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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Die schnelle Limousine raste über die nachtschwarze Fahrbahn. Die Scheinwerfer spiegelten sich auf dem regennassen Asphalt, als sie der Leitplanke in einer Kurve bedrohlich nahe kam. Noch einmal fing sich der metallic blaue Wagen, doch in der nächsten Biegung geriet er erneut ins Schlingern. Der verzweifelte Versuch des Fahrers, ihn wieder in den Griff zu bekommen, scheiterte. Mit schreckgeweiteten Augen erfaßte die Beifahrerin, wie sie die Leitplanke mit einem entsetzlichen Geräusch durchbrachen und direkt auf einen Baum zurasten. Merkwürdigerweise spielte sich das Geschehen vor ihren Augen in Zeitlupe ab, was ihm jedoch nichts von seinem Schrecken nahm. Nach einem schier unendlichen Augenblick erreichte der Wagen den Baum. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm bohrte er sich in den dicken Stamm. Das letzte, was sie registrierte, war die splitternde Windschutzscheibe und ein unerträglicher Schmerz, der ihr die Luft zum Atmen nahm. Dann wurde es Nacht um sie. Mit einem Schrei erwachte Juliane Sewald. Sie atmete heftig, und die braunen Locken klebten ihr an der schweißnassen Stirn, als sie sich verwirrt umblickte. Sie mußte sich erst einmal in der Wirklichkeit zurechtfinden, ehe sie sich langsam beruhigen konnte. Mit zitternden Händen zog sie sich die Bettdecke, die in der Hitze des Traums heruntergerutscht war, bis übers Kinn und gemahnte sich, tief durchzuatmen. Das, wovor sie sich insgeheim so sehr gefürchtet hatte, war eingetreten: die Alpträume waren wieder da! Während Juliane die Übungen machte, die ihr ihr Therapeut erklärt hatte, um der Panikattacken Herr zu werden, bahnte sich ein vorwitziger Sonnenstrahl den Weg durch eine Ritze im Vorhang und tanzte lustig auf dem Holzfußboden. Das Fenster des kleinen Apartments war gekippt, so daß der Wind den Vorhang sanft bewegte, als wolle er mit dem Lichtschein spielen. Noch immer hatte sich Juliane unter der Decke verkrochen, doch ihre Blicke folgten dem aufmunternden Spiel des Sonnenlichts. Endlich war es ihr gelungen, und auch der Schweiß auf ihrer Stirn war getrocknet. Sie warf einen Blick auf den Wecker, der neben dem Krankenbett stand und erschrak.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die schnelle Limousine raste über die nachtschwarze Fahrbahn. Die Scheinwerfer spiegelten sich auf dem regennassen Asphalt, als sie der Leitplanke in einer Kurve bedrohlich nahe kam. Noch einmal fing sich der metallic blaue Wagen, doch in der nächsten Biegung geriet er erneut ins Schlingern. Der verzweifelte Versuch des Fahrers, ihn wieder in den Griff zu bekommen, scheiterte. Mit schreckgeweiteten Augen erfaßte die Beifahrerin, wie sie die Leitplanke mit einem entsetzlichen Geräusch durchbrachen und direkt auf einen Baum zurasten. Merkwürdigerweise spielte sich das Geschehen vor ihren Augen in Zeitlupe ab, was ihm jedoch nichts von seinem Schrecken nahm. Nach einem schier unendlichen Augenblick erreichte der Wagen den Baum. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm bohrte er sich in den dicken Stamm. Das letzte, was sie registrierte, war die splitternde Windschutzscheibe und ein unerträglicher Schmerz, der ihr die Luft zum Atmen nahm. Dann wurde es Nacht um sie.
Mit einem Schrei erwachte Juliane Sewald. Sie atmete heftig, und die braunen Locken klebten ihr an der schweißnassen Stirn, als sie sich verwirrt umblickte. Sie mußte sich erst einmal in der Wirklichkeit zurechtfinden, ehe sie sich langsam beruhigen konnte. Mit zitternden Händen zog sie sich die Bettdecke, die in der Hitze des Traums heruntergerutscht war, bis übers Kinn und gemahnte sich, tief durchzuatmen. Das, wovor sie sich insgeheim so sehr gefürchtet hatte, war eingetreten: die Alpträume waren wieder da!
Während Juliane die Übungen machte, die ihr ihr Therapeut erklärt hatte, um der Panikattacken Herr zu werden, bahnte sich ein vorwitziger Sonnenstrahl den Weg durch eine Ritze im Vorhang und tanzte lustig auf dem Holzfußboden. Das Fenster des kleinen Apartments war gekippt, so daß der Wind den Vorhang sanft bewegte, als wolle er mit dem Lichtschein spielen. Noch immer hatte sich Juliane unter der Decke verkrochen, doch ihre Blicke folgten dem aufmunternden Spiel des Sonnenlichts. Endlich war es ihr gelungen, und auch der Schweiß auf ihrer Stirn war getrocknet. Sie warf einen Blick auf den Wecker, der neben dem Krankenbett stand und erschrak. Schon nach neun Uhr. Da mußte sie sich beeilen, wenn sie noch ein Frühstück wollte! Entschieden richtete sie sich im Bett auf und schlug die Decke zurück. Obwohl der Unfall bereits über zwei Jahre her war, kostete es sie immer noch Überwindung, ihre dünnen Beine zu betrachten, die wie tot auf der Matratze lagen. In einer vagen Hoffnung betastete sie die Oberschenkel, doch wie jeden Morgen spürte sie nicht das Geringste. Seufzend zog sie sich den Rollstuhl heran, der neben dem Bett stand, stemmte sich mit einem Kraftakt nach oben und ließ sich auf die Sitzfläche gleiten. Geschafft! Die erste Hürde des Tages war genommen. Jetzt würde alles leichter gehen. Juliane war entschlossen, sich von den Schrecken des Traums nicht einschüchtern zu lassen und rollte ins Bad, um sich zurechtzumachen.
Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild, als sie schließlich fertig angezogen und geschminkt war. Als ihr die Ärzte nach dem Unfall unmißverständlich klargemacht hatten, daß sie nie mehr wieder würde gehen können, hatte sie sich in einer Trotzreaktion vorgenommen, ihre Behinderung durch umwerfendes Äußeres auszugleichen. Manchmal kostete es Juli, wie sie von ihren besten Freunden genannt wurde, einige Überwindung, sich aufzuraffen, sich schick zu kleiden und zu schminken. Doch wenn es dann geschafft war, fühlte sie sich gleich viel wohler. Die täglichen Übungen an verschiedenen Geräten taten ihr übriges, um ihr den Anschein zu geben, als säße sie nur zum Spaß in diesem Rollstuhl. Natürlich waren die langen Beine, die einmal ihr Stolz gewesen waren, dünner geworden, denn selbst das beste Training konnte es nicht verhindern, daß die Muskeln abbauten, aber das ließ sich durch weite Hosen gut kaschieren.
Als Juliane die Tür des Apartments öffnete, schlug ihr die frische, klare Januarluft entgegen. In der Nacht war es klirrend kalt gewesen, doch es lag kaum Schnee, so daß die gepflasterten Wege frei waren und sie allein zum Speisesaal fahren konnte. Sie genoß den blauen Himmel, von dem die blasse Wintersonne strahlte. Ihre Wangen waren rot, als sie die Tür des Restaurants aufstieß, in dem auf der Insel der Hoffnung das Frühstück serviert wurde.
»Guten Morgen, Frau Sewald!« wurde sie sofort freundlich von Dr. Johannes Cornelius begrüßt. »Haben Sie gut geschlafen?« Ohne viel Aufhebens davon zu machen, übernahm er die Führung des Rollstuhls und brachte sie an ihren Platz.
Juliane genoß die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Behinderung hier behandelt wurde und lächelte Dr. Cornelius strahlend an.
»Leider nicht. Diese Alpträume rauben mir noch den letzten Nerv. Dabei dachte ich, diese Phase der Vergangenheitsbewältigung läge hinter mir. Als wäre ich mit meiner Behinderung nicht schon gestraft genug!« Sie versuchte, ihre Stimme unbeschwert klingen zu lassen, doch vor Johannes konnte sie ihre wahren Gefühle nicht verbergen.
»Sie müssen sich nicht verstellen. Es ist wichtig, daß Sie ihrem Kummer und Ärger über Ihr Schicksal Luft machen. Sonst überwinden Sie dieses Trauma nie!« erklärte er ernst.
»Ihr Ärzte seid Euch wohl immer einig! Mein Therapeut sagt das auch«, lächelte Juliane anzüglich. Gerade an diesem strahlenden Tag wollte sie den dunklen Gedanken keine Macht über sich und ihre Stimmung geben.
»Dann wird es wohl richtig sein. Aber jetzt genießen Sie erst einmal das Frühstück. Wann beginnt denn Ihr Programm?«
»Die Physiotherapie ist heute erst am Nachmittag, danach steht eine Stunde Psychologie auf dem Programm. Ich habe also genügend Zeit, diesen herrlichen Wintertag zu genießen. Ein Spaziergang scheint mir da genau richtig.« Sehnsüchtig wanderte ihr Blick durch die großen Fensterscheiben in den von Reif überzuckerten Park.
»Eine gute Idee. Wie wäre es, wenn meine Tochter Fee Sie dabei begleiten würde? Sie wartet schon seit Tagen auf eine Gelegenheit, sich mit Ihnen in Ruhe zu unterhalten.«
»Sagen Sie Ihr, daß ich mich sehr freue!« Dankbar schaute Juliane zu dem Arzt auf. Er war ungemein sensibel und erahnte ihre Stimmungen, ohne daß sie viel zu reden brauchte. Ein Gespräch mit Fee Norden war genau das Richtige an so einem Tag.
Während sie frühstückte, überlegte sie, wie oft sie seit ihrem Unfall schon auf der Insel der Hoffnung gewesen war. Waren es fünf oder gar schon sechs Aufenthalte? So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich nicht erinnern. Die erste Zeit nach dem Unfall, den ihr Mann Carsten verschuldet und unverletzt überlebt hatte, war wie im Traum vergangen. Juliane konnte sich an fast nichts erinnern, was in den ersten Monaten nach dieser schrecklichen Erfahrung mit ihr geschehen war. Erst durch ihren ersten Aufenthalt auf der Roseninsel war sie langsam wieder ins Leben zurückgekehrt. Hier hatte man es verstanden, ihren Lebensmut wieder zu wecken. Immer, wenn sie sich entmutigt und schwach fühlte, kehrte sie hierhin zurück. Carsten liebte sie zwar auf eine fürsorgliche, zärtliche Weise und versuchte sein Menschenmögliches, um seine Schuld gutzumachen, aber alles konnte er einfach nicht auffangen. Wenn Juliane ehrlich war, genoß sie das Alleinsein auf der Insel ungemein, mußte sie doch dort weitgehend selbständig sein, während ihr zu Hause Carsten und ihre inzwischen sechzehnjährige Tochter Kira so viel wie möglich abzunehmen versuchten.
»Guten Morgen, Frau Sewald. Ich habe gehört, daß Sie heute spazierengehen wollen. Darf ich Sie begleiten?« Die warme Stimme Fee Nordens unterbrach Julianes Gedanken, und erfreut betrachtete sie die Arztfrau. Sie trug bereits eine warme Jacke und Handschuhe, und ihre außergewöhnlichen violetten Augen blitzten unternehmungslustig.
»Gern. Ich trinke nur schnell meinen Kaffee aus.« Hastig nahm Juli einen Schluck aus der Tasse und verzog dann das Gesicht. »Igitt, er ist kalt. Ich habe mal wieder zu lange geträumt. Das passiert mir hier immer wieder.«
»Das muß an der besonderen Atmosphäre liegen, die die Roseninsel ausstrahlt. Der Geist wird geradezu aufgefordert, sich auszuruhen.«
»Das haben Sie schön gesagt. Aber jetzt ist keine Zeit zum Träumen. Ich ziehe nur schnell meinen Mantel an, und dann können wir starten.« Doch plötzlich hielt Juliane inne. »Wird Ihre Familie Sie nicht vermissen?«
»Keine Sorge«, lachte Fee vergnügt. »Die fünf Trabanten haben hier genügend Möglichkeiten, sich sinnvoll zu beschäftigen.« Gerade in diesem Moment stürmten Jan und Dési mit Anneka im Schlepptau durch den Speisesaal auf der Suche nach ihrer Großmutter Anne Cornelius. Trotz der Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegten, verhielten sie sich rücksichtsvoll und leise den Patienten gegenüber.
»Was für eine schöne Familie«, lächelte Juliane verklärt. »Ich habe leider nur eine Tochter, und die war eigentlich nicht geplant, auch wenn ich es niemals bereut habe, sie doch bekommen zu haben. Sie müssen wissen, daß ich damals noch sehr jung war, erst achtzehn Jahre alt.«
»Und später haben Sie nicht daran gedacht, noch mehr Kinder zu bekommen?« erkundigte sich Fee.
Die beiden Frauen waren inzwischen im Freien angelangt, und ganz selbstverständlich übernahm sie es, den schweren Rollstuhl zu schieben.
»Die Arbeit ließ mir keine Zeit mehr dazu. Mein Vater wurde plötzlich sehr krank, so daß ich gezwungen war, früher als geplant in unsere Modefirma einzusteigen«, erklärte Juliane nachdenklich.
»Und wer hat sich um das Kind gekümmert?« erkundigte sich Fee. Das Schicksal dieser besonderen Frau interessierte sie sehr, und sie nahm großen Anteil an deren Schicksal.
»Da ich den ganzen Tag außer Haus war, kümmerte sich mein Mann Carsten in den ersten Jahren um die Kleine. Später, als sie in den Kindergarten kam, beendete er sein Studium und wurde Hochbauingenieur. Das Geschäft florierte, es war eine sehr erfolgreiche Zeit für uns. Auch die Firma meines Vaters bekam neuen Rückenwind, da ich einige dringend erforderliche Neuerungen einführte. Leider war ich die ganze Zeit so sehr mit der Verwaltung und Strukturierung des Unternehmens beschäftigt, daß ich gar nicht dazu kam, mich um mein eigentliches Ressort zu kümmern.«
»Was hätten Sie denn gern getan?« Fee war sichtlich gefesselt von dieser ehrgeizigen Frau, die trotz ihrer Behinderung vom Flair des Erfolgs umgeben war.
»Bevor ich schwanger wurde, hatte ich eine Schneiderlehre abgeschlossen und wollte Modedesign studieren. Mein Traum war es immer, Designerin im eigenen Unternehmen zu sein.« Julianes Gesicht nahm einen träumerischen Gesichtsausdruck an.
»Und den konnten Sie nicht verwirklichen?«
»Stellen Sie sich vor, das einzig Gute an dem Unfall war, daß ich die Verantwortung für das Unternehmen in die Hände eines zuverlässigen Geschäftsführers gegeben habe. In den vergangenen beiden Jahren habe ich mich intensiv mit Modedesign beschäftigt und stehe kurz davor, meine eigene Kollektion zu präsentieren.« Julianes Stimme bebte vor Erregung. Nur Kira, ihre beste Freundin Emilie und Carsten wußten von ihrem Vorhaben. Die ersten beiden hatten sie redlich unterstützt, während Carsten sie immer wieder dazu ermahnt hatte, sich in ihrem Zustand zu schonen. Jedes Mal waren sie aneinander geraten, wenn die Sprache auf dieses sensible Thema kam. Deshalb wartete sie jetzt gespannt auf Fee Nordens Reaktion.
»Wissen Sie was, ich bewundere Sie grenzenlos für Ihren Ehrgeiz«, gestand diese mit einem warmen Lächeln. »Ich weiß nicht, ob ich in Ihrer Lage noch die Kraft und den Mut hätte, ein solches Projekt zu wagen.«
»Sie ahnen nicht, welche Freude Sie mir machen.« Juliane war den Tränen nahe. Sie machte Fee ein Zeichen, stehen zu bleiben, wendete den Rollstuhl und sah sie dankbar an. »Manchmal zweifle ich schon an mir, zumal mir mein Mann in dieser Hinsicht nicht viel Mut macht. Er meint, ich sollte mich mehr um meine Gesundheit kümmern als um das Geschäft. Aber gerade das ist es, was mich wieder motiviert.«
»Bekommen Sie denn keine Unterstützung von Ihrem Mann?«
»Doch, doch, natürlich«, beeilte sich Juliane zu versichern. »In den schwersten Stunden hat mir seine Liebe die Kraft gegeben, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, daß er bei mir geblieben ist. Ich habe das Gefühl, daß wir nur noch stärker zusammengewachsen sind.« In ihrer Stimme schwang unverhohlener Stolz, als sie von Carsten sprach.
Fee betrachtete sie überrascht, hatte sie doch von ihrem Vater von den Umständen des verhängnisvollen Unfalls erfahren. Sie haderte einen Moment mit sich, doch die Neugier siegte schließlich.
»Darf ich Ihnen eine Frage stellen?« erkundigte sie sich vorsichtig.
»Aber natürlich«, entgegnete Juli freundlich.
»Haben Sie Ihrem Mann verziehen?« Ein kurzes Schweigen entstand, und einen Moment befürchtete Fee, einen großen Fehler gemacht zu haben. Ein Schatten überzog Julianes Gesicht, doch der Augenblick verging und Juliane gab sich unbeschwert, als sie antwortete.
»Es trifft ihn keine Schuld. Die Fahrbahn war regennaß, und Carsten hatte keine Chance.« Sie errötete unmerklich, denn sie verschwieg die Tatsache, daß er in jener Nacht deutlich zu schnell gefahren war. »Natürlich hat er Schuldgefühle, aber ich versuche, das Positive zu sehen. Unsere Partnerschaft hat deutlich an Tiefe gewonnen. Wir sind nicht mehr so oberflächlich und haben den Wert des Lebens erst richtig schätzengelernt.«
Sie legte ihre ganze Überzeugungskraft in ihre Stimme, und Fee lächelte über ihren Eifer. Als die beiden Frauen ihren Spaziergang durch die verzauberte winterliche Landschaft fortsetzten, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Doch weder die eine noch die andere ahnte zu diesem Zeitpunkt, daß Fee mit ihrer Frage einen wunden Punkt in Julianes Leben getroffen hatte, der auch der Grund für die plötzlich wiedergekehrten Alpträume war, von denen sie sich lange Zeit geheilt gefühlt hatte.
*
Als Kira Sewald vom Nachhilfeunterricht kam, den sie auch in den Ferien nehmen mußte, warf sie ihren Rucksack temperamentvoll in die Ecke, ehe sie sich ihres Wintermantels und der warmen Schuhe entledigte.
»Puh, die alte Wagner kann einem ganz schön auf den Geist gehen«, stöhnte sie und schlang die Arme um Emilie Zahn, die lächelnd in der Küchentür stand und die Tochter ihrer besten Freundin aufmerksam beobachtete.
»Wie alt ist denn deine Frau Wagner?« erkundigte sie sich schmunzelnd, nachdem sie die liebevolle Umarmung erwidert hatte.
»Irgend was zwischen vierzig und fünfzig«, stammelte Kira und wurde über und über rot, als ihr Blick auf Emilies rundes Gesicht fiel. »Aber bei dir ist das doch ganz was anderes«, beeilte sie sich zu erklären. »Du bist jung und wirst es immer bleiben, zumindest im Geist, und das ist doch das Wichtigste! Solche Menschen gibt es eben.«
»Du willst damit also sagen, daß die ›alte Wagner‹ im Kopf schon immer alt war, selbst mit zwanzig.«
»Ach, Emmi, du verstehst mich einfach. Was für ein Glück, daß du Mamis beste Freundin bist. Sonst würde es uns jetzt sicher nicht so gut gehen.« Unwillkürlich war Kira ernst geworden, als sie sich jetzt mit einem Schwung auf die Arbeitsplatte setzte und die Beine baumeln ließ.
»Ich bin sehr froh, daß ich bei euch sein kann, das weißt du ganz genau. Wo hätte ich in meinem Alter nach dem Tod meines Mannes schon hingehen können mit meiner schmalen Rente und ohne eine eigene Bleibe.« Emilie ging es gründlich gegen den Strich, wenn ihr Engagement in der Familie Sewald über Gebühr gelobt wurde. »Und schließlich muß ja einer auf dich aufpassen«, fügte sie schmunzelnd hinzu. Damit war das Thema für sie erledigt, und auch Kira ließ es dabei bewenden. Im Moment war ihr ohnehin nicht nach ernsten Gesprächen zumute.
»Was gibt’s denn heute? Das riecht ja lecker!« Schnuppernd hob sie den Topfdeckel und entdeckte zu ihrer Freude ihr winterliches Leibgericht, Bohnensuppe mit Kartoffeln. »Kommt Paps auch zum Essen?« erkundigte sie sich und steckte einen kleinen Löffel in den Topf, um von dem köstlich duftenden Gericht zu naschen.
»Carsten hat vor einer Stunde angerufen, daß er leider verhindert ist. Du mußt also mal wieder mit meiner Gesellschaft vorliebnehmen«, erklärte Emilie leicht verstimmt.
»Komisch, seit Mami auf der Insel der Hoffnung ist, hat er kaum mit uns zu Mittag gegessen.« Doch Kira war eine Frohnatur, die sich nie lange mit einem Problem beschäftigte. So zuckte sie nach dieser Feststellung nur mit den Schultern, um gleich darauf fröhlich zu lachen. »Dann sind wir wenigstens unter uns, und ich kann dir von Tommi erzählen. Du weißt schon, der Neue in unserer Klasse. Er ist ja so süß! Und weißt du was, Emmi, ich glaube, ich gefalle ihm auch.« Mit verschwörerischer Miene blinzelte sie Emilie zu, als sie zwei Teller auf den Tisch stellte und Servietten und Löffel dazu legte.
