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Subtiler Humor gepaart mit Spannung, Querelen um ein Erbe, einer beendeten Beziehung und einer neuen Liebe, einer Miniportion mystisches Flair und Einblick in dunkle Familiengeheimnisse. Eigentlich wollte Ulf nur mal kurz das geerbte Anwesen versilbern. Frisch getrennt von seiner früheren Lebensgefährtin blickt er höchst optimistisch einer sorgenfreien Zukunft entgegen. Doch bereits einen Tag nach seiner Ankunft auf dem Einödhof, den er von seiner verstorbenen Tante geerbt hat, wird er Zeuge eines unglückseligen Ereignisses. Und seine Tante Klara scheint auch nicht die gewesen zu sein, für die er sie hielt. Ja und die Art, wie sie ums Leben kam … Um den Hof und den angrenzenden Keltengrund ranken sich etliche Mythen. Geht es dort wirklich mit rechten Dingen zu? Und ist Ulfs Leben tatsächlich bedroht? Der Dorfpolizist hat für alles nur ein müdes Lächeln übrig. Aber als der Polizeibeamte einer Unklarheit nachgeht, tritt Überraschendes zutage.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ariane Nasskalt
Das Erbe im Keltengrund
Softkrimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine böse Überraschung
Ein merkwürdiges Anliegen
Ein seltsamer Fund
Konrad Schmieg wird neugierig
Überrumpelt
Wie der Vater so der Sohn
Lughnasadh und die Mayer
Nur eine Bettgeschichte
Hintergedanken
Ein Naturschauspiel
Beim Notar
Allein auf dem Maierhof
Nebelschwaden
Wer hätte das gedacht?
Ronny
Ein Ärgernis jagt das andere
In der Falle
Unerfreuliches
Todesangst
Eine grausige Entdeckung
Ermittlungen
Konrad Schmiegs zweite Mission
Ich wittre in die Zukunft schreiten Herolde mächtiger Begebenheiten (Erich Mühsam)
Hinweis:
Impressum neobooks
Ulf hatte Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Und immer wieder musste er an Simone denken, die wahrscheinlich gerade dabei war, ihre letzten Habseligkeiten aus ihrer gemeinsam bewohnten Hamburger Wohnung zu räumen. Ihr ewiges Geleier übers Heiraten und Kinderkriegen war ja nicht mehr auszuhalten gewesen. Heiraten, nie und nimmer! Und eine feste Beziehung war momentan auch nicht drin. Ab sofort wollte er sein Leben genießen. Mit Tante Klaras Erbschaft im Rücken winkte schließlich die Freiheit! Was für ein Glück! Wenn er Simones Drängen nicht so hartnäckig widerstanden hätte, würde ihr jetzt die Hälfte von Tante Klaras Erbschaft zustehen. Aber sein Instinkt hatte ihm in die Hände gespielt, und er hatte gerade noch rechtzeitig den Schlussstrich gezogen!
Allmählich lichtete sich der Verkehr, auch die Straße verengte sich. Land pur,das war ätzend! Wenn er alles geregelt hatte, würde er sofort das Weite suchen.
Tante Klara! Eigentlich war es schon komisch, dass ausgerechnet er alles erbte. Seit seiner zwangsweisen Verfrachtung auf ihren Odenwälder Bauernhof hatte er sie nicht mehr gesehen und auch nur ein einziges Mal mit ihr telefoniert. Zwölf Jahre alt war er damals gewesen. Obwohl inzwischen siebzehn Jahre vergangen waren, erinnerte er sich noch genau an diese letzten und zugleich einzigen Ferien, die er bei der Schwester seines Vaters verbracht hatte. Seine Eltern hatten ihn damals für fünf Wochen bei ihr einquartiert, weil sie angeblich auf einer längeren Seereise ihre Ehe retten wollten. Seine Mutter war ganz schön blauäugig gewesen. Sie hätte doch wissen müssen, dass es für einen notorischen Fremdgänger wie seinen Vater schon eine große Leistung gewesen war, so lange bei ein und derselben Frau zu bleiben. Wenige Monate später waren seine Eltern vor dem Scheidungsrichter gelandet. Und nicht mal ein viertel Jahr danach war sein Vater mit seiner zuvor als kleines Techtelmechtel bezeichneten Geliebten nach Australien ausgewandert. Ohne ein Wort des Abschieds und ohne je wieder etwas von sich hören zu lassen, war er auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben verschwunden.
Ganze fünf Wochen hatte er damals auf dem abgelegenen Bauernhof ausharren müssen. Immer war er allein und auf sich gestellt gewesen, weil sich seine Tante von morgens bis abends abgerackert hatte. Abgesehen davon hatten sie beide auch nichts miteinander anzufangen gewusst. Wie auch, seine Tante war ja irgendwie aus der Welt gewesen. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie besessen. Er hatte sich damals auch nicht als besonders willkommen gefühlt. Gut, als alleinlebende Junggesellin war seine Tante nicht daran gewöhnt gewesen, dass immer jemand um sie herum war. Aber wenigstens einmal hätte sie ihm doch was bieten können. In die Stadt fahren, ins Kino gehen oder so.
Eigentlich merkwürdig, dass Tante Klara allein geblieben war. Wenn sie sich ein bisschen hergerichtet hätte und nicht immer nur in verwaschenen Jeans und ausgeleierten T-Shirts herumgelaufen wäre, hätte sie gar nicht mal übel ausgesehen. Rein figürlich müsste sie doch Männer angesprochen haben. Vielleicht hatte sie aber auch anders getickt und aufgrund ihrer verqueren Erziehung ihre sexuelle Ausrichtung auf Frauen gar nicht wahrgenommen? Ulf schob sich die Sonnenbrille ins dichte blonde Haar. Diese ländliche Umgebung machte ihn ganz rammdösig. Jetzt zerbrach er sich schon den Kopf über das sicherlich nicht vorhanden gewesene Sexualleben seiner verstorbenen Tante. Um sich abzulenken, schaltete er das Radio ein und summte einen alten Gassenhauer aus den frühen Achtzigern mit.
Als er im Forchenrain ankam, setzte gerade die Dämmerung ein. Das großflächig u-förmig angelegte Gehöft und der angrenzende Wald, der sich den Hügel hinaufzog, wirkten in der niedergehenden Sonne irgendwie verwunschen. Der grasbewachsene Innenhof war zwar von drei Seiten umschlossen, die einzelnen Gebäude standen aber etwas auseinander. Noch immer gab es keinen gepflasterten Weg zwischen dem Wohnhaus und den Stallungen auf den gegenüber- und querliegenden Seiten. Der Trampelpfad, der auf der Stirnseite zwischen Backhaus und Getreideschuppen zur Bachaue hinüberführte, war kaum noch zu sehen. Und das Gras zwischen dem Haus und den Wirtschaftsgebäuden stand fast meterhoch. Ulf parkte sein schwarzes Golf Cabrio am Ende der schmalen Zufahrt.
Missmutig blickte er um sich. In den letzten Jahren war alles ziemlich verfallen. Beim Wohnhaus bröckelte an vielen Stellen der Verputz ab und die schief hängenden Fensterläden benötigten, ebenso wie die Eingangstür, dringend einen neuen Farbanstrich. Im Gegensatz zum Scheunentor hing die schmucklose Haustür aber noch fest in den Angeln. Sicher würde es nicht leicht werden, für dieses marode Anwesen einen guten Verkaufspreis zu erzielen. Eigentlich konnte er froh sein, dass er noch keinen neuen Job gefunden hatte. Dank Tante Klara hatte sich dieses Problem zunächst auch erledigt.
Am Ende der geteerten Zufahrt war das Gras niedergetreten. Die schmale Fußspur führte zum Stall hinüber. Die Notariatsangestellte war also schon da gewesen und hatte dort, wie verabredet, den Haustürschlüssel hinterlegt. Ulf stieg aus und folgte der Grasspur.
Die Stalltüre knarzte und klemmte zunächst, bevor sie sich öffnen ließ. Wie dunkel es bereits im Stall war! Ulf konnte lediglich die Umrisse der zumeist großen Gegenstände erkennen. Er hatte die Notariatsangestellte angewiesen, den Schlüssel an oder in der Nähe der Türe zu deponieren. Doch er suchte vergebens nach dem Schlüsselmäppchen. An der Wand befanden sich zwar haufenweise Nägel, an denen irgendwelcher undefinierbarer Kram hing, aber das, was er dringend benötigte, konnte er weder sehen noch erfühlen. Erst als er sich von der Tür entfernte und sich unsicheren Schrittes ins Stallinnere tastete, fiel ihm ein kleines Körbchen auf, das nun vor ihm auf dem Boden stand. Menschenskind aber auch, dass Frauen sich nie an Abmachungen halten konnten! Gerade, als er sich bückte, um den Schlüssel aus dem geflochtenen Behältnis zu fingern, drang unverhofft kurzes, heftiges Flügelschlagen an sein Ohr. Erschrocken fuhr er nach oben, zog dabei instinktiv den Kopf ein. Nahezu zeitgleich flog eine Schar von Fledermäusen über ihn hinweg zum Tor hinaus.
Schreckerstarrt blies Ulf die Luft zwischen den Zähnen aus. Was war das denn gewesen? Obwohl ihm sein Nervenkostüm sonst nie im Stich ließ, fühlten sich seine Knie seltsam weich an, als er den Fledermäusen ins Freie folgte. Er sah gerade noch, wie sich ein riesiger Schwarm der Flugtiere zwischen den Wirtschaftsgebäuden empor schwang und lautlos dem Mondlicht entgegen flog. Ulf schüttelte den Kopf. Das sah ja aus wie ein Geschwader, das sich auf ins Weltall machte. Mit diesem filmreifen Szenario hätte man Gruselfilme aufbauschen können. Seltsam, dass sich so viele Fledermäuse in einem Stall eingenistet hatten? Wie waren sie da nur hineingekommen? Eine von Tante Klaras eisernen Regeln war immer gewesen, niemals eine Türe offenstehen zu lassen. Ihre Angst, dass sich Nagetiere in den Gebäuden einnisten könnten, hatte fast schon krankhafte Züge gehabt. Und wenn diese Fledermausarmada über die Notariatsangestellte hinweg in den Stall gebraust wäre, hätte sie sicher nicht mehr den Nerv besessen, die Türe hinter sich zuzuziehen.
Als sich dann auch das Licht im Haus nicht einschalten ließ, fluchte er nochmals. Wer war denn auf die blöde Idee gekommen, die Sicherungen rauszudrehen? Weil er keine Ahnung hatte, wo sich der Verteilerkasten befand, ging er zurück zum Auto und kramte seine Taschenlampe heraus, die er unter dem Rücksitz verstaut hatte.
Doch das kleine Designerlämpchen, das als Notlicht für andere Zwecke gedacht war, gab nur spärlich Licht und warf lediglich kleine, schmale Lichtkegel in das Rauminnere. Unter diesen Umständen war es wohl das Beste, wenn er gleich schlafen ging.
In dem Zimmer, das er auch schon während seines unfreiwilligen Aufenthalts auf dem Einödhof bewohnt hatte, stank es entsetzlich nach Mottenkugeln. Schon wieder blies Ulf die Luft aus, diesmal aus Ekel. Schnell ging er zum Fenster und riss es sperrangelweit auf. Im Haus befanden sich zwar noch weitere Schlafräume. Doch er wollte unter keinen Umständen in Tante Klaras oder im Zimmer eines anderen verstorbenen Familienmitglieds schlafen. Unerklärlicherweise hatte man nach deren Dahinscheiden alles so belassen, als würden sie irgendwann einmal zurückkehren. Wahrscheinlich thronte auf dem Bett seiner Großmutter noch immer diese geschmacklose Puppe aus Pappmaschee, deren Rüschenkleid das halbe Bett bedeckte.
Ohne sich umzukleiden, legte er sich auf das große, schmiedeeiserne Bett und starrte gedankenverloren zur Fensteröffnung hinaus. Seine Augen waren inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass er nun auch die Umrisse einer Fledermaus, die an der Vorhangstange hing, wahrnahm. Es kam ihm so vor, als würde sie ihn beobachten, doch er war zu müde, um sie zu vertreiben. Während er in den Schlaf dämmerte, wuchs die Gestalt des Tieres vor seinen Augen immer mehr an, wurde größer und größer …
Ulf kam erst viele Stunden später wieder zu sich. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Wie schwül es wieder war. Benommen vom langen Schlaf rappelte er sich auf und ging Richtung Küche, war jedoch sofort hellwach, als er sich einer neuerlichen Überraschung stellen musste. Der rustikale Küchentisch war für eine Person gedeckt, weder Kaffee noch Wurst und Brötchen fehlten. Ulf fasste sich ans Kinn und dachte nach. Das gehörte wohl kaum zum üblichen Service eines Notariatsbüros. Wer könnte ihm aber dann dieses Frühstück hingestellt haben? Seine Tante hatte nie irgendwelche Freundschaften gepflegt. Abgesehen vom Briefträger oder den Leuten, die ein landwirtschaftliches Erzeugnis gekauft hatten, war damals auch niemand vorbeigekommen. Laut rief er in die Stille hinein: “Ist da jemand?“, bekam aber darauf ebenso wenig eine Antwort wie auf sein nachfolgendes „Halli – Hallo!“. Vielleicht hielt sich die fürsorgliche Person ja in einem der Wirtschaftsgebäude auf.
Als er zur Haustür hinaustrat, zwängte sich eine große, rot getigerte Katze zwischen seine Beine und entfloh ins Innere. Ulf drehte sich kurz nach dem Tier um, ging dann aber unbeirrt nach draußen. Um das Mistvieh würde er sich später kümmern. Doch von woher auch rief, es kam kein Widerhall. Ulf war das nicht unrecht. Ihm stand sowieso nicht der Sinn nach einem Smiley-Talk.
In diesem Moment sah er, dass sich unweit von ihm Grashalme bewegten. Was da wohl dahintersteckte? Als er nähertrat, erkannte er, dass es eine Henne war, die sich durch den mit Disteln durchsetzten Grasbewuchs schob.
Herrje, die Hühner – an die hatte er gar nicht gedacht! Der Notar hatte ihm zwar gesagt, dass seine Tante kurz vor ihrem Tod die Milchviehhaltung aufgegeben hatte, aber klar, Hühner fielen ja nicht unter diese Tiergattung. Ulf machte sich auf die Suche nach ihren Artgenossen, stieß dabei auf vieles, nur nicht auf die Gesuchten. Das Tor zum Hühnergehege war halb offen. Auch der Getreideschuppen war leer, die danebenliegende Scheune zu seiner Überraschung bis obenhin mit Gerümpel angefüllt. Neben dreckverkrustetem Ackergerät stand ein alter Korbkinderwagen, wie er in den Fünfzigerjahren modern gewesen war, auch ein alter Hula-Hoop-Reifen fiel ihm auf.
Tante Klara war ja schon immer ein bisschen skurril gewesen, aber in ihren letzten Jahren schien das überhandgenommen zu haben! Oder hatte sie etwa versucht, ihr Einkommen durch den Verkauf von Flohmarktartikeln aufzubessern? Die blecherne Milchkanne in der Ecke schien für solche Zwecke ganz brauchbar zu sein. Egal, er konnte später stöbern, jetzt wollte er endlich frühstücken.
Doch soweit kam es auch diesmal nicht, denn in der Küche erwartete ihn eine böse Überraschung. Ulf schluckte und verzog angewidert seinen Mund. Etwas derart Ekelerregendes hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Neben dem alten Küchenbüfett lag regungslos die rot getigerte Katze in ihrem Erbrochenen. Ihre geöffneten starren Augen verrieten, dass sie nicht mehr lebte.
Igitt, das blöde Vieh hatte ihm den Appetit gründlich verdorben! An Frühstücken war nun nicht mehr zu denken. Bei dieser Hitze war es wohl besser, wenn er die Wurst erst mal in den Kühlschrank stellte. Doch nun bemerkte er, dass auch dies nicht mehr möglich war. Der Teller, auf dem sie gelegen hatte, war leer. Diese eklige Katze hatte seine Wurst gefressen! Ulf war schon zuvor weit davon entfernt gewesen, Mitleid mit dem toten Tier zu empfinden. Nun machte sich eine Riesenwut in ihm breit. Jetzt durfte er die ganze Chose auch noch beseitigen, obwohl ihm das blöde Vieh alles weggefressen hatte. Brr, igitt, aber auch! Was hatte das Mistvieh auch so schleckig sein müssen. Das Milchkännchen war noch randvoll gefüllt, nicht mal geleckt hatte sie daran. Manche Katzen vertrugen ja keine Milch, doch die von Tante Klara waren von klein an daran gewöhnt gewesen.
Komisch, dass die Katze den Teller ratzeputz geleert hatte. Katzen fraßen doch nichts, wenn es ihnen nicht gut ging. Und schon gar nicht, wenn sie es so schlimm mit dem Magen gehabt hatten, dass sie erbrachen. Hatte am Ende etwas mit der Wurst nicht gestimmt? Mit der Wurst, die jemand für ihn hingerichtet hatte? Hatte es vielleicht jemand auf ihn abgesehen? Weil Tante Klara ihm alles vermacht hatte? Ulf rief sich zur Raison: Quatsch, jetzt bloß nicht verrückt spielen! Der ganze Schlamassel mit Simone ließ ihn jetzt auch noch panisch werden. Und hier wurde er auch noch ständig an die übelste Zeit seiner Vergangenheit erinnert. Wenn seinem Vater damals der Coup mit der angeblichen Firmenpleite gelungen wäre, hätte seine Mutter nach der Scheidung ganz schön zu knapsen gehabt.
Bei dem Gedanken, dass es an ihm blieb, den Kadaver aus der Küche zu entfernen, meldete sich Ulfs Magen. Bevor er dieser äußerst unliebsamen Pflicht nachkam, musste er sich erst mal etwas einverleiben. Er setzte sich ins Auto und steuerte die nächste Ortschaft an.
Langsam – dabei abwechselnd nach links und rechts schauend – fuhr Ulf die Hauptstraße von Ebendorf entlang. Was jemand anderes als beschaulich beschrieben hätte, bezeichnete er als verschlafenes Nest. Außer einem Blumengeschäft und einem kleinen Gemüse- und Obstladen hatte er noch kein Ladengeschäft entdeckt. War das die Möglichkeit, in diesem Kaff gab es eine Polizeistation! Ein Gedanke, der ihm wie ein Blitz einschoss, ließ Ulf abbremsen. Schon etwas besser gelaunt hielt vor dem kleinen Fachwerkhaus an.
Konrad Schmieg zwang sich eine ernste Tonlage auf. In seiner Eigenschaft als Polizist war ihm schon viel zu Ohren gekommen, aber dies hier überstieg das Gewohnte. Da hatte sich dieser junge Mann fast zwei Monate Zeit gelassen, um die Angelegenheiten seiner Tante zu regeln, nicht einmal zur Beerdigung war er erschienen. Während der ganzen Zeit hatte er sicher auch keinen einzigen Gedanken an das Hofgetier verschwendet. Nun, da er endlich hier war, schwafelte er von Fledermäusen und anderem Vieh und tat so, als ob er sich bedroht fühlte. Und das angeblich nur, weil eine alte Katze ihr Leben ausgehaucht hatte. Obwohl Konrad Schmieg längst ahnte, worauf der junge Mann hinauswollte, ließ er sich nichts anmerken.
„Fledermäusen genügt ein kleiner Spalt, um in ein Gebäude zu kommen. Und so eine Neuigkeit, dass der Hoferbe eingetroffen ist, spricht sich in unserem kleinen Ort schnell herum“, entkräftete er Ulf Reimanns Entgegnung, dass – abgesehen von den Notariatsmitarbeitern – niemand von seiner Ankunft gewusst habe.
Doch auch dieses Argument des Polizisten trug nicht dazu bei, dass Ulf verwarf, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Mit übereinandergeschlagenen Beinen saß er Konrad Schmieg gegenüber und wippte ungeduldig mit dem Fuß. Sein Gemütszustand spiegelte sich in seinem Gesicht wider. In dem kleinen Amtszimmer, dessen Interieur auch dem Gerümpel in Tante Klaras Scheune entstammen hätte können, war es stickig heiß. Je mehr sich der Beamte sperrte, desto übellauniger wurde Ulf.
„Ist es nicht ein bisschen verwunderlich“, begann Ulf von Neuem, „dass mir jemand Fremdes ein Frühstück vorsetzt, und die Katze, die mir die Wurst stibitzt, gleich danach das Zeitliche segnet?“
„Auch, wenn ich mich jetzt wiederhole: Die Katze hatte schon etliche Jahre auf dem Buckel. Wahrscheinlich haben ihre alten Gedärme so einen ungewohnten Leckerbissen nicht vertragen. Und wer weiß, was sie sonst noch gefressen hat. Vielleicht wurde in einem der umliegenden Felder ein Giftköder gegen Ratten oder Wühlmäuse ausgelegt. Sie haben ja keine Ahnung, wie oft ich es schon mit Hundebesitzern zu tun hatte, deren Lieblinge so ein Ding verschluckt haben. Letzten Herbst ist ein Pudel sogar daran verendet!“
Der Polizist schlug im Stakkato einen Bleistift in die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger, versuchte so seinem Gegenüber klar zu machen, dass er dieses Gespräch jetzt gerne beenden würde. Doch der Wink mit dem Zaunpfahl wurde von diesem nicht aufgenommen. Stattdessen wurde sein Besucher konkreter:
„Ob und durch was die Katze vergiftet wurde, ließe sich doch durch einen Beamten der Veterinäranstalt klären.“
„Ich gebe Ihnen gerne die Adresse. Diese zu beauftragen, wäre angesichts der Sachlage aber Ihr Privatvergnügen! Natürlich auch der Transport dahin.“
Ulf streckte sich und saß nun aufrecht im Stuhl. „Sie meinen also allen Ernstes, dass ich an den Ort zurückkehre, wo man mich gerade eben erst ermorden wollte! Allein schon aus Pietätsgründen können Sie das nicht verantworten! Ein Anruf von Ihnen genügt, jemand von der Veterinäranstalt holt den Kadaver ab und spätestens heute Abend wissen wir, ob mein Verdacht begründet war!“
Konrad Schmieg richtete sich ebenfalls kerzengerade auf. „Guter Mann, wenn ich so verfahren würde, wie Sie es wünschen“, das letzte Wort hatte der Polizist betont gedehnt ausgesprochen, „würde das eine Welle von ebensolchen Fällen nach sich ziehen. Wie ich Ihnen ja schon gesagt habe, verenden bei uns fast tagtäglich irgendwelche Viecher. Und um Ihr Leben brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Es gibt unauffälligere Methoden, einen Menschen zu töten, als ihn zu vergiften. Warum sollte ein Mörder ausgerechnet eine solche wählen, die zur Folge hätte, dass der Fall polizeilich untersucht wird? Außerdem kann ich beim besten Willen kein Motiv erkennen. Ehm … Sie hatten mir doch erzählt, dass außer Ihrem Vater Sie der einzige noch lebende Angehörige Ihrer Tante sind. Und von diesem ist Ihren Angaben zufolge weder dem Notariat noch Ihnen noch sonst jemandem eine Adresse bekannt. Deshalb würde übrigens im Falle Ihres Ablebens das Erbe an den Staat fallen. Ergo kann Ihr Vater also nicht erfahren haben, dass Sie alles erben. Logisch betrachtet weiß er ja noch nicht einmal, dass seine Schwester verstorben ist!“
„Himmel noch mal, ich verdächtige ja auch nicht meinen Vater!“
„Ehm und wen dann?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach Konrad Schmieg weiter. „Tut mir leid, aber ohne begründeten Verdacht kann ich der Sache leider nicht nachgehen!“ Er stützte sich mit den Händen auf den Seitenlehnen seines Bürostuhls ab und stand auf.
„Und das Frühstück?“, startete Ulf einen letzten Versuch, den Polizisten doch noch umstimmen.
„Diese Frage kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Aber Sie können ja mal bei Frau Mayer nachfragen. Soweit mir bekannt ist, hat sich Ihre Tante des Öfteren um deren … Ehm …“ Konrad Schmieg zögerte, im amtlichen Sprachgebrauch wurde so eine Person als geistig minderbemittelt betitelt, aber traf dies auf diesen einfältigen Kauz auch wirklich zu? Die Mayers waren erst im letzten Jahr in das rund 5.000 Einwohner zählende Dorf, gezogen. Die wenigen Male, die er diesem Mann begegnet war, reichten nicht aus, um mit hundertprozentiger Sicherheit eine Fehleinschätzung ausschließen zu können. Nach kurzem Überlegen und mehreren „Ehms“ rang er sich dazu durch, sich nur auf das festzulegen, was er mit Gewissheit wusste und fuhr fort „gutmütigen, aber leider auch ein wenig lebensuntüchtigen Sohn gekümmert. Möglich wäre ja, dass sich nun Frau Mayer im Gegenzug verpflichtet fühlte, sich mit diesem Frühstück zu revanchieren.“
Der Polizist streckte dem jungen Mann die Hand entgegen. Ulf, der nun ebenfalls aufgestanden war, überging diese Anstandsgeste und verließ grußlos, „die Polizei wird wohl erst aktiv, wenn man bereits tot ist“ murmelnd, den Raum.
„Übrigens, Frau Mayer wohnt in der Pfarrgasse, direkt gegenüber vom Friedhof!“,
rief Konrad Schmieg seinem Besucher nach. Schwerfällig ließ er sich in seinen gepolsterten Schreibtischstuhl fallen, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Einmal mehr wurde ihm bewusst, dass es an der Zeit war, seinen Pensionsantrag einzureichen. Früher war er voll Schadenfreude gewesen, wenn er merkwürdige Anliegen zurückweisen konnte. Manchmal hatte er solche Dispute bewusst in die Länge gezogen. Hatte dann genüsslich beobachtet, wie der andere beim Kleinbeigeben zusammengeschrumpft war. Doch jetzt war alles anders. Das Gespräch gerade eben hatte ihn fürchterlich genervt. Obwohl ihm der Satz „Wollen Sie etwa wegen eventuell fehlender Hühner Anzeige erstatten“ auf den Lippen gelegen war, hatte er es unterlassen, diese Frage zu stellen. Er war nur darauf bedacht gewesen, dass der junge Mann so schnell wie möglich sein Revier wieder verließ. Am liebsten hätte er ihm ordentlich Bescheid gestoßen. Was bildete der sich eigentlich ein: Auf Staatskosten einen Kadaver beseitigen zu lassen! Dabei gab es nicht einen einzigen Verdachtsmoment. Nicht einmal der Umstand, durch den Klara Reimann ums Leben gekommen war, wich sonderlich vom Üblichen ab. Jedenfalls nicht hier auf dem Land.
Mist, sein Plan war nicht aufgegangen! Dieser blöde, arrogante Glatzkopf! Der hatte sich all die Jahre seinen Hintern ordentlich platt gedrückt. Klar, der hatte ihn von Anfang an durchschaut. Trotzdem hätte er der Sache nachgehen müssen. Wie auch immer. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, musste er sich erst einmal einen Kaffee einverleiben. Nach einem geeigneten Lokal Ausschau haltend, fuhr er wieder den Dorfkern ab. Na so was, selbst in diesem verlassen wirkenden Dorf gab es einen jener schmucklosen Supermärkte, die ganz Deutschland überzogen. Im Unterschied zu anderen Filialen war hier der Parkplatz lediglich eingeschottert. Schräg gegenüber vom Supermarkt befand sich eine primitive Bretterbude, deren Aushängeschild mit „Imbiss und Erfrischungen“ beschriftet war. Davor standen weiße, witterungsgeschädigte Plastiktischchen. Normalerweise hielt er solche Lokalitäten für niveaulos und nicht aufsuchenswürdig. Aber da seine Kehle schon ganz trocken war – außer einem Schluck Wasser hatte er noch nichts getrunken –, sprang er über seinen Schatten und orderte „Kaffee und Mineral“.
Die Bedienung erinnerte ihn ein wenig an Simone. Auch sie schien Ende dreißig zu sein, was ihr aber – im Unterschied zu seiner früheren Lebensgefährtin – anzusehen war. Ulf wunderte sich, dass sich nicht das kleinste Fünkchen Traurigkeit oder zumindest ein Minimum an Bedauern über die verlorene Zweisamkeit bei ihm regte. Stattdessen fühlte er sich befreit und frei von allen Zwängen. Sicher, am Anfang hatte er Simones Fürsorge genossen, hatte auch von ihrem vorausschauenden Denken profitiert. Aber in letzter Zeit hatte ihn ihre Neigung, über andere bestimmen zu wollen, aggressiv gemacht. Sogar eine Lebensversicherung hatte sie ihm aufgezwungen! Na ja, allzu schlecht erging es ihr jetzt wohl auch nicht. Schließlich hatte sie sich über ein Internetportal einen neuen Kerl geangelt. Wieder einen deutlich Jüngeren! Unvermittelt schenkte Ulf der hübschen Bedienung ein Lächeln, bedauerte dies aber sofort, da sie ihm nun allzu aufdringliche Blicke zuwarf und versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. In einem Zug leerte er den mit Mineralwasser gefüllten Plastikbecher und entschwand grußlos schnellen Schrittes im Einkaufsmarkt.
Ulf beschloss, seine Einkäufe erst ins Haus zu tragen, wenn er drinnen alles ins Reine gebracht haben würde. Als Allererstes musste er ein Loch graben, was sicherlich in der feinkrümeligen Erde des Gemüsegartens am leichtesten auszuheben war. Mit einem rostigen Spaten gewappnet, ging er hinter das Haus. Als er die ausladenden Holunderzweige beiseiteschob, die ihm den Weg zum Gemüsegarten versperrten, bot sich ihm ein seltsames Bild. Jede Menge Unkraut hatte den einstigen Gemüsegarten erobert. Zwischen Disteln, Ackerschachtelhalm und Löwenzahn war der Salat ins Kraut geschossen und dazwischen erhoben sich kleine Erdhaufen, die alle mit Steinen bedeckt waren. In der Mitte dieser friedhofsähnlichen Steinhaufensammlung stak ein abgebrochener Ast, der mit einem zweiten, kürzeren Ast, mittels einer Bastschnur zu einem Kreuz zusammengebunden war. Die Hühner schoss es Ulf durch den Kopf.
Diesmal bekämpfte er sofort das aufkeimende Grausen, indem er gedanklich dagegenhielt. Dass hier irgendjemand irgendetwas beerdigt hatte, war sicherlich wieder ein Hirngespinst seiner überbeanspruchten Nerven! Tante Klara hätte ihre Hühner geschlachtet und anschließend verkauft. Jedenfalls nicht nutzlos vergraben, das war klar! Vielleicht kreuchte das Federvieh auch noch irgendwo herum. Oder jemand aus dem Dorf hatte sich ihrer angenommen. Nein, unter diesen seltsamen Hügeln befand sich sicherlich nichts. Vielleicht war ja dieser junge Mann, den der Polizist nach langem Herumdrucksen als lebensuntüchtig bezeichnet hatte, etwas wirr im Kopf. Obwohl in diesem Alter spielte man ja kein Friedhofserlebnis mehr nach. Wer weiß, vielleicht hatte sich seine Tante ja auch um ein Kind gekümmert. Heutzutage waren ja viele Mütter berufstätig und brauchten – zumindest ab und zu – eine Betreuung für ihre Kinder. Seine Tante hatte, wenn’s ums Geld ging, immer alles mitgenommen. Und nachdem sie das Milchvieh abgeschafft hatte, war sie höchstwahrscheinlich auf ein Zubrot angewiesen gewesen. Dieses Mal würde er sich durch solch einen merkwürdigen Umstand nicht aus der Fassung bringen lassen. Nein, dieses Mal nicht!
Auch nachdem in der Küche nichts mehr von dem morgendlichen Vorfall zu sehen war, mied Ulf dieses Zimmer. Zwischendurch immer wieder von seiner Wurstsemmel abbeißend, inspizierte er am Nachmittag alle im Haus befindlichen Räumlichkeiten. Seit seinem letzten Aufenthalt hatte sich so gut wie nichts verändert. Kein einziges Möbelstück schien auch nur um einen Millimeter verrückt worden zu sein. Der Gilb hatte zwar den Vorhängen und den Tapeten stark zugesetzt, aber die alten, schweren Möbel waren bestens erhalten. Interessehalber durchforschte Ulf das Wohnzimmerbuffet nach Verwertbarem wurde aber erst fündig, nachdem er eine Schublade der bemalten Bauernkommode herauszog. Gleich zuoberst lag eine Schatulle, die eine goldene Kette und Kreolen mit der gleichen Legierung enthielt. Beim weiteren Durchstöbern der Fundstelle gerieten Briefe, die von einem weißen Band zusammengehalten wurden und als Empfängerin seine Tante auswiesen, in seine Hände.
