Der Ruul-Konflikt 15: Operation Himmelswolf - Stefan Burban - E-Book
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Der Ruul-Konflikt 15: Operation Himmelswolf E-Book

Stefan Burban

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Beschreibung

Ende 2153 endet der Kampf um Serena mit der Vertreibung der ruulanischen Streitkräfte aus dem System. Die Verbände der Koalition erklären offiziell die ruulanische Anwesenheit im Serenasystem für neutralisiert und ganz Serena für befreit. Damit endet eine der blutigsten, verlustreichsten Schlachten des Ruul-Krieges. Die Befreiung Serenas ist ein Erfolg, der jedoch ohne die Hilfe der Til-Nara nicht möglich gewesen wäre. Um ihrer Verpflichtungen aus dem Beistandspakt nachzukommen, entsendet das terranische Militär im Gegenzug eine Expeditionsstreitmacht in die Hegemonie der Insektoiden, um an dieser weit entfernten Front deren militärische Aktionen gegen die Ruul zu unterstützen. Commodore Frank Taylor, Kommandant eines schnellen Kampfverbands, ist der Überzeugung, schon alles gesehen und alles erlebt zu haben. Doch was ihn im Raum der terranischen Verbündeten erwartet, stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten …

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Inhalt

Prolog

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Epilog

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Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg November 2020 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Allan J. Stark Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-737-6 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-754-3 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Prolog

11. November 2153 Äußeres System Serena

»Feindbeschuss!«

Der warnende Ruf hallte über die Brücke der TKS Saber II. Der Navigator gab mehrere Befehle in seine Konsole ein und der Sioux-Kreuzer rollte sich gehorsam auf die Seite. Commodore Frank Taylor hielt sich unbewusst an den Lehnen seines Kommandosessels fest. Dabei handelte es sich um eine instinktive Reaktion und keine pragmatische. Hätte der ruulanische Beschuss die Abwehr durchbrochen und er im Anschluss unter den Lebenden geweilt, so wäre das Festkrallen an den Lehnen wohl der am wenigsten ausschlaggebende Grund für das Wunder gewesen.

Die Flakbatterien der Saber II eröffneten röhrend das Feuer. Die Geschütze hämmerten rhythmisch, während die Besatzungen daran arbeiteten, die anfliegende Menge an Geschossen auszudünnen. Explosionen blühten auf und bildeten eine Wand aus Feuer und Schrapnellen zwischen dem Schweren Kreuzer und der nahenden Gefahr.

Die ruulanischen Torpedos trafen auf die Abwehr. Unzählige zerplatzten. Frank begann zu hoffen. Könnte es wirklich reichen? Das tat es dann doch nicht. Hunderte der tödlichen Geschosse wurden zerstört – und Hunderte kamen durch. Sein Herz machte einen Satz, als die ersten Fernlenkprojektile auf die Schilde der Saber II trafen.

Die Schutzschilde flackerten in allen Regenbogenfarben und absorbierten einen Gutteil des Beschusses, bevor sich Lücken bildeten, durch die die feindlichen Geschosse stießen. Von den ersten Einschlägen bekam die Brückenbesatzung nicht viel mit. Dann ging ein scharfer Ruck durch das Schiff, gefolgt von einem noch härteren Stoß. Das Ganze endete mit einem Schlag, der Frank hart in die Gurte schleuderte. Trotz der Uniform und der darunterliegenden Schutzkleidung schnitten diese ihm tief ins Fleisch.

Unwillkürlich baute sich sein taktisches Hologramm vor ihm auf und versorgte ihn mit Schadens- und Verlustmeldungen. Zwei kleine Feuer waren auf der Brücke ausgebrochen und verbreiteten üblen Dunst. Ein Besatzungsmitglied stürzte mit einem Notfeuerlöscher herbei und bedeckte beide mit Schaum. Sie erstickten innerhalb von Sekunden. Die Lebenserhaltung bemühte sich, den Qualm schnellstmöglich abzusaugen. Frank hustete dennoch würgend.

Das Schadensschema änderte sich geringfügig. Mehrere Abschnitte wurden in bedrohlichem Orange dargestellt.

»Schadenskontrolle nach Deck neun und zehn!«, ordnete er an, ohne den Blick vom Hologramm zu nehmen. »Wir haben mehrere Mikrorisse in der Außenhülle.«

Mit einem Mal stand Commander Ian Dunlevy, sein Erster Offizier, neben ihm. Dieser hackte auf sein tragbares Datenterminal ein, um den Befehl umgehend weiterzugeben.

»Sieben Tote, elf Verwundete«, murmelte Frank vor sich hin. »Hätte schlimmer kommen können.« Sein Blick zuckte zum Statusbildschirm des Geschwaders. Franks Einheit bestand aus dreißig Schiffen und gemeinsam bildeten sie das 12. Schnelle Angriffsgeschwader.

Frank knirschte mit den Zähnen, als er feststellte, dass drei seiner Schiffe fehlten. Der feindliche Beschuss hatte ihn soeben einen Leichten Kreuzer und zwei Zerstörer gekostet. An deren Standort breiteten sich Trümmerwolken fächerförmig nach allen Seiten aus. Vereinzelt blinkten die Signalbojen von Rettungskapseln auf. Er fluchte unterdrückt und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Himmelskörper unter ihm.

Seine Einheit war Teil von fünfzehn Geschwadern, die einen Mond ohne Planeten am äußersten Rand des Serena-Systems angriffen.

Der Mond war in jeder Hinsicht lediglich ein Felsen im All, ohne jede Bedeutung. Allerdings hatten die Ruul eine Festung darauf errichtet und nutzten diese zum Schutz der nördlichen Nullgrenze, über die sie ihre Streitkräfte auf Serena beständig mit Nachschub und frischen Truppen versorgten. Sollte Serena fallen, musste zuerst diese Festung fallen.

»Auf Ziel ausrichten!«, befahl Frank gepresst. »Feuersequenz Delta drei. Wir gehen rein.«

Das 12. Schnelle Angriffsgeschwader formierte sich zur Attacke, während die übrigen Geschwader des Verbands die feindliche Basis unter Dauerfeuer nahmen. Die Ruul hatten sich gut verschanzt und das Kunststück fertiggebracht, große Teile des Mondes mit Waffen und Defensivsystemen zu bestücken. Die Slugs waren entschlossen, den Weg für Nachschub und Verstärkung nach Serena offen zu halten. Aber die Koalition war nicht minder entschlossen, die Flut an militärischen Gütern zum Planeten versiegen zu lassen.

Tausende von Torpedos regneten auf die feindliche Festung herab. Die Oberfläche des Mondes wurde gesprenkelt von unzähligen Explosionen. Gleichzeitig gingen Til-Nara- und Nerai-Kreuzer zum Nahkampf über. Unter der Deckung der terranischen Verbände näherten sie sich dem stellaren Objekt, so weit sie konnten, und entließen die ganze Wut ihrer kinetischen Waffen auf den Feind.

Franks Einheit blieb dicht bei ihnen und flog für die Insektoiden Geleitschutz. Die Schiffe seines Geschwaders feuerten ohne Unterlass auf alle sich bietenden Ziele, während sie über den Kreuzern ihrer Verbündeten schwebten wie hilfreiche Engel.

Ruulanische Jagdgeschwader griffen die insektoiden Kreuzer an, während Dragonfly-Kampfmaschinen sich ihnen in den Weg stellten. Die zerbrechlich wirkenden Fluggeräte teilten verheerende Schläge aus und rissen tiefe Lücken in die angreifenden ruulanischen Jagdverbände. Die insektoiden Piloten zerstörten unter erheblichen eigenen Verlusten nahezu die komplette gegnerische Jagdformation. Währenddessen bombardierten die Til-Nara-Kreuzer weiterhin die Oberfläche des Mondes.

Frank beobachtete das Schauspiel durch das gepanzerte Verbundmaterial des zentralen Brückenfensters. Zeitweise konnte man vor Explosionen kaum noch die Oberfläche des Mondes voraus erkennen. Insgeheim bezweifelte er, dass dort unten irgendetwas oder irgendjemand überlebt haben konnte. Er irrte sich.

»Zweite feindliche Jägerwelle im Anflug!«, meldete der Offizier an der Taktik.

Noch bevor Frank auf die Nachricht reagieren konnte, ließ der Schwarm feindlicher Jäger den Horizont des Mondes auch schon hinter sich und fiel gleichermaßen über Til-Nara wie Nerai her.

Frank fluchte. »Sie haben im Schatten des Mondes gewartet, bis wir in der richtigen Position sind. Deckungsfeuer für die Insektoiden! Feuer frei aus allen Rohren! Angriffsbefehl für die Jäger!«

Die Flakbatterien des Geschwaders röhrten in einem fort. Dabei konzentrierten sie sich auf die Ränder der insektoiden Formation. In deren Mitte zu feuern, wagte Frank nicht. Zu groß war die Gefahr, Verbündete zu treffen. Schwärme von Dragonfly-Jägern attackierten die Reaper auf breiter Front; es entbrannten schwerste Gefechte. Auch wenn die insektoiden Jäger recht zerbrechlich wirkten, hielten sie die Front lange genug, dass terranische Einheiten eingreifen konnten.

Arrow- und Zerberus-Jäger stoben heran und verwickelten den Gegner augenblicklich in einen erbitterten Nahkampf. Die schnellen und wendigen Arrows tanzten einen schaurig anmutigen Tanz mit den feindlichen Reapern, während die Zerberusse ihre Panzerung und hohe Feuerkraft dazu einsetzten, die feindlichen Staffelformationen aufzubrechen. Minutenlang wogte der Kampf hin und her. Jagdmaschinen beider Seiten vergingen im jeweils feindlichen Feuer.

Geschützfeuer von der Oberfläche brandete auf. Energiebahnen zogen ihre leuchtenden Linien durchs All und brannten sich tief in Koalitionsschiffe. Die Ruul nahmen keine Rücksicht auf ihre Jägerpiloten. Mehrere von ihnen wurden zerstört, als sie die Strahlbahnen eigener Laserbatterien kreuzten. Es unterstrich, was die Ruul zu tun und zu opfern bereit waren für einen Sieg im Serena-System.

Die Til-Nara verloren zwei Schwere Kreuzer und zwei Zerstörer, die Nerai einen Träger, drei Fregatten und einen Leichten Kreuzer. Es nützte den Slugs nicht viel. Den terranischen Jagdgeschwadern gelang es, die zweite Reaper-Welle abzudrängen und schließlich zurückzutreiben. Die Überlebenden flohen hinter den Horizont des Mondes, verfolgt von Dragonfly-Kampffliegern.

Frank überprüfte den Status der Streitmacht. Die terranischen Einheiten wurden an den Flanken von den Ruul hart bedrängt. Typ-8-Kreuzer führten immer wieder mit der Unterstützung von Firewall-Kreuzern blitzartige Angriffe aus, mit denen sie einigen Schaden anrichteten. Die Terraner hielten die Front, auch wenn sie dabei mehr als zwanzig Schiffe verloren.

Die Til-Nara und Nerai rückten im Zentrum vor, wobei sie das immer noch starke Abwehrfeuer vom Mond geflissentlich ignorierten. Einer der insektoiden Kreuzer wurde mittschiffs getroffen. Eine darauffolgende Sekundärexplosion riss die halbe Antriebssektion ab und das Schiff trudelte Richtung Mondoberfläche davon. Es schlug irgendwo nahe der Äquatorregion auf.

Frank biss die Zähne zusammen und orientierte sich neu. Das Abwehrfeuer war weit stärker und wesentlich effektiver als vorhergesehen.

»Lieutenant Mitchell«, sprach er den Junioroffizier an der Taktik an. »Wären Sie so freundlich, diese Batterien in der südlichen Hemisphäre auszuschalten? Nahe diesem Gebirgszug.«

»Aye, Sir«, erwiderte dieser prompt.

Die Saber II zog nach unten weg. Ihre Geschütze spuckten Tod und Vernichtung. Die schweren 5er und die mittelschweren 3er zogen ein dichtes Netz über die karge Oberfläche des Ziels. Auf ihrem Weg zerstrahlten die Schiffsgeschütze mehrere feindliche Abwehrstellungen und getarnten Bunker. Das gegnerische Feuer wurde mit einem Mal merklich lichter. Zu guter Letzt setzte der taktische Offizier noch eine Salve Torpedos hinterher, die eine dreißig Kilometer lange Schneise in die Oberfläche des Mondes sprengten und dabei eine feindliche Bunkerstellung offenlegten.

Dragonfly-Jäger rasten im Sturzflug hinunter, beharkten mit ihren Bordwaffen die aus dem Bunker taumelnden überlebenden ruulanischen Krieger und machten sie zu Dutzenden nieder.

Die Versuchung war groß, die Schlacht bereits als gewonnen anzusehen. Die Flanken hatten sich stabilisiert und sämtliche Geschwader waren auf dem Vormarsch, während die Insektoiden weiterhin die Oberfläche bombardierten. Aber er kämpfte bereits zu lange in diesem Krieg, um sich davon täuschen zu lassen. Die Ruul waren keine einfachen Gegner, sonst wären sie längst besiegt worden. Egal wie hart man sie traf, sie warteten immer noch mit der einen oder anderen Überraschung auf.

In diesem Augenblick wurde der Zerstörer Tennessee von einer Reihe verheerender Explosionen eingehüllt. Das Schiff verschwand für einen Augenblick komplett aus dem Blickfeld. Als sich die Sicht wieder klärte, war der Zerstörer verschwunden. An seiner statt schwebten Trümmer und Leichen im Raum.

»Wo kam das her?«, fragte Frank. Er bemühte sich, seine Stimme trotz allem ruhig zu halten. Es hätte sich auf die Besatzung übertragen, hätten sie seine Nervosität gespürt.

»Feindliche Schiffe im Anflug«, meldete Dunlevy. »Mindestens zwei volle Geschwader. Sie haben auf der Rückseite gewartet.«

Frank unterdrückte einen wüsten Fluch. Sein Erster Offizier speiste die von den Sensoren gesammelten Daten auf sein Hologramm ein.

Als er sah, was auf ihn zukam, hätte er um ein Haar laut geflucht. Die zwei feindlichen Geschwader wurden von zwei Predator-Schlachtschiffen angeführt. Dabei handelte es sich zwar um einen älteren Schiffstyp, aber Frank machte deshalb nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Schon zu viele terranische Marineoffiziere hatten dies mit dem Leben bezahlt.

»Auf Position drei-neun-fünf ausweichen und volle Breitseite auf das Führungsschiff, das von steuerbord her angreift.« Der Navigator der Saber II war ein alter Hase und so ging der Schwere Kreuzer gehorsam und geschmeidig auf Gegenkurs zum Feind.

Franks Blick zuckte kurz zu seinem Ersten Offizier. »Informieren Sie Admiral Hoffer, dass wir Unterstützung brauchen. Sind auf schweren Widerstand gestoßen.« Dunlevy nickte gehetzt, während er versuchte, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Die Saber II und ihr Geschwader stießen im Dauerfeuermodus eine Torpedosalve nach der anderen aus. Sie hämmerten ohne Unterlass auf die ruulanischen Schiffe ein. Ein Zerstörer und eine Fregatte wurden zerstört, dann noch ein Typ-8-Kreuzer. Und dennoch weigerte sich der Gegner abzudrehen.

Die Ruul schlugen zurück. Energiestrahlen tanzten über die Außenhülle der Saber II und schmolzen tiefe Furchen in die Panzerung. Der Schwere Kreuzer vollführte ein elegantes Ausweichmanöver, konnte jedoch nicht verhindern, dass mehrere Raketen entlang der Längsachse einschlugen.

Alarmsignale buhlten auf der Brücke um die Aufmerksamkeit der Besatzung. Über Franks taktisches Hologramm liefen die Schadens- und Verlustmeldungen sowohl seines Kreuzers als auch der übrigen Einheiten seines Geschwaders.

Die schiere Wucht ihres Angriffs trieb die Ruul tief in die Linien der Koalition. Die Formation der Insektoiden brach auf und die Ruul zwängten sich augenblicklich in die entstandene Bresche.

Die Saber II beharkte eines der Schlachtschiffe mit den schweren 5-Zoll-Lasern und schaltete zwei der Antriebsaggregate aus, die flackernd den Dienst einstellten. Das Schlachtschiff reduzierte notgedrungen den Schub und machte einen weiten Bogen, dabei schoss es eine Til-Nara-Fregatte kampfunfähig und zerstörte einen bereits angeschlagenen terranischen Leichten Kreuzer.

Das Predator-Schlachtschiff vollendete seine Kehre und kam nun frontal auf die Saber II zu. Frank brauchte nur einen kurzen Blick auf sein taktisches Hologramm zu werfen, um festzustellen, dass sie sich in großen Schwierigkeiten befanden. Die Front stand kurz davor, von den Ruul nach beiden Flanken hin aufgerollt zu werden. Teile des terranischen Verbands befanden sich bereits auf dem Rückzug. Im Prinzip hielt nur noch das 12. Schnelle Angriffsgeschwader und Elemente des kombinierten Til-Nara/Nerai-Verbands die Stellung. Aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Koalitionseinheiten ihre Stellung würden aufgeben müssen.

Ein halbes Dutzend Til-Nara-Schiffe wehrte sich mit ihrer beträchtlichen Bewaffnung gegen das zweite Schlachtschiff und mindestens zwanzig seiner Begleiteinheiten. Zwei Schlachtkreuzer schossen mehrere Feindschiffe zusammen, aber die Insektoiden mussten im Gegenzug auch den Verlust zweier eigener Schiffe hinnehmen.

Das erste Schlachtschiff ging auf Angriffskurs zur Saber II. Die Laserbatterien des terranischen Schweren Kreuzers woben ein tödliches Netz durch die Luft und schnitten Schicht um Schicht von der Außenhülle des feindlichen Schlachtschiffes. Dieses konterte mit den eigenen Lichtwerfern und die Saber II verlor ein Drittel ihrer Bugbewaffnung auf einen Schlag.

Frank fluchte abermals, dieses Mal allerdings so laut, dass es keinem Mitglied der Brückenbesatzung entgehen konnte. »Lieutenant Mitchell, die Sicherheitsschaltungen der Torpedos deaktivieren und eine volle Salve in die Rohre laden!«

Der taktische Offizier sah sich kurz um, als hätte sein Vorgesetzter den Verstand verloren. »Sir, wir wären im Zerstörungsradius?!«

»Das ist mir bekannt, Mitchell. Tun Sie es einfach!«

Nach kurzem Zögern befolgte der Offizier die Anweisung, auch wenn man ihm deutlich ansah, wie schwer es ihm fiel.

»Torpedos bereit und geladen«, informierte er seinen kommandierenden Offizier kurze Zeit später.

»Kreuzen Sie den Kurs des Predators!«, wies er den Navigator an.

Dieser steuerte das Schiff gehorsam in Position. Es dauerte nur wenige Augenblicke und der Bug war auf den Gegner ausgerichtet.

Frank zögerte keinen Augenblick. »Feuer!«

Die Torpedorohre der Saber II spuckten eine Stichflamme aus, auf denen zwölf Geschosse auf den Feind zurasten. Die Besatzung des Predators erkannte die Gefahr – aber zu spät.

Die Geschosse waren bereits scharf, kurz nachdem sie die Rohre der Saber II verlassen hatten. Und sie erwischten den Predator während seines Ausweichmanövers. Es geschah alles so schnell, dass die Ruul nicht einmal ihre Flakbatterien einsetzen konnten.

Die Geschosse entfalteten ihr zerstörerisches Potenzial in vollem Umfang. Sie fetzten die Panzerung am Bug problemlos davon und die Explosionswelle pflanzte sich quer durch das Schiff fort, bis diese am Heck wieder austrat. Nur einen Sekundenbruchteil später glühte der Predator auf und wurde in einer gewaltigen Explosion in Stücke gerissen.

»Nach backbord ausweichen!«, befahl Frank hektisch. Die Saber II änderte den Kurs, um der Explosion zu entgehen. Beinahe hätte sie es geschafft. Trümmer des Predators erwischten den Schweren Kreuzer an Steuerbord und bohrten sich tief in den Rumpf. Dekompressionsalarm heulte mit einem Mal durch die Korridore. Besatzungsmitglieder, die nicht schnell genug gewesen waren, wurden ins All gerissen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der extreme Druckabfall ihr Blut längst zum Sieden gebracht. Alle anderen legten ihre Sauerstoffmaske an, die jedes Besatzungsmitglied zu jedem Zeitpunkt bei sich tragen musste. Notschotten wurden geschlossen und Kraftfelder bauten sich auf.

Die Brückenbeleuchtung flackerte für einen Moment, fiel aus und wurde durch die rote Notbeleuchtung ersetzt. Funken zischten aus mehreren Konsolen. Erneut brach ein Feuer auf der Brücke aus.

Der Alarm dröhnte schmerzhaft in Franks Ohren. Sein Kopf schmerzte von all den Eindrücken, die auf ihn hereinstürzten.

»Statusbericht, Ian!«, verlangte er. Es kam keine Antwort. »Ich sagte, Statusbericht!« Wieder antwortete niemand. Frank drehte sich um und sah seinen Ersten Offizier mit einer üblen Kopfwunde am Boden liegen. Dieser hatte es nicht rechtzeitig zu seiner Station geschafft, um sich anzuschnallen.

Frank stieß einen Schwall Luft zwischen den Vorderzähnen aus. Der Mann diente bereits fünf Jahre unter ihm. Am liebsten hätte er sich losgeschnallt und wäre ihm zu Hilfe geeilt. Es gab dort draußen allerdings immer noch eine Schlacht zu schlagen.

Er drückte auf seiner Lehne auf den Schalter für den Schiffsfunk. »Sanitäter auf die Brücke! Es gibt Verwundete.« Er ließ den Schalter los.

Frank warf einen Blick auf das taktische Hologramm. Zumindest das funktionierte noch. Die Zerstörung des feindlichen Schlachtschiffes hatte den Gegner zu einem gewissen Umfang in Konfusion gestürzt, aber nicht genug, um einen Unterschied zu machen.

Das zweite Schlachtschiff erledigte gerade einen weiteren Til-Nara-Schlachtkreuzer. Die Saber II war fast kampfunfähig. Sie verfügte nur noch über halbe Antriebskraft, sie hatte gut die Hälfte der Offensivwaffen verloren und ihre Panzerung war die Bezeichnung nicht länger wert. Und sein Geschwader war in kaum besserem Zustand. Von den ursprünglich dreißig Schiffen zählte Frank noch neunzehn.

Das feindliche Schlachtschiff schickte sich an, die Front der Koalition endgültig zu durchbrechen, als eine Vielzahl von Explosionen seinen Rumpf einhüllte. Frank riss die Augen auf. Frische Kräfte der Koalition trafen ein. Angeführt von einem terranischen Schlachtschiff der Shark-Klasse, drängten die Kriegsschiffe in die Bresche und jagten den Ruul alles an Feuerkraft in den Rachen, was ihnen zur Verfügung stand.

Von dem Auftauchen der Verstärkung ermutigt, stabilisierte sich die Front und die verbündeten Schiffe gingen erneut zum Angriff über. Sie bildeten eine gestaffelte Feuerlinie und trieben den Feind immer weiter zurück. Das gegnerische Schlachtschiff wurde mehrmals schwer getroffen und aus einem Dutzend Breschen in der Außenhülle quoll dichter Qualm. Es wirkte, als würde das Schiff aus einer Vielzahl von Wunden ausbluten.

Der ruulanische Kommandant tat das Einzige, was ihm übrig blieb. Er trat den Rückzug an. Alles andere hätte den sicheren Tod bedeutet.

Die Til-Nara-Schlachtkreuzer nahmen Fahrt auf und setzten ihre Primärwaffe für orbitale Bombardements ein: die massiven Energiebündel. Einmal abgefeuert, gab es dagegen keinen Schutz. Die insektoiden Schiffe belegten den feindlich besetzten Mond mit einem massiven Sperrfeuer.

Die Ruul leisteten Gegenwehr, solange es ihnen möglich war, doch ihr Abwehrfeuer dünnte merklich aus. Nach fast einer Stunde unaufhörlichen Beschusses brach die Kruste des Mondes auf. Das Ergebnis waren erhebliche seismische Aktivitäten, die die letzten Reste des ruulanischen Widerstands buchstäblich zerschmetterten. Zu guter Letzt zog sich ein Riss von der nördlichen zur südlichen Hemisphäre, die den Mond beinahe in zwei Teile spaltete. Trümmerstücke brachen ab und trieben unweit der Hauptmasse des zerstörten Himmelskörpers durch das All. Die Überreste des ruulanischen Verbands setzten sich endlich geschlagen ab, um ihre Wunden zu lecken.

Frank lehnte sich erschöpft in seinem Sessel zurück. Vor seinem Brückenfenster zog das Shark-Klasse-Schlachtschiff vorüber, das den Gegenangriff angeführt hatte.

Frank vergrößerte den Namen auf seinem taktischen Hologramm. »TKS Vigilantes«, las er laut vor und verzog mürrisch die Miene. Das war Vizeadmiral Laszlo Dushkus Schiff. Frank seufzte. Warum musste es ausgerechnet dieser Typ sein?

Frank wandte sich seinem ComOffizier zu. »Nachricht an Admiral Hoffer: Feindlicher Nachschub wurde erfolgreich unterbrochen. Ruulanischer Festungsmond ist gefallen. Bodenoffensive auf Serena kann beginnen.«

Der ComOffizier gab die Nachricht pflichtschuldig weiter, während Frank Dushkus Schiff musterte, das vor dem Bug der Saber II kreuzte. Abermals seufzte er tief. »Na das kann ja heiter werden«, flüsterte er.

* * *

14. November 2153 Hatuma-Tiefebene Standort der letzten ruulanischen Festung auf Serena

Lieutenant Colonel Manfred Haag von den Marines des Terranischen Konglomerats duckte sich tief in den Schützengraben, während Skull-Bomber und ihr Zerberus-Geleitschutz im Sekundentakt Tonnen an Bomben und Raketen auf die ruulanischen Stellungen regnen ließen.

Die Ruul hatten sich auf einem Bergkamm eingegraben und diesen mit einem Netzwerk aus Bunkern umgeben. Das Bombardement ging seit drei Tagen ununterbrochen auf die Slugs nieder. Nach allen Regeln der Logik dürfte eigentlich niemand dort oben mehr am Leben sein. Aber Logik spielte im Krieg selten eine große Rolle, vor allem dann, wenn man es mit Ruul zu tun hatte. Manfred wusste sehr genau, dass die Slugs in ihren Löchern hockten und nur darauf warteten, dass die Koalition vorrückte. Sie aus ihren Stellungen zu treiben, würde eine verdammt blutige Angelegenheit werden.

Sein ranghöchster Unteroffizier, Master Sergeant William DeGroot, kam durch den Schützengraben auf ihn zu. Der Mann hielt den Kopf gesenkt und hatte wie immer eine mürrische Miene aufgesetzt. Die Marines nannten ihn deshalb hinter vorgehaltener Hand flapsig Angry Billy.

Die Basilisken der Slugs feuerten ohne Unterlass. Das Artillerie- und Luftbombardement schien sie keineswegs zu stören. Die Geschosse stießen einen charakteristischen hohen Ton aus, wenn sie auf die Stellungen der Koalition zuflogen. Dies bedeutete nicht nur Lebensgefahr, sondern hatte auch moralische Auswirkungen auf die Truppe. Es zehrte an den Nerven.

Ruulanische Artilleriegranaten schleuderten Dreckfontänen rund um die terranischen Stellungen auf. Irgendwo in der Ferne hörte Manfred jemanden schreien und schüttelte leicht den Kopf. Es hatte wohl schon wieder so ein armes Schwein erwischt.

DeGroot kam neben ihm zum Stehen und nickte seinem Vorgesetzten kurz zu. »Schönen Gruß von General Kusnezow. In drei Minuten geht es los.«

Manfred verzog leicht die Miene und klopfte sich wortlos auf den Helm. DeGroot verstand die Geste. »HelmCom ist weiterhin offline«, meinte er. »Der ruulanische Störsender konnte immer noch nicht ausgeschaltet werden.«

Manfred fluchte unterdrückt und holte die Trillerpfeife hervor, die an einer Schnur um seinen Hals hing. Der feindliche Störsender erwies sich nicht nur als hartnäckig, sondern auch als extrem nervig. Er machte es notwendig zu improvisieren. Inzwischen benutzten die Offiziere Trillerpfeifen, um Befehle weiterzugeben. Der Erste Weltkrieg hatte als Vorlage für diese Idee hergehalten. Und auch wenn er schon ewig her war, so musste Manfred zugeben, dass es funktionierte. Zumindest die meiste Zeit über.

Er stieß einmal in die Pfeife. Das Geräusch pflanzte sich durch den Schützengraben fort und setzte sich mühsam gegen den Kampflärm durch. Weitere Offiziere nahmen das Geräusch auf und stießen ebenfalls in ihre Pfeifen. Die Marines und TKA-Soldaten begaben sich in Stellung. Leitern wurden gegen die Wände gelehnt, Waffen und Ausrüstung ein letztes Mal überprüft und nicht wenige der Soldaten beteten.

Manfred wartete angespannt. Seine Hände fühlten sich schwitzig an und er wischte sie an seinem Kampfanzug ab. Und dann – hörte das Trommelfeuer der Artillerie sowie der Luftangriffe wie aus heiterem Himmel einfach auf. Als hätten die Ruul nur darauf gewartet, stellten auch sie kurzzeitig das Feuer ein. Die aufkeimende Stille klang beinahe ohrenbetäubender, als es die niedergehenden Bomben und Granaten je vermocht hätten.

Manfred stieß zweimal kurz in die Trillerpfeife. Marines und TKA-Soldaten gleichermaßen erhoben sich aus der Deckung, erklommen die Wände des Schützengrabens und gingen über das offene Feld zum Angriff über. In diesem Moment setzte das Trommelfeuer ruulanischer Artillerie wieder ein.

Manfred hatte das Gefühl, die Hölle würde ihre Pforten öffnen, um sie alle zu verschlingen. Bereits in den ersten Minuten der Schlacht verlor allein seine Einheit an die hundert Mann. Panzer der Typen Goliath und Cherokee bewegten sich schwerfällig aus ihren Stellungen und setzten sich an die Spitze des Angriffs, um den Soldaten zumindest ein klein wenig Schutz zu bieten.

Hunderttausend terranische Soldaten und das Doppelte an Til-Nara und Nerai bewegten sich den Bergrücken hoch. Sie hatten nur das eine Ziel vor Augen: die ruulanische Festung zu stürmen.

Die Insektoiden hatten es wesentlich leichter. Mit ihren Flügeln zogen sie einfach über den Menschen hinweg, während diese sich schwerfällig durch den Schlamm kämpfen mussten.

Nachdem die terranische Artillerie nun schwieg, bezogen die Ruul ihre Stellungen. Ein Hagel aus Blitzschleudern ging auf die Koalitionstruppen nieder. Insektoiden wurden zu Dutzenden vom Himmel geschossen, dann zu Hunderten. Das Geschütz eines Goliath-Panzers röhrte und stieß eine Stichflamme sowie eine Rauchwolke aus. Das Geschoss schlug in einen bereits angeschlagenen Bunker ein und füllte diesen mit Tod und Feuer. Die Ruul schrien in ihrer harten, gutturalen Sprache.

Skull-Bomber zogen im Tiefflug über die angreifende Armee hinweg und ein Bombenhagel ging auf die ruulanischen Schützengräben nieder. Explosionen türmten sich Hunderte Meter in die Höhe auf. Rauchwolken bildeten nahezu undurchdringliche Schleier, durch den man den Feind eher erahnen denn wirklich sehen konnte. Ein Kugelblitz schlug in einen Marine ein, der direkt neben Manfred stand. Der Soldat ging mit einem qualmenden Loch in der Brust zu Boden. Er war bereits tot, noch bevor er den Morast berührte.

Das doppelte Lasergeschütz eines Cherokee flammte auf und nahm einen ganzen Abschnitt unter Feuer. Was immer die Strahlen berührten, verwandelte sich zu Asche oder torkelte anschließend als lebende Fackel umher.

Zwei Feuersalamander tauchten über der feindlichen Barrikade auf. Sie feuerten mehrere Salven ab und der Cherokee explodierte. Ihre Laserstrahlen schnitten durch eine Anzahl Soldaten und insektoide Krieger und zerteilten sie mühelos.

Ein Raketentrupp der Marines ging in Stellung. Sie nahmen einen der Panzer aufs Korn und jagten ihm eine Rakete unter die Ketten, wo die Panzerung am schwächsten war. Das Gefährt flog in einer blendend hellen Detonation auseinander. Der andere zog sich wieder über die Begrenzung zurück.

Manfred schwitzte heftig, während er seine Männer den Bergrücken hinaufführte. Er wusste, von der anderen Seite des Berges arbeitete sich eine ebenso große Armee zu den Ruul vor. Der Plan sah vor, die feindliche Festung von beiden Seiten anzugehen und sich dann oben zu treffen. Er hoffte, bei den anderen lief es besser als bei ihnen. Zu seiner Rechten wurden zwei Marines und ein TKA-Soldat von einer ruulanischen Granate zerfetzt. Ein weiterer blieb mit einer schweren Bauchwunde im Dreck liegen. Sofort war ein Sanitäter bei ihm und versorgte den armen Kerl notdürftig, bevor er sich daranmachte, ihn den Berg hinunterzutragen.

Manfred konzentrierte sich auf den Weg voraus. Sie hatten es fast geschafft. Weniger als fünfzig Meter trennten sie von der vordersten ruulanischen Stellung. Der Feuersalamander tauchte noch einmal auf – genau vor ihm. Das Geschütz senkte sich und Manfred starrte für einen Moment direkt hinein. Er hielt inne. Ihm war klar, dass ihn nichts retten würde: weder ein beherzter Sprung zur Seite noch das flache Hinkauern im Dreck. Sobald der Feuersalamander schoss, war es das für ihn.

Die Zeit dehnte sich schier endlos. Und mit einem Mal saßen zwei Dutzend Til-Nara auf dem Chassis. Mit ihren Lanzen rissen sie die Panzerung in ganzen Fetzen ab, bis sie das Innenleben erreichten. Sie stießen ihre Lanzen hinein und pumpten den Innenraum mit Energieimpulsen voll. Die Besatzung hatte nicht den Hauch einer Chance. Nach getaner Arbeit flogen sie einfach weiter. Dass sie gerade vielen Menschen – und nicht zuletzt Manfred – das Leben gerettet hatten, schien sie nicht zu kümmern.

Es kümmerte aber Manfred. Ein eisiger Schauder lief ihm über den Rücken, als er das Wrack des Panzers einen Moment lang musterte. Das war äußerst knapp gewesen, wesentlich knapper, als er es gern gesehen hätte.

Ein beinahe sanfter Stoß von DeGroot brachte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Manfred setzte sich erneut in Bewegung. Die Streitmacht erreichte den ruulanischen Schützengraben und ergoss sich wie eine gewaltige Flut auf dessen Boden. Augenblicklich entbrannte ein Kampf Mann gegen Mann.

Til-Nara und Nerai waren mit den Ruul bereits in Nahkämpfe verkeilt und stritten bis aufs Blut. Ein Ruul tauchte vor Manfred auf und schwang sein riesiges Sichelschwert. Manfred parierte mit seinem Bajonett und in einer gewagten Riposte stieß er seine Klinge tief in den Hals des reptilienhaften Kriegers.

Dieser ließ sein Schwert fallen und griff sich an die heftig blutende Wunde. Manfred ging kein Risiko ein und stieß erneut zu, dieses Mal in den Bauch. Die Rüstung des Gegners leistete nur kurz Widerstand. Der Ruul ging zu Boden.

Weitere Marines und TKA-Soldaten strömten in den Schützengraben. Die ruulanische Artillerie schwieg inzwischen. Manfred hoffte, für immer.

Die Zeit während einer Schlacht war eine seltsame Angelegenheit. Man hatte immer das Gefühl, man würde bereits Tage kämpfen. Oder zumindest Stunden. Meistens waren es jedoch gerade mal Minuten.

Manfred bildete da keine Ausnahme. Sein Bajonett hob und senkte sich im Gleichklang mit denen seiner Kameraden. Der Boden wurde getränkt gleichermaßen vom Blut von Ruul, Menschen und Insektoiden. Zweimal versuchten die Ruul, die Eindringlinge zurückzutreiben und den Berg wieder hinunterzuwerfen. Die Koalition jedoch fasste Fuß und hatte nicht die geringste Absicht, das eroberte Terrain aufzugeben. Sie waren nun hier und sie würden hier bleiben.

Manfred erlitt eine oberflächliche Schnittwunde an der rechten Schulter und einen Streifschuss durch eine Blitzschleuder an der linken Hüfte. Aber er führte seine Marines immer weiter, immer tiefer in die feindlichen Stellungen hinein. Seine Arme schmerzten und wurden langsam lahm durch das beständige Führen des Bajonetts. Sie durften aber nicht aufgeben, nicht so kurz vor dem Ziel. Die Ruul standen am Rande der Niederlage und alle Beteiligten wussten es.

Der Druck der ruulanischen Krieger war auf einmal weg, derart plötzlich, dass Manfred für einen Augenblick verwirrt innehielt und sich fragte, wo der Feind so unvermittelt abgeblieben war.

Die Soldaten fingen an zu jubeln. Manfred hob erschöpft den Kopf. Am höchsten Punkt der ruulanischen Festung flatterte die terranische Flagge stolz im Wind. Der Marine-Colonel ließ sein Gewehr erschöpft sinken. Seine Schultern sackten ein ganzes Stück herab. Sie hatten es geschafft. Die Festung war gefallen. Serena befand sich wieder vollständig in ihrer Hand.

1

Commodore Frank Taylor besuchte seinen Ersten Offizier, sooft es sein Dienst und der damit verbundene enge Zeitplan zuließ. Die Schwerstverwundeten von der Saber II und ihren Begleitschiffen hatte man bereits in den ersten Minuten nach der Schlacht am Festungsmond auf das Lazarettschiff Bangkok im Orbit um Serena verfrachtet.

Dunlevy gehörte zu den schlimmsten Fällen. Die Ärzte hatten kurzzeitig sogar die Möglichkeit in Betracht gezogen, er würde es nicht schaffen. Er hatte seither noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt.

Frank sah zum Chronometer an der Wand. Es wurde Zeit, wieder aufzubrechen. Er berührte seinen Ersten Offizier freundschaftlich an der Hand und wandte sich zur Tür um. In diesem Augenblick regte sich der Mann unruhig und schlug plötzlich die Augen auf.

»Commodore …«, keuchte er erschöpft.

Frank war sofort bei ihm und lächelte erleichtert auf diesen herab. »Schön, dass Sie wieder bei uns sind, Ian. Wir haben uns schon alle Sorgen gemacht.«

»Schiff und Besatzung?«, wollte der Mann wissen.

Frank grinste breit. »Na hör sich einer diesen Kerl an! Kaum bei Bewusstsein, und schon erkundigt er sich nach dem Schiff.« Frank tätschelte beruhigend die Schulter des Mannes. »Keine Sorge, dem Schiff geht’s gut und die meisten aus der Besatzung haben es auch überstanden. Die Saber II liegt derzeit im Orbit an einem Reparaturschiff angedockt. Der Rumpf wird gerade geflickt.«

»Dann sind wir also noch im Serena-System?«

Frank nickte.

»Das bedeutet, wir haben gewonnen?«, hakte Dunlevy nach.

»Sie haben eine großartige Siegesfeier verpasst. Vor zwei Wochen wurde Serena offiziell für neutralisiert erklärt. Wir haben die Ruul aus dem System getrieben. Fürs Erste haben wir es überstanden. Zumindest hier. Woanders wird vermutlich schon wieder die Kacke am Dampfen sein.«

Dunlevy seufzte. »Zwei Wochen? Ich war zwei Wochen weg?«

»Sogar etwas mehr«, bestätigte Frank. »Dabei hatten Sie noch Glück im Unglück. Genauso gut hätten Sie sich den Hals brechen können.«

»Ich freue mich schon darauf, wieder zurück auf die Saber zu kommen.«

Franks Lächeln schwand ein wenig. Er leckte sich über die trockenen, aufgesprungenen Lippen. Was er nun tun musste, fiel ihm sichtlich schwer. Es war jedoch allemal besser, wenn Dunlevy die schlechten Neuigkeiten von seinem kommandierenden Offizier und Freund erfuhr statt von irgendjemand anderem.

»Hören Sie, Ian«, begann Frank. »Was das betrifft …«

»Commodore …«, unterbrach Dunlevy ihn. »Ich kann meinen linken Arm nicht bewegen. Er … er ist doch nicht etwa weg.«

Der Erste Offizier schlug in Panik die Decke zurück, entspannte sich allerdings, als er seinen intakten linken Arm an seiner Seite liegen sah. Dunlevy sah auf. Die Panik kehrte in seinen Blick und seinen Tonfall zurück. »Warum kann ich meinen Arm nicht bewegen? Ich spüre ihn gar nicht.«

Frank räusperte sich. »Ian, Sie müssen verstehen, dass Sie wirklich sehr schwer verwundet waren. Sie hatten ein Schädel-Hirn-Trauma, weshalb Sie geraume Zeit im Koma lagen. Das war aber nicht alles. Als die ruulanische Salve die Saber getroffen hat und Sie über die Brücke geschleudert wurden, haben Sie sich einen Nervenschaden am linken Arm zugezogen. Und ich fürchte, er ist irreversibel.« Frank zögerte. »Es … es tut mir leid, alter Freund. Sie werden Ihren linken Arm nie wieder benutzen können.«

»Was?« Dunlevys Stimme nahm einen beinahe schrillen Tonfall an. »Das ist doch unmöglich. Die Ärzte werden doch etwas dagegen unternehmen können. Die werden doch etwas machen können. Wir leben im 22. Jahrhundert, verdammt noch mal! Heutzutage kann man fast alles heilen.«

»Das Zauberwort heißt fast. Die Ärzte versicherten mir, dass der Schaden inoperabel ist. Es … es tut mir wirklich sehr leid, Ian. Aber für Sie ist der Krieg vorbei. Sie gehen mit dem nächsten Verwundetentransport zurück zur Erde, wo Sie in ein Reha-Zentrum für Veteranen kommen und anschließend mit allen Ehren entlassen werden.«

Frank sah die Tränen in den Augen des Mannes. Sein Erster Offizier kämpfte aber tapfer darum, sie nicht zu vergießen. »Verdammt! Das war es also mit meiner Karriere.« Er seufzte. »Na ja, man muss das alles auch positiv sehen. Jetzt habe ich endlich genug Zeit für die Familie.«

»Sandra wird sich freuen, wenn sie Sie wieder zu Hause hat, wo Sie umsorgt werden können.«

Dunlevy schnaubte. »Sie wird es hassen.«

Frank neigte leicht den Kopf zur Seite. »Vermutlich. Sie wird aber zu schätzen wissen, dass Sie immer noch am Leben sind.«

Dunlevy nickte mühsam. Sogar diese kurze Bewegung mit dem Kopf schien ihn bereits auszulaugen. »Hat man Ihnen schon einen Ersatzmann zugewiesen?«

Frank nickte fast unmerklich. »Ich erwarte ihn demnächst. Bin schon gespannt, wen man mir aufs Auge gedrückt hat.«

»Wird bestimmt ein guter Offizier sein.«

»Für Sie gibt es keinen Ersatz, Ian.« Frank war sich bewusst, wie abgedroschen und klischeehaft die Bemerkung klang. Dennoch hatte er das Gefühl, irgendetwas in dieser Richtung sagen zu müssen. Er hoffte, es würde seinem ehemaligen XO wenigstens ein klein wenig Trost bieten. Der Mann war ein Vollblutoffizier und hatte sein ganzes Dasein in den Dienst der Flotte gestellt, zulasten seines Privatlebens. Er hatte mehr Zeit im Weltraum verbracht als in seinem Zuhause in der Nähe von Dublin.

Es würde für ihn schwer werden, ins Zivilleben zurückzukehren, auch wenn in manchen Berufszweigen Veteranen sehr gefragt waren, selbst die Versehrten unter ihnen. Sicherheitsfirmen zum Beispiel rissen sich geradezu um sie. Man stellte sie als Berater ein. Gut möglich, dass eine der besagten Firmen in den nächsten Monaten auf Dunlevy zukommen und ihm ein lukratives Angebot unterbreiten würde. Frank hoffte es. Wenn es jemand verdient hatte, dann Ian.

»Schon eine neue Mission zugewiesen bekommen?«, wollte Dunlevy wissen und riss Frank damit aus seinen Gedanken.

»Noch nicht, aber ich habe morgen eine Besprechung mit Hoffer. Ich vermute, es geht um den nächsten Einsatz. Ich bin schon sehr gespannt.«

Frank nickte. »Dann wünsche ich Ihnen viel Glück!« Der Mann zwang sich zu einem schmalen Lächeln. »Wenn Sie das nächste Mal auf der Erde sind, dann hoffe ich, Sie besuchen Sandra und mich.«

»Das werde ich ganz sicher«, erwiderte Frank und gab Dunlevy freundschaftlich die Hand. Er hatte die Botschaft verstanden. Der Mann wollte jetzt allein sein. Es gab viel, worüber Dunlevy nachdenken und was er verarbeiten musste. Er würde aber lernen, mit seinem Schicksal zurechtzukommen. Das hoffte Frank jedenfalls.

Die beiden Männer nickten sich gegenseitig ein letztes Mal respektvoll zu, verabschiedeten sich voneinander und Frank verließ das Krankenzimmer. Noch während sich die Tür zischend hinter ihm schloss, vernahm er das verzweifelte Schluchzen seines ehemaligen Ersten Offiziers.

Einen Tag später stand Frank auf dem schneeweißen Korridor vor dem privaten Quartier Vizeadmiral Dennis Hoffers an Bord der Prince of Wales und starrte durch ein Bullauge hinaus ins All.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum es immer den Charakter eines Gesprächs mit dem Direx besaß, wenn man zu seinem kommandierenden Offizier gerufen wurde.

Frank starrte an sich herunter, glättete zum wiederholten Mal seine Uniform und zupfte imaginäre Flusen vom Stoff. Dabei wusste er gar nicht, warum er so nervös war. Es ging höchstwahrscheinlich um die nächste Mission und nicht um einen Anschiss. Er hatte keinen Mist gebaut, jedenfalls nicht in letzter Zeit – nicht dass er wüsste.

Vor Hoffers Quartier stand eine Doppelwache Marines auf Posten. Die beiden Soldaten starrten geradeaus mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. Sie nahmen von Frank keine Notiz, aber das Holster ihrer Seitenwaffe war geöffnet, sodass sie jederzeit ihre Handfeuerwaffe griffbereit hatten, sollte sich eine Bedrohungslage ergeben. Die beiden Männer wirkten zwar entspannt, aber auch äußerst kompetent.

Schritte ließen Frank herumfahren. Vom anderen Ende des Korridors näherten sich vier Personen: ein Mann im Weiß der Flotte gekleidet, eine Frau im Schwarz des MAD sowie zwei männliche MAD-Offiziere.

Als die vier näher traten, erkannte Frank Vizeadmiral Laszlo Dushku von der Vigilantes. Beim ruulanischen Festungsmond hatte dessen Gegenangriff Frank und seinem kompletten Geschwader den Arsch gerettet. Trotzdem war er nicht froh, den Mann zu sehen. Als Dushku ihn erkannte, verzog dieser mürrisch die Miene. Er schien nicht minder verstimmt zu sein, Frank zu sehen.

Hoffer musste den Bereich vor seinem Quartier mittels einer Kamera überwacht haben, denn als die vier Offiziere sich näherten, öffnete sich die Tür und gab den Weg zum Allerheiligsten des Admirals frei.

Frank wartete geduldig, bis Dushku sowie die MAD-Offiziere in dessen Begleitung an ihm vorübermarschiert waren, bevor er sich ihnen anschloss. Hoffer saß an seinem Schreibtisch und erhob sich, als seine Gäste auf der Bildfläche erschienen. Die Tür schloss sich hinter Frank nahezu geräuschlos.

»Meine Herren, meine Dame. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Tee? Vielleicht etwas Stärkeres?«

Alle Anwesenden verneinten das Angebot mit kurzem Kopfschütteln. Frank schloss sich dem an, obwohl er jetzt wirklich zu gern eine Tasse Tee genossen hätte. Er wollte aber nicht der Einzige sein, der ein Getränk orderte. Gruppenzwang war etwas Furchtbares.

Hoffer nahm die Ablehnung seiner Gastfreundschaft gelassen hin und deutete auf eine bequem wirkende Sitzecke an der Stirnseite seines Quartiers. Die Offiziere begaben sich dorthin und jeder suchte sich einen Platz. Aber alle blieben noch so lange stehen, bis Hoffer sich zu ihnen gesellt und gesetzt hatte.

»Nun«, begann der Admiral. »Sie werden sich alle fragen, warum ich Sie hergebeten habe.« Hoffer sah auf. Frank war verblüfft von der Intensität des Blickes in den Augen des alten Admirals. Viele neigten dazu, den Mann aufgrund seines Alters zu unterschätzen. Aber um ihn charakterlich richtig einordnen zu können, musste man sich lediglich ins Gedächtnis rufen, dass diesen hochdekorierten Offizier selbst die Besten der Ruul nicht hatten schlagen können.

»Am besten«, fuhr Hoffer fort, »ich fange erst einmal an, Sie alle einander vorzustellen.« Hoffer deutete auf den Admiral. »Vizeadmiral Laszlo Dushku sollte eigentlich für niemanden hier ein Fremder sein. Der Admiral ist seit Beginn der Operationen im Serena-System Teil meines Stabes.« Hoffers Blick glitt zu der MAD-Offizierin. »Lieutenant Lory Roberts vom Analysten-Stab des MAD.« Hoffer deutete auf den asiatisch wirkenden Mann neben ihr. »Und Lieutenant Haruto Ihara, ihr Assistent.« Hoffer wandte sich dem zweiten männlichen MAD-Offizier zu. »Captain Harriman Bates, Feldagent des MAD.« Endlich wandte sich Hoffer Frank zu. »Und Commodore Frank Taylor vom 12. Schnellen Angriffsgeschwader.« Der Admiral seufzte. »Da nun alle vorgestellt wurden, können wir endlich mit dem eigentlichen Thema beginnen.« Hoffer machte eine kurze Pause. Als er anschließend aufsah, wirkte er irgendwie besorgt. »Die Operationen im Serena-System sind vorläufig abgeschlossen. Dieser Teil des Weltraums gehört endlich wieder uns. Aber so erfreulich das ist, stellt es uns leider auch vor gewisse Probleme.«

»Welcher Art?«, wollte Harriman Bates wissen.

»Die Koalitionsflotte hier im System wird sich bald auflösen. Die Einheiten kehren zu ihren Völkern und in heimatliche Gefilde zurück. Sie wurden uns bis zur Einnahme des Systems von ihren Regierungen leihweise überlassen.«

Harriman wandte den Blick ab. Er wollte seinen Unmut vor dem Admiral verbergen. »Ich ahne, worauf das hinausläuft.«

Hoffer nickte. »Der MacAllister-Vertrag. Wir sind dazu verpflichtet, den Bedingungen des Vertrages nachzukommen. Es wurden von einigen Botschaftern auch bereits entsprechende Anträge eingebracht. Und die Präsidentin hat ihnen entsprochen. Wir schicken also Schiffe und Truppen zu unseren Verbündeten, um diese bei deren Operationen zu unterstützen.«

»Wir sind Teil dieser Vereinbarung«, meinte Dushku. Der Admiral schien alles andere als erfreut darüber, als Leihgabe betrachtet zu werden. Dabei vergaß er aber, dass Serena ohne die erheblichen Opfer ihrer Verbündeten nicht hätte zurückerobert werden können. Frank betrachtete es nur als fair, diesen Gefallen zu erwidern.

»Und wo schicken Sie uns hin?«, fragte Dushku mit unüberhörbarer Verärgerung in der Stimme.

»Zu den Til-Nara«, erläuterte Hoffer ohne Umschweife. »Diese planen in nächster Zeit eine Offensive mit dem Ziel, mindestens einen, idealerweise aber mehrere Brutplaneten zurückzuerobern. Die Til-Nara hoffen, dadurch ihre Geburtenrate zu erhöhen und sich besser gegen die Slugs behaupten zu können. Der Verlust mehrerer auf die Geburt und Aufzucht der Insektoiden spezialisierten Welten zu Beginn des Krieges war ein herber Schlag für die Til-Nara.« Hoffer lächelte schmal. »Wir nennen die Mission in den Til-Nara-Raum Operation Himmelswolf.«

Dushku verzog die Miene. »Die Til-Nara besitzen mit Abstand das größte Militär der Koalition. Können die das nicht alleine schaffen? Wozu brauchen sie uns?«

»Das ist keine Frage der Größe des Militärs. Unsere Schiffe sind flexibler einsetzbar. Außerdem brauchen die Til-Nara unsere schwere Infanterie und unsere Panzer zum Knacken befestigter feindlicher Stellungen, auf die man während der Offensive mit Sicherheit stoßen wird.«

»Schicken Sie jemand anders«, warf Dushku ein. »Ich werde am besten dort eingesetzt, wo ich dem Konglomerat dienen kann.«

Hoffer warf dem Vizeadmiral einen missmutigen Blick zu. »Warum überlassen Sie es nicht einfach mir zu entscheiden, welchen meiner Untergebenen ich wohin schicke?«

»Admiral, bei allem Respekt …«, beharrte Dushku.

»Kein Wort mehr darüber!«, fiel Hoffer ihm ungewohnt harsch ins Wort. »Die Entscheidung ist getroffen und Sie werden sich gefälligst fügen! Haben wir uns verstanden?«

Dushkus Gestalt versteifte sich. »Verstanden, Sir.« Um die aufkeimende peinlich berührte Stille zu überspielen, räusperte sich der zurechtgewiesene Offizier und kam auf die Operation selbst zu sprechen. »Wie viele Schiffe und Truppen umfasst die Mission?«

»Vierhundertfünfzig Schiffe und eine Viertelmillion Mann an Bodentruppen.«

»Wer führt das Kommando über die Bodenstreitmacht?«

»Lieutenant General Boris Kusnezow. Er wurde bereits über seine Rolle bei dem Einsatz informiert. Ich hätte es gern gesehen, wenn er heute auch hier gewesen wäre, aber er ist momentan auf dem Planeten gebunden. Ich werde ihn vor Ihrer Abreise noch zu einem persönlichen Gespräch bitten, um alle etwaig anfallenden Fragen seinerseits zu klären.«

Dushku nickte gemessen und Hoffer fuhr fort, indem er sich den drei MAD-Offizieren zuwandte. »Ihre Aufgabe dürfte klar sein. Sie, Captain Bates, sind Feldagent. Sie werden der zuständige MAD-Offizier bei der Operation sein und sowohl die Til-Nara als auch die terranischen Truppen mit nachrichtendienstlich relevanten Informationen über den Feind versorgen.«

Harriman Bates zog seine Mundwinkel leicht nach oben. Auf Frank wirkte es beinahe, als würde sich der Mann darauf freuen.

Hoffer richtete sein Augenmerk auf Lory Roberts sowie deren Adjutanten. »Sie beide sind Analysten und dementsprechend wird auch Ihre Aufgabe sein. Sammeln Sie alle Informationen. Sowohl über die Ruul als auch die Til-Nara und falls möglich über die Nerai und die derzeitigen Beziehungen zwischen beiden Völkern.« Der Admiral musterte die beiden Offiziere eingehend. »Ihre Aufgabe ist nicht nur von essenzieller Bedeutung für die bevorstehende Operation. Nach Ihrer Rückkehr erwarte ich einen umfassenden Bericht über die Zustände in der Hegemonie. Die Präsidentin zählt auf sie. Wir müssen wissen, wie belastbar unser Bündnis mit den Insektoiden ist.«

Die MAD-Offizierin kniff leicht die Augen zusammen. »Informationen sammeln? Über Verbündete?«

Hoffer zuckte leicht mit den Achseln. »Heute Verbündete, morgen vielleicht Feinde? Wer weiß? Wir sollten die Gelegenheit auf jeden Fall nutzen. Niemand kann vorhersehen, wie sich unser Verhältnis entwickelt. Das ist alles Politik und die kann von heute auf morgen umschlagen. Außerdem werden wir auf absehbare Zeit keine solche Gelegenheit mehr erhalten, die Insektoiden aus nächster Nähe zu beobachten und Daten zu sammeln.«

Lory nickte. »Verstanden, Sir.« Ihara entgegnete gar nichts. Der Asiate schien allgemein eher der schweigsame Typ zu sein.

»Commodore Taylor«, sprach Hoffer endlich Frank an. »Das bringt mich zu Ihrer Position. Sie werden der dienstälteste Geschwaderkommandant der Expeditionsflotte sein. Aus diesem Grund werden Sie auch als Admiral Dushkus oberster Divisionskommandant fungieren und für die Zusammenarbeit der einzelnen Einheiten sorgen. Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Das ist kein besonders dankbarer Posten. Wir schicken keinen einheitlichen Verband zu den Til-Nara, sondern eine Streitmacht, die aus Geschwadern und Divisionen zusammengesetzt sind, von denen die meisten noch nie etwas miteinander zu tun hatten. Es wird Ihre Aufgabe sein, das zu ändern.«

Frank nickte. Auf etwas in der Art war das Gespräch zugesteuert. »Ich werde die Herausforderung schon meistern, Sir«, entgegnete er. Seine Gedanken kreisten unterdessen bereits um die vorliegende Problematik. Bevor er sich geistig jedoch sehr weit darin vertiefen konnte, räusperte sich Dushku auf übertriebene Art und Weise.

»Admiral Hoffer«, begann er. »Ich wäre für einen anderen Divisionschef dankbar. Ich bin sicher, für jemanden wie Taylor finden Sie eine Aufgabe, die besser zu ihm passt.«

Frank versteifte sich. Dushkus Bitte an den Admiral stellte eine bewusste und wohlkalkulierte Beleidigung dar. Er hatte aufgrund ihrer gemeinsamen Vorgeschichte insgeheim schon damit gerechnet und sich innerlich dagegen gewappnet. Als sie kam, schmerzte sie dennoch. Und dieser Umstand überraschte Frank eigentlich am meisten.

Hoffer seufzte tief. »Noch einmal, Dushku: Warum überlassen Sie Personalentscheidungen nicht einfach mir?«

»Sir, ich muss dagegen protestieren«, erwiderte Dushku.

»Zur Kenntnis genommen«, wiegelte Hoffer kaltschnäuzig ab und wollte zum nächsten Thema kommen.

Dushku machte es ihm aber nicht so einfach. »Ich vertraue Taylor nicht«, warf der Vizeadmiral in die Runde. »Ich muss ihn als Teil meines Stabes ablehnen.«

Falls überhaupt möglich, versteifte sich Frank noch mehr. Er vermied es absichtlich, Dushku direkt anzusehen. Stattdessen blieb sein Blick starr geradeaus gerichtet.

Lory blickte von einem zum anderen. »Gibt es ein Problem?«

»Nein«, erklärte Frank.

Dushku warf im selben Moment aber ein striktes »Ja« ein.

»Vielleicht sollten Sie uns Unwissende aufklären«, verlangte die MAD-Offizierin.

Dushkus Blick verschoss Blitze in Richtung Franks, der sich keinen Millimeter von der Stelle rührte. »Das ist ganz einfach. Taylor ist nicht vertrauenswürdig. Der Grund ist sein Bruder. Taylor ist nicht zurechnungsfähig, wenn es um seinen Bruder geht. Und das macht ihn zu einem schlechten Offizier.«

»Erklären Sie das.« Lory schien sehr daran interessiert zu sein. Harriman verfolgte das Gespräch mit einiger Faszination.

»Wollen Sie nicht Licht in die Sache bringen?«, forderte Dushku Frank auf, anstatt selbst auf die Frage zu antworten.

»Danke, aber kein Bedarf«, wehrte Frank ab.

Dushku schnaubte. »Das kann ich mir vorstellen.« Er wandte seine Aufmerksamkeit den drei MAD-Offizieren zu. »Vor ungefähr sechs Jahren war Captain Steven Taylor, der Bruder des Commodore hier, ein aufstrebender junger Offizier. Frank Taylor war bereits Commodore und beide dienten unter meinem Kommando. Captain Taylor standen alle Türen offen. Er galt als hervorragender Gefechtsoffizier. Dann gab es jedoch einen unschönen Zwischenfall. Er wurde des Schmuggels von militärischen Gütern bezichtigt. Der MAD untersuchte den Fall und kam zu dem Schluss, dass eine Anklage gerechtfertigt war.«

Lory sah von einem zum anderen. »Ich höre ein Aber heraus?«

»Captain Taylor wäre fast für schuldig befunden worden, aber Commodore Taylor hier entschloss sich, seinem Bruder ein falsches Alibi zu geben. Weder MAD noch der zuständige Ankläger konnte es entkräften. Daher wurde der Bruder des Commodore wegen berechtigter Zweifel freigesprochen.«

Franks Blick zuckte erstmals in Dushkus Richtung. »Das Alibi war nicht falsch. Es stimmte.«

»Ach wirklich?«, begehrte der Vizeadmiral auf. »Dann erklären Sie uns allen doch, warum ihr Bruder nur ein Jahr später beim Schmuggeln auf frischer Tat ertappt wurde! Der MAD hat ihn praktisch mit der Hand in der Keksdose gestellt. Damals konnten auch Sie mit Ihrem falsch verstandenen Sinn für Loyalität ihn nicht retten.« Dushku lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Steven Taylor sitzt jetzt in einer Zelle auf Lost Hope und fristet sein Dasein damit, die Wände anzustarren und den Aufforderungen zum Aufheben der Seife im Gemeinschaftsduschraum zu entgehen.«

Der Stimme Dushkus waren Spott und Häme deutlich anzumerken. Dies war der Moment, in dem sich Hoffer zum Einschreiten entschloss. »Dass Commodore Taylor bei dem Alibi gelogen hat, konnte nie nachgewiesen werden. Soweit ich mich erinnere, leben wir immer noch in einem Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt.«

»Bedauerlich«, kommentierte Dushku.

Hoffers Augenbrauen zogen sich drohend über der Nasenwurzel zusammen. »Das habe ich nicht gehört. Und ich rate Ihnen, solche Bemerkungen zukünftig für sich zu behalten, falls Ihnen Ihre weitere Karriere etwas wert ist.«

Dushku hob stolz den Kopf, erwiderte aber: »Ja, Sir.« So leicht gab sich der Vizeadmiral allerdings noch nicht geschlagen. »Es weiß aber jeder, dessen Meinung etwas bedeutet, dass der Mann, der so selbstgefällig hier in der Runde sitzt, schuldig ist. Warum sonst sollte er immer noch Commodore sein? Eigentlich müsste er inzwischen den Rang eines Konteradmirals bekleiden. Man hat ihn für Beförderungen bis auf Weiteres gesperrt. Hätte der Mann nur einen Funken Ehre im Leib, dann hätte er bereits den Dienst quittiert und wäre einfach still und heimlich gegangen.«

»Ich bin ein guter Offizier und die Flotte ist mein Leben«, entgegnete Frank betont ruhig. »Ich hatte keinen Grund zu gehen.«

»Sie sind ein Lügner und, was mich betrifft, ein Verräter.«

Frank sprang nun doch auf. »Ich bin weder das eine noch das andere.«

»Das reicht jetzt wirklich, Dushku!«, mischte sich Hoffer endgültig ein. »Und Sie setzen sich gefälligst wieder, Taylor! Die Entscheidung ist gefallen. Taylor wird Ihr Divisionskommandant, und fertig! Ich will kein weiteres Wort darüber hören.«

»Der Stunt, den Taylor am Festungsmond abgezogen hat, sagt doch schon alles über ihn aus. Er hat beinahe sein Schiff verloren, als er die Sicherheitsschaltungen der Torpedos entfernen ließ. Und sein Erster Offizier ist jetzt ein Invalide und kann nach Hause gehen.«

Hoffer seufzte. »Wir sind alle Soldaten und Offiziere. Und uns ist wohl allen klar, dass ein Krieg, in dem man keine Risiken eingeht, nicht zu gewinnen ist.« Hoffer schenkte Dushku einen milden Blick. »Und ich befürchte, Ihr Urteilsvermögen ist getrübt, was den Commodore betrifft. Hätte es sich bei der Aktion am ruulanischen Festungsmond um einen anderen Offizier gehandelt als Taylor, würden wir uns über den Vorfall gar nicht unterhalten.«

Diese Spitze traf. Dushku rümpfte die Nase und verfiel daraufhin in brütendes Schweigen. Hoffer nickte erleichtert.

»Da das jetzt geklärt ist, können wir vielleicht endlich zum Thema zurückkehren. Es gibt noch viel zu besprechen.«

Die Zusammenkunft dauerte bis spät in die Nacht. Als die Offiziere Hoffers Quartier verließen, hatte auf der Prince of Wales bereits die Mitternachtswache begonnen.

Frank hatte gute Lust, einmal kurz innezuhalten und durchzuatmen. Er verzichtete aber wohlweislich darauf. Schwäche zu zeigen, wäre das falsche Signal gewesen. Dushku hatte ihn die meiste Zeit über wie Luft behandelt. Und in den wenigen Momenten, wenn der Admiral ihn tatsächlich zur Kenntnis genommen hatte, dann waren spitze Bemerkungen in seine Richtung gefallen. Dushku machte auf jeden Fall keinen Hehl aus seiner Verachtung. Hoffer hatte zunächst versucht, die Antipathie zu ignorieren. Anschließend hatte er sich darum bemüht, zwischen den Parteien zu vermitteln. Letzten Endes hatte er resigniert und angedeutet, er würde die Zusammensetzung des Stabes für diese Mission gern ändern, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, doch ihm fehlten die passenden Leute.

Frank hatte da einen ganz anderen Verdacht. Natürlich wollte Hoffer seine besten Leute bei sich behalten, um das Konglomerat zu schützen. Im Umkehrschluss bedeutete das, er schickte nur entbehrliches Personal zu den Til-Nara, Offiziere, auf die er gut verzichten konnte. Hätte er diese Operation ernst genommen, er hätte wohl durchaus die Möglichkeit gehabt, entweder Frank oder Dushku auszutauschen. Diese Konstellation versprach jedoch einigen Zündstoff für die Zukunft zu bieten.

Dushku eilte an ihm vorbei den Korridor entlang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Frank salutierte trotzdem. Die militärische Etikette musste gewahrt bleiben, auch wenn er den Mann für einen eitlen Fatzken hielt. Das Schlimme war, er konnte Dushku sogar irgendwie verstehen. Trotzdem oder gerade deshalb hielt er die Art, wie der Admiral ihm gegenübertrat, für nicht sehr professionell.

Harriman Bates passierte ihn mit einem Ausdruck milden Interesses auf dem Gesicht. Die drei MAD-Agenten hatten sich das Geplänkel während der Besprechung eine Weile mit angesehen, doch mit fortschreitender Zeit eher genervt reagiert.

Frank spürte, wie jemand hinter ihm zum Stehen kam. Als er sich umwandte, sah er sich unvermittelt Lory Roberts gegenüber. Die MAD-Agentin lächelte ihn für seinen Geschmack ein wenig zu mitfühlend an. Erschwerend kam hinzu, dass er das Mitgefühl nur für aufgesetzt hielt. Diese MAD-Typen waren allesamt manipulativ und machten immer den Eindruck, sie könnten einem Menschen bis auf die Seele hinabblicken.

Ihara stand wie ein hilfreicher Schatten hinter ihr und musterte ihn wachsam. Der Mann wirkte eher wie ein Leibwächter denn wie ein Adjutant.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt. Die Besorgnis nahm er ihr ebenfalls nicht ganz ab.

Er zwang sich zu einem schmalen, nichtssagenden Lächeln. »Ja, alles bestens.« Es war gelogen. Und beide wussten es.

»Sie wissen, dass es noch große Probleme geben wird mit Ihnen und Dushku?«

Frank zuckte die Achseln. »Sagen Sie das dem Admiral. Ich habe mich völlig korrekt verhalten.«

»Mein Kollege tut das gerade.«

Frank hob eine Augenbraue. »Tatsächlich?«

Die Frau nickte. »Ja, tatsächlich. Solche Reibereien sind schädlich für die Dynamik innerhalb eines Stabes und, ganz offen gesagt, sie gefährden die Mission.« Sie neigte leicht den Kopf zur Seite. »Und wir wollen doch alle, dass die Mission ein Erfolg wird, nicht wahr?«

Frank runzelte die Stirn. »Natürlich.« Er war sich nicht sicher, was genau sie jetzt von ihm erwartete.

Die MAD-Agentin bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. »Würden Sie mir etwas erklären? Woher kommt dieser unversöhnliche Hass Dushkus auf Sie?«

Frank zuckte die Achseln. »Sie haben ihn dort drin gehört. Ich bin ein Verräter und Lügner in seinen Augen.«

Lory schüttelte den Kopf. »Da steckt mehr dahinter. Das kann jeder deutlich spüren. Es ist beinahe … persönlich.«

Frank seufzte. Die MAD-Agentin würde nicht nachgeben, solange sie keine zufriedenstellende Antwort erhielt. Daher entschied er sich, ihr reinen Wein einzuschenken. »Dushku war unser Mentor. Meiner und der meines Bruders. Der Admiral war ein Freund unseres Vaters. Als dieser starb, machte er es sich zur Aufgabe, uns zu fördern. Er animierte uns, auf die Flottenakademie zu gehen, und lenkte unsere Karriere in die richtigen Bahnen. Als mein Bruder auf Abwege geriet, hat ihn das schwer getroffen.«

»Und ich vermute, es hat ihn noch tiefer getroffen, als Sie ihm ein Alibi gaben.«

Frank schnaubte. »So was in der Art.«

Sie musterte ihn eindringlich. »War es falsch, das Alibi?«

Frank zuckte zurück, als hätte sie ihn körperlich attackiert. »Nein, es war nicht falsch. Ich habe für meinen Bruder vor Gericht nicht gelogen.«

Sie senkte den Blick. »Bitte verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht beleidigen.«

Frank zwang sich, wieder ein wenig herunterzukommen. »Nein, ich muss um Verzeihung bitten. Vielleicht bin ich bei diesem Thema ein wenig empfindlich.«

»Kann ich verstehen«, entgegnete sie. »Sie wissen, dass er Ihnen niemals glauben wird, das Alibi sei richtig gewesen.«

Frank seufzte. »Ich habe es vor langer Zeit aufgegeben, ihn davon überzeugen zu wollen.« Er warf einen Blick den Korridor hinab in die Richtung, in der Dushku verschwunden war. »Und das ist auch nicht meine Aufgabe.« Er räusperte sich. »Aber ich muss jetzt zurück auf die Saber. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. War ein nettes Gespräch.«