Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Bei einem Waldspaziergang in der Hohen Eich im Karlsruher Stadtteil Hagsfeld entdeckt die ortsansässige Rechtsanwältin Adeviye Bel die Öffnung zu einem Schutzwall aus dem ersten Weltkrieg. Im Wall stößt sie auf Fundstücke aus der Zeit des Dritten Reiches, darunter auf das Tagebuch des SS-Offiziers Rudolph Heinrichs. Erstaunt erfährt sie, wie Heinrichs seine Jugendliebe, die Jüdin Frieda Goldberg, versteckt. Angst vor Entdeckung und Tod sind ihr ständiger Begleiter. Die Geschichte von Rudolph Heinrichs und Frieda Goldberg lässt die Entdeckerin nicht mehr los. Fragen drängen sich Adeviye auf – Fragen, die ihr Menschenbild ins Wanken bringen. Auf der Suche nach Antworten recherchiert sie in der Vergangenheit. Schließlich geschieht ein Mord, der Adeviye Bel vor eine schwere Gewissensentscheidung stellt ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
verlag regionalkultur
Rahsan Dogan, Jahrgang 1975, lebt und arbeitet als selbständige Rechtsanwältin in ihrer Heimatstadt Karlsruhe. Sie studierte Jura in Heidelberg. Nach ihrer ersten beruflichen Station am Institut für Kriminologie und Promotion im Strafrecht in Heidelberg entdeckte sie ihr Interesse für Kommunalpolitik. Seit 2014 engagiert sie sich als Stadträtin im Karlsruher Gemeinderat. Sie veröffentlichte mehrere strafrechtliche und rechtspolitische Beiträge in juristischen Fachzeitschriften. Ihre Vorliebe für Kriminalgeschichten und historische Ereignisse spiegelt sich in ihrem ersten Roman Das Geheimnis der Hohen Eich wider und setzt sich seitdem an der Arbeit an historischen Kriminalromanen fort.
Titel: Das Geheimnis der Hohen Eich
Untertitel: Karlsruhe-Krimi
Autorin: Rahsan Dogan
Herstellung: verlag regionalkultur
Satz: Melina Lamadé, vr
Umschlaggestaltung: Melina Lamadé, Robin Koßmeier, vr
Endkorrektorat: Andrea Sitzler, vr
ePub-Erstellung: Charmaine Wagenblaß, vr
ePub-ISBN 978-3-89735-041-0
Die Publikation ist auch als gedrucktes Buch erhältlich. 152 Seiten, Broschur. ISBN 978-3-95505-547-9
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind abrufbar über dnb.de.
Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. Autoren noch Verlag können für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses E-Books entstehen.
Alle Rechte vorbehalten.
© 2025 verlag regionalkultur
verlag regionalkulturHeidelberg – Ubstadt-Weiher – Stuttgart – Speyer – Basel
Verlag Regionalkultur GmbH & Co. KG
Bahnhofstraße 2 • 76698 Ubstadt-Weiher • Telefon (07251) 36703-0 • Fax 36703-29 • E-Mail: [email protected] • Internet: www.verlag-regionalkultur.de
Hans Scholl,
letzte Worte vor seiner Hinrichtung am 22. Februar 1943
Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage …
Auf den Spuren der Vergangenheit …
Wachsende Neugier …
Rückkehr aus Gurs …
Verborgenes …
Fundstücke …
Abtauchen in die Vergangenheit …
Überraschende Erkenntnisse …
Dunkle Wolken …
Ein schwarzer Tag …
Kälteeinbruch …
Ein sicherer Ort …
Das Rätsel um den Verlobungsring …
Beinahe unbeschwerte Zeiten …
Die Krankheit …
Besinnliche Zeit …
Nach dem 20. Januar 1942 …
Beziehungskrise …
Alpträume …
Anfang vom Ende …
Verhängnisvoller Spaziergang …
Schreckensstunde …
Unterschiede …
Todesangst …
Großer Streit …
Schwachstellen …
Düstere Gedanken …
Die Fratze des Bösen …
Entscheidungen …
Danksagung
Als ihr Blick an diesem Samstagmorgen beim Aufstehen auf Sonnenstrahlen und einen herrlich blauen Himmel fiel, wurde ihr der Weg ins Bad um einiges leichter. Nach dem Frühstück würde sie dieses angenehme Wetter für eine große Walkingtour nutzen.
Adeviye Bel liebte es, die sonnigen Herbsttage in der Natur zu verbringen. Im Oktober gab es die sogenannten goldenen Herbsttage. Bevor die nasskalten und tristen Novembertage eintraten, wollte sie jede freie Stunde draußen verbringen. Der Duft der reifen Äpfel auf den Obstwiesen, die Scharen von Drosseln, die über die Obstbäume herfielen, die bunten Farben des Herbstlaubs und die frische Luft, all das zog sie magisch an.
Nach einem reichhaltigen Frühstück mit Vollkornbrötchen, hausgemachter Marmelade und einem weichen Ei, was sie genoss, da sie unter der Woche morgens lediglich Quark-Müsli mit frischem Obst aß, zog sie ihre Laufschuhe an und nahm ihre neuen Nordic-Walking-Stöcke zur Hand.
Ausgerüstet für eine mehrstündige Tour legte sie los. Sie wohnte sehr naturnah. An den langgestreckten, großen Garten ihres Elternhauses grenzte eine Kulturlandschaft an, die reich an Streuobstwiesen und ökologisch wertvoll war. Dahinter führte ein Bachlauf zum Pfinz-Entlastungskanal. Der Kanal verlief streckenweise entlang eines Waldgebietes, das die Hohe Eich genannt wurde. Das war schon ein kleines Stück vom Paradies, dachte sie oft beim Anblick dieser vielseitigen Landschaft. Hier in dieser idyllischen Umgebung waren Adeviye und ihre jüngere Schwester als Kinder sehr unbeschwert aufgewachsen. Sie konnte es sich nicht ernsthaft vorstellen, sich irgendwo anders annähernd so wohl und vertraut zu fühlen wie an diesem Ort, ihrer Heimat. Jedes Frühjahr, wenn die zahlreichen Apfelbäume auf den Streuobstwiesen in voller Blüte standen, war sie aufs Neue von der Landschaft begeistert. Adeviye war dankbar, hier zu leben. Auf langen Walkingtouren sog sie den zarten Duft der rosafarbenen Apfelblüten ein, deren Schönheit sie betörte und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Hier konnte sie ihren Gedanken ungestört nachgehen und abschalten. Zu viel ging ihr oft durch den Kopf. In den letzten Jahren glich ihr Leben einer Überholspur. Im Laufe der Zeit wuchs in ihr das Bedürfnis zur Ruhe zu kommen. In den Obstwiesen und in der Hohen Eich fand sie die Stille und Ruhe, nach der sie sich sehnte.
Die frische Luft einatmend hing sie Gedanken an ihre Jugend nach. In der gymnasialen Oberstufe hatte sie regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge mit Joshi unternommen, dem deutschen Schäferhund von engen Familienfreunden. Joshi war ein sehr disziplinierter Hund gewesen. Er hatte sie geliebt und sie hatte ihn geliebt. Joshi hatte ihr aufs Wort gehorcht und sie beim Gassi gehen nie aus dem Blick verloren. Er hatte ihr immer ein Gefühl von Sicherheit gegeben, vor allem bei Spaziergängen durch den Wald. Mit Joshi an ihrer Seite hätte sich kein Triebtäter auch nur in ihre Nähe getraut. Eigentlich fühlte sie sich auch ohne ihn immer sicher in der Hohen Eich. Das Waldstück wurde von zwei längsführenden und zwei querführenden Wegen durchkreuzt. Die Umgebung war ihr gut vertraut. Sie kannte nahezu jeden Winkel. Zudem war sie an und für sich kein ängstlicher Typ. Ihr Lebensmotto lautete nicht von ungefähr: Den Mutigen gehört die Welt. Allerdings behagte es ihren Eltern und ihrer Schwester nicht, wenn sie allein durch den Wald lief. Dabei war es so friedlich. Das Risiko, irgendwo in bewohnten Gegenden überfallen zu werden, schätzte sie als wesentlich höher ein. Schon, weil dort für einen vermeintlichen Täter die Chance weitaus größer war, ein potenzielles Opfer zu treffen, als hier im Wald. Aber sie vermochte ihr Umfeld mit ihren kriminologischen Thesen nicht zu überzeugen. Also hatte sie versprochen, den Wald zu umgehen, wenn sie alleine unterwegs war. Auch aktivierte sie neuerdings die Standortermittlung auf ihrem Handy.
Als sie an der ersten Weggabelung ankam, überlegte sie kurz, in welche Richtung sie weitergehen sollte. Sie konnte entweder geradeaus inmitten der Obstwiesen auf direktem Wege nach Blankenloch gehen, wie sie es für gewöhnlich tat, oder rechts abbiegen und über die kleine Brücke hinein in den Wald. Es war heller Tag. Um diese Zeit kamen ihr viele Spaziergänger mit Hund entgegen, was ihr angenehm war. Sie war mit Hunden aufgewachsen und vertraute den Tieren. Überhaupt hatte Adeviye seit ihrer frühesten Kindheit ein großes Herz für alle Fellnasen und Samtpfoten. Und die allermeisten Vierbeiner konnten in der Regel sie gut leiden. Hunde waren aufmerksam. Wenn ein Hund jemanden mochte, beschützte er denjenigen auch. Ureigener Instinkt. Daher war sie immer freundlich zu ihnen, ob groß oder klein. Die meisten Hunde und deren Frauchen oder Herrchen erwiderten ihren Gruß ebenso herzlich zurück.
Heute zog es sie nach langer Zeit einmal wieder in den Wald. Sie konnte der Verlockung, durch das bunte Laub zu gehen, einfach nicht widerstehen. Also bog sie rechts auf den Weg ab, der zum Wald hinführte. Als sie die kleine Brücke überquerte und den Wald betrat, freute sie sich über die Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen durchschimmerten. Hier war es deutlich frischer als auf den Obstwiesen. Sie atmete die Waldluft tief ein und erinnerte sich an den Spielplatz im Wald, der während ihrer Kindheit noch vorhanden war. Als Kind durfte sie nie alleine in den Wald. Tante Elle, eine Nenntante Jahrgang 1910, war im Frühjahr und Sommer regelmäßig mit ihr auf den Waldspielplatz gegangen. Adeviye hatte am liebsten geschaukelt. Das tat sie heute noch regelmäßig auf Walkingtouren entlang der Alten Bach in Richtung Kleintierzüchterverein, auf den dort befindlichen Spielplätzen. Ein Vergnügen, auf das sie, ganz gleich wie alt sie war, nicht verzichten wollte. Was die Leute von ihr dachten, wenn sie sie auf der Schaukel sitzen sahen, war ihr egal. Es bereitete ihr eine kindliche Freude.
Als sie in ihrer Kindheit im Wald schaukelte, hatte sie stets zu den Baumkronen hochgeschaut. Tante Elle saß währenddessen auf der Holzbank und sah ihr zu. Die Baumkronen waren wundervoll. Schon damals hatte es sie fasziniert, wenn die Blätter in den Sonnenstrahlen schimmerten und bei Wind rauschten. Inzwischen war von dem Spielplatz nichts mehr zu sehen. Im Zuge der Renaturierung der Hohen Eich waren die Spielgeräte vor vielen Jahren abgebaut worden. Der Wald sollte wieder der Flora und Fauna gehören. Dies erachtete sie grundsätzlich für richtig. Dennoch war das Spielen auf einem Waldspielplatz für Kinder ein unvergessliches Vergnügen. Dieses Kindheitserlebnis mochte sie jedenfalls nicht missen. Die Lichtung war mittlerweile nahezu vollständig zugewachsen. Sie wusste noch genau, wo der Spielplatz früher stand und erkannte die wenigen Spuren, die auf einstige bauliche Eingriffe in die Natur hinwiesen. Rückblickend hatte sie hier eine unbekümmerte Kindheit mit vielen schönen Erinnerungen verbracht.
Tante Elle war eine strenge, aber herzensgute Frau gewesen, die ihr viel beigebracht hatte. Zweifellos hatte sie ihre Kindheit in vielerlei Hinsicht geprägt. Regelmäßig hatten sie gemeinsam die Fernsehsendung Traumland Operette mit Anneliese Rothenberger angeschaut und dabei Walzer getanzt. Tante Elle hatte für den Schauspieler O.W. Fischer geschwärmt und ihr oft Geschichten von früher erzählt, aus der Zeit ihrer eigenen Jugend. Diese hatte sich im ausgehenden Kaiserreich, beziehungsweise dem Großherzogtum Baden, und der Weimarer Republik abgespielt. Über den Zweiten Weltkrieg hatte sie äußerst selten gesprochen. Vielleicht weil sie die Schrecken des Krieges von Adeviye fernhalten wollte. Oder aus Trauer um ihre im Krieg gefallenen Angehörigen. Schließlich hatte sie ihre große Liebe im Krieg verloren. Auch wenn sie den Namen ihres Verlobten weder offenbarte noch über diesen sprach, stand zeitlebens ein schwarz-weißes Portraitfoto von ihm auf ihrem Nachttisch. Adeviye erinnerte sich an das Abbild eines gutaussehenden jungen Mannes in den Zwanzigern und stellte sich Tante Elle als junge verliebte Frau vor. Ein sympathisches junges Paar. Für ihre Zeit war Tante Elle eine emanzipierte Frau. Zunächst hatte sie als Zugschaffnerin bei der Reichsbahn und später bei der Deutschen Post gearbeitet. Sie war nie verheiratet, aber stets berufstätig und damit wirtschaftlich unabhängig geblieben. Allein hatte sie sich um ihre Mutter bis zu deren Tod gekümmert, die zwei Häuser auf dem Anwesen und den großen Garten gepflegt.
Von Tante Elle hatte sie viel über das Gärtnern, die Blumen und über Obstbäume gelernt. Als Kind durfte Adeviye ihr eigenes kleines Beet gestalten, was ihr großen Spaß bereitet hatte. Und wenn sie unter dem Torbogen stand, der vom Hof in den Garten führte und mit üppig blühenden roten Kletterrosen bewachsen war, hatte Tante Elle sie immer Prinzessin genannt. So hatte sie sich damals auch gefühlt. Die Liebe zum Gärtnern und zum Obstbau waren ihr erhalten geblieben. Schließlich hatte das charmante Werben der Herren aus dem Vorstand des örtlichen Obstbauvereins um ihre Mitarbeit vor einigen Jahren auf dem Fischerfest dazu geführt, dass sie sich inzwischen aktiv für den Obstbau engagierte.
An der nächsten Weggabelung im Wald entschied sich Adeviye, den langen Weg parallel zur Alten Bach weiterzugehen. Dieser führt zum Pfinz-Entlastungskanal. Die Alte Bach verläuft zwischen dem Wald und den Obstwiesen und bildet damit eine natürliche Grenze. Auf einem Teil der Strecke befindet sich am Waldrand ein Erdwall, der den Wald zur Alten Bach abgrenzt. Ihr Blick wanderte nach links zum Bachlauf. Stellenweise ist der Wall so hoch, dass er vom Wald aus gesehen den Blick auf die Alte Bach verdeckt. Tante Elle und andere ältere Hagsfelder hatten ihr als Jugendliche erzählt, dass er im Ersten Weltkrieg künstlich angelegt worden sei. Zum Schutz, falls die Franzosen heranrücken würden. Angeblich sei er innen hohl und begehbar gewesen. Noch im Zweiten Weltkrieg habe er als Verteidigungsanlage fungiert. Tatsächlich waren ab dem 3. April 1945 die Franzosen in Karlsruhe eingerückt. Soweit Adeviye wusste, war der Schutzwall jedoch nie zum Einsatz gekommen.
Ihr Heimatort Hagsfeld war von einer schicksalshaften Geschichte geprägt. Immer wieder hatten Kriege ihre Spuren in dem Ort, der stark mit Kirche und christlichem Glauben verbunden war, hinterlassen. 1991 feierte der heutige Stadtteil von Karlsruhe sein 1000-jähriges Bestehen. Sie konnte sich noch an die Feierlichkeiten erinnern. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes ging auf das Jahr 991 zurück. Eine Überlieferung besagte, dass auf einem Feld voller Habachen, gemeint waren damit vermutlich Bäume, eine neue Gemeinde namens Habachesfelt errichtet worden war. Im Jahr 1261 schrieb Papst Urban IV Hagesvelt, wie die Gemeinde zu jenem Zeitpunkt hieß, mit allen ihren Gütern, Höfen und Ländereien dem Kloster Gottesaue zu.
Der sehr religiös erzogene Markgraf Jakob I von Baden vermachte schließlich die Gemeinde Hagsfeld 1453 seinem Sohn Georg. Denn Markgraf Georg von Baden war zugleich Bischof in Metz. Die Laurentiuskirche, die sie selbst seit ihrer Kindheit besuchte, sowie der Friedhof, auf dessen Gelände die Kirche stand, standen noch 1499 im Eigentum des Klosters Gottesaue. Die Gemeinde hatte damit über Jahrhunderte einen engen Bezug zur Kirche. Noch heute war das Gemeindeleben von vielen kirchlichen Aktivitäten geprägt. Im Laufe der Geschichte hatten verschiedene Kriege Hagsfeld zahlreiche Verluste bereitet. Der Dreißigjährige Krieg hatte so viele Opfer gefordert, dass der Ort etwa zwei Jahre nach Kriegsende um 1650 lediglich 45 Einwohner zählte. Bis zur Zwangseingemeindung nach Karlsruhe im Dritten Reich war Hagsfeld gleichwohl eine selbstständige und an Ländereien wohlhabende Gemeinde mit weitläufigen Gemarkungsgrenzen, einem eigenen Bahnhof und für die damalige Zeit moderner Infrastruktur. Noch heute, im Jahr 2021, war man darauf stolz.
Die Zwangseingemeindung am 1. April 1938 in der Zeit des Dritten Reiches hatte die stolzen Hagsfelder allerdings nachhaltend gedemütigt. Prügelnd war die Sturmabteilung, die SA, durch die Straßen gezogen. Die SA war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Für den Aufstieg der Nationalsozialisten spielte die SA eine entscheidende Rolle. Mittels Propaganda und gewaltsamer Übergriffe störten die braun uniformierten SA-Männer die Versammlungen politischer Gegner und taten sich in Straßenkämpfen mit brutaler Vorgehensweise hervor. So auch in Hagsfeld. Wie überall sonst im Deutschen Reich wurden auch hier unter dem nationalsozialistischen Regime nahezu alle Vereine faktisch verboten. Für die Hagsfelder Vereine, die damals wie heute das gesellschaftliche Leben im Ort prägten, war jene Zeit das wohl traurigste Kapitel in ihrer Geschichte.
Adeviye erinnerte sich an die Feier zum 80-jährigen Bestehen des Obstbauverein Karlsruhe-Hagsfeld e.V. im Herbst 2018. Wie viele andere Vereine litt auch der Obstbauverein im Dritten Reich unter scharfen Restriktionen durch den Staatsapparat. In der Folge kam das Vereinsleben ab 1943 bis Kriegsende vollständig zum Erliegen. Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung wurde im Besonderen derer Mitglieder gedacht, die in jener düsteren Zeit nie die Hoffnung verloren hatten, den Verein nach Ende des braunen Spuks wieder zum Leben zu erwecken. Unter den älteren Mitgliedern gab es viele Zeitzeugen, die als Kinder oder Jugendliche die Zeit des Dritten Reichs erlebt hatten. Bei mancher Zusammenkunft, wenn die Sprache auf die Geschichte ihres Heimatortes kam, erzählten sie den jüngeren Mitgliedern von den schrecklichen Ereignissen der Kriegsjahre. Selbst heute, nach nahezu 80 Jahren, füllten sich die Augen von älteren Männern mit Tränen, wenn sie ihre damaligen Erlebnisse offenbarten. Obwohl sie im Leben schon viel gesehen hatten, barg die Kriegszeit für diese Generation einschneidende Erinnerungen. Adeviye war dankbar, dass sie die Schilderungen von Zeitzeugen hören durfte. Dadurch bekam sie einen lebendigeren und privateren Einblick in die dunkle Vergangenheit, als es Geschichtsbücher ihr je hätten vermitteln können.
So erfuhr sie von älteren Vereinsmitgliedern, wie diese im Kindesalter die Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 erlebt hatten. Fehlgeleitete britische Flugzeuge warfen die Bomben, die für den Karlsruher Bahnhofsbereich und die Innenstadt bestimmt waren, unter anderem über Hagsfeld ab. Vor allem entlang der Bahnstrecke, die noch heute Teil der Trasse Mannheim nach Karlsruhe ist, kam es zu verheerenden Einschlägen. Aufgrund eines Gewittersturms war die Innenstadt von Karlsruhe verschont geblieben, weil die Markierung des eigentlichen Zielgebiets verweht worden war. Dafür aber trafen die Bomben die Vorstädte schwer, insbesondere Hagsfeld, Rintheim und Grötzingen. Dies war auch der Grund, warum das alte Hagsfeld keinen historischen Kern mehr hatte, was Adeviye oft bedauerte. Ihr Elternhaus und einige andere Häuser aus der Vorkriegszeit in der Schwetzinger Straße, in der sie wohnte, waren verschont geblieben.
Ein Blick auf ihre Umgebung riss sie aus ihren Gedanken.
Ob die Öffnung zum Schutzwall noch zu finden war? Eigentlich war sie kein neugieriger Mensch. Auch mochte sie neugierige Menschen nicht, weil diese sich in Dinge einmischten, die sie nichts angingen. Im schlimmsten Fall entwickelten allzu neugierige Menschen sogar eine Neigung zum Stalking. Als Kind hatte Neugier sie daher auch nie dazu verleitet irgendetwas Verbotenes auszuprobieren. Adeviye wurde dazu erzogen, sich an Regeln zu halten. Klare Regeln und Gesetze waren wichtig, verhinderten Chaos und ermöglichten ein friedvolles Leben. Vielleicht war sie deshalb Juristin geworden, weil sie an das Erfordernis von Recht und Ordnung glaubte. Anarchie hingegen lehnte sie strikt ab. Wissbegierig war sie demgegenüber schon immer gewesen. Sie legte großen Wert auf eine gute Allgemeinbildung und ging gerne Tatsachen, die ihr Interesse weckten, auf den Grund.
Inzwischen hatte sie die höchste Stelle des Erdwalls erreicht. Von dort aus konnte sie den Bachlauf nicht mehr sehen. Obwohl es für Adeviye ungewöhnlich war und ihrem Naturell widersprach, verspürte sie in diesem Moment einen Hauch von Neugier aufkommen. Schon unzählige Male war sie entlang des Schutzwalls gelaufen, ohne diesen weiter zu beachten. Doch heute reizte es sie, zu erfahren, ob er tatsächlich begehbar und innen hohl war oder ob es sich dabei nur um ein bloßes Gerücht handelte. Sie trat dichter heran. Wenn die Erzählungen stimmten, musste es irgendwo eine Öffnung in Form einer Tür oder Abdeckplatte geben. Auf dem gesamten Wall wuchsen Büsche und alles war von Efeu überwuchert. Selbst wenn es eine Öffnung gegeben haben sollte, war diese in den vergangenen 76 Jahren seit Kriegsende sicher zugewachsen.
»Egal«, dachte sie.
Sie wollte es jetzt einfach wissen. Tief in Gedanken versunken, nahm sie ihr Umfeld nicht mehr wahr. Gut eine Stunde schritt sie suchend den Wall ab. Sie hatte sich schon zu einer naiven Träumerin erklärt und wollte ihre Suche beenden, als ihr unerwartet eine Stelle auffiel, an der das Gehölz schief wuchs. Bei näherer Betrachtung kam ihr das sonderbar vor. Es lohnte sich, die Stelle genauer zu untersuchen. Efeu und Moos bedeckten die Oberfläche vollständig. Mit bloßem Auge war nichts zu erkennen. Vorsichtig tastete sie die Stelle mit ihren Stöcken ab und stieß dabei auf einen Spalt. Als sie etwas Moos von der Stelle entfernte, kam ein längerer Spalt zum Vorschein. Dieser sah nicht wie ein witterungsbedingter Riss im Gehölz aus. Dafür verlief er zu gerade. Adeviye war sich sicher, die Öffnung zu der ehemaligen Verteidigungsanlage gefunden zu haben. Aufgeregt klopfte sie den Bereich mit ihren Stöcken ab. Es klang hohl, wie Holz. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Konturen einer Holzplatte. Ihr Herz begann zu klopfen.
Dann stimmte es ja doch. Der Erdwall war künstlich angelegt worden. Mit den Händen versuchte sie die Seite aufzuziehen, die sie für die Öffnung hielt. Es erwies sich als schwieriges Unterfangen. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte war alles dicht zugewachsen und zudem hatten sich Schichten von Erde auf der Anlage abgesetzt. Trotz größter Anstrengung gelang es Adeviye nicht, die schwere Holzplatte zu bewegen. Schließlich gab sie auf. Ohne Werkzeug, wie eine Brechstange, war hier nicht weiterzukommen. Zuhause würde sie unter dem vielen Werkzeug ihres Vaters, einem Schlosser und Schweißer im Ruhestand, sicher etwas Geeignetes finden, was sie zum Aufhebeln der Platte einsetzen konnte. Für heute beschloss sie, aufzuhören und nach Hause zu gehen. Der Wall lief ihr schließlich nicht davon. Bei ihrem nächsten Spaziergang würde sie eine Brechstange oder ein ähnlich praktisches Werkzeug mitnehmen. Bevor sie weiterging, verdeckte sie den Spalt wieder sorgfältig mit dem herunterhängenden Efeu. Die Stelle sollte unberührt aussehen. Um sie später wiederzufinden, fotografierte sie diese mit ihrem Handy.
Als sie am Montagmorgen auf ihren Terminkalender sah, wusste sie, dass sie diese Woche keine Zeit für ihr Vorhaben hatte. Sie musste etliche Termine absolvieren und hatte keinen Abend frei. Fast täglich fanden Veranstaltungen verschiedener Vereine statt, bei denen sie Mitglied war. Die Herausforderung in ihrem Alltag bestand oft darin, Beruf, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Dennoch sah sie ihren vollen Terminkalender nicht als Last an. Die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen war ihr wichtig. Wenn es einem selbst gut ging, musste man der Gesellschaft etwas zurückgeben. Dies entsprach ihrer Überzeugung. Auch hatte sie nicht zuletzt dadurch im Laufe der Jahre ihre Heimatstadt sowie die vielfältigen kulturellen und sozialen Einrichtungen besser kennengelernt. Die Begegnung mit vielen interessanten Menschen empfand sie als Bereicherung. Auch konnte sie so, wenn auch nur im Kleinen, ihr Umfeld mitgestalten.
Die nächsten Tage erwarteten sie anspruchsvolle Veranstaltungen, an denen sie unbedingt teilnehmen wollte. Daher verschob sie ihren Plan, den Schutzwall zu öffnen, vorerst. Dafür blickte sie mit Spannung auf eine bevorstehende Reise zu einer Gedenkveranstaltung nach Gurs. In der französischen Ortschaft nördlich der Pyrenäen lag das gleichnamige Internierungslager Camp de Gurs. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Karlsruher Juden dorthin verbracht. Bereits zu Schulzeiten hatte sie sich mit diesem grausigen Internierungslager befasst. Allerdings ergab sich bisher nie eine Gelegenheit für sie, den Ort zu besichtigen.
Als sie zufällig erfuhr, dass es noch eine Mitfahrmöglichkeit dorthin gab, hatte sie sich mit großem Interesse angemeldet. Adeviye wollte den Ort sehen, über den sie schon so viel gelesen und gehört hatte. Gurs stand für eines der dunkelsten Kapitel der Karlsruher Geschichte.
Dreißig Jahre nach Kriegsende war Adeviye in Karlsruhe zur Welt gekommen. Zur Zeit ihrer Kindheit und Jugend hatten noch viele Menschen der Kriegsgeneration gelebt. Wenn sie als Jugendliche ihren Geschichten zugehört hatte, erschien ihr der Krieg nicht lange her zu sein. Inzwischen waren die meisten Zeitzeugen verstorben. Mit der Zeit verblasste auch ihre eigene Erinnerung an die Erzählungen. Zahlreiche Kriege und Krisen hatte es weltweit in den vergangenen 76 Jahren gegeben. Dennoch, so schien es ihr oft, waren die Narben des Zweiten Weltkriegs noch nicht verheilt. Der Nationalsozialismus hatte nur Leid und Unheil gebracht. Ungeachtet dessen keimte er selbst nach so langer Zeit immer wieder in manchen Köpfen auf. Eine schwelende Dauergefahr. Diese Entwicklung bereitete ihr zunehmende Angst.
Sie kannte zahlreiche Karlsruher Familien, deren Großväter und Väter, die in Vereinen oder in der politischen Opposition aktiv waren, von der Geheimen Staatspolizei, kurzgenannt Gestapo, festgenommen wurden. Tagelang blieben die Verhafteten verschollen. In gewaltsamen Verhören unter Anwendung von Schlägen und Folter wurden sie gepeinigt und zum Verrat erpresst. Manche begingen Selbstmord, auch um ihre Familien vor Übergriffen zu schützen. Wenige konnten sich in Scheunen verstecken.
Adeviye musste dabei an eine weitere Nenntante denken.
Tante Elise, wie sie und ihre Schwester sie nennen durften, wohnte in einem kleinen Backsteinhaus in der Nachbarschaft. Sie hatte einen Bruder namens Kurt. Beide waren schon vor vielen Jahren verstorben. Die Mutter von Tante Elise hatte das Baby Adeviye kennengelernt, als es noch im Kinderwagen lag. Aber sie selbst konnte sich nicht mehr an die als zierlich und freundlich beschriebene, ältere Dame erinnern. Tante Elise und Kurt hatten es als Kinder nicht leicht. Ihre Mutter, eine fromme Frau, die noch von den liberalen Zeiten des Großherzogtums Baden sowie der Weimarer Republik geprägt war, lehnte den Nationalsozialismus ab.
Sie hatte sich geweigert, Elise zum BDM, dem Bund Deutscher Mädel, zu schicken. Kurt durfte nicht zur HJ, der sogenannten Hitlerjugend. Aus ihrer Sicht waren die beiden Nachwuchsorganisationen der NSDAP unanständig. Infolge dessen wurden die beiden Kinder in der Schule von Lehrern mit nationalsozialistischer Gesinnung und einigen Mitschülern ausgegrenzt. Aber mehr noch, die stolze Frau hatte sich dagegen verwehrt, die Hakenkreuzfahne am Fenster ihres Hauses zu hissen. Selbst als ihr angedroht wurde, sie sonst zu melden, hatte sie sich nicht gebeugt. Vielmehr soll sie geantwortet haben, die Hakenkreuzfahne sei nicht die Fahne ihres Landes. Die Fahne ihres Landes sei schwarz-rot-gold. Tante Elises Mutter war sicher keine Frau gewesen, die sich in politischen Fragen auskannte oder am organisierten Widerstand beteiligte. Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen und musste Entbehrungen hinnehmen. Dennoch hatte sie sich stets Anstand und Mut bewahrt und war eine gläubige Christin geblieben. Diese Werte hatte sie auch ihren Kindern weitergegeben. Das war leider nicht in jeder Familie der Fall. Wie anderenorts gab es auch jene, die den Nationalsozialisten zujubelten und ihre Nachbarn denunzierten. Diese Menschen hatten sich blenden lassen und ereiferten sich für das Dritte Reich und dessen Gedankengut. Die Vorstellung, dass in einem kleinen Ort mit dorfähnlichen Strukturen, wo jeder jeden kennt oder gar verwandtschaftliche Beziehungen bestehen, Nachbarn einander denunzierten, fand Adeviye entsetzlich.
Die Schwetzinger Straße, in der sie geboren war und in der sie, mit Ausnahme ihrer Studienjahre in Heidelberg, immer gewohnt hatte, hieß im Dritten Reich von 1933–1938 Adolf-Hitler-Straße. Nach der Zwangseingemeindung wurde der Straßenname geändert, da es bereits im größten Karlsruher Stadtteil, Durlach, eine Adolf-Hitler-Straße gab. Als sie vor Jahren bei Einsicht in Lagepläne auf dem Liegenschaftsamt zufällig darüber gestolpert war, hatte sie schlucken müssen. Trotz ihrer türkischen Wurzeln war Adeviye von ihrem Gefühl her voll und ganz Hagsfelderin. Ihr Äußeres verriet nicht unbedingt die südländische Abstammung. Mit ihren blonden Strähnchen in den kastanienbraunen Haaren, die keck zu einem Long Bob
