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Ein zehnjähriger Junge wird einige Tage nach seinem spurlosen Verschwinden tot im Grünwettersbacher Wald aufgefunden. Das Kind hatte eine tödliche Menge an Tollkirschen verzehrt. Per Zufall erfährt die Karlsruher Rechtsanwältin Adeviye Bel einige Zeit später, dass bereits ein Jahr zuvor ein Junge auf ähnliche Weise umgekommen ist. Die beiden scheinbar tragischen Unglücksfälle lassen Adeviye Bel nicht mehr los. Bei ihren Recherchen stößt sie auf Geheimnisse in der Familiengeschichte der toten Kinder und auf den Fluch der Waldenser. Eine erschütternde Entdeckung gibt dem Fall unerwartet eine neue Wendung. Adeviye Bel sieht sich zum Handeln gezwungen. Dabei stellt sie ihr eigenes Gewissen in Frage. Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit ist sie bereit zu gehen, um ein mögliches Verbrechen zu verhindern? Nach langem Ringen trifft Adeviye Bel schließlich eine Entscheidung, die ihr Gewissen dauerhaft belasten wird.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Rahsan Dogan
Der Fluch der Waldenser
Karlsruhe-Krimi
verlag regionalkultur
Rahsan Dogan, Jahrgang 1975, lebt und arbeitet als selbständige Rechtsanwältin in ihrer Heimatstadt Karlsruhe. Sie studierte Jura in Heidelberg. Nach ihrer ersten beruflichen Station am Institut für Kriminologie und Promotion im Strafrecht in Heidelberg entdeckte sie ihr Interesse für Kommunalpolitik. Seit 2014 engagiert sie sich als Stadträtin im Karlsruher Gemeinderat. Sie veröffentlichte mehrere strafrechtliche und rechtspolitische Beiträge in juristischen Fachzeitschriften. Ihre Vorliebe für Kriminalgeschichten und historische Ereignisse spiegelt sich in ihrem ersten Roman Das Geheimnis der Hohen Eich wider und setzt sich seitdem an der Arbeit an historischen Kriminalromanen fort.
Titel: Der Fluch der Waldenser
Untertitel: Karlsruhe-Krimi
Autorin: Rahsan Dogan
Herstellung: verlag regionalkultur
Satz: Melina Lamadé, vr
Umschlaggestaltung: Melina Lamadé, vr
Lektorat und Endkorrektorat: Tilman Max, vr
ePub-Erstellung: Charmaine Wagenblaß, vr
ePub-ISBN 978-3-89735-040-3
Diese Publikation gibt es auch als gedrucktes Buch.
168 Seiten, Broschur. ISBN 978-3-95505-541-7.
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind abrufbar über dnb.de.
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Das verschwundene Kind
Die Geschichte der Waldenser
Märchenwelten
Wiedersehensfreude
Recht und Unrecht
Der Keim des Zweifels
Das Mandat
Finstere Blicke
Eine traurige Entdeckung
Verhängnisvolle Mutproben
Überraschungen
Alte Schuld
Eine unerwartete Wendung
Das fehlende Puzzleteil
Die Geschichtenerzählerin
Zurück zu den Wurzeln
Von Flüchen und Prophezeiungen
Überraschende Erkenntnisse
Eine Frage des Gewissens
Der Lockvogel
Ihr schlimmster Alptraum
Operation Waldspaziergang
Ein schwerer Gang
Der Prozess
Danksagung
»Lux lucet in tenebris«
(»Das Licht leuchtet in der Finsternis«)
Joh 1,5
»Seit Samstag, 3. August, wird der zehnjährige Benjamin Corres aus Grünwettersbach vermisst. Ermittlungen haben ergeben, dass der Junge zuletzt mit dem Fahrrad im Raum Grünwettersbach und Palmbach unterwegs war. Das gesuchte Kind wollte die in Palmbach wohnhaften Großeltern zur Mittagszeit besuchen. Dort kam er nicht an. Der vermisste Junge hat eine Körpergröße von etwa 1,40 Metern, ist schlank und hat braune, kurzgeschnittene Haare. Er ist bekleidet mit dunkelblauen Shorts, hellbraunen Sportschuhen der Marke Puma sowie einem weißen T-Shirt mit Spiderman Motiv. Die Polizei bittet mögliche Zeugen, die das Kind am 3. August oder später gesehen haben, sich unter (0721) 10 20 30 zu melden. Sachdienliche Hinweise werden von jeder Polizeidienststelle angenommen.«
Als sie am Montagmorgen, den 5. August, den Lokalteil der regionalen Zeitung las, fiel Adeviye Bel sofort diese Vermisstenmeldung der Polizei auf. Hoffentlich, dachte sie, ist dem Jungen nichts Schlimmes zugestoßen. Unweigerlich musste sie dabei an ein Verbrechen denken. Der Name Corres deutete darauf hin, dass das vermisste Kind ausländische Wurzeln hatte.
Am Freitagabend, gegen 20 Uhr fiel ihr folgender Zeitungsbericht in der Online-Ausgabe der Lokalzeitung auf:
»Update vom 9. August, 17.46 Uhr:
Am Freitagmorgen, den 9. August, wurde der leblose Körper des vermissten zehnjährigen Benjamin am Waldrand in Grünwettersbach von Spaziergängern entdeckt, wie die Polizei bereits bestätigte.
Der zehnjährige Benjamin gilt seit dem 3. August, als er mit dem Fahrrad auf dem Weg zu seinen Großeltern war, als vermisst. Nun herrscht die traurige Gewissheit: Der Junge ist an den Folgen einer Vergiftung gestorben; wohl ohne Fremdverschulden.
Nun liegt der Obduktionsbericht vor und gibt Aufschluss über die Todesursache des Kindes. Nach dem Ergebnis gebe es keine Hinweise auf Fremdeinwirkung, so der Polizei-Sprecher weiter. Die Hintergründe für den Vorfall werden derzeit aufgearbeitet. Nach derzeitigem Stand geht die Polizei davon aus, dass der Zehnjährige von am Waldrand wachsenden Tollkirschen gegessen hat. Die Polizei warnt vor dem Verzehr wilder Pflanzen und Beeren.«
Weitere Details zum Fundort nannte die Polizei nicht.
Unter der Zeitungsmeldung befand sich noch das Abbild eines Tollkirschenstrauchs mit entsprechenden Warnhinweisen der Redaktion.
Tragisch, dachte sie. Aus purem Leichtsinn war der arme Junge gestorben. Man musste die Kinder viel intensiver in Pflanzenkunde unterrichten. Adeviye schimpfte vor sich hin. Kinder und Jugendliche wussten heutzutage nahezu alles über die neuesten Smartphones und Apps, aber kaum etwas über heimische Pflanzen. Wenigstens war das Kind keinem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Dies war zwar nur ein schwacher Trost, aber wäre das Kind Opfer eines Mörders oder gar eines Triebtäters geworden, der es vor dem Tötungsakt noch sexuell missbraucht oder auf andere abartige Weise gequält hätte, wäre dies entsetzlich. Allein der Gedanke daran war erschreckend. Nicht zu vergessen waren diejenigen Fälle, in denen die Eltern selbst oder andere nahe Angehörige für den Tod eines Kindes verantwortlich waren. Adeviye Bel schüttelte sich. Nein, sie wollte sich nicht die Fälle an grausigen Sexualtaten und Tötungsdelikten an Kindern, die sie bearbeitet hatte, in Erinnerung rufen. Sie war froh, dass sie die Akteninhalte nach fast 20 Jahren nahezu vollständig verdrängt hatte. Zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn als Juristin hatte sie am Institut für Kriminologie gearbeitet. Im Rahmen des Forschungsprojekts musste sie Strafakten ausgewählter Landgerichte aus dem gesamten Bundesgebiet auswerten. Bei den Verfahren handelte es sich um schwere Verbrechen, wie Mord und schwere Gewaltdelikte. Bei den Sexualstraftaten hatte sie immer etwas länger zum Verdauen des Gelesenen benötigt. Die Arbeit in der Kriminologie war spannend und hochinteressant. Sie wollte jene Zeit nicht missen. Über das Erlernen der wissenschaftlichen Herangehensweise an Fälle hinaus, hatten jene Fälle sie geprägt und vor allem ihr Gespür für das Gute und Böse im Menschen geschärft. Dennoch war sie heute nicht unglücklich darüber, als Rechtsanwältin im Zivilrecht zu arbeiten. So hatte sie nicht mit dem Bösen zu tun.
Daher spürte sie eine gewisse Erleichterung, dass der Tod von Benjamin Corres wohl die Folge eines tragischen Unfalls war. Immerhin musste man dadurch keine Angst davor haben, dass im Grünwettersbacher Wald ein Mörder sein Unwesen trieb. In diesem Fall gab es keinen Schuldigen. Sie las weiter im Kulturteil.
Belladonna …
Das abendliche Fernsehprogramm langweilte sie. In Gedanken war Adeviye wieder bei Benjamin Corres und den Tollkirschen. Schließlich legte sie die Fernbedienung weg, nahm ihr iPad zur Hand und gab Tollkirsche als Suchbegriff ein. Bis tief in die Nacht las sie alles, was sie bei Apotheken und Gartenzeitzeitschriften über diese tückische Giftpflanze finden konnte.
Demnach gehörte die Tollkirsche, lateinisch Atropa Belladonna, in die Pflanzenfamilie der Nachtschattengewächse.
Belladonna, auf Deutsch hübsche Frau. Was für ein trügerischer Name für eine solch gefährliche Pflanze, dachte Adeviye. Interessiert las sie weiter.
Die krautige, aufrechtstehende Pflanze kann bis zu 2 m hoch werden. Sie mag vor allem die nährstoffreichen Böden von Laubwäldern und Waldlichtungen. Besonders auffällig sind ihre braunvioletten glockenförmigen Blüten, die an der Basis gelblich mit roter Aderung sind. Daraus entwickeln sich glänzend-schwarze, kirschen-ähnliche Beeren. Dieses Nachtschattengewächs blüht von Juni bis August.
Die Früchte reifen zwischen August und Oktober. Die etwa anderthalb Zentimeter großen Beeren glänzen bei Reife und schmecken süßlich. Tollkirschen enthalten große Mengen an giftigen Tropanalkaloiden, Atropin, L-Hyoscyamin und Scopolamin. Bereits innerhalb weniger Minuten nach dem Verzehr der Früchte treten heftige Symptome auf, wie Atemnot und Herzrasen. Bei Kindern können schon drei bis vier Beeren zu Atemlähmung und Herzstillstand führen. Die vor allem in Süddeutschland heimische Wildstaude wird im Volksmund daher auch Teufelskirsche genannt.
Als sie Nahaufnahmen reifer Tollkirschen betrachtete, konnte Adeviye nachvollziehen, weshalb die Beeren auf Kinder verlockend wirken.
Unter den zahlreichen medizinischen und pharmazeutischen Fachartikeln sowie jenen in Gartenzeitschriften fiel ihr besonders einer auf. Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch lenkte seinen Fokus auf ein noch spannenderes Thema. Besonders im Mittelalter, der Epoche, in der Aberglaube und Hexenkult eine Hochkultur erlebten, war die Belladonna eine beliebte Zutat in Hexensalben und Liebestränken. Während der Liebestrank dem Ziel der Verführung diente, wurden Hexensalben als Mittel des Unrechts eingesetzt. In den gefürchteten Hexenprozessen wurde den Angeklagten das Gift der Tollkirsche beigebracht. Eine mit Bedacht dosierte Menge des Giftes, welche als Salbe auf die Haut der vermeintlichen Hexe aufgetragen wurde, reichte aus, um Wahnvorstellungen und Halluzinationen bei dieser hervorzurufen. Im Wahn beschuldigten sich die Angeklagten oft selbst. So ließ sich auf leichte Art und Weise ein Geständnis herbeiführen, ohne sichtbare Spuren von Gewalt zu hinterlassen. Raffiniert, dachte Adeviye.
Tollkirschen wurden aber nicht nur als Waffe eingesetzt, sondern auch als Schönheitsmittel. Um verführerischer auszusehen, träufelten sich Damen der höheren Gesellschaft den Saft der Tollkirschen in die Augen. Sie hatten erkannt, dass das in der Tollkirsche enthaltene Atropin die Pupillen erweiterte. Ihre Augen erschienen größer. Daher rührte wohl ihr lateinischer Name her. Allerdings erwies sich der Einsatz als Schönheitsmittel als höchst gefährlich. Schon geringe Mengen führten zu einer tödlichen Vergiftung. Leben oder Tod hingen von der richtigen Dosis ab.
Die nächsten Tage konzentrierte sich Adeviye auf ihre Arbeit und machte sich daran, kleinere Veränderungen in ihren Büroräumen durchzuführen. Sie stellte Möbel um, hing eine kleine Sammlung an schwarz-weißen Kohlezeichnungen eines lokalen Künstlers auf, die sie im Laufe der Jahre angeschafft hatte. In dem neu geschaffenen Ambiente fühlte sie sich sichtlich wohler, was sich in guter Laune äußerte. Die weitere Sommerzeit verlief entspannt. Viele Mandanten waren im Sommer in den Schulferien verreist. Adeviye hatte mehr Zeit für sich. Endlich konnte sie wieder ausgiebige Nordic Walking Touren unternehmen und sich ihrem geliebten Garten widmen. In der Hitze des langen Sommers kam ihr jede Abwechslung von der Schreibtischarbeit gelegen. Den Sommer zählte sie nicht zu ihren Lieblingsjahreszeiten. Adeviye war ein Winterkind. Zwar liebte sie die Frühlingsblüte und den gemütlichen Herbst, am liebsten aber waren ihr klirrend kalte Wintertage mit Schnee. Die schwülen und heißen Sommer in der Rheinebene hingegen mochte sie nicht. Der hiesige Hochsommer bekam ihrem Kreislauf nicht, brachte zudem nur Stechmücken, drückende Hitze, Trockenheit und andere Gefahren, die ihr nicht geheuer waren.
So verging die Woche ohne besondere Vorkommnisse. Das Wetter blieb trocken und heiß. Ansonsten kam ihr der Sommer eintönig vor. Sie sehnte sich den kühleren Herbst herbei. Was ihr allerdings von Zeit zu Zeit immer wieder in Erinnerung kam, war der Tod des kleinen Benjamin Corres. Sein Name hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Obwohl sie das Kind definitiv nicht kannte, meinte sie sich zu erinnern, den Namen oder einen ähnlich klingenden aus Erzählungen von Freunden aus Palmbach, einem der sogenannten Karlsruher Bergdörfer mit dem offiziellen Beinamen Waldenserort, schon einmal gehört zu haben.
Jene Freunde, Andrea und Markus, kamen bei geselligen Abenden ab und zu auf ihre interessante Familiengeschichte zu sprechen. Sie waren stolze Nachfahren der Waldenser. Darauf deutete auch heute noch ihr Nachname Villars hin, der französischen Ursprungs war. Vermutlich war im Rahmen einer ihrer Erzählungen der Name Corres oder ein ähnlich klingender Nachname gefallen. Adeviye hörte ihren Freunden stets interessiert zu, wenn diese von ihren Vorfahren, die eng mit der Gründungsgeschichte Palmbachs verwoben waren, erzählten. Weiteres Wissen zu dem Thema hatte sie bisher jedoch nicht erworben. Ihre Kenntnisse waren rudimentär. Der Name Corres entfachte ihr Interesse an der Geschichte der Waldenser aufs Neue.
Also recherchierte Adeviye nach Büroschluss im Internet auf der Homepage des Waldenserverein Palmbach. Was sie las, weckte ihre Neugier. Die eigentliche Geschichte der Waldenser begann bereits im 12. Jahrhundert im französischen Lyon. In ihrer Heimat in Frankreich wurden die Waldenser wegen ihres Glaubens verfolgt und als Ketzer aus der Kirche exkommuniziert. Dort begründete der reiche Kaufmann Petrus Waldes nach einer persönlichen religiösen Krise eine Reformbewegung. Er verschenkte seinen Besitz, führte Armenspeisungen durch und ließ die Bibel aus dem Lateinischen in die Volkssprache übersetzen. Jeder sollte die Texte verstehen können. Nach dem Vorbild Christi sowie der Apostel zogen er und seine Anhänger als einfache Wanderprediger umher und predigten auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Mit der Zeit wuchs die Zahl seiner Anhänger. Sein Ziel war, die Kirche von innen heraus zu reformieren. Nach seiner Meinung sollten alle predigen dürfen, sogar Frauen. Dies machte ihn Adeviye gleich sympathisch.
Für die damalige Zeit mussten seine Ansichten geradezu revolutionär gewesen sein. Die Kirche sah in seinen Lehren einen derart großen Affront, dass sie Waldes exkommunizierte. Er und seine Anhänger, die sich Waldenser nannten, wurden aus der katholischen Kirche verstoßen. Dennoch verbreitete sich die Reformbewegung in weiten Teilen Europas weiter. Die Reformbewegung lehnte die Heiligenverehrung, den Glauben an das Fegefeuer, den Ablass, die Gewalt, mithin auch die staatlich verhängte Todesstrafe, und die Autorität des Klerus ab. Für die damalige Zeit eine mutige Haltung, dachte Adeviye.
Mit Beginn der Inquisition um das Jahr 1230 waren die Waldenser gezwungen, ihren Glauben im Verborgenen zu leben. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts wurden sie unerbittlich verfolgt und zum Abschwören gezwungen. Wenn sie hierzu nicht bereit waren, wurden sie gefoltert und in den schlimmsten Fällen hingerichtet. Nach und nach wurden so die Waldensergemeinden nördlich der Alpen nahezu ausgelöscht.
Bei dem Gedanken an die Inquisition und die fragwürdige Gerichtsbarkeit im Mittelalter war Adeviye froh im Hier und Jetzt zu leben. Allein die Vorstellung an die Foltermethoden der Inquisition ließ sie erschaudern.
Später, Mitte des 16. Jahrhunderts, schlossen sich die südlich der Alpen verbliebenen Waldenser den Lehren des Reformators Jean Calvin an. Martin Luthers Lehren, die zu einer regelrechten Revolution und letztlich zur Spaltung der christlichen Kirche in die römisch-katholische und lutherisch-evangelische führten, waren Adeviye noch rudimentär aus dem Religionsunterricht geläufig. Mit dem Reformator Calvin hatte sie sich hingegen bisher nicht befasst. Als sie ihn aus Interesse googelte, stellte sie schnell fest, dass sie an ihre intellektuellen Grenzen stieß. Die zahlreichen Abhandlungen über Calvins Glaubenssätze und deren Unterschiede zu Luthers Thesen erforderten ein Theologiestudium. Adeviye entschied, sich nicht weiter in theologischen Abhandlungen zu verlieren, die sie ohnehin kaum verstand, sondern sich wieder dem für sie weitaus interessanteren Kapitel der Geschichte zu widmen:
Dem Schicksal der Waldenser.
Jedenfalls, so las sie weiter, ermöglichte ihnen die Flucht in die Cottischen Alpen erstmals Kirchen zu bauen und Gottesdienste öffentlich abzuhalten. Bis ins 17. Jahrhundert konnten sich die Waldensergemeinden lediglich in den schwer zugänglichen Cottischen Alpen im Piemont halten. Aber auch dort blieben sie nicht von Verfolgung verschont. Ab 1640 kam es zu zunehmenden Ausschreitungen gegen die Waldenser. Am Karsamstag des Jahres 1655 erreichten die Verfolgungen ihren traurigen Höhepunkt. In einem Blutbad wurden etwa 6000 Waldenser grausam getötet. Nachdem der französische König Ludwig XIV. um 1685 das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben und den Protestantismus endgültig verboten hatte, waren die im Piemont noch verbliebenen Waldenser nicht mehr sicher. Um zu überleben, flohen die noch lebenden 2500 Waldenser in die Nordalpen, vornehmlich in die Schweiz und nach Süddeutschland. Unter Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg durften sich 28 Waldenserfamilien auf der Grünwettersbacher Gemarkung ansiedeln. Damals gehörte die Gegend noch zu Württemberg. Auf etwa 340 Morgen Land wurde am 4. Mai 1701 der Grundstein für den Ort La Balme, benannt nach dem früheren Heimatort der Waldenser, gelegt. Im Jahre 1725 tauchte im Trauregister 1725 erstmals der Ortsname Palmbach auf. Etwa zeitgleich errichteten die Waldenser die erste kleine Kirche im Ort, die Waldenserkirche. Hier durften sie ihren Glauben frei ausüben.
Die schicksalshafte Geschichte dieser Glaubensgemeinschaft war von jahrhundertelanger Ausgrenzung, Flucht und Vertreibung bis hin zu Mord geprägt. Trotz dieses furchtbaren Schicksals blieben die Waldenser ihrem Glauben treu. Immer wieder wagten sie einen Neuanfang. Ihr unbeugsame Wille beeindruckte Adeviye und stimmte sie zugleich nachdenklich. Auch sie hatte eine Zuwanderungsgeschichte, was ihr Name verriet. Erfreulicherweise war diese nicht von Flucht und Verfolgung gekennzeichnet wie bei den Waldensern. Ihre Großeltern und Eltern wurden nicht aus ihrem Heimatland vertrieben. Vielmehr waren sie aus freien Stücken als Gastarbeiter in den späten 1960er Jahren mit gültigen Arbeitsverträgen in die Bundesrepublik eingereist, um hier zu arbeiten und zu leben. In der Freiwilligkeit der Ausreise aus dem Ursprungsland lag der grundlegende Unterschied.
Nachdem sie weitere trockene Informationen über die Waldenser gelesen hatte, beschloss sie ihre Freundin Andrea nach dem Teil der Geschichte zu fragen, der nicht im Internet oder in Büchern zu lesen war. Adeviye interessierte sich für die Geschichte hinter der Geschichte, für das Verborgene und für Gerüchte. Andrea lachte am Telefon, als Adeviye sie darum bat, ob sie ihr nicht ein paar Hintertürengeschichten von ihren Vorfahren erzählen könne. Kurzerhand schlug die Freundin vor, am nächsten Tag gemeinsam zu Mittag zu essen.
Am nächsten Tag, es war der 20. August, trafen sie sich um 12 Uhr im Restaurant Borsalino in Durlach. Beide Frauen aßen gerne italienisch. Adeviye liebte die Trüffelpasta in Parmesan. Andrea hingegen bevorzugte Pizza. Überhaupt waren die Freundinnen unterschiedlich. Angesichts der Hitze entschieden sie allerdings heute für Antipasti. Andrea Villars war eine hochgewachsene Frau von etwa 1,75 Meter mit langem dunkelblonden Haar. Adeviye wirkte neben ihr mit ihren 1,60 Metern und kurzem brünetten Haar eher unscheinbar. Auch in ihrem Wesen waren die Frauen grundverschieden. Während Adeviye sehr strukturiert und mitunter penibel genau sein konnte, war ihre Freundin der spontane und lockere Typ. Andrea ging offen und kommunikativ auf Menschen zu. Adeviye war höflich, aber vorsichtig. Scherzhaft kommentierte Andrea dies gelegentlich mit: »Ihr Juristen seid schon ein misstrauisches Volk.« Dem konnte Adeviye wenig entgegenhalten. Es traf zu. Sie brauchte lange, um zu vertrauen.
Dafür neigte Andrea mitunter zur Oberflächlichkeit, während Adeviye sich bis ins kleinste Detail in ein Thema vertiefen konnte. Wenn sie in Gedanken versunken war, wirkte sie abwesend bis distanziert auf ihr Umfeld. Dies war ihr zwar bewusst, aber sie war nun einmal so wie sie war. Andrea musste den Dingen nicht auf den Grund gehen, wie Adeviye dies tat. Als Friseurmeisterin war sie eine praktisch veranlagte Frau, die sich gerne mit ihren Kunden, zu denen auch Adeviye gehörte, unterhielt. Mit Begeisterung kochte sie für ihren Mann und ihre zwei mittlerweile volljährigen Töchter. Adeviye bewunderte oft Andreas handwerkliches Geschick. Ihre Freundin war kreativ mit den Händen, konnte nähen und basteln. Nicht so Adeviye. Sie hatte weder Mann noch Kinder, um die sie sich hätte fürsorglich kümmern können, noch war sie praktisch veranlagt. Ihre handwerkliche Begabung ging über das Gärtnern nicht hinaus. Die Gartenarbeit aber liebte sie seit ihrer Kindheit. Tante Elle, die vor langer Zeit verstorben war, hatte in ihr schon im Kindergartenalter das Interesse für Pflanzen und Obstbäume geweckt und sie viel über das Gärtnern gelehrt.
Adeviye war Theoretikerin durch und durch. Ihre Stärken lagen in der Analyse und im strategischen Denken.
Trotz und vielleicht gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit verstanden sich die Freundinnen bestens. Jede wusste um die Stärken der anderen und lächelte über deren Schwächen hinweg.
»Also, schieß los! Was willst du über meine Vorfahren wissen?«
»Naja, wie soll ich anfangen. Als ich in der Zeitung vom Tod des Jungen im Grünwettersbacher Wald las, bin ich irgendwie in Gedanken bei den Waldensern angekommen. Du kennst mich ja. Wenn etwas meine Neugier weckt, will ich mehr darüber wissen, gewissermaßen in die Tiefe der Materie gehen.«
»Wie ich dich kenne, hast du bestimmt schon sämtliche Abhandlungen über die Historie der Waldenser gelesen«, begann ihre Freundin augenzwinkernd.
»Und wie«, Adeviye musste dabei lachen. »Die Zahlen, Daten und Fakten habe ich schon etwas recherchiert. Was mich aber weitaus mehr interessiert, ist, wie sich die Fluchtgeschichte auf das Leben deiner Familie und allgemein auf die Palmbacher Waldenser ausgewirkt hat. Wie war es für sie, nachdem sie hier angekommen sind?«
»Meine Vorfahren lebten über Jahrhunderte hinweg stets in Angst um ihr Leben. Nirgends, egal wo sie sich niederließen, waren sie auf Dauer sicher. Diese Erfahrung wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Das hinterlässt natürlich Spuren. Als sich die Waldenser schließlich Anfang des 18. Jahrhunderts hier in der Region niederlassen durften, ging auch dies nicht ohne Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung einher. Meine Vorfahren wurden mit Argwohn und Misstrauen beäugt. Sie lebten in ständiger Sorge, dass ihr Glaube auch hier irgendwann verboten und sie wieder vertrieben werden könnten. Die Einheimischen störten sich auch an ihrem fremdländischen Aussehen. Die Waldenser hatten einen südländischen Touch. Außerdem konnte man sich nicht verständigen. Die Waldenser, die kein Deutsch sprachen, verstanden die Einheimischen nicht. Diese wiederum verstanden nicht die französisch sprechenden Waldenser. In der Folge isolierten sich die Waldenser. Sie heirateten nur untereinander und pflegten Kontakt mit Waldenserfamilien in anderen Gemeinden. Lange Zeit öffneten sie sich nicht nach außen. Erst spät lernten sie Deutsch, nachdem es in der Schule Pflicht wurde. Das war auch dringend nötig. Denn mit der Zeit entsprach auch ihr Französisch nicht dem Französisch, wie es in Frankreich gesprochen wurde. Je länger sie in Deutschland waren, umso mehr verfärbte sich ihre Sprache. Nachdem sie Deutsch lernen und sprechen mussten, konnten sie sich besser den Einheimischen öffnen und wurden von diesen langsam akzeptiert.«
»Das ist hochinteressant. Wann wurde die deutsche Sprache als Pflicht eingeführt?«
»Als Palmbach Anfang des 19. Jahrhunderts dem Großherzogtum Baden zufiel. Der badische Großherzog ließ in den Schulen und Kirchen Deutsch als Amtssprache einführen. Dies führte zwar einerseits zum Verschwinden unserer ursprünglichen Muttersprache, aber auch zu einer besseren Verständigung mit der einheimischen Bevölkerung.«
»Gibt es noch andere Orte, an denen sich Waldenser niedergelassen haben?«
»Ja, viele benachbarte Orte, wie Mutschelbach und Waldbronn.«
»Habt Ihr untereinander Kontakt?«
»Diejenigen, die sich noch stark mit der Geschichte unserer Vorfahren befassen, pflegen Kontakt zu anderen Waldensern. Einige Vereine halten unsere Geschichte aufrecht. Es gibt ein paar Waldensersiedlungen. Du erkennst sie an den französischklingenden Ortsnamen. Wenn du dir endlich mal ein freies Wochenende gönnst, könnten wir auf dem Waldenserpfad bei Calw wandern. Wir können es ja mit einem Wellnessaufenthalt in Bad Teinach verbinden. Das wäre doch mal schön! Der Waldenserpfad führt von Ortschaft zu Ortschaft auf den Spuren der Waldenser.«
»Oh, ja, eine tolle Idee. Das machen wir auf jeden Fall!«
Adeviye war überrascht, wo sich überall Bezüge zu den Waldensern fanden.
»Eines würde mich noch brennend interessieren. Wie erging es den Waldensern im ›Dritten Reich‹? Hierzu habe ich bisher gar nichts gefunden. Weißt du etwas aus der Zeit?«
»Falls deine Frage darauf anspielt, ob die Waldenser im ›Dritten Reich‹ verfolgt wurden. Nein. Das wurden sie nicht. Anhand ihrer Stammbäume konnten sie ja belegen, dass keine Juden unter ihren Vorfahren waren. Darauf kam es den Nationalsozialsten vor allem an. Die Waldenserkirchen gehörten, wie heute, der evangelischen Kirche an. Und sie sprachen in jener Zeit auch deutsch. Allerdings war ihr französischer Nachname in der Zeit der Besatzung durch die Franzosen vorteilhaft. Die französischen Besatzer behandelten die Waldenser bei der Essensverteilung aufgrund ihrer französischen Herkunft großzügiger. Genaueres weiß ich aber auch nicht dazu. Wenn du mehr über die Waldenser erfahren willst, informiere dich am besten beim Waldenserverein Palmbach e. V.«
Wieder im Büro, ließ Adeviye das Gespräch Revue passieren. Die Geschichte der Waldenser entbehrte nicht einer gewissen Parallelität zur Situation heutiger Migranten. Auch diese hielten sich teilweise in ihren eigenen Gruppen auf und isolierten sich damit von der Gesellschaft. Zumal ein Teil der Migranten nicht einmal der deutschen Sprache mächtig war; selbst viele, die bereits seit Jahrzehnten hier lebten. Adeviye war mitunter fassungslos, wenn sie Berichte über Schulkinder hörte, die über keinerlei Deutschkenntnisse verfügten, obwohl sie hier geboren waren. Eine gemeinsame Sprache war ihrer Ansicht nach eines der wichtigsten verbindenden Elemente in einer Gesellschaft.
Seit einigen Jahren gab es Fluchtwellen, teilweise als Folge des Kriegs in Syrien und aktuell aus dem Krieg in der Ukraine. Daneben strömten aber auch Menschen aus anderen Gründen, wie etwa aus wirtschaftlicher Not heraus, nach Deutschland. Mit Unbehagen dachte Adeviye an die aktuelle politische Stimmung im Land und in Europa. Parallelgesellschaften bildeten sich. Umgekehrt reagierten Teile der einheimischen Bevölkerung mit Misstrauen bis hin zu Ablehnung. Die Gesellschaft war gespalten. Diese Entwicklung hielt sie für äußerst gefährlich. Aus allen extremen Richtungen, sei es rechts, links und islamistisch, kam es zu Angriffen auf die Gesellschaft, den Rechtsstaat und die freiheitlich demokratische Grundordnung. Zu leicht konnten böse Funken Flächenbrände erzeugen …
Als Juristin wünschte sich Adeviye in dieser kritischen und kontroversen Lage mehr Struktur und politische Stabilität.
Für sie selbst war es schwer vorstellbar, ihr Zuhause eines Tages unfreiwillig verlassen zu müssen. Obgleich Flucht und Vertreibung heute wieder aktueller denn je waren, blieb das Thema für sie persönlich weithin abstrakt. Vermutlich ging dies jedem so, der nicht unmittelbar betroffen war. Wenn früher, in ihrer Kindheit, von Krieg, Flucht und Vertreibung die Rede war, dann ging es dabei meist um Erzählungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Jener Krieg gehörte einer längst vergangenen Zeit an. Auch wenn sie sich gegen den Gedanken wehrte, rückten Kriege heute immer näher und die Angst davor wurde gegenwärtiger. Adeviyes Jugend war von dem Zeitgeist der Abrüstung geprägt. Zu gut erinnerte sie sich an die Unterzeichnung der Abrüstungsverträge am 8. Dezember 1987 zwischen dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow und an ihre Freude über die damit einhergehende Beendigung des Kalten Krieges. Aus heutiger Sicht erschien es vermutlich naiv, aber die damalige Schülerin Adeviye hatte sich nicht ernsthaft vorstellen können, dass es je wieder zu einem Krieg in Europa kommen könnte. Die jugendliche Adeviye hatte sich stets sicher gefühlt. Heute musste sie erkennen, dass Sicherheit relativ war. Regierungen erwiesen sich als instabil und die Souveränität eines Staates hatte offenbar keinerlei Wert. Kinder und Jugendliche konnten in der aktuell krisengeschüttelten Zeit nicht so unbeschwert aufwachsen, wie sie selbst es durfte. Dies bedauerte sie. Denn jedes Kind sollte unbeschwert und ohne Angst aufwachsen dürfen.
Es war ein sonniger Sonntagmorgen, als sich Adeviye am 1. September spontan entschloss, dem badischen Schulmuseum in Palmbach einen Besuch abzustatten. Jeden ersten Sonntag im Monat hatte das Museum einen Tag der offenen Tür. Sie hielt sich gerne im Schulmuseum auf. Das im Jahr 1902 errichtete Gebäude der ehemaligen Waldenserschule beheimatete heute ein Schulmuseum, welches ein wahres Kleinod war.
Als Adeviye gegen 14 Uhr das Foyer des Schulhauses betrat, grüßte sie zwei kaffeetrinkende, ältere Damen, die sich aufgeregt unterhielten. Von der Unterhaltung konnte sie nur Bruchstücke aufschnappen. Einige Sätze, die sie verstehen konnte, erregten ihre besondere Aufmerksamkeit.
Eine der Damen sagte:» Die gute Frau Corres ist zu bedauern. Es gibt wohl nichts Schmerzlicheres, als wenn das eigene Kind vor einem selbst geht.« Die zweite Dame entgegnete darauf: »Vor allem, wenn es das einzige Kind ist und auch noch in den Armen der eigenen Mutter stirbt, wie bei der bedauernswerten Familie Perouse.«
»Oh ja, die Familie Perouse hat es besonders hart getroffen«, erwiderte die andere Dame.
Adeviye horchte auf. Von dem Unglück einer Familie Perouse war ihr nichts bekannt. Doch schien das Schicksal jener Familie die beiden Damen, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, besonders nahe zu gehen. Konnte sie die Damen fragen, was der Familie Perouse widerfahren war? Nach kurzer Überlegung verwarf sie diese Idee sogleich wieder. Sie wollte nicht neugierig erscheinen. Auch zögerte sie davor, sich einfach in ein fremdes Gespräch einzumischen. Also beließ sie die Damen weiter ihrem privaten Gespräch und begab sich in das historische Klassenzimmer. Dort begeisterte die Museumsleiterin, eine lebhafte ältere Dame, die Besucher mit ihren Erzählungen über das historische Märchenwandbild und die gelungene Restauration des alten Klassenzimmers. Adeviye setzte sich auf eine alte Schulbank und hörte aufmerksam den Ausführungen der Museumsleiterin zu. Die Geschichte um die Entstehung und Wiederentdeckung des Märchenwandbilds war spannend.
Anschließend begab sie sich auf einen Rundgang durch das Museum, das sich über drei Stockwerke erstreckte. Über dem historischen Klassenzimmer im Erdgeschoss befand sich im ersten Obergeschoss ein Klassenzimmer, in dem regelmäßig Ausstellungen präsentiert wurden. Im Dachgeschoss war die Lehrerwohnung zu besichtigen. Diese war authentisch wie zu der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts eingerichtet. Der Verein Badisches Schulmuseum e.V. hatte seit seinem Einzug in die Räumlichkeiten eine unglaubliche Zahl an Antiquitäten, Schulbüchern und Lehrmaterial aus vergangenen Zeiten zusammengetragen und stellte diese aus. Die Museumsleiterin, die offenbar einen Sinn für dekorative Details hatte, hatte sogar an eine kleine Stoffmaus gedacht, die ein Stück Käse auf dem eingedeckten Esstisch in der Küche der Lehrerwohnung anknabbert. Beim Anblick der Maus am Käse huschte Adeviye jedes Mal ein Lächeln über die Lippen.
Hier fühlte sie sich in die Zeit des großherzoglichen Badens um 1900 versetzt. Nach einer Weile ging sie wieder die Treppen hinunter und warf noch einmal einen Blick in das historische Klassenzimmer. In den letzten Jahren war der Raum aufwendig nach originalgetreuem Vorbild restauriert worden. Das Zimmer enthielt einige Raritäten. Vor allem beeindruckte das Wandbild aus dem Jahr 1929 mit dem Titel Palmbacher Märchenwelt des Künstlers Hans Fischer-Schuppach die Betrachter. Im zarten Alter von 23 Jahren hatte der damalige Kunststudent ein 6,30 Meter breites und 1,60 Meter hohes Wandgemälde geschaffen. Die Museumsleiterin führte weiter aus, dass Hans Fischer-Schuppach 63 Märchen aus aller Welt abgebildet hatte. Verschiedene Tiere und Insekten, Phantasiepflanzen, die Waldenserkirche und das Rathaus zierten das Gemälde.
Interessant an dem Wandbild war, dass nicht nur markante Gebäude in Palmbach abgebildet waren, sondern sich zahlreiche ortsansässige Familien darin wiederfanden. Der Künstler hatte für die Darstellung der menschlichen Figuren auf Palmbacher Schülerinnen und Schüler zurückgegriffen.
Ob auch Vorfahren des toten Jungen Benjamin Corres auf dem Wandbild verewigt waren?, schoss es Adeviye durch den Kopf. Schon wieder musste sie an das tote Kind denken. Warum ließ sein trauriges Schicksal sie nur nicht los? Wie gebannt sah sie das Bild an und nahm die Erläuterungen der Museumsleiterin nicht mehr wahr. Adeviye war in ihre eigene Gedankenwelt abgetaucht; in eine Welt zu einer anderen Zeit. Sie schloss die Augen und stellte sich das Klassenzimmer um 1900 vor.
Nachdem sie über eine Stunde im Museum verweilt hatte, beschloss sie bei dem schönen Wetter noch einen Spaziergang durch Palmbach entlang des Waldenserwegs zu machen. Als nächstes führte ihr Weg sie zur Waldenserkirche, die zur Besichtigung offenstand. Adeviye sah hoch auf das in der Giebelwand der Kirche eingemeißelte Waldenserwappen. Das Wappen trug die Inschrift: »Lux lucet in tenebris«, zu Deutsch: »Das Licht leuchtet in der Finsternis.«
Zwangsläufig dachte sie beim Lesen der Inschrift an die verfolgten Waldenser. Nach einer Odyssee von Flucht und Vertreibung musste ihnen dieser friedvolle Ort als Licht in der Finsternis erschienen sein. Selbst in finstersten Zeiten hatten sie die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit nicht aufgegeben. Trotz aller Schicksalsschläge hatte das Licht immer wieder für die Verfolgten geleuchtet.
Die Inschrift gefiel Adeviye.
Abends konnte sie sich nicht auf das Fernsehprogramm konzentrieren. Immer wieder gingen ihr verschiedene Bilder durch den Kopf. Vor ihrem geistigen Auge tauchten das Wandbild, die darauf abgebildeten Kinder und die Waldenserkirche mit der Inschrift auf. Das Gespräch der beiden Damen im Foyer des Schulmuseums fiel ihr wieder ein. Welches Schicksal hatte die Familie Perouse erlitten? Wieder tauchte ein französischer Name auf. Für Palmbach war dies zwar nicht ungewöhnlich. Dennoch, irgendetwas störte Adeviye. Sie musste es in Erfahrung bringen. Zu groß war ihre Neugier. Adeviye konnte sich dazu durchringen, ihre Freundin Andrea anrufen. Sie kam gleich auf das Thema zu sprechen. Adeviye berichtete ihrer Freundin, was sie im Schulmuseum zufällig gehört hatte. Diese entgegnete erstaunt, »Hast du denn im letzten Sommer nichts darüber gelesen? Die Zeitungen haben über den Fall berichtet.«
»Nein, das muss mir völlig entgangen sein«, reagierte Adeviye erstaunt.
»Ein tragisches Unglück. Am frühen Abend des 7. September 2023 ist der zwölfjährige Sebastian Perouse aus Palmbach an einer Vergiftung gestorben. Der Junge befand sich auf dem Nachhauseweg von einem Schulfreund aus Grünwettersbach. Es wird vermutet, dass er an einer Waldlichtung in Grünwettersbach Halt gemacht und Tollkirschen gegessen habe. Bis nach Hause hat der arme Junge es noch geschafft. Aber kaum hatte seine Mutter ihm die Tür öffnete, brach er bewusstlos zusammen. Seine Mutter hat zwar gleich den Notarzt und die Polizei gerufen, aber alles zu spät. Alle Bemühungen den Jungen zu reanimieren, schlugen fehl. Sebastian verstarb noch im Elternhaus. In den Armen seiner Mutter.« Andrea legte eine kurze Pause ein, die ihren Ausführungen Tragik verlieh.
»Die Familie befindet sich noch immer in tiefer Trauer. Die Mutter hat es besonders schwer getroffen, dass sie ihrem Kind nicht helfen konnte. Die Arme erlitt bei der Beerdigung einen Nervenzusammenbruch und steht nach wie vor unter psychologischer Betreuung. Wirklich hart.«
»Oh, sehr traurig«, entgegnete Adeviye nachdenklich.
Nachdem sie noch etwas über dies und jenes gesprochen hatten, beendeten sie das Telefonat. Es war Zeit zum Schlafengehen. Obwohl sie sehr müde war, gelang es Adeviye nicht, abzuschalten. Zu sehr beschäftigten sie die beiden Todesfälle. Zwei Todesopfer in knapp elf Monaten. Todesursache in beiden Fällen war eine Tollkirschenvergiftung. Bei beiden Opfern handelte es sich um Jungen in fast demselben Alter, die aus derselben Gegend stammten.
Ihre Nacht verlief unruhig. Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert und hatte Kopfschmerzen. Sie hatte schlecht geträumt. Offenbar waren ihr das Märchenwandbild und die Zeitungsmeldungen in Gedanken nachgegangen und Auslöser für einen wirren Traum. An Einzelheiten konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nur an irgendwelche Hexen aus Märchen der Gebrüder Grimm, die sie als Kind oft und gerne gelesen hatte.
