Die Hexen von Preetz - Lars Herlinghaus - E-Book

Die Hexen von Preetz E-Book

Lars Herlinghaus

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Beschreibung

Der brutale Mord an einer jungen Frau im Adligen Kloster Preetz beschäftigt die Polizeibeamten in Kiel. Haben sie es mit Ritualen der Hexenverfolgung zu tun? Kommissar Martin Clausen wird vom Fall abgezogen. Als er erkennt, wer die Tote ist, ermittelt er mit dem brillanten Andrew Gibson auf eigene Faust weiter. Dabei trifft er auf Schatten der eigenen Familiengeschichte und muss erkennen, dass es weitere Tote geben wird. Deswegen erklären, urteilen und erkennen wir, daß du am gegenwärtigen Tage ... denpeinlichen Fragen und Foltern ausgesetzt werden sollst. Gefällt ist dieses Urteil. (Aus Hexenhammer, Dritter Teil)

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Hexen von Preetz

Lars Herlinghaus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025/2026 dco-Verlag

Verlag: dco-Verlag, Püttlingen

Sommerbergstraße 97, 66346 Püttlingen/Saar

[email protected]

Lektorat: Angela Carls

ISBN Paperback: 978-3-910513-26-6

ISBN eBook: 978-3-910513-37-2

Inhalt

Über den Autor

Hexenhammer

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Epilog

Nachwort

Über den Autor

Foto: Alicia Hertrich

Lars Herlinghaus, geboren 1972 in Kiel, studierte

Betriebswirtschaft und ist beruflich in diesem Bereich

tätig. Seine privaten Interessen sind weniger analytisch. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit der Geschichte Schleswig-Holsteins und urbanen Legenden.

Einen kreativen Ausgleich findet Lars Herlinghaus im Schreiben von Thrillern und Krimis, die einen starken

Bezug zu seinen persönlichen Interessen und zur Region und haben.

Lars Herlinghaus ist verheiratet und lebt im Kreis Plön in der Nähe von Kiel.

Für Sünne und Jens

Hexenhammer

Deswegen erklären, urteilen und erkennen wir, daß du am gegenwärtigen Tage ... den peinlichen Fragen und Foltern ausgesetzt werden sollst. Gefällt ist dieses Urteil.

Der Hexenhammer wird den Autoren Heinrich Kramer (1430 bis 1505) und Jakob Sprenger (1435 bis 1495) zugeschrieben. Er wurde 1486 erstmals gedruckt und 1906 von Johann Wilhelm Richard Schmidt (1866 bis 1939) ins Deutsche übersetzt. Aus dieser Übersetzung, dritter Teil, Seite 84 stammt das Zitat. In der Paperbackausgabe unseres Buches befindet es sich auf der Rückseite.

Prolog

Benommen öffnete sie die Augen. Ihr war schwindelig, nur verschwommen nahm sie ihre Umgebung wahr. Ihre Sinne kehrten nur langsam wieder. Aber immer deutlicher spürte sie, dass etwas nicht stimmte.

Sie versuchte vorsichtig, sich zu bewegen. Es gelang ihr nicht. Ihre Hände lagen verkrampft auf ihrem Bauch.

Sie lag langgestreckt auf dem Rücken und sah hoch. Sie sah kahle Baumkronen. Etwas drückte von hinten hart in ihre Rippen. Sie fror und fing an zu zittern. Warum trug sie in dieser Kälte nur ein leichtes Kleid?

Was machte sie hier? Warum lag sie im Wald? Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie hierhergekommen war oder was sie hier wollte. Ihr Gedächtnis war nicht mehr als ein großes, dunkles Nichts.

Sie wand ihre Arme und Beine. Erst jetzt spürte sie die dünnen Seile, die sich in ihre Hand- und Fußgelenke schnürten. Sie war gefesselt.

Aus Verwirrtheit wurde langsam Angst. Aus Angst wurde langsam Panik.

Sie drehte den Kopf und wollte schreien. So laut sie konnte. Auch wenn sie nicht wusste, wo sie war, irgendjemand musste sie doch wahrnehmen.

Plötzlich hörte sie ein leises Knacken. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. So schnell es der Schwindel erlaubte.

Dort stand jemand. Keine zehn Meter von ihr entfernt. Hoffnung keimte in ihr auf. Sie wollte laut rufen, aber aus ihrem Hals kam nur ein leises Krächzen.

»Hal…lo… Helfen Sie mir …«

Die Gestalt drehte sich langsam zu ihr um.

»Aber ich helfe dir ja … keine Sorge.«

»Bitte … binden Sie mich los …«

»Nur Geduld. Erst befreie ich dich von deiner verdorbenen Seele.«

1

Das Gelände des Adeligen Klosters Preetz war menschenleer in dieser mondlosen und ungewöhnlich kalten Nacht Anfang April. Manfred Kruse zog die Haustür zu. Sein Wohnhaus lag nahe der alten Klosterkirche. Er wohnte im Haus der ehemaligen Konventualinnen. Das Kloster wurde schon vor vielen Jahrhunderten aufgelöst und die alten Klostergebäude dienten heute als Wohnungen.

Er knöpfte seinen dunklen Wollmantel bis zum Kragen zu und vergrub seine Hände in den Manteltaschen. Prüfend schaute er in den klaren Nachthimmel. Dann machte er sich auf den Weg durch die Dunkelheit. Sein Atem bildete flüchtige Wölkchen. Er spürte, wie die Kälte seinem Rücken zusetzte. Er wurde eben nicht jünger. Aber auch wenn es hier und da mal im Rücken zog oder die Hüfte schmerzte, machte er die gelegentlichen Hausmeisterjobs im Kloster gerne, besserten sie doch seine magere Rente auf.

Zielstrebig ging er in Richtung der Klosterkirche. Entlang der alten Teerstraße, die, wie er sich erinnerte, früher mit Kopfstein gepflastert war. Vorbei an den historischen Häusern aus rotem Backstein, aus deren alten Fenstern vereinzelt ein Lichtschein bis auf die Straße fiel. Die verstreuten Straßenlaternen waren mehr Zierde, als dass sie die Straße ausreichend ausleuchteten.

Er wandte sich nach links auf den schmalen Fußweg durch eine Rasenfläche und näherte sich der Kirche. Bedrohlich baute sich das alte Gemäuer vor ihm auf. Kein Lichtschein einer Straßenlaterne erhellte in diesem Teil des Geländes die alten Backsteinmauern. Die hohen gotischen Fenster schienen wie grundlose schwarze Löcher zu sein. Manchem unkundigen Besucher lief in der Finsternis ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er nachts hier entlangging. Manfred Kruse lebte hier schon zu lange, als dass ihn das noch beunruhigen würde.

Er ging zum Kirchenportal und nahm den schweren, handgeschmiedeten Schlüssel aus seiner rechten Manteltasche. Mit einigem Kraftaufwand schloss er die mächtige Holztür der Kirche auf. Mit einem lauten Knall sprang der klobige Schlossriegel zurück und die Tür schwang überraschend leichtgängig auf. Er tastete an der rechten Innenwand des Vorraumes nach dem Lichtschalter, fand ihn und schaltete die schmucklose Lampe an der Decke ein. Er ging hinein und stellte fest, dass es in dem Gebäude mindestens ebenso kalt war, wie auf dem Klosterhof. Er fröstelte, als er merkte, wie die Kälte langsam seine Beine hochkroch. Er beschloss deshalb, seinen Mantel nicht aufzuknöpfen. Sein Rücken würde es ihm danken. Er griff in seine linke Hosentasche und holte den handgeschriebenen Notizzettel hervor, den er während eines Telefonats mit der Klosterverwaltung geschrieben hatte. Leise las er im fahlen Licht der Lampe den Zettel durch. Für einen morgigen Vortrag in der Kirche musste sie rechtzeitig eingeheizt werden.

Er steckte den Zettel wieder ein und ging rechter Hand durch eine weitere Holztür in den saalartigen Kirchenraum. Er musste die Kirche einmal komplett durchqueren, um zum Heizungsraum zu gelangen. Dieser wurde vor vielen Jahren hinter dem alten Altar, neben der ehemaligen Sakristei, eingebaut.

Er betätigte einen weiteren Lichtschalter, der sich rechts von ihm unter der hölzernen Orgelempore befand, um die Innenbeleuchtung einzuschalten.

Doch es tat sich nichts. Der Saal blieb dunkel. Er betätigte den alten Lichtschalter mehrmals, doch der Effekt war derselbe. »So ein Mist – warum müssen die alten Sicherungen gerade jetzt …«

Er überlegte kurz, ob er … er schüttelte den Kopf. Er würde nicht im Dunkeln durch die Kirche gehen. Der Fußboden, der aus alten Feldbrandziegeln bestand, war uneben und bildete dadurch viele hinterhältige Stolperfallen. Das wollte er nicht riskieren.

Er klopfte seine Manteltaschen ab. Als es in der linken Tasche klimperte, zog er den Schlüsselbund heraus und ging zurück in den Vorraum, wo es etwas heller war. Er suchte die Schlüssel durch. Irgendwo musste doch der kleine für den alten Sicherungskasten sein. Während er kopfschüttelnd einen Schlüssel nach dem anderen untersuchte, meinte er, leise Schritte aus der Kirche zu hören. Er schaute auf. Es war niemand zu sehen. Endlich hatte er den kleinen Schlüssel gefunden.

Er ging langsam zurück in das dunkle Kirchenschiff. Da bemerkte er plötzlich etwas im Augenwinkel. Ein schwacher Lichtschein. Er kam von links, dort, wo eine weiß getünchte, mehrere Meter hohe Wand den historischen Nonnenchor vom übrigen Kirchenraum abtrennte.

»Hallo?! Ist da wer? Wie sind Sie denn hier herein …?«

Dann verschlug es ihm augenblicklich die Sprache. Mit offenem Mund starrte er entgeistert die Wand an. Auf den Stufen vor einer alten Holztür, die in den Nonnenchor führte, kniete eine Gestalt. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Er konnte sie nur undeutlich und schemenhaft erkennen. Ein weiter, weißer Umhang umhüllte sie, ebenso ein weißes Kopftuch. Kruse erkannte sofort die alte Nonnentracht. Aber das konnte keine Nonne sein, denn das Kloster wurde schon seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr von Nonnen bewohnt.

Hier stimmte etwas nicht. Ganz und gar nicht. Je intensiver Kruse sie anstarrte, desto mehr meinte er, dass sie von innen heraus zu leuchten schien. Er hatte sogar fast den Eindruck, durch sie hindurch sehen zu können. Ein eiskalter Schauer lief über seinen Rücken.

»Oh … mein … Gott.«

Wie angewurzelt stand er unter der Orgelempore und starrte die Erscheinung an. Angst stieg in ihm auf und gipfelte in Panik, wie er sie noch nie erlebt hatte. Einen Einbrecher hatte er schon einmal auf frischer Tat ertappt. Aber das war etwas ganz anderes gewesen.

Er spürte, wie sich sein Brustkorb zusammenzog und ihm die Luft raubte. Dann bemerkte er, wie sich die Gestalt langsam erhob und ihren weißen Umhang richtete. Er wollte nur weg, aber dann drehte sie sich langsam zu ihm um. Er musste krampfhaft schlucken und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Er sah in das gutmütige, aber blasse Gesicht einer jungen Frau, die ihn milde anlächelte. Sie drehte sich wieder um und ging geräuschlos die Treppen hinauf, öffnete die Tür und betrat den Nonnenchor. Kruse blieb wie versteinert stehen. Ihm hatte die Erscheinung einen gehörigen Schrecken eingejagt. Was hatte er gerade gesehen?

Mit einem laut geflüsterten »So ein Blödsinn« ging er zum Eingang des Nonnenchors. Er hatte einen Einbrecher auf frischer Tat erwischt. Das war so sicher wie die Dunkelheit, die ihn jetzt wieder umhüllte. Aber so einfach ließ er sich nicht abhängen.

Er ging in den Nonnenchor, der zu früheren Zeiten nur den Klosterbewohnerinnen vorbehalten war.

Als er in einer Gebetsnische stand, sah er sie wieder. Die schemenhafte Gestalt stand jetzt an der gusseisernen Abtrennung, die den Altarraum abtrennte. Sie drehte sich wieder zu ihm um und lächelte ihn an.

Sein Herz schlug bis zum Hals. Er bekam Angst vor seiner eigenen Courage. Selbst wenn das ein Einbrecher sein sollte, woran er plötzlich selbst nicht mehr glaubte, kam er sich jetzt sehr hilflos vor. Wer wusste schon, wozu solche Kriminelle fähig waren, wenn sie in die Enge gedrängt wurden?

Dann ging die Gestalt jedoch langsam zur Außenwand. Doch sie blieb nicht stehen. Sie ging ohne erkennbares Zögern durch sie hindurch. Dorthin, wo sich bis vor zweihundert Jahren der Kreuzgang des Klosters befunden hatte.

2

Kommissar Martin Clausen schaute missmutig auf einen Stapel Papier in seinem Ablagekorb. Er strich sich verlegen über seine kurzen Stoppelhaare. Einsatzberichte verfassen war sicherlich nicht eine seiner favorisierten Innendienstarbeiten. Er konnte sich sehr viele andere Tätigkeiten vorstellen, die ihn jetzt mehr reizten. Zum Beispiel Kaffee kochen oder die Pflanzen seines abwesenden Kollegen gießen. Das hatte er ihm schließlich vor dessen Urlaub versprochen. Alles malte er sich gerade spannender aus als das, was als großer Stapel vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

Aber die Kaffeekanne war voll und die Pflanzen des Büronachbarn waren bereits durch seine großzügige Betreuung ersoffen.

Es fielen ihm demnach keine anderen Ausreden mehr ein. Also nahm er sich das jüngste Einsatzprotokoll zur Hand und setzte sich an den Computer.

Die Sonne blendete ihn, als sie an diesem kühlen Frühlingsmorgen durch die Fenster des Landeskriminalamts im Eichhof in Kiel schien. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den spiegelnden Computerbildschirm. Deshalb bemerkte er nicht sofort seinen Kollegen Volker Winning, als dieser plötzlich direkt vor seinem Schreibtisch stand.

»Na sowas, ist die Kaffeekanne voll? Oder warum machen Sie sich über die Einsatzberichte her?«

Clausen zuckte zusammen und schaute erschrocken hoch. Sein Magen verkrampfte sich. Kommissar Winning, ein karrierefixierter Beamter in den Mittvierzigern mit provozierend geschmacklosem Kleidungsstil war ihm als Partner vor vier Wochen zugeteilt worden. Seitdem hatte ihm Winning immer wieder unmissverständlich klar gemacht, dass er ihn nicht mochte. Mit Mitte Dreißig wäre er zu jung, zu unerfahren und außerdem viel zu weichherzig für den Polizeidienst. Clausen versuchte immer wieder, die eisige Stimmung zwischen ihnen aufzulockern, aber ebenso regelmäßig blitzte er ab. Er konnte seinen Kollegen noch überhaupt nicht einordnen.

»Haben Sie mich erschreckt! Ich wollte gerade die Berichte unserer letzten Einsätze fertigmachen. Es hat sich einiges angesammelt. Und einer muss es schließlich tun.«

»Nun machen Sie sich nicht wichtiger, als Sie sind. Holen Sie Ihre Jacke. Wir fahren nach Preetz.«

Winning schob eine goldene Pilotenbrille höher auf die Nase, die Clausen als selten geschmacklos empfand.

»Nach Preetz? Was sollen wir denn da? Ist ja nicht gerade um die Ecke.«

»Arbeiten. Wir haben einen Tatort.«

»Da hinten in der dörflichen Einsamkeit?«

»Scheint so. Wir treffen uns unten am Wagen. Nähere Infos gibt es auf der Fahrt.«

Er ging hinaus und ließ Clausen im Büro stehen. Winning gab anfangs selten weitere Informationen preis. Einen Wissensvorsprung nutzte er regelmäßig, um sich zu profilieren. Clausen ging emotionslos zum Mantelhalter an der Wand und nahm seine Jacke vom Haken. Clausen hatte kein besonders großes Faible für ein modisches Erscheinungsbild. Bequem und praktisch reichte ihm.

Er strich sich wieder über seinen kurzen Stoppelhaarschnitt. Sollte er eine Mütze mitnehmen? Er vermied es. Winning sollte nicht wieder von ihm behaupten, dass er ein Weichei sei.

Nach fünf Minuten stand Martin Clausen abfahrtbereit am schwarzen Ford Mondeo, der für ein ziviles Einsatzfahrzeug so unscheinbar war, dass es schon wieder auffiel. Zivile Einsatzfahrzeuge der Kripo sahen irgendwie alle gleich aus. Seinen leicht ausgebeulten beigen Parka, dessen zerknautschter Gesamteindruck mittlerweile sein Markenzeichen geworden war, hatte er bis eben lässig über den Arm geworfen. Jetzt zog er ihn über. Der kalte Wind ließ ihn frösteln.

Nach weiteren fünf Minuten kam auch Winning auf den Parkplatz geschlendert. In der Hand hielt er einen DIN A4-Ausdruck. Offensichtlich weitere Infos. Winning drückte Clausen wortlos das Blatt in die Hand und stieg auf der Fahrerseite ein. Während Clausen ebenfalls einstieg, kam in ihm eine dunkle Vorahnung auf. Warum, konnte er sich nicht erklären. Einfach ein seltsames Bauchgefühl.

Als sie vom Parkplatz des Landeskriminalamts fuhren und auf die Sedanstraße einbogen, überflog Clausen die ersten Einsatzinfos. Winning ergänzte gelangweilt an der nächsten roten Ampel die Fakten.

»Wir haben eine junge Frau. Wurde tot in der Nähe des alten Klosters aufgefunden. Muss so um die zwanzig sein. Recht ungewöhnlich alles.«

»Dass sie Mitte zwanzig war?«

»Witzbold. Dass sie ein schneeweißes Kleid anhatte und unter einem Baum sitzend gefunden wurde.«

»Suizid?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Wieso wahrscheinlich?«

»Lesen Sie weiter.«

Clausen nahm den Bericht wieder zur Hand und fuhr fort, die stichpunktartigen Fakten zu überfliegen. Dann schaute er ungläubig zu Winning.

»Ertrunken oder erstochen? Was denn nun?«

»Ulkig, nicht wahr?«

Zum Lachen war Clausen gar nicht zumute. Das bedeutete wieder viel kleinteilige Ermittlungsarbeit für ihn, wenn die genaue Todesursache unklar war.

Der Verkehr auf der B76 stadtauswärts war heute wider Erwarten überschaubar. Nach knapp einer halben Stunde bogen sie in Preetz von der Hauptstraße auf die kopfsteingepflasterte Rastorfer Straße ein. Winning fuhr langsam über die alte Straße, die einige beeindruckende Schlaglöcher aufwies. Dann endete das Straßenpflaster und ging in einen breiten Waldweg über, dessen Unebenheiten notdürftig mit Kieselsteinen gefüllt waren.

Winning parkte den Wagen an einer Weggabelung am stark bewachsenen Fahrbahnrand und stieg aus. Clausen stieg ebenfalls aus und versuchte durch einen großen Schritt nicht in das wadenhohe Gras zu treten. Aus leidvoller Erfahrung kannte er die Gefahr von Hundehinterlassenschaften, die sich gerne in solchem Gestrüpp verbargen. Er hatte ein Talent dafür, bei jedem Waldspaziergang mindestens eine dieser Tretminen mit traumwandlerischer Sicherheit zu treffen. So stakste er vorsichtig durch das Grünzeug, bis er auf etwas Weiches trat.

»Scheiße!«

Winning drehte sich um, als Clausen fluchend versuchte, seinen rechten Schuh im hohen Gras abzuwischen.

»Ha, das bringt Glück.«

»Da ziehe ich Hufeisen oder Schornsteinfeger aber definitiv vor.«

»Kommen Sie endlich?«, rief Winning, der bereits vorausgegangen war und ihn ungeduldig heranwinkte. »Die Spusi ist schon da.«

Clausen folgte ihm immer noch fluchend. Den widerlichen Geruch, der ihn umgab, würde er wohl noch etwas länger mit sich herumtragen.

An der Weggabelung nahmen sie den rechten Weg, der, wie Clausen feststellte, direkt auf die Einfahrt der Preetzer Kläranlage zuführte. Ein leichter Kloakengeruch lag in der Luft. Clausen schluckte intensiv.

»Wer hat die Frau gefunden?«, fragte er, als sie den Weg weitergingen. Er bemerkte, dass Winning einen deutlich größeren Abstand zu ihm wahrte als sonst.

»Eine Spaziergängerin.«

Das waren nicht viele Informationen, aber Clausen wusste, dass Winning keine weiteren Informationen preisgeben würde. Er war schon froh, überhaupt diesen Sachverhalt erfahren zu haben.

Sie kamen an der Einfahrt zur Klärgrube an, als Winning kurz stehenblieb. Neben der Einfahrt stand ein Mannschaftswagen der Polizei, ein dunkler VW Passat Kombi der Spurensicherung und ein weiteres Fahrzeug mit einem Aufkleber des Universitätsklinikums Schleswig-Holsteins auf der Fahrertür.

Clausens Ekelgefühl blieb. Sollte die Frau etwa in einem der Klärbecken ertrunken sein? Dann würde es nichts für seinen schwachen Magen sein. Ein mulmiges Gefühl stieg in ihm auf. Da war sie wieder, die böse Vorahnung.

Zu seiner Erleichterung bog Winning links am Tor vorbei auf einen unscheinbaren Trampelpfad ab, der querfeldein in den Wald führte.

»Wir hätten ja auch bis hierher fahren können«, bemerkte Clausen.

»Die paar hundert Meter werden Sie wohl noch gehen können. Auch mit Scheiße am Schuh.«

Sie gingen quer durch den Wald einen zugewachsenen Weg entlang. Wuchernde Brombeerbüsche verhakten sich in ihren Hosenbeinen, die sich widerwillig mit einem reißenden Geräusch wieder lösten. In der Ferne sah Clausen eine kleine Holzbrücke, die über einen kleinen Fluss, die Schwentine, führte. Er erkannte einige Personen, die sich abseits des Weges im lichten Wald verteilt hatten. Ein Bereich am Flussufer war mit einem rot-weißen Absperrband abgesperrt.

Im Zentrum des abgesperrten Tatortes beugten sich drei Personen in weißen Ganzkörper-Schutzanzügen zu einem leblosen Körper herab, der mit dem Rücken angelehnt an einem Baum saß. Die Arme waren hinter dem Körper verschränkt, die Beine angewinkelt. Der Kopf, von dem die langen blonden Haare feucht herunterhingen, lag schlaff auf der Brust. Das weiße Kleid, das bis zu den Waden reichte, war an einer Körperseite tiefrot verfärbt.

Winning hob das rot-weiße Absperrband hoch und ging darunter hindurch. Clausen folgte ihm. Zwei Polizisten, die den Tatort absicherten, nickten ihnen zu.

»Moin, Herr Kommissar. Frau Doktor Schmal von der Gerichtsmedizin ist schon da.«

»Sehe ich.« Winnings Miene verfinsterte sich.

Clausen wurde wieder flau im Magen. Er erklärte es sich damit, dass er noch nie eine besondere Vorliebe für Leichen gehabt hatte und weniger damit, dass ihn noch immer ein erbärmlicher Gestank umgab.

Winning ging langsam und offenbar jegliche Eile vermeidend auf eine junge Frau zu, die konzentriert vor der Toten kniete.

»Moin, Schmalie.«

Ohne ihn dabei anzusehen, grüßte Dr. Vanessa Schmal kopfnickend, aber wortlos zurück. Sie war gerade dabei, die Mundöffnung der Toten näher in Augenschein zu nehmen.

Vanessa Schmal war stellvertretende Leiterin des Instituts für Rechtmedizin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Eigentlich war es unüblich, dass sie bereits bei der Spurensicherung anwesend war. Aber die Beamten der kriminaltechnischen Untersuchungsabteilung, die inzwischen die nahe Umgebung der Leiche akribisch absuchten, hatten sowohl Eigen- als auch Fremdverschulden nicht eindeutig ausschließen können. In dem Fall waren sie verpflichtet, bereits jetzt die Rechtsmedizin hinzuzuziehen.

Clausen hatte bisher noch keine Berührungspunkte mit Dr. Schmal gehabt. Das hatte Winning grundsätzlich für sich in Anspruch genommen. Er erinnerte sich, dass Winning es nicht sein lassen konnte, ihr gegenüber den Chauvinisten raushängen zulassen. Dr. Schmal war im Gegensatz zu ihm eine umtriebige und vorausschauende Spezialistin ihres Fachs. Und das stank ihm gewaltig. Sie als »Medizintante« oder als »Leichen-Else« zu bezeichnen, waren noch seine netteren Floskeln.

Clausen konnte es nicht nachvollziehen. Vanessa Schmal war Ende Dreißig, hatte eine sportliche Figur und, soweit man es unter der Kapuze des weißen Ganzkörperanzugs erkennen konnte, blonde, halblange Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Eine Person, die Clausen durchaus attraktiv gefunden hätte, wenn ihm bei dem Anblick, der sich ihm gerade bot, nicht speiübel gewesen wäre. Aber nicht nur deswegen.

Die Ärztin schaute aus der Hocke zu ihnen auf und Clausen bemerkte ihre stahlblauen Augen.

»Guten Tag, Kommissar Winning. Ah, Herr Clausen ist auch dabei. Sehr schön.«

Von ihr ging nun ebenfalls eine Eiseskälte aus, als sie Winning direkt ansah. Dann rümpfte sie plötzlich die Nase.

»Pfui Deibel, was riecht denn hier so streng?«

»Muss wohl von der Kläranlage kommen«, erwiderte Winning gleichgültig, während er im Augenwinkel sah, wie Clausen sofort wieder unauffällig seinen Schuh im Laub abzuwischen versuchte.

Nachdem Clausen, so gut es ging, seinen Schuh mit krampfhafter Unterdrückung diverser Würganfälle gesäubert hatte, wandte er sich den beiden wieder zu. Doch statt einer Begrüßung kam nur ein leichtes Stöhnen über seine Lippen. Er fiel innerhalb eines Sekundenbruchteils in eine Schockstarre.

»Verständliche Reaktion, Herr Clausen«, entgegnete die Ärztin, als sie ihn ansah. »Das ist wirklich nicht schön anzusehen. Sie wird um die dreißig gewesen sein. Soweit ich das erkennen kann, wurde ihr in die linke Brustseite ein spitzer Gegenstand gestoßen. Ungefähr auf Herzhöhe. Sie ist innerhalb weniger Momente verblutet. Es war präzise, aber eine ziemliche Sauerei, wie Sie sehen.«

Winning trat an die Leiche heran. Er musterte intensiv das aschfahle und blutleere Gesicht und wunderte sich über den, wie er es interpretierte, angestrengt wirkenden Gesichtsausdruck. In den Mundwinkeln erkannte er die Reste einer schaumigen Flüssigkeit. Die Haare und das Kleid waren feucht und klebten am schlanken Körper der jungen Frau.

Clausens Beine versagten weiterhin ihren Dienst. Stattdessen blieb er wie angewurzelt mit weit aufgerissenen Augen abseits stehen.

»Wissen wir den Todeszeitpunkt?«, wollte Winning wissen.

»Schwer zu sagen, Herr Kommissar. Auf den ersten Blick würde ich sagen vor nicht mehr als zwölf Stunden. Muss ich aber im Labor genauer untersuchen. Aufgrund der Leichenstarre und der Totenflecken …«

»Jaja, bloß keine Details. Haben wir eine Identität?«

»Nein, sie hatte nichts dabei, womit man sie identifizieren könnte. Unter dem Kleid ist sie unbekleidet.«

»Ah, ein Nackedei. Wer hat sie gefunden?«

Ein junger Polizist, der den Tatort abgesichert hatte, kam auf sie zu und wandte sich an Winning.

»Eine Frau Müller – Nele Müller. Sie hatte den Notruf abgesetzt.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Als wir ankamen und nachdem sie uns den Tatort gezeigt hatte, haben wir sie nach einer kurzen Befragung nach Hause entlassen.

Winning löste seinen Blick vom Tatort und sah den Polizisten herablassend an. Genau in dem Moment wusste dieser, welchen Fehler er begangen hatte, und lief puterrot an.

»Nach Hause entlassen? Bevor wir vor Ort waren? Noch bevor wir sie befragen konnten?«

»Ja – nun ja …«, der Polizist, dem sein Fehler offensichtlich immer unangenehmer wurde, suchte nach den passenden Worten, »sie konnte uns nichts zum Hergang schildern und war demnach keine Zeugin und da dachten wir …«

»Das zu beurteilen, lieber Kollege, steht nur uns zu. So lange die Kripo bei einem Tötungsdelikt nicht vor Ort ist, hat kein Beteiligter, ob Zeuge oder nicht, den Tatort zu verlassen. Das sollte man Ihnen auf der Polizeischule eigentlich eingetrichtert haben. Menschenskind … nun ja, ist jetzt so. Haben Sie sich wenigstens die Adresse von Frau … ääh … Meier aufgeschrieben?«

Hektisch griff der Polizist in die Innentasche seiner Jacke nach seinem Notizbüchlein. »Frau Müller, ja natürlich. Sie wohnt auf dem Klostergelände, nicht weit von hier. Die Adresse ist, warten Sie, ich schreibe sie Ihnen auf, dann …«

Wortlos nahm Winning dem Polizisten das Notizbüchlein aus der Hand und riss das Blatt mit den ersten Erhebungsdaten heraus. Dann gab er dem verdatterten Polizisten das zerknitterte Büchlein zurück. Er klopfte ihm väterlich auf die Schulter.

»Ist ab jetzt eh unser Fall, Sie Amateur.«

»Herr Kommissar, können Sie mir bitte einmal über die Schulter sehen? Es gibt hier etwas, das ich spannend finde«, rief die Ärztin zu ihm herüber.

Winning hatte sich zurückgehalten. Wäre der Polizist in seiner Einheit gewesen, würde dieser bis auf Weiteres nur noch Berichte abtippen dürfen. Drei Wochen lang. Mindestens.

Er drehte sich zu der Ärztin um und würdigte dem peinlich berührten Polizisten keines Blickes mehr.

»Und zwar?«

Vanessa Schmal sah zu ihm hoch und zeigte schließlich auf die Füße der Leiche.

»Schauen Sie sich mal ihre Fußknöchel an.«

Winning erkannte mehrere tiefe rote Striemen an den Fußgelenken.

»Sie war an den Füßen gefesselt?«

»Das sieht sehr danach aus.«

»Was ist mit den Handgelenken?«, fragte Winning.

»Das wollten wir uns gerade ansehen. Frau Martens, Herr Schlüter? Kommen Sie bitte?« Schmal winkte die beiden Beamten zu sich heran, die sich raschelnd in ihren Ganzkörperanzügen näherten.

Als sie an die Leiche herantraten, wurden sie von Schmal gebeten, den leblosen Körper nach vorne zu beugen, um die Arme zu untersuchen, die noch immer hinter dem Rücken verschränkt waren.

Sie kniete sich wieder vor die Leiche und zog einen der Arme hinter dem Körper hervor. Dabei bemerkte sie die unnatürliche Stellung der Schultergelenke. Vorsichtig zog sie den linken Arm hinter dem Rücken der Frau hervor. Es gelang ihr nur mit Kraftanstrengung, obwohl der restliche Körper keine Leichenstarre mehr aufwies.

Am Oberarm wurde selbst unter dem Kleid ein gewaltiges Hämatom sichtbar. Am Handgelenk zeigte sich ebenfalls eine deutliche rote Strieme. Sie drehte den Arm, um herauszufinden, wie das Handgelenk abgebunden worden war.

»Hat sich unser nacktes Mäuschen wohl nicht umgebracht«, meinte Winning lakonisch.

»Das sieht so aus«, nickte Schmal. »Damit hat sie nicht das Economy-Class-Ticket, sondern das Erste-Klasse-Ticket auf meinen Stahltisch gewonnen. Mit Sonderbehandlung.«

Winning richtete sich auf und wandte sich an Kommissar Schlüter von der Kriminaltechnischen Untersuchungseinheit. »Haben Sie noch etwas gefunden, zum Beispiel ein Seil oder ähnliches?«

»Das Einzige, was wir gefunden haben, sind Scharrspuren auf dem Waldboden dort drüben.«

»Scharrspuren? Bestimmt von wilden Tieren. Gibt ja genug im Wald.«

»Könnte sein, Herr Kommissar. Glaube ich aber nicht. Es sieht so aus, als wenn sie jemand bewusst im Waldboden hinterlassen hat. Müssen wir aber näher untersuchen.«

Vanessa Schmal stand ebenfalls aus der Hocke auf, drehte sich um, um ihre Kamera zu holen und Fotos des Tatortes und der Spuren im Waldboden zu machen.

Martin Clausen, der zwischenzeitlich langsam an sie herangetreten war, war immer noch aschfahl im Gesicht. Ihm war anzusehen, wie sehr ihn der Tatort und die Situation mitnahmen. Winning sah ihn an und rollte mit den Augen.

»Reißen Sie sich endlich mal zusammen.«

Die Ärztin stand auf und legte ihm beruhigend die behandschuhte Hand auf die Schulter.

»Herr Clausen, alles in Ordnung?«

»Ich weiß nicht so genau, Frau Schmal.«

Er schluckte hörbar.

»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich kenne die Frau.«

3

Die Polizisten hatten die Person, die in einiger Entfernung vom Tatort wie zufällig den Forstweg entlangging, schnell bemerkt. Sie sahen aber keinen Grund, sie des Platzes zu verweisen. Sie war weit genug entfernt, um etwas von den Arbeiten der Forensiker und Kriminalbeamten zu bemerken.

Wie falsch sie damit lagen, konnten sie nicht ahnen.

Die Unsicherheit, ob das Ergebnis zufriedenstellen war, war zermürbend. Die Polizei war schneller eingetroffen als erwartet. Jemand musste etwas bemerkt haben. Deshalb hatte es zum Schluss schnell gehen müssen. Aber in der Eile neigt man zu Fehlern.

Die Inquisition brauchte Gewissheit, dass die Hexe tot war. Die zusätzliche Anwesenheit der Spurensicherung und der Gerichtsmediziner war Beleg genug. Das Ziel war erreicht worden.

Dass sie sterben musste, war von dem Moment aus nicht mehr abwendbar, als durch die Wasserprobe ihre Schuld bewiesen wurde. Die Hexe hatte sich heftig und nach Leibeskräften gewehrt. Das Fixieren von Händen und Füßen hatte ihren Willen schließlich gebrochen.

Der Stoß in das reine Wasser der Schwentine hatte die Wahrheit ans Licht bringen sollen. Und es hatte den Beweis erbracht. Das Wasser hatte die Frau abgestoßen. Sie war nicht untergegangen. Also war sie schuldig. Schuldig, einen bösen Zauber ausgesprochen zu haben. Schuldig, einem anderen Menschen viel Leid zugefügt zu haben.

Der Stich in die seitliche Brust war nur der Anfang gewesen, um ihr Schreien zu beenden. Welcher Dämon verließ schon freiwillig einen liebgewonnenen Körper? Damit die verseuchte Seele gereinigt würde, muss eine Hexe brennen. So war das Gesetz.

Für das Entzünden des reinigenden Feuers war keine Zeit mehr geblieben. Das Bannzeichen musste reichen.

Doch reichte das wirklich? Oder befand sich die Hexe jetzt in einer ausweglosen Zwischenwelt?

Vielleicht war alles vergebens gewesen, vielleicht aber auch nicht. Wer wusste schon, was in der Zwischenwelt geschah? Aber letztendlich war das nebensächlich. Es war vollbracht.

Euphorisch und mit kraftvollen Schritten ging der Inquisitor zurück in Richtung des Klosters. Es blieb noch viel zu tun. Die nächste Aufgabe wartete. Diesmal würde alles gut gehen, es würde keine weiteren Störungen geben. Es durfte keine Störung mehr geben.

Vielleicht würde eine Flasche billigen Weins schon reichen.

4

Manfred Kruse lief zur schweren Kirchentür und riss sie auf. Die Schmerzen in seinem Rücken waren wie weggeblasen. Die blanke Furcht trieb ihn an. Ohne sich umzusehen, stolperte er auf den Klosterhof und hörte, wie hinter ihm die Tür krachend ins Schloss fiel. Panisch lief er den dunklen Weg entlang. Weg, nur weg von dieser Kirche.

Mittlerweile waren die Lichter in den Häusern, an denen er vorbeilief, erloschen. Der Weg erschien ihm viel dunkler als sonst.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er keuchend an seinem Haus an. Er nestelte hektisch in seiner Manteltasche herum. Wo war der verdammte Schlüsselbund? Eilig suchte er weitere Taschen durch.

Ein Kribbeln machte sich in seinem Nacken breit. Er hatte das beklemmende Gefühl, als würde ihn jemand beobachten. Ängstlich drehte er sich langsam um. Aber der Weg hinter ihm war leer. Leer, dunkel und still. Angestrengt horchte er auf irgendwelche verdächtigen Geräusche. Da war nichts. Er war allein.

Er versuchte, sich zu beruhigen. Sollte er wirklich einen leibhaftigen Geist gesehen haben? Er schüttelte den Kopf und versuchte seine Furcht buchstäblich abzuschütteln. Geister gibt es nicht. Er wiederholte in Gedanken mantraartig immer wieder diesen Satz. Aber was hatte er dann gesehen? Hatten ihm seine Sinne nur einen Streich gespielt? Einen sehr real wirkenden Streich? Er hatte so etwas noch nie erlebt. Von Fieberträumen hatte er gehört, aber er war hellwach. Vorsichtshalber fasste er sich an die Stirn. Nein, er fühlte sich nicht heiß an. Eher kalt und verschwitzt.

Endlich fand er den Haustürschlüssel und schloss die Wohnungstür zitternd auf. Vorsichtshalber drehte er sich noch einmal um.

Da war sie.

Geräuschlos kam die blasse, transparente Frauengestalt, keine zehn Meter von ihm entfernt, an ihm vorbei. Es war windstill, dennoch umwehte ihr zarter, weißer Umhang ihren zierlichen Körper. Ihr Kopfschleier bewegte sich leicht, wie von einem leichten Windhauch getrieben. Die ganze Erscheinung war bestimmt durch eine ausgeprägte, fast schon zerbrechliche Eleganz. Ein faszinierender Anblick. Und unheimlich.

Obwohl dieser Bereich des Klosterhofs stockdunkel war, konnte Kruse die Gestalt deutlich vor sich sehen. Wieder schien sie leicht von innen heraus in einem weißlichen Licht zu leuchten. Langsam und ruhig schwebte sie vor ihm über die Straße. Er presste sich mit dem Rücken an die Haustür – bloß nicht auffallen. Er wusste nicht, ob es ihn beruhigen oder noch mehr verstören sollte, dass sie ihren Kopf nicht zu ihm wandte. Starr und ausdruckslos hatte sie ihren Blick nach vorne gerichtet. Nicht so wie in der Klosterkirche, wo sie ihm ganz deutlich in die Augen gesehen hatte.

Ohne ein Geräusch zu verursachen, bewegte sie sich über den ungeteerten Schotterweg, der an Kruses Haus vorbeiführte. Wie eine steife Puppe, ohne eine sichtbare Regung, glitt sie an ihm vorbei. Er hätte schwören können, dass sie schwebte. Ein vorsichtiger Blick nach unten bestätigte ihn. Unter dem Gewand war nichts zu erkennen. Ein freier Raum. Kein Bodenkontakt.

So bewegte sie sich in Richtung eines abgelegenen Hauses, das nicht weit von Kruses Haus in einer leichten Senke lag. Es war das ehemalige Siechenhaus des Klosters, das an den Wald grenzte. Immer weiter entfernte sie sich geräuschlos von ihm, bis er sie hinter einer Biegung, die in Richtung Wald führte, aus den Augen verlor.

Er drehte sich, so schnell es seinem schockerstarrten Körper möglich war, um, stieß panisch die Tür auf und stürzte ins Haus. Laut knallte er die Tür hinter sich zu. Seine Frau fuhr erschrocken herum und sah ihn besorgt an.

»Wie siehst du denn aus? Du bist ja schweißgebadet.«

Schnell schloss er die Tür von innen ab.

»Frag nicht«, keuchte er.

Er merkte, wie ihm immer noch das Atmen schwerfiel. Zitternd hielt er sich am Türrahmen fest.

»Du lieber Himmel, setz dich erstmal hin.« Seine Frau war ernsthaft besorgt. So hatte sie ihren Mann noch nie gesehen. Sie kam zu ihm und umfasste seinen Arm. Er stieß sie unsanft weg.

»Lass mich …«

Er war sich sicher, dass diese Gestalt nicht real gewesen war, nicht real gewesen sein konnte. Und doch hatte er sie gesehen. Er ging langsam ins Wohnzimmer und ließ sich, ohne den Mantel auszuziehen, auf das alte Sofa fallen. Normalerweise würde er seine Frau jetzt um einen Tee bitten, die Füße hochlegen und, wenn ihm danach wäre, die Tageszeitung zur Hand nehmen. Stattdessen beugte er sich vornüber und schlug mit einem verzweifelten Stöhnen die Hände vor das Gesicht.

5

Verwirrende Gedanken kreisten durch Martin Clausens Kopf. Er versuchte sich irgendwie abzulenken. Es gelang ihm nur kurz, dann waren die Bilder wieder da. Das Gesicht der Ermordeten hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Oder vielmehr das Gefühl, der jungen Frau schon einmal begegnet zu sein.

Er fuhr sich mit der flachen Hand zitternd über das Gesicht, als wollte er das undefinierbare, beklemmende Gefühl fortwischen.

Winning hatte darauf bestanden, am Tatort zu bleiben. Er begleitete die weitere Spurensicherung. Er hatte Clausen angewiesen, die Zeugin aufzusuchen und hatte ihm die Kontaktdaten in die Hand gedrückt. Wieder so eine Aktion von Volker Winning, um als einziger auf dem neuesten Stand zu bleiben. Clausen war es in dem Moment sogar ganz recht gewesen, dass er darauf bestanden hatte. Er hatte nicht länger am Tatort bleiben können.

Kurze Zeit später ging Clausen den Rastorfer Weg entlang, dorthin, wo Winning das Einsatzfahrzeug abgestellt hatte. Würde er dem Weg weiter folgen, sollte er ihn direkt zum Klosterbezirk führen. An einer Weggabelung sollte er der Richtung in ein kleines Wäldchen folgen. Als er dort ankam, lief er aber gedankenverloren an dem besagten Pfad vorbei. Stattdessen ging er weiter geradeaus den Rastorfer Weg entlang.

Er war so in Gedanken vertieft, dass er nicht registrierte, dass sich von hinten ein Fahrzeug näherte.

Er ging langsam die Straße entlang. Er zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich von hinten angehupt wurde. Er trat einen Schritt zur Seite und drehte sich um. Erst jetzt sah er, dass er den falschen Weg gewählt hatte. Ein Opel Corsa fuhr langsam an ihm vorbei. Der Fahrer kurbelte ungelenk das Beifahrerfenster herunter.

»Mach mal die Augen auf, du Penner!«

Clausen winkte kurz entschuldigend zurück und ging zurück, um den Weg zu suchen, der ihm beschrieben worden war.

Er ging schließlich an der Gabelung den richtigen Weg entlang und durchquerte ein kleines Waldstück. Eigentlich ein schönes Fleckchen Erde, stellte er fest. Wie kommt jemand auf die Idee, nahe dieser Idylle Menschen zu ermorden?

---ENDE DER LESEPROBE---