Das Geschenk der Einfachheit - Stephan Münch - E-Book

Das Geschenk der Einfachheit E-Book

Stephan Münch

0,0

Beschreibung

In den Kapiteln 8 und 9 des 2. Korintherbriefes befasst sich Paulus ausführlich mit der Kollekte, die er für die Armen der Jerusalemer Gemeinde durchführte. Paulus versucht die Korinther zu ermuntern, die ins Stocken geratene Kollekte zu Ende zu führen. Im ersten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf detailliert philologischen Untersuchungen: auf der historischen Wortsemantik und der syntaktischen Analyse. Kapitel 2 und 3 bietet die ausführliche exegetische Untersuchung und Auslegung von 2 Kor 8,1-15 und 9,6-15. Die Verse 8,16-24 und 9,1-5 werden nur in einem Überblick dargeboten. Bei der Auslegung liegt der Schwerpunkt auf der geistlichen Dimension des Gebens. Es wird aufgezeigt, dass es die Absicht des Paulus ist, die Korinther in mehreren Schritten zur Gabe der Einfachheit zu führen, d.h. ihre Gabe von Herzen und mit Freude zu geben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Forschung zur Bibel Band 126

Begründet vonRudolf Schnackenburgund Josef SchreinerHerausgegeben vonGeorg Fischerund Thomas Söding

Stephan Münch

Das Geschenk der Einfachheit

2 Korinther 8,1–15 und 9,6–15als Hinführung zu dieser Gabe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburgwww.echter-verlag.deISBN 978-3-429-03526-6 Print        978-3-429-04651-4 PDF        978-3-429-06060-2 ePub

Danksagung

Die Vorliegende Arbeit wurde im Juli 2009 von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main als Doktorarbeit angenommen. Zu Drucklegung wurde sie noch einmal überarbeitet.

Danken möchte ich vor allem meinem Doktorvater Prof. Dr. Norbert Baumert SJ, der mich in die Lektüre der Paulusbriefe eingeführt, diese Arbeit angeregt und jederzeit hilfreich und engagiert begleitet hat.

Ebenfalles möchte ich auch Prof. Dr. Ansgar Wucherpfennig danken, der das Zweitgutachten erstellt hat. Durch seine kritischen Hinweise hat er mich zum Überdenken und zur Korrektur einiger Punkte anregt.

Danken möchte ich auch Prof. Dr. Thomas Söding für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe „Forschung zur Bibel“.

Vielleicht lässt diese Arbeit, die sich mit der angemessenen inneren Einstellung beim Geben und Schenken befasst, etwas ahnen von der Aktualität des paulinischen Denkens in einer Zeit, in der Finanzkrisen weltweit geworden sind.

Bad Neuenahr- Ahrweiler, im Mai 2012

Stephan Münch

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Neuere Arbeiten zu 2 Kor 8 und 9 und Fragestellung

2. Vorgehen und Methode

1. Semantische, syntaktische und kontextuelle Vorarbeiten zu 2 Kor 8,1-15

1.1 Kontext und Abgrenzung von 2 Kor 8 und 9

1.1.1. Der Zusammenhang von 7,4-16 mit Kapitel 8

1.1.2. Der inhaltliche Zusammenhang von Kapitel 8und Kapitel 9

a) Formale und inhaltlicheGesichtspunkte

b) Textverknüpfung zwischen Kapitel 8 und 9

1.1.3. Einordnung von 2 Kor 8 und 9 in das Gesamtdes 2. Korintherbriefes

1.1.4. Gliederung von 2 Kor 8 und 9

1.2. ῾ Aπλóτης

1.2.1. Der klassische Sprachgebrauch von ἁπλóτης

1.2.2. Der jüdische Sprachgebrauch

a) ῾ Aπλóτης in der LXX

b) ῾ Aπλóτης in den Testamenten der Zwölf Patriarchen

- ῾ Aπλóτης als Einfachheit in der Beziehung zu Gott

- ῾ Aπλóτης als Offenheit in der Beziehungzum Nächsten

c) ῾ Aπλóτης im Kontext des Gebens

- 1 Chr 29,17

- Jos. Ant. 7.332

- Testament des Issachar 3.8

- Röm 12,8

- ῾ Aπλóτης in 2 Kor 8 und 9

1.3. χάρις - das Werden eines Begriffs

1.3.1. Χάρις ein festgeprägter theologischer Begriff im NT?

1.3.2. Das breite Bedeutungsspektrum von χάρις

1.3.3. Der Gebrauch von χάρις im AT und in der LXX

1.3.4. Der Gebrauch von χάρις zur Zeit des Paulus

1.3.5. Χάρις als Gefälligkeit, Gabe, Wohltat im NT

a) Χάρις als rein menschliche Gefälligkeit, Wohltatin den Paulusbriefen

- 2 Kor 1,15

- 1 Kor 16,3

- Eph 4,29

b) Χάρις in 2 Kor 8 und 9

- Χάρις το θ∊ο als Zuwendung Gottes

- Χάρις als Wohltat, Liebestat

1.3.6. Zusammenfassung

1.4. Δομαι

1.4.1. δομαι mit dem Akkusativ?

1.4.2. δομαί τινος bedürfen, brauchen, nötig haben

1.4.3. δομαι (τινός ∊ἰς) Verlangen tragen, begehren

1.4.4. δομαί τινός τινος jemanden um etwas bitten

a) δομαί τινος jemanden um etwas bitten, mit demGenitiv der Person

b) δομαί τι innerer Akkusativ

- δομαί τι figura etymologica

- δομαί τι Neutrum eines Pronomen oder Adjektivs

1.5. Die Satzkonstruktion von 2 Kor 8, 3-5

1.5.1. V3 wird V4 zugeordnet

1.5.2. Die Verse 3-5 als syntaktische Einheit

a) Die Antithese οὐ καθὼς ... ἀλλά in V5

b) Ein neuer Lösungsansatz

c) Die Interpunktion der Texteinheit 8,3-5

2. Auslegung von 2 Kor 8,1-15 mit 8,16-24

2.1 2 Kor 8,1-9: Die Auswirkung der χάρις Gottes und die χάρις Jesu Christi

2.1.1. Der griechische Text

2.1.2. 8,1-6: Die χάρις der Makedonier

a) Konstruktion und Syntax von 8,2

- Θλψις-χαρά

- Πτωχϵία-πλoτoς

- πϵρίσσϵυσϵν ϵἰς τὸ πλoτoς τς ἁπλότητoς

b) 8,3-5: Die Entfaltung von πλoτoς τς ἁπλότητoς

- Das Geben der Makedonier

- Die Kollekte als χάρις

- Die Kollekte als κoινωνία

- Die Kollekte als διακoνία

- Die geistliche Dimension des Gebens: αυτoὺς δωκαν

- Das Bitten der Makedonier

- Die Empfänger der Kollekte: ϵἰς τοὺς ἁγίους

c) V 6

- Der Übergang von V5 zu V6

- ἵνα καθὼς... oὕτως καὶ...καὶ

2.1.3. Exkurs: Vergleich von 2 Kor 8,1-5 mit 1 Chr 29

2.1.4. 8,7-9: Die χάρις Gottes bei den Korinthern und die χάρις Jesu Christi

a) V 7

- ἵνα

- ν παντὶ

- Der geistliche Reichtum der Korinther

- ν ταύτῃ τ χάριτι

b) V 8

- oὐ κατ’ πιταγὴν λγω

δoκιμαάων

c) V 9: Die χάρις Jesu Christi

- Die Struktur von V 9

- πτώχϵυσϵν - πλούσιος ὤν

- ἵνα ὑμϵς τκϵίνου πτωχϵίᾳ πλουτήσητϵ

- χάρις το κνρίον ἡμν ’Ιησο Χριστο

2.2. 8,10-15: Konkreter Hinweis zum Geben

2.2.1. Der griechische Text

2.2.2. 8,10-12: Die Grundregel für das Geben

a) Γνώμη

b) Θλϵιν

- Θλϵιν als geneigt sein, lieben, gern tun

c) V 11

- Die Art und Weise der Durchführung

- Die Maxime für das Geben

d) V 12

2.2.3. Die Verse 13-15

a) ’Ισότης

b) ν τ νν καιρ

c) Πϵρίσσϵυμα

d) ἵνα

e) V 15

2.3. Zusammenfassung von 2 Kor 8,1-15

2.4. 2 Kor 8,16-24: die Empfehlung des Titus und der beiden Abgesandten

2.4.1. Der griechische Text

2.4.2. 8,16-17: Die Empfehlung des Titus

2.4.3. 8,18-21: Die Empfehlung des ersten „Bruders“

2.4.4. 8,22: Die Empfehlung des zweiten „Bruders“

2.4.5. 8,23-24: Zusammenfassende Empfehlung der Boten

2.4.6. Die Übersetzung von 2 Kor 8,16-24

3. Auslegung von 2 Kor 9,6-15 mit 9,1-5

3.1. Die Aufgabe der Abgesandten: 9,1-5

3.1.1. Der griechische Text

3.1.2. V 1

3.1.3. V 2

3.1.4. Die Verse 3-4

3.1.5. V 5a/b als Zusammenfassung

3.1.6. V 5c/d als Übergang

3.1.7. Der Gedankengang der Verse 8,24-9,5

3.2. 9,6-11: Befähigung durch Gott und Hinführung zum Geben in Einfachheit

3.2.1. Der griechische Text

3.2.2. Die Texteinheit 9,6-11

3.2.3. 9,6-9: Gottes Macht und Unterstützung für ein segensreiches Säen und Ernten

a) Die Verse 6-9 als Einheit

b) Das Bild vom Säen und Ernten

- Gal 6,7-8

- 1 Kor 9,11

c) 2 Kor 9,7

- προήρηται

- τ καρδίᾳ - μὴ κ λύπης ἤ ἀνάγκης

- ἱλαρὸν γὰρ δότην ἀγαπ ὁ θϵóς

d) V8

- πσαν χάριν in der herkömmlichen Deutung

- Ein anderer Lösungsansatz von πσαν χάριν

- Αὐτάρκϵια

- πσαν χάριν

c) V9

3.2.4. 9,10-11: die ἁπλóτης als Wesensmerkmal des segensreichen Gebens

a) Struktur und Aufbau der VV 10-11

b) V10

- Der Vordersatz V10a

- Der Nachsatz V10b

c) V11

- V11a ν παντὶ πλουτιζóμϵνοι ϵἰς πσαν ἁπλóτητα

- V11b ἥτις κατϵργάζϵται δι’ ἡμν ϵὐχαριστίαν τ θϵ

3.3. 9,12-15: Die Auswirkung des Gebens in Einfachheit

3.3.1. Die Satzkonstruktion von 9,12-14

3.3.2. V12

3.3.3. Vergleich von 2 Kor 9,12 mit 2 Kor 4,15 und 1,11

3.3.4. V13

3.3.5. V14

3.3.6. Eine andere Deutung von V14 nach P46

3.3.7. V15

3.4. Zusammenfassung der Ergebnisse

3.4.1. Arbeitsübersetzung

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Stellenregister

Altes Testament

Neues Testament

Jüdische Schriften

Christliche Schriften

Andere antike Texte

Einleitung

1. Neuere Arbeiten zu 2 Korinther 8 und 9 und Fragestellung

Diese Untersuchung beschäftigt sich mit den Kapiteln 8 und 9 des 2. Korintherbriefes, den Kollektenkapiteln. In der exegetisch-theologischen Literatur ist das Kollektenthema einige Male behandelt worden. Einen guten Überblick über die Forschungsgeschichte der Kollekte gibt Beckheuer in seiner Untersuchung „Paulus und Jerusalem“.1 Im Folgenden sollen nur die wichtigsten Ergebnisse dargestellt werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der neueren Abhandlungen des Kollektenthemas.

Einen großen Einfluss hatte der Aufsatz von HOLL „Der Kirchenbegriff des Paulus in seinem Verhältnis zu der Urgemeinde“.2 Nach Holl hat die Jerusalemer Gemeinde einen rechtlichen Vorrang vor den anderen Gemeinden. Dies zeige sich in den Selbstbezeichnungen der Jerusalemer Urgemeinde als „die Armen“ und „die Heiligen“.3 An diesen Ehrenbezeichnungen zeige sich, dass sich die Jerusalemer Urgemeinde den anderen Gemeinden religiös überlegen fühlte. Sie habe einen Vorzug, der sie dauernd auszeichne. Aus dieser Sonderstellung habe die Urgemeinde gewisse Rechtsforderungen abgeleitet: sie habe ein Aufsichts- und Besteuerungsrecht über die ganze Kirche. Wie die Gemeinde verpflichtet sei, den in ihr wirkenden Apostel zu unterhalten, seien die anderen Gemeinden verpflichtet, zum Unterhalt der Muttergemeinde beizutragen. Die Kollekte wird so als Steuer gesehen, die von der Jerusalemer Gemeinde den heidenchristlichen Gemeinden auferlegt wurde. Gal 2,10 sei so eine Auflage der Jerusalemer Gemeinde. In seiner Darstellung der Kollekte Röm 15,25f. habe Paulus verhüllende Redeweisen benützt, weil er sich geschämt habe. In Wirklichkeit habe die Jerusalemer Gemeinde gar nicht als die ärmste gegolten. Gegenüber dem Kirchenbegriff der Urgemeinde habe Paulus einen neuen Kirchenbegriff eingeführt. Für Paulus sei der lebendige Christus die eigentliche Grundlage der Kirche.4

Für K.F. NICKLE5 ist die Kollekte, in Analogie zu der jüdischen Tempelsteuer, eine regelmäßige Abgabe.6 In seiner Darstellung unterscheidet er mehrere Stadien in der Kollekte: Zunächst sei sie „an act of Christian charity among fellow believers motivated by the love of Christ“.7 Nach dem antiochenischen Zwischenfall sei die Kollekte ein Zeichen der Einheit geworden. Für die Organisation der Kollekte greife Paulus auf die Institution der Tempelsteuer zurück. Schließlich sei die Kollekte: “eschatological pilgrimage of the Gentile christians to Jerusalem by which the Jews were to be confronted with the undeniable reality of the divine gift of saving grace to the Gentiles and thereby themselves moved through jealousy to finally accept the gospel”.8

Nach D. GEORGI9 bedeutet die Abmachung Gal 2,10 keine Anerkennung einer rechtlichen Vorrangstellung der Jerusalemer. Der Begriff „die Armen“ sei ein eschatologischer Titel der Jerusalemer Gemeinde. Die Vereinbarung auf dem Apostelkonzil Gal 2,10 interpretiert er dahin, „dass die Heidenchristen der exemplarischen Leistung der Jerusalemer Christen Anerkennung zollen sollten. Um deren andauernde und eschatologische Demonstration wäre es dann gegangen, damit aber auch um die eschatologische Hoffnung der Christenheit überhaupt“.10 Nach dem antiochenischen Zwischenfall sei die Abmachung des Apostelkonzils hinfällig geworden. Um der drohenden Auflösung seiner Gemeinden in Mysteriencliquen und mystische Zirkel entgegenzuwirken, habe Paulus die Kollekte, auf eigene Initiative, wieder aufgenommen.11 Das Selbstbewusstsein der paulinischen Gemeinden sei inzwischen stärker gewachsen. Die Kollekte interpretiere Paulus jetzt auf dem Hintergrund von Jes 60,1-21: Mit der Überbringung der Kollekte erfülle sich die Verheißung der Völkerwallfahrt der Heidenvölker nach Jerusalem.12

B. BECKHEUER hat sich in seiner Untersuchung zum Ziel gesetzt, „die Entwicklung des paulinischen Denkens hinsichtlich der Kollekte nachzuzeichnen. Dabei soll deutlich werden, wie eine paulinische Theologie der Kollekte erst durch die Auseinandersetzung mit den Problemen in seinen Missionsgebieten entstanden ist“.13

Nach der getroffenen Kollektenvereinbarung (Gal 2,10) sei es zu einem Streit gekommen (Gal 2,11), so dass für Paulus die Vereinbarung zwischen ihm und den Vertretern der Urgemeinde hinfällig geworden sei. Paulus habe aber weiter an der Gemeinschaft mit der Urgemeinde festgehalten. In der Rückschau der Ereignisse habe er die Kollekte mit einem theologischen Vorzeichen versehen. Auch die Beantwortung von rein praktischen Fragen, wie die Sammlung zu organisieren sei, geschehe in der Sprache der theologischen Reflexion (1 Kor 16,1-4).14

Bei der Kollekte ginge es nicht um das Einbringen eines in qualitativer Hinsicht großen Betrages, sondern um den Vollzug göttlicher aequalitas.

Für 2 Kor 9,6-11 sieht er Jes 61,11 als Hintergrund. „Das Buch Jes scheint die gesamte Theologie des Kollektenwerkes geprägt zu haben. Die Zitate und Anspielungen und das Aufgreifen alttestamentlicher Motive weisen auf die Tatsache hin, dass Paulus aus dem Buch Jesaia lebt und theologisiert (2 Kor 9,5f.): „Der konkrete Vollzug des Christseins demonstriert den Jerusalemern die Erfüllung der Verheißung der Psalmen und der Propheten...“15

Im Römerbrief wird die Kollekte mit dem Vokabular alttestamentlicher Missionstheologie dargestellt. Hintergrund für Röm 15,16 ist Jes. 61,6.16

S. JOUBERT deutet die Kollekte des Paulus mit der Terminologie der Wohltätigkeit in der griechisch – römischen Welt. “The collection is to be understood in terms of the social convention of benefit exchange. Reciprocity was the heart of all forms of benevolence in the ancient Graeco-Roman world. The bestowal of gifts initiated the establishment of long-term relationships that involved mutual obligations and clear status differentials between the transactors”.17 So sei die Kollekte das Ergebnis und der konkrete Ausdruck einer gegenseitigen Beziehung zwischen Jerusalem und Paulus. Benefit exchange liefere den erklärenden Rahmen für die Kollekte. Paulus habe das grundlegende Prinzip von benefit exchange uminterpretiert. Das zeige sich daran, dass Paulus als διάκονος die Kollekte überliefere (Röm 15,25ff.) und nicht seine eigene Ehre suche. Auch ändere er das griechisch-römische Prinzip der gegenseitigen Vergeltung, indem er den Nachdruck von der erwarteten Gegengabe auf die positive innere Ausrichtung der Geber lege. Die Wohltäter in der griechischrömischen Welt suchten durch ihr Wohltun ihren eigenen Ruhm zu vermehren und nicht die Not der Armen zu lindern.18

BYUNG-MO KIM geht es in seiner Untersuchung darum, das Wesen der paulinischen Kollekte herauszuarbeiten.19 Dabei geht er von einer These von K. Berger aus, die Kollekte sei in Analogie zum Almosen der Gottesfürchtigen für Israel zu deuten.20

Die verschiedenen Bezeichnungen für die Kollekte in 2 Kor 8,4 charakterisieren verschiedene Aspekte der Kollekte: διακονία beschreibt den materiellen Aspekt der Kollekte, sie ist eine Hilfe für die Armen der Jerusalemer Gemeinde. Χάρις umschreibt den göttlich-menschlichen Aspekt der Kollekte. Die Kollekte setzt den begnadeten Zustand (Empfang des Evangeliums) voraus. Κοινωνία zeigt den zwischenmenschlichen Aspekt der Kollekte. „Kurzum: durch die Kollekte, die als materieller Hilfsdienst für die Armen in der judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem von den makedonischen bzw. korinthischen Heidenchristen des Paulus unternommen wurde, kommen vor den judenchristlichen Kollektenempfängern der begnadete bzw. bekehrte Status der heidenchristlichen Kollektengeber und damit zugleich die durch das Begnadetsein zwischen heidenchristlichen Gebern und judenchristlichen Empfängern bestehende Gemeinschaft zum Ausdruck“.21 Nach Byung–Mo Kim lässt sich die Kollekte als eine Analogie zum Almosen der Gottesfürchtigen für Israel verstehen: „wie im frühen Judentum die im Prinzip beschneidungs- und gesetzesfreien Gottesfürchtigen durch Almosen für die Armen im gesetzestreuen Volk Israel ihre Bekehrung zum Gott Israels und zugleich ihre Zugehörigkeit zum Gottesvolk ausdrückten, so brachten die beschneidungs- und gesetzesfreien Heidenchristen durch die Kollekte für die Armen unter den im Prinzip gesetzesorientierten Judenchristen in Jerusalem ihr Begnadetsein bzw. ihr Bekenntnis zum Evangelium Jesu Christi bzw. ihre Bekehrung und die dadurch zwischen den beiden Seiten entstandenen Glaubensgemeinschaft zum Ausdruck.“22

Neben diesen Untersuchungen zur Kollekte sind noch einige weitere Ansätze zu nennen, die mit Hilfe der griechisch-römischen Rhetorik 2 Kor 8 und 9 analysieren. Ziel der Untersuchung von H. D. BETZ23 ist eine sorgfältige Analyse von 2 Kor 8 und 9 in Bezug auf Briefkategorien der antiken Briefliteratur, d.h. in Bezug auf verwendete argumentierende Rhetorik und ihre Funktion, auf den inneren Aufbau und die literarische Form der beiden Kapitel. Nach seiner Interpretation sind 2 Kor 8 und 9 als zwei getrennte Briefe zu betrachten; Kapitel 8 gehöre zur Verwaltungskorrespondenz des Paulus und stelle ein amtliches Schreiben dar, „das von einem einzelnen in einer offiziellen Stellung an eine Körperschaft, die Gemeinde in Korinth, in Begleitung offiziell ernannter Abgesandter geschickt wird.“24 Der erste Teil von Kapitel 8 sei beratender Natur (VV1-15), der zweite Teil hingegen administrativ oder juristisch (VV16-23). Die Formeln und Ausdrücke des zweiten Teils stammten hauptsächlich aus der hellenistischen Verwaltungssprache.

Kapitel 9 gehöre zum Texttyp des beratenden Briefes; dementsprechend sei die Rhetorik beratender Art. Kapitel 9 habe einen anderen Adressaten als Kapitel 8 und auch eine andere Aufgabe. In Kapitel 9 erkläre Paulus den Achäern, welche Rolle sie spielen sollen, um die Kollekte in Korinth zu Ende zu führen. Sie sollen ein gutes Beispiel geben, das von den Korinthern nachgeahmt werden kann, und sie sollen vor allem darauf achten, dass der geistliche Aspekt der Kollekte, die eine „Segensgabe“ sein soll, gewährleistet sei.25

Ebenfalls auf dem Hintergrund der Rhetorik baut K. J. O’MAHONY26 seine Untersuchung auf und zeigt alle rhetorischen Stilfiguren auf, die Paulus in den beiden Kapiteln 8 und 9 verwendet.

Auf diese unterschiedlichen Aspekte der Kollekteninterpretationen soll bei der Auslegung genauer eingegangen werden.

Der Überblick über die neueren Abhandlungen über die Kollekte des Paulus hat gezeigt, dass die Untersuchungen sich schwerpunktmäßig entweder auf das Wesen der Kollekte beziehen,27 den Zusammenhang der Kollekte mit der Mission des Paulus untersuchen,28 oder die Kollekte in die sozio-kulturelle Umwelt einordnen.29 Im Unterschied dazu stehen bei dieser Arbeit semantische und syntaktische Fragen im Vordergrund, woraus sich Konequenzen ergeben für die geistliche Dimension der beiden Kollektenkapitel.

Für die Interpretation von 2 Kor 8 und 9 ist der Bergriff χάρις von entscheidender Bedeutung. Wenn dieser Begriff auch unterschiedlich gedeutet wird, so besteht doch Übereinstimmung, dass Paulus diesen Begriff in einem festgeprägten theologischen Sinn gebrauche. In dieser Untersuchung soll nachgewiesen werden, dass χάρις für Paulus noch ein offener Begriff ist und noch nicht allein auf „Gnade“ festgelegt ist.

Ein weiterer Schlüsselbegriff der Kapitel 8 und 9 ist der Begriff ἁπλóτης. Dieser Begriff wird oft mit „Freigebigkeit“, oder „generosity“, „liberability“ übersetzt. In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass Paulus mit ἁπλóτης das biblische und in der jüdischen Tradition bekannte Motiv des „einfachen Gebens“ übernimmt.

In den beiden Kapiteln 8 und 9 wird vielfach auf Anakoluthe und sprunghaft erscheinende Gedankengänge hingewiesen, die Rätsel aufgeben.30 Dies betrifft besonders die Verse 2 Kor 8,3-5.31 Umstritten ist in dieser Einheit vor allem die Konstruktion und Zuordnung des Partizips δϵóμϵνοι. In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass das Verb δομαι mit dem Genitiv kontruiert wird und ein Akkusativ der Sache nur möglich ist als ein Akkusativ Neutrum eines Pronomens oder Adjektivs.

Weiterhin soll in dieser Untersuchung aufgezeigt werden, dass es die Absicht des Paulus ist, die Korinther zur endgültigen Durchführung der Kollekte zu motivieren. Dabei geht es Paulus in erster Linie nicht um einen großen Betrag, sondern um die geistliche Dimension des Gebens, um ein Geben von Herzen und in Einfachheit. Zu diesem Geben in Einfachheit will Paulus die Korinther in den beiden Kollektenkapiteln hinführen.

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt im Argumentationsverlauf der beiden Kollektenkapitel. Es soll aufgezeigt werden, dass durch die neue Deutung des Textes der Gedankengang geschlossener wirkt.

2. Vorgehen und Methode

Bevor der Text 2 Kor 8,1-15 und 9,6-15 in den Blick genommen werden kann, sind im Vorfeld semantische und syntaktische Fragen zu klären. Im ersten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf philologischen Untersuchungen: auf der historischen Wortsemantik (ἁπλóτης, χάρις), wobei hier neben dem lexikalischen Aspekt auch der diachrone Aspekt der Semantik berücksichtigt wird, ferner auf der syntaktischen Analyse (Konstruktion von δομαι, Satzkonstruktion von 2 Kor 8,1-5).

Neben den semantischen und syntaktischen Fragen wird auch der Kontext der beiden Kollektenkapitel und ihre Gliederung in den Blick genommen.

Kapitel 2 und 3 bietet die Auslegung von 2 Kor 8,1-15 und 9,6-15. Die Verse 8,16-24 und 9,1-5 werden nur in einem Überblick dargeboten, und die Einordnung in das Ganze der beiden Kollektenkapitel wird aufgezeigt.

Bei der Auslegung liegt der Schwerpunkt auf der geistlichen Dimension des Gebens. Es soll aufgezeigt werden, dass es die Absicht des Paulus ist, die Korinther zu motivieren, ihre Gabe für die Armen in Jerusalem von Herzen und mit Freude zu geben und sie in mehreren Schritten zu dieser Gabe der Einfachheit hinzuführen.

1    B. BECKHEUER, Paulus und Jerusalem, 13-39.

2    K. HOLL, Der Kirchenbegriff des Paulus in seinem Verhältnis zu der Urgemeinde: Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte II, Tübingen 1928. Nachdruck Darmstadt 1964, 44-67.

3    K. HOLL, a.a.O., 59.

4    K. HOLL, a.a.O., 63.

5    K. F. NICKLE, The Collection: A Study in the Strategy of Paul, Naperville 1966.

6    K. F. NICKLE, a.a.O., 74-99.

7    K. F. NICKLE, a.a.O.,142 und 100f.

8    K. F. NICKLE, a.a.O.,142.

9    D. GEORGI, Der Armen zu gedenken. Die Geschichte der Kollekte des Paulus für Jerusalem, Hamburg 1965; erweiterte Auflage, Neunkirchen 1994.

10   D. GEORGI, a.a.O., 27.

11   D. GEORGI, a.a.O., 39.

12   D. GEORGI, a.a.O., 85.

13   B. BECKHEUER, Paulus und Jerusalem, 9.

14   B. BECKHEUER, a.a.O., 271.

15   B. BECKHEUER, a.a.O., 273.

16   B. BECKHEUER, a.a.O., 274.

17   J. JOUBERT, Paul as Benefactor, 6.

18   J. JOUBERT, a.a.O., 216f.

19   BYUNG-MO KIM, Die Paulinische Kollekte, 1.

20   K. BERGER, Almosen für Israel. Zum historischen Kontext der paulinischen Kollekte, in: NTS 23 (1977), 180-203.

21   BYUNG-MO KIM, a.a.O., 183f.

22   BYUNG-MO KIM, a.a.O., 186.

23   H. D. BETZ, 2 Corinthians 8 and 9, Hermeneia, Philadelphia,1985. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel: 2 Korinther 8 und 9. Ein Kommentar zu zwei Verwaltungsbriefen des Apostels Paulus, Gütersloh 1993.

24   H. D. BETZ, a.a.O., 239.

25   H. D. BETZ, a.a.O., 249.

26   KIERAN J . O’MAHONY, Pauline Persuasion, A Sounding in 2 Corinthians 8-9, Sheffield 2000.

27   K.F. NICKLE; D. GEORGI; BYUNG-MO KIM.

28   B. BECKHEUER.

29   S. JOUBERT.

30   BECKHEUER, Paulus und Jerusalem 125.

31   Vgl. H. WINDISCH, 2 Kor 245; C. WOLFF, 2 Kor 147; D. GEORGI, Der Armen zu gedenken 59.

1. Semantische, syntaktische und kontextuelle Vorarbeiten zu 2 Kor 8,1-15

1.1 Kontext und Abgrenzung von 2 Kor 8 und 9

Stellung und Abgrenzung der beiden Kollektenkapitel im Gesamt des zweiten Korintherbriefes sind eng verknüpft mit dem Problem der literarischen Einheitlichkeit des zweiten Korintherbriefes überhaupt. Eng verbunden mit der Einteilung des 2. Korintherbriefes ist die Annahme des Zwischenbesuches und Sicht der Zwischenereignisse zwischen 1. und 2. Korintherbrief. Der Auffassung des 2. Korintherbriefes als literarische Einheit (BIERINGER, J. HARRIS) steht die Sicht verschiedener Teilungshypothesen gegenüber.

Von den meisten Exegeten wird die Grundstruktur des Zweiten Korintherbriefes in drei große Teile:1-7 (und darin 2,14-7,4); 8-9; 10-13 anerkannt.32 Unterschiedlich wird dagegen die Zuordnung der einzelnen Teile gesehen und dementsprechend werden verschiedene Teilungshypothesen aufgestellt.33 Zwei Briefe: 1-9; 10-13 (BARRETT; FURNISH); zeitlich umgekehrt 10-13; 1-9 (KLAUCK); drei Briefe: 1-8; 9; 10-13 (THRALL); 9; 10-13; 1-8 (DAUTZENBERG); 2,14-7,4; 10-13; 1,1-2,13, 7,5-9,15 (J. BECKER); vier Briefe: 2,14-6,13, 7,2-4; 10-13; 1,1-2,13, 7,5-8,24 (G. BORNKAMM).

Die vorliegende Untersuchung geht davon aus, dass der 2. Korintherbrief kein einheitlicher Brief ist, sondern eine Komposition von mehreren Briefteilen darstellt. Mit J. BECKER, N. BAUMERT gehe ich von drei Briefen aus, von der Apologie des Apostels 2 Kor 2,14-7,3, dem Tränenbrief 2 Kor 10,1-13,10 und dem Freudenbrief 2 Kor 1,1-2,13 und 7,4-9,15.

Was Kapitel 8 und 9 betrifft, so lassen sich nach BIERINGER die Lösungsvorschläge auf vier verschiedene Arten zusammenfassen:34

a) 2 Kor 8 und 2 Kor 9 sind ursprünglich zwei selbständige Briefe, die an verschiedene Adressaten gesandt wurden.35 Bei dieser Interpretation stehen die beiden Briefe in keinem Zusammenhang zum Versöhnungsbrief (Freudenbrief) 2 Kor 1-7 bzw. 1,1-2.13 + 7,4-16.

b) Kap 9 schließt an 2 Kor 7,16 an, wogegen Kapitel 8 ein eigenes Schreiben darstellt.36

c) In der Sicht des dritten Typs schließt Kapitel 8 an 7,16 an und bildet einen Teil des Freudenbriefes. Kapitel 9 ist dagegen ein selbständiger Brief, der entweder vor dem Tränenbrief (DAUTZENBERG), vor dem Versöhnungsbrief (SCHMIIHALS) oder nach BORNKAMM nach dem Versöhnungsbrief anzusetzen ist.

d) Nach der vierten Lösungsmöglichkeit gehören die beiden Kapitel 8 und 9 in der kanonischen Reihenfolge zu 2 Kor 1-737 bzw. zum Freudenbrief 1,1-2.13 + 7,4-16.38

Von diesen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten wird in dieser Untersuchung die vierte bevorzugt. Die beiden Kollektenkapitel 8 und 9 folgen also unmittelbar auf 7,16 und gehören zum Versöhnungsbrief (Freudenbrief) 1,1-2,13 + 7,4-9,15.39 Für diese Lösung sprechen vor allem der inhaltliche Zusammenhang und die Textverknüpfungen von 7,4-16 mit Kapitel 8 und der inhaltliche Zusammenhang von Kapitel 8 und 9.

1.1.1. Der Zusammenhang von 7,4-16 mit Kapitel 8

Die Verknüpfung 2 Kor 7,4-16 mit Kapitel 8 ist gut gegeben durch die Bezugnahme auf die Wirksamkeit des Titus in Korinth 7,6f. 13-15 und 8,6.16. Die Ankunft des Titus und dessen positiver Bericht über die Umkehr der Korinther sind die Voraussetzung für seine erneute Sendung in Bezug auf die Kollekte. Als weitere Verknüpfung ist das Stichwort σπουδή zu nennen. Der Tränenbrief bewirkte bei den Korinthern Eifer für Paulus (7,11.12). In 8,7 wird σπουδή den Korinthern zugesprochen, die durch πάσῃ besonders hervorgehoben wird. In 8,8 wird der Eifer der Makedonier als Vorbild für die Korinther dargestellt und soll zum Anreiz für ihren Eifer und ihre Liebe werden. Die Einführung des neuen Themas γνωρίζομϵν δ ὑμν (8,1) kehrt genauso in 1 Kor 15,1 wieder. Weitere Textverknüpfungen sollen tabellarisch dargestellt werden:

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!