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Auf einem verwilderten Feld des Gutshofes Lichtenhagen wird ein Grab mit einem gut erhaltenen Körper entdeckt. Kurze Zeit später taucht eine unheimliche Gestalt auf. Es ist der Beginn einer Mordserie. Gemeinsam mit dem Gutsbesitzer Andrew Gibson nimmt Kommissar Martin Clausen aus Kiel die Ermittlungen auf. Das Debüt des Autors Lars Herlinghaus führt auf ein fiktives Gutsgebäude in Schleswig-Holstein. Sein Roman taucht ein in die mysteriöse Welt eines Geheimbundes und erzählt vom Schicksal eines Gutsherren - über den Tod hinaus.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© 2023/2026 dco-Verlag
Verlag: dco-Verlag GmbH, Sommerbergstraße 97, 66346 Püttlingen
Cover: Karina Dreyer
Lektorat: Angela Carls
ISBN Paperback: 978-3-910513-09-9
ISBN eBook: 978-3-910513-10-5
Wir bedanken uns bei der Familie von Bülow für die Erlaubnis, Fotos vom Gut Bossee zu machen.
Über den Autor
Über das Buch
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Epilog
Lars Herlinghaus, geboren 1972 in Kiel, studierte Betriebswirtschaft und ist beruflich in diesem Bereich tätig. Seine privaten Interessen sind weniger analytisch. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit der Geschichte Schleswig-Holsteins und urbanen Legenden. Einen kreativen Ausgleich zu seinem Beruf findet Lars Herlinghaus im Schreiben von Thrillern und Krimis, die einen starken Bezug zur Region und zu seinen persönlichen Interessen haben. Lars Herlinghaus ist verheiratet und lebt im Kreis Plön in der Nähe von Kiel.
Auf einem verwilderten Feld des Gutshofes Lichtenhagen wird ein Grab mit einem gut erhaltenen Körper entdeckt. Kurze Zeit später taucht eine unheimliche Gestalt auf. Es ist der Beginn einer Mordserie. Gemeinsam mit dem Gutsbesitzer Andrew Gibson nimmt Kommissar Martin Clausen aus Kiel die Ermittlungen auf.
Das Debüt des Autors Lars Herlinghaus führt auf ein fiktives Gutsgebäude in Schleswig-Holstein. Sein Roman taucht ein in die mysteriöse Welt eines Geheimbundes und erzählt vom Schicksal eines Gutsherren - über den Tod hinaus.
Für Katrin
Dieser Oktoberabend war typisch nordisch nasskalt, wie man es in Schleswig-Holstein erwarten konnte. Der aufziehende Nebel stieg langsam aus dem Wald auf und kroch unaufhaltsam über die Felder und Wege. Gespenstisch verschleierte es die Zeremonie, die an diesem Abend von der Bruderschaft abgehalten wurde und vor fremden Augen verborgen bleiben sollte. Der Hof des alten Gutsgebäudes eignete sich dafür ideal. Er war weitab jeder größeren Stadt und nur selten verirrte sich ein Besucher hierher. Die acht Männer, die sich an diesem Abend hier zusammengefunden hatten, legten Wert darauf, nicht gestört zu werden. Der Ort, das Wetter und die Dunkelheit - alles das passte perfekt.
Je drei Personen standen sich auf dem ungepflasterten Hof des herrschaftlichen Hauses schweigend gegenüber. Die zum Gebet gefalteten Hände wurden von den breiten Ärmeln ihrer dunklen Umhänge verdeckt. Sie hatten ihre Häupter gesenkt, so dass durch die tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen ihr Antlitz nicht zu erkennen war. So standen sie dort, schweigend, wie auf etwas oder jemanden wartend.
Nach einer Weile stimmten sie einen leisen, monotonen, gregorianischen Gesang an: Media vita in morte sumus - Mitten im Leben sind wir im Tod. Zu ihren Füßen stand eine Bahre auf dem lehmigen Boden, die von einem schlichten Leinenumhang bedeckt war. Unter dem Tuch zeichneten sich deutlich die Konturen eines menschlichen Körpers ab.
Langsam setzten sich die Männer in einem wiegenden Gleichschritt in Bewegung und traten an die Bahre heran. Dann hoben sie sie, ihrer seit Jahrhunderten festgelegten Choreografie folgend, auf ihre Schultern.
So verharrten sie wieder und warteten. Als hätte jemand die Zeit angehalten. Ihr Gesang war verstummt.
Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, setzte sich die unheimliche Gruppe im langsamen Gleichschritt in Bewegung. Eine ebenfalls in eine dunkle Kutte gehüllte Gestalt ging langsam voran und leuchtete mit einer brennenden Fackel den Weg aus. Schweigend überquerte der Leichenzug den Hof und erreichte die schmale Teerstraße, die vom Hof wegführte. Sie folgten dem Weg in ihrem langsamen Gleichschritt und stimmten dabei immer wieder die erste Strophe ihres Gesanges an. Der Sand knirschte unter ihren Schuhen, bis die Teerdecke abrupt endete und in einen ungepflasterten, unbefestigten Trampelpfad überging. Der Wald, den sie erreichten, sah ungewohnt bedrohlich aus. Schließlich bogen sie in einen Hohlweg ein, der in den Wald hineinführte. Die einsame Fackel verlor sich bald im Dunkel des Waldes. Eine weitere vermummte Person hatte sich mit einer brennenden Fackel der Prozession angeschlossen und folgte dem Leichenzug. Ein leiser Windhauch strich durch das Blätterdach und ließ die Flammen der Fackeln flackern, die dadurch immer wieder den stockfinsteren Waldweg nur spärlich ausleuchteten.
Das Gewicht des Toten drückte schwer auf den Schultern der Männer und das eine oder andere Mal musste ein Träger die Position der Holme auf seinen Schultern leicht verändern, um den aufkommenden Schmerz zu bekämpfen. Trotzdem zwangen sie sich, den Gleichschritt, so gut es ging, beizubehalten. Dabei war weniger das Gewicht, das sie trugen, das Problem. Die Fackeln flackerten im stärker werdenden Wind immer heftiger. Sie leuchteten den Waldboden nur schemenhaft aus und mächtige Baumwurzeln wurden zu kaum sichtbaren Stolperfallen. Aber niemand gab nur einen Laut von sich. Dieses Opfer, das sie brachten, waren sie dem Toten schuldig.
Als der Wald sich schließlich lichtete, erreichten sie ein von Gestrüpp verwildertes, hügeliges Feld. Undeutlich zeichnete sich ihr Ziel in der Finsternis ab. An der tiefsten Stelle, einer kleinen Senke, sollte die Zeremonie ihren Höhepunkt erreichen. Hier in der totalen Einsamkeit und in ungeweihter Erde sollte der Verstorbene seine letzte Ruhe finden. So hatte er es selbst bestimmt und so gab es auch das Ritual vor.
Sie hatten Mühe, ohne zu straucheln auf dem von Gräsern, jungen Bäumen und Brennnesseln zugewucherten Feld vorwärts zu kommen. Schließlich erreichten sie die Senke, wo vor langer Zeit ein kleiner Bach sein Flussbett gegraben hatte. Undeutlich war eine Grube zu erkennen, die säuberlich ausgehoben worden war. Die lockere Erde war daneben aufgeschüttet worden. Dies war die letzte Ruhestätte.
Trotz der Eile hatten sie sich Mühe mit der Arbeit gemacht. Die Seitenwände der Grube waren mit flachen, senkrecht gestellten Steinen gegen nachrutschende Erde abgestützt. Den Boden bildeten gestampfter Lehm und eine dünne Kiesschicht.
Langsam hoben sie die Bahre von ihren Schultern und legten sie im hohen Gras ab. Niemand sprach ein Wort, als sie den Toten von der Bahre hoben. Langsam legten sie den Körper in sein steinernes Grab. Sie richteten seine Kutte, falteten seine Hände zum letzten Gebet und traten gesenkten Hauptes vom Grab zurück. Der Mann, der der Gruppe mit der Fackel voran gegangen war, begleitete die Bestattung mit einem leisen, beschwörenden Gesang. Als er geendet hatte, kniete er sich zu dem Toten herunter und holte unter seiner Kutte einen silbernen, mit roten Halbedelsteinen und feinen spiralförmigen Ziselierungen prachtvoll verzierten Dolch hervor. Er schlug das den Kopf des Toten bedeckende Tuch zurück und berührte mit der im Fackelschein aufblitzenden Dolchspitze erst die Stirn und dann die Brust des Toten und zeichnete dabei jeweils ein Kreuz auf den Körper. Danach steckte er den Dolch wieder ein, umfasste mit der einen Hand die Hände des Toten und legte ihm die Beigaben auf das durch die künstlich herbeigeführte Mumifizierung lederartig gegerbte und eingefallene Gesicht. In den Mund und auf die Augen legte er je eine Goldmünze. Schließlich schob er der Leiche den Stein der Verwandlung in den Mund, so dass dieser sich nicht wieder schloss. Auch das gab das Ritual vor. Danach bedeckte er das Gesicht wieder mit dem Leichentuch. Als letzte Handlung zog er einen weiteren Dolch aus seinem Gewand. Ein Zeremoniendolch, der etwas kleiner und weniger verziert war als der vorige, jedoch komplett vergoldet. Behutsam schob er den Schaft zwischen die gefalteten Hände des Toten.
Neben der Gruft lagen im hohen Gras drei flache große Steinplatten. Der Obermeister erhob sich langsam und nickte unmerklich den Umstehenden zu. Jeweils vier Personen hoben daraufhin gemeinsam den ersten Stein an und bedeckten mit ihm die Gruft. So fuhren sie fort, bis alle Platten das Grab bedeckten. Das entstehende Gewölbe war damit zwar nicht hermetisch abgeschlossen, aber durch die Einbalsamierung würde der Körper die Zeit überdauern. Die Natur würde schließlich ihre Spuren verwischen und hier in der Einöde, dicht neben dem Waldrand, diesen Ort überwuchern.
Die flackernden Fackeln ließen die Schatten der Männer wild auf dem Feld umher tanzen, als sie zum letzten Mal ihre Köpfe senkten. So verharrten sie eine Weile am Grab, versunken im stillen Gebet. Schließlich verließ die erste Gestalt diesen unheimlichen Ort und ging mit langsamen, fast bedächtigen Schritten dorthin zurück, von wo ihre Prozession gestartet war. In kurzem Abstand folgten die anderen, bis der letzte aus der Gruppe die Gruft locker mit Erde bedeckte und mit der Fackel in der Hand ebenfalls das Feld verließ. Sie hatten ihren Auftrag erfüllt.
Es wurde wieder still, einsam - und dunkel. Nur ein Waldkauz ließ in dieser Nacht seinen klagenden Totengesang hören. Nebel zog wieder auf, wurde dichter und umhüllte den Ort, der jetzt ein unheimliches Geheimnis barg, wie ein Leichentuch.
Er spürte, wie die Kälte langsam seine Beine empor kroch. Was hätte er jetzt darum gegeben, auf der Couch in einem warmen Wohnzimmer mit einem Glas Wein in der Hand den Abend ausklingen zu lassen. So döste er gedankenverloren in seiner Fahrerkabine und versuchte, die monotone Arbeit schnell zum Ende zu bringen.
Hannes Wenner hatte den Wunsch seines Vaters, den elterlichen Hof zu übernehmen, letztes Jahr abgelehnt. Die Aussicht darauf, die Verantwortung für ein ganzes Gehöft mit den achtzig Kühen und der daran hängenden Milchwirtschaft zu übernehmen, war für ihn gefühlt noch eine Nummer zu groß. Deshalb hatte er beschlossen, erst einmal seine Erfahrung als Lohnunternehmer zu sammeln. Den Hof konnte er auch später übernehmen.
Seine Ersparnisse waren jedoch überschaubar gewesen. Sehr überschaubar. Große Sprünge ließen sich damit nicht machen. Aber wenn er keinen eigenen Maschinenpark hätte vorweisen können, hätte er sich erst gar nicht um Aufträge zu bemühen brauchen. Also hatte er sich nach Geldgebern umhören müssen. Einen kleinen Vorschuss hatte er von seinem Vater nicht bekommen. Er dachte zurück an die vielen abendlichen Diskussionen, aber er hatte ihn nicht überzeugen können. Seine Ideen hielt sein Vater für leichtsinnig und zu riskant. Dafür hatte er ihm die Unterstützung versagt.
So hatte er bei diversen Banken anfragen müssen, hörte dort aber fast immer die gleichen Gegenargumente: zu jung, zu unerfahren, zu viel Risiko und das ganze weitere Banken-Blabla. Erst die fünfte Bank hatte seiner Anfrage nach einem Kredit entsprochen. Dann hatte er seinen ganzen Mut zusammengenommen und Anfang des Jahres den großen gebrauchten Deutz-Fahr Agroton K 110 erworben. Ganze 150.000 Euro hatte der mächtige Traktor verschlungen. Er erinnerte sich an die Reue und die Ängste, die er nach dem Kauf hatte. Oft hatte er sich in schlaflosen Nächten die Frage gestellt, ob er jemals so viel Geld verdienen würde, um das alles zurückzuzahlen.
Es dauerte tatsächlich fast ein halbes Jahr, ehe er diesen Auftrag bekommen hatte. Er dachte an die Monate der Ungewissheit und die überschwängliche Freude zurück, als er seinen ersten, und zwar diesen Vertrag unterschrieb.
Ein heftiges Rütteln brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Er wurde in seiner Fahrerkabine hin und her geschüttelt und musste die Maschine wieder zurück in die Spur bringen. Das Feld war in einem erbärmlichen Zustand. Die hüfthohen Büsche und die Grasinseln waren das eine. Das war kein großes Hindernis für den Mäher. Herausfordernder waren die jungen Bäume und Büsche, die vereinzelt auf dem Feld wuchsen und dem Traktor einiges an Motorleistung abverlangten. Immer wieder musste er behutsamer fahren, als sich der Mäher durch dichtes Buschwerk hindurchkämpfen musste. Am meisten hatte er jedoch mit den unvermittelt auftauchenden Löchern und Erdhaufen zu tun, die durch den Bewuchs verdeckt, unvermittelt vor ihm auftauchten. Er setzte sich aufrecht hin, um, wenn nötig, den Traktor schnell abzufangen.
Ein lauter, ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem rasselnden Geräusch, ließ ihn jäh hochschrecken. Die Warnleuchten im Cockpit leuchteten plötzlich grell auf und der schrille Heulton ließ Hannes Wenner abrupt in seiner Routine stoppen.
»Verdammt nochmal!«
Seitdem er den Auftrag angenommen hatte, hatte es nach seinem Empfinden nur Probleme gegeben. Die Aufgabe, das Feld jetzt im Oktober mit dem seitlich montierten Mähwerk für ein nachfolgendes Pflügen aufzubereiten, hatte gerade sehr gut in seine angespannte finanzielle Situation gepasst. Das Darlehen belastete ihn mehr als er sich selbst eingestehen wollte. Er war zwar nicht verheiratet und musste daher niemanden mitversorgen, aber am Ende des Monats standen in letzter Zeit immer häufiger negative Summen auf seinem Kontoauszug.
Jetzt starrte er entgeistert auf die Warnmeldungen, die penetrant auf dem Bildschirm des Bordcomputers blinkten: Blockade im Mähwerk - Sofort anhalten und Fremdkörper entfernen!
Die Sonne ging gerade unter, aber dieses Feld hatte er heute noch fertig pflügen wollen. Und jetzt das. Er schaltete den Motor aus, sprang aus der Fahrerkabine und ging im Licht der Scheinwerfer, die auf dem Dach montiert waren, zum vorderen Mähwerk. Er löste die Abdeckung und sah sofort die Ursache. Zwischen den Klingen hatte sich ein flacher Feldstein verkeilt und das Mähwerk komplett verbogen. Er bückte sich und schaltete seine kleine LED-Taschenlampe an, um sich den Schaden genauer anzusehen. Der Stein hatte sich komplett in den Klingen verkantet. Er zog mit aller Kraft, rüttelte und fluchte, aber der Stein, der eher wie eine kleine Platte aussah, hatte sich derart festgefressen, dass er sich nicht mehr rührte. »So’n Mist!«
Ihm war klar, dass er heute nicht weiterarbeiten konnte. Erst müsste der Kundendienst die beiden verbogenen Messer wechseln, wenn nicht sogar das ganze Mähwerk hinüber war.
Er schaute über das Feld. Es war offensichtlich seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet worden und war deswegen stark verkrautet. Lag es am stark abschüssigen Gelände? Oder an der Senke in der Mitte des Feldes? Wenner war es letztendlich egal, warum dieses Flurstück der Verwahrlosung preisgegeben worden war. Er hatte den Auftrag von der Gutsverwaltung des Gutes Lichtenhagen bekommen und hatte zugesagt, das Feld bis morgen aufbereitet zu haben. Jetzt hing er hier fest. Schon wieder. Und er war noch nicht einmal zur Hälfte fertig. Schon vor einer Stunde hatte er sich festgefahren, aber jetzt war der Schaden um einiges größer.
Er nahm sein Handy aus der Brusttasche seiner Arbeitshose und wählte.
»Gutsverwaltung Lichtenhagen - mein Name ist Hansmann. Was kann ich für Sie tun?«
»Hier Wenner, hallo Frau Hansmann. Ist Herr Maschmann noch im Haus?«
Er merkte, wie sich bei der letzten Frage sein Magen verkrampfte. Der Gutsverwalter war nicht gerade bekannt dafür, bei Problemen gelassen zu reagieren.
»Da muss ich nachsehen, ich glaube, er hat schon Feierabend gemacht. Einen Augenblick bitte.«
Es knackte im Hörer und Wenner hörte die plärrende Computermelodie von »Für Elise«. Das hat Beethoven nicht verdient, dachte er, während er ungeduldig wartete.
»Mann, Wenner, was ist denn nun schon wieder los?! Hat man denn nicht mal im Feierabend Ruhe vor Ihnen?«
Typisch, dachte Wenner, kein ›Hallo‹ oder ›Guten Tag‹ und auch kein ›hoffentlich ist nicht Schlimmes passiert?‹.
»Tut mir sehr leid, Herr Maschmann, dass ich Sie jetzt noch stören muss. Aber ich habe einen Schaden am Mähwerk. So wie es aussieht, werde ich heute nicht mehr fertig. Und ich dachte mir, dass Sie das wissen sollten.«
»Na toll.«
Schweigen.
Wenner wurde unruhig. Lieber hätte er jetzt eine Standpauke über sich ergehen lassen, aber das Schweigen am anderen Ende der Leitung beunruhigte ihn wesentlich mehr. Der Gutsverwalter war sowieso dagegen gewesen, einen Grünschnabel zu engagieren. Aber als Neueinsteiger war er auf jeden Auftrag angewiesen. Maschmann war der Meinung gewesen, man sollte, wenn überhaupt, dann einen erfahrenen Lohnunternehmer beauftragen. Die Topografie des Feldes würde es in sich haben, dafür bräuchte man Erfahrung. Er hatte sich schließlich gegen den Gutsbesitzer nicht durchsetzen können und Wenner musste die schlechte Laune jetzt aushalten.
»Koppeln Sie das Mähwerk ab und kommen Sie zum Gut, das Weitere muss Herr Gibson entscheiden.«
Wenner war ziemlich fertig, der ganze Tag hatte ihn geschlaucht.
»Können wir das vielleicht auch morgen besprechen?«, fragte er vorsichtig nach. »Es ist schon dunkel und jetzt abzukoppeln ist recht kompliziert.«
»Das ist mir so was von egal!«, donnerte Maschmann in den Hörer. »Sie koppeln das Ding jetzt ab und kommen sofort zum Gut! Ich erwarte Sie in einer halben Stunde. Jetzt kann ich Ihretwegen meinen Feierabend verschieben. Also sehen Sie gefälligst zu, Kleiner!«
Es knackte im Hörer und Wenner starrte auf das Display des Handys. Er wusste ja, dass Maschmann nicht gut mit ihm konnte, aber das war schon dreist. Er musterte das Mähwerk und den flachen Feldstein, der das ganze
Dilemma ausgelöst hatte.
Er steckte das Handy in die Brusttasche seines Blaumanns zurück und stieg wieder in seinen Traktor. Er startete ihn und mit einem ruhigen Blubbern stieß der Motor eine schwarze Rauchwolke in die Luft, die sich nur noch schwach gegen den immer dunkleren Himmel abzeichnete. Auf dem Display erschienen wieder die bekannten Warnungen. Er ignorierte sie, ebenso wie den nervtötenden Piepton. Per Hydraulik hob er das Mähwerk an und fuhr an den Feldrand. Dort stellte er den Motor auf Leerlauf und entkoppelte zuerst das Getriebe vom Mähwerk. Dann stieg er aus und ging um das Fahrzeug herum. Wieder bückte er sich und ruckelte an den Messern des Mähwerks. Offenbar hatten das Telefonat und die Wut, die sich danach in ihm aufgebaut hatte, in ihm neue Kräfte entfacht. Mit einem lauten Schrei des Frustes und der Verzweiflung zog er mit aller Kraft am verkanteten Stein herum. Plötzlich löste er sich mit einem lauten, kratzenden Geräusch und polterte klatschend auf die Erde. Es war ein flacher, fast quadratischer Stein, eher eine flache Platte, ungefähr einen halben Meter lang und breit. Mit all seiner angestauten Wut hob er ihn an und wuchtete ihn in das hohe Gras am Feldrand.
Er koppelte das Mähwerk komplett ab. Die Scheinwerfer auf dem Dach des Traktors gaben zum Glück genügend Licht, so dass es weniger aufwendig war, als er erwartet hatte. Er würde es hier am Feldrand ablegen und morgen früh abholen. Hoffentlich würden die Mechaniker die beiden Messer schnell wechseln können.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen, was ihn jetzt auf dem Gut erwarten würde, startete er wieder sein Fahrzeug und fuhr auf den Wirtschaftsweg in Richtung des Gutes Lichtenhagen.
Die feinen Gravuren auf dem Stein, die im letzten Sonnenlicht kleine Schatten warfen, hatte er nicht bemerkt.
Mit energischen Laufschritten ging Gregor Maschmann den langen Flur im Wirtschaftsgebäude des Gutes Lichtenhagen entlang. Übertrieben weit schwang er dabei seine Arme hin und her. Seine stämmige Statur und seine gegerbte Haut ließen keinen Zweifel daran, dass er ein gestandener Landwirt war. Er hatte all seine Erfahrung hier auf diesem Gut erworben. Innerhalb der letzten dreißig Jahre hatte er es im Berufsleben vom Stallburschen bis zum stellvertretenden Gutsverwalter gebracht. Viele kamen mit seiner schroffen Art nicht klar, aber hier in Schleswig-Holstein war der Ton in der Landwirtschaft manchmal eben etwas rauer. Der alte Heinrich von Trancken, das war noch ein Gutsbesitzer nach alter Sitte gewesen, ganz nach seinem Geschmack. Der hatte seine Angestellten im Griff und erwartete strenge Disziplin. Dann wurde es auch schon mal laut, wenn die Aussaat der Wintergerste sich verzögerte oder die Wartung der Mähdrescher nicht wie erwartet ablief. Immerhin hatte man hier auf dem Gut nicht nur 500 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zu bewirtschaften, sondern musste die Angestellten auch sonst in Beschäftigung halten. Nur so, da war sich Maschmann sicher, konnte man das Erbe und den Wohlstand des Gutes erhalten. Was wusste schon dieser Schnösel, der jetzt sein neuer Chef war? Für seinen Geschmack hatte Maschmann schon zu oft ihm gegenüber seinen Ärger herunterschlucken müssen.
Nach dem Tod von Heinrich von Trancken im letzten Jahr hatte dessen Schwiegersohn, Andrew Gibson, das Gut übernommen und die Sitten etwas gelockert. Mit den neuen Methoden, wie Work-Life-Balance und angenehmer Arbeitsatmosphäre, die er hier eingeführt hatte, konnte Maschmann überhaupt nichts anfangen. Wollte er auch gar nicht. Hier arbeiteten Männer - und keine Memmen. Er war vielmehr der Ansicht, dass man Landwirtschaft nur durch harte praktische Arbeit erlernen konnte und nicht durch ein Studium an einer Universität.
Gibson war es auch gewesen, der einen Teil der Maschinen abgeschafft hatte und stattdessen vermehrt mit Lohnunternehmern zusammenarbeitete. Auch das war nicht in Maschmanns Sinne. Immer wieder kamen neue Gesichter auf das Gut, die seiner Ansicht nach nie so zuverlässig und zur Not auch nicht so verschwiegen sein konnten, wie langjährige Mitarbeiter.
Und jetzt hatte man ihm auch noch diesen Hannes Wenner vor die Nase gesetzt. Wenner hatte sich mit seinen zweiunddreißig Jahren gerade selbständig gemacht und Gibson mit seiner Unvoreingenommenheit überzeugt, so dass er ihn mit der letzten Parzelle beauftragt hatte. Maschmann hatte hingegen für seinen alten Kollegen Manfred Krüger plädiert. Krüger war Teamleiter des Maschinenparks, Koordinator der Lohnunternehmer und die rechte Hand Maschmanns. Er war nach einem Unfall mit einem Tieflader zwar körperlich etwas eingeschränkt, hatte aber sein volles Vertrauen. Er war wie er fünfundfünfzig Jahre alt und arbeitete seit vielen Jahren mit ihm zusammen. Die Beauftragung von Wenner ging ihm gehörig gegen den Strich. Auch wegen dessen Unerfahrenheit, aber nicht nur deswegen.
Maschmann riss die Tür zum Sekretariat auf.
»Ist der Wenner schon da?!«
»Ich - äh - keine Ahnung, ich habe ihn noch nicht gesehen.«
Die Sekretärin des Gutes, Gaby Hansmann, schaute ihn erschrocken an. Sie war die gute Seele des Hauses und arbeitete schon einige Jahre auf dem Gut. Das hieß aber nicht, dass sie gut mit ihm auskam. Im Gegensatz zu ihm konnte sie gut mit den neuen Arbeitsmethoden hier auf dem Gut leben. Sie hatte für die neuen Kollegen immer ein offenes Ohr oder wenn nötig ein tröstendes Wort parat und das, obwohl sie mit ihren Mitte Dreißig noch zu den jüngeren hier in der Verwaltung zählte. Sie wusste, dass sie für Maschmann nur das blonde Dummchen vom Dienst war. Zuerst hatte sie das gekränkt. Sie legte sehr viel Wert auf ihr Äußeres und war sich durchaus bewusst, dass sie dem einen oder anderen Kollegen den Kopf verdrehen konnte. Maschmann und Manfred Krüger fanden es eher unpassend und ließen es sie ständig wissen, dass sie sie für eine klare Fehlbesetzung hielten. Mittlerweile war ihr das egal und sie konnte mit den diverse Machosprüchen, die sie zu hören bekam, einigermaßen umgehen.
»Wenn der hier auftaucht, soll der sich sofort bei mir im Büro melden. Der fährt sich auf dem einzigen Feld, das er beackern soll, seinen Bock zu Klump und nun kommt er nicht mal an den Laden. Es ist jetzt halb acht und ich habe keine Lust, länger als nötig hier herumzusitzen!«
»Er ist bestimmt schon auf dem Weg. Er ist doch eigentlich ein ganz zuverlässiger.«
»Ein blutiger Amateur ist er - nichts weiter! Rufen Sie Herrn Gibson an, ob er noch Zeit für ein klärendes Gespräch hat. Der soll sehen, wen er uns hier ins Nest gesetzt hat! Ich schmeiß‘ den Typen raus!«
Mit diesen Worten drehte Maschmann auf der Stelle um, verließ fluchend den Raum und knallte die Tür hinter sich zu.
»Halleluja - der Hannes wird drei Kreuze machen, wenn der Abend vorbei ist …«, seufzte sie, als sie zum Telefonhörer griff.
Den ganzen Weg zurück zum Gut Lichtenhagen hatte sich Hannes Wenner den Kopf zerbrochen und versucht, seiner Nervosität Herr zu werden. Er wusste, was für ein Choleriker Gregor Maschmann sein konnte, wenn ihm etwas nicht in den Kram passte. Er brauchte diesen Auftrag dringend. Was sollte er machen, wenn Maschmann seinen Vertrag fristlos kündigte? Das traute er ihm ohne weiteres zu. Er war verzweifelt. Er suchte den Fehler bei sich selbst. Aber was konnte er denn dafür, dass er seine Arbeit nicht beenden konnte? Seiner Meinung nach gar nichts. Er war sich sicher, dass er weder die Senke noch den Stein hätte rechtzeitig sehen können, nicht bei diesem Gestrüpp. Außerdem war es sein Gerät, das jetzt defekt war. Die nicht geplante Reparatur musste er erst einmal stemmen. Er war sich sicher, dass er gar nicht erst anfragen brauchte, ob sich das Gut an den Kosten beteiligte. Wie er es auch drehte und wendete: Er sah nur Probleme auf sich zukommen. Schließlich bog er mit einem immer flaueren Gefühl im Magen von der geteerten Landstraße in den unbefestigten Feldweg ein, der an beiden Seiten alleeartig von hohen Pappeln gesäumt wurde. Am Ende des Weges konnte er das beleuchtete Gutshaus und die Wirtschaftsgebäude schon sehen. Er schaltete einen Gang herunter und verringerte die Geschwindigkeit, damit er nicht zu sehr durch die Schlaglöcher durchgeschüttelt wurde. Nach kurzer Fahrt bog er auf die Zufahrt zum Gutshof ein. Inzwischen war es stockfinster geworden, der erste Nebel stieg aus den Feldern auf und kroch langsam über die Wege. Der Oktober war in diesem Jahr ungewöhnlich feucht.
Er fuhr holpernd auf den Gutshof und parkte den Traktor links vor dem reetgedeckten Wirtschaftsgebäude, in dem die Büros des Gutes untergebracht waren. Es lag gegenüber dem beeindruckenden Gutshaus, dazwischen tat sich der große Wirtschaftshof auf. An den Seiten des Hofes standen weitere Gebäude aus Backstein, teilweise perfekt renovierte, reetgedeckte Scheunen, teilweise Zweckbauten der späten siebziger Jahre mit den typischen Wellblechwänden und Eternitdächern. In ihnen wurden die landwirtschaftlichen Maschinen abgestellt und gewartet.
Die Fenster der Büros waren noch hell erleuchtet, jetzt im Oktober herrschte noch Hochbetrieb. Er war bisher nur einmal hier gewesen, vor zwei Wochen, als er sich mit Andrew Gibson wegen der abschließenden Abstimmung zu seiner Tätigkeit hier getroffen hatte.
Er trat durch die moderne weiße Eingangstür, die so gar nicht zum Rest des Gebäudes passen wollte und ging mit einer immer größer werdenden Nervosität auf das Büro der Gutssekretärin zu, das am Ende des Flures lag. Zum Glück war man hier voll auf die Landwirtschaft eingestellt, der Fußboden war mit Linoleum ausgelegt. Wenner bemerkte, dass er wohl die gesamte Erde des Ackers im Profil seiner Arbeitsschuhe mitgebracht hatte und nun auf dem Flur verteilte. Arbeitsschuhe mit tiefem Profil hatten auch manchmal Nachteile.
Treten Sie ein, ohne zu klopfen - Das Schild an der Tür war mehr Aufforderung als Einladung.
Langsam drückte er die Klinke herunter, öffnete die Tür einen Spalt und lugte in das helle und ordentlich aufgeräumte Büro. Gaby Hansmann schaute vom Schreibtisch auf und ihm direkt in die Augen. Wenner meinte, eine leichte Mitleidsmiene in ihren Gesichtszügen erkennen zu können.
»Hallo Herr Wenner, ich freue mich, Sie zu sehen. Der Traktor hat Sie ja schön im Stich gelassen. Aber zum Glück ist nichts weiter passiert.«
»Abend Frau Hansmann, ich hoffe, Herr Maschmann sieht das ähnlich. Ich glaube, der ist ganz schön sauer.«
»Nehmen Sie es nicht persönlich. Er lebt nach der Arbeitsmethode ›Nicht gemeckert ist Lob genug‹. Wird schon. Gehen Sie am besten gleich zu ihm. Er ist in seinem Büro, zwei Zimmer weiter auf der linken Seite.«
Der Aufkleber auf der Tür von Maschmanns Büro »Tritt ein, bring Glück herein« klang für Wenner im Gegensatz zum Spruch auf der ersten Bürotür wie der blanke Hohn. »Zutritt auf eigene Gefahr« hätte seiner Ansicht nach besser gepasst. Er zögerte kurz, atmete tief aus und klopfte dreimal.
»Herein!«
Wenner zuckte zusammen, drückte die Türklinke herunter und betrat langsam das Zimmer. Maschmann saß hinter einem schlichten grauen Schreibtisch, unter dem ein ebenso schlichter Rollcontainer stand. Hinter ihm war ein grauer, raumhoher Aktenschrank, der vor Ordnern überquoll. Zusammen mit dem Schreibtisch bildete der Schrank eine nüchterne Kombination der ausgehenden achtziger Jahre. Das grelle Licht der einsamen Neonröhre an der Decke verlieh dem Raum zur Krönung die kalte Atmosphäre einer Leichenhalle.
Anhand der Unordnung auf dem Schreibtisch und der vertrockneten Yucca Palme in der hinteren Büroecke erkannte Wenner, dass Maschmann auch sonst offensichtlich nicht viel von Gemütlichkeit hielt.
»Ah, unser Furchenkünstler beehrt uns mit seiner Anwesenheit. Wurde auch Zeit. Setzen Sie sich.«
Er nahm auf einem billigen, grünen Plastikstuhl vor dem Schreibtisch Platz und hatte auf einmal ein Déjà-vu. Er kam sich gerade wie damals in der Schule vor, als er wegen eines Turnbeutels, den er der nervigen Jenny Peters geklaut und in der Jungstoilette versteckt hatte, zum Rektor zitiert wurde. Manche Gefühle ändern sich nie.
»Hören Sie, Herr Maschmann, es tut mir leid, aber das hätte …«
»Ach, wissen Sie, Wenner«, wurde er unterbrochen, »mir ist es eigentlich ziemlich egal, was wann warum mit ihrer Zugmaschine passiert ist. Fakt ist, dass Sie bis morgen nicht, wie vereinbart, fertig werden. Ich könnte mich jetzt aufregen, aber das habe ich mir abgewöhnt.«
Aufgrund der roten Flecken auf Maschmanns Hals erkannte Wenner, dass er log. Der Mann kochte vor Wut. Aber warum konnte sich der Mann derart in diese Situation rein steigern? So ein Schaden konnte immer passieren, vor allem auf einem Feld, das offensichtlich seit mehreren Jahren brach gelegen hatte. Normaler Weise werden diese Felder vorher nach größeren Steinen abgesucht, aber bei dem Gestrüpp und dem engen Zeitplan, den Maschmann ihm aufgedrückt hatte, war das unmöglich gewesen.
»Ich habe mit Herrn Gibson gesprochen. Er will Sie sehen. Tja, mein Freund, das war wohl ein kurzer und letzter Auftrag hier für Sie«, grinste ihn Maschmann arrogant an.
Wenner schluckte trocken. Sollte Andrew Gibson ihn wirklich rausschmeißen wollen? Er hatte den jungen Gutsbesitzer eigentlich als einen sehr sympathischen Zeitgenossen kennen gelernt.
Das Gutshaus von Lichtenhagen war ein stattliches, dreigeschossiges Herrenhaus. Die Backsteinfassade war weiß getüncht. Mit den symmetrisch angeordneten Sprossenfenstern mit hellbraunem Rahmen und dem Sandsteinportal mit großer Freitreppe davor, machte es einen sehr herrschaftlichen Eindruck. Hauptaugenmerk war aber der große Mittelrisalit, den ein Giebel mit sandsteinernem Wappen abschloss. Das Ganze wurde von einem mächtigen Walmdach abgeschlossen. Eigentlich war Wenner bei solchen alten Häusern immer sehr beeindruckt, aber gerade in diesem Moment war es ihm ziemlich egal. Was hätte er darum gegeben, wenn es jetzt schon eine Stunde später wäre, dann wäre bereits alles vorbei.
Gregor Maschmann ging mit ihm die Freitreppe hinauf und klingelte an der Tür. Ein Hund bellte.
Die Tür wurde geöffnet, ein junger und großer brauner Hund stürmte heraus und begrüßte beide schwanzwedelnd und winselnd.
»Fenja - zurück!« Augenblicklich drehte der Hund um und verschwand wieder im Haus.
Andrew Gibson stand in der Tür und reichte Wenner zur Begrüßung die Hand.
»Guten Abend Herr Wenner, guten Abend Herr Maschmann. Schön, Sie zu sehen. Bitte kommen Sie herein.«
Mit der Höflichkeit eines britischen Gentlemans und dem dazu passenden Akzent begrüßte er seine späten Besucher.
»Entschuldigung, aber ich habe noch meine Arbeitskleidung an und ich möchte nicht in ihrem Haus alles dreck…«
Katrin Gibson kam ebenfalls an die Tür: »Keine Sorge, wir sind ein landwirtschaftlicher Betrieb. Da können wir mit ein bisschen Dreck umgehen.«
Katrin und Andrew Gibson verströmten eine derart große Gelassenheit und Sympathie, dass Wenner innerlich aufatmete. Es keimte Hoffnung in ihm auf, dass er vielleicht doch nicht für einen Rausschmiss ins Gutshaus eingeladen wurde.
Andrew Gibson war zwar erst Anfang Dreißig, machte aber einen sehr souveränen und selbstbewussten Eindruck. Stilvoll gekleidet mit einem englischen Tweed Jackett und mit seiner hellen Leinenhose wirkte er ein bisschen wie aus der Branche gefallen, nicht wie ein Landwirt, eher wie ein Jungunternehmer. Seine dunkelblonden, halblangen Haare waren zu einem akkuraten Scheitel gekämmt. Auf Wenner wirkte er eher wie der typische junge erfolgreiche Yuppie. Sein leicht brauner Teint unterstrich dieses Image noch. Katrin Gibson vervollständigte das Bild perfekt. Sie war eine höchst attraktive Frau mit sportlich-kurzen blonden Haaren, ebenso topmodisch mit einem beigen Kostüm gekleidet. Man merkte ihr den adeligen Stammbaum an, aber dennoch wirkte sie nicht unnahbar. Im Gegenteil. Sie war eine Frau ohne Allüren und reichte ihm ebenfalls die Hand. »Wir haben uns noch nicht kennengelernt. Ich freue mich, das jetzt nachholen zu können. Treten Sie ein, wir bleiben gleich im Vestibül.«
Wenner schaute sich in der Eingangshalle um. Sie reichte in der Höhe über zwei Etagen des Hauses, war reich mit Stuck verziert und die hohe Decke schmückte ein imposantes italienisches Fresko aus dem achtzehnten Jahrhundert. In einem Himmelsgewölbe tummelten sich darin eine Reihe von Gottheiten, Engelsfiguren und Fabelwesen. Den Höhepunkt bildete der Kronleuchter, der die ganze, in beigem Marmor gehaltene Halle erhellte und den roten Marmorkamin an der linken Seite des Raumes perfekt in Szene setzte. Vor dem Kamin standen eine lederne Couch, zwei dazu passende Sessel und ein tiefer runder Mahagonitisch. Wenner hatte nicht viel Ahnung davon, aber es durfte sich um antike Stücke handeln, wie mit Sicherheit die meisten Möbel in diesem Haus.
»Nehmen Sie gerne Platz.« Katrin Gibson deutete auf die Sessel und wandte sich um zum Gehen. »Einen Kaffee?« Sie schaute Wenner und Maschmann fragend an.
Sie gingen in Richtung des Kamins und vermieden dabei, den großen Gabbeh Teppich, der in der Mitte des Raumes lag, zu betreten.
»Für mich bitte schwarz, wie immer«, antwortete Maschmann kühl.
»Hätten Sie auch nur ein einfaches Glas Wasser für mich?« Wenners Hals war staubtrocken. Es lag weniger daran, dass er durstig war, sondern an seiner Nervosität, die sich in ihm bis zum Zerreißen steigerte. Das folgende Gespräch konnte sowohl in die eine, aber auch in die andere Richtung gehen. Und diese Ungewissheit brachte ihn zur Verzweiflung.
»Natürlich. Ich bin gleich wieder da.«
Während Katrin Gibson den Raum verließ, setzte sich Andrew Gibson auf das Sofa und wandte sich an Maschmann. »Sie hatten mich angerufen und um ein Gespräch mit Ihnen und Herrn Wenner gebeten. Es scheint sehr wichtig zu sein. Worum geht es denn?«
»Herr Gibson, wie Sie wissen«, Maschmann beugte sich in seinem Sessel vor und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, »bin ich sehr daran interessiert, dass dieses Gut ein erfolgreiches Unternehmen ist und bleibt. Dazu gehört auch ein gewisses Maß an Disziplin und Verlässlichkeit. Tugenden, die übrigens Ihrem Schwiegervater sehr wichtig waren.«
Maschmann ließ offensichtlich keine Gelegenheit aus, auch zwischen den Zeilen die Methoden seines neuen Chefs zu kritisieren.
»Ihre Wahl, Lohnunternehmer mit unseren Aufgaben zu betrauen, ist - wie soll ich sagen - manchmal eine nicht sehr glückliche Entscheidung.«
»Glauben Sie mir, Herr Maschmann, ich kenne die Methoden meines verstorbenen Schwiegervaters. Sehr gut sogar. Trotzdem muss ich sie nicht mögen. Ich bin der Ansicht, dass es mehrere Wege gibt, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Kommen Sie bitte auf den Punkt.«
Wenner merkte, dass die beiden Männer keine Freunde waren und in diesem Leben wohl auch keine mehr werden würden. Gibson schaute seinem Gegenüber selbstsicher in die Augen. Er wusste, dass er Maschmann intellektuell überlegen war.
»Nun gut. Ihre Wahl, Herrn Wenner zu beauftragen, war ein Fehler. Das Feld hinten an der Wiederkehrsenke wird bis morgen nicht fertig. Herr Wenner hat sein Mähwerk beschädigt. Er ist offensichtlich noch zu unerfahren für uns.«
Wenner wollte gerade erwidern und sich rechtfertigen, aber Gibson hob in seine Richtung beschwichtigend die Hand. Er verfügte über eine ungewöhnlich hohe Auffassungsgabe. Er bemerkte schnell, dass Hannes Wenner voll auf Maschmanns Abschussliste stand und dieser ihm nicht gewachsen war.
»Das Feld auf der Parzelle A3 wird lediglich für eine Düngesaat vorbereitet. Erst ab nächstem Jahr soll es bewirtschaftet werden. Wir haben keinen Termindruck. Wo ist also das Problem?«
Maschmann stand wütend auf. »Genau das meine ich! Hier herrscht keine Disziplin mehr. Vertrag ist Vertrag! Das Feld hat morgen fertig zu sein! Außerdem kommt noch dazu, dass es Unsinn ist, dieses Feld wieder nutzen zu wollen! Es ist aufgrund seiner Beschaffenheit höchst unwirtschaftlich. Ihr Schwiegervater wusste das und Sie ignorieren das! Ich finde es unverschämt, dass Sie mich nicht in diese Pläne eingeweiht haben!«
Gibson wurde immer ruhiger, je ungehaltener Maschmann wurde. »Herr Maschmann, ich muss Sie bitten, sich in meinem Haus zu benehmen! Sie sind zwar unser langjährigster Mitarbeiter. Aber trotzdem können Sie sich hier nicht aufführen, wie ein wilder Derwisch! Das Feld wird gepflügt und damit haben wir Herrn Wenner beauftragt. Dabei bleibt es. Ein Unfall kann jederzeit passieren, das ist halt so. Bei dem Zustand des Feldes liegt es nicht in der Verantwortung des Herrn Wenner. Ich gedenke eher, es wäre nur angemessen, ihm den Schaden aufgrund fehlender Informationen zu ersetzen. Es sei denn, Sie haben ihn ausdrücklich auf die schlechte Beschaffenheit der Parzelle hingewiesen. Haben Sie?«
»Frechheit!« Maschmann sprang aus seinem Sessel auf und ging zur Tür. »Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen! So lasse ich nicht mit mir umgehen!« Mit diesen Worten verließ er eilig und fluchend das Haus. Wenner erwartete, dass Maschmann die Tür laut krachend ins Schloss fallen lassen würde, aber das traute er sich dann doch nicht.
Katrin Gibson kam mit den Getränken wieder zurück. »Oh, ist Herr Maschmann schon gegangen?«
»Herr Maschmann wollte wohl nicht mehr mit uns plaudern.« Gibson grinste Wenner an. »Aber den Kaffee werden wir bestimmt auch so los.« Katrin Gibson stellte die Getränke auf den Tisch und setzte sich zu ihrem Mann.
»Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen solche Schwierigkeiten mache.«
