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Anna sichert mit dem Verkauf von Brathähnchen den Lebensunterhalt für sich und ihren dreizehnjährigen, surfbegeisterten Sohn Léo. Ihr Zuhause: ein Bungalow an der Atlantikküste. Doch ihr einfaches, harmonisches Leben gerät plötzlich aus den Fugen: Nach einem Verkehrsunfall ist der alte Kastenwagen nicht mehr einsetzbar, Anna verliert ihre Einkünfte, Schulden häufen sich an. Léo kennt einen Ausweg: Eine Teilnahme am Game, einer Fernsehshow, die in der Gegend stattfindet und in den Medien gepusht wird, könnte die Rettung aus der Misere bedeuten. Die einzige Aufgabe: das zur Verfügung gestellte Auto im Wert von 50000 Euro anzufassen und nicht mehr loszulassen. Wer am längsten durchhält, gewinnt. In ihrer Verzweiflung lässt Anna sich darauf ein. Mit bissiger Ironie und treffender Schärfe karikiert Joseph Incardona den brutalen Zynismus unserer konsumorientierten Mediengesellschaft. Zugleich erzählt er mit viel Sensibilität von der Suche nach Würde in einer materialistisch geprägten Welt.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2025
Joseph Incardona
Das Game
Roman
Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow
Lenos Verlag
Der Autor
Joseph Incardona, geboren 1969 in Lausanne. Der Schriftsteller und Drehbuchautor veröffentlichte zahlreiche Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Comics, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. 2014 führte er zusammen mit Cyril Bron Regie beim Film Milky Way. Er lebt in Genf.
Die Übersetzerin
Lydia Dimitrow, geboren 1989 in Berlin. Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Berlin und Lausanne. Autorin von Theatertexten und Prosastücken (u. a. erhielt sie 2023 eins der Berliner Arbeitsstipendien für Literatur in deutscher Sprache) und Übersetzerin aus dem Englischen und dem Französischen (u. a. Jamey Bradbury, Isabelle Flükiger, Bruno Pellegrino). Für ihre Übertragung des Romans Der Zoo in Rom von Pascal Janovjak wurde ihr 2022 der Terra Nova Preis Übersetzung der Schweizerischen Schillerstiftung verliehen. Sie lebt in Berlin. lydia-dimitrow.de.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut français.
Die Übersetzerin und der Verlag danken der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die Unterstützung.
Titel der französischen Originalausgabe:
Les Corps solides
Copyright © 2022 by Finitude
E-Book-Ausgabe 2025
Copyright © der deutschen Übersetzung
2025 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverillustration: Designer things / Shutterstock
eISBN 978 3 03925 723 2
www.lenos.ch
»Mit Märchengeschichten soll man niemals leichtherzig umgehen.«
BernardMoitessier1
1Bernard Moitessier. Der verschenkte Sieg. Aus dem Französischen von Wolfgang Rittmeister. Bielefeld: Delius Klasing ⁷1986, S. 128.
»Es heisst jetzt oder nie. Im Leben heisst es immer jetzt oder nie.«
RodolpheBarry
Die schnurgerade Strasse wird von den Scheinwerfern des Kastenwagens erhellt. Man brauchte sie nicht, man sähe auch so genug; so weit das Auge reicht, beleuchtet der gelbe Mond die brachliegenden Felder. Eine Amerikanische Nacht. Durch das heruntergekurbelte Fenster auf der Fahrerseite strömt die milde Luft eines voreiligen Frühlings.
Mit der freien Hand tastet Anna auf dem Beifahrersitz nach ihren Zigaretten. Eine schleppende Melodie aus dem Radio untermalt die Fahrt; und wenn ich sage, es ist eine Amerikanische Nacht, dann meine ich, mit dem Blues, den Marlboros und der scheinbaren Weite könnte man fast denken, man wäre dort.
Die Zigarette steckt im Mund, jetzt sucht Anna ihr Feuerzeug. Sie lässt sich zu einem kläglichen Lächeln hinreissen, es war ein wenig einträglicher Tag fast ohne Kunden. Morgen wird sie die übrig gebliebenen Hähnchen aufwärmen und so tun, als hätte sie sie frisch auf dem Marktplatz gegrillt. So lässt man seine Prinzipien fahren, wenn einem etwas die Kehle zuschnürt.
Etwas – beziehungsweise: alles.
Wieder einmal endet ihr Tag in roten Zahlen. Erkläre einer mal den Kunden nach dem letzten Geflügelskandal um irgendwelche mit Tiermehl, Hormonen und Antibiotika vollgestopften Viecher, dass der eigene Lieferant ein lokaler Bauer ist. Ehrlich, Anna, deine Grübchen, die nussbraunen Augen? Die hast du für umsonst, gegen die Fernsehbilder von Legebatterien, die sich trotz sogenanntem »Tierwohllabel« als bessere Apotheken entpuppen, können selbst deine hautengen Jeans und dein wenig subtiler Push-up unter dem T-Shirt nichts ausrichten.
Und jetzt? Es ist trotz allem ein friedlicher Moment. Der Abend, die laue Luft in deinem Haar; wie die Sonne gemächlich vom Horizont entschwunden ist, um ihren Platz dem Mond zu überlassen. Zu Hause gleich ein eisgekühltes Bier, die Stille der Nacht – eine Atempause, bevor es morgen wieder losgeht.
Aber erst noch dem dringenden Verlangen nach einer Zigarette nachgeben, dem Ruf nach Tabak in den Lungen, so schädlich und doch so wohltuend: Finde, was du liebst, und lass es deinen Tod sein.
Nur bleibt das Feuerzeug unauffindbar. Anna klappt den Zigarettenanzünder auf, dieses so ungünstig in der Mittelkonsole platzierte Teil, an das heutzutage kaum noch jemand denkt. Endlich hört sie das Klicken und beugt sich in genau dem Moment vor, als von links das Wildschwein auftaucht; das Tier erstarrt im Scheinwerferlicht, zögert. Ein dumpfer Aufprall, wie wenn ein Boot auf einen Felsen aufläuft. Die abgewetzten Sohlen ihrer Turnschuhe rutschen über die Pedale, der Transporter kommt ins Schlingern und schiesst von der Strasse. Bei neunzig Stundenkilometern erweist sich der kaum einen Meter tiefe Seitengraben doch als verhängnisvoll: Das Fahrgestell des Renault Master mit seinem eingebauten Grill schabt über den Asphalt, die Funken sprühen wie bengalische Zündhölzer, das Blech faltet sich zusammen, Metall quietscht, die Doppeltür am Heck fliegt auf, und Dutzende von kopflosen Hähnchen verteilen sich auf der Strasse.
Der Wagen kommt zum Stehen.
Anna sitzt schräg da, der Gurt hält sie zurück und schneidet sich ihr in den Hals. Ein stechender Schmerz meldet sich in der Schulter. Der noch warme Zigarettenanzünder rollt durch die offene Tür auf die Fahrbahn. Anna begreift, schnallt sich ab und springt aus dem Wagen. Kaum ist sie ein Stück geflüchtet, fängt das Fahrzeug Feuer, Flammen ziehen sich im Zickzack über den Asphalt, die benzingetränkten Hähnchen fangen an zu lodern, Leuchtfeuer in der Nacht.
Sie steht da und lässt die Katastrophe auf sich wirken, da hört sie ein Röcheln und fährt herum. Das Wildschwein liegt auf der Seite, ruckartig hebt und senkt sich sein Brustkorb. Während sein Herz sich noch an das Leben klammert, starrt sein schwarz glänzendes Auge sie an. Dein Wagen steht in Flammen, aber ich verrecke hier. Sie erkennt, dass es sich um eine Bache handelt, bestimmt achtzig Kilo schwer, vielleicht hat sie noch irgendwo Frischlinge. Anna müsste versuchen, sie zu retten, aber da sind auch die Angst und die Abscheu vor dem verletzten Tier. Die Schnauze der Bache scheint sich zu einem Lächeln zu verziehen. Anna kniet sich hin, legt ihr eine Hand auf den Bauch, wie um sie zu beruhigen, das Fell ist schweissgetränkt. Die Bache schnappt. Anna weicht zurück und geht ein Stück auf Abstand.
Da fällt ihr auf, dass ihr die nie angezündete Zigarette immer noch zwischen den Lippen klemmt.
Ist das nicht ein guter Grund, um mit dem Rauchen aufzuhören, Anna?
Anna dreht sich zu den Flammen, die zum Himmel schlagen. In der Ferne nähert sich ein Blaulicht. Sie ist allein mit ihrer eingedellten Zigarette zwischen den Lippen. Sie denkt an die Dinge, die im Auto geblieben sind: Handy, Schlüssel, Papiere.
Auf der Seitenwand des lodernden Kastenwagens kann Anna noch immer lesen, was fünf Jahre lang ihr kleines Geschäft war, der Kredit, das Aufstehen im Morgengrauen, Tausende von gefahrenen Kilometern; sie hatte ihm einen hübschen, etwas albernen Namen gegeben, in roten Lettern prangte er auf weissem Grund.
Und für eine Weile hatte es funktioniert:
Hähnchen im Glück.
*
Mit dem Nokia in Reichweite auf dem Sofa, falls sie zurückrufen würde, und bei eingeschaltetem Licht in der Küchenzeile hatte er so lange wie möglich ferngesehen und eisern gegen das Wegdämmern gekämpft. Aber als das Auto am Bungalow vorfährt, schreckt er aus dem Schlaf. Die kleine Uhr über der Spüle zeigt 0 Uhr 30. Er schaltet den Fernseher aus und stürmt nach draussen. Stösst sich die Schulter am Türrahmen.
Das Polizeifahrzeug hält vor der Pergola, einer einfachen Holzkonstruktion mit einer grünen Plastikplane als Dach.
»Maman!«
Anna hat noch nicht ganz die Wagentür geschlossen, da prallt der Körper ihres Sohns gegen ihren. Sie schliesst ihn in die Arme und streicht ihm mit einer Hand durch das dicke schwarze Haar. »Alles gut, Léo, alles ist gut.«
Die zwei Polizisten betrachten schweigend Mutter und Sohn. Der Motor des Wagens läuft im Leerlauf, das Licht der Scheinwerfer strahlt in den Kiefernwald neben dem Bungalow.
Anna scheint wieder einzufallen, dass die beiden Polizisten noch da sind, sie dreht sich um. »Danke fürs Bringen.«
Der Beamte am Steuer starrt sie lüstern an. »Keine Ursache, wir nutzen die Gelegenheit und drehen hier gleich unsere Runde. Denken Sie daran, sich die Formulare für Ihre neuen Papiere in der Präfektur abzuholen.«
Bevor er den Rückwärtsgang einlegt, zwinkert er ihr zu, als wäre sein Interesse echte Fürsorge.
Arschloch.
Anna folgt ihrem Sohn in den Bungalow. Sie zieht die Tür hinter sich nicht zu, warum auch, die Welt ist immer noch da, und die Luft drinnen riecht abgestanden. Der Junge holt zwei Sandwiches aus dem Kühlschrank, die er für sie vorbereitet hat. Thunfisch-Mayo zwischen zwei Toastbrotscheiben. Und ein Bier, das er ihr gleich aufmacht. Auch an eine Papierserviette denkt er.
»Danke, mein Häschen.«
Das »mein Häschen« mag Léo nicht mehr besonders. Anna weiss das, ihr rutscht es trotzdem noch raus. Diesmal reagiert er nicht. Er ist dreizehn, laut Arzt befindet er sich auf der mittleren Wachstumskurve. Allerdings steht er schon so sehr auf eigenen Füssen, dass er ziemlich reif für sein Alter ist. Trotzdem: Sie sieht, wie müde er ist, wie sehr er sich zusammenreissen muss, um ihr Gesellschaft zu leisten.
»Hey, Léo. Geh ruhig ins Bett.«
»Ist alles okay, Maman? Hast du dir nichts getan?«
»Mir tut nur ein bisschen die Schulter weh, das geht schon.«
»Aber du musst zum Arzt, oder?«
»Mit ein paar Tabletten geht das wieder weg.«
»Und die Hähnchen im Glück?«
»In Flammen aufgegangen …«
Da wird er wieder wacher. »Wieso hast du nichts gesagt?«
»Du sollst dir keine Sorgen machen.«
»Scheisse, Maman.«
»Scheisse sagt man nicht. Wir haben ja noch die Versicherung.«
»Darum geht es nicht, du hättest sterben können!«
Jetzt sieht er sie an wie eine Überlebende.
»Was ist denn passiert?«
»Wildschwein.«
»Was?«
»Ich habe eben Schwein gehabt.«
»Sehr witzig.«
»Der Wagen liegt im Strassengraben, aber ich lebe noch. Glück ist auch, wenn das Pech nicht reicht.«
Anna beisst in ihr Sandwich. Sie hat keinen Hunger, aber sie will ihren Jungen nicht enttäuschen, schliesslich hat der an ihr Abendessen gedacht.
»Geh ins Bett. Wir reden morgen über alles, okay?«
Sie umarmen einander, Léo zieht seine Zimmertür hinter sich zu. Sie will ihn noch ans Zähneputzen erinnern, dann lässt sie es bleiben.
Mit ihrem Bier und einer kleinen Metalldose, die sie im Sicherungskasten aufbewahrt, geht Anna raus auf die Veranda. Bald wird der Mond untergehen. Die Bäume knarzen im Wind wie die Masten eines Segelboots, gedankenverloren streicht sie sich die Kiefernnadeln aus den Haaren.
Der wurmstichige Liegestuhl ächzt unter ihrem Gewicht. Anna öffnet die Dose, nimmt einen der vorgedrehten Joints heraus und steckt ihn sich an. Nach zwei Zügen geht es ihrer Schulter schon besser. Sie würde gern an nichts mehr denken, aber da ist eine Angst, die in der hellen Nacht aufsteigt, ein Schatten, gegen den selbst das Mondlicht nicht ankommt: Wenn sie den Unfall nicht überlebt hätte, wäre Léo im Heim gelandet. Da ist niemand ausser ihr, und dieser Gedanke jagt ihr einen Schauer über den Rücken. Ihr Sohn würde von ihr nur diesen Bungalow erben, und obendrauf die zwei Jahre Kredit.
Also mit anderen Worten: nichts.
Ja, du hast Glück gehabt, Anna.
Du lebst.
Sie nimmt noch einen Zug von dem Gras, das sie in einer Ecke ihres Gartens selbst anbaut. Der Körper kommt schneller zur Ruhe als der Geist. Tatsächlich fehlt uns noch die Fortsetzung der Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn, die Coda. Erst da ist ihr die Angst in die Glieder gefahren: Sie wollte gerade ihr Gras aus dem Kasten nehmen, da kam Léo noch einmal aus seinem Zimmer und fragte sie, wie es jetzt weitergehe.
»Ich bleibe ein paar Wochen zu Hause, bis das Geld von der Versicherung kommt und ich einen neuen Wagen finde.«
Léo hatte gelächelt. »Das ist doch gut, dann sehe ich dich öfter. Eigentlich Glück im Unglück.«
»Alles wird gut, mein Häschen.«
»Du meinst wohl: mein Hähnchen!«
Und beide hatten gelacht.
Aber jetzt, da sie allein im Mondschein sitzt, verliert das Versprechen, das sie ihrem Sohn gemacht hat, seine Kraft.
Annas Zuversicht schwindet.
Anna zweifelt.
Irgendetwas sagt ihr, dass die Sorgen gerade erst anfangen.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, befreit der Autan den Himmel von den letzten Schlacken des Winters. Im grellen Tageslicht können wir uns ein besseres Bild von Annas und Léos Bungalow machen, einem Mobilheim in Fertigbauweise, auf Rundhölzern aufgebockt. Fassadenverkleidung aus Vinyl, Plastikregenrinnen, Teerpappe auf dem Dach. Anna hat noch eine Veranda angebaut, das Häuschen um einen Schuppen erweitert und ein Vordach aus Tuch gespannt, unter dem sie sonst ihren Grillwagen abstellt. Der Gemüsegarten hinter dem Wäschegerüst ist frisch gejätet und wartet auf seine Aussaat.
Ihrer ist der letzte von etwa dreissig Bungalows am Rand des kommunalen Campingplatzes, dort, wo der sandige Weg in einer Sackgasse endet. Nur ein Viertel von ihnen ist übers ganze Jahr bewohnt. Man erkennt sie daran, dass sie besser ausgestattet sind und meist mit Blumen bepflanzt. Hauptsächlich Surfer, Rentner, Aussteiger. Ein Zaun trennt die Behausungen vom Rest des Waldes, der sich noch über Tausende Hektar erstreckt.
Das Innere des Bungalows ist dreigeteilt: links und rechts aussen die zwei Schlafzimmer, in der Mitte eine Mini-Einbauküche, ein kleines Wohnzimmer und das Bad. Insgesamt etwas über fünfunddreissig Quadratmeter.
Léo sitzt auf dem abgewetzten roten Velourssofa und wirft einen Blick auf den Gezeitenkalender. Scheisse, denkt er, es wäre einfach dumm, den Vormittag nicht zu nutzen, dann geht er durch die Fenstertür zu seiner Mutter in den Garten. Barfuss wagt er sich auf den Kiefernnadelteppich und verzieht bei jedem piksenden Schritt das Gesicht.
Anna gräbt auf Knien mit einer Blumenkelle in der Erde. Ihre vom Wind zerzausten langen Haare verdecken ihr Gesicht.
»Pflanzt du schon was ein?«
»Wie? Nein, ich grabe was aus.«
Während sie die Tiefen des Gartens durchwühlt, wächst neben ihr ein Erdhaufen heran.
»Nur dass ich nicht weiss, ob ich an der richtigen Stelle suche«, sagt sie.
»Hast du einen Schatz versteckt?«, witzelt Léo.
Bei all den Hügeln könnte man meinen, ein Riesenmaulwurf hätte sich hier seinen Weg gebahnt. Léo sieht sich um, zum Glück wohnt der nächste Nachbar erst eine Reihe weiter. So kriegt der nicht mit, dass bei seiner Mutter eine Schraube locker ist.
»Maman, der Tidenhub sieht gut aus, und wir haben ablandigen Wind.«
»Und?«
»Ich könnte surfen gehen.«
Anna hält inne, ihre Arme sind bis zu den Ellenbogen von schwerer schwarzer Erde bedeckt. Sie sieht ihren Sohn an.
»Heute ist der perfekte erste Tag für die Saison«, beharrt Léo.
Anna fängt wieder an zu graben. »Ich glaube nicht, dass dir dein Anzug vom letzten Jahr noch passt.«
»Nicht schlimm, wenn er kneift. Und so viel bin ich gar nicht gewachsen.«
»Mir tut die Schulter weh.«
»So, wie du gräbst, sieht das nicht so aus. Komm schon, lass uns gehen!«
»Ich habe dafür jetzt keinen Kopf.«
»Bitte, Maman …«
Die Kelle stösst auf etwas Hartes.
Anna lächelt. »Endlich! Verdammt, ich wusste, es muss hier irgendwo sein!«
»Maman … Was ist denn los?«
»Ich hab meinen Job verloren, und du erzählst mir was vom Surfen.«
Aus der Erde holt Anna ein Schraubglas, durch den Dreck kann man nicht erkennen, was sich im Inneren verbirgt. Sie streicht sich mit dem Handrücken die Haare zurück, beschmiert sich die Stirn. Ihre Kelle steckt sie in die Erde und läuft eilig zurück in den Bungalow. Léo seufzt und holt seine Sachen aus dem Schuppen.
Anna hält das Glas in der Spüle unter den Wasserstrahl, dann trocknet sie es mit einem Geschirrtuch ab. Sie braucht ihre ganze Kraft, um es aufzukriegen. Seinen Inhalt schüttet sie auf der Arbeitsfläche aus. Lautlos regnen die Scheine.
In dem Moment betritt Léo den Raum, im Neoprenanzug. »Guck, er passt mir noch, und … Wow, wo kommt das ganze Geld her?«
»Du weisst doch, ich traue den Banken nicht.«
»Wie viel ist das?«
»Genau 2300 Euro. Das reicht, um Rodolphe für seine Hähnchen zu bezahlen und bis das Geld von der Versicherung kommt. Für uns heisst das zwar immer noch mehr Nudeln als Fleisch, aber immerhin.«
»Scheissegal, ist doch super. Und Sportler brauchen doch Kohlenhydrate, oder?«
Anna mustert ihren Sohn in seinem Ganzkörperanzug, der ihm bis zu den Unterarmen und zu den Knöcheln geht. Sie betrachtet die breiter werdenden Schultern, den Bartschatten über der Oberlippe, den Mann, zu dem er heranwächst.
»Also, was sagt der Hub?«
»Fünfundsechzig.«
»Und die Periode?«
»Zehn.«
»Offshore-Wind, sagst du?«
Er hat wirklich ein schönes Lächeln, unser Léo, das muss man gesehen haben.
*
Léo hat sein Brett aus dem Schuppen geholt – ein Fishboard mit dem typischen Tail in Form einer Schwanzflosse – und es auf dem Gepäckträger seines alten Mountainbikes festgezurrt. Anna wartet auf ihrem Fahrrad, dann machen die beiden sich auf den Weg. Léo hat seinen Anzug bis zur Taille heruntergekrempelt, die Sonne wärmt ihm den Rücken. Unter ihrem T-Shirt trägt Anna einen Badeanzug für ihre erste Schwimmsession des Jahres.
Sie fahren den Weg hinab zum Strand, schliessen ihre Räder beim Parkplatz an. Die meisten Autos gehören den Städtern, die das Wochenende am Meer verbringen. Die Touristen kommen erst später. Aber so oder so könnten sie einfach ein wenig weiter Richtung Norden radeln und fänden menschenleere Spots vor. Nur, zu dieser Jahreszeit müssen sie es sich gar nicht so schwermachen, um auf den hundert Kilometern ein Stück Strand für sich allein zu finden.
Léo trägt sein Brett unter dem Arm. Anna schultert den Rucksack mit den Handtüchern und der Wasserflasche. Sie erklimmen den Hauptweg, von dem Stege durch die Dünen führen. Die Restaurants, Bars und Läden in zwei Reihen sind noch geschlossen. Gerüchten zufolge werden einige von ihnen nicht mehr aufmachen, sind pleitegegangen. Anna denkt an ihre eigene Lage, ihr Gesicht verdunkelt sich; sie verlangsamt den Schritt und lässt ihren Sohn ein Stück vorgehen, damit er ihr die Sorgen nicht ansieht.
Léo kommt an einer Gruppe Jugendlicher vorbei, ein paar haben Boards dabei, andere nicht. Er grüsst sie, einer von ihnen zeigt ihm den Stinkefinger, alle lachen. Léo senkt den Kopf und geht weiter.
Jetzt ist auch Anna auf ihrer Höhe angekommen. »Schon mal was von Zurückgrüssen gehört?«
»Was will die Alte?«, blafft der mit dem Stinkefinger.
»Ach, du kannst also nicht nur Zeichensprache.«
Die Jugendlichen – wie viele werden es sein, fünf oder sechs, alle maximal sechzehn – verstummen verdattert. Ab jetzt spielt sich alles zwischen dem Anführer und der Alten ab. Auf gewisse Weise geniessen die anderen ihre Zuschauerrolle, wenigstens ein Highlight an diesem Sonntag, der sonst nur aus Biertrinken und Däumchendrehen besteht.
Der Junge kommt von seinem Mäuerchen runter, Anna setzt ihren Rucksack ab, stellt ihn neben sich. Dem Jugendlichen fällt nichts anderes ein, als auf sie zuzugehen, aber da sie nicht zurückweicht, weiss er nicht recht weiter. Er sieht die Entschlossenheit in ihren Augen, etwas Grimmiges, fast Wütendes, die muskulösen Arme, die hervortretenden Adern. Er bleibt vor ihr stehen. Der nächste Schritt wäre schon ein Akt der Gewalt, davor schreckt er noch zurück.
»Komm, lass uns gehen«, sagt Léo, der noch einmal umgedreht ist. Er fasst seine Mutter am Ellenbogen, Anna schüttelt ihn barsch ab. Es ist schwer, zu sagen, wer überraschter ist, Léo oder der Halbstarke mit den ausgeblichenen Haaren und dem türkisfarbenen Ohrring.
Anna hält dem Blick des Jugendlichen stand. Er kann nicht wissen, dass sie gerade ihren Grillwagen verloren hat, dass sie bis zum Hals in der Scheisse steckt und es nur noch einen Tropfen braucht, um ihr Fass zum Überlaufen zu bringen.
»Für wen hältst du dich?«, fragt Anna.
»Komm, lass doch«, sagt Léo. »Bitte …«
»Einen Surfer?«, fährt seine Mutter fort. »Dich stecke ich dreimal in die Tasche, kapiert, du Wurst?«
Der Junge läuft rot an, aber sagt nichts. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, greift Anna nach ihrem Rucksack, dann geht sie mit ihrem Sohn weiter.
Erst Schweigen hinter ihnen, dann: »Warte ab, du Schwuchtel, wir erwischen dich noch ohne deine grosse Schwester!«
Anna kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie hört, was für ein Kompliment der Halbstarke ihr unwissentlich macht. Léo findet das weniger witzig.
»Was sind das für Vollidioten?«, fragt seine Mutter. »Die habe ich hier noch nie gesehen.«
»Irgendwelche Typen von der Schule. Älter als ich. Die surfen normalerweise an einem anderen Spot, weiter nördlich.«
»Und wie heisst der Clown, mit dem ich gerade zu tun hatte?«
»Keine Ahnung«, lügt Léo.
»Wenn irgendwas ist, gibst du mir Bescheid?«
»Ich komme schon klar.«
»Nein, du gibst mir Bescheid.«
Léo wartet, bis sie ausser Sichtweite sind, dann sagt er: »Du bist nicht unbesiegbar, Maman. Du kannst nicht immer gegen alles und jeden kämpfen. Und ich, ich … ich komme schon klar, ehrlich.«
»Es geht nicht darum, unbesiegbar zu sein, Léo. Es geht darum, sich Respekt zu verschaffen.«
»Und wieso forderst du ihn heraus, obwohl du seit Jahren auf keinem Brett mehr gestanden hast?«
»Nur so, um ihn auf die Palme zu bringen.«
»Mir ist das peinlich, Maman.«
»Der Typ beleidigt dich, du sagst nichts, aber ich bin dir peinlich? Das musst du mir erklären, Léo. Ja, erklär mir mal, wie du dich im Leben durchschlagen willst.«
Das exakte Datum: der 25. März des laufenden Jahres.
Der Ort austauschbar: ein Konferenzraum im neunten und letzten Stock eines anonymen und funktionalen Verwaltungsgebäudes am Rande der Hauptstadt.
Sechs Personen sind anwesend: drei Männer, drei Frauen, Paritätsprinzip. Das Protokoll wird in geschlechtergerechter Sprache verfasst. Die damit betraute Assistentin hält sich etwas abseits; sie hat keinerlei Entscheidungsgewalt, sie ist nur ausführende Kraft, und wir kennen auch nicht ihren Namen. Aber rein biologisch gesehen hat an diesem Ort und in diesem Moment die Weiblichkeit die Oberhand.
Hier also Frauen und Männer. Was es für eine Welt braucht. Wären sie die letzten Menschen auf der Erde, müssten sie sich nur paaren, und alles finge wieder von vorne an. Aber die menschliche Spezies vermehrt sich ohne Unterlass und zählt bald acht Milliarden Individuen. Die hier anwesenden Männer und Frauen machen sich diesen Überfluss zunutze. Sie müssen sich nicht fortpflanzen. Niemand von ihnen hat Kinder, das macht sie unverwundbar.
Aber zunächst zum augenscheinlich Banalen, dem Fundament des Meetings, seinem Epizentrum: dem Tisch.
Der rund ist.
Menschen zerbrechen sich darüber den Kopf, machen daraus einen Beruf, verwenden Zeit darauf, Formen im Zusammenhang mit unseren schuftenden Körpern zu studieren; das betreffende Forschungsfeld entwickelt sich in Bezug auf Arbeitspsychologie und -ergonomie stetig weiter.
Die Beziehung zwischen Objekt, Individuum und seiner Tätigkeit.
Alles mit dem Ziel der grösstmöglichen Rentabilität.
Am Übergang vom fünften zum sechsten Jahrhundert hatte König Artus intuitiv schon begriffen: Es ist besonders effizient, an einem runden Tisch zusammenzukommen. Studien bestätigen die Vorzüge:
Die Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe, sind sich näher, sehen einander direkt an und gehen weniger auf Konfrontation. Ein runder Tisch sorgt für weniger Diskussion und spart Zeit. Er stiftet das Gefühl von Zusammengehörigkeit und einer gemeinsamen Sache.
Wer hätte gedacht, dass sich auf diese Art der Kommunismus in ein liberales Meeting einschleicht?
Zu den Stühlen gibt es wenig zu sagen: ergonomisch, tragfähig, Mahagonilehne, Sitzfläche aus lederbezogenem Polyurethanschaum, lackierte Stahlfüsse, Eco Design, fast tausend Euro pro Stück.
Anders gesagt, ein Arsch voll Geld.
Und zwar jeweils der von: XavierFloriot (56), CEO Frankreich der Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi; Jean de Laurençon (60), Generaldirektor von FranceTélévisions; CamilleMangin (49), Staatssekretärin im Ministerium für Ökologischen Wandel; AnthonyJourdain (50), CEO Frankreich der JCDecaux-Gruppe; JustineCrot (52), CEOEndemol Frankreich; MylèneLabarque (31), freischaffende Entwicklerin von Spielshows.
Wir überspringen die Schritte, die diesem Kick-off-Meeting vorausgegangen sind, die finanziellen, technischen und juristischen Details, die Vielzahl von Klauseln und Annexen der Verträge ebenso wie die Legion an Anwälten und Juristen, die für dieses Zusammenkommen von öffentlichen und privaten Sphären nötig waren – den Inhalt eines Dossiers an der Schnittstelle zwischen Ökonomie, Politik und Unterhaltung. Dieser Welten, die zusammen eine einzige ergeben: unsere.
Nein, das Wichtigste wird mit ihrer erstaunlich dünnen Stimme von MylèneLabarque postuliert. Ihre Worte haben Tragweite, Tausende Namenlose werden sich auf diesen Aufruf melden:
»Das Spiel besteht darin, mit einer Hand ein Auto zu berühren. Wer als Letztes loslässt, gewinnt.«
Es brauchte etwas mehr als ein Jahr und sechs Personen, um an diesen Punkt zu kommen, zu dieser einfachen, von MylèneLabarque und ihrer Mäusestimme vorgebrachten Formel. Zwei Doktortitel von der HEC, drei Master in Wirtschaftswissenschaften und ein Diplom vom Conservatoire européen d’écriture audiovisuelle. Aufsummiert rund vierzig Jahre Studium. Aber wenn man die tatsächliche Zahl an Teams und Beteiligten, Anwälten und Juristen zusammenrechnet, kommt man auf fast ein Jahrhundert an Uni- und Hochschulpapierkram. Die Menschheit in einem Destillierkolben, und daraus tropft die Essenz dessen, was wir geworden sind: die farblose Suppe einer grossen Fernsehspielshow.
*
Die Assistentin ohne Namen verlässt für einen Moment das Meeting, die Anwesenden beugen sich gerade über ihre Smartphones; leise zieht sie die Tür hinter sich zu, niemand beachtet sie. Ihre Achseln sind feucht. Sie kann nicht sagen, ob unter der Bluse, die sie unter ihrem eleganten marineblauen Kostüm trägt, ein leichter Schweissgeruch hervorströmt. Dafür weiss sie, dass der Mann, den sie seit ein paar Wochen trifft, beim Sex auf diesen Geruch steht.
Die Assistentin geht durch den langen Flur und stösst die metallene Fluchttür auf. Steigt die Stufen der Aussentreppe zur Dachterrasse hinauf. Ihre Absätze klackern über die Stahlstreben. Ein für die Jahreszeit überraschend laues Lüftchen entlockt ihr ein Lächeln. Die langen Haare werden ihr ins Gesicht geweht, sie zieht einen Stift aus ihrer Tasche und steckt sie damit hoch. Kurz vor den Bienenstöcken bleibt sie stehen und wartet. Eine Strähne löst sich aus ihrem improvisierten Knoten und fällt ihr ins Gesicht, sie lässt sie auf dem Metallgestell ihrer Brille liegen.
Die Gestalt im Imkeranzug bemerkt sie und gibt ihr ein Zeichen. Mit bedächtigen Handgriffen beendet sie die Begutachtung eines Rähmchens, dann schiebt sie es zurück in die Beute und entfernt sich mit langsamen Schritten von den Bienen.
Die Gestalt lüftet ihren Schleier und gibt den Blick auf ihre hellen blauen Augen und die vollen Lippen frei. Gepflegte, lange graue Haare umrahmen ein Gesicht mit harmonischen Falten und einnehmendem Lächeln. Die Bienenkönigin zieht ihre Handschuhe aus. Die braunen Flecken auf ihren Händen werden regelmässig durch Kryotherapie entfernt. Sie streckt sich unter der milden Sonne – eine unerwartet intime Regung vor ihrer Untergebenen –, einer Märzsonne, der man noch nicht so recht traut, bevor die Eisheiligen nicht noch einmal zugeschlagen haben.
Die Bienenkönigin zieht eine Packung Zigaretten aus ihrem weissen Leinenanzug, ein Grübchen gräbt sich in ihre Wange, als sie den ersten Zug nimmt. Mehr als fünfunddreissig Millionen Menschen haben für dieses betörende Gesicht gestimmt, wie für ein Bollwerk gegen die Katastrophe.
Hinter ihr funkelt der Eiffelturm in der tiefstehenden Sonne. Dieses Jahr wird er nachts nicht mehr leuchten; eine umweltfreundliche Sparpolitik will die Energiekosten des Landes senken.
Die Bienenkönigin kneift die Augen zusammen und geniesst. Es ist eine von drei Zigaretten, die sie sich jeden Tag zugesteht. Sie lässt ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie sich ihrer Assistentin zuwendet.
»Ist Ihnen mal aufgefallen, dass die meisten Wörter, die wir heutzutage verwenden, mit Re- anfangen? Reduzierung, Reformierung, Reprivatisierung …«
»Restrukturierung, Reorganisation, Regeneration …«
»Exakt«, stimmt sie lächelnd zu. »Reflation, Reaktivierung …«
Die beiden Frauen lachen. Die Sirene eines Krankenwagens zerreisst bis zu ihnen hinauf die Luft und lässt einen Taubenschwarm auffliegen, unterbricht ihr kleines Wortspiel. Allerdings hätte die Frage, die die Bienenkönigin beschäftigt, dem ohnehin gleich ein Ende gesetzt.
»Also, Mélanie?«
»Sie haben sich geeinigt. Die Option wäre für diesen Sommer, Juli.«
»Alle Zeichen stehen auf Grün?«
»Ja, Madame. Das wäre eine Chance für unseren TV-Bereich und …«
»Unsere Fernsehanstalten, Mélanie, wir haben doch unseren eigenen Begriff dafür.«
»Ja, Madame. Auch der ökologische Wandel könnte profitieren.«
»Noch was?«
»Es bleiben zwei Punkte, die Sie entscheiden müssen. ValéryLeroy möchte Sie asap treffen.«
»Der König der Löwen?«
»Zeit und Ort bestimmen Sie. Er hat Ihnen eine Frist von zweiundsiebzig Stunden gesetzt. Er will nur rechtzeitig Bescheid wissen, damit er seine Anreise aus Tokio planen kann.«
»Sonst?«
»Wird das Projekt mit privaten Partnern umgesetzt.«
»Ist das eine Drohung?«
»Dieses Treffen verpflichtet Sie zu nichts, es wäre nur Ihre Chance, ins Spiel zu kommen. Um anschliessend freies Spiel zu haben.«
»Finden Sie sich clever, Mélanie?«
»Verzeihung, Madame. Das Meeting war lang.«
»Ich stelle Ihnen jetzt eine letzte Frage, und Sie geben mir eine klare Antwort: Was ist meine Rolle bei der Sache?«
»Sie sind die Biene, die den Löwen sticht.«
Die Bienenkönigin kneift die Augen zusammen und blickt gen Horizont, auf die 543940 Quadratkilometer, die ihr unterstehen.
»Sagen Sie Leroy, er soll die Triebwerke seiner Gulfstream starten.«
»Meinen Sie, man kann noch was retten?«, fragt Anna. »Den Grill zum Beispiel? Die Feuerwehr konnte ja doch …«
»Machen Sie Witze?«, unterbricht sie der Versicherungsagent. »Sie können froh sein, dass man Ihnen nicht noch die zweihundert Euro für den Transport zum Schrottplatz aufbrummt.«
Jérôme Mounir steht auf dem kleinen Schild auf seinem Schreibtisch. Breite Schultern, helle braune Augen, grosse, schlanke Hände. Dunkler Teint. Ein schöner Mann, noch keine dreissig. Es ist bescheuert, aber plötzlich fragt sich Anna, wann sie das letzte Mal mit jemandem geschlafen hat …
»MadameLoubère?«
»Ja?«
»Hören Sie mir zu?«
»Selbstverständlich, Verzeihung.«
»Ich sagte, laut Polizeibericht haben Sie nach Ihrem Unfall eine medizinische Untersuchung abgelehnt. Warum?«
»Mir … mir tat nur ein bisschen die Schulter weh, das ist schon fast weg. Ich habe nur einen blauen Fleck, hier.« Anna zieht den Ärmel ihres T-Shirts hoch.
JérômeMounir hat schon den Blick gesenkt und studiert seine Akte.
»Der Alkoholtest war negativ, richtig?«
»Ich verstehe nicht ganz, warum Sie …«
»So sind die Vorschriften. Der Test war negativ, können Sie das bestätigen?«
»Ja.«
»Ich frage mich nur, warum Sie nicht auch den Speicheltest gemacht haben …«
»Speicheltest?«
»Auf Cannabis.«
Anna beschleicht eine ungute Ahnung. Aber das ist ein Verdacht, dem sie nicht weiter nachgehen will.
»Verstehen Sie«, fährt der Versicherungsagent fort, »ein abendlicher Unfall auf einer schnurgeraden und völlig trockenen Strasse, bei der Sichtweite, ohne Beteiligung anderer Fahrzeuge, da kommt die Frage auf, wie aufmerksam Sie waren …«
»Ein Wildschwein zählt da nichts?«, fragt Anna kühl.
»Ich mache nur meinen Job, MadameLoubère. Wissen Sie, es laufen einem so viele Betrüger über den Weg. Ich sage nur, dass Ihre Reaktionszeit abgesehen von der Müdigkeit auch durch die Einnahme eines Psychopharmakons beeinflusst worden sein kann. Bitte schildern Sie mir noch einmal Ihren Tag.«
Anna seufzt, ihr Unbehagen wächst, sie wiederholt, was sie schon der Polizei erzählt hat. Von ihrem Vormittag auf dem Dorfmarkt, der Mittagspause, wie sie anschliessend in eine Einfamilienhausgegend weitergezogen ist … »Da stehe ich normalerweise zwischen siebzehn und zwanzig Uhr, nur dass mir an dem Abend niemand was abgekauft hat.«
»Wie läuft Ihr Geschäft?«
»Mittelmässig. Eher schlecht.«
»Verstehe.«
Anna wiederum versteht nicht, nein. Sie will einfach nur beruhigt werden, aus keinem anderen Grund ist sie an diesem Montagmorgen hierhergekommen.
»Wann, denken Sie, bekomme ich mein Geld?«, fragt sie.
»Verzeihung?«
»Das Geld für meinen Wagen.«
»Für Ihren Wagen?«
»Sie sind doch Versicherungsagent?«
JérômeMounir kann sich ein herablassendes Lächeln nicht verkneifen. »Zunächst mal geht es darum, den Wert Ihres Fahrzeugs zu bestimmen. Ich werde Sie gleich bitten, einige dafür notwendige Dokumente auszufüllen. Aber rechnen Sie nicht mit einer centgenauen Erstattung des Schätzwerts, im Gegenteil.«
»Wie viel?«
»Oha! So weit sind wir noch lange nicht. Erst mal müssen wir Ihren Schuldanteil an dem Unfall ermitteln. Erst danach können wir erste Berechnungen anstellen. So oder so wird das seine Zeit dauern.«
»Sie denken, ich habe meinen Wagen abgefackelt, um die Versicherungssumme einzustreichen? Dass ich extra ein Wildschwein auf die Strasse gezaubert habe?«
»Nichts dergleichen will ich andeuten, auch wenn es nichts gibt, was es nicht gibt. Deswegen möchte ich Sie auch bitten, in einem Labor einen Urintest durchführen zu lassen.«
»Einen Urintest?«
»Damit wir feststellen können, ob Sie Cannabis konsumieren. Der Konsum bestimmter Substanzen, auch sogenannter ›weicher‹ Drogen, kann die Fahrtüchtigkeit für mehrere Stunden und sogar Tage beeinträchtigen. Und in Anbetracht der Unfallumstände besteht der begründete Verdacht für die Einnahme von Rauschmitteln.«
JérômeMounir ist ein schöner Mann, das ist Fakt. Aber hinter seiner attraktiven Fassade offenbart sich die ganze Hässlichkeit seines Charakters.
»Und das alles lesen Sie mir am Gesicht ab?«
»MadameLoubère, sollten Sie Cannabis oder auch irgendeine andere illegale Substanz konsumieren, ist es besser, wenn Sie mir das jetzt sagen, so sparen Sie sich die Laborkosten und den Papierkram. THC kann bis zu sieben Tage nach Einnahme nachgewiesen werden. Bei regelmässigem Konsum noch länger.«
Anna denkt an den Joint, den sie in der Nacht des Unfalls geraucht hat. Trotz ihrer Vorahnung in dem Moment hätte sie nie gedacht, dass die Sorgen so gross sein würden.
»Artikel 16, Absatz 3«, fährt der Agent fort, »besagt, im Falle eines begründeten Verdachts kann der Versicherer den Versicherten bitten, sich …«
»Soll das ein Scherz sein? Niemand liest sich den ganzen Vertrag durch. Und wenn ich mich weigere? Ich kann mich doch auch weigern, oder?«
»In dem Fall fiele das in den Zuständigkeitsbereich unserer Rechtsabteilung. Das müssten Sie mit denen klären.«
»Hören Sie, MonsieurMounir, ich war vollkommen klar im Kopf, nur ein bisschen müde vom Tag, und dann ist da dieses Wildschwein aufgetaucht, das war’s. Nichts anderes ist passiert. Lassen Sie uns die Sache mit dem Test vergessen.«
»Wenn Sie sich nichts vorzuwerfen haben, verstehe ich nicht, wo das Problem liegt.«
»Und ein Leihwagen? Gehört der zu Ihren Leistungen? Ich komme von zu Hause nirgendwohin.«
»MadameLoubère, ich versuche, Ihnen …«
»Mir was von Urin zu erzählen, hab ich verstanden. Und was ist jetzt mit dem Leihwagen?«
»Ich … Der ist in Ihrem Tarif nicht vorgesehen, nein. Ihr Anspruch umfasst nur ein Minimum an Leistungen.«
»Was Sie nicht sagen. Was ist das genau für ein Test?«
»Na ja, ähm, der funktioniert wie ein Schwangerschaftstest. Wir könnten den sogar hier durchführen, das würde Sie fünf Minuten kosten, nur bräuchten wir dafür die Bestätigung durch ein Labor.«
»Stäbchen in Flüssigkeit?«
»Genau.« Schon hat er eine Hand am Telefon und trommelt mit den Fingern. »Ich mache für Sie einen Termin im Labor aus?«
