Das flüchtige Nu des Lebens - Gottfried Bachl - E-Book

Das flüchtige Nu des Lebens E-Book

Gottfried Bachl

0,0

Beschreibung

Von Gott, dem Leben und anderen Dingen, die wir nicht fassen können Die schönsten Texte des unvergessenen Theologen In diesem Buch werden die inspirierendsten Texte von Gottfried Bachl aus allen Schaf-fensperioden präsentiert. Seine erste Veröffentlichung mit 34 Jahren ist ebenso enthalten wie die letzte aus dem Jahr 2017. Die zehn Kapitel orientieren sich an seinen theologischen Hauptthemen wie etwa Sprache und Ästhetik, zeitgemäßer Glaube und Kirchenverfassung, Erlösung und Schöpfung, Mauthausen und die Letzten Dinge. In 90 kurzen und längeren Textausschnitten zeigt sich dabei die theologische Sprachkunst von Gottfried Bachl. Er dringt nicht nur tief in religiöse Thematiken ein, analysiert nicht nur die biblischen Gottesgeschichten, sondern vermag seiner Sprache eine poetische Dimension zu verleihen, welche die Menschen anrührt. Und in allen Texten ist auch das zu spüren, was seine Theologie besonders auszeichnet: Es ereignen sich Öffnung, Weitung und Freiheit.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das flüchtige Nu des Lebens

EinGOTTFRIED BACHLLesebuch

Ausgewählt von Wilhelm Achleitner

Inhalt

Vorwort

Mitten unter uns

Die erste Publikation, 22. Dezember 1966

Begutachtung einer Kreuzigung

Sprache, Ästhetik, Theologie

Der Trost des Erhörtseins

Glauben

Herz, das rund um uns schlägt

Gott

Der müßige Menschensohn

Jesus

Der blaue Taumel des Kosmos

Schöpfung

Die quasigöttliche Macht

Maria

Ordnungen der Liebe

Mann, Frau, Eros

Das flüchtige Nu des Lebens

Tod und ewiges Leben

Andacht auf dem Appellplatz

Mauthausen

Die ziehende Karawane

Kirche

Mailuft und Eisgang

Gebete

Vorwort

Menschen reagieren auf geistreiche Texte. Sie horchen auf, wenn ein Text ihre Lebensschwingung trifft, wenn ein Text schön ist und das ästhetische Bedürfnis befriedigt. Menschen suchen nach Texten, die ihr Leben deuten, erklären und heller machen, nach Texten, die Hoffnung schenken.

Unentwegt leben und denken wir in der Sprache. Ununterbrochen sind wir mit unseren Lieben, mit unseren Kolleginnen und Kollegen, mit der Umwelt sprachlich in Kontakt. Und wer etwas zu sagen hat, zu dem eilen die Menschen, die neugierigen und die philosophischen, die müden auch und die gezeichneten, die agnostischen, die esoterischen und die religiösen, alle spirituellen.

Gottfried Bachl (1932–2020) war ein geistreicher Mensch. Nach dem Philosophie- und Theologiestudium in Rom 1953–1963, der Priesterweihe 1959, der Tätigkeit als Kaplan 1963–1966 und als Gymnasiallehrer 1966–1970 in Wels wurde er 1970 zunächst Lehrbeauftragter, dann Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Hochschule in Linz und von 1983 bis zur Emeritierung 1998 Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Er prägte Generationen von Studierenden, öffnete ihren Geist, regte sie zum kritischen Nachdenken an und vor allem begeisterte Gottfried Bachl durch seine Rhetorik, seine ins Poetische reichende Sprachkunst und mit seinen präzisen Bonmots.

Gottfried Bachl hat 21 Bücher veröffentlicht und neben unzähligen Rezensionen, Predigten, 16 „Stichworten – Theologische Texte“ und 24 „Salzburger Briefen“ weitere 132 Beiträge in Sammelbänden, Zeitschriften und Zeitungen publiziert. Unzählige Herausgeber baten ihn um Beiträge und allen lieferte er das Gewünschte ab. Ich zähle nur einige Zeitschriften und Zeitungen auf, in denen Artikel von ihm erschienen sind: Herder Korrespondenz, Geist und Leben, Bibel und Kirche, Heiliger Dienst, Christ in der Gegenwart, Anzeige für die Seelsorge, zur debatte, Puchberger Arbeitsblätter, Theologisch-praktische Quartalschrift, Diakonia, Salzburger Theologische Zeitschrift, Christlich Pädagogische Blätter, Kunst und Kirche, Unsere Brücke, Jahrbuch der Universität Salzburg, Salzburger Nachrichten, Furche, Welser Zeitung, dazu verschiedene Kirchenzeitungen usw.

An der Universität Salzburg wurden diese 132 Beiträge eingescannt und im Anschluss habe ich sie Wort für Wort auf 1033 Seiten in bearbeitbare Word-Dokumente transformiert und Korrektur gelesen. Für das vorliegende Gottfried-Bachl-Lesebuch habe ich aus dieser Sammlung wichtige Abschnitte ausgewählt und zu zehn Schwerpunktthemen zusammengestellt. Innerhalb der Themen sind sie meist chronologisch geordnet, so dass man auch die Entwicklung von Gottfried Bachl erkennen kann.

Das Lesebuch beginnt mit dem ersten von Gottfried Bachl zu Weihnachten 1966 in der Welser Zeitung publizierten Text. Die erste schriftliche Sichtbarkeit von Gottfried Bachl in Oberösterreich nach seinem langen Studienaufenthalt in Rom fand ich im Archiv der Pfarre Wels-St. Stephan. Nachdem schon im Protokoll der Kirchenratssitzung vom 25. Juli 1963 seine Anwesenheit vermerkt ist, wird im Protokoll der Pfarrausschusssitzung vom 30. September 1963 berichtet: „Hochw. Hr. Kaplan Dr. BACHL erklärt Schriftlesung aus dem Propheten Amos 5,21–27: Die Warnung des Propheten vor äußerlicher Frömmigkeit und allem religiösen Getue gilt heute wie ehedem: Wenn unser Pfarrleben nicht von Gebet getragen ist und zum Gebet führt, gilt es vor Gott nichts.“ – Schon hier blitzen Bachls scharfer Geist und seine Aversion gegen alles Unechte und Äußerliche auf.

Mit Zustimmung des Erben Bernhard Saupe konnte ich auch Texte aus dem Nachlass Gottfried Bachls in dieses Buch aufnehmen, meist kurze Bemerkungen, auch Bonmots, in denen man Gottfried Bachls Stimme, so man ihren Klang kannte, fast akustisch hört. Ich integrierte zudem Textabschnitte aus einigen seiner Bücher, um auf diese hinzuweisen. Und dann ist da noch eine Besonderheit: Zu Weihnachten 2010 schenkte mir Gottfried Bachl einen Kalender im A5-Format mit 365 Seiten. Er hatte an jedem Tag einen Vierzeiler, einen Spruch, eine Sentenz aufgeschrieben und diese graphisch und farbig illustriert, „ein kompletter, wunderlicher Kalender“ ist damit entstanden; auch einige dieser Sprüche habe ich in das Lesebuch aufgenommen.

Ich selbst bin mit Gottfried Bachl seit Exerzitien 1974 in Frauenberg bei Admont in Beziehung. An der Universität Salzburg war ich sieben Jahre lang, von 1987 bis 1994, sein Assistent. Die Arbeit bei Professor Bachl, vor allem die wissenschaftliche, war sehr fordernd, zugleich waren wir durch seine Sprachbeiträge das heiterste Institut an der Theologischen Fakultät. Ich promovierte bei Bachl und blieb auch anschließend immer mit ihm in Kontakt. Mit meiner Frau Gudrun und zwei seiner Schüler, Sabine Trefflinger und Herbert Unger, feierten wir mit ihm in Vöcklabruck am 16. April 2019 seinen 87. Geburtstag. Auf meine Anregung hin konnten wir ihm eine CD mit neun seiner von Sabine Trefflinger vertonten und mit einem Chor eingespielten Gebete aus seinem Werk Mailuft und Eisgang überreichen.

Gottfried Bachl hat alte Sprachformen und enges Denken weggeräumt, die totalitäre römische, neuscholastische Theologie hinter sich gelassen, immerzu Leichtes, Luftiges in seine Gottesgeschichten eingebracht und so die Studierenden und die Lesenden angeregt, das Christliche als „zur Freiheit befreit“ zu verstehen, wie der Titel des Buches lautet, das ich gemeinsam mit Heinrich Schmidinger und Alois Halbmayr 2022 über Gottfried Bachl und sein Denken herausgeben durfte.

Der Titel dieses Lesebuchs stammt aus einem Vortrag von Gottfried Bachl bei den Salzburger Hochschulwochen 1988 über Frau und Mann im christlichen Denken. Mann und Frau „müssten den Augenblick erkennen, das flüchtige Nu des Lebens, das sie haben“. Damit ist ein Hauptthema Gottfried Bachls benannt, das ihn beständig umtrieb und aus dem auch die Theologie entspringt: was es mit uns Menschen auf sich hat, mit diesem vergänglichen, flüchtigen Leben.

Wilhelm Achleitner

Editorische Notiz: Literatur und Quellen sind in den Texten in Klammern so übernommen worden, wie sie Gottfried Bachl bei den jeweiligen Veröffentlichungen angegeben hatte.

Mitten unter uns

Der erste publizierte Text – Weihnachten 1966

Was sich auf der Welt rührt, ist irdische Rührung. In allen Spiegeln sehen wir uns selber und nie erscheint das ganz andere, das letzte Gesicht. Könnten wir auch nach und nach auf allen landen, die Sterne gäben den Blick nicht frei. Der gekrümmte Raum bleibt das Gesetz unserer Augen, sie werden immer niedergebogen auf das alte Bekannte: auf uns selber. Der Kosmos ist zu. Kein Spalt ist offen nach drüben. Sind wir allein?

Fest der Liebe, der Familie, des Schenkens, Fest des Friedens, Weihnachten! Wie viel wird getan, um niemand allein zu lassen! Alle drängen, kuscheln sich zueinander, suchen Nähe und Geborgenheit. Wer sich nicht lähmen lässt von der Stimmung, erkennt vielleicht, wie gerade diese Tage von heimlichen Signalen zittern, die aus tieferen Gründen heraufkommen. Das fast gewalttätige Einander-beschenken-Wollen zeigt nicht nur, wie angeberisch und gedankenlos mancher sich freikauft von der Anstrengung, seinen Lieben einmal schlicht menschlich zu begegnen. Der überladene Gabentisch ist ein ratloser Versuch, einander gegen die Einsamkeit zu helfen, die dunkel, mehr geahnt als deutlich gewusst, alle umfängt. Ich bin da, für dich, das siehst du an dieser Gabe. Wir müssen einander nahe sein, auf uns kommt es an. Wir sind auf der Flucht zueinander. Werden wir uns helfen können?

Das Gefühl, wir Menschen könnten mit uns allein sein, lässt nicht alle gleichgültig und erfüllt nur wenige mit einem verbissenen Triumph. Zu viel offene Schuld liegt auf uns und Rätsel und tausend Hilflosigkeiten. Dass die Lichter an den Bäumen nicht flackern! Rund um Mauthausen stehen unsere warmen, trauten Häuser. Mehr davon zu sagen ist nicht ratsam, denn wehe dem, der noch so viel echte Scham besitzt, nicht nur von der guten alten Zeit zu trällern, sondern der brutalen Vergangenheit, die ja unsere Vergangenheit ist, in das brutale Gesicht zu schauen. Er ist ein Friedensstörer.

Zwischen der technischen Entfaltung der heutigen Menschheit und der Investition an sittlichen Kräften ist das Verhältnis weniger als kümmerlich. Solange es Hungernde gibt, solange das bisschen tägliche Brot für Millionen Menschen nicht zu haben ist, kann man den Fahrten in den Weltraum keine Bewunderung entgegenbringen. Der tierische Ernst, mit dem sie betrieben werden, ist der Not der Erde fremd. Opium für das Volk? Wie viel Kraft der Erfindung steckt in einer Rakete, in einem Raumschiff! Wie viel Überlegung wird darauf verwendet, wie der banale Hunger und Durst des menschlichen Leibes satt gemacht werden kann?

Tröstet uns der Blick auf unser Leben in diesem Land? Wir genießen in Freiheit ein hohes Maß an stofflichen Gütern, mit einer gewissen raunzenden Zufriedenheit. Aber ist Anhäufen von materiellen Genussgütern schon Kultur? Darf man die geistige Leistung ruhig der Vergangenheit überlassen? Hat uns der hohe Standard feist gemacht? Das ist gewiss nicht eine weiß Gott wie christliche Frage: Jeder, der noch nicht befallen ist von der Konsumtollwut, wird sich mit ihr abgeben. Und vielleicht einsehen, dass man sich nicht einmal mit Mozart begnügen darf.

Die große Freiheit, die uns durch den technischen Apparat geschenkt ist, wozu nützen wir sie denn? Um freier, geistiger, mitmenschlicher, gemeinsamer zu leben? Das Gegenteil ist wahr. Nicht die Kontinente wachsen, die Inseln werden mehr.

Aber genug des finsteren Lamentos. Weihnachtlich gestimmte Leser werden den Kopf schütteln. Sie dürfen aber wissen, dass hier nicht eine vergrämte christliche Seele klagt, schadenfroh und ganz zufrieden, wenn es mit den Dingen der Welt schlecht geht, weil dann angeblich die Notwendigkeit einer Hilfe von oben leichter einzusehen sei. Die sittliche Kraftlosigkeit der menschlichen Gemeinschaft nicht sehen, hieße blind sein. Wer sich darüber freute, wäre pervers. Wenn sie oft auch nur nebenbei und verschämt laut wird, die Frage, warum es so ist, lässt sich nicht unterdrücken. Und sie ist immer, in der Wurzel wenigstens, eine Frage nach oben.

Wenn es Gott gibt, warum tut Er nichts, warum schaut Er zu? Amüsiert Ihn das Spektakel etwa, oder ist Er ohnmächtig? Tut Er vielleicht wirklich das, wozu Ihn Seine Gläubigen, fromm gestimmt, einladen: schlafen in himmlischer Ruh? Herr, warum säuberst Du nicht mit Deinem Blitz die korrupte Welt? Warum bist Du nicht dabei, warum spüren wir offiziell so wenig von dem reinen Glanz und der Kraft Deiner Gegenwart? Komm doch! Oder bist Du nur ein Zuschauer? Wie willst Du unsere Fehler richten, wenn Du unsere Not nicht geteilt hast?

Auf alle diese Rufe – sie sind so alt wie die Menschheit – hat Er nicht laut geantwortet. „Tiefes Schweigen hielt das All umfangen … da kam vom königlichen Thron des Himmels nieder Dein gewaltiges Wort, Herr.“ Dieses Wort kam zunächst wortlos, in der Gestalt des Kindes. Hilfloser geht es nicht. Deutlicher kann nicht gezeigt werden, dass es nicht auf den Blitz ankommt, sondern ganz einfach und allein auf Teilnahme und Mitnahme.

Die Bosheit hat einen einzigen Weg in die Welt: das freie menschliche Herz. Das ist der Weg hinunter. Der gleiche führt hinauf. Und keinen anderen ist Gott gegangen. Denn Er kommt von der verborgenen Seite der Freiheit, von der Seite des Herzens. Indem Er selber ein Herz hat, das menschlich schlägt und menschlich fühlt. Ein Herz, das die Not kennt, das Bitten, das laute, verzagte und schließlich erstickte Rufen, ein Herz, das Gehorsam zu lernen hatte unter den Schlägen des Lebensschicksals.

Hineingebunden in ihr Gesetz, hineinverwoben in ihr Rätsel, nimmt Er teil an der Welt. Das ist Sein Gericht. Indem Er sich rühren lässt und betroffen vom Menschenschicksal rettet Er uns. Er ist der Gott des Herzens. Sein Abstieg in die brüderliche Nähe des Menschen, in das herzliche Einvernehmen mit uns, das ist Weihnachten. Immer noch Dunkel, Finsternis, Nacht, ja, aber heilige Nacht, weil sie nicht mehr der Bereich der fressenden, schlingenden Bosheit ist. In ihr ist schon geborgen das Herz, welches alles aushalten wird, auch das Letzte, den Absturz des Todes.

Das ist freilich ein stiller und riskanter Weg. Denn es gibt hier keine Sicherheit als die, von der die Liebe immer lebt: in der sinnlosen, sterbenden Verschwendung ihrer selbst auch die Bosheit noch umfangen zu können. „Verzeih ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!“ Weil sie auf das Gesetz der Rache verzichtet, ist sie der Ursprung des Friedens. Die Waffenlosigkeit der Liebe ist ihre Kraft. In dem Maße, als Jesus von Nazareth unser Bruder ist in herzlicher Lebensnähe, für immer Glied unserer Gemeinschaft, auf immer solidarisch mit uns, ist Er der Rettende, der uns in Seiner Hoffnung und in Seinem Glauben mitnimmt und als Seine Brüder durch Leben und Tod trägt. Er ist da. Mitten unter uns. Wir sind nicht mit uns allein.

Das schweigende Wort in der Wiege ist ein unüberhörbares Urteil Gottes über Seine in letzter Zeit ein wenig redselige Kirche. Sie redet von sich und ihrer Erneuerung. Aber je lauter über eine Sache gesprochen wird, umso mehr Angst muss man haben, dass sie selbst nicht geschieht. Wer sollte mehr auf der Hut sein vor dem leeren Wind der Worte als der Christ? Weiß er noch das Wort des Paulus: „Das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in der Kraft“? Es gibt unter dem neueren kirchlichen Lesestoff nichts Peinlicheres als die dicken Traktate des Selbstlobes, das sich die nachkonziliaren Christen in reichem Maße selbst spenden. Öfter als ihre Unbefangenheit es vertragen kann, stehen sie vor dem Spiegel. Herr, wir danken Dir für die neu (oder gar erst jetzt?) entdeckte Toleranz, für die Brüderlichkeit, die Liebe, die Offenheit, die neue Liturgie, die Intelligenz, die Selbstkritik, das neue Denken, die Demut, das Engagement für die Welt! Wir danken Dir, dass wir nicht mehr so sind, wie die Christen früher waren … O sublimer Triumph der Bescheidenheit! Darf man vermuten, eine ironisch aufgelegte Welt werde diese Kirche, die sich ihr so plötzlich als Weggenossin anpreist, gar nicht recht ernst nehmen?

Es sei hier ganz privat eingeladen zum sparsamen Gebrauch von großen Worten, zur Skepsis allem flotten Optimismus gegenüber, man werde sich schon zusammenreden: und auf unbestimmte Zeit sei verschoben die Selbstbeglückwünschung der Christen. Weniger denn je wird künftig im Christentum von selber gehen, weniger denn je durch Worte zu leisten sein, die nicht sauber gedeckt sind durch die Tat, die sie meinen.

Jesus von Nazareth hat die Botschaft, die Er von Gott zu bringen hatte, nicht in die Welt hineindiskutiert, sondern hineingelebt. Jedes Seiner Worte hat Wert und Gültigkeit aus Seinem Leben. Er begann nicht mit dem Dialog. Er war zunächst einfach da, und Er hörte auch nicht auf mit dem Dialog, sondern in der sprachlosen Hingabe.

Darum wird heute wie am Ursprung die christliche Solidarität mit der Welt deshalb glaubwürdig sein, weil sie weniger im Angebot der Rede als im schlichten Mittun besteht. Es heißt ja sehr einfach und jedem verständlich: „Lasst alle Menschen eure Güte erfahren“ – erfahren, nicht hören.

An der Krippe standen weder die Progressiven noch die Konservativen. Weder der fortschrittliche noch der rückständige Klerus war da, es fehlten die Laien alten Stils und die mündigen. Abwesend war vor allem die Frage, was alt und neu ist. Denn wo die Wahrheit selbst erscheint, sind jene Begriffe sinnlos. Sie verführen höchstens zur Bildung von Parteien. Der Christ darf nicht minder frei sein von der Neu-Gier wie von der Meinung, Gott liebe nur die alten Gewohnheiten. Denn wer ist besser dran vor der Krippe, die Ganz-Übermorgigen oder die Immer-noch-Gestrigen? Die Problemgenießer oder die heiteren Besitzer ewiger Wahrheiten? Auf wen schaut Gott mit größerem Wohlgefallen: auf jene, die naiv vergessen, dass alle Bäume, die in die Zukunft wachsen, ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben, die mehr umschwenken als umlenken, oder auf jene, die die Kirche, den Leib Christi, für eine Mumie halten und darum mit Recht vor jedem frischen Luftzug Angst haben müssen?

Gewiss gehört Seine Huld denen, die unbekümmert um die letzten Schreie mit ganzem Herzen die Wahrheit suchen, die nicht zögern, ihr Leben dranzusetzen. Die Auszeichnung der großen Christen war es seit je, selber schweigend zu tun, was andere in erhabenen Worten verkündeten. Von ihnen allein wird die Kirche ein neues und glaubwürdiges Gesicht erhalten.

Mitten unter uns, in: Welser Zeitung 51 (22. 12. 1966), Seite 1.

Begutachtung einer Kreuzigung

Sprache, Ästhetik, Theologie

Ich bin froh, dass

ich nicht weiß,

wer ich bin.

Gott wird es mir sagen.

Aus dem selbstgemalten Kalender für 5. Februar 2010.

Fast das ganze Leben vertan mit Lehre, irgendwas zurechtmachen, um es jemand einzutrichtern, statt alle Sinnesorgane aufzureißen, wahrzunehmen, auf alles loszugehen, wild, ungebremst und ohne Vorgaben.

Aus dem Nachlass 1996–2015, Nr. 163.

In der Wolke der Fragezeichen

ziehst du vor mir her,

im Wetterleuchten des Zweifels,

ob ich nicht ins Leere lehre.

Aus dem selbstgemalten Kalender für 11. Februar 2010.

Lesen – ein Weg in die Freiheit

Bei dem Bauernhaus im Mühlviertel, wo ich meine Kindheit verbracht habe, stand ein Nussbaum von mittlerer Größe. Er war leicht zu besteigen und bot in seinem Laubschirm einen schönen, heimlichen Raum. Als ich lesen gelernt hatte, überfiel mich bald die Lust an den Büchern, und der Nussbaum wurde meine Zuflucht. Oben, in seiner Krone, nagelte ich Bretter in eine Astgabel und machte mir einen Sitz. Der war nicht sehr bequem, aber er hatte seine eigene Weihe und Verborgenheit. Dort kletterte ich mit meinen Geschichten hinauf, sooft es ging, um nicht zu irgendwelchen Arbeiten kommandiert zu werden, um Ruhe zu haben, um allein zu sein, um zu lesen.

Eine andere Erinnerung zeigt mir meine Mutter, wie sie mit der Einkaufstasche heimkam. Ich bin ihr oft ungeduldig ein Stück entgegengelaufen. Sie hat wirklich immer wieder einen Kalender, ein Buch oder eine Zeitschrift gefunden, für mich ausgeliehen oder auch gegen Eier und Geselchtes eingehandelt. Was sie da alles angeschleppt hat! Ich bewundere sie dankbar bis heute.

Lesen – ein Weg in die Freiheit, Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 1989, Seite 13.

Religiöse Sprache 1

Mit dem, was man Predigt nennt, sind weitum nicht gerade angenehme Empfindungen verbunden. Nicht nur, weil predigen oft heißt: moralisch raunzen oder donnern, sondern weil sich, schlimmer noch, das Gefühl einschleicht, es werde ohne den rechten Ernst von irgendwo herab dahergeredet.

In der Tat, wenn auch nur ein Bruchteil der hörbaren Klagen wahr ist, dann sind die Leiden des Volkes Gottes unter den Kanzeln groß. Eine Ursache dafür mag liegen in der dürftigen Vorbereitung auf ein Amt, das als erste Aufgabe die Verkündigung des Wortes unternimmt.

Es wäre schön, wenn eine Statistik einmal herausbrächte, wie viel Zeit die beruflichen Verkünder für die Vorbereitung der Predigt aufwenden; im Vergleich mit dem Zeitaufwand für die anderen wirklichen und sogenannten seelsorglichen Geschäfte.

Der eigentliche Grund für die Misere scheint mir aber in folgendem zu liegen: Es klafft ein Spalt zwischen der religiösen Sprache, der Vorstellungswelt, in der die Prediger sich ergehen, und dem, was subkutan und unbewusst vielleicht aber sehr wirklich die Hörer bewegt. Die geringe Bildungs- und Anstoßkraft der christlichen Verkündigung rührt daher, dass sie fragefeindlich ist oder, wenn es hochkommt, sich die Frage des anzusprechenden Menschen lieber selbst fingiert, statt sie mühselig zu erlauschen.

Forscht genau nach dem Kind!, in: Welser Zeitung 51 (21. 12. 1967), Seite 1.

Religiöse Sprache 2

Vor einiger Zeit hatte ich während einer Pflichtveranstaltung eine geistliche Ansprache zu hören. Da ich mich gegen den Schlaf zu wehren hatte, beschloss ich, die Sätze zu unterscheiden und zu zählen. Wie viele Ist-Sätze, wie viele Soll-Sätze, wie viele Frage-Sätze brachte der Redner? Das Zuhören wurde dadurch recht unterhaltsam, und das Ergebnis gab mir zu denken. Die Rede dauerte etwa fünfzehn Minuten. Floskeln, Füllworte, überflüssige Ziersequenzen abgerechnet gab es 43 direkte oder indirekte Soll- und Befehlssätze, 5 rhetorische, also nicht wirkliche Frage-Sätze und gar keinen Ist-Satz.