Das Glück ist eine Frau - Patricia Vandenberg - E-Book

Das Glück ist eine Frau E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Mein Gott, Gesine, wie siehst du denn schon wieder aus?« Missmutig betrachtete Gerhard Bender seine Tochter, die ihm gegenüber am Frühstückstisch saß. »Du kommst daher wie eine Tonne. Petra, sag du doch auch mal was dazu«, forderte er seine Frau barsch auf, die gerade mit der Kaffeekanne aus der Küche kam. Sie war eine zierliche, kleine Person und der gewaltigen Stimmkraft ihres Mannes nicht im Mindesten gewachsen. So warf sie nur einen kurzen, resignierten Blick auf ihre Tochter, die mit steinerner Miene am Tisch saß. »Vati hat recht. Warum trägst du nicht mal Hosen? Immer diese weiten Kleider, das sieht wirklich nicht gut aus.« In Gesines Augen glitzerten Tränen. Aber sie sagte nichts. Stattdessen bestrich sie einen Toast dick mit Butter und biss hinein. Verständnislos schüttelte Gerhard den Kopf. »Sieh sich das einer an. So kannst du ja nicht abnehmen, wenn du so fettes Zeug in dich reinstopfst. Von gesunder Ernährung und Sport hast du wohl noch nie was gehört?« »In der Klinik ist sehr viel Betrieb, da komm ich den ganzen Tag nicht zum Essen. Und Bewegung hab ich ja wohl genug«, widersprach Gesine leise, als sich Albert zu ihnen gesellte, der große gut aussehende Sonnyboy, stets gut gekleidet, durchtrainiert und somit das genaue Gegenteil seiner Schwester.

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 112 –Das Glück ist eine Frau

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»Mein Gott, Gesine, wie siehst du denn schon wieder aus?« Missmutig betrachtete Gerhard Bender seine Tochter, die ihm gegenüber am Frühstückstisch saß. »Du kommst daher wie eine Tonne. Petra, sag du doch auch mal was dazu«, forderte er seine Frau barsch auf, die gerade mit der Kaffeekanne aus der Küche kam. Sie war eine zierliche, kleine Person und der gewaltigen Stimmkraft ihres Mannes nicht im Mindesten gewachsen. So warf sie nur einen kurzen, resignierten Blick auf ihre Tochter, die mit steinerner Miene am Tisch saß.

»Vati hat recht. Warum trägst du nicht mal Hosen? Immer diese weiten Kleider, das sieht wirklich nicht gut aus.«

In Gesines Augen glitzerten Tränen. Aber sie sagte nichts. Stattdessen bestrich sie einen Toast dick mit Butter und biss hinein. Verständnislos schüttelte Gerhard den Kopf.

»Sieh sich das einer an. So kannst du ja nicht abnehmen, wenn du so fettes Zeug in dich reinstopfst. Von gesunder Ernährung und Sport hast du wohl noch nie was gehört?«

»In der Klinik ist sehr viel Betrieb, da komm ich den ganzen Tag nicht zum Essen. Und Bewegung hab ich ja wohl genug«, widersprach Gesine leise, als sich Albert zu ihnen gesellte, der große gut aussehende Sonnyboy, stets gut gekleidet, durchtrainiert und somit das genaue Gegenteil seiner Schwester. »Schönen guten Morgen allerseits«, erklärte er mit lauter Stimme und dem üblichen Grinsen auf dem Gesicht. »Gut geschlafen?«

»Geht schon.«

»Du liebe Zeit, was ist denn hier schon wieder für eine Stimmung?«

Gerhard machte keine Anstalten zu antworten und versenkte sich in die Lektüre der Tageszeitung, Gesine blickte starr auf ihren Teller, sodass sich Petra zu einer Antwort bemüßigt fühlte.

»Vati findet, dass Gesine abnehmen und sich anders kleiden sollte.«

Albert fuhr sich durch die blonden Haare und stöhnte. Diese Litanei kannte er zu Genüge.

»Warum könnt ihr die arme Gesine nicht einfach mal in Ruhe lassen? Schließlich ist sie erwachsen und wird schon wissen, was sie zu tun und zu lassen hat«, kam er seiner älteren Schwester zu Hilfe. Die schickte ihm über den Tellerrand einen dankbaren Blick zu. Obwohl er die Gunst des Vaters besaß und schon von Kindesbeinen an der erklärte Liebling war, verband die beiden eine tiefe Freundschaft, die selbst unter Geschwistern ihresgleichen suchte.

»Es wird Zeit, dass Gesine lernt, sich selbst zu verteidigen. Es geht nicht an, dass du immer das Wort für sie ergreifst.«

»Und ich finde, es geht nicht an, dass ihr sie ständig niedermacht. Dabei macht sie alles großartig.«

»Kein Wunder. Krankenschwester zu sein ist keine große Kunst. Ein paar Verbände wechseln, den Leuten Essen servieren, Betten machen. Das kann eure Mutter auch«, bemerkte Gerhard mit leisem Spott. Gesine biss sich auf die Lippe, ihre Augen funkelten zornig. »Ich wollte ja Medizin studieren. Aber ihr habt mich nicht gelassen.«

»Moderner Unsinn, bloße Zeitverschwendung. Du weißt, was ich davon halte, dass heutzutage jede Frau meint, den Männern die Arbeitsplätze streitig machen zu müssen. Und für dich wäre ein Medizinstudium reine Zeitverschwendung gewesen. Wenn du ein paar Kilo abnimmst und dich anders kleidest, findest du im Handumdrehen einen Mann, bekommst ein paar Kinder und wirst glücklich und zufrieden.«

»Erstens will ich keinen Mann, und zweitens kann ich immer noch selbst entscheiden, wie ich mir mein Leben vorstelle«, gab Gesine verzweifelt zurück. Wütend stopfte sie sich den letzten Bissen ihres Toastes in den Mund und stieß den Stuhl nach hinten. »Wiedersehen!« zischte sie. Noch ehe die ersten Tränen aus ihren Augen stürzen konnten, war sie schon zur Tür hinaus, die krachend ins Schloss fiel. Gerhard blickte noch nicht einmal von seiner Zeitung auf. »Dass das Kind immer so viel Lärm machen muss. Manchmal ist sie ein echter Trampel. Das hat sie von deiner Familie«, bemerkte er nur.

Petra warf einen deprimierten Blick in die Runde. »Warum musst du Gesine nur immer so provozieren? Sie ist doch ein liebes Mädchen. Und das mit der Figur wird auch, wenn sie erst mal einen netten Freund hat«, bemerkte sie leise.

»Du hast sie doch gehört. Sie will keinen Mann.« Gerhard schnalzte verächtlich mit der Zunge. »Auf den Beruf hatte ich ja glücklicherweise noch Einfluss. Aber bei der Wahl ihres Zukünftigen kann ich ihr nicht auch noch unter die Arme greifen.«

»Ich finde euer Verhalten unmöglich«, konnte sich Albert nicht länger zurückhalten. »Warum lasst ihr sie nicht einfach in Ruhe? Sie hat euch doch nichts getan. Überhaupt, an ihrer Stelle wäre ich längst ausgezogen.«

»Dazu besteht kein Grund. Hier hat sie’s doch bequem.«

»Gesine hat alles andere im Sinn als ihre Bequemlichkeit. Sie denkt nie an sich selbst und tut nur das, was die anderen von ihr verlangen. Wann seht ihr das endlich ein?« Ungehalten warf Albert seine Serviette auf den Tisch. Er wusste gar nicht mehr, wie oft er diese Diskussion schon geführt hatte, und hatte es gründlich satt. »Ich geh jetzt ins Büro. Wir sehen uns dann später auf der Baustelle«, erklärte er in Richtung seines Vaters. Dann war auch er fort. Gerhard nahm nur am Rande Notiz davon, und Petra ließ ihren verlorenen Blick über den Tisch gleiten. Sie seufzte verhalten und begann, das Geschirr abzuräumen, während er seine Zeitung zusammenfaltete und sich an die rechte Wade griff.

»Was sind denn das nur für komische Schmerzen?« sagte er mehr zu sich selbst. Petra, die seine Worte gehört hatte, wurde sofort ängstlich. Sie war ein unsicherer Mensch, gewöhnt daran, dass sich ihr Mann um alles kümmerte. Ihre größte Sorge bestand darin, dass Gerhard eines Tages etwas geschehen konnte.

»Was für Schmerzen? Davon hast du noch nie was erzählt.«

»Am Anfang war es auch noch nicht so schlimm. Aber inzwischen ist es richtig unangenehm. Vielleicht eine Zerrung oder so was.«

»Woher solltest du eine Zerrung haben?«, fragte Petra verständnislos. »Du treibst doch keinen Sport.«

»Stimmt auch wieder«, räumte Gerhard großzügig ein und dachte weiter nach. »Ich kann mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wann genau das angefangen hat. Auf jeden Fall kam es nicht plötzlich bei einer falschen Bewegung.«

»Warum hast du Gesine nicht gefragt? Sie kennt sich doch gut aus.«

»Gesine? Ich bitte dich. Als Krankenschwester tut sie ja doch nicht viel mehr, als Verbände wechseln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von medizinischen Dingen wirklich eine Ahnung hat.«

»Dann solltest du vorsichtshalber zum Arzt gehen. In deinem Alter ist mit solchen Beschwerden nicht zu spaßen. Vielleicht kündigt sich ein Schlaganfall an.«

»Petra, ich bitte dich. So einen Unsinn hab ich ja schon lange nicht mehr gehört. Ein Schlaganfall in der Wade! In welchem klugen Frauenblatt hast du das denn wieder gelesen?« spottete Gerhard abfällig. »Das hab ich nicht gelesen. Es war nur so eine Idee«, verteidigte sich seine Frau schwach. Sie meinte, Gerhard weder verbal noch geistig gewachsen zu sein, und machte gar nicht mehr den Versuch, mit ihm zu argumentieren. Das hatte er ihr schon vor langer Zeit ausgetrieben.

»Dann behalte deine Ideen vorsichtshalber für dich. Mir kannst du es ja erzählen. Aber bitte nicht irgendeiner Freundin. Womöglich machst du dich noch zum Gespött der ganzen Straße.« Gerhard seufzte resigniert. Er hatte sich damit abgefunden, mit diesem treudoofen Häschen verheiratet zu sein. Dass er es gewesen war, der Petra dazu gemacht hatte, verdrängte er vorsichtshalber. »Also schön, mach einen Termin bei Dr. Norden aus, am liebsten am frühen Abend.«

»In Ordnung. Ich rufe ihn gleich nachher an.«

»Deine Diagnose sparst du dir aber bitte. Das überlassen wir schön den Herren, die sich damit auskennen«, erklärte Gerhard in einem Tonfall, als würde er mit einem kleinen Kind sprechen. Er warf einen Blick auf die Uhr und erhob sich stöhnend. Die Schmerzen im Bein waren tatsächlich sehr schlimm geworden. Nur mit eiserner Disziplin gelang es ihm, normale Schritte zu gehen. Aber er war bekannt dafür, ein harter Mann zu sein. Hart gegen seine Umwelt, hart gegen sich selbst. Darauf war er stolz und wehrte sich dagegen, sich auch nur den Hauch einer Blöße zu geben.

Inzwischen war Gesine an ihrem Arbeitsplatz, der Behnisch-Klinik, angelangt und wurde dort freudig von den Kolleginnen begrüßt. »Hallo Gesine, schönes Wochenende gehabt?« erkundigte sich Anna, eine bildhübsche, zauberhafte Schwester, mit der sich Gesine ein wenig angefreundet hatte.

»War ganz okay«, gab sie wortkarg zurück und wechselte ihren wehenden Rock mit weißen Hosen, über die sie einen weißen Kittel zog. Tatsächlich sah sie sofort um zehn Kilo leichter aus.

»Klingt ja nicht gerade vielversprechend. Was hast du denn unternommen?«

»Nicht viel. Wäsche gemacht, die Wohnung aufgeräumt, solche Sachen. Und ein bisschen im Internet gesurft.«

»Soso!« Anna lächelte wissend. »Hast du dich mal wieder mit Stephan unterhalten?«

Ohne es zu wollen, errötete Gesine bis unter die Haarspitzen.

»Unterhalten ist ja wohl das falsche Wort. Wir haben uns viele E-Mails geschrieben. Er ist wirklich richtig nett, mag Kinder und Tiere, gutes Essen und Reisen. Und er liest viel. Das hört man nicht gerade oft von einem Mann.« Unversehens geriet Gesine ins Schwärmen über den Mann, den sie vor ein paar Wochen zufällig im Internet kennengelernt hatte, als sie auf der Suche nach einer Information gewesen und auf seine Adresse gestoßen war. Anna lächelte. Sie konnte die scheue, hilfsbereite Kollegin mit den traurigen Augen gut leiden und wünschte ihr von ganzem Herzen die große Liebe.

»Und? Wann triffst du dich mit ihm?«

»Treffen?« Gesine riss erschrocken die Augen auf. »Ich kann mich doch unmöglich mit ihm treffen. Schau mich doch mal an. Selbst mein Vater behauptet, ich sehe aus wie eine Tonne. Was würde dann erst Stephan sagen, wenn er mich zu Gesicht bekäme? Nein, unmöglich. Das kann ich nicht.«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt. Gut, du hast vielleicht ein paar Kilo Übergewicht. Aber das ist doch nichts, was man nicht schnell in den Griff bekommen könnte. Außerdem sollten Äußerlichkeiten keine so große Rolle spielen. Es sind die inneren Werte, die zählen.«

»Du hast leichtreden. Wenn ich so aussehen würde wie du, hätte ich ihn schon längst getroffen.«

»Bilde dir nur nicht ein, dass gutes Aussehen und eine tolle Figur der Schlüssel zum Glück sind«, widersprach Anna, und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. »Ganz im Gegenteil. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass ich den Männern zu viel bin. Neue Menschen lerne ich leicht kennen, und für einen Flirt bin ich auch gut genug. Aber einer hübschen Frau traut man offenbar nicht zu, dass sie treu und fleißig sein kann. Das hat sich in vielen, vielen Jahren nicht geändert. Mit mir lassen sich die Männer gerne sehen, heiraten tun sie dann aber die anderen.«

»Das klingt auch nicht gerade erheiternd.«

»Ist es auch nicht. Aber ich will dir hier nichts vorjammern. Ganz im Gegenteil. Nur Mut. Geh zum Friseur, lass dir eine neue Frisur verpassen, nimm ein paar Kilo ab, und schon bist du die Traumfrau schlechthin«, erklärte Anna sehr herzlich. Gesine war gerührt.

»Du bist wirklich eine echte Freundin. Trotzdem, ich weiß nicht, ob ich so mutig bin. Und jetzt sollten wir aufhören mit der Quatscherei. Die Patienten werden ungeduldig, wenn wir nicht kommen.« Es war noch früh am Morgen, und Gesine brauchte sich keine Sorgen zu machen. Pünktlich wie eh und je fuhr sie mit ihrem Medikamenten-Wagen vor das erste Zimmer und klopfte an, ehe sie die Tür öffnete.

»Guten Morgen, Frau Reichenbach. Haben Sie gut geschlafen?« Ganz anders als im privaten Leben war sie in ihrem Beruf selbstsicher und resolut, packte zu, wo Not am Mann war und fand aber ebenso tröstende Worte, wenn einen Patienten der Katzenjammer packte. Deshalb war sie bei allen, Kollegen, Ärzten und Patienten, gleichermaßen beliebt. So lächelte auch Frau Reichenbach erfreut, die sich in der Behnisch-Klinik von einer Gallenoperation erholte.

»Wie schön, dass Sie wieder Frühdienst haben. Gleich am Morgen so ein liebes Gesicht, das tut mir richtig gut.«

»Das ist sehr nett von Ihnen. Trotzdem muss ich Sie gleich ein bisschen ärgern. Außer Fieber und Blutdruck messen und der Thrombose-Spritze brauche ich heute auch ein bisschen Blut von Ihnen.«

»Das ist doch kein Problem. Sie sind immer so sanft, das merkt man kaum.«

Gesine lächelte, während sie die Kanüle zurechtlegte und die Nadel auspackte. Nur hier in der Klinik fühlte sie sich wirklich zu Hause. Hier war sie eine anerkannte Persönlichkeit und wurde nicht pausenlos wegen irgendwelcher Kleinigkeiten tyrannisiert und verunsichert. Zwar hätte sie lieber als Ärztin denn als Krankenschwester hier gearbeitet, aber nachdem sie sich nicht zutraute, trotz glänzendem Abitur, ein Studium gegen den Willen ihres Vaters durchzusetzen, begnügte sie sich mit dem, was sie hatte. »So, jetzt pikst es ein bisschen. Nicht erschrecken«, beruhigte sie die Patientin, nachdem sie am Oberarm eine Gummimanschette angelegt und eine geeignete Vene gesucht hatte. Rasch war die Prozedur vorbei, und Hilde Reichenbach lächelte zufrieden.

»Hat gar nicht wehgetan. Eigentlich sollten Sie Ärztin sein. Das können Sie richtig gut. Aber Sie sind ja noch so jung. Ihnen steht die Welt offen.«

»Ach wissen Sie, als Arzt ist man doch immer sehr beschäftigt und hat gar nicht so viel Zeit für seine Patienten. Ich bin zufrieden mit meinem Beruf. Immerhin können wir jeden Morgen ein bisschen plaudern.«

»Jaja, so hat alles seine Vor- und Nachteile«, nickte Frau Reichenbach nachdenklich. Gesine erledigte inzwischen ihre übrigen Pflichten. Das Bett aufschütteln gehörte ebenso dazu wie Blutdruck und Fieber messen. Sie öffnete das Fenster und erkundigte sich, ob sie sonst noch etwas für das Wohlbefinden der Patientin tun könnte. Als diese verneinte, verabschiedete sie sich fürs Erste.

»Bevor meine Schicht zu Ende ist, schaue ich noch mal rein«, versprach sie und ließ Hilde Reichenbach mit einem wunderbar wohligen Gefühl zurück. Noch nie zuvor war sie so gut versorgt worden wie in der Behnisch-Klinik. Sie nahm sich vor, ihre Zufriedenheit in einem Brief an die Chefin der Klinik zum Ausdruck zu bringen. Davon ahnte Gesine nichts, als sie ihren Wagen vor sich her zum nächsten Zimmer schob. Sie hatte die Augen auf die Akten vor sich gerichtet und überflog den Krankenbericht des Neuzugangs. Sie war so in ihre Beschäftigung versunken, dass sie an der Tür beinahe mit Daniel Norden zusammengestoßen wäre, der einen Krankenbesuch gemacht hatte.

»Hoppla, junge Frau, nicht so stürmisch am frühen Morgen«, lachte er, nachdem er sich mit einem beherzten Sprung davor gerettet hatte, unter die Räder des Medikamenten-Wagens zu geraten. Gesine starrte ihn erschrocken an. »Oh, Herr Dr. Norden, das tut mir aber leid. Haben Sie sich wehgetan?«

»Nein, nein, keine Sorge, alles noch heil.« Auch Dr. Norden kannte Gesine schon seit geraumer Zeit und schätzte ihr Engagement, mit dem sie ihre tägliche Arbeit verrichtete. Darüber hinaus war ihm nicht entgangen, dass er es hier mit einer intelligenten jungen Frau zu tun hatte. Wann immer er Zeit fand, unterhielt er sich gerne mit ihr. »Wie kommt’s, dass Sie so vertieft sind?«

»Ich musste nur die Krankengeschichte des neuen Patienten durchlesen. Er ist ja ein Neuzugang.«

»Den habt Ihr mir zu verdanken, einer meiner Patienten«, erklärte Daniel. »Er kam gestern mit heftigen Unterleibsschmerzen in die Praxis. Akuter Blinddarm. Herr Lenting wurde noch gestern abend operiert, obwohl er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat.«

»Kann ich gut verstehen. Es ist ja auch kein schöner Gedanke, sich in einen künstlichen Schlaf versetzen zu lassen. Die größte Sorge vieler Patienten ist immer noch, ob sie wieder aufwachen.«