der Arbeitnehmerschaft, der Justiz, der Verwaltung usw. Wie Raul Hilberg es ausdrückt, waren die Zuschauer diejenigen, die „nicht ‚beteiligt‘ waren, die den Opfern nicht schaden und von den Tätern keinen Schaden erleiden wollten“.4 Zwar profitierten etliche von dem Unglück und dem Verschwinden der Juden, die meisten hatten sich jedoch keiner spezifischen Verbrechen schuldig gemacht. Und während einige ihren jüdischen Nachbarn durch kleine Akte des Anstandes und der Freundlichkeit Hilfe zukommen ließen, so haben die meisten mangels wirklich verdienstvoller Taten für sich keine Ehre eingelegt. Sie waren weder Helden noch Verbrecher, sondern ganz gewöhnliche Menschen, die harte Zeiten durchlebten und zuschauten, wie andere um sie herum noch viel Härteres und Grausameres durchmachten. In moralischer Hinsicht wurde die Passivität der Zuschauer nach und nach als eine Form stillschweigender Komplizenschaft verstanden. Ihre Rolle war jedoch unauffällig und rief bei ihnen keine Gefühle hervor, die denen des Mitleids und des Schreckens vergleichbar gewesen wären, die durch das Los der Opfer hervorgerufen wurden, auch nicht den Gefühlen der Verachtung, der Empörung und des Abscheus angesichts der Verbrechen der Täter.
Es gibt aber auch andere, die ebenfalls in den Rahmen dieses Geschehens gehören. Es sind vor allem die, die aktiv gegen die Nazis und ihre Helfershelfer gekämpft haben, dann auch die, die unerschrocken bereit waren, die Juden, denen die Verfolgung als Opfer drohte, zu schützen oder auch zu retten. Dennoch geht man im Großen und Ganzen davon aus, dass die Geschichte des Holocaust die Geschichte der Opfer, der Täter und eben auch der Zuschauer ist. In den Jahren unmittelbar nach der Niederlage Nazi-Deutschlands und auch noch später ist das Erzählen von dem Holocaust im Hinblick auf die genannten drei Gruppen im Kern immer sehr deutlich geblieben. Und zumindest bei der Mehrheit derer, die ernsthaft über dieses Geschehen nachgedacht und geschrieben haben, bestand immer ein hoher Grad an Übereinstimmung in Bezug auf das Wesen der Katastrophe, wenn auch nicht in Bezug auf ein vollkommenes Begreifen der Motive derer, die dafür verantwortlich waren. Die Frage, warum Völkermord in der Mitte des 20. Jahrhunderts Teil der europäischen Geschichte wurde, lässt sich nicht leicht beantworten. Aber dass der Völkermord geschah, wie er geschah, wer ihn beging und wer die Hauptopfer waren – diese Tatsachen waren nie strittig.
Zum größten Teil gelten die wesentlichen Züge der oben umrissenen Darstellungsformen unter ernsthaften Forschern, die die Nazi-Ära untersuchen, immer noch. Über die Zeit hin haben sich jedoch in subtiler und auch weniger subtiler Form Verschiebungen sowohl bei der Definition als auch bei dem Stellenwert innerhalb der Hauptkategorien des Erzählens von dem Holocaust-Geschehen ergeben. Aufgrund einer ganzen Anzahl von Variablen haben sich die Konturen und auch die Bedeutung des Begriffes „Holocaust“ nach und nach fast unmerklich gewandelt. Als ein Resultat eines solchen Wandels ist z. B. die Kategorie „Opfer“ allmählich erweitert worden und umfasst nun auch andere Menschen als nur die Juden. Je nach unterschiedlicher Lesart kann in der Kategorie „Täter“ die Rolle der „ganz gewöhnlichen Deutschen“ entweder bagatellisiert oder schlimmer dargestellt werden; in bestimmten extremen Fällen kann sie sogar selbst Juden mit einschließen. Und der Begriff „Zuschauer“, so argumentieren einige, sollte nicht nur die Vielzahl derer, die in den von den Nazis beherrschten europäischen Ländern nur zuschauten, einschließen, sondern darüberhinaus auch die organisierten Eliten der amerikanischen und britischen Juden sowie die polititischen Führungspersönlichkeiten Palästinas vor der jüdischen Staatsgründung. Während also die Hauptakteure in der „Geschichte“ des Holocaust – Opfer, Täter, Zuschauer – dieselben bleiben, haben aber die Kategorien selbst eine neue Dehnbarkeit erfahren, wodurch sie jetzt Einzelpersonen und Typen umfassen können, die sie vorher nicht enthielten. Überdies sind einige derer, die in der Vergangenheit in diesem Drama relativ untergeordnete Rollen gespielt haben – vor allem „Überlebende“ und „Lebensretter“ –, gleichsam neu eingeordnet worden und genießen heute eine wesentlich größere Beachtung. Es gibt auch andere – Typen, die erst kürzlich hervorgetreten sind oder hervorzutreten sich bemühen, aber auch solche, die daran gehindert werden, als Beteiligte an dem wesentlichen Erzählen von dem Geschehen hervorzutreten. Innerhalb Deutschlands werden „Widerstandskämpfer gegen die Tyrannei der faschistischen Herrschaft“ sowie unter anderem auch deutsche Opfer von alliierten Bombenangriffen, von Plünderungen durch sowjetische Soldaten, von Vergewaltigungen, Vertreibungen von einigen besonders in den Vordergrund gestellt. In Polen werden „Märtyrer der polnischen Nation“ besonders geehrt. In Ungarn, Rumänien, der Ukraine und in den baltischen Staaten wird den nationalen Opfern des „doppelten Völkermordes“ ein neuer Stellenwert mit einer neuen Gleichstellung verliehen, indem die „Märtyrer“ des sowjetischen Kommunismus zusammen mit den jüdischen Opfern der Nazi-Tyrannei (in manchen Fällen sogar anstelle dieser Gruppe) geehrt werden. In Frankreich, den Niederlanden und anderen westeuropäischen Ländern streitet man sich über die Rolle von „Kollaborateuren“. In Israel werden „jüdische Helden“ von der gesamten Nation schon lange geehrt, und innerhalb gewisser Kreise lässt sich ein beginnendes Interesse an „jüdischen Rächern“feststellen. In den Vereinigten Staaten stehen „Überlebende“ und „Befreier“ an vorderster Stelle des öffentlichen Interesses. In großen Teilen der muslimischen Welt wird der Nazi-Holocaust als Völkermord an den Juden entweder völlig geleugnet oder durch radikale Entstellung und sogar Umkehrung in der Weise vereinnahmt und neu dargestellt, dass man die israelischen Juden als „Nazis“ wegen „Völkermordes“ an den palästinensischen Arabern anprangert. Wie all diese typologische brodelnde Unruhe zusammen mit den widerstreitenden Auffassungen und dem generellen Wandel sich schließlich entwirrt, und wie all das mit der Zeit unser gefühlsmäßiges Verhältnis zu dieser Periode der Vergangenheit möglicherweise neu gestalten wird, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Ich will jedoch versuchen, den sich schon länger abzeichnenden Wandel zu beschreiben sowie einige der kulturellen Ursachen und Folgen zu erläutern.
Zumindest beabsichtige ich zu zeigen, dass das „Erzählen“ von dem Holocaust-Geschehen keineswegs für alle Zeiten eine unveränderliche Form hat, sondern sehr stark im Fluss ist. Mit Sicherheit auf der Ebene der gängigen Massenkultur, aber in gewissem Maße auch innerhalb der akademischen Forschung über dieses Thema ist der Holocaust ein schwer fassbarer Komplex mit widerstreitenden Vorstellungen, Interpretationen, historischen Ansprüchen und Gegenansprüchen. So kritisieren einige Befürworter der Völkermordforschung z. B. die Aufmerksamkeit, die der Holocaust bisher erfahren hat, als zu eng oder zu limitiert und vertreten die Auffassung, es sei an der Zeit, die historische Untersuchung der Nazi-Verbrechen an den Juden in den breiteren Rahmen der vergleichenden Forschung ihrer Disziplin einzubetten. Andere argumentieren dahingehend, dass die Holocaust-Forschung dadurch, dass sie den Juden innerhalb der verschiedenen Opfergruppen den höchsten Stellenwert zuerkennt, diesen Status anderen Opfergruppen verweigere und nur den Juden ein „permanentes Privileg“ gewähre. Einige behaupten sogar, dies seien Kunstgriffe und gehörten zu einem „zionistischen“ Plan, Israel durch ausschließliche Konzentration auf jüdisches Leiden währen der Nazi-Ära zum Nutznießer des allgemeinen Mitgefühls zu machen. In diesen und auch anderen Fällen sind hermeneutische Diskussionen darüber, wie die „Geschichte“ erzählt oder nicht erzählt werden sollte, sogar wessen „Geschichte“ es ist und wer deshalb das Recht hat, sie zu erzählen, keine geheimen Angelegenheiten, sondern tatsächlich Fragen von beträchtlicher kultureller, politischer und sogar nationaler Bedeutung. Sie sind aufs engste verknüpft mit Fragen der Identität von Personen und Gruppen; der nationalen Verantwortung, der Ehre, des Schamgefühls; der religiösen und moralischen Integrität; und schließlich der fundamentalen politischen Werte. Angesichts all dieser und anderer Punkte erfordert der Holocaust eine bestimmte Art leidenschaftlicher Aufmerksamkeit, die jene übertrifft, die durch die meisten anderen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts hervorgerufen worden ist. Seine Darstellungsform hat nun eine eigene Sprache geschaffen, die auf allen Ebenen unserer Kultur weit verbreitet ist und in vielfältiger Weise gebraucht und auch missbraucht wird. Während es immer noch vieles gibt, das wir über den Holocaust in seiner Zeit nicht verstehen, so können wir uns der Nachwirkung in unserer Vorstellung oder auch seiner rhetorischen Präsenz nicht entziehen. Ich hoffe, dass ich auf den folgenden Seiten etwas von der Art und Weise verdeutlichen kann, in der diese Präsenz – sichtbar in dem sich immer noch entwickelnden Erzählen von dem Geschehen – vor einem großen und aufnahmebereiten Publikum am Leben erhalten wird. Dieses Publikum wird in einer bestimmten Weise durch das Erzählen verändert, und umgekehrt gilt das Gleiche. Aus bestimmten Gründen, die später deutlich werden, werde ich mich hauptsächlich auf Darstellungen über „Opfer“ und „Überlebende“ konzentrieren, auf die beiden Gruppen, die in den letzten Jahren die größte Aufmerksamkeit erhalten haben; dennoch werde ich auch hinsichtlich der „Täter“, der „Lebensretter“ usw. mehr als bloße Andeutungen machen.
Ein Wort über das Wesen meiner engagierten Haltung zu diesen Problemkreisen: Wie ich die Tendenz des Wandels innerhalb einer sich herausbildenden öffentlichen Erinnerung an den Holocaust, insbesondere in der amerikanischen Kultur, einschätze, so erreichen wir möglicherweise einen Punkt des Überdrusses in Bezug auf eine ernsthafte fortdauernde Beschäftigung mit den Nazi-Gewalttaten gegen die Juden. In gewissen Kreisen ist ein solcher Punkt auch tatsächlich schon erreicht. Angesichts von Opfern immer neuer Gewalttaten, von denen täglich in den Medien berichtet wird, und im Hinblick darauf, dass das Mitgefühl irgendwann an seine Grenzen stößt, gibt es Leute, die einfach nichts mehr über die Juden und ihr Leid hören wollen. Es gebe andere Tote, die man begraben müsse, sagen sie, andere Verluste zu beklagen. Genug also über Auschwitz und Treblinka. Anderswo bleibt die Aufmerksamkeit bestehen, aber sie kann seltsame Formen annehmen; so wird der millionenfache Mord zu Programmen populärer Unterhaltung pervertiert, zu Strategien politischer Aktionen; oder er erhält neue theologische und liturgische Ausdrucksformen oder auch gut gemeinte, aber häufig banale Grundlagen für bürgerliche und moralische Erziehung. Wenn einige dieser Tendenzen anhalten, und das wird wahrscheinlich der Fall sein, dann kann man sich eine Zeit vorstellen, in der die Erinnerung an die jüdische Katastrophe unter Hitler auf den Status einer grausigen Horrorshow oder eines modernen Passionsspiels reduziert wird; in der das ungeheure historische und moralische Gewicht der Nazi-Verbrechen auf die vertrauten Kategorien einer Sonntagsschulpredigt oder eines konventionellen filmischen Kassenschlagers zurechtgestutzt wird. Wie ich zeigen werde, sind wir tatsächlich bereits in einer solchen Zeit, wenn man das allmähliche Schwinden des historischen Gedächtnisses und die Vergröberung jedes moralischen Bewusstseins betrachtet, welches doch von der Bewahrung eines klaren Blicks in die Vergangenheit abhängt.
Es ist genau diese Erkenntnis, die einen gewissen Skeptizismus in dem Titel dieses Buches deutlich macht: Das Ende des Holocaust. Warum, so werden einige fragen, soll das Weiterleben eines kulturellen Phänomens, dessen Kraft und Reichweite größer als je sind, in Frage gestellt werden? Schließlich werden jedes Jahr neue Bücher und Artikel über den Holocaust publiziert; es kommen neue Filme und Fernsehsendungen heraus; neue Museen und Forschungszentren entstehen; neue Schul-Curricula werden entwickelt und eingeführt; neue Klassen, Konferenzen, öffentliche Gedenkfeiern werden ins Leben gerufen; usw. Das Verzeichnis der Association of Holocaust Organizations von 2010 z. B. beläuft sich auf 272 Seiten und führt weltweit etwa 250 Institutionen und Organisationen auf, die auf die eine oder andere Weise Dienste anbieten, Geldmittel sammeln und Programme bereitstellen, die sich auf den Holocaust beziehen. Angesichts so vieler laufender Aktivitäten deutet alles klar in die entgegengesetzte Richtung – auf mehr und nicht weniger Aufmerksamkeit, die dem Holocaust entgegengebracht wird. Warum spricht man denn dann von seinem „Ende“?
Was ich im Sinn habe, wenn ich diesen Ausdruck verwende, wird in den folgenden Kapiteln deutlich. Mein übergreifendes Argument hat mehr zu tun mit dem sich wandelnden Charakter der historischen Wahrnehmung und ihrer Abschwächung als mit der historischen Periodisierung und den genauen End-Zeitpunkten. Es ist z. B. durchaus sinnvoll zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg in Europa im Frühjahr 1945 endete; nicht sinnvoll wäre hingegen die Aussage, dass auch der Holocaust zu dieser Zeit endete. Für viele Überlebende ist der Holocaust ja nie zu Ende gegangen und wird auch nie enden, bis dass sie sterben. Zumindest wird die angstvolle Pein als nie endend empfunden. Dabei denke ich z. B. an Primo Levi, dessen Schriften den unveränderlichen Charakter dessen, was er mit Anmut und für ihn kennzeichnendem understatement „den Verstoß“ nennt, schmerzhaft verdeutlichen. Nach seiner Befreiung von Auschwitz kehrte Levi in seine Heimat Italien zurück und musste feststellen, dass die Leiden, die er durchgemacht hatte, in seinem Inneren haften blieben. Er war zwar zu Hause, inmitten seiner Familie und seiner Freunde, aber in seinen Träumen wurde er woanders hin entführt: „Alles hat sich jetzt in Chaos verwandelt; ich bin allein inmitten eines grauen und trüben Nichts. Und jetzt weiß ich, was all das bedeutet, und ich weiß auch, dass ich es schon immer wusste: Ich bin wieder im Lager, und außerhalb des Lagers gibt es nichts Wirkliches“.5 Für Levi und auch für zahllose andere, die in den Nazi-Lagern gefangen gehalten worden waren, kommen die Albträume immer wieder, und ein Ende ist nicht in Sicht. Für sie war und bleibt der Holocaust ein andauerndes Trauma, das weit entfernt davon ist, jemals sein „Ende“ zu erreichen.
Was geschieht aber mit solchen Leiden, wenn sie ohne den nötigen Ernst behandelt werden, wenn sie für politischen oder wirtschaftlichen Profit instrumentalisiert und zu etwas völlig Gegenteiligem pervertiert werden? Was geschieht mit unserem gefühlsmäßigen Verhältnis zu dieser entsetzlichen Periode der Vergangenheit, wenn sie umprogrammiert wird, um dem populären Geschmack entgegenzukommen, und zu preisgekrönten Unterhaltungsveranstaltungen über ein fast sogar schönes Leben verkommt? Was geschieht, wenn andere Anspruch erheben auf das spezifische Sprechen vom Holocaust, wenn die Leiden der Juden durch andere Leiden relativiert werden und wenn sie zum Gegenstand hässlicher Diskussionen über eine vergleichende Behandlung der Schicksale der Opfer verkommen? Was geschieht mit der öffentlichen Wahrnehmung der Vergangenheit, wenn sich das Interesse daran von der Beschäftigung mit den Nazi-Verbrechen auf juristische Streitereien über Nazi-Gold verschiebt? Oder was geschieht, wenn einige Gefallen daran finden, die historische Basis all dieser Verbrechen völlig zu leugnen, und versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Holocaust nichts anderes ist als ein ausgeklügelter Betrug, der nur „jüdischen“ oder „zionistischen“ Interessen dient? Welches Stadium des historischen Bewusstseins haben wir eigentlich erreicht, wenn, wie man mit Bestürzung erfährt, Kinder von Überlebenden des Holocaust es tatsächlich über sich bringen, Witze wie die folgenden zu machen?: „Warum beging Hitler Selbstmord? Weil er die Gasrechnung bekam. – Was ist der Unterschied zwischen einem Brotlaib und einem Juden? Ein Brotlaib schreit nicht, wenn er in den Ofen geschoben wird“.6
Was angesichts solcher Entwicklungen geschieht, lässt sich ziemlich genau vorhersagen: In dem Maße, wie die Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen trivialisiert und banalisiert wird, wird einer von Katastrophen gekennzeichneten, durch und durch blutbefleckten historischen Periode ihre historische Last genommen, wodurch das Gefühl für die Schmach verloren geht, deren man sich notwendigerweise stets bewusst sein sollte. Gerade der Erfolg des in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Wissens um den Holocaust kann dazu führen, seinen gravierenden Charakter auszuhöhlen und ihn als fast vertraut erscheinen zu lassen. Je erfolgreicher der Holocaust in den generellen kulturellen Trend Eingang findet, umso alltäglicher wird er. Eine weniger belastende Version einer tragischen geschichtlichen Periode beginnt sich abzuzeichnen – sicherlich immer noch angefüllt mit Leiden, jedoch mit einem Leiden, das um viele der gewichtigsten moralischen und intellektuellen Ansprüche entlastet worden und daher leichter zu tragen ist. Indem das Leiden durch wiederholte Beschäftigung damit zunehmend vertrauter wird, nimmt es „normalen“ Charakter an. Und bald wird es sich zu etwas anderem wandeln – zu einem Vorrat von „Lektionen“ über „die Unmenschlichkeit des Menschen dem Menschen gegenüber“, zu einer Metapher für die generelle Viktimisierung, zu einem rhetorischen Element parteistrategischer Politik sowie zu einer filmischen Kulisse familiengerechter Melodramen. Wenn man beobachtet, wie Hitlers Krieg gegen die Juden derartige Veränderungen erfährt, dann kann man mit gutem Recht wirklich skeptisch werden und anfangen, so etwas wie das herannahende „Ende des Holocaust“ zu ahnen. Zwar werden sicherlich Bücher, Filme, Fernsehsendungen, beliebte Theaterstücke, Gedenkveranstaltungen und Ähnliches weiterhin Berichte und Bilder von dem Geschehen für ein breites und aufnahmebereites Publikum bereithalten; aber diese breitgestreute Konfrontation damit wird als solche die Fortdauer der historischen Erinnerung an den Holocaust, einer Erinnerung, die die Vergangenheit mit den schlimmsten Exzessen getreu wiedergibt, kaum garantieren. Es ist vielmehr eher wahrscheinlich, dass die andauernde Entschärfung des Holocaust dazu führt, dass man den Schrecken dieser historischen Periode gegenüber abgestumpft wird, dass sie mit der Zeit weniger ungeheuerlich wirken und letztlich fast dem Vergessen anheimfallen. Imre Kertész formuliert den Kern dieses scheinbaren Paradoxons sehr genau: „Der Holocaust scheint immer unverständlicher zu werden, je mehr darüber gesprochen wird. … Er tritt mehr und mehr zurück in eine entfernte Geschichte, je mehr Gedenkstätten wir errichten. … Die unerträgliche Last des Holocaust hat mit der Zeit sprachliche Formen geschaffen, mit denen man scheinbar über den Holocaust spricht, wobei das Geschehen selbst aber nicht einmal berührt wird“.7
Zuzuschauen, wie diese Entwicklungen sich nach und nach herausbilden, ist nicht einfach, und leidenschaftslos über sie zu schreiben, noch weniger. Dennoch habe ich versucht, in meinen Beschreibungen und meiner Analyse des Phänomens, das ich behandele, sowohl zurückhaltend als auch deutlich zu sein. Ob mir das immer gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Wie aus meiner Darstellung zweifellos hervorgeht, gibt es gewisse Verfälschungen des Andenkens der Toten, die ich einfach für unerträglich halte; und ich fühle mich sehr dazu gedrängt, das auch zu sagen. Gleichwohl halte ich nichts davon, das Thema übermäßig zu dramatisieren oder darüber in einen Prosastil zu verfallen, der die Leser einschüchtert. Besonders in den Fällen, in denen ich Autoren behandele, die selbst Überlebende des Holocaust sind, habe ich mich um eine möglichst sachliche Darstellungsweise bemüht; denn nur dadurch kann man dem Ziel, die wesentlichen Wahrheiten herauszuarbeiten, näher kommen, denen diese Autoren sich verpflichtet fühlen. Eine dieser Wahrheiten, die Jean Améry in denkwürdiger Weise formuliert hat, gibt den Ton und die Richtung vor, die ich inspirierend finde und denen ich in dem vorliegenden Buch zu folgen versucht habe:
Es ist sicher wahr, dass moralische Entrüstung nichts ausrichten kann gegen die sich unhörbar nach und nach herausbildenden zerstörerischen Effekte der Transformation. Es ist hoffnungslos, vielleicht sogar gänzlich ungerechtfertigt, zu verlangen, den Nationalsozialismus mit derselben emotionalen Intensität wie in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als Schande zu empfinden. Zweifellos gibt es so etwas wie eine historische Entropie: Das historische ‚Wärme-Gefälle‘ verschwindet. … Aber bei der Betrachtung historischer Prozesse sollte man diese Entropie nicht auch noch fördern; im Gegenteil, man sollte ihr mit allen Kräften entgegenwirken.8
Als Tribut an das moralische Zeugnis von Jean Améry, Primo Levi, Imre Kertész, Elie Wiesel und anderen wünsche ich mir, dass dieses Buch, zumindest in bescheidenem Rahmen, dazu beitragen möge, ein gewisses Maß an Entrüstung am Leben zu erhalten.
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1 Yosef Hayim Yerushalmi, Zakhor: Jewish History and Jewish Memory (Seattle: University of Washington Press, 1982), 98.
2 Raul Hilberg, The Politics of Memory: The Journey of a Holocaust Historian (Chicago: Ivan Dee, 1996), 83.
3 Imre Kertész, „Who Owns Auschwitz?“, The Yale Journal of Criticism 14, No. 1 (2001): 268.
4 Hilberg, Perpetrators Victims Bystanders: The Jewish Catastrophe, 1933–1945 (New York: Harper Collins, 1992) xi.
5 Primo Levi, The Reawakening, übers. Stuart Woolf (New York: Collier Books, 1993), 207.
6 Shai Oster, „Shoah Business, Humour and the ‚Second Generation‘“, The Jewish Quarterly (Autumn 1998), 13–18.
7 Kertész, „Language in Exile“ [unveröffentlichte englische Übersetzung eines ungarischen Aufsatzes, mit freundlicher Genehmigung des Autors].
8 Jean Améry, Radical Humanism: Selected Essays, übers. Sidney Rosenfeld und Stella P. Rosenfeld (Bloomington: Indiana University Press, 1984), 64–65.
Kapitel 1 Die gängige Kultur und die Politik der Erinnerung
Die meisten Menschen betrügen sich bewusst mit einer doppelt falschen Überzeugung: Sie glauben an eine immerwährende Erinnerung (an Menschen, Dinge, Taten, Völker) und an Wiedergutmachung (von Untaten, Fehlern, Sünden, Ungerechtigkeit). Beides ist eine Täuschung. Die Wahrheit liegt am anderen Ende der Skala: Alles wird vergessen werden, und nichts wird wiedergutgemacht werden. Jede Wiedergutmachung (sowohl durch Rache als auch durch Vergebung) wird dem Vergessen anheimfallen. Niemand wird Unrecht wiedergutmachen; jedes Unrecht wird vergessen werden. – MILAN KUNDERA1
Wir sagen „Holocaust“, als ob es einen etablierten Konsens gäbe über den gesamten Bereich historischer Bedeutungen und Assoziationen, den dieser Ausdruck bezeichnen soll. Tatsächlich aber existiert ein solcher Konsens überhaupt nicht. Die gedankliche Vorstellung des Holocaust unterliegt einem Wandel; aber wie diese Vorstellung sich wandelt, wer sie verändert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können, das sind Fragen, über die man sorgfältig und kontinuierlich nachdenken muss. Ein solches Nachdenken wird hier auf der Basis der folgenden Grundannahmen unternommen:
1. Die meisten Menschen verdanken das, was auch immer sie sich an Kenntnissen über das Dritte Reich und die Nazi-Verbrechen an den Juden aneignen mögen, nicht so sehr der Arbeit von Historikern, sondern eher der Tätigkeit von Romanschriftstellern, Filmemachern, Dramatikern, Dichtern, Autoren und Produzenten von Fernsehsendungen; sie beziehen diese Kenntnisse dann auch von Museumsexponaten, populären Zeitungen und Illustrierten sowie Internet-Webseiten und schließlich auch von Reden und Ritualen von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens.
2. Somit ist die „Geschichte“ des Holocaust, die den meisten Menschen überwiegend vermittelt wird, zum großen Teil ein Produkt der gängigen Kultur und leitet sich nicht immer von der Geschichte der Juden unter dem Nationalsozialismus ab, um deren wahrheitsgemäße Darstellung Fachhistoriker sich bemühen; sie entspricht ihr auch nicht notwendigerweise. In mancher Hinsicht können die beiden Quellen sogar als rivalisierende Unternehmungen erscheinen, wobei die Konkurrenz zwischen ihnen als Kampf zwischen antithetischen ehrgeizigen Bestrebungen angesehen werden kann.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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