8,99 €
Wenn das Imperium fällt, bleibt nur noch eine Wahl: kämpfen – oder untergehen. Das gefallene Imperiumist Military Science Fiction mit gnadenlosen Raumgefechten, klarer Befehlskette und dem Gefühl, dass jede Entscheidung über das Schicksal ganzer Welten entscheidet.
Klappentext: Der Krieg ist zurück – und diesmal kommt er aus einer Richtung, aus der niemand ihn erwartet hat: Während auf der neuen Drizil-Heimatwelt Waran`tol`nai ein historisches Bündnis gefeiert wird, schlägt eine hochgerüstete Flotte mitten über dem Planeten zu und verwandelt die Zeremonie in ein Inferno. Präsident Steven Donelly, Finn Delgado und Admiral ChristopherValentine geraten in eine verzweifelte Evakuierungsschlacht, als sich eine schockierende Wahrheit offenbart: Die Angreifer sind Hinrady – mit neuer Technologie, neuer Strategie und offenbar einem Plan, der weit über einen einzelnen Überfall hinausgeht. Während die Republik und die Drizil noch versuchen zu begreifen, warum ganze Welten angegriffen, wieder verlassen und überall geheimnisvolle Probebohrungen durchgeführt werden, wird klar: Dies ist kein Raubzug – es ist die Vorbereitung auf etwas sehr viel Größeres.
Dieses Buch liefert Ihnen Military-Sci-Fi, die sich „echt“ anfühlt: taktische Entscheidungen unter Zeitdruck, nachvollziehbare militärische Strukturen und eine Bedrohung, die nicht nur mit Feuerkraft, sondern auch mit Konsequenzen arbeitet. Stefan Burban ist im Genre etabliert und bekannt dafür, seine Universen langfristig und detailorientiert zu planen – genau das spüren Sie hier in der Dichte der Welt, der Dynamik der Gefechte und dem Tempo der Handlung. Das gefallene Imperium setzt von Beginn an auf Spannung, klare Stakes und eine Eskalation, die Sie Seite für Seite weiterzieht.
Sichern Sie sich jetzt den nächsten Band von Das gefallene Imperiumund starten Sie in eine Military-Sci-Fi-Reihe, die keine Zeit verliert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Stefan Burban
Das gefallene Imperium
Band 11
Waffenbrüder
Eine Marke von
EK-2 Publishing
Liebe Leser, liebe Leserinnen,
zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie dieses Buch erworben haben. Wir sind ein Familienunternehmen aus Duisburg und jeder einzelne unserer Leser liegt uns am Herzen!
Mit unserem Verlag EK-2 Publishing möchten wir militärgeschichtliche und historische Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.
Vor allem aber möchten wir, dass jedes unserer Bücher Ihnen ein einzigartiges und erfreuliches Leseerlebnis bietet. Haben Sie Anmerkungen oder Kritik? Lassen Sie uns gerne wissen, was Ihnen besonders gefallen hat oder wo Sie sich Verbesserungen wünschen. Welche Bücher würden Sie gerne in unserem Katalog entdecken? Ihre Rückmeldung ist wertvoll für uns und unsere Autoren.
Schreiben Sie uns: [email protected]
Nun wünschen wir Ihnen ein angenehmes Leseerlebnis!
Ihr Team von EK-2 Publishing,
Ihr Verlag zum Anfassen
Raumstation im tiefen Erdorbit
Hinradybesetztes Territorium
Solsystem
5. August 2912
Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen - Platon
Masatoritoma erwachte aus unruhigem Schlaf. Der Hinrady-Clanführer erhob sich von der Schlafstatt und watschelte zum einzigen Fenster seines Quartiers.
Unter ihm zog die Heimatwelt der Menschen in scheinbarem Frieden ihre Bahn. Von hier oben ließ sich das Leid der Bewohner nicht einmal erahnen. Sein linker Arm schmerzte. Reflexartig versuchte Masatoritoma ihn zu massieren. Zu spät fiel ihm ein, dass seine Hand ins Leere greifen würde. Vom linken Arm war kaum mehr als ein Stummel übrig.
Zorn durchflutete den Clanführer. Sollten die Menschen der Erde ruhig leiden. Es war das gerechte Schicksal für das, was diese Kreaturen ihm angetan hatten.
Fünf Erdenjahre war es nun her, dass eine Streitmacht unter seinem Kommando versucht hatte, den neuen republikanischen Dreadnought mit Namen Ad`bana zu kapern. Zeit, Energie und unzählige Leben waren auf den Erfolg dieser Operation verwendet worden.
Masatoritoma wandte beschämt den Blick ab. Es war katastrophal schief gelaufen. Bei dem demütigenden Rückzug hatte eine Truppe Legionäre seine Leibwächter und ihn abgepasst. Die folgende Explosion hatte ihn den linken Arm und einen nicht zu unterschätzenden Anteil Respekt seines Volkes gekostet.
Er blähte die Nüstern. Wenigstens war es gelungen, den neuen Dreadnought so schwer zu beschädigen, dass die Menschen ihn noch nicht wieder in Betrieb hatten nehmen können. Gut möglich, dass es ihnen niemals gelingen würde. Allein das war schon als Erfolg zu werten. Auch, wenn es ihm lieber gewesen wäre, seinen Arm zu behalten.
Fünf Erdenjahre … und sein nicht mehr existenter Arm tat immer noch so weh wie an dem Tag, an dem er ihn verloren hatte. Die Menschen nannten so etwas Phantomschmerz. Der Clanführer nannte es Folter. Und wenn er Qualen litt, dann war es nur recht und billig, dass die Eingeborenen dieser Welt seinen Schmerz teilten. Es war weder fair noch richtig, aber Masatoritoma fühlte sich dadurch wesentlich besser.
Ein kleines Transportschiff durchbrach die obere Atmosphäre und steuerte einen Beiboothangar der Raumstation an. Masatoritoma richtete sich steif auf. Es war also vorüber.
Als sich einer seiner Adjutanten vor dem Quartier durch leises Grunzen bemerkbar machte, wusste er schon, was dieser zu vermelden hatte.
„Komm rein, Haratariman“, wies er den jungen Offizier an.
Die Tür öffnete sich und ein selbst für Hinrady hochgewachsener Krieger trat ein.
„Sie ist zurück, Herr“, meldete Haratariman.
Masatoritoma nickte. „Dann wollen wir unseren Gast nicht warten lassen.“
Er drehte sich schwungvoll um und verließ sein Quartier. Sein Adjutant machte ihm zunächst respektvoll Platz, nur um sich ihm sogleich anzuschließen.
Sie wanderten durch die dunklen Gänge der Station. Es herrschte geschäftiges Treiben. Die Menschen des Solsystems waren gezwungen, für die Hinrady zu arbeiten, wollten sie Repressionen vermeiden. Die nächste Tributlieferung stand an und sie wurde ungeduldig erwartet.
„Wie gehen die Arbeiten voran?“, wollte der Clanführer wissen.
„Wir sind nicht im Zeitplan“, erwiderte der Adjutant knapp.
Masatoritoma verzog vor Unmut die primatenähnliche Schnauze. „Dann treib die menschlichen Sklaven an. Ich dulde keine Faulheit. Du hast die Erlaubnis, einige von ihnen hinzurichten. Das motiviert den Rest.“
„Ich befürchte, ganz so einfach ist es dieses Mal nicht.“
Masatoritoma blieb schlagartig stehen und bedachte seinen Untergebenen mit einem finsteren Blick. „Inwiefern? Erkläre dich.“
„Die Sklaven schuften sich fast zu Tode“, entgegnete der Adjutant. „Aber die für das Projekt notwendigen Ressourcen gehen zur Neige. Die Minen sind beinahe erschöpft. Und wenn wir hunderttausend Sklaven töten würden, das ändert nichts am Grundproblem. Wir müssen neue Vorkommen erschließen. Ansonsten befürchte ich, wir können das Gebilde nicht fertig stellen.“
„Inakzeptabel“, wischte Masatoritoma den letzten Einwand mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Er setzte nachdenklich seinen Weg fort.
„Da bin ich ganz deiner Meinung“, fuhr Haratariman fort. „Aber wir können die Rohstoffe nicht einfach herbeizaubern.“
„Das ist wahr“, stimmte Masatoritoma zu. „Sobald mein Treffen mit Klack`Ul vorüber ist, lass eine Reihe von Sternkarten in die Datenbank meines Quartiers transferieren. Unter Umständen finde ich eine Möglichkeit, den momentanen Engpass zu beheben. Wir haben zu viel Zeit auf dieses Vorhaben verwendet. Ich werde nicht zulassen, dass es scheitert.“
Nicht noch einmal, ging es ihm durch den Kopf. Schmerzhafte Erinnerungen zuckten durch seinen Geist. Beim Angriff auf den Dreadnought hatte er nicht nur eine große Anzahl Krieger verloren, sondern darüber hinaus seine Gefährtin. Sie war im Kampf gegen die menschlichen Legionäre gefallen. Es war ein ehrenhafter Tod gewesen. Sein Blick streifte den Armstumpf, der nutzlos aus der linken Schulter ragte. Manchmal wünschte er, die Legionäre hätten ihre Arbeit besser gemacht. Er wäre zu gern bei seiner Geliebten.
Masatoritoma streckte das Rückgrat durch. Aber noch war es nicht so weit. Sich der süßen Erlösung des Todes hinzugeben, stand nicht zur Debatte. Nicht, solange der Feind nicht endgültig geschlagen war.
Die Menschen nannten die Operation den Ganymed-Zwischenfall. Es war eine hochtrabende Bezeichnung für eine verlorene Schlacht. Sie maßen diesem Ereignis eine zu große Bedeutung bei, glaubten, die Hinrady besiegt zu haben. Masatoritoma gedachte, ihnen vor Augen zu führen, wie falsch sie damit lagen.
Die beiden Clankrieger erreichten einen Raum, der sich von allen anderen auf der Station unterschied. Vier schwerbewaffnete Wachposten flankierten den einzigen Zugang. Sie zeigten kaum eine Gefühlsregung, als der Clanführer und sein Adjutant Zutritt erlangten.
Im Inneren warteten sechs weitere gepanzerte Krieger. Der Raum wurde in der Mitte durch eine sechs Zentimeter dicke Scheibe aus einem unzerbrechlichen Plastikverbund in zwei Teile separiert.
Masatoritoma wartete geduldig. Es benötigte einen Moment, seinen Gast aus dem Beiboot in dieses Zimmer zu bugsieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür auf der anderen Seite der Scheibe und eine der seltenen weiblichen Jackury trat ein.
Masatoritoma hatte schon des Öfteren mit diesen Wesen zu tun gehabt. Jedes Mal, wenn er einem gegenübertrat, verspürte er Abscheu und Ekel, aber auch eine gewisse Andeutung von Furcht. Etwas, das er niemals – unter keinen Umständen – jemals zugeben würde. Vor niemandem. Aber nur ein Narr verspürte vor einem Jackury keine Angst. Sie waren Allesfresser. Nichts Biologisches war vor ihrem Appetit in Sicherheit.
Dieser Raum war extra für die Zusammenkunft mit ihnen entworfen und gebaut worden. Der Fressreflex der Jackury kannte keine Grenzen. Sobald sie etwas sahen, dass sich verspeisen ließ … nun ja, das Ergebnis war jedes Mal recht unappetitlich.
Masatoritoma hatte diesen Gedanken noch nicht einmal richtig ausformuliert, da stürzte Klack`Ul mit atemberaubender Geschwindigkeit vor, die Mandibel gierig geöffnet. Die Kreatur hätte den Clanführer zweifellos angegriffen und bereits die Hälfte seines Körpers aufgefressen, bevor die Wachen auch nur reagiert hätten.
Mit dumpfem Aufprall schlug der massige Körper des Wesens gegen die Scheibe. Diesen Vorgang wiederholte es noch sechs oder sieben Mal, bevor die Kreatur einsah, dass es zwecklos war. Die Beute blieb außer Reichweite. Die Jackury zog sich ein paar Schritte zurück, zornig geifernd, weil die Mahlzeit eine solche Unverfrorenheit an den Tag legte, sich nicht zur Verfügung stellen zu wollen.
Um zu beweisen, dass er keine Angst hatte, stellte sich Masatoritoma dicht vor die Scheibe. Vor Unwohlsein richtete sich sein Fell auf. Er hoffte, es würde niemand bemerken.
Die Jackury griff erneut an – mit demselben Ergebnis. Masatoritoma seufzte. Diese Kreaturen waren nach allen Maßstäben vernunftbegabten Lebens nur als dumm zu bezeichnen. Nachdem der Kontakt zur restlichen Galaxis abgeschnitten worden war und eine große Anzahl sowohl Hinrady wie auch Jackury im Solsystem gestrandet waren, hatte der Clanführer ernsthaft darüber nachgedacht, die Insektoiden kurzerhand auszurotten. Es wäre für alle Beteiligten bedeutend sicherer gewesen. Nun ja, außer für die Jackury selbstverständlich. Sie zu behalten, erwies sich allerdings als kluger Schachzug. Sie waren zwar dumm, aber als Mittel des Terrors unverzichtbar.
„Beruhige dich, Klack`Ul, beruhige dich“, sprach er auf das insektoide Wesen ein. „Ich nehme an, du hast genügend gefressen.“
Die Jackury neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde sie abwägen, ob ein weiterer Angriff auf die Glasscheibe wohl einen größeren Erfolg versprach als die Attacken zuvor. Sie verzichtete darauf. Hin und wieder waren sie tatsächlich lernfähig. Wenn auch in begrenztem Umfang.
Dann begann die Kreatur zu sprechen. „Ja, Fleisch … viel Fleisch … gutes Fleisch. Masatoritoma war gut zu uns.“
Der Clanführer nickte gemessen. Bei der Jackury handelte es sich um eine Schwarmkönigin. Eine von nur noch dreien, die existierten. Er hatte die Jackury auf dem Mars angesiedelt. Und die dort lebenden Menschen hatte er auf die Erde verbracht. Er konnte und wollte nicht zulassen, dass die Insektoiden auf dem Roten Planeten dem Fressrausch anheimfielen.
Die Erde war eine große Welt mit einer umfangreichen Bevölkerung. Daher war ihm ein genialer Kniff eingefallen, um die menschlichen Sklaven bei der Stange zu halten. Für eine derartige Welt benötigte man eine Besatzungsarmee, die größer war, als er sie derzeit aufbieten konnte. Falls die Menschen also nicht spurten, ließ er einfach die Jackury auf einen Landstrich los und erlaubte ihnen, sich dort auszutoben. Im Anschluss herrschte Ruhe. Die Menschen wussten, was gut für sie war.
„Haratariman? Wie lautete der Name der Region, in der wir die Jackury abgeworfen hatten?“
Der Adjutant trat näher. „Ich glaube, die Menschen nannten es Spanien und Marokko.“
„Und das Ergebnis?“
„Die Population wurde zu etwa sechzig Prozent ausgedünnt, Herr.“
Masatoritoma nickte zufrieden. „Ausgezeichnet. Sorg dafür, dass die Jackury gestoppt werden. Das genügt jetzt.“
Gestoppt war in diesem Zusammenhang ein sehr beschönigender Begriff. Er bedeutete, dass Hinradytruppen die auf der Erde abgeworfenen Nester mitsamt ihren Larven und Kriegern ausmerzen würden. Das war die einzige Möglichkeit, einen Jackury vom Fressen abzuhalten. Alle, bis auf die Schwarmkönigin. Auf die konnte er nicht verzichten. „Und sorg dafür, dass sich die Nachricht, was geschehen ist, auf dem Planeten verbreitet. Ich denke, du wirst feststellen, dass die Arbeiter sehr viel fügsamer sein werden.“
Von Zeit zu Zeit mit harter Hand durchzugreifen, war für diese Sklaven extrem motivierend. Sie mussten ohnehin nicht mehr lange durchhalten. Nur lange genug. Bald schon wäre all das nicht mehr notwendig. Der Weg hinaus aus dem Solsystem war mittlerweile wieder frei und niemand in der Republik hatte auch nur die geringste Ahnung davon. Ein Sturm braute sich zusammen. Und an dessen Ende würden alle Welten der Republik das Schicksal der Erde teilen.
Ein Krieger niederen Ranges betrat den Raum und flüsterte Haratariman etwas ins Ohr. Er heischte mit einem diskreten Blick um die Aufmerksamkeit seines Herrn.
„Man bringt dich jetzt zurück auf den Mars zu deinem Schwarm“, verabschiedete sich der Clanhäuptling von der Jackury. „Ehre deinem Volk.“
„Und Ehre dem deinen“, vollendete die Schwarmkönigin den rituellen Abschluss ihres Gesprächs. Die gefährliche Kreatur drehte sich um und stapfte durch den Zugang aus dem Raum, durch den sie ihn betreten hatte.
Verglichen mit dem Rest ihrer Spezies war eine Schwarmkönigin verhältnismäßig intelligent. Man konnte sich mit ihr unterhalten, ohne dass es zwanghaft immer ums Fressen gehen musste. Zumindest eine gewisse Zeitlang. Dann gewann der ihnen angeborene Hang zur Gewalt erneut die Oberhand. Aber ohne Schwarmköniginnen ließ sich die Population der Insektoiden nicht vergrößern und noch waren sie für seine Pläne von großem Wert.
Masatoritoma wartete, bis sie fort war. Er heuchelte Geduld, obwohl es ihm unter den Krallen brannte zu erfahren, was man seinem Adjutanten soeben mitgeteilt hatte. Unruhe machte Jackury nervös. Es stachelte sie an. Aber warum einen solchen Ausbruch provozieren?
Die Tür schob sich hinter der Jackurykönigin zu und Masatoritoma drehte sich schwungvoll um. „Was gibt es?“
„Die ersten sind eingetroffen“, beschied Haratariman.
Masatoritoma merkte auf. „Jetzt schon? Das ist viel früher, als ich erwartet habe.“
Der Clanführer stürmte wie von der Tarantel gestochen aus dem Raum. Sein Adjutant wurde davon so überrumpelt, dass er sich beeilen musste, mit seinem Herrn und Meister Schritt zu halten.
„Wie viele sind gekommen?“
„Sieben“, erwiderte Haratariman.
Der Clanführer reagierte verwundert. „Nur sieben? Ich hatte auf die doppelte Anzahl gehofft.“ Er zuckte die Achseln. „Sei`s drum. Es werden mehr kommen, wenn ihnen die Tragweite meines Planes bewusst wird.“
„Das bleibt nur zu hoffen. Sieben genügen nicht.“
Masatoritoma ignorierte den Pessimismus seines Untergebenen. Gemeinsam betraten sie eine weite Halle. Sie wurde umspannt von einer durchsichtigen Kuppel, die einen prächtigen Blick ins All ermöglichte. Sieben hochgewachsene muskulöse Gestalten samt Gefolge erwarteten sie.
Masatoritoma baute sich breitbeinig vor seinen Bündnisgenossen auf. Die sieben Clanführer verneigten sich tief vor dem Krieger, dem sie allein schon durch ihr Hiersein die Treue gelobten.
Masatoritoma erwiderte die Geste, wenn auch nicht so tief wie seine Gegenüber. Dieser kleine, aber feine Unterschied, stand ihm aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung zu.
„Freunde, ich danke euch, dass ihr mir die Ehre erweist, euch meinem Bund anzuschließen. Euer Vertrauen wird nicht enttäuscht. Dafür stehe ich mit der Ehre dieses Bündnisses ein.“
Masatoritomas Blick hob sich. Seine Laune stieg beträchtlich. Die Lippen des Clanhäuptlings öffneten sich und entblößten Reihen weißer, rasiermesserscharfer Zähne. Die Eckzähne standen hervor. Sie dienten dazu, Beute zu reißen.
„Ja, in der Tat“, spann Masatoritoma den Faden weiter. „Gemeinsam werden wir Großes vollbringen.“
Draußen im All, unmittelbar über der Raumstation, zog eine Armada von Kriegsschiffen ihre Bahn. Und in deren Mitte befand sich etwas, von dem niemand in dieser Galaxis gedacht hätte, es je wieder zu sehen: Ein Schwarmschiff der Nefraltiri.
Ungefähr sechzig Lichtjahre vom Solsystem entfernt fiel der Schwere Angriffskreuzer TRS Shogun im Peringlassystem aus dem Hyperraum. Gleich dahinter, in einem Abstand von weniger als zwanzigtausend Klicks, materialisierte der Träger Wilfried von Ivanhoe. Dieser wurde kommandiert von Captain Rosalind Burkhard. Kurz darauf folgte zu guter Letzt ein Großraumtruppentransporter.
Captain Eli Hoult beugte sich auf der Brücke der Shogun interessiert vor, als die Sensoren erste Daten lieferten. Seine XO, Commander Leslie van Burten, drehte sich zu ihrem Kommandanten um. „Weltraum ist frei, Skipper.“
Hoult nickte gemessen. „Dann bringen wir es hinter uns. Nachricht an den Transporter und die Ivanhoe: Einsatz starten!“
Die beiden Begleitschiffe gingen in Formation und nahmen gemeinsam Kurs auf den einzig bewohnbaren Planeten des Systems.
Die Shogun wachte über ihre beiden Schützlinge. Der Schwere Angriffskreuzer gehörte einer neuen Schiffsklasse an und war problemlos in der Lage, die zwei verwundbaren Schiffe zu verteidigen.
Die drei Einheiten waren Teil einer Aufklärungsmission. Rings um das Territorium der Republik waren in den letzten Jahren wilde, nicht kartographisch erfasste Siedlungen der Hinrady wie Pilze aus dem Boden geschossen. Aus diesem Grund war das republikanische Militär dazu übergegangen, bewaffnete Aufklärung in Form von kleinen, flexiblen Kampfverbänden zu betreiben, um die Hinradybedrohung einzuschätzen und gegebenenfalls auch einzudämmen.
Die primatenähnlichen Nichtmenschen stellten eine große Bedrohung für den zivilen Schiffsverkehr dar. Es gab immer wieder Übergriffe auf abgelegene Kolonien und stark frequentierte Handelswege. Zahlreiche Kolonisten verschwanden bei diesen blitzartig ausgeführten Angriffen, Schiffe gingen verloren und Raubzüge waren praktisch an der Tagesordnung. Es gab nichts, was man als offenen Krieg bezeichnen könnte, aber Frieden herrschte ganz bestimmt nicht.
Hoult legte seine Hand auf die Schaltfläche, die die rechte Lehne des Kommandosessels dominierte. Gleichzeitig wurde das Hologramminterface auf seine Iris projiziert.
Dieses Interface wurde mittlerweile standardmäßig in alle neu auf Kiel gelegten Schiffe eingebaut. Es ersetzte nach und nach das veraltete taktische Hologramm.
Die Ivanhoe und der Transporter näherten sich dem Planeten. Der Großraumtransporter beförderte die gesamte 133. taktische Legion. Knapp oberhalb der Atmosphäre verharrte das gewaltige Schiff. Anstatt zur Landung anzusetzen, verließen vier Angriffsshuttles seinen Backbordhangar. Jedes davon beförderte einen vollen Feuertrupp der Legion. Parallel hierzu stießen nacheinander vier Jägerstaffeln aus den Bugstartrampen der Ivanhoe. Die Piloten formierten sich und nahmen umgehend Eskortpositionen zu den Shuttles ein.
Die Ruhe, die den republikanischen Kampfeinheiten begegnete, war bedrohlicher als jede aggressive Reaktion, die Hoult eigentlich erwartet hatte. Der Planet lag in scheinbarem Frieden vor ihnen. Es war beinahe schon zu friedlich für Hoults Geschmack.
Er nahm die Hand von der Schaltfläche und das Interface erlosch vor dem Auge. Der besorgte Blick des Captains richtete sich auf seinen XO. „Leslie? Immer noch nichts?“
Die Erste Offizierin schüttelte verständnislos den Kopf. „Keine Jäger, keine Raumabwehrwaffen, nicht die geringste Spur von Jagdkreuzern.“ Sie runzelte die Stirn. „Sind wir hier überhaupt richtig?“
„Laut den Schattenlegionen soll es hier eine Siedlung der Flohteppiche geben. Die haben vor drei Tagen ein Schiff voller Kolonisten aufgebracht und die armen Teufel entführt. Hoffentlich hat man uns nicht umsonst hierhergeschickt.“
Im führenden Angriffsshuttle befand sich Master Sergeant Jessica Jablonsky, von ihren Freunden oder jenen, die es werden wollten, kurz JayJay genannt.
Jessica war die Anführerin des Feuertrupps Blutrote Ernte der 1. Kohorte der Hundertdreiunddreißigsten, einer Einheit kampferprobter Veteranen, deren Gründung auf die Zeit noch vor dem Drizilkrieg zurückging.
Die Unteroffizierin etablierte eine Kommverbindung zum Piloten. „Wie lange noch?“, verlangte sie zu erfahren.
„ETA in drei Minuten, Sarge“, informierte sie der Mann. „Treten soeben in die Atmosphäre ein.“ Wie um seine Worte zu untermalen, begann das Gefährt zu bocken. Früher hätte sie sich bei so viel unerwarteter Bewegung in jegliche Richtungen heftig übergeben müssen. Inzwischen war dieser Ritt nichts Besonderes mehr.
Sie kappte die Verbindung und öffnete stattdessen einen Kanal zum Transporter. „Sir?“, sprach sie ihren kommandierenden Offizier, Lieutenant Colonel Gideon Pryce, förmlich an. „Wir sind gleich unten.“
„Verstanden, JayJay“, erwiderte dieser. Seine Stimme wurde in unregelmäßigen Abständen untermalt von statischem Rauschen. „Vergiss nicht, worin der Auftrag besteht. Schnell rein und wieder raus. Keine Extratouren. Beim ersten ernstzunehmenden Feindkontakt, Rückzug und Bericht erstatten.“
„Verstanden, Colonel“, gab sie zurück. Sie dachte, Pryce hätte die Verbindung beendet und setzte ein halb schnippisch gemeintes „Ja, Pappi“ hinzu.
Die Unteroffizierin erschrak, als Pryce´ Stimme erneut in ihren Ohren dröhnte: „Wie war das?“
„Äh … nichts, Colonel. Da muss eine Störung die Frequenz überlagert haben.“
„Aber natürlich“, erwiderte der Offizier. Seine Heiterkeit war deutlich herauszuhören. JayJays Mundwinkel zogen sich amüsiert in Richtung ihrer Ohren nach oben.
„Achtung!“, vernahm sie die Stimme des Piloten erneut. „Setzen jetzt auf!“
Der Hinweis war ein wenig irreführend. Die Angriffsshuttles setzten nicht wirklich auf. Sie verharrten vier Meter über dem Boden im Hoverflug. Unter den Füßen JayJays und ihres Feuertrupps öffnete sich jeweils eine Luke. Die Legionäre schnallten sich ab und fielen durch das Loch.
Auf dem Boden angekommen, ging sie leicht in die Hocke, um die Wucht des Aufpralls abzufangen. Den Rest übernahm die hochentwickelte Rüstung, die jeder der Soldaten trug.
Das Angriffsshuttle gewann umgehend nach dem Absprung an Höhe. Der dadurch aufbrausende Wind zerrte an den Legionären. Die Shuttles würden in einer Höhe von zwei- bis dreihundert Metern auf Wachposition gehen und mit ihrer Bewaffnung dafür Sorge tragen, dass den Bodentruppen niemand in den Rücken fiel.
Feuertrupp Blutrote Ernte nahm eine Diamantformation ein, mit JayJay an der Spitze. Auf ihrem HUD überprüfte sie die Standorte der übrigen drei Feuertrupps. Sie waren alle am Boden, sämtliche Einheiten meldeten grünes Licht und erwarteten ihre Befehle. So weit, so gut. Perfekt.
Anstatt einer verbalen Order gab sie über die Kommfrequenz lediglich mehrere Funkimpulse durch. Zwei kurze Klicks, gefolgt von vier langen: Vorrücken nach Plan. Auf ihrem HUD registrierte sie, wie sich die Symbole der drei Feuertrupps in Bewegung setzten.
Mit einem Wink ihrer rechten Hand bedeutete sie den Mitgliedern ihres Feuertrupps, ihr zu folgen. JayJay erhob sich. Gebückt marschierte sie durch das Gras auf ihr Ziel zu.
Die beiden Sturmlegionäre, Corporal Ryu Kuribayashi und Private Chiu Sui-Tjen, übernahmen die Flankendeckung, während die Privates Dakota Whigham und Xavier Miller in ihrer Funktion als Kampflegionäre nach hinten absicherten.
Die vier abgesetzten Feuertrupps näherten sich dem Standort der Hinradysiedlung von allen Seiten. Unbewusst gingen ihr dieselben Gedanken durch den Kopf wie Hoult. Es war einfach zu ruhig. Schon allein der Anflug war zu problemlos verlaufen. Normalerweise hätten sie von Abfangjägern und einem Netz aus Flugabwehrbatterien in Empfang genommen werden müssen. Diese Passivität der Hinrady zehrte mehr an den Nerven als jedes zermürbende Gefecht. Es passte nicht ins Bild.
Es dauerte nicht lange und die erste Meldung kam herein. „Feuertrupp Goldene Lanze unter Beschuss. Sind im Gefecht!“
Gemäß den Befehlen des Colonels wollte sie schon den Rückzug anordnen. Im nächsten Moment meldete sich der Truppführer erneut. „Situation geklärt! Feindkräfte eliminiert! Gehen weiter gegen die Siedlung vor.“
JayJay runzelte die Stirn. Es schien fast, als falle ihnen die Frucht des Sieges nahezu ohne Gegenwehr in die Hände. Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte.
Je weniger Widerstand ihnen entgegenschlug, desto vorsichtiger bewegte sich der Feuertrupp Blutrote Ernte auf die Stadtgrenze zu. Die Unteroffizierin war mittlerweile überzeugt, dass sie es mit einer Falle zu tun hatten. Es konnte nur eine Falle sein. Es musste eine sein.
Eine gute halbe Stunde später erreichten sie die ersten Gebäude. Der Feuertrupp drang nacheinander in mehrere von ihnen ein. Ein Angriff blieb aber aus. Genauso fanden sie keinerlei Spuren der Bevölkerung. Die Hinrady waren unauffindbar. Im Zentrum der Siedlung trafen JayJays Leute mit zwei der anderen Feuertrupps zusammen. Verständnislose Blicke wurden gewechselt. Die Kolonie war definitiv verlassen.
Der Truppführer der vierten Einheit meldete sich: „Master Sergeant Jablonsky, wir sind auf etwas gestoßen. Ein Verschlag mit menschlichen und Drizil-Gefangenen. Unbewacht. Es ist, als hätte man sie einfach sich selbst überlassen. Keine Hinrady in Sicht.“
„Verstanden!“, gab sie zurück. „Bleiben Sie auf Position. Ich fordere Hilfe an.“ Sie wechselte die Frequenz. „Colonel Pryce?“
„Ich höre, JayJay. Was gibt es?“
„Die Siedlung ist verlassen. Alles, was wir fanden, sind einige entführte Kolonisten. Wir brauchen hier unten dringend medizinisches Personal.“
„Keinerlei Feindpräsenz? Bist du sicher?“
„Nur ein paar Versprengte, die wir problemlos eliminiert haben“, erwiderte die Legionärin.
„Dann setzt der Transporter jetzt zur Landung an. Bereitet unsere Ankunft vor.“ Ehe der Colonel die Kommunikation beendete, fügte er noch hinzu: „Wo zum Teufel sind die nur alle hin?“
„Das ist eine verdammt gute Frage“, raunte JayJay in ihren Helm.
„Sir? Da tut sich was!“ Bei Commander Leslie van Burtens Ausruf kehrte Hoult auf seinen Kommandosessel zurück und schnallte sich fest. Noch in demselben Moment aktivierte der Flottenoffizier das Holointerface. Vor seinem rechten Auge baute sich ein Schema des Systems auf.
„Speisen Sie die Daten ein, Leslie.“
Die XO der Shogun leitete umgehend die Sensorergebnisse auf die Station ihres kommandierenden Offiziers weiter. Ein Pulk grauer Symbole erschien auf der Rückseite des Planeten. Grau war für Objekte unbekannter Bauart und Herkunft vorbehalten. Der Computer benötigte aber lediglich Sekunden für eine positive Identifikation. Das Grau wandelte sich umgehend in Rot.
„Nachricht an die Ivanhoe!“, befahl er. „Sofort alle Jäger ausschleusen!“
Am linken Rand der holographischen Abbildung liefen in just diesem Augenblick verschiedene Schiffstypen ab, die der Computer bereits hatte ausmachen können. Es handelte sich zu einem großen Teil um unbewaffnete Transporter, die von einer Meute Jagdkreuzer und Hinradyjäger umschwärmt wurden. Und sie hielten nicht auf die republikanischen Schiffe zu, sondern flogen in die entgegengesetzte Richtung.
„Die haben`s ja verdammt eilig“, meinte Hoult, als er die Beschleunigungswerte ablas. Die Flohteppiche brachten ihre Antriebe förmlich zum Glühen.
„Sollen wir die Verfolgung aufnehmen, Skipper?“, fragte van Burten eifrig.
Hoult schüttelte den Kopf und nahm die Hand von der Schaltfläche. Das Interface erlosch. „Zwecklos. Die sind viel zu schnell. Ich vermute stark, sie gehen demnächst auf Sprunggeschwindigkeit. Das ist kein Angriff, es ist eine Evakuierung.“
Seine XO trat hinter den Kommandosessel. „Dass die Flohteppiche den Schwanz einziehen, habe ich noch nie erlebt.“
„Das ist auch dieses Mal nicht der Fall“, entgegnete der Captain der Shogun. „Die Evakuierung hat einen anderen Grund.“ Er strich sich über das glattrasierte Kinn. „Ich würde zu gerne wissen, wohin es die Hinrady zieht.“
Waran`tol`nai
Neue Hauptwelt der Drizil-Föderation
31. August 2912
Halte deine Freunde nah bei dir, aber deine Feinde noch näher – Sun Tzu
Steven Donelly, Präsident der Terranisch-Republikanischen Liga, betrat in angemessener Geschwindigkeit das Podium. Seine Ehefrau Adriana befand sich dicht hinter ihm. Wie immer gab ihm die Präsenz seiner Gemahlin und ehemaligen politischen Gegnerin Halt und Stütze.
Der Präsident begab sich zum Zeichen, das man auf den Boden gemalt hatte – ein einfaches weißes Kreuz. Von hier aus war er vom Publikum gut zu hören und zu sehen. Donelly rückte den Knopf im Ohr zurecht, der als Verstärker seiner Stimme diente.
Hunderte erwartungsvolle Augenpaare musterten ihn. Es hatten sich hochrangige Würdenträger der Drizil-Föderation, der Republik und Vertreter der Medien aus beiden Sternennationen versammelt, um diesem historischen Ereignis beizuwohnen.
In der ersten Reihe, umgeben von einigen Funktionären, entdeckte der Präsident Taran Stuullonor. Der Drizil, der vor vielen Jahren dabei geholfen hatte, den Krieg gegen die Nefraltiri zu gewinnen, nickte ihm respektvoll zu. Taran war längst kein Clanführer mehr. Der Driziloffizier war vor einiger Zeit in den wohlverdienten Ruhestand gegangen und hatte die Amtsgeschäfte seinem Nachfolger überlassen.
Schattenlegionäre unter dem Kommando von Lieutenant General Finn Delgado persönlich umgaben das Podium und stellten sicher, dass dem Staatsoberhaupt nichts geschah.
Donelly räusperte sich und begann zu sprechen. Schon vom ersten Moment an fesselte er mit seinen Ausführungen die versammelte Menge. Adriana hielt sich diskret im Hintergrund.
„Meine lieben Freunde, verehrte Gäste, Vertreter der Presse“, begann er. „Voller Stolz stehe ich als gewählter Repräsentant und Anführer der Republik vor Ihnen, damit wir gemeinsam diesen festlichen Akt begehen.“ Er machte eine kurze Pause. „Drizil und Menschen haben gemeinsam einen langen Weg zurückgelegt. Anfangs Feinde, fanden wir viel zu spät heraus, dass uns mehr eint als trennt. Fast zu spät, wie sich herausstellte. Aber im Angesicht einer gemeinsamen Bedrohung legten wir alten Zwist beiseite, um uns dem Feind zu stellen, der unser aller Lebensweise zu vernichten drohte.“ Ein sorgsam einstudiertes Lächeln zog seine Mundwinkel nach oben. „Und wir besiegten ihn. Gemeinsam. Als Einheit.“
Spontaner Jubel hallte über den großen Platz vor dem Regierungssitz der Drizil-Föderation. Donelly warf einen Blick gen Himmel. Der Planet Waran`tol`nai war für sein unbestimmtes Wetter berüchtigt. Der Präsident war froh, dass es dieses Mal zu halten schien. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen könnte, waren monsunartige Regenfälle. Sie suchten diese Welt an neun von fünfzehn Monaten des hiesigen Zyklus heim. Es gab aber einen guten Grund, weshalb man entschieden hatte, diese Feier unter freiem Himmel abzuhalten. Die meisten Anwesenden wussten nichts davon. Donelly konnte es kaum erwarten, die Bombe platzen zu lassen.
„Aus diesem Grund haben wir uns heute hier versammelt, um das Bündnis zwischen Föderation und Republik auf besondere Weise zu ehren.
Seine rechte Hand fuhr in die Jackentasche. Er drückte auf den Knopf des Geräts, das er verborgen hielt. Das Signal wurde umgehend in den Weltraum übertragen, wo es schon sehnlichst erwartet wurde.
Die versammelten Anwesenden warteten gespannt darauf, was als Nächstes passieren würde. Sie mussten sich nicht lange gedulden. Ein riesiger Schatten legte sich über die Stadt. Alle Augen richten sich nach oben. Etwas durchbrach zunächst die Atmosphäre, dann die dichten Wolkenschichten. Keuchen und beeindrucktes Stöhnen waren die Folge.
Genau auf eine solche Reaktion hatte Donelly gehofft. Der gewaltige Rumpf des Kampfschiffes blieb über dem Festgelände hängen wie ein riesiger Rachedämon, der nur darauf wartete, seine blutige Ernte einzufahren.
Der Präsident deutete nach oben. „Als Freunde und Bündnispartner des Volks der Drizil übergeben wir ihrer Nation heute die Coloussus, einen völlig neuartigen Dreadnought, der von der Werft auf Vector Prime eigens für die Drizil entworfen und gebaut wurde. Dieses Schiff soll als Sinnbild gelten, dass Ihr Volk und unseres, auf ewig vereint, Seite an Seite stehen und sich jeder Gefahr gemeinsam stellen werden.“
Der republikanische Dreadnought der Romulus-Klasse TRS Marathon, hielt sich mit seiner Begleitflotte außerhalb des Kernbereichs des Systems auf, als Präsident Steven Donelly das für die Drizil gebaute Kampfschiff der breiten Öffentlichkeit präsentierte.
Die Marathon stand unter dem Befehl von Konteradmiral Christopher Valentine. Der Dreadnought und seine Begleiteinheiten dienten dem Präsidenten als Eskorte und Ehrengarde auf dieser diplomatischen Reise. Aus demselben Grund hielten sie sich auch wohlweislich zurück. Das System war nun Drizil-Territorium. Und daher zeichneten auch die Fledermausköpfe verantwortlich für Schutz und Sicherheit der Region und allem, was sich darin befand. Einschließlich des Präsidenten.
Valentine hatte praktisch auf dem gesamten Flug hierher heftig dagegen argumentiert. Aber die Drizil waren ein verdammt stolzes Volk. Dass die Nefraltiri sie aus ihren Gebieten gejagt hatten, war eine Demütigung gewesen. Der Präsident wollte die zugefügte Wunde nicht vergrößern, indem er den Verbündeten der Republik unterstellte, sie könnten nicht für die Sicherheit ihrer eigenen neuen Heimatwelt sorgen.
Valentine hatte sich notgedrungen gefügt. Was blieb ihm auch sonst anderes übrig. Immerhin war Donelly der Präsident. Und Valentine trotz seiner gehobenen Stellung nur ein Befehlsempfänger.
Das Waran`tol`nai-System hatte bis vor Kurzem unter republikanischer Kontrolle gestanden und den Namen Monroe getragen. Die Republik hatte es formell an die Drizil abgetreten, da die meisten ihrer Welten während des Krieges von den Nefraltiri zerstört worden waren oder deren Biosphäre vergiftet worden war. Der Feind hatte damit verhindern wollen, dass diese Planeten jemals wieder besiedelt wurden.
Valentine hatte schon den Drizilkrieg mitgemacht. Damals noch als Erster Offizier auf einem Angriffskreuzer der alten Ares-Klasse. Persönlich hielt er nicht viel von den Fledermausköpfen. Alte Ansichten waren nur schwer abzulegen. Er gab aber gerne zu, dass der letzte Krieg ohne die Drizil verloren worden wäre. Daher hatten sie sich diesen neuen Planeten redlich verdient.
Die Städte und Siedlungen auf Waren`tol`nai bestanden momentan noch aus provisorischen containerähnlichen Konstrukten. Die eigentlichen Häuser mussten erst noch gebaut werden. Es würde Jahre dauern, bevor die Heimatwelt der Fledermausköpfe auch nur im Entferntesten an den Glanz vergangener Zeiten heranreichen würde. Die Drizilföderation würde sich aber anpassen, davon war er überzeugt.
Er schnaubte leicht. Drizilföderation. Das war ein hochtrabender Begriff für insgesamt sieben Systeme, die die Fledermausköpfe nun bewohnten. Es gab jedoch Gerüchte, dass weitere Clans aus dem Exil auf dem Weg zurück in die Republik waren. Das bedeutete, der Raumbereich, den ihre Freunde nun bewohnten, konnte bald schon sehr viel größer sein. Valentine wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Die Konstellation bot ausreichend Raum für zukünftige Konflikte.
Commander Vasili Radu, sein Erster Offizier, schritt selbstbewusst auf ihn zu und übergab dem Admiral ein Pad mit den aktuellen Zustandsberichten der Marathon.
Valentine widmete dem nur einen beiläufigen Blick. Er kannte seinen XO gut genug, um zu wissen, dass dieser jedem Abteilungsleiter in den Hintern treten würde, der dessen Kriterien nicht voll umfänglich erfüllte.
Der Admiral schmunzelte und warf seinem Ersten Offizier aus dem Augenwinkel einen schrägen Blick nach oben zu. „Alles im grünen Bereich?“
Radu verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. „Selbstverständlich“, erwiderte er. Die Selbstzufriedenheit des Mannes war unübersehbar.
Der Erste Offizier wollte sich abwenden, als plötzlich eine Warnung an der taktischen Station einging. Radu warf dem diensthabenden Junioroffizier einen Informationen fordernden Blick zu.
Der Lieutenant zuckte ein wenig ratlos die Achseln. Radu sah sich genötigt, sich persönlich zu dem Mann zu beigegeben und diesem über die Schulter zu spähen.
Er hob den Kopf, um seinen auf der höheren Ebene gelegenen Befehlshaber fragend zu mustern. „Sir? Erwarten wir noch Besuch?“
„Nicht, dass ich wüsste. Wieso?“
„Hyperraumereignisse. Eine Menge. Sie kündigen das baldige Erscheinen einer erheblichen Anzahl Schiffe an.“ Die Augen des XO wurden groß. „Admiral? Es ist eine Armada. Sie kommen direkt über dem Planeten rein? Der Computer hat Probleme, die Schiffsklassen zu identifizieren.“
„Was?“ Vor Schreck verschluckte sich Valentine fast am eigenen Speichel. Für gewöhnlich wurden Hyperraumsprünge weit draußen im All durchgeführt, sodass man mittels Unterlichtantrieb einen bewohnten Planeten anfliegen musste. Dies diente sowohl der Sicherheit des eintreffenden Schiffes als auch der des Zielplaneten und dem Verkehr auf anderen Routen. Dabei handelte es sich um eine eiserne Regel, die niemand – egal ob im Krieg oder in Friedenszeiten - jemals brach. Niemand außer …
In seiner gesamten bisherigen Laufbahn als Flottenoffizier hatte er lediglich eine einzige Spezies kennengelernt, die sowohl das Risiko einging als auch die technischen Mittel besaß, um solche Manöver zu fliegen.
Der XO kehrte auf die Kommandoebene des Dreadnoughts zurück, sein Pad fest in der Hand. „Überspielen Sie mir die Sensordaten, Vasili“, bat der Admiral und legte gleichzeitig die rechte Hand auf die Interface-Schaltfläche. Umgehend baute sich das bekannte holographische Schema vor seinem rechten Auge auf. Vasili Radu hatte die Daten bereits eingespeist.
Der Mann hatte recht. Typ und Bauweise der eintreffenden Einheiten waren ihm vollkommen unbekannt. Nur eines war ihm auf der Stelle klar. Die kamen nicht für einen gemütlichen Plausch. Das waren unzweifelhaft Kriegsschiffe.
„Befehl an die Flotte: Antrieb aktivieren und Vollschub ins innere System. Die Drizil werden Hilfe brauchen. Sobald wir uns bis auf ein halbes AE an die Feindarmada angenähert haben, sofort die Jagd- und Bombergeschwader starten.“ Seine Kehle wurde staubtrocken. „Und geben Sie mir auf der Stelle General Delgado. Die bekommen da unten gleich Besuch. Wir müssen den Präsidenten und seine Entourage da rauskriegen.“
Lieutenant General Finn Delgado war inzwischen in die Jahre gekommen. Das konnte nicht einmal er abstreiten. Dennoch fühlte er sich wie ein Jüngling, der nur halb so viele Jahre zählte,
vor allem, wenn er aus diesem stickigen Büro herauskam, in dem er mehr Zeit verbrachte als zu Hause. Stattdessen liebte er solche Missionen, bei denen es ihm erlaubt war, eine Einheit Schattenlegionäre zu führen. Finn musste ehrlich zu sich selbst ein. Er war kein Schreibtischtäter, sondern ein Mann der Tat. Finn Delgado war Soldat durch und durch.
Finn ging die Reihe an Schattenlegionären ab, die die Besucher von der Tribüne mit den Würdenträgern trennte. Zu ihrer Unterstützung war eine Abteilung Drizil-Elitekommandos abgestellt worden. Die Elitetruppen der Drizilföderation waren als Reaktion auf die Schattenlegionen aufgestellt und ausgebildet worden. Finn wusste diese noch nicht so recht einzuordnen. Er gab aber zu, dass sie in ihren weißen Panzerrüstungen einen imposanten Anblick boten.
Ein ungewohnt lautes Knacken durchdrang seinen Helm. Jemand versuchte, eine Kommverbindung zu etablieren. Die ersten Worte vermochte Finn nicht zu verstehen. Er brach seine Inspektion ab und ging ein wenig auf Abstand, in der Hoffnung, weitab der jubelnden Menschen und Drizil die Person auf der anderen Seite besser verstehen zu können.
„Delgado … Delgado … hören Sie mich?“
„Valentine?“, erwiderte der General verdutzt. „Was ist denn los? Sie wirken ja total aufgelöst.“
Es folgte erneut eine Litanei an Worten, die der Offizier nicht verstand. Dann drei Begriffe, die an Klarheit nicht zu überbieten waren: „Angriff steht bevor!“
In diesem Augenblick wurde die Colossus von Torpedobeschuss eingehüllt. Die Explosionen überzogen den brandneuen Dreadnought vom Bug bis zum Heck. Kleine, wendige Flugobjekte zogen in Schwärmen an dem Kampfschiff vorbei. Weitere Detonationen deckten es ein.
Der Dreadnought war eigentlich nicht für den Flug in einer Atmosphäre geeignet. Man hatte ihn nur zu Demonstrationszwecken und wegen des dramatischen Effekts tiefer sinken lassen. Nun hing das verdammte Ding über der zukünftigen Hauptstadt des Planeten und drohte abzustürzen.
Die Steuerbordbreitseite wurde schwer getroffen und das gewaltige Kriegsschiff neigte sich bedenklich gen Boden. Finn biss sich auf die Unterlippe, befürchtete er schon das Schlimmste. Die Besatzung obsiegte jedoch im Kampf gegen die Schwerkraft. Die Fluglage der Colossus stabilisierte sich. Es gewann sogar langsam an Höhe. Unendlich vorsichtig schob sich der Rumpf des Dreadnoughts durch die Wolkendecke Richtung Weltraum.
Der unbekannte Feind war mit der Colossus aber noch nicht fertig. Unaufhörlicher Beschuss hämmerte auf bereits geschlagene Wunden ein. Ein Teil der gegnerischen Jäger drehte urplötzlich von der verwundeten Beute ab und griff die Stadt an. Ohne Mitleid oder Zögern bombardierten sie die Wohncontainer der Drizil.
Bei allem Mitgefühl bewegte den Anführer der Schattenlegionen in diesem Moment nur eines: „Holt den Präsidenten von der Bühne! Sofort!“
Wie sich herausstellte, war die Anweisung gar nicht notwendig. Die Schattenlegionäre zerrten den Präsidenten, seine Frau und dessen gesamten Stab recht unsanft vom Podium und brachten die Gruppe hinter einer Pinasse in Sicherheit.
Finn gesellte sich mit dem Gewehr im Anschlag dazu. Präsident Donelly wollte in das Beiboot steigen. Einer der Legionäre hielt ihn zurück. Finn packte den Mann grob an der Schulter. „Noch nicht. Wenn wir jetzt starten, pusten die uns vom Himmel, noch bevor wir den Orbit erreichen.
Die Luft- und Raumverteidigung der Drizil, obwohl völlig überrascht von dem brutal ausgeführten Angriff, begann zu reagieren. Der Himmel war plötzlich voller Jäger der Fledermausköpfe, die sich eine wüste Schlägerei mit den unbekannten Angreifern lieferten.
Die Drizil waren erheblich in der Überzahl, es gelang ihnen dennoch kaum, die Stellung zu halten. Der Himmel war erfüllt von einem Lichtermeer – schön und schrecklich zugleich. Die Jagdgeschwader beider Seiten führten einen tödlichen Tanz auf. Energiestrahlen zuckten scheinbar ohne Plan und ziellos umher. Kampfmaschinen explodierten und ihre Überreste regneten brennend zur Oberfläche hinab.
Schwere Laserbatterien mischten sich vom Boden aus in den Kampf ein. Sie woben ein gewaltiges Netz und jeder Feind, der damit in Berührung kam, verging in einem Wimpernschlag dermaßen schnell, dass der betreffende Pilot nicht bemerkte, was ihn getroffen hatte.
Die Kämpfe weiteten sich aus. Klobige Schiffe lösten sich aus dem Gefecht, scheinbar unbeteiligt. Finn war lange genug Soldat, um einen Truppentransporter zu erkennen, wenn er einen sah. Der General packte das Bolzengewehr in seinen Händen fester. Nun würden sie ihrem Feind bald Auge in Auge gegenüberstehen.
Oberhalb der Wolken gab es eine immense Explosion. So groß, dass sie für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit aller am Boden fesselte.
Finn presste die Lippen aufeinander. Er hoffte nur, dass es nicht die Colossus erwischt hatte.
Konteradmrial Christopher Valentine stürzte in seinem Kommandosessel vor, soweit es der Fünf-Punkt-Sicherheitsgurt gestattete. Die republikanische Flotte hatte Waran`tol`nai beinahe erreicht. Aber es könnte bereits zu spät sein.
Die Colossus zog sich behäbig in Richtung Nordpol zurück, wohl in der Hoffnung, die dort herrschenden magnetischen Kräfte würden das gewaltige Schiffe zumindest teilweise gegen die Zielerfassung des Gegners abschirmen. Es funktionierte nicht. Eine weitere Welle gegnerischer Jäger attackierte den Dreadnought und torpedierte diesen in zahlreichen Vorbeiflügen und von mehreren Vektoren aus. Das Geschenk der Republik an die Drizil erlitt immensen Schaden. Selbst auf diese Entfernung registrierte der Admiral, dass der Dreadnought in Schwierigkeiten steckte.
Commander Vasili Radu wirbelte zu seinem Befehlshaber herum. „Weitere Welle im Anflug!“
„Zeigen Sie es mir!“, bat der Admiral. In das Hologramm-Interface wurden erneut Daten eingespeist und die Darstellung aktualisierte sich umgehend.
Eine Reihe von Großkampfschiffen schob sich in Angriffsreichweite zum Planeten. Valentine hatte diesen Schiffstyp noch nie zuvor gesehen. Er ähnelte auch nichts, mit dem er es schon mal zu tun gehabt hatte.
Zwei Drizil-Fregatten, unterstützt von einem Träger, einem Zerstörer und einem neueren Flaggschiff, schnitten ihnen den Weg ab. Die Fledermausköpfe eröffneten so bald wie möglich den Beschuss. Innerhalb kürzester Zeit gelang es ihnen, eines der Schiffe zu zerstören und ein weiteres kampfunfähig zu schießen – dann schlug der Feind zurück.
Aus dem Bug eines jeden der überlebenden Einheiten stießen Schwärme schwer bewaffneter und gepanzerter Jäger. Gleichzeitig eröffneten die Großkampfschiffe das Feuer. Ihre Bewaffnung war schlichtweg beeindruckend.
Der Zerstörer wurde umgehend vernichtet. Ebenso eine der Fregatten. Der Drizil-Träger war nur wenige Minuten später aus dem Rennen. Dem Flaggschiff blieb keine andere Wahl, als den Rückwärtsgang einzulegen, verfolgt von Dutzenden feindlichen Maschinen.
„Vasili? Wann sind wir in Angriffsentfernung?“
„Zwei Minuten, Admiral.“
„Das ist zu lange. Alle verfügbare Energie auf den Antrieb. Die Träger sollen sich zum Ausschleusen der Geschwader bereitmachen.“
„Verstanden!“, erwiderte der XO.
Obwohl es sich eigentlich um eine verschwindend geringe Zeitspanne handelte, verging jede Sekunde nach Valentines Dafürhalten quälend langsam. Immerhin zeitigte das Umverteilen von Energie einigen Erfolg. Die Schiffe unter dem Befehl des republikanischen Admirals machten einen Satz nach vorn.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erfolgte Radus erlösende Information: „Angriffsentfernung erreicht, Sir!“
„Jäger ausschleusen! Alle Batterien auf die Primärziele ausrichten und Feuer frei! Wir müssen sie vom Planeten abdrängen. Und stellen Sie drei Jagdgeschwader zum Schutz der Colossus ab. Ich will nicht, dass wir den Dreadnought verlieren.“
Die Gegenwehr des Kampfschiffes über dem Nordpol wurde beständig schwächer. Die Besatzung lieferte eine wirklich schlechte Vorstellung. Valentine musste sich ins Gedächtnis rufen, dass niemand mit einem Kampf gerechnet hatte. An Bord der Colossus befand sich lediglich eine Rumpfcrew, die das Schiff zur Präsentation und wieder hinaus fliegen sollte. Die Drizilbesatzung war noch nicht in der Handhabung eines Dreadnoughts ausgebildet. Valentine knurrte leise. Wenn etwas schieflief, dann aber wirklich alles.
Die terranischen Jäger gingen umgehend in den Nahkampf über. Es handelte sich ausschließlich um Modelle aus dem Nefraltirikrieg: Vindicators und Mammoth II. Selbst die Aufklärer vom Typ Tiger hatte der Admiral in den Kampf entsandt, da er auf keine Hilfe verzichten durfte.
Schon kurz nach Beginn des ungleichen Kampfes wurde klar, dass der Feind technologisch überlegen war, sowohl was Geschwindigkeit als auch Feuerkraft anbelangte. Die republikanischen Geschwader erlitten schwere Verluste. Trotzdem gelang es in Union mit den Drizil, den Feind zurückzudrängen und zwischen diesem und dem Planeten eine lockere Verteidigungslinie aufzubauen. Mammoth-II-Jagdbomber brachen durch die Reihen des Gegners und torpedierten drei der größeren Kampfschiffe. Sie wurden allesamt von Explosionen eingehüllt. Zwei zerbrachen in mehrere Teile, eines zog sich schwer getroffen aus dem Kampfgebiet zurück.
Die Marathon eröffnete das Gefecht mit einer Breitseite aus ihren Hauptgeschützen sowie den beiden im Bug montierten Sturmlasern der A-Klasse. Das Flaggschiff erwischte mit der ersten Salve drei der kleineren Kriegsschiffe und löschte sie mühelos aus. Der Feind mochte sie überrascht haben und auch technologisch auf einigen Gebieten im Vorteil sein, die Republik war aber kein leicht zu bezwingender Gegner. Und das Menschen-Drizil-Bündnis keine einfach zu erlegende Beute.
Der erfahrene republikanische Flottenbefehlshaber fühlte sich wie ein Wolf unter Schafen. Und so musste man auch Krieg führen.
Konteradmiral Christopher Valentine fletschte kampflustig die Zähne. „XO? Schub auf den Antrieb. Bringen Sie uns mitten unter sie. Alle Batterien: Feuer freigegeben nach eigenem Ermessen!“
Die ersten Truppentransporter setzten auf. Ihre Luken öffneten sich und hünenhafte gepanzerte Soldaten strömten ins Freie. Sie zögerten keinen Augenblick. Die Angreifer eröffneten das Feuer. Dabei unterschieden sie nicht zwischen Soldaten und Zivilisten.
Finns Gestalt versteifte. Diese Kerle mordeten, während er nur zusah. Es wurde Zeit, herauszufinden, mit wem sie es zu tun hatten. Mit einem Kopfnicken bedeutete er einem seiner Feuertrupps, ihm in die Schlacht zu folgen. Der Rest gruppierte sich schützend um den Präsidenten.
Drizilsoldaten erschienen auf der Bildfläche und lieferten sich von der ersten Sekunde an ein erbittertes Feuergefecht mit den Invasoren.
Finn hob das Bolzengewehr und schoss einem der Angreifer durch das verspiegelte Helmvisier. Der Krieger grunzte und fiel hintenüber. Der General ließ das Gewehr fallen und zog stattdessen das Katana aus der Scheide auf dem Rücken.
Er schwang es in einer fließenden Bewegung. Die speziell gehärtete Klinge drang einem der feindlichen Soldaten seitlich in den Hals und durchtrennte ihn beinahe, obwohl der Kämpfer in einer Rüstung steckte. Blut sprudelte aus der Wunde und der Mann stürzte mit den Armen rudernd zur Seite.
Mit einem Satz war Finn über ihm. Der Krieger lebte noch. Trotz der furchterregenden Wunde versuchte er, weiterhin am Kampf teilzunehmen. Zwei Schattenlegionäre hielten ihn am Boden, während sich der General abmühte, diesem den Helm abzunehmen.
Als er es endlich geschafft hatte, klappte ihm die Kinnlade herunter. Das Wesen, das vor ihm auf dem Boden lag und um Luft rang, war ein Hinrady. Finn starrte verständnislos auf den Helm in seiner Hand. Anhand der Ausrüstung wäre er nie auf die Idee gekommen, es mit den ehemaligen Handlangern der Nefraltiri zu tun zu haben. Die Rüstung sowie die Bewaffnung seines Gegenübers war mindestens eine Generation weiter als alles, was sie von den Flohteppichen kannten. Wenn sie richtig Pech hatten, sogar zwei Generationen. Wo auch immer dieser Krieger herkam, dort war man seit Kriegsende nicht untätig geblieben.
Die Hinrady besaßen neue Schiffe, neue Waffen, neue Rüstungen – mit was für Überraschungen warteten sie noch auf? Das Gefecht ringsum intensivierte sich. Unter Aufbietung ihrer beträchtlichen Mittel trieben die Drizil die Invasoren zu ihren Transportern zurück. Es würde nicht sehr lange dauern und zumindest die Hauptstadt wäre gesäubert.
Finn musterte den am Boden liegenden Hinrady. Auf dessen wulstigen Lippen trat Blut. Dennoch besaß er die Frechheit und sah den Oberbefehlshaber der Schattenlegionen hochmütig an. Als wäre nicht er, sondern der Mensch der Gefangene. Der Hinrady holte tief Luft und spie einen blutigen Klumpen Speichel auf Finns Rüstung. Einer seiner Leute holte mit dem Kolben des Bolzengewehrs aus. Der General hielt ihn mit erhobener Hand zurück. Der Flohteppich keuchte noch zweimal und starb.
In seinen Ohren knackte es und Valentines Stimme war zu hören, wesentlich deutlicher als zuvor.
„Delgado! Schaffen Sie den Präsidenten hier rauf. Wir konnten einen Korridor zur Marathon sichern, aber ich weiß nicht, wie lange der hält. Jetzt oder nie!“
Mehr an Aufforderung war nicht nötig. Er deutete auf die Leiche. „Aufheben! Wir nehmen den Hinrady mit!“
Weder zögerten seine Schattenlegionäre noch stellten sie den Befehl in Frage. Zwei von ihnen nahmen Hände und Beine des gefallenen Kriegers und schleppten ihn in Richtung Pinasse.
Zwei weitere Schattenlegionäre gingen voraus, Finn übernahm persönlich die Nachhut. Auf dem Weg zurück zum Präsidenten, steckte er sein Schwert weg und nahm das Bolzengewehr auf. Die ersten Hinradytransporter starteten bereits wieder.
In dem Chaos würden die Flohteppiche unter Umständen nicht auf ein einzelnes Beiboot achten und sie könnten unbemerkt entkommen. Darauf wetten würde er indes nicht.
Finn schubste den Präsidenten mit den Worten: „Zeit zu verschwinden, Mister President!“ ins Beiboot. Seine Frau sowie die übrigen republikanischen Würdenträger folgten.
Kurz bevor der General als Letzter ebenfalls an Bord ging, warf er verzweifelt einen Blick zurück. Es schmeckte ihm gar nicht, den Schwanz einzukneifen und einen Kampf zu verlassen, bevor der gewonnen war. Das Leben des Präsidenten genoss unter allen Umständen Vorrang. Dieses Mal blieben die Fledermausköpfe sich selbst überlassen. Er kam sich vor wie ein Feigling, als er die Luke schloss und verriegelte. Die Pinasse hob ab und gewann schnell an Höhe, während unter ihnen die Schlacht um Waran`tol´nai gerade erst begann.
Valentine beobachtete mit einem Auge den Verlauf der Kämpfe und mit dem anderen die abnehmende Entfernungsmessung des Beiboots mit Präsident Donelly an Bord.
Mittlerweile waren Drizilverstärkungen in erheblichem Umfang eingetroffen. Es handelte sich aber ausnahmslos um veraltete Kriegsschiffe. Keineswegs fähig, sich den Horden von Invasoren in den Weg zu stellen. Natürlich verfügten die Drizil über Einheiten neuerer Bauweise. Diese waren jedoch über sämtliche von den Fledermausköpfen kolonisierten Welten verstreut. Das nächste Geschwader modernerer Kampfschiffe war bestenfalls drei Wochen entfernt.
Die Marathon schlug gewaltig gegen den Feind aus. Mit ihren Waffen zerstrahlte sie am laufenden Band feindliche Kampfschiffe, während ihre Punktverteidigungslaser gegnerische Jäger aus dem All pusteten. Der Gegner mochte einen hohen Grad an Technologie aufweisen, aber es gab kaum etwas, das sich mit einem Dreadnought messen konnte.
Die Colossus leistete ebenfalls begrenzten Widerstand im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Valentine verzog das Gesicht. Die an Bord befindliche Notbesatzung hatte wohl endlich den Knopf mit der Bezeichnung Feuer erwidern gefunden. Er wusste, der Gedanke war nicht fair. An irgendjemandem musste er aber seinen Frust auslassen.
Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Blip, der die Pinasse des Präsidenten darstellte. Noch ehe das Flugzeug eine Höhe von dreihundert Metern erreicht hatte, wurde es von einer Staffel Eskortjäger des neuen Typs Lightning in Empfang genommen. Die Maschinen kamen frisch aus der Werft. Valentine hatte vor nicht einmal zwei Wochen die erste Charge für seine Kampfgruppe erhalten. Die Jagdmaschinen waren schnell, wendig und gemessen an ihrer geringen Größe ausgesprochen gut bewaffnet.
Die Lightnings gruppierten sich mit der Pinasse im Mittelpunkt und steuerten den Weltraum an. Bisher verlief die Evakuierung des Präsidenten zufriedenstellend.
Das verwundbare Beiboot zog kein großes Interesse der Angreifer auf sich. Die unbekannten Kräfte schienen eher darauf aus, sich mit den Fledermausköpfen anzulegen. Die Pinasse erreichte unbeschadet den Orbit. Damit fingen die Probleme jedoch erst an.
Die Invasoren bemerkten, dass etwas den Planeten verließ und zu entkommen versuchte. Drei Großkampfschiffe wendeten, um dem republikanischen Verband jeden Fluchtweg abzuschneiden. Begleitet wurden sie von dichten Schwärmen aus Kampfjägern und kleineren, aber nichtsdestotrotz kampfstarken Kriegsschiffen.
Valentine kniff die Augen leicht zusammen. Diese Taktik kam ihm unangenehm bekannt vor. Er verfolgte die Aufstellung der gegnerischen Schiffe und wie sie sich aufteilten, um die Menschen einzukesseln und in der Nähe des Orbits zu halten. Man drängte sie an den Abgrund, in dem Bemühen, ihre Manövrierfähigkeit einzuschränken.
„Vasili? Ich benötige einen Scan der Antriebssignatur des Gegners. Und das am besten gestern.“
„Verstanden, Admiral. Ist in Arbeit.“
Während der Erste Offizier der Marathon seiner Aufgabe nachging, behielt Valentine vorsorglich den Kurs der Präsidentenpinasse im Auge. Mehrere Jäger durchbrachen die republikanische Abwehrlinie und hielten auf das Beiboot zu. Dessen Pilot reagierte mit elektronischen Gegenmaßnahmen. Darüber hinaus begann er, Ausweichmanöver zu fliegen.
Die Hälfte der Lightnings blieb bei ihrem Schützling. Die anderen sechs Jäger drehten bei, um sich dem Gegner zu stellen. Sie fingen die Angreifer etwa zweihundert Kilometer über der Pinasse ab. Es entbrannte ein heftiger Schusswechsel. Die republikanischen Jäger erwiesen sich als furchterregend effektiv. Sie erledigten innerhalb weniger Minuten elf Feindmaschinen unter Einbuße zweier eigener Kampfflieger. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass sich die Pinasse drei Treffer einfing. Nach dem letzten drang öligschwarzer Rauch aus einer der Antriebsdüsen.
Die überlebenden feindlichen Piloten drehten ab und kehrten zu ihren eigenen Linien zurück, während ihre menschlichen Pendants in die Formation rund um das Beiboot zurückfanden, zufrieden damit, den Präsidenten erfolgreich verteidigt zu haben.
Die Großkampfschiffe des Gegners rückten unbeirrt näher, bis zu einem Punkt, an dem der Admiral entschied, dass es genug war.
„Taktik? Wir schießen ab sofort Kreuzfeuer. Koordinieren Sie Ihre Bemühungen mit den Drizil.“
Die Marathon widmete sich den Angreifern, indem das mächtige Kriegsschiff aus den paarweise an Steuer- und Backbord angebrachten Hauptgeschützen Energiestöße aussandte.
Die ersten Impulse schienen kaum eine Wirkung zu erzielen. Mit der vierten Salve zerplatzte der Bug eines der Großkampfschiffe. Der Bruch zog sich bis zum Heck fort. Im Anschluss verzehrte eine verheerende Explosion das Kampfschiff, bis nichts mehr davon übrig war.
Die Pinasse des Präsidenten erreichte endlich den Beiboothangar am Heck des Dreadnoughts. Valentine atmete erleichtert auf. Der Präsident war in Sicherheit.
Eine Erschütterung pflanzte sich durch den Rumpf der Marathon fort. Der Admiral hielt sich reflexartig an den Lehnen seines Kommandosessels fest. Das war eine unwillkommene Erinnerung daran, dass dort draußen immer noch eine Schlacht tobte. Eine, die sie sehr wohl verlieren konnten.
Gegnerische Jäger umschwärmten die republikanische Formation. Einer von Valentines Trägern ging verloren, gefolgt von zwei Angriffskreuzern und doppelt so vielen Korvetten.
Der Admiral senkte betreten den Kopf. Er hasste es, einem Kampf den Rücken zu kehren und damit stieß er unbewusst in dieselbe Kerbe wie Finn Delgado zuvor. Aber das Wohlergehen des Präsidenten genoss oberste Priorität und stand nicht zur Diskussion.
„XO? Benachrichtigen Sie die Drizil: Wir ziehen uns aus dem Kampf zurück.“
Für einen Augenblick herrschte Totenstille auf der Kommandobrücke der Marathon. Valentine wusste, er hatte kaum eine andere Wahl. Den Männern und Frauen unter seinem Kommando war dies ebenso klar. Dennoch fühlte er sich miserabel. Man wandte sich nicht von Freunden und Verbündeten ab. Dies stand im Gegenzug zu allem, was man ihm über Ehre und Pflichtbewusstsein beigebracht hatte.
„Die Drizil bestätigen“, erwiderte Commander Vasili Radu. „Sie wünschen uns viel Glück. Ihre Jäger geben uns bis zum Rand des inneren Systems Deckung.“
Valentine schloss die Augen. Damit war die Schande komplett. Die Drizil hegten keinerlei Groll wegen des republikanischen Rückzugs. Im Gegenteil, sie halfen dabei, menschliches Leben zu schützen. Er fühlte Scham in sich aufsteigen. Eine Emotion, die er nicht gewohnt war und von der er hoffte, sie nie wieder erleben zu müssen.
Der Kampfverband unter Führung der Marathon schwenkte aus dem Kessel aus, zu dem die Invasoren den Orbit des Planeten gemacht hatten. Auf ihrem Weg zerstörten Valentines Einheiten sieben der kleineren Kriegsschiffe und eine erhebliche Anzahl Jäger. Der Admiral verlor im Gegenzug aber auch Personal und Material in einem durchaus relevanten Umfang.
Wie versprochen entsandten die Drizil Jäger und sogar einige Fregatten, um die menschlichen Verbündeten aus der Gefechtszone zu eskortieren. Und das, obwohl sie im Kampf um Wara`tol`nai sämtliche zur Verfügung stehenden Kräfte benötigten. Als der terranische Verband halbwegs außer Gefahr war, drehten sie bei und wünschten ihren Verbündeten zum Abschied alles Gute. Valentine erwiderte den Gruß. Hätte er doch für seine Alliierten mehr liefern können als bloße Platituden.
Hinter ihm ging die Tür auf und einige Personen stürzten auf die Brücke. Valentine wandte sich halb um und sah über die Schulter. Bei einem von ihnen handelte es sich um den Präsidenten, bei einem anderen um Finn Delgado.
„Sie werden mir nie glauben, mit wem wir es zu tun hatten“, begann der Oberbefehlshaber der Schattenlegionäre.
In diesem Moment überspielte sein Erster Offizier die Analyse der feindlichen Antriebssignaturen. Der Admiral zog beide Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. „Es sind Hinrady!“, erklärte der Flottenoffizier verblüfft.
Alexander Winthorpe III, Stabschef von Präsident Steven Donelly, spurtete durch die langgestreckten Korridore der präsidialen Residenz auf Vector Prime.
Während der Abwesenheit Donellys oblag es seinem Stabschef, die Regierungsverantwortung zu tragen. Winthorpe war glücklich über diese Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln. Er hoffte, irgendwann zur Wahl des Präsidenten antreten zu dürfen. Falls Donelly zu diesem Zeitpunkt noch das Amt ausfüllte, so würde er gegen den Mann antreten müssen. Die Aussicht darauf schmälerte seinen Enthusiasmus. Er hegte nichts als Bewunderung für Donelly. Der Mann hatte ihn gefördert und unter seine Fittiche genommen. Winthorpe würde sich nicht gern mit ihm im offenen politischen Schlagabtausch messen. Allerdings hatte jeder Mensch mit Ambitionen das Recht weiterzukommen. Und Winthorpe war ein zutiefst ehrgeiziger Mann.
Die gegenwärtige Krise jedoch ließ ihn zweifeln, ob er schon so weit war. Niemand hätte mit etwas Derartigem rechnen können. Wie es schien, befanden sich Drizil-Föderation und Republik im Krieg mit einer hochtechnisierten Militärmacht. Winthorpe wünschte, dieser Kelch wäre an ihm vorübergegangen.
Er erreichte den Planungsraum, drei Stockwerke unterhalb der Residenz. Vier Mitglieder der 18. Gardelegion standen auf Wache. Sie trugen zeremonielle Rüstungen. Sie sahen wesentlich prächtiger aus als das gewöhnliche Kriegsgerät, das die Soldaten eigentlich bevorzugten. Die Waffen in ihren Händen wirkten weit weniger zeremoniell.
Beim Erscheinen des Stabschefs präsentierten die vier Legionäre ihre Bolzengewehre. Winthorpe verlangsamte seine Schritte. Es wäre extrem unpassend, in den Raum zu sprinten. Es hätte der Autorität seiner Position vielleicht unwiederbringlich Schaden zugefügt.
Der Stabschef nickte jedem Einzelnen der vier Soldaten zu, als der kommandierende Lance Corporal ihm die Tür öffnete.
Winthorpe betrat den Raum und sah sich mehrerer erwartungsvoller Augenpaare gegenüber. Die Tür fiel hinter ihm leise und diskret ins Schloss. Der Stabschef maß jeden der Anwesenden mit festem Blick.
General of the Legions Renè Castellano hielt sich trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch aufrecht, als hätte man ihm einen Stock hinten reingeschoben. Winthorpe hoffte, er wäre wenigstens halb so fit, wenn er dessen Alter erreicht hätte. Der General hatte eigentlich schon mehrmals in den Ruhestand versetzt werden sollen. Er hatte sich vehement und erfolgreich dagegen gewehrt. In der Tat wüsste Winthorpe nicht zu sagen, was der Mann als Zivilist hätte tun sollen. Sogar jetzt, ohne Rüstung und seine Alltagsuniform tragend, wirkte der Mann ruhelos wie ein Tiger im Käfig. Jederzeit sprungbereit, jederzeit bereit, seine Beute zu zerfleischen. Ein gefährliches Raubtier, das derzeit lediglich den Frieden hielt, weil sich kein Feind in Reichweite befand.
Bei dem Zweiten im Bunde handelte es sich um Flottenadmiral Kirill Romanov. Der Präsidentschaftskandidat der letzten Wahl hatte nach seiner Niederlage gegen Donelly der Politik den Rücken gekehrt. Der Militärstatus des Mannes war reaktiviert worden und er hatte den Posten des verblichenen Admirals Corben Baker übernommen. In dessen Funktion übte er das Oberkommando über die republikanische Flotte aus.
Des Weiteren waren Lieutenant General Finn Delgado sowie Präsident Steven Donelly anwesend – beide als Hologramm zugeschaltet, da sie sich immer noch an Bord des Dreadnoughts Marathon befanden, auf dem Rückweg nach Vector Prime.
Winthorpe stellte sich an das Kopfende des Tisches. Ein Platz, der für gewöhnlich dem Präsidenten vorbehalten war. Anstatt sich zu setzen, maß er das Hologramm Donellys erleichtert. „Ich bin froh, Sie wohlbehalten und in Sicherheit zu wissen, Steven“, begann der Stabschef.
Der Präsident nickte. Donelly wirkte ausgelaugter, als Winthorpe ihn je zuvor erlebt hatte. Die bleiche Miene des Staatsoberhaupts war sogar über die Hologrammverbindung kaum wiederzuerkennen. Der Angriff auf Waran`tol`nai lag elf Tage zurück. Nun befand sich die Marathon endlich in einer Distanz zu Vector Prime, in der man störungsfrei übertragen konnte. Die Nachrichten des Angriffs hatten die republikanische Hauptwelt Perseus schon wesentlich früher erreicht. Von dort aus war Vector Prime informiert worden. Seitdem arbeiteten die Analysten der Schattenlegionen ununterbrochen an der Auswertung der spärlichen vorhandenen Daten.
Der Präsident kam gleich zum Kern der Sache. Er funkelte die Anwesenden an. „Was wissen wir bisher?“
Die Männer wechselten verhaltene Blicke, bis man sich wortlos darauf einigte, dass sein Stabschef die beste Wahl war, um dem Präsidenten die schlechten Neuigkeiten zu überbringen.
Winthorpe wandte sich abermals dem Hologramm zu. „Waran`tol`nai war nicht die einzige Welt, die angegriffen wurde. Insgesamt sieben Systeme sind überfallen worden, einschließlich der Drizil-Heimatwelt. Darunter sind auch zwei republikanische. Der Rest gehört den Fledermausköpfen. Waran`tol`nai war allerdings die einzige, um die es eine größere Schlacht gab. Die anderen fielen zeitweise zum Teil kampflos in feindliche Hände. Oder mit einem Minimum an Widerstand. Es handelt sich ausnahmslos um abgelegene, relativ unbedeutende Welten mit keiner oder nur geringer Verteidigungskapazität.“
Donelly wechselte einen alarmierten Blick mit Delgado. „Zeitweise?“, hakte er nach.
Winthorpe nickte. „Der Feind hat sich aus allen Systemen wieder zurückgezogen. Immer innerhalb eines Zeitrahmens von drei bis fünf Tagen. Auf Waran`tol`nai hielten sie sich am längsten – acht Tage. Aber auch die Schlacht um die Heimatwelt ist mittlerweile vorüber. Die Invasoren sind abgezogen.“
„Von den Drizil vertrieben?“, wollte Delgado wissen.
Winthorpe seufzte. „Ich wünschte, das wäre zu bestätigen. Die Angreifer zogen sich aber aus eigenem Antrieb zurück. Man könnte fast meinen, sie hätten ihre Ziele erreicht. Worin auch immer die bestehen mögen.“ Der Stabschef zögerte. Sein Präsident kannte den Mann gut genug, um an diesem Punkt sofort einzuhaken.
„Was verschweigen Sie uns, Alex?“
Winthorpe raffte sich auf. Schlechte Nachrichten wurden nicht besser, indem man mit ihnen hinter dem Berg hielt. „Die Invasoren waren noch auf weiteren Welten. Momentan wissen wir von mindestens achtzehn. Allesamt unbewohnt. Einige befinden sich sogar im nicht beanspruchtem Weltraum.“
Donelly runzelte die Stirn. „Was bezweckten die damit? Die Einrichtung von Horchposten? Oder von Nachschubbasen?“
„Das war auch unsere erste Vermutung“, bestätigte Winthorpe. „Wir mussten allerdings diese anfängliche Einschätzung revidieren. Einheiten der Schattenlegionen haben die meisten von ihnen inzwischen aufgeklärt und Interessantes gefunden.“
Der Stabschef betätigte eine Taste und neben den Hologrammen von Delgado und Donelly wurden mehrere Bilder eingeblendet. In den kargen Boden lebensfeindlicher Welten waren Rohre getrieben worden. Die Angreifer waren so in Eile gewesen, dass sie diese nach getaner Arbeit einfach zurückgelassen hatten.
„Das sind Probebohrungen“, schlussfolgerte Delgado.
Winthorpe nickte. „Völlig richtig, General. Nachdem wir wussten, wonach wir zu suchen hatten, wurden wir auf allen angegriffenen Welten fündig. Die Hinrady haben überall Probebohrungen durchgeführt.“
Delgado merkte auf. „Sie wissen also bereits, um wen es sich handelt.“
Abermals nickte der Stabschef. „Einige Welten haben sich nicht kampflos ergeben. Es gelang uns, Leichen zu bergen. Die Ergebnisse der Analysen sind sowohl bemerkenswert als auch besorgniserregend.“
„Dazu später mehr“, versetzte der Präsident. „Die Probebohrungen interessieren mich im Augenblick eher. Wonach suchen die Flohteppiche?“
Winthorpe zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Dazu gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Es muss ihnen aber furchtbar wichtig sein, wenn die deshalb eine solche Operation vom Zaun brechen.“
Delgado kratzte sich am unrasierten Kinn. „Warum ausgerechnet Waran`tol`nai? Die Hinrady müssen gewusst haben, was für Widerstand ihnen entgegenschlagen wird. Ansonsten haben sie sich schwach oder gar nicht verteidigte Welten ausgesucht. Dieses Ziel passt nicht ins Muster.“
„Dazu haben unsere Analysten eine Theorie“, meinte Romanov. Alle Augen wandten sich ihm zu. „Sie glauben, dass die Hinrady gar nicht wussten, mit was für einer Welt sie es zu tun hatten. Sie griffen zunächst mit einer relativ kleinen Streitmacht an. Als die Schlacht ausuferte, erhielten die Flohteppiche Verstärkung.“
„Soll das heißen, es war nur Zufall?“, fragte der Präsident verwundert.
„Es scheint fast so“, entgegnete der Stabschef und setzte sich endlich. „Sie wussten aber, diesen Fauxpas zu nutzen. Vor ihrem Abzug verschleppten sie eine große Anzahl Gefangener. Hauptsächlich handelt es sich um Wissenschaftler, aber auch Würdenträger sind dabei.“ Winthorpe machte eine kurze Pause. „Taran Stuullonor ist unter ihnen. Über den Verbleib ist nichts bekannt.“
„Was wissen Sie sonst noch?“, bohrte Donelly weiter und ignorierte die letzte Äußerung seines Untergebenen. Taran Stuullonor war ein wichtiger Verbündeter und für mindestens zwei der Anwesenden galt er darüber hinaus als Freund. Delgado und Castallano machten praktisch gleichzeitig ein verdrießliches Gesicht.
Wiederum wurden am Tisch zurückhaltende Blicke gewechselt. Winthorpe hüstelte. „Wir glauben zu wissen, woher die Angreifer kamen.“
„Sprechen Sie weiter“, forderte der Präsident ihn auf.
