Das Glücksbüro - Andreas Izquierdo - E-Book

Das Glücksbüro E-Book

Andreas Izquierdo

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Beschreibung

Albert Glück ist ein seltsamer Kauz. Er ist knapp über fünfzig, ein wenig trocken, penibel, und er arbeitet im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Formulare, Stempel, Dienstvorschriften sind seine Welt, in der er sich gut eingerichtet hat. Ganz wörtlich, denn Albert arbeitet nicht nur in dem Amt, er wohnt auch dort. Von allen unbemerkt hat er im Keller einen kleinen Raum bezogen und verbringt zufrieden seine Tage im immer gleichen Rhythmus. Doch eines Tages wird Alberts sorgsam eingehaltene Ordnung durcheinandergebracht. Auf seinem Schreibtisch landet ein Antrag, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, denn er beantragt – nichts! Albert tut alles, um diesen unseligen Antrag loszuwerden, doch vergeblich: Immer wieder kehrt er auf seinen Schreibtisch zurück. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zum Antragsteller zu machen. So trifft Albert auf Anna Sugus, eine ziemlich wilde Künstlerin, die Alberts Welt ganz schön auf den Kopf stellt …

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Seitenzahl: 355

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Albert Glück ist ein seltsamer Kauz. Er ist knapp über fünfzig, ein wenig trocken, penibel, und er arbeitet im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Formulare, Stempel, Dienstvorschriften sind seine Welt, in der er sich gut eingerichtet hat. Ganz wörtlich, denn Albert arbeitet nicht nur in dem Amt, er wohnt auch dort. Von allen unbemerkt, hat er im Keller einen kleinen Raum bezogen und verbringt zufrieden seine Tage im immer gleichen Rhythmus. Doch eines Tages wird Alberts sorgsam eingehaltene Ordnung durcheinandergebracht. Ein Antrag landet auf seinem Schreibtisch, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, denn er beantragt – nichts! Albert tut alles, um diesen unseligen Antrag loszuwerden, doch vergeblich: Immer wieder kehrt er auf seinen Schreibtisch zurück. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zum Antragsteller zu machen. So trifft Albert auf Anna Sugus, eine ziemlich wilde Künstlerin, die Alberts Welt ganz schön auf den Kopf stellt …    Andreas Izquierdo, geboren 1968, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte u.

Andreas Izquierdo

Das Glücksbüro

Roman

Originalausgabe

eBook 2013

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2013 DuMont Buchverlag, Köln

Umschlag: Zero, München

Umschlagabbildungen: mauritius images/Ikon Images; FinePic®, München

ISBN eBook: 978-3-8321-8712-5

www.dumont-buchverlag.de

Für Pilar

IM AMT

1.

Neuerdings hatte Albert seine besten Ideen, wenn er nachts ganz alleine, beim Schein einer Kerze, in der riesigen Kantine zu Abend aß und die Schatten der Tische und Stühle aussahen, als würden sie im Geflacker auf spindeldürren Beinen herumtanzen. Dann war es ganz still im Haus, und bei einem Glas Kochwein plante er den nächsten Tag, der immer mit einem Geburtstag anfing, mit Mayonnaise, einem Gläschen Sekt und vielen guten Wünschen.

Er hatte in der gewaltigen Küche einen der Bräter geöffnet, in dem man sonst fünfzig oder sechzig Schnitzel auf einmal brutzeln konnte und in dem jetzt zwei Eier auf ein wenig heißem Öl zuckten. Mit einem viel zu großen Schaber hob er die gelben Glupschaugen aus dem Bräter und legte sie vorsichtig auf zwei Brotscheiben, die bereits mit Schinken und Käse bedeckt waren, als ihn sein kleiner Einfall lächeln ließ. Nichts Besonderes, eine Kobolterie, im Grunde genommen eines Mannes wie Albert völlig unwürdig, aber auch ein kleiner Stein, den man in ein stilles Gewässer warf, konnte große Kreise ziehen.

Und das Amt war ein stilles Gewässer.

So still, dass ein Außenstehender ein Leben lang darin angeln konnte, ohne je etwas zu fangen, obwohl es Tausende von Fischen darin gab. Man blickte auf den See und sah: nichts. Er war tief und voller Geheimnisse, ja sogar Magie, aber es nützte nichts, wenn man nicht den richtigen Köder hatte, um ihm all seine Reichtümer zu entlocken.

An jenem Abend also hatte er diese kleine Idee, aß mit diebischer Freude und großem Appetit den Strammen Max und blickte munter kauend um sich: Eine leere Kantine hatte für gewöhnlich etwas Deprimierendes an sich, so wie ein leerer Swimmingpool. Albert jedoch war ganz und gar kein gewöhnlicher Mensch, auch wenn dies nur wenige vermutet hätten, denn die, die ihn kannten, beschrieben ihn meist als irgendwie … grau. Was weniger an seinem dichten Haar lag, sondern eher an seiner gesamten Erscheinung: Er sah immer ein wenig blass aus, sein Anzug war auch irgendwie grau, obwohl das nicht ganz stimmte, denn eigentlich hatte er gar keine bestimmbare Farbe. Nur die Schuhe waren schwarz und immer blank poliert. Die einzige wirkliche Farbe, die an ihm selbst auszumachen war, war das Dunkelbraun seiner Augen, das so ganz im Widerspruch zu seiner äußeren Erscheinung stand. Darin schimmerten eine Tiefe und eine Warmherzigkeit, mit denen man nicht gerechnet hätte.

Um diese Uhrzeit war nur noch selten jemand im Amt, da es nur selten jemanden gab, der Überstunden machte. Es gab auch keinen Grund für Überstunden, denn im Amt für Verwaltungsangelegenheiten waren alle Dienstvorschriften, Verordnungen, Beihilfeangelegenheiten und Apostillen nur während der Dienstzeiten wirksam, sie gingen schlafen, wenn die vielen Beamten das Haus verließen, und erwachten, wenn sie morgens zurückkehrten.

Man konnte sagen, dass das Amt für Verwaltungsangelegenheiten so etwas wie die ›Mutter aller Verwaltungen‹ war. Ein gewaltiger, höchst autarker Komplex, der völlig losgelöst von der übrigen Menschheit wie der Mond um die Erde kreiste und ähnlich häufig Besuch bekam. Und trat dann mal ein Fremder ein, so konnte dieser sich schnell verirren, denn die vielen Stockwerke, Flure und Gänge, Treppen und Türen, hinter denen rätselhafte Referate und Zuständigkeiten lauerten, die sich mit noch rätselhafteren Kürzeln tarnten, sahen alle gleich aus, und nicht wenige landeten nach stundenlanger Suche wieder dort, wo sie mal angefangen hatten. Ein Irrgarten, der die Wichtigkeit des Amtes noch einmal unterstrich, denn etwas, das so kompliziert war, musste … na ja, enorm wichtig sein.

Für Albert war es das Paradies.

Das Amt war wie eine Familie, nur ohne störende Verwandtschaft. Eine Burg, wehrhaft besetzt von Tausenden, in der man ganz geschützt ganz alleine sein konnte. Während die Welt draußen immer größer, komplizierter und chaotischer geworden war, war sie hier drinnen immer noch überschaubar, ordentlich und sehr gemütlich. Ein Ort der Geborgenheit, den Albert sehr schätzte, weil er im Umgang mit Menschen zuweilen ziemlich ratlos war. Denn sie neigten dazu, einander das Leben zur Hölle zu machen, dabei war es eigentlich ganz leicht, das zu vermeiden! Der Trick war, sein eigenes Spielfeld nicht zu groß zu machen. Sich mit seinem Raum zu bescheiden. Verglich man es mit Fußball, waren für Albert nicht die Spieler das Wichtigste, nicht der Ball, der Schiedsrichter, die Trikots oder die Zuschauer. Es waren die Linien. Schöne, gerade Linien, die einem anzeigten, ob man noch im Spiel oder schon draußen war, ob man ein Tor geschossen hatte oder nicht. Ohne Linien kein Spiel. Und je kleiner das Spielfeld, desto weniger Mitspieler gab es. Ordnung regierte, nicht Chaos.

Albert beendete sein Mahl, räumte ab, spülte Besteck, Teller und Glas in der Küche sorgfältig ab und verstaute alles wieder in Schränken und Schubladen. Als er die Kerze löschte, war alles wieder an seinem Platz. Als ob er nie da gewesen wäre.

Später passierte er das Foyer, in das von draußen fahles Mondlicht fiel, sah zu dem Nachtportier in der Einfahrt rüber, der, wie üblich, eingeschlafen war, stieg Treppen hinauf und bog im dritten Stock in einen Flur. Von hier aus zweigten im rechten Winkel weitere Flure ab, alle schnurgerade und flankiert von einer Allee identisch grauer Türen, seitlich daneben auf Sichthöhe fein säuberlich die Namen und Referate in geheimnisvoll auf- oder absteigenden römischen und arabischen Zahlen.

Zwei Gänge weiter bog er nach rechts in einen der längsten Gänge des Amtes und war am Ziel: Elisabeth Seel/Mike Schulze, VII.8. Albert kramte einen gewaltigen Bund aus seiner Hosentasche, suchte nach dem passenden Schlüssel, fand ihn und betrat in aller Ruhe das Büro. Eine kleine Taschenlampe flammte auf, und der Lichtkegel fiel zunächst auf den Schreibtisch von Frau Seel, der sehr ordentlich war, dann auf den Schreibtisch von Herrn Schulze, der wie ein Kriegsgebiet wirkte.

Albert wählte Schulzes Schreibtisch und stellte zufrieden fest, dass der mal wieder seine Schubladen nicht abgeschlossen hatte, der Schlüssel steckte noch. Das übernahm jetzt Albert; er verschloss den Schreibtisch und steckte den Schlüssel ein. Das war schon alles, sein ganzer kleiner Plan.

Aber ohne es zu ahnen, hatte Albert damit gerade sein Spielfeld vergrößert.

2.

Ein neuer Morgen ließ die Drehtür im Foyer rotieren, und es sah aus, als ob die draußen wartende Beamtenschlange von einem Propeller in der Mitte in kleine Beamtenstückchen gehackt wurde, die, sobald die Tür sie drinnen ausgespuckt hatte, hurtig nach allen Seiten ausschwärmten und laut MOGGGÄÄÄN! riefen. Am Ende des Foyers warteten die Aufzüge, die die kleinen, herumstreunenden Schnipsel aufnahmen, bis sie voll waren. Dann schloss sich die Klappe und sie wurden hinaufbefördert. Einige nahmen die Treppen, in der Regel die aus dem ersten Stock oder die, denen der Arzt mehr Bewegung verordnet hatte, aber viele waren es nicht.

Im Büro Elisabeth Seel/Mike Schulze, VII.8 bereiteten sich die beiden Beamten auf den Tag vor, was in Elisabeths Fall traditionell das Aufbrühen von Kaffee bedeutete, bei Mike hingegen hieß, dass er sich auf seinem Schreibtischstuhl fläzte, die Füße auf dem Tisch und die Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte. Dabei starrte er unentwegt auf die Uhr oberhalb der Eingangstür, die in wenigen Sekunden auf 7.30Uhr springen würde.

Mike zählte: »5, 4, 3, 2, 1 … Action!«

Die Tür öffnete sich.

Albert trat ein, unter dem Arm zwei Hängeordner mit Anträgen und Briefverkehr.

Mike nahm seine Hände hinter dem Kopf hervor und zielte mit den Zeigefingern auf Albert: »Sie täuschen mich nicht!«

Einen Moment lang sah Albert ihn ausdruckslos an und fragte sich, ob Mike Schulze einen Verdacht hegte, dann aber entnahm er seinem Gesichtsausdruck, dass einzig und allein das morgendliche Ritual anstand. Daher wandte er sich Elisabeth zu: »Guten Morgen, Elisabeth.«

»Morgen, Albert.«

Mike zielte immer noch auf Albert und rief: »Sie sind Stempel-Man!«

»Mike!«, mahnte Elisabeth.

Der schüttelte unbeirrt den Kopf: »Er versucht, uns zu täuschen, Lizzy. Merkst du das nicht? Unter dem unscheinbaren Äußeren lauert eine Kampfmaschine! Ein Akten-Ninja! Ein Mann …«, er ließ sich etwas Zeit für eine dramatische Pause, »… mit dunklen Geheimnissen.«

»Er macht nur Quatsch, Albert«, beschwichtigte Elisabeth.

»Ich weiß.« Alberts Miene blieb unbewegt, denn Mike Schulze demonstrierte jeden Morgen sein ungeheuer komisches Talent, über das nur Elisabeth lachen konnte. Was nicht verwunderlich war, denn die Art und Weise, wie sie Mike ansah, verriet Albert, dass sie gerne über seine Scherze lachte, denn offensichtlich mochte sie ihn sehr.

Albert hingegen lachte nie.

Elisabeth deutete auf seinen Mundwinkel: »Sie haben da übrigens was …«

Albert suchte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche heraus und wischte sich damit über den Mund: Mayonnaise. Schon wieder.

Mike nahm die Füße vom Tisch, erhob sich, legte wie Hercule Poirot die Arme auf den Rücken und sagte: »Diesmal bin ich mir sicher. Okay, kann sein, dass ich mit meiner Einschätzung gestern danebenlag, aber du musst zugeben, Elisabeth, da könnte auch ein Formationstänzer in ihm sein. Dieser Gang, dieser Swing …«

Sie grinste, wurde aber gleich wieder ernst, als Albert zu ihr rübersah.

»Aber jetzt bin ich mir sicher: Sie, Albert, sind überführt! Als Superheld!«

Albert nickte: »Ja.«

Mike triumphierte: »Ich wusste es!«

Für einen Moment rührte sich niemand, dann legte Albert die Ordner auf Elisabeths Schreibtisch.

»Danke, Albert, Sie sind ein Schatz.«

Die Bürotür flog auf, Dr.Wehmeyer betrat energisch den Raum und verlor nicht viel Zeit mit Höflichkeiten: »Morgen! Herr Schulze?«

Mike nahm Haltung an: »Ja?«

»Die Kostenübersicht, bitte.«

»Natürlich.«

Betont lässig ging er zu seinem Schreibtisch und griff mit einem triumphierenden Lächeln nach der obersten Schublade … abgeschlossen. Da half auch kein hektisches Rütteln.

»Gibt es ein Problem?«, fragte Dr.Wehmeyer.

»Die Akte ist in meinem Schreibtisch«, antwortete Mike, der immer noch an der Schublade rüttelte.

Albert nickte Dr.Wehmeyer und Elisabeth zu: »Ich geh dann mal wieder.«

Elisabeth erwiderte den Gruß freundlich, während Mike weiterhin am Griff zerrte, ohne jeden Erfolg. Albert betrat in aller Ruhe den Flur und hörte hinter sich die Stimmen der Kollegen, und mit einem Mal war ihm, als würden die beiden singen, als wären sie Teil einer komischen Oper, in der der jugendliche Held von dem herrischen Alten bedrängt wurde.

»Was ist denn jetzt?«, schmetterte Dr.Wehmeyer im schönsten Belcanto.

»Sie ist da drin!«, schallte Mike zurück, jetzt schon mit einem Hauch Verzweiflung in der Stimme.

»Dann schließen Sie halt auf!«

»Der Schlüssel ist weg.«

»Was Besseres ist Ihnen nicht eingefallen?«

»Gestern war er noch da!«

»Was kommt als Nächstes, Herr Schulze? Dass Ihre Katze die Hausaufgaben gefressen hat?«

Die Stimmen wurden leiser und leiser, wirbelten wie Staub davon, während Albert in der anderen Hosentasche mit dem Schubladenschlüssel spielte und an Mayonnaise dachte.

Gott, er liebte Mayonnaise.

3.

Eigentlich hätte ihn der plötzliche Gesang überraschen müssen, aber Albert nahm den Umstand eher erfreut zur Kenntnis und so genoss er die schönen Stimmen, solange er sie hören konnte. Er wusste, dass das Amt für Verwaltungsangelegenheiten magisch war und dass so etwas an solch besonderen Orten durchaus vorkommen konnte, aber er stand mit dieser Meinung ziemlich alleine da, daher behielt er sie auch lieber für sich.

Ein anderer besonderer Ort war sein Büro am Ende des Ganges.

Albert Glück, VII.14 stand dort, und wenn man es öffnete, war es, als wäre die Zeit vor gut vierzig Jahren stehen geblieben, denn Albert hatte sich der allgemeinen Modernisierung des Amtes vor knapp zwanzig Jahren verweigert, und man hatte ihm gestattet, seine alten Büromöbel zu behalten.

So war sein Büro das Einzige, das noch den Charme der Sechzigerjahre besaß: mit einem schmalen, aber aus massivem Holz gefertigten Schreibtisch mit einem Schubladenschloss, in das nur ein alter, großer Bartschlüssel passte. Der Aktenschrank war ebenfalls aus Holz und sah eher wie ein Kleiderschrank aus, der Besucherplatz ein Stuhl mit einer Hartschale und gebogenen Metallbeinen. Einzig einem Computer hatte sich Albert nicht verweigern können, und auch das Telefon war modern, denn mit den alten Wählscheiben war eine interne Verbindung nicht möglich.

Es gab noch zwei offene Regale mit Hängeregister, darauf eine kleine Ordnerdrehsäule. Auf dem Schreibtisch drei Ablagekästen: links die Eingänge, in der Mitte die Ausgänge und rechts ein Fach für Wiedervorlage. Alle drei waren leer, weil Albert grundsätzlich alle Arbeit, die ihm aufgetragen wurde, ordnungsgemäß, penibel korrekt und umgehend erledigte. Ansonsten lag nur noch ein Kugelschreiber auf der Schreibtischunterlage, darüber hinaus nichts.

Öffnete man die Aktenschränke, so konnte man die perfekte Anordnung der Aktenordner bewundern, die bis auf den Millimeter in Reih und Glied standen und nach Referaten, innerhalb der Referate nach dem Alphabet, innerhalb des Alphabets nach Nummern geordnet waren. Auffällig war, dass es in Alberts Büro keine Pflanzen, persönlichen Dinge, ja, nicht einmal Farben gab, auch nicht auf den Rücken der Ordner. Alles wirkte sauber, aufgeräumt und irgendwie … grau.

Und doch war er unter allen Mitarbeitern des Amtes der Individuellste, ja, in gewisser Weise sogar der Modernste, obwohl er sich selbst gar nicht dafür hielt, genauso wenig wie die anderen ihn dafür hielten. Aber im absoluten Gleichklang der Büroeinrichtungen, die sich nur in Details wie Pflanzen, Kalender oder Postermotiven der jeweiligen Hobbies der Beamten unterschieden – die auf verstörende Weise alle irgendwie gleich waren, da alle dieselben Arten von Pflanzen, Kalendern und Hobbies hatten –, war sein Büro das Einzige, das anders aussah.

Außerdem konnte man mit einem gewissen Sinn für Ironie sagen, dass sich die Welt zwar weitergedreht und Albert zurückgelassen hatte, er allen anderen dennoch wieder voraus war, denn Retro war wieder in. Er hatte sie überholt, ohne sich überhaupt zu bewegen! Er hatte die Zeit überlistet, die Physik auf den Kopf gestellt, aber niemand hatte es bemerkt.

Auch deswegen war Alberts Büro magisch.

Er betrat es wie jeden Morgen um kurz nach halb acht, setzte sich an seinen Platz, schaltete den Computer an und legte die Hände auf die Schreibtischunterlage. Es klopfte. Albert liebte die Abläufe am Morgen, die Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, mit der er die Tage begann. Die Bürohilfe trat ein, eine gut gefüllte Kladde mit allerlei Anträgen im Arm.

»Morgen, Herr Glück.«

»Guten Morgen, Susanne.«

Sie legte ihm die Kladde auf den Tisch.

»Wiedersehen, Herr Glück.«

»Auf Wiedersehen, Susanne.«

Damit schloss sie die Tür des Büros hinter sich und Alberts Tagwerk konnte beginnen. Das war ein guter Morgen, denn er war wie jeder Morgen.

Gleich der erste Antrag war ein alter Bekannter, abgeschickt von einem Herrn Chicone und wie immer voller Formfehler. Die abenteuerliche Rechtschreibung störte Albert nicht, allenfalls war es ein ästhetischer Mangel auf einem ansonsten makellos schönen Formblatt. Es war bereits der vierte Antrag in den letzten Monaten, und immer wenn Herr Chicone endlich einen falschen Eintrag vermied, baute er dafür gleich einen neuen ein.

So war der Antrag leider nicht zu bearbeiten.

Er öffnete die Schublade, zückte einen großen Stempel und ein Kissen und drückte an die exakt dafür vorgeschriebene Stelle ein großes ABGELEHNT auf den Antrag. Dann legte er das Papier in den Ablagekasten für Ausgänge. Und ohne es zu ahnen, hatte Albert mit genau dieser Ablehnung eine Tür aufgestoßen, die ihn bald schon in ein neues Leben führen würde.

4.

Die Stunden flogen nur so vorbei, denn es gab für Albert nichts Schöneres als das konzentrierte Bearbeiten der wunderbaren Anträge, die Stück für Stück von der Kladde in die Ablagekästen wanderten. Nach all den Jahren bewunderte er immer noch die aparte Schönheit des Druckbildes, die Kompliziertheit der Syntax bei einer gleichzeitigen Genauigkeit, die ihresgleichen suchte. Die Namensfelder, für gewöhnlich das Einzige, was die Antragsteller ohne Hilfe verstanden, hatten genau die richtige Größe im Vergleich zur Größe des Blattes. Die winzig kleinen Kästchen zum Ankreuzen waren vorbildlich, die feinen Absätze, die Felder, die nur von der Verwaltung ausgefüllt werden durften, der optisch ansprechende Block der Rechtsbehelfsbelehrung mit den akribisch aufgelisteten Paragrafen und die geniale Idee, Anträge oder Briefe oder Bescheide maschinell gültig zu machen, ohne dass eine persönliche Unterschrift nötig war, machten das Blatt zu einem Kunstwerk.

Und wie immer ärgerte sich Albert maßlos darüber, wenn damit nicht sorgsam umgegangen wurde: Würde jemand die Gutenbergbibel so behandeln? Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder Columbus’ Brief von der Entdeckung der Neuen Welt? Würde die jemand zerknittern oder Eselsohren reinfalten? Was nützten denn Glaube, Freiheit und die Erschließung neuer Welten, wenn sie nicht geregelt wurden? Die Verwaltung war der Motor einer jeden gesellschaftlichen Ordnung und Anträge das Schmieröl, das ihn am Laufen hielt. Ohne Anträge keine Ordnung, ohne Ordnung keine Gerechtigkeit, ohne Gerechtigkeit keine Hoffnung, ohne Hoffnung kein Glaube, ohne Glaube keine Welt. Wenn man diesem Umstand bereits keinen Respekt entgegenbrachte, musste man das auch noch demonstrieren, indem man seine Kaffeetasse drauf abstellte?

Für Albert waren diese Anträge wie Partituren, deren Musik nur die hörten, die ihre Noten lesen konnten. Jeder Antrag hatte eine Melodie, einige waren dramatisch, andere munter oder traurig, wieder andere beinahe so etwas wie romantisch. Man musste sie nur in die Hand nehmen und ansehen und schon hörte man es. Einfach wunderbar, auch wenn man von Musik überhaupt keine Ahnung hatte. Was machte das schon? Die Seele verstand.

Mittlerweile hatte Albert auch einen alten Locher auf den Schreibtisch gestellt, mit dem er zwei kreisrunde Löchlein in einen Antrag stanzte, als sein Blick auf seine Armbanduhr fiel. Nur noch wenige Sekunden bis zwölf Uhr Mittag.

Erschrocken sprang er auf und murmelte: »Oh! Jetzt aber schnell.«

Ein Schauspiel stand an, das Albert liebte und niemals verpasste: der große Hungerlauf! Er eilte aus seinem Büro, stellte sich an das Ende des Ganges und sah auf seine Uhr: Punkt zwölf Uhr flogen fast alle Bürotüren auf und Männer wie Frauen stürmten hinaus und riefen gestikulierend: MAHLZEIT!

Das Getrappel und Getöse war ohrenbetäubend, die aufgeregten Stimmen, die immer schneller werdenden Schritte, die unauffälligen Überholvorgänge noch vor dem Treppenhaus oder den Aufzügen. Niemand wollte in der Kantine ganz hinten in der Schlange stehen.

Albert war entzückt.

Der große Hungerlauf begeisterte ihn jeden Tag aufs Neue, denn er war auf wundersame Art und Weise immer gleich und letztlich waren es auch immer dieselben, die ihn gewannen. Da er aber der Einzige war, der wusste, dass es ihn überhaupt gab, fühlte er sich privilegiert und verzichtete deswegen gerne auf eine vordere Platzierung an der Essensausgabe. Wie konnte man nur nach so banalen Dingen wie dem Gewinn eines Hungerlaufs streben, wenn sich vor den eigenen Augen das Leben in seiner ganzen Schönheit entfaltete?

Die Kantine war randvoll, die Schlange vor der Essensausgabe ziemlich lang und Albert so ziemlich der Letzte in der Reihe. Er sehnte sich nach den stillen Stunden am Abend, denn große Menschenmengen ängstigten ihn, es war, als würden sich die einzelnen Körper und Stimmen zu einer gewaltigen Lawine vereinigen und ihn unter sich begraben. Der Lärm und die Enge töteten jeden seiner Gedanken ab, außer dem einen, allem zu entkommen und sich in der Stille wieder selbst zu spüren.

Er setzte sich, wie jeden Mittag, an seinen Platz, gleich neben Elisabeth Seel und Mike Schulze. Schon von Weitem konnte er an Mikes Miene erkennen, was das Thema des Tischgesprächs sein würde, und kaum hatte er Platz genommen, polterte Mike auch schon los.

»Mann, wie kann man bloß so einen Aufstand machen? Ist doch nicht so, dass ich den Job nicht gemacht hätte!«

»Hast du deinen Schreibtischschlüssel gefunden?«, fragte Elisabeth.

Mike lehnte sich zurück und winkte ab: »Nein, und das werde ich auch nicht.«

Sie sah ihn erstaunt an: »Wie meinst du das?«

Mike blickte verstohlen um sich, als ob er fürchtete, jemand könne ihr Gespräch belauschen, und raunte dann: »Wir haben einen Wolf im Amt.«

Den Überraschungseffekt hatte Mike auf seiner Seite, denn weder Albert noch Elisabeth hatten auch nur einen Schimmer, wovon er eigentlich sprach.

»Was soll das sein?«, fragte Albert.

Mike kniff verschwörerisch ein Auge zu und sagte dann im Brustton der Überzeugung: »Das sind Menschen, die in den Räumen anderer leben, wenn diese zur Arbeit fahren.«

»Kein Wunder, dass er sich in Ihrem Büro aufhält.«

»Albert!«, lachte Elisabeth.

Mike fuhr völlig ungerührt fort: »Sie sind da. Überall. Und man kann sie nicht erwischen. Es sind ihre Instinkte. Sie wissen immer, wann du zurückkommst.«

»Und was machen sie so den ganzen Tag?«, fragte Albert.

Mike nickte: »Sie nehmen an deinem Leben teil. Sie benutzen die Dinge, die du auch benutzt: Fernseher, Zahnbürste, Fotoalbum. Ganz egal. Sie brauchen dich, um zu leben, weil sie kein anderes Leben haben.«

Albert verzog skeptisch den Mund: »Das würde man doch merken.«

Mike schüttelte den Kopf: »Nein, sie verlassen die Räume, wie sie sie vorgefunden haben. Nur manchmal erlauben sie sich einen kleinen Hinweis: ein Buch, das schief im Regal steht. Eine Socke, die verloren gegangen ist. Ein Schlüssel, der scheinbar verlegt wurde. So Sachen.«

»Und so einer ist hier im Amt?«, fragte Albert vorsichtig.

»Ja.«

»Und hat den Schlüssel Ihrer Schreibtischschublade gestohlen …«

»Sie können sich ruhig darüber lustig machen, aber in diesem Amt lebt ein Wolf. Ganz sicher!«

»Warum sagen Sie das nicht Dr.Wehmeyer?«, fragte Albert unschuldig.

Mike grinste: »Teuflischer Plan, Dr.No, aber ich durchschaue ihn! In diesem Amt lebt ein Wolf, und ich werde es auch beweisen!«

Mike schaufelte beherzt das Mittagessen in sich hinein, Albert entschuldigte sich: Ihm war der Appetit vergangen.

5.

Albert wunderte sich über sich selbst, denn in letzter Zeit verstieß er immer öfter gegen seine eigenen Regeln. Wobei er durchaus Spaß am Schabernack hatte, aber es widersprach seiner Überzeugung, sein Spielfeld klein zu halten, keine weiteren Spieler zuzulassen, die die schöne Ordnung völlig ruinierten. Albert wusste, dass Mike Schulze die Geschichte vom Wolf allen, die es hören wollten oder auch nicht hören wollten, erzählen würde, und so unwahrscheinlich es auch war, dass jemand darauf einging, musste Albert auf der Hut sein.

Zwar würde Schulze niemand diesen Quatsch glauben, weil niemand in diesem Amt, außer Albert, genügend Fantasie hatte, sich einen menschlichen Wolf vorzustellen. Aber was, wenn Mike von einer Fantasiegestalt in eine andere, reale umschwenken würde: einen Einbrecher etwa. Oder einen Dieb. Eine polizeiliche Untersuchung wäre da nicht auszuschließen. Möglicherweise auch eine Art Revision, in der es nicht um dienstliche Vorgänge ging. Das Durchleuchten aller Mitarbeiter etwa. War das vorstellbar? Wegen eines Schreibtischschlüssels? Dann würde es von fremden Personen auf seinem winzig kleinen Spielfeld nur so wimmeln! Kollisionen wären gar nicht zu vermeiden. Scheußliche Vorstellung.

Und noch eine Seltsamkeit hatte ihn heute Morgen eingeholt: ein Brief seiner Bank. Seine monatlichen Überweisungen an Georg wurden eingestellt, da das Konto des Empfängers aufgelöst worden war. Er hatte es auf den Bankauszügen bemerkt und hielt es für einen Irrtum, doch jetzt stellte die Bank klar, dass alles seine Richtigkeit hatte.

Georg.

Es gab kaum einen Tag, an dem er nicht an ihn gedacht hatte. Sein alter Freund Georg. Warum hatte er das Konto aufgelöst? Er brauchte doch sicher Geld. Alberts Geld. Vielleicht würde er sich ja bald melden und ihm eine neue Verbindung mitteilen. Es wäre schön, nach so langer Zeit wieder mal von ihm zu hören.

Den Rest des Tages arbeitete Albert sorgsam, aber nicht mehr mit der gleichen tiefen Zufriedenheit des Vormittags, denn das Tischgespräch mit Mike Schulze und Elisabeth Seel ging ihm nach, wenn es auch mehr und mehr verblasste.

Kurz vor vier Uhr hatte er sein Gleichgewicht wiedergefunden, der Arbeitstag war vorbei. Punkt vier Uhr verließ er sein Büro, schloss es sorgsam ab und nahm die Treppe hinab ins Foyer. Vor der Drehtür hatte sich eine Schlange gebildet, und auch diesmal sah es so aus, als ob sie von einem Propeller in der Mitte in kleine Beamtenschnipsel gehackt wurde, die, sobald die Tür sie ausgespuckt hatte, hurtig ausschwärmten und laut FEIERABEND! riefen.

Albert hingegen ging von allen unbeobachtet die Treppen hinab in den Keller.

Eine massive, feuerfeste Stahltür öffnete die Welt zum Archiv des Amtes, das sich gewaltig nach rechts, links und in die Tiefe erstreckte, unzählige deckenhohe Regale hatte, schmale Gänge und eine kalte Beleuchtung. Einiges war schon auf EDV umgestellt worden, aber vieles war noch in alten Ordnern archiviert oder stapelte sich in Mappen und roch nach altem Papier.

Albert verschwand eilig im Gewirr der Gänge, erreichte nach einer Weile die rückwärtige Wand, bog nach rechts ab und stand plötzlich vor einer weiteren feuerfesten Tür, auf der TECHNIK stand. Dort kramte er seinen großen Schlüsselbund hervor, fischte den richtigen Schlüssel heraus und betrat sein Zimmer.

Viel stand nicht darin: Ein Klappbett, das er morgens stets hochstellte. Ein paar ausrangierte Spinde, in denen seine Kleidung untergebracht war, ein paar Regale voll mit Büchern, akribisch nach Behörden, Referaten und dem Alphabet sortiert. Ausnahmslos Dienstvorschriften, nicht nur dieser Behörde, sondern aller Behörden. Es gab ein kleines Waschbecken mit einem Spiegel und einem Handtuchhalter. Zwei Stühle und einen Tisch, darauf ein kleiner Fernseher.

Alles wirkte sehr ordentlich und irgendwie … grau.

Albert hatte es plötzlich sehr eilig: Er band sich die Krawatte ab und hängte sie zusammen mit seinem Jackett in einen der Spinde. Dann nahm er sich aus einem anderen Spind eine Packung Schogetten, legte die einzelnen Schokostückchen schön ordentlich nebeneinander auf den Tisch und schaltete den Fernseher ein.

Der Vorspann lief schon!

Legenden der Leidenschaften. Albert sah nicht viel fern, die Nachrichten, ein paar Dokumentationen, vor allem über Flora und Fauna. Aber er sah jeden Tag Legenden der Leidenschaften. Die erste Schogette verschwand in seinem Mund und breitete sich süß und schmelzig aus: Er war endlich zu Hause angekommen. Fasziniert verfolgte er die täglichen Abenteuer des armen Hausmädchens Flora, das in einem sehr reichen Haushalt Dienst tat und dort, inmitten von Intrigen, Amouren und Ränkespielen, so seltsam deplatziert wirkte. Der Geist, den jeder sah und niemand wahrnahm. Sie war … etwas Besonderes. Ja, das war sie.

Wie immer verging die Zeit viel zu schnell und es endete wie jeden Tag mit einem sehr spannenden Cliffhanger. Albert konnte es kaum abwarten, wie es morgen wohl weiterging. Hoffentlich geschah Flora nicht Böses!

Erst jetzt zog er seine Schuhe aus, stieg in gemütliche Pantoffeln und zog sich eine kuschelige Hausjacke über. In einer Ecke stand ein halbvoller Wäschekorb, auf dem Tisch lag noch die Zeitung vom vorherigen Tag. Er verließ sein Zimmer, lauschte an der Tür noch einmal in das Archiv hinein, aber alles war ruhig.

Ein paar Meter weiter gab es eine zweite feuerfeste Tür, die nur mit einem kleinen Hochspannungsschildchen versehen war. Er schloss sie auf, betrat einen Technikraum und füllte eine Waschmaschine, die dort stand. Während sie lief, saß er auf einem Hocker vor dem Bullauge und las die Zeitung.

6.

Es war schon dunkel, als der Hunger ihn mit einem handbeschriebenen Zettel in den Fingern in die Kantine trieb. Er hatte den köstlichen Duft schon in der Nase, noch bevor er in den Schränken und Schubladen zusammensuchte, was er brauchte: einen Schmortopf, Zwiebeln, Butter, Speck, Mehl, Cognac, Muskat, Rotwein, Pfeffer, Salz, Champignons. Es war alles da, nur das Entscheidende nicht, so sehr er auch danach suchte: Hühnchen.

Seine Suche nach dem Geflügel bekam nach einigen Minuten etwas Verzweifeltes, da er sich auf sein Abendessen so gefreut hatte. Irgendwann gab er auf. Dieser Bummelant von einem Küchenchef! Er suchte dessen Zimmer auf, schaltete den Computer an, trug das Passwort ein und ging noch einmal die Bestellungen der letzten Tage durch. Da! Hühnchen! Es stand groß und deutlich in der Liste, aber es war ganz offensichtlich nicht gekommen oder wieder einmal vergessen worden.

Albert tippte erneut Hühnchen in die Bestellliste ein. Musste er hier denn alles alleine machen? War es zu viel verlangt, wenn man seinen Beruf, den man irgendwann einmal aus einem bestimmten Grund ergriffen hatte, so korrekt wie möglich ausübte? Schließlich wurde der Mann doch bezahlt! Konnte da sein Arbeitgeber nicht verlangen, dass er sich einbrachte? Albert seufzte: Alles Fluchen half nicht. Er würde heute kein Coq au Vin mehr bekommen.

Später saß er wieder alleine in der Kantine. Bei Kerzenschein kaute er missmutig auf einem Strammen Max herum. Für einen Moment fragte er sich, ob er dem Küchenchef einen Streich spielen sollte, aber er ließ davon ab: Solange Mike die Mär vom Wolf durchs Amt trug, wollte er kein Aufsehen provozieren. Dennoch musste er sich überlegen, wie er dem Arbeitsethos in der Küche auf die Sprünge helfen konnte, denn auch das tägliche Essen ließ mittlerweile zu wünschen übrig. Eine Kantine war kein Gourmettempel, aber er hatte das Gefühl, dass die Schaffenskraft des Küchenchefs nachließ. Vielleicht hatte er persönliche Probleme, war deprimiert oder einsam? Vielleicht brauchte er nur neue Motivation, um wieder an alte Leistungen anzuknüpfen? Albert nahm sich vor, die Situation genau zu beobachten, um dann möglicherweise ganz sacht an ein paar Stellschrauben zu drehen. Schließlich nützte es allen, wenn das Essen gut war. Gutes Essen hob die Arbeitsmoral und steigerte die Produktivität. Selbst in einem Amt.

Er hinterließ die Küche genauso sauber, wie er sie vorgefunden hatte, und vertrat sich noch ein wenig die Beine. Im Labyrinth der Treppen und Gänge kannte sich Albert aus wie niemand sonst, und Bewegung war bei einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit von großer Bedeutung. Albert gab sehr acht auf seine Gesundheit. Ausgewogene Ernährung, tägliches Treppensteigen und lange Spaziergänge durch die Weiten der Verwaltung trugen dazu bei, dass es niemanden gab, der gestärkt vom täglichen Sport so konzentriert und effizient arbeitete wie Albert.

Im obersten Stock, am Ende eines langen Flurs an der Westseite des Gebäudes, stand Albert fast jede Nacht und blickte durch die Fensterscheiben hinab auf die Stadt, die dort funkelnd und friedlich zu seinen Füßen lag. Wie ruhig es hier war. Kein Laut drang von draußen hinauf zu ihm. Von hier wirkte alles so beschaulich, so idyllisch, aber er wusste, dass dem nicht so war: Dort draußen tobte ein Krieg!

Jeder war der Feind des anderen. Die Zeitungen und Nachrichten waren voll davon: Mord, Vergewaltigung, Körperverletzung, Betrug, Diebstahl, Egoismus, Habgier, Niedertracht und Verrat. Das ganze Kaleidoskop menschlicher Verfehlungen. Einfach grauenhaft. Wohin man auch sah: nur Ungerechtigkeit und Gemeinheiten. Der Himmel war für alle da, doch darunter hatten sich die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern verschanzt und führten einen grausamen Krieg gegen jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Sie grüßten sich, lächelten einander zu, aber sie meinten es nicht so. Wie konnte man wissen, wann ein Lächeln echt war und wann nicht? Wann jemand aufrichtig war und wann nicht? Wie konnte man überhaupt so leben?

Glücklich war der, für den sich niemand interessierte. Der den Wünschen und dem Willen der anderen nicht im Weg stand. Denn nur so wurde man ignoriert und hatte eine Chance auf ein normales Leben. Albert war froh, dass er sein Amt hatte. Dass er nachts hier stehen konnte, um die Stille zu genießen. Die Lichter der Stadt und die romantische Vorstellung, dass alles, aber auch wirklich alles, in Ordnung war.

Später am Abend, Albert hatte sich bereits den Pyjama angezogen, stand er in seinem Zimmer und bügelte noch einmal seinen Anzug und sein Hemd für den morgigen Tag auf, polierte seine Schuhe auf Hochglanz, denn er legte größten Wert auf makellose Kleidung. Anschließend legte er sich ins Bett und nahm sich seine Abendlektüre vor: Apostille – Vorschriften zur Beantragung einer Endbeglaubigung zum Zwecke der Legalisation.

Die Augen fielen ihm zu. Er war müde, rechtschaffen müde, und ja, man konnte sagen: glücklich. Wie jeden Abend löschte er um Punkt 22.00Uhr das Licht. Morgen war ein neuer Tag, ein weiterer, der mit einem Geburtstag anfing, einem Gläschen Sekt und Mayonnaise.

7.

Punkt fünf Uhr morgens schepperte der Wecker los – ohrenbetäubend laut, aber Albert war das Geräusch gewohnt und weigerte sich standhaft, das völlig veraltete Modell gegen ein moderneres zu tauschen. Es übererfüllte seine Funktion, konnte Tote wecken, was Albert zu schätzen wusste.

Wie jeden Morgen zog er den Pyjama aus, stellte sich nackt vor das Becken und begann, sich mit einem Waschlappen und Seife sorgfältig zu waschen. Alle paar Tage auch die Haare, wobei er dann gleich den Schnitt kontrollierte: Er hatte es zu einer bemerkenswerten Könnerschaft darin gebracht, sie selbst zu frisieren, sodass die meisten in seiner Umgebung glaubten, Albert leistete sich dann und wann einen teuren Coiffeur. Anschließend rasierte er sich, putzte die Zähne, zog sich an und war fast fertig für den Tag. Nur eines fehlte noch: sein Vitamindrink. Dazu löste er aus verschiedenen Röhrchen Brausetabletten in einem großen Glas Wasser auf: Vitamin C, Multivitamin, Calcium und Magnesium und kippte alles in einem Zug herunter. Das schmeckte nicht besonders, aber Albert war überzeugt, dass seine gute Gesundheit auch Ergebnis seiner Vorsorge war.

Kurz bevor er sein Zimmer verließ, riss er noch ein Blatt von seinem Kalender: 14.Februar. Dann kontrollierte er auf einem Klemmbrett einen Stapel Papier, auf den rund dreitausend Namen und Zuständigkeiten gedruckt waren, bis er schließlich auf einen stieß, der genau richtig war: Gerlinde Klostermann, 14.02.1956, Abt. III.343.

Er lächelte und rieb sich die Hände: »Perfekt!«

Keine zehn Minuten später klopfte er an die Tür 343, Gerlinde Klostermann/Herbert Mutzel, und trat ein, nachdem er drinnen ein beschwingtes Herein!, Stimmen und Gekicher gehört hatte.

»Guten Morgen, Frau Klostermann, Albert Glück. Ich habe hier noch eine Frage zum CAF-Netzwerk. Das ist doch Ihre Abteilung?«

Frau Klostermann, eine rundliche Frau mit roten Wangen und altmodischer Dauerwellenfrisur, goss gerade ihrem Kollegen Mutzel ein Gläschen Sekt ein. Drei weitere Kollegen standen um ihren Schreibtisch und hielten ebenfalls Sektgläser in der Hand.

»Herr Glück! Sie kommen genau richtig!«, rief sie erfreut.

Albert schien irritiert: »Ich verstehe nicht?«

»Na, heute ist mein Geburtstag und wer besucht mich? Herr Glück!«

Albert gab ihr die Hand: »Ah, verstehe. Das ist doch mal ein schöner Zufall. Herzlichen Glückwunsch!«

Auch die anderen waren ganz aufgekratzt ob des Zufalls, dass Herr Glück zu Frau Klostermanns Geburtstag vorbeikam, und amüsierten sich eine ganze Weile mit kleinen Wortspielchen, die Albert alle in- und auswendig kannte. Es waren überall gleichen und sie waren der Preis dafür, dass er die Menschen im Amt glücklich machte. Der eigentliche Grund seines Kommens, ohnehin nur vorgeschoben, war längst vergessen. Albert bekam ein Gläschen Sekt und prostete den Kollegen zu.

»Bedienen Sie sich doch!«, rief Frau Klostermann plötzlich.

Albert wandte sich um und sah auf ein kleines Buffet mit Brötchenhälften und süßem Backwerk. Es war, wie meistens, von der Küche hergerichtet worden, natürlich auf Bestellung des Jubilars.

Er gab sich scheu: »Wirklich? Ich weiß nicht …«

Frau Klostermann ließ keinen Widerspruch zu: »Na, nicht so schüchtern, Herr Glück. Greifen Sie zu!«