Das Glück liegt am Meer - Susanne Oswald - E-Book

Das Glück liegt am Meer E-Book

Susanne Oswald

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Beschreibung

Ein neuer Band der beliebten Küstenzauber-Reihe – voller vertrauter Figuren, neuer Begegnungen und emotionaler Momente

Während Bentje und Jasper gerade den nächsten Schritt wagen wollen und das Zusammenziehen planen, mietet sich der sympathische und gutaussehende Pomologe Julian in der Pension Lüttje Glück ein. Bentje ist beeindruckt von ihrem neuen Gast. Er hat nicht nur ein enormes Wissen über alte Apfelsorten, sondern ist obendrein äußerst charmant. Doch ist Julians Freundlichkeit wirklich so harmlos oder geht sein Interesse an der attraktiven Pensionswirtin tiefer? In Jasper lodert die Eifersucht. Plötzlich stellt er alles in Frage, und zieht sich auf sein Boot zurück. Als ein Sturm aufzieht, sind nicht nur die wertvollen Apfelbäume, sondern auch Jasper in tödlicher Gefahr. Wiederholt sich das schreckliche Schicksal, das Bentje und Jasper schon einmal getrennt hat?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch:

Während Bentje und Jasper gerade den nächsten Schritt wagen wollen und das Zusammenziehen planen, mietet sich der sympathische und gutaussehende Pomologe Julian in der Pension Lüttje Glück ein. Bentje ist beeindruckt von ihrem neuen Gast. Er hat nicht nur ein enormes Wissen über alte Apfelsorten, sondern ist obendrein äußerst charmant. Doch ist Julians Freundlichkeit wirklich so harmlos oder geht sein Interesse an der attraktiven Pensionswirtin tiefer? In Jasper lodert die Eifersucht. Plötzlich stellt er alles in Frage, und zieht sich auf sein Boot zurück. Als ein Sturm aufzieht, sind nicht nur die wertvollen Apfelbäume, sondern auch Jasper in tödlicher Gefahr. Wiederholt sich das schreckliche Schicksal, das Bentje und Jasper schon einmal getrennt hat?

Zur Autorin:

Susanne Oswalds Traum wurde wahr: Sie ist Bestsellerautorin. Die gebürtige Freiburgerin liebt das Meer. Gemeinsam mit ihrem Mann am Strand spazieren zu gehen und den Abend vor dem Kamin mit Strickzeug auf dem Schoß ausklingen zu lassen, ist für sie das Schönste. Mit dem Kopf ist sie fast immer bei ihren Heldinnen und Helden, und es macht sie glücklich, ihre Fantasie Wirklichkeit und Buchstaben zu Geschichten werden zu lassen.

Susanne Oswald

Das Glück liegt am Meer

Roman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2026 HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783749908905

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für alle, die mutig im Sturm tanzen.

Und für jene, denen dabei mulmig ist.

Im Rhythmus des eigenen Herzens, können Wunder wahr werden.

Vertraut auf euch.

Kapitel 1

Bentje

Der neue Gast

Schwungvoll öffnete Bentje die Tür des ersten Gästezimmers und trat mit dem Staubsauger im Schlepptau ein. An diesem Vormittag hatte sie einiges an Arbeit vor sich. Aber sie hatte gut geschlafen und fühlte sich in ihrem knielangen glockenförmigen Jeansrock und einem einfachen blauen T-Shirt dazu bestens für ihren Zimmerdienst gewappnet. Ihre schulterlangen goldbraunen Locken hatte sie mit einem Haarband gezähmt. Die nackten Füße steckten in ihren geliebten Merinomokassins. Seit sie diese Wollschuhe für sich entdeckt hatte, trug sie kaum noch etwas anderes – sie passten einfach perfekt an ihren Fuß.

Die Abläufe der Zimmerendreinigung hatte Bentje verinnerlicht, auch wenn sie schon länger keine Abreise mehr alleine übernommen hatte. Wenn sie ein bisschen Gas gab und nichts dazwischenkam, war sie bis zur Mittagszeit mit allem durch.

Es fing auch direkt super an. Wiebke, die während der letzten Woche hier gewohnt hatte, hatte ihr Zimmer sehr ordentlich hinterlassen. Den Stuhl hatte sie an den weiß lasierten Schreibtisch gerückt, die Fernbedienung lag wieder an ihrem Platz unter dem kleinen Fernseher, und die Touristik-Broschüren hatte sie, fein säuberlich gestapelt, auf den kleinen weißen Tisch gelegt, neben dem ein taubenblauer super bequemer Cordsessel stand. Sogar ihr Bett hatte sie abgezogen. Bentje schüttelte den Kopf – das war natürlich nicht die Aufgabe der Gäste und vollkommen unnötig. Aber sie freute sich dennoch über diese freundliche Geste.

Wiebke war aber auch eine enorm nette und sympathische Person. Gut, dass sie sich bereits für den nächsten Besuch angemeldet hatte – solche Menschen als Stammgäste waren ein Geschenk. Die Endreinigung dieses Zimmers war bestimmt sehr schnell erledigt – das war ein perfekter Start.

Beim Blick zum Fenster bekam Bentjes gute Laune allerdings einen ordentlichen Dämpfer. Unwillig prustete sie sich eine Locke aus der Stirn. Ganz offensichtlich waren die Scheiben einem über das Haus hinwegziehenden Vogelschwarm zum Opfer gefallen.

»Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen«, schimpfte sie halblaut in den leeren Raum hinein. »Ausgerechnet heute!«

So wie das aussah, befürchtete Bentje, dass dieser Schietanschlag nicht nur die Fenster in diesem Zimmer betraf, sondern sich über die gesamte Westseite des Lüttje Glück erstreckte. Verflixt, das würde ihren Zeitplan über den Haufen schmeißen. Und Imke, mit der Bentje die Arbeit normalerweise gemeinsam wuppte, war seit vorgestern in Flensburg, um der dortigen Brauerei bei einer neuen Kampagne zu helfen.

Seit sie Bentje nach Kiekersum hinterhergezogen war, arbeitete sie nicht nur in der Pension, sondern nebenbei stundenweise oder hin und wieder wie jetzt gerade auch ein paar Tage am Stück als freie Mitarbeiterin im Bereich Marketing. Sie würde erst heute Abend wieder nach Hause kommen.

Ach, Imke, dachte Bentje, nur gut, dass du nicht oft weg bist. Sie vermisste ihre Freundin. Und das nicht, weil sie die Arbeit der Frühstückspension alleine bewältigen musste – das hatte sie problemlos im Griff. Aber mit Imke zusammen machte alles mehr Spaß. Einschließlich der nicht geplanten Sonderarbeiten wie Fenster putzen.

Wenn Bentje sich der Sache schon alleine stellen musste, wollte sie das Malheur zumindest emotional mit Imke teilen. Deshalb zog sie ihr Handy aus der Rocktasche hervor und knipste eine der Scheiben. Sie tippte und schickte die Nachricht samt Bild zu ihrer Freundin nach Flensburg.

Schau nur, was dir für ein Spaß entgeht. Ich sage nur Schiet-Alarm!Du hast ein prima Timing, gib es zu, das war geplant, damit ich dich noch mehr vermisse

Bentje behielt das Display im Blick. Unter der Nachricht erschien erst ein einzelnes graues Häkchen, dann ein zweites und gleich darauf färbten sie sich blau. Nur Sekunden später sah sie, dass Imke tippte. Gebannt starrte sie das Textfeld an, wo schreibt stand. Gleich darauf erlosch das Wort und tauchte Sekunden später wieder auf. Das ging mehrere Male so.

Was machte Imke denn nur? Wollte sie einen ganzen Roman als Antwort tippen? Um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln, legte Bentje das Telefon auf den kleinen Tisch, öffnete zumindest schon mal die Fenster und bereitete einen Putzeimer mit heißem Wasser und Reinigungsmittel vor. Bevor sie die Putzhandschuhe überzog und sich den Schwamm griff, warf sie einen erneuten Blick auf das Display, Imkes Nachricht war angekommen. Bentje las den kurzen Text und grinste.

Moin, Süße. Habe ich gut gemacht, oder?

Aber ernsthaft, das tut mir echt leid. Wenn ich wieder da bin, werde ich mir das Federvieh vornehmen und ein ernstes Wörtchen mit denen schnattern. Ich mache das wieder gut, versprochen! Ich wünsche dir trotzdem einen schönen Tag. *knutsch*

Grinsend kommentierte Bentje die Nachricht mit einem Herzen und packte das Handy weg. Es half ja nichts, da musste sie jetzt durch.

Da sie dank Wiebke nicht wie geplant mit dem Abziehen der Bettwäsche starten musste, schnappte sie sich ihren Putzeimer und stellte sich der Herausforderung. Verschmutzte Scheiben wollte sie ihren Gästen auf keinen Fall zumuten. Wer im Lüttje Glück eincheckte, checkte im besten Fall aus dem Alltag aus. Hier konnten die Gäste eine unbeschwerte Zeit genießen und sich nach Herzenslust entspannen.

Während sie sorgfältig Scheibe um Scheibe von den Hinterlassenschaften befreite und wieder zum Blitzen brachte, genoss sie die frische Brise. Es war Flut, sie konnte die Nordsee hinter dem Deich rauschen hören. Möwenschreie und Gänseschnattern tönten aus der Ferne. Nachdem das letzte Fenster fertig war, gönnte Bentje sich ein paar tiefe Atemzüge. Sie hob die Arme weit nach oben und streckte sich. Zweimal knackte es dabei in ihrem Rücken. Das tat so gut – die Nordseeluft ebenso wie die Dehnung!

Kurz bedauerte sie, keine Zeit für das tolle Spätsommerwetter zu haben, vielleicht konnte sie nachmittags ein bisschen am Deich sitzen und stricken. Statt auf glitzernde Wellen würde sie dann eben auf die endlose Weite des Watts blicken, aber das mochte sie genauso gern wie das Wellenspiel. Gerade diese Abwechslung liebte sie. Es war ein grandioses Schauspiel, wenn das Wasser auflief und das Watt langsam zurückeroberte oder anders herum, das Wasser sich fast unmerklich zurückzog und dabei immer größere Flächen des Meeresbodens freigab. Bentje wurde nicht müde, den Wandel zu beobachten.

Die Natur an der norddeutschen Küste war wild, rau und atemberaubend schön. Obwohl Bentje hier aufgewachsen war und alles in- und auswendig kannte, hatten Landschaft und Nordsee für sie in all den Jahren nichts von ihrem Zauber verloren. Jeden Morgen, beim ersten Blick aus dem Fenster, war sie dankbar, hier leben zu dürfen. Für sie stand fest – der Neuanfang in Kiekersum war vielleicht die schwierigste, aber ganz sicher auch die beste Entscheidung gewesen, die sie hatte treffen können.

Bentje arbeitete flott und putzte sich von Zimmer zu Zimmer voran. Während sie Betten frisch bezog und Bäder zum Glänzen brachte, ließ sie ihre Gedanken auf Wanderschaft gehen.

Ihr Leben noch einmal komplett umzukrempeln und ihre Karriere im Marketing aufzugeben, hatte sie viel Mut gekostet. Natürlich hatte sie gehofft, dass sich alles positiv entwickeln würde, aber eine Garantie hatte es nicht gegeben. Besonders vor der beruflichen Herausforderung hatte sie ordentlich Respekt gehabt. Ein eigenes Unternehmen zu führen, war schließlich kein Pappenstiel. Es gab so viele Vorschriften, die sie beachten musste. Anfangs hatte sie Albträume gehabt, in denen sie wegen Pflichtverletzung verhaftet worden war.

Doch entgegen aller Ängste hatte sie problemlos in ihre neue Rolle als Pensionswirtin gefunden, und es machte ihr sehr viel Spaß. Die vielfältigen Aufgaben gingen ihr überwiegend locker von der Hand – abgesehen von der Buchhaltung –, aber glücklicherweise musste sie nur die Vorarbeit leisten, den Rest übernahm der Steuerberater, mit dem auch schon die Vorbesitzerin Finna zusammengearbeitet hatte. Dass er den Betrieb kannte, hatte den Übergang erleichtert. Die Arbeit im Lüttje Glück war enorm abwechslungsreich, und den Umgang mit den Menschen empfand Bentje als angenehm und bereichernd. Naturgemäß waren die meisten Gäste sowieso gut drauf, da sie ihren Urlaub hier verbrachten. Die liebevolle Atmosphäre, die Bentje überaus wichtig war, tat ihr Übriges. Sie war immer dankbar, wenn Gäste sich bewundernd umsahen und ihr bestätigten, wie schön sie alles fanden und wie gern sie Zeit im Lüttje Glück verbrachten.

Es kam ihr fast so vor, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Von ihrem alten Leben vermisste sie nichts. Hier an der Küste fühlte sie sich so viel wohler als in der Großstadt – auch wenn sie Hamburg noch immer sehr mochte, leben wollte sie dort nicht mehr. Dazu schätzte sie die Ruhe um sich herum und die Nordsee fast direkt vor der Haustür viel zu sehr.

Bentje hatte innerhalb kürzester Zeit hier Wurzeln geschlagen. Das Haus war ihre Heimat geworden. Freiwillig würde sie nie wieder weggehen, das stand fest. Und zwar nicht nur, aber auch wegen Jasper. Ihr Freund hatte einen großen Anteil an ihrem Entschluss gehabt, nach Kiekersum zurückzukommen.

Hier in dem kleinen Ort zwischen Husum und Nordstrand hatte Bentje einfach alles, was sie für ihr persönliches Glück brauchte. Daran konnten auch die kleinen Tücken nichts ändern, die das Leben an der Küste manchmal mit sich brachte. Wie zum Beispiel Sonderputzaktionen.

Inzwischen hatte Bentje sich durch die meisten Zimmer gearbeitet. Sie hatte gesaugt, gelüftet und gewienert. Wie sie es geahnt hatte, waren wirklich fast alle Fenster betroffen gewesen und natürlich hatte sie sich am Ende nicht nur die mit Vogelschiss, sondern alle vorgenommen. Es war allerdings ein Geduldsspiel. So perfekt die schnieken Sprossenfenster auch zu dem Erscheinungsbild des reetgedeckten Friesenhauses passten, beim Putzen entpuppten sie sich als echte Zeiträuber.

Der heutige Großkampftag hing mit der Küstenzauber-Strickzeit zusammen, die gestern zu Ende gegangen war. Nach einer Woche voller Stricken und Schnacken waren nach dem Frühstück alle Teilnehmerinnen abgereist, und Bentje hatte sich in den Zimmerdienst gestürzt. Es war bereits die fünfte erfolgreiche Strickwoche gewesen; inzwischen gab es keinen Zweifel mehr, Bentje hatte ihre Nische gefunden, und das machte sie nicht nur glücklich, sondern durchaus auch ein bisschen stolz.

Die nächsten Strickwochen waren bereits in Planung. Über neue Angebote und verschiedene Küstenzauberevents nachzudenken und mit Imke zu beratschlagen, was sie noch anbieten könnten, machte ihnen beiden großen Spaß. Wenn die Teilnehmerinnen und hin und wieder auch ein männlicher Teilnehmer dann im Haus waren und man das Glück spüren konnte, das durch die Luft vibrierte, dann konnte Bentje sich nichts Schöneres vorstellen. Auch die vergangene Woche war wieder sehr harmonisch gewesen und hatte die zwölf Teilnehmerinnen zusammengeschweißt.

Besonders gefiel Bentje, dass die meisten auch über die gemeinsame Strickzeit hinaus miteinander verbunden blieben. Einige nur locker, bei manchen aber war abzusehen, dass sich eine Freundschaft entwickeln würde. So war ihnen auch heute der Abschied schwergefallen. Wie bereits bei den vorherigen Küstenzauber-Strickwochen hatte sich der Großteil der Strickerinnen durch die direkte Anmeldung für das nächste Event über den Trennungsschmerz hinweggetröstet. Trotzdem hatte beim Frühstück neben der Freude über das Erlebte auch eine ordentliche Portion Melancholie mitgeschwungen. Bentje hatte allerdings keine Zeit für langen Abschiedsschmerz gehabt. Sie hatte sich kopfüber in die Arbeit gestürzt.

Auch wenn ihr Zeitmanagement dank der Schietattacke für heute Makulatur war, ihre Begeisterung für das Schauspiel der über den Himmel ziehenden Schwärme von Wildvögeln konnte das nicht schmälern.

Wie denn auch?

Angefangen beim Versammeln der Tiere auf den Wiesen bis zum gemeinsamen Abheben – wenn die schwarze Wolke sich formierte und über den Himmel zog. Es war immer wieder ein grandioses Spektakel. Sie sah sogar jetzt, während sie mit den verschmutzten Scheiben kämpfte, lächelnd einem Schwarm Wildgänse hinterher, der auf die Salzwiesen zusteuerte. Sie würde nie müde werden, dieses Schauspiel zu verfolgen und die ziehenden Scharen zu beobachten.

Wenn ein Schwarm dicht über das Haus hinweg zog, wurde es drinnen manchmal minutenlang dunkel. Man konnte das Rauschen der Flügel hören, das Schnattern, Piepen und Krächzen, wenn die Vögel sich im Flug unterhielten. Und dann diese Ästhetik, als hätte ein Choreograf den Tanz durch die Lüfte mit den Darstellern einstudiert.

Beim Beobachten der abenteuerlichen Manöver hielt Bentje immer wieder fasziniert die Luft an. Wie konnten die Tiere das so sensationell harmonisch hinbekommen? Wer gab den Takt vor? Von wo kam das Kommando, wenn Hunderte Vögel gleichzeitig die Richtung änderten, sich fallen ließen oder dem Himmel entgegen stiegen? Die Schwärme verschmolzen zu einer Einheit, aber woher wusste jeder Einzelne, was die anderen machten? Wer könnte angesichts solcher Schönheit genervt sein von schmutzigen Fenstern? Sie jedenfalls sicher nicht.

Derartige Vogelschwarmattacken kamen zum Glück auch nicht allzu oft vor. Meistens landeten die Hinterlassenschaften auf der Erde oder im schlechtesten Fall auf geparkten Autos. Nur wenn der Wind ungünstig stand, konnte es eben passieren, dass auch das Haus einen Gruß abbekam.

Dass sie mit dem Zimmerdienst deutlich später dran war, als ursprünglich geplant, nahm Bentje mit nordischer Gelassenheit hin. Durch so etwas ließ sie sich die Laune nicht verhageln, wieso auch? Grummeln würde niemandem helfen und nichts an der Situation ändern.

So schwungvoll, wie sie in der Früh die erste Tür geöffnet hatte, zog Bentje die inzwischen vorletzte Tür jetzt hinter sich zu. Sie war mit sich zufrieden. Trotz des Zeitdrucks blitzten alle Scheiben wieder und das Zimmer Altländer Pfannkuchenapfel war bereit für den nächsten Gast. Den letzten Raum würde sie jetzt auch noch schaffen.

Wieder den Staubsauger im Schlepptau, marschierte sie flotten Schrittes den Flur entlang Richtung Prinz Albrecht von Preußen.

Die Gästezimmer im Lüttje Glück waren alle nach alten Apfelsorten benannt. Und nicht nur das, alle Sorten, die Namenspaten für ein Gästezimmer waren, fanden sich auch im großen Apfelgarten hinter dem Haus wieder. Finna, Bentjes großmütterliche Freundin und frühere Betreiberin der Pension, hatte sich mit viel Liebe dem Erhalt alter Apfelsorten gewidmet. Für Bentje war es selbstverständlich gewesen, Finnas Lebenswerk zu übernehmen, auch wenn sie nicht die gleiche Begeisterung für Apfelbäume aufbrachte wie ihre Vorgängerin. Nur gut, dass es Jasper gab. Bentjes Freund hatte Finna früher schon immer unterstützt. Seit sie nach Australien ausgewandert war, kümmerte er sich um die Belange des Apfelgartens.

Bevor sie sich das letzte Zimmer vornahm, warf Bentje einen schnellen Blick auf die Uhr. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie nicht mit dem Prinz Albrecht von Preußen angefangen hatte – dort sollte nämlich ihr heutiger neuer Gast unterkommen. Er hatte geschrieben, dass er sich besonders auf den Apfelgarten freue und bei der Reservierung speziell um dieses Zimmer gebeten. Damit hatte er ihre Neugier geweckt. Hatte er sich nur durch die Zimmernamen inspirieren lassen und auf gut Glück diesen Raum gewählt, oder kannte er das Lüttje Glück bereits von früheren Aufenthalten? Die Information, dass ein Apfelgarten mit alten Sorten zum Haus gehörte, konnte er der Webseite entnommen haben. Sie war gespannt auf den Herrn.

Da er an diesem Tag der einzige Gast bleiben würde, hatte Bentje sicher genug Zeit, um sich mit ihm zu unterhalten und ihm die ein oder andere Antwort zu entlocken. Weitere Gäste erwartete sie erst am nächsten Tag.

Inzwischen war es schon weit in der Mittagszeit, und Bentjes Magen meldete sich. Eine Locke, die ihr auf der verschwitzten Stirn klebte, erzählte von dem körperlichen Einsatz, den die Arbeit forderte. Aber jetzt war es fast geschafft, das war das letzte Zimmer. Sie legte ihre Hand auf den Türgriff und wollte die Klinke gerade herunterdrücken, als sie das Klappern der Eingangstür hörte. Die Post?

»Hallo?«, tönte gleich darauf eine warme Männerstimme zu ihr hinauf. Nein, das war nicht Hein, ihr Postbote. Die Stimme klang jünger.

Ach du je, bestimmt war das der neue Gast, was machte der denn schon hier?

»Moin, einen Moment bitte, bin sofort da!«, antwortete Bentje und legte das Staubsaugerrohr auf den Boden. Sie musste ihren Gast bitten, sich die Zeit noch etwas zu vertreiben. Eine halbe Stunde brauchte sie auf jeden Fall noch.

Vor lauter Eile stolperte Bentje über den Staubsaugerschlauch. »Autsch«, rief sie halblaut und unterdrückte den Fluch, der ihr über die Lippen wollte. Sie wankte, wäre um ein Haar der Länge nach hingeklatscht.

In dem verzweifelten Versuch, Halt zu finden, warf sie Eimer und Besen um. Der Eimer rollte auf die Treppe zu und polterte lautstark Stufe für Stufe abwärts. Nur gut, dass kein Wasser drin gewesen ist, schoss es Bentje durch den Kopf. Sie rieb sich den Knöchel, den sie sich beim Stolpern angeschlagen hatte.

»Alles in Ordnung?« Die Stimme kam nicht mehr wie gerade eben von unten. Der Mann stand direkt vor ihr. Bentje stieß vor Schreck einen kleinen Schrei aus und merkte, wie ihr Gesicht heiß wurde.

Der junge Mann war Anfang dreißig. Er hatte lockiges halblanges Haar und einen kurz gestutzten Vollbart. In seinen dunkelbraunen überraschend sanften Augen glaubte Bentje Besorgnis zu erkennen. Nein, das konnte nicht ihr Gast sein. Er sah nicht aus wie ein Pomologe. Eher wie ein Weltenbummler.

Bevor Bentje etwas sagen konnte, beugte sich der fremde Mann hinunter. »Lassen Sie mich mal sehen«, sagte er. Eine Hand legte er an die Ferse ihres verletzten Fußes, die andere an ihre Wade. Vorsichtig zog er am Schuh, der sich einfach abstreifen ließ.

Bentje zuckte zurück. »Danke, alles in Ordnung, ich habe mich nur gestoßen. Entschuldigen Sie bitte das Chaos. Ich hatte, es ist, also …«

Um aller Schafe willen, was war denn jetzt los? Wieso verschlug es ihr denn derart die Sprache?

»Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bin …«

»Hey, Bentje, bist du da?« Das war Jasper. »Ich bin früher dran, als erwartet. Hast du schon gegessen? Sonst könnte ich uns was kochen. Oder wir nutzen die Zeit, bis wieder Gäste da sind.« Seine Stimme kam näher. »Ich hätte da schon so eine Idee«, gurrte er.

Die Hitze in Bentjes Gesicht verstärkte sich.

Kapitel 2

Jasper

Überraschung …

Nach einem schnellen Frühstück im Lüttje Glück mit Bentje, einem zweiten Kaffee im Büro und ein paar Telefonaten, ging Jasper in die Werkstatt. Etwas Zeit hatte er vor seinem Besichtigungstermin des in die Jahre gekommenen Friesenhauses noch, deshalb half er seinen Männern bei einem kniffligen Zuschnitt für einen Einbauschrank aus Ahornholz.

»Okay, Leute, ich bin jetzt weg«, sagte er, nachdem die schwierigen Bretter fertig waren. »Es kann länger dauern, ihr wisst ja, was zu tun ist. Maila komm!«

Die Labradoodlehündin war schon bei seinem »Okay« aufgesprungen und lief schnurstracks aus der Halle hinaus auf Jaspers Wagen zu. Dort wartete sie, bis er sie einsteigen ließ.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Nordstrand. Jasper war ungewohnt angespannt, es lag ihm viel an dem Auftrag, hoffentlich klappte es und er konnte mit seinen Ideen für die Sanierung überzeugen. Die Fahrt über den Damm hob seine Laune deutlich. Als sich nach einer Kurve der Horizont vor ihm öffnete, überkam ihn ein Gefühl der Freiheit. So erging es ihm jedes Mal, wenn er hier entlangfuhr – deshalb liebte er diese Strecke auch so sehr.

Links lagen die Salzwiesen, auf denen gerade das Wasser stand, das die Flut hereindrückte. Schafe, Wildgänse, Möwen und andere Wildvögel und dazu das typisch nordische Farbenspiel zwischen blauem Himmel, grünen Wiesen und der dunklen Nordsee ließen sein Herz weit werden. Hier konnte man Glück atmen und die Seele im Nordseewind flattern lassen.

»Was meinst du, kleiner Stopp am Yachthafen?«, fragte Jasper nach hinten, wo Maila brav auf ihrer Decke lag. Gleich darauf nickte er. Sie hatte zwar nicht geantwortet, aber das, was sie nicht gesagt hatte, wertete er als Ja. Es würde ihnen beiden guttun. Sich noch mal eben die Beine zu vertreten und den Kopf freizumachen, bevor er gleich in dem Haus am Deich auf den Kunden traf, war sicher kein Schaden. Noch während er das dachte, setzte Jasper den Blinker.

Nur ein paar kleinere Motorjachten und zwei Segelboote schaukelten sacht auf den Wellen, weit und breit war kein Mensch in Sicht. Jasper genoss die Ruhe, den leichten Wind und die Sonne. Gemütlich spazierte er den Salzwiesenpfad am Anleger entlang.

Während Maila schnupperte, studierte er die Informationstafeln zu den heimischen Pflanzenarten, die entlang des Weges aufgestellt waren. Strandflieder, Rotschwingel, Queller, Strandaster – das meiste, was hier vorgestellt wurde, kannte er natürlich, aber die Artenvielfalt auf den Salzwiesen begeisterte ihn immer wieder aufs Neue. Während er von Schild zu Schild schlenderte, empfand er intensiv die Dankbarkeit, an diesem wunderbaren Ort leben zu dürfen. Es hatte einen guten Grund, weshalb der Norden als Urlaubsziel so beliebt war und immer beliebter wurde.

Als Maila an der Leine ruckte, weil sie einem interessanten Duft hinterherwollte, schrak Jasper auf und sah auf die Uhr. So spät schon? Jetzt wurde es aber Zeit. Dieser Dirk Asmussen hatte bei ihrem Telefonat nicht den Anschein gemacht, als würde er Unpünktlichkeit hinnehmen, und Jasper bemühte sich sowieso immer, pünktlich zu sein. Für ihn war es eine Frage des Respekts, niemanden warten zu lassen. Und diesen speziellen Kunden schon gar nicht, schließlich wollte er einen möglichst gelungenen Start für das Projekt haben und gut mit dem Mann auskommen. Wenn alles lief, wie er es sich erhoffte, hatten sie die nächsten Monate miteinander zu tun.

Flotten Schrittes steuerte er auf seinen Wagen zu und öffnete die hintere Tür. »Na komm, Maila, einsteigen, die Arbeit ruft!«

Nur widerwillig ließ die Hündin sich überreden hineinzuspringen. Erst nach einem zweiten energischeren »Hopp« folgte sie – und das nicht, ohne ihrem Herrchen einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Ihre normalerweise locker hinunterhängenden Schlappohren hatte sie leidend angelegt, und in den Augen lag der Schmerz der Welt. Was für eine Schauspielerin!

Doch Jasper zuckte mit den Schultern. »Schau mich nur nicht so beleidigt an, wir hatten gerade eine sehr schöne halbe Stunde. Ich weiß, du würdest am liebsten den ganzen Tag mit mir durch die Gegend strolchen, aber einer von uns beiden muss schließlich dafür sorgen, dass der Futternapf gefüllt ist, den du immer in Lichtgeschwindigkeit leer schlabberst.«

Obwohl er genau wusste, dass es ihr gut ging und sie keinen Grund für dieses Drama hatte, streichelte er sie tröstend und gab ihr eine kleine Kopfmassage. Wenn man ihr die Fingerspitzen auf den Schädel legte und die Hand mit etwas Druck öffnete und schloss, presste sie den Kopf immer fest dagegen und kniff vor Wonne die Augen zu. Es funktionierte auch dieses Mal. Prompt zeigte sich wieder ein Lächeln auf ihren Lefzen.

»Na also, geht doch«, brummte Jasper zufrieden. »Wir können später vielleicht noch ein bisschen laufen.«

Er schloss die hintere Autotür und wollte gerade selbst einsteigen, da klingelte sein Handy.

»Moin, Jasper Klaasen am Apparat«, meldete er sich.

»Moin, Herr Klaasen, Asmussen hier. Ich stecke im Stau. – Vollsperrung. Ich muss unseren Termin absagen.«

»Oh, okay, Herr Asmussen. Sollen wir um eine Stunde verschieben?«

»Fahr doch, du Idiot!«, brüllte es durch den Lautsprecher. Es folgte ein Fluch und mehrfaches Hupen. »Sorry, hier brauchte jemand Nachhilfe zum Thema Rettungsgasse. Das kann doch nicht so schwer sein, ganz linke Spur nach links, alle anderen nach rechts. Ein Wunder, dass manche Leute es schaffen, mit Messer und Gabel zu essen, ohne in der Notaufnahme zu landen«, polterte er. »Ah, jetzt hat er es geschnallt. Guten Morgen, auch schon aufgewacht? Vielleicht solltest du noch mal ein paar Fahrstunden nehmen.« Es gab eine kurze Pause, dann sprach Dirk Asmussen mit normaler Stimme weiter. »Sorry noch mal. Eine derartige Dummheit gepaart mit Rücksichtslosigkeit bringt mich immer aus der Fassung. Jetzt bin ich wieder bei Ihnen.

Es tut mir leid, aber so wie das hier aussieht, ist es nicht absehbar, wann es weitergeht. Falls die Sperrung länger dauert, wird die Polizei sich hoffentlich etwas einfallen lassen und den Verkehr eventuell zur letzten Ausfahrt umleiten – aber so etwas kann erfahrungsgemäß dauern. Später habe ich ein Onlinemeeting mit den Staaten, das ich nicht verschieben kann. Ich melde mich.«

»Alles klar, bis später dann. Gute Fahrt – wie auch immer«, sagte Jasper. Nach einem kurzen Abschiedsgruß beendeten sie das Gespräch.

Verflixt. Natürlich kamen Terminverschiebungen immer mal vor, normalerweise nahm Jasper das gelassen, er hatte sowieso genug zu tun. Unerwartet freie Arbeitszeit konnte er problemlos füllen. Doch diese Absage wurmte ihn sehr. Der Auftrag war ganz nach seinem Geschmack, den wollte er wirklich gern an Land ziehen. Er hatte sich extra den ganzen Tag freigehalten, zuerst für die Besichtigung des Hauses und danach für die Erstellung des Angebotes.

Wie er aus dem Vorgespräch wusste, würde er einiges an Altmaterialien beschaffen müssen, das war spannend und herausfordernd zugleich. Häuser mit Jahrzehnten oder besser noch Jahrhunderten im Gebälk waren so etwas wie Jaspers Steckenpferd. Er hatte sehr gute Kontakte und liebte es, alte Dinge zu restaurieren. Das fand er sehr viel befriedigender, als immer alles herauszureißen und neu zu machen.

Was jetzt? Kurz zögerte er, eigentlich müsste er in die Werkstatt zurück, es wartete genug Arbeit auf ihn. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Stattdessen öffnete er die hintere Wagentür wieder, schnallte Maila ab und klickte den Karabiner der Leine wieder ans Geschirr an. »Dein Wunsch wurde erhört, na komm, meine Kleine, wir gehen ein bisschen laufen.«

Im ersten Moment verharrte Maila auf der Rückbank. Als ihr klar wurde, dass Jasper es ernst meinte, war ihre Begeisterung allerdings groß. Übermütig sprang sie aus dem Auto und umkreiste Jasper bellend und schwanzwedelnd. »Hey«, protestierte er. »Wenn du mich fesselst, kann ich nicht mit dir laufen.«

Er ließ die Leine los, die sich bereits mehrfach um ihn geschlungen hatte, und fasste Maila am Geschirr, um sie zu stoppen. Nachdem er Leine und sich selbst auseinanderklamüsert hatte, konnten sie endlich losmarschieren. Jasper öffnete das Weidentor, der Weg führte über die Deichkrone, ein Stück weiter hinten endete er, dann ging es quer über die Wiese, bis sie schließlich den Uferweg erreichten, der unterhalb des Deichs am Wasser entlang Richtung Fuhlehörn führte.

Mailas Locken vibrierten vor Begeisterung, sie rannte, schnüffelte, rannte weiter und bremste wieder ab. Jedes Mauseloch wurde untersucht. Als er ihr erlaubte, ins Wasser zu springen, gab es kein Halten mehr. Übermütig tobte sie in den Wellen. Wenn Jasper sich zu weit entfernte, setzte sie ihm in großen Sprüngen nach, nur um sich dann wieder im Wasser zu verspielen. Es kam nicht von ungefähr, dass er sie manchmal seinen Seehund nannte.

Über eine Stunde marschierten sie stramm am Ufer entlang, dann kehrten sie um. Zu Beginn des Marsches hatte Jasper die Bewegung genutzt, um sich den Frust von der Seele zu laufen. Jetzt genoss er einfach die Freiheit, sich so eine Auszeit an einem hundsgewöhnlichen Werktag erlauben zu können.

Ein bisschen kam er sich vor wie ein Tagedieb, weil er sich auch den Nachmittag noch freinehmen wollte. Andererseits hatte er sich das so was von verdient. An seinen letzten Urlaub konnte Jasper sich kaum noch erinnern, und wie oft er samstags stundenlang im Büro saß und über dem lästigen Papierkram brütete, konnte er nicht mehr zählen. Unter dem Strich kamen bei ihm deutlich mehr Arbeitsstunden zusammen als bei seinen Mitarbeitern.

Das war in Ordnung, schließlich gehörte ihm die Tischlerei, aber dann hatte er sich diese kleine unverhoffte Freiheit durchaus verdient und musste sich selbst deshalb kein schlechtes Gewissen machen. Da er nun sowieso schon freigenommen hatte und Dirk Asmussen sich noch nicht wieder gemeldet hatte, konnte er das auch noch ein bisschen weiter auskosten. Er beschloss, Bentje zu überraschen. Eigentlich hatte er erst am Abend kommen wollen, doch so war das eben mit Plänen, ganz oft kam das Leben dazwischen – oder wie in diesem Falle ein Stau.

Der Kies knirschte unter den Reifen, als Jasper seinen Wagen auf den Platz vor dem Lüttje Glück lenkte. Er freute sich auf Bentjes Gesicht, wenn er gleich unerwartet vor ihr stand und auf die gemeinsame Mittagszeit mit seiner Frau.

Meine Frau – er spürte dem Begriff nach, der ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Natürlich war Bentje bisher nur seine Freundin, seine Lebenspartnerin, aber immer öfter gab es da dieses Kribbeln in ihm, diese Sehnsucht nach mehr.

Aber ein Brett nach dem anderen, wie er als Tischler zu sagen pflegte. Der Moment für so einen Antrag musste stimmen, das war nichts, was er zwischen Tür und Angel machen wollte. Jetzt galt es erst einmal, die gemeinsame Mittagspause zu genießen. Es waren gerade keine Gäste im Haus, und Imke kam erst abends von Flensburg zurück. Sie hatten tatsächlich sturmfrei, das schrie danach, spontan genutzt zu werden. Durch ihrer beider Alltag gab es solche Gelegenheiten nicht oft.

Noch bevor er eingeparkt und den Motor abgestellt hatte, tönte von hinten ein aufgeregtes Bellen. Unfassbar – gerade hatte Jasper Maila doch noch im Rückspiegel gesehen – ganz entspannt, die Schnauze auf den Pfoten gebettet, war sie mit geschlossenen Augen dagelegen und hatte leise geschnarcht. Kein Wunder, so wie sie im Wasser getobt hatte und über die Wiese gepest war.

Dieses Fellmonster war wirklich unglaublich. Maila musste einen eingebauten Lüttje-Glück-Sensor haben. Wie sonst konnte sie bemerkt haben, wo sie waren, ohne auch nur einmal zu blinzeln? Hätte er vor der Werkstatt geparkt, hätte sie vermutlich allenfalls mit einem Ohr gewackelt und sich ansonsten nicht aus der Ruhe bringen lassen. Aber so war sie aufgesprungen, hatte innerhalb von Sekunden den Schlaf abgeschüttelt und trippelte aufgeregt mit den Vorderpfoten. Hellwach stand sie auf der Rückbank, wedelte wild mit dem Schwanz und zerrte an der kurzen Leine, mit der sie gesichert war. Ohne die wäre sie vermutlich mit einem Satz zu Jasper nach vorn gesprungen.

Ihre gesamte Körpersprache drückte Ungeduld aus. Sie schüttelte ihre weißen Locken, nieste zweimal und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie ganz dringend und so schnell wie möglich aussteigen wollte. Natürlich wusste Jasper, was sie antrieb. In seinen Mundwinkeln zuckte ein Grinsen.

Maila winselte und bellte so hell, dass es fast ein Quietschen war, um ihr Herrchen dazu zu bringen, endlich auszusteigen. Je nach Situation konnte sie Stimmlage und Töne anpassen. Ihr Repertoire beeindruckte Jasper immer wieder. Ansatzweise konnte er Mailas Hündisch sogar verstehen.

Wenn sie zum Beispiel ein Spielzeug unter ein Möbelstück bugsiert hatte und empört war, weil sie nicht mehr drankam, hörte Jasper das an der Art und der Tonlage ihres Bellens. Manchmal ergab es sich natürlich auch aus der Situation heraus, so wie jetzt. Vermutlich hatte sie so etwas gesagt wie: »Mensch, Jasper, jetzt mach schon. Was trödelst du denn so lange? Ich möchte in den Garten. Meine Freundinnen warten. Na hopp!«

Er drehte sich um und kraulte Maila am Kinn. Sie leckte ihm über die Hand, war aber zu aufgeregt, um das Streicheln zu genießen. Jasper lachte. »Wo hast du nur die Energie her, wir waren doch gerade fast zwei Stunden laufen. Aber keine Bange, es geht gleich los, meine Hübsche. Einen Moment Geduld noch, deine Hennenfreundinnen werden schon nicht wegrennen.«

Bevor er ausstieg, wollte er noch kurz das Handy auf neue Nachrichten checken. Aber nein, der Kunde hatte sich noch nicht wieder gemeldet. Jasper seufzte genervt, hoffentlich meldete er sich überhaupt wieder und hatte es sich mit dem Haus nicht anders überlegt. Vielleicht hatte er gemerkt, dass die Fahrt zwischen Hamburg und Nordstrand zwar nicht weit war, aber durchaus nervend sein konnte, da es oft Stau gab.

Dieser Dirk Asmussen war zwar bei den Telefonaten freundlich gewesen, aber er hatte auch so einen gewissen »Ich bin wichtig«-Unterton in der Stimme. Solche Leute waren oft sprunghaft und unberechenbar.

Wie auch immer – zumindest hatte er sich für die reichlich späte Terminabsage entschuldigt. Eine halbe Stunde früher und Jasper hätte sich die Fahrt nach Nordstrand sparen können, aber gut, Shit happens, und zumindest hatte der Abstecher ans Meer, den er sich und Maila gegönnt hatte, ihnen gutgetan. Den schwarzen Peter hatte bei diesem Spiel eindeutig sein Kunde in Form des ausgewachsenen Staus. Ob er wohl noch immer stand?

Maila winselte.

»Ungeduldig?« Jasper drehte sich nach hinten. »Ich habe es schon.« Er steckte das Handy ein, stieg aus, öffnete die hintere Tür und löste Mailas Sicherung. Nichts passierte, Maila sah ihn nur an und wartete. Braver Hund! Genau so sollte es sein. Da Jasper sie oft auf Baustellen mitnahm, hatte er viel Wert daraufgelegt, dass sie nur auf Kommando aus dem Auto sprang. Sie blieb auch zuverlässig an einem Platz, wenn es sein musste. Ansonsten war sie eher Marke ungestüm und ein ziemlicher Frechdachs mit einem großen Herzen für alle Lebewesen. Jasper war seit dem ersten Moment vernarrt in seine Hundedame. Maila sorgte dafür, dass er nie das Lachen vergaß.

»Na dann, auf geht’s, Maila, ich lass dich gleich nach hinten zu deinen Freundinnen und werde dann Bentje überraschen.« Sie legte den Kopf schief. Jasper nahm an, dass sie über die Worte nachdachte, doch dann fiel ihm ein, weshalb sie sich nicht rührte. Er hatte das Kommando vergessen. »Hopp!«

Mit einem Satz war die Hündin draußen und sprang wild mit dem Schwanz wedelnd erst um das Auto herum, dann auf das Gartentor zu. Dort blieb sie stehen und drehte sich erwartungsvoll nach ihrem Herrchen um, das nicht so schnell war wie sie auf ihren vier Pfoten.

»Bin ja schon da.« Jasper öffnete die Pforte und ließ Maila durchschlüpfen. Dann zog er die Tür wieder zu. »Na lauf, viel Spaß mit den Hühnern.«