7,99 €
Der Junge wollte die Wahrheit herausfinden. Der Killer wollte spielen.
Tag für Tag gräbt der 12-jährige Steven Lamb in Exmoor nach der Leiche seines Onkels. Fast zwanzig Jahre ist es her, seit der kleine Billy verschwand und vermutlich dem Serienkiller Arnold Avery zum Opfer fiel. Doch Stevens Großmutter wartet noch immer auf die Rückkehr ihres einzigen Sohnes, während ihre Familie unter dem nie bewältigten Verlust zerbricht. Um die Vergangenheit endlich abzuschließen, schickt Steven schließlich anonyme Briefe ins Gefängnis und bittet Avery um Hinweise auf Billys Grab. Als Avery erkennt, dass er es mit einem kleinen Jungen zu tun hat, erwacht der Killer in ihm erneut …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2014
Buch
Im britischen Nationalpark Exmoor gräbt der zwölfjährige Steven Lamb wie besessen Löcher in die regennasse Erde. Er ist auf der Suche nach den sterblichen Überresten seines Onkels Billy Peters, der vor beinahe zwanzig Jahren spurlos verschwand. Er war offenbar einem Mörder zum Opfer gefallen, dem eiskalten Serienkiller, der bereits sechs Kinder getötet und im Gebiet von Exmoor vergraben hatte. In Averys Lieferwagen wurden auch die Schuhe des elfjährigen Billy Peters gefunden. Doch der zu lebenslanger Haft verurteilte Killer bestritt stets, Billy ebenfalls auf dem Gewissen zu haben. Die Leiche des Jungen wurde nie gefunden. Seit Steven von seiner Großmutter Gloria die Wahrheit über das Verschwinden seines Onkels erfahren hat, lässt ihn die Geschichte nicht los. Und so sucht er unermüdlich das Moor nach Knochen oder einem anderen Hinweis auf das Schicksal von Billy ab. Denn die Ungewissheit lastet wie ein Fluch auf seiner Familie. Stevens Großmutter kann sich mit dem Verschwinden ihres einzigen Sohnes nicht abfinden, während ihre Familie unter dem nie bewältigten Verlust zerbricht. Steve weiß schließlich nur noch einen Ausweg: Er muss Kontakt zur einzigen Person aufnehmen, die weiß, wo sein Bruder begraben liegt – Arnold Avery ...
Autorin
Belinda Bauer lebt in Wales. »Das Grab im Moor« ist ihr Debütroman, und die Autorin arbeitet bereits an ihrem nächsten Werk.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien 2010 unter den Titel »Blacklands« bei Transworld Publishers, London
Copyright © der Originalausgabe 2010 by Belinda Bauer Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagfoto: Getty Images/Mat Denney Illustrationen im Text: Daniela Lechner Redaktion: Martina Klüver AB · Herstellung: Str. Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin
ISBN: 978-3-641-15074-7
Für meine Mutter, die uns alles gegeben hat und niemals fand, es sei genug.
Exmoor troff vor schmutzigem Farn, derbem farblosem Gras, stacheligem Ginster und dem Heidekraut vom letzten Jahr. Das Moor war so schwarz, dass es aussah, als sei eine nasse Feuersbrunst über die Landschaft hinweggefegt und hätte die Bäume dahingerafft und das Moor kalt und entblößt zurückgelassen, schutzlos dem Winter ausgeliefert. Nieselregen löste den nahen Horizont auf und ließ Himmel und Erde um den einzig erkennbaren Orientierungspunkt herum zu einem grauen Kokon verschwimmen: einen zwölfjährigen Jungen in einer glänzend schwarzen Regenhose, der ohne Kopfbedeckung ganz allein dort draußen mit einem Spaten zugange war.
Es hatte drei Tage lang geregnet, doch die Gras-, Heidekraut- und Ginsterwurzeln, die sich durch die Erde wanden, widersetzten sich trotzdem dem Stich des Spatens. Steven ließ sich nichts anmerken. Abermals stieß er die Schaufel in den Boden und fühlte den befriedigenden kleinen Aufprall bis in die Achselhöhlen hinauf. Diesmal hatte er eine Spur hinterlassen – eine winzige menschliche Spur in der gewaltigen Natur um ihn herum.
Doch ehe Steven ein weiteres Mal graben konnte, hatte sich der erste dünne Einstich bereits wieder mit Wasser gefüllt und war verschwunden.
Drei Jungen stapften durch den Shipcotter Regen, die Hände tief in den Taschen vergraben, die Kapuzen ins Gesicht gezerrt, die Schultern hochgezogen. Als könnten sie es gar nicht erwarten, ins Trockene zu kommen. Doch sie hatten nichts, wo sie eilig hätten hingehen können, also trieben sie sich einfach so im Dorf herum und fluchten laut über nichts und wieder nichts, nur um die Welt wissen zu lassen, dass sie noch da waren und etwas vom Leben erwarteten.
Die Straße war schmal und gewunden, und wenn im Sommer Touristen durch den Ort kamen, lächelten sie über die bunt bemalten Reihenhäuser mit den altmodischen Fensterläden, deren Haustüren direkt auf den Bürgersteig hinausgingen. Bei dem Regen jedoch verblasste die Strahlkraft der gelben, rosafarbenen und himmelblauen Häuser. Hier wohnten nur Leute, die zu jung, zu alt oder zu arm waren, um fortzugehen.
Stevens Nan schaute mit festem Blick aus dem Fenster.
Sie hatte ihr Leben als Gloria Manners begonnen. Dann war sie Ron Peters’ Frau geworden. Danach war sie Letties Mum gewesen, und dann Letties und Billys Mum. Dann war sie lange Die Arme Mrs. Peters gewesen. Jetzt war sie Stevens Nan. Doch sie würde immer Die Arme Mrs. Peters bleiben; nichts konnte daran etwas ändern, nicht einmal ihre Enkel.
Oberhalb der Scheibengardinen war das Wohnzimmerfenster vom Regen gesprenkelt. Die Leute gegenüber hatten schon Licht angemacht. Die Dächer waren genauso unterschiedlich wie die Hauswände. Auf manchen lagen noch immer die alten Dachziegel, ganz rau vom Moos. Andere waren mit flachem grauem Schiefer gedeckt, der den fahlen Himmel spiegelte. Über den Dächern war das Hochmoor durch den Nebel hindurch gerade noch zu erkennen – aus dieser Entfernung glich es etwas sanft Gerundetem. Von hier aus, im warmen, geheizten Wohnzimmer, mit dem Kessel, der in der Küche zu pfeifen begann, sah es sogar unschuldig aus.
Der kleinste der Jungen schlug mit der flachen Hand gegen das Fenster, und Stevens Nan fuhr ängstlich zurück.
Die Jungen lachten und rannten davon, obwohl niemand ihnen folgte und sie genau wussten, dass das auch nicht sehr wahrscheinlich war. »Neugierige alte Schachtel!«, grölte einer über die Schulter nach hinten; allerdings war es schwer zu erkennen, welcher von den dreien, weil sie die Kapuzen so tief ins Gesicht gezogen hatten.
Lettie kam hereingestürzt, atemlos und erschrocken. »Was war das?«
Doch Stevens Nan stand wieder am Fenster. Sie schaute sich nicht nach ihrer Tochter um. »Ist das Abendessen fertig?«, fragte sie.
Steven machte sich auf den Nachhauseweg. Er hatte den Anorak locker über eine Schulter geworfen, und sein T-Shirt war völlig durchweicht und dampfte, so sehr hatte er sich beim Graben verausgabt. Der Pfad durch das Moor, den Generationen von Wanderern und Spaziergängern durch das Heidkraut getrampelt hatten, war matschig. Er blieb stehen – seinen rostigen Spaten wie ein Gewehr über der anderen Schulter – und blickte auf das Dorf hinab. Die Straßenlaternen brannten bereits, und Steven kam sich vor wie ein Engel oder ein Alien, der die dunkler werdenden Behausungen von hoch oben betrachtete, losgelöst von den winzigen Leben, die da unten gelebt wurden. Instinktiv duckte er sich, als er die drei Kapuzentypen die nasse Straße hinunterrennen sah.
Er versteckte den Spaten hinter einem Stein in der Nähe des schlüpfrigen Zauntritts. Der Spaten war rostig, aber wer weiß; jemand könnte ihn trotzdem mitgehen lassen, und nach Hause konnte er ihn nicht mitnehmen. Das würde zu Fragen führen, die er nicht beantworten konnte – oder nicht zu beantworten wagte.
Steven ging den schmalen Durchgang hinter dem Haus hinunter. Ihm wurde allmählich kalt, und er zitterte, als er seine Turnschuhe auszog, um sie unter dem Wasserhahn im Garten abzuspülen. Sie waren mal weiß gewesen, mit blauen Zierbesätzen. Seine Mutter würde durchdrehen, wenn sie sie so sah. Er rieb die Schuhe mit den Daumen und drückte den Matsch heraus, bis sie bloß noch schmutzig waren, dann schüttelte er sie heftig. Schlammiges Wasser spritzte an der Hauswand hinauf, doch der Regen wusch es rasch fort. Stevens graue Schulsocken waren schwer und durchweicht; er schälte sie herunter. Seine Füße waren von einem erschreckenden, kalten Weiß.
»Du bist ja klatschnass.« Seine Mutter schaute aus der Hintertür, das Gesicht verkniffen und die dunkelblauen Augen so düster wie ein nördliches Meer. Regen pladderte auf das strohige Haar, das zu einem kleinen, praktischen Pferdeschwanz zurückgebunden war. Mit einem Ruck zog sie den Kopf schnell wieder ins Haus.
»Ich bin voll in den Regen gekommen.«
»Wo warst du?«
»War mit Lewis unterwegs.«
Das war streng genommen keine Lüge. Gleich nach der Schule war er wirklich mit Lewis zusammen gewesen.
»Was habt ihr gemacht?«
»Nichts weiter. Nur so. Du weißt schon.«
Aus der Küche hörte er seine Nan sagen: »Er sollte nach der Schule gleich nach Hause kommen!«
Zornig musterte Stevens Mutter seine durchnässte Erscheinung. »Die Turnschuhe hast du erst Weihnachten ganz neu bekommen.«
»Tut mir leid, Mum.« Er sah zerknirscht aus; das funktionierte oft.
Sie seufzte. »Das Abendessen ist fertig.«
Steven aß, so schnell er sich traute und so viel er konnte. Lettie stand am Spülbecken, rauchte und aschte in den Ausguss. Im alten Haus – bevor sie zu seiner Nan gezogen waren – hatte seine Mum immer mit ihm und Davey am Tisch gesessen. Sie hatte gegessen. Sie hatte mit ihm geredet. Jetzt war ihr Mund immer fest zugekniffen, sogar wenn eine Zigarette darin steckte.
Davey lutschte den Ketchup von seinen Pommes und schob dann jedes Einzelne sorgfältig an den Tellerrand.
Nan schnitt kleine Stücke von dem panierten Fisch ab und inspizierte jedes mit misstrauischem Blick, bevor sie es aß.
»Stimmt irgendwas nicht damit, Mum?« Lettie schnippte ihre Zigarettenasche mit unnötiger Heftigkeit. Steven sah sie nervös an.
»Gräten.«
»Das ist ein Filet. Steht auf der Packung. Schollenfilet.«
»Die übersehen immer welche. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«
Niemand sagte etwas darauf. In dem langen Schweigen, das eintrat, lauschte Steven den Geräuschen seines eigenen Essens in seinem Kopf.
»Iss deine Pommes, Davey.«
Davey verzog das Gesicht. »Die sind ganz nass.«
»Daran hättest du denken sollen, bevor du sie abgelutscht, oder? Oder?«
Bei der wiederholten Frage hörte Steven auf zu kauen, doch Nans Gabel kratzte über den Teller.
Lettie trat rasch an Daveys Seite und nahm einen durchweichten Pommes. »Iss!«
Davey schüttelte den Kopf, und seine Unterlippe begann zu zittern.
Mit leiser Gehässigkeit murmelte Nan: »Essen liegen lassen. So was Undankbares.«
Lettie bückte sich und versetzte Davey einen scharfen Klaps auf den nackten Oberschenkel unterhalb seiner Shorts. Steven sah, wie der weiße Handabdruck auf der Haut seines Bruders sich rasch rot färbte. Er mochte Davey wirklich sehr, aber wenn jemand anders als er selbst Ärger bekam, verschaffte das Steven jedes Mal ein kleines Hochgefühl. Und jetzt – als er zusah, wie seine Mutter den laut heulenden Jungen aus der Küche schob und die Treppe hinaufbugsierte –, war ihm, als wäre ihm irgendwie eine Ehre zuteilgeworden: die Ehre, die aufgestaute Gereiztheit seiner Mutter nicht abbekommen zu haben. Sie hatte, wenn sie sich über Nan geärgert hatte, weiß Gott oft genug ihren Zorn an ihm ausgelassen. Doch dies war ein weiterer Beweis für das, worauf Steven schon seit einiger Zeit hoffte – dass Davey mit fünf Jahren endlich alt genug war, um seinen Anteil an den Schlägen und Strafen abzukriegen. Seiner Mutter brannte schnell die Sicherung durch, und geteilte Strafe war in Stevens Augen halbe Strafe. Vielleicht sogar eine Strafe, der man ganz entgangen war.
Seine Nan hatte die ganze Zeit weitergegessen, obwohl jeder Mundvoll anscheinend ein Minenfeld war.
Obgleich Daveys Schluchzer jetzt gedämpft klangen, suchte Steven den Blick seiner Großmutter, und endlich schaute sie zu ihm hinüber, gab ihm die Chance, die Augen zu verdrehen über seinen ungezogenen kleinen Bruder. Als teilte er dieselbe Einstellung, und dieses Teilen brächte sie einander näher.
»Du bist auch nicht besser«, sagte sie und wandte sich wieder ihrem Fisch zu.
Steven lief rot an. Er wusste, dass er besser war! Wenn er es Nan doch nur beweisen könnte, dann wäre alles anders – das wusste er ganz genau.
Natürlich war alles Billys Schuld – wie üblich.
Steven hielt den Atem an. Er konnte hören, wie seine Mutter das Geschirr abwusch – das Unterwasserklappern von Porzellan – und seine Nan abtrocknete – das höhere, melodische Kratzen von Tellern, die aus dem Abtropfgestell glitten. Dann öffnete er langsam die Tür von Billys Zimmer. Es roch alt und süßlich, als hätte jemand eine Orange unter dem Bett liegen lassen. Steven spürte, wie die Tür sachte hinter ihm ins Schloss fiel.
Die Vorhänge waren zugezogen – sie waren immer zugezogen. Sie passten zum Bettüberwurf, mit hellblauen und dunkelblauen Karos, die sich überhaupt nicht mit dem braun gemaserten Teppich vertrugen. Eine halb fertiggebaute Raumstation aus Legosteinen stand auf dem Boden, und seit Stevens letztem Besuch hatte eine kleine Spinne ein Netz an etwas gesponnen, das wie eine grobschlächtige Dockstation aussah. Jetzt hockte sie da und wartete darauf, Satellitenfliegen aus dem Weltraum des schäbigen Schlafzimmers zu fangen.
Ein schlaffer Fußballschal war über dem Bett mit Reißzwecken an der Wand befestigt – himmelblau und weiß, Manchester City –, und Steven fühlte, wie ihn wieder Zorn und Mitleid überkamen: Billy war selbst jetzt noch ein Verlierer, selbst im Tod.
Steven schlich sich manchmal hier herein, als könnte Billy über all die Jahre hinweg seinem Neffen Geheimnisse und Lösungen ins Ohr flüstern. Seinem Neffen wohlgemerkt, der bereits einen Geburtstag mehr erlebt hatte, als es ihm selbst gelungen war.
Schon vor langer Zeit hatte Steven die Hoffnung aufgegeben, richtige, echte Hinweise zu finden. Zuerst hatte er sich ausgemalt, dass Onkel Billy vielleicht irgendwelche Beweise für eine Vorahnung seines eigenen Todes hinterlassen haben könnte. Ein Fünf Freunde-Buch, bei dem eine bestimmte Seite ein Eselsohr hatte. Die Initialen »AA« in die hölzerne Platte des Nachttischs geritzt. Legosteine, die so verstreut waren, dass sie die Richtpunkte des Kompasses zeigten, und ein X an der betreffenden Stelle. Etwas, das ein aufmerksamer Junge – hinterher – entdecken und entschlüsseln könnte.
Doch es gab nichts. Nur diesen Geruch nach Geschichte und bitterer Traurigkeit und ein Schulfoto eines dünnen, blonden Kindes mit rosigen Wangen und schiefen Zähnen und dunkelblauen Augen, fast zugekniffen vom schieren Ausmaß seines Lächelns. Es hatte lange gedauert, bis Steven begriffen hatte, dass dieses Foto später hier hingestellt worden sein musste – kein Junge, der etwas auf sich hält, hat ein Foto von sich auf dem Nachttisch stehen, es sei denn, es zeigt ihn mit einem Fisch oder einer Trophäe in den Händen.
Vor neunzehn Jahren war dieser Elfjährige – der ihm wahrscheinlich sehr ähnlich gewesen war – seines Fantasie-Weltraumspiels müde geworden und hinausgegangen, um an einem warmen Sommerabend draußen zu spielen. Allem Anschein nach ohne zu ahnen, dass er niemals zurückkehren würde, um seine Spielsachen wegzuräumen oder seinen ManCity-Fanschal am Sonntagnachmittag vor dem Fernseher zu schwenken, oder auch nur um sein Bett zu machen, was seine Mutter – Stevens Nan – sehr viel später getan hatte.
Irgendwann nach 19 Uhr 15, als Mr. Jacoby aus dem Zeitungsladen ihm eine Tüte Malteser verkauft hatte, war Onkel Billy aus dem Reich des kindlichen So-tunals-ob ins Reich der echten Albträume übergetreten. Irgendwo auf den zweihundert Metern zwischen dem Zeitungsladen und diesem Haus – zweihundert Meter, die Steven jeden Morgen und jeden Abend auf dem Weg zur Schule und nach Hause zurücklegte – war Onkel Billy ganz einfach verschwunden.
Stevens Nan hatte bis 20 Uhr 30 gewartete, ehe sie Lettie losgeschickt hatte, um nach ihrem Bruder zu suchen, und bis 21 Uhr 30, als es dunkel wurde, bis sie selbst hinausgegangen war. An den hellen Sommerabenden spielten die Kinder lange draußen. Doch erst als Ted Randall von nebenan meinte, dass sie vielleicht die Polizei verständigen sollten, hatte Stevens Nan sich für alle Zeit von Billys Mum in Die Arme Mrs. Peters verwandelt.
Die Arme Mrs. Peters – deren Ehemann vor sechs Jahren ums Leben gekommen war, weil er mit seinem Fahrrad vor den Bus nach Barnstaple geeiert war – hatte darauf gewartet, dass Billy nach Hause kam.
Zuerst wartete sie an der Tür. Einen Monat lang stand sie den ganzen Tag dort und nahm die vierzehnjährige Lettie kaum zur Kenntnis, wenn sie sich an ihr vorbeischob, um zur Schule zu gehen oder pünktlich um 15 Uhr 50 heimkam, damit ihre Mutter sich nicht noch mehr ängstigte – falls das überhaupt möglich war.
Als das Wetter schlechter wurde, wartete Die Arme Mrs. Peters am Fenster, von wo aus sie die Straße hinauf- und hinunterblicken konnte. Allmählich nahm sie das Aussehen eines Hundes bei einem Gewitter an – hellwach und nervös, die Augen weit offen. Bei jeder Bewegung auf der Straße machte ihr Herz einen solchen Satz in ihrer Brust, dass sie zusammenfuhr. Dann kam jedes Mal das enttäuschte Zusammensinken, wenn Mr. Jacoby oder Sally Blunkett oder die Tithecott-Zwillinge schließlich so deutlich zu erkennen waren, dass keine noch so verzweifelte Anstrengung ihrer Fantasie sie weiterhin wie einen rotwangigen Elfjährigen mit blondem Bürstenschnitt, neuen Nike-Turnschuhen und einer halb leeren Malteser-Tüte in der Hand aussehen lassen konnte.
Lettie lernte kochen und putzen, und sie lernte, in ihrem Zimmer zu bleiben, damit sie nicht sehen musste, wie ihre Mutter ständig zusammenzuckte. Schon immer hatte sie den Verdacht gehegt, dass Billy Mums Liebling war, und jetzt, wo er nicht mehr da war, hatte ihre Mutter nicht mehr die Kraft, diese Tatsache zu verbergen.
Ein Jahr nachdem Billy verschwunden war, wurde ein Kurierfahrer aus Exeter anderswo wegen etwas anderem verhaftet.
Zuerst stellte die Polizei Arnold Avery lediglich ein paar Fragen, nachdem ein Junge ihn beschuldigt hatte, sich vor ihm unzüchtig entblößt zu haben.
Es war nicht das erste Mal, dass Arnold Avery das vor einem Kind getan hatte – obgleich er das der Polizei natürlich nicht auf die Nase band. Doch der fünfzehnjährige Mason Dingle, den er zu seinem Lieferwagen gelockt hatte, um nach dem Weg zu fragen, sollte sich unerwartet als Averys persönlicher Gott der Vergeltung erweisen.
Mason Dingle war der Polizei ebenfalls nicht unbekannt. Seine kleine Statur und sein Chorknabengesicht waren lediglich eine glückliche, irreführende Fügung. In Wahrheit war Mason der Schrecken der Wohnsiedlung Lapwing in Plymouth. Graffitisprühen, Gelderpressen oder Einbrüche, all das lag Mason Dingle im Blut, und die Polizei wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Master Dingle seinen Brüdern in der Familientradition folgte – ein Leben in irgendeiner Art von Dauergewahrsam.
Doch ehe er dazu kam, half Mason Dingle dabei, jenen Mann zu fassen, den die Regenbogenpresse später den Lieferwagenwürger taufte.
Selbstverständlich wusste die Polizei gar nicht, dass so ein Kindermörder frei herumlief. Kinder verschwanden andauernd, und ein paar wurden tot aufgefunden. Doch so etwas passierte überall im Land, und in den 80ern hatte die Polizei nicht die Mittel, Informationen unter den einzelnen Dienststellen abzugleichen, außer bei Mordfällen von außergewöhnlich großem öffentlichem Interesse. Sosehr die Regierung auch auf Verbesserungen und mehr »Manpower« und Datenbanken drängte, die Aufklärungsrate der Polizei blieb auf dem Stand, den sie erreicht hätte, wenn sie hin und wieder eine Stecknadel in eine Liste der üblichen Verdächtigen gepiekt hätte.
Und außerdem war – bis Mason Dingle die Dinge in die Hand nahm – keins von Arnold Averys Opfern gefunden und Avery selbst niemals verhaftet oder auch nur wegen zu schnellen Fahrens verwarnt worden, so dass sämtliche Datenbanken der Welt seinen Namen nicht auf die Schreibtische der ermittelnden Beamten gespuckt hätten.
Als er also Mason Dingle erblickte, der ganz allein auf dem ramponierten Spielplatz von Lapwing gerade etwas zweifellos Versautes in den roten Plastiksitz einer Schaukel ritzte, fuhr Arnold Avery seinen weißen Lieferwagen an den Straßenrand und pfiff, um den Jungen auf sich aufmerksam zu machen – in vollem Vertrauen auf die Unfähigkeit der Polizei von Devon & Cornwall, oder jeglicher anderen Gesetzeshüter.
Mason blickte auf, und Averys Herz schlug höher, als er sein hübsches Gesicht sah. Er winkte den Jungen heran, und Mason schlenderte zu dem Lieferwagen hinüber.
»Kannst du mir mal kurz helfen? Hab mich verfahren.«
Mason Dingle zog zustimmend die Brauen hoch. Alles an ihm, sah Avery jetzt, war wie ein kleiner Mann. Dieser Junge hatte mit Sicherheit ältere Brüder. Seine lässige Körperhaltung, die männlich-mangelnde Beflissenheit zu helfen, die Zigarette, die hinter seinem zarten kleinen Ohr steckte. Aber oh, dieses Gesicht! Das Gesicht eines Engels.
Mason beugte sich zum Fenster des Lieferwagens hinunter und schaute dabei in die Ferne, als ließe ihm sein gedrängt voller Zeitplan kaum Zeit für das hier.
»Was liegt an, Alter?«
»Also«, sagte Avery, »kannst du mir auf dem Stadtplan zeigen, wo das Gewerbegebiet ist?«
»Einfach hier runter und dann links, Alter.«
»Kannst du’s mir auf dem Plan hier zeigen?«
Mason seufzte, dann streckte er den Kopf in den Lieferwagen und schaute auf den Plan hinunter, der auf Averys Schoß ausgebreitet war.
»Kannst du mit dem Finger drauf zeigen?«
Einen Augenblick lang erfasste Mason Dingle nicht, was er da vor sich sah, dann fuhr er ein wenig zurück und stieß sich den Kopf am Türrahmen. Diese Reaktion hatte Avery schon öfter gesehen. Jetzt würde eines von zwei Dingen passieren: Entweder würde der Jungen rot anlaufen, anfangen zu stammeln und hastig rückwärts davonstolpern, oder er würde rot anlaufen, anfangen zu stammeln und sich genötigt fühlen – weil Avery ihn etwas gefragt hatte –, auf die entsprechende Stelle auf dem Stadtplan zu zeigen, so dass seine Hand nur noch Zentimeter entfernt war. Wenn das passierte, konnten die Dinge sich in alle Richtungen entwickeln – und hatten es manchmal auch getan. Avery bevorzugte die zweite Reaktion, weil sie die Begegnung in die Länge zog, doch die erste war auch gut: die Furcht und die Verwirrung – und das schlechte Gewissen – auf ihren Gesichtern zu sehen, denn letzten Endes wollten sie es doch alle. Er selbst war diesbezüglich nur aufrichtiger als die meisten anderen.
Doch Mason Dingle schlug einen dritten Weg ein. Als er rückwärts aus dem Lieferwagenfenster glitt, drehte er flink den Zündschlüssel und zog ihn ab. »Du alte Drecksau!«, sagte er grinsend und hielt den Schlüssel hoch.
Augenblicklich war Avery fuchsteufelswild. »Gib den her, du kleiner Scheißer!« Er stieg aus und zog mit einiger Mühe den Reißverschluss seiner Hose hoch.
Lachend tänzelte Mason von ihm fort. »Fick dich ins Knie!«, schrie er – und rannte davon.
Arnold Avery bekam ein völlig neues Bild von Mason Dingle. Die äußere Erscheinung hatte getrogen. Er hatte das Gesicht eines Engels, war aber offensichtlich ein harter Brocken. Daher rechnete Avery damit, dass der Junge sehr bald wieder aufkreuzen würde – mit dem Schlüssel und einer Geldforderung oder mit mindestens einem älteren männlichen Verwandten oder der Polizei im Schlepptau.
Letzteres machte Avery keine Angst. Mason Dingles Unverfrorenheit war zwar fürs Erste dessen Glück gewesen, doch Avery vermutete, dass der Junge damit nicht weit kommen würde. Niemand glaubte netten, braven Kindern, wenn es um so etwas wie dies hier ging – und aufsässigen Rotzbengeln schon gar nicht. Besonders wenn der Mann, dem solche Sauereien und Perversionen zur Last gelegt wurden, einfach dasaß und auf die Polizei wartete, anstatt sich so zu benehmen, als hätte er etwas zu verbergen. Also zündete sich Avery eine Zigarette an und wartete auf dem Spielplatz – wo er nicht überrumpelt werden konnte – darauf, dass Mason Dingle zurückkam.
Zuerst war die Polizei wenig geneigt, Mason Dingle ernst zu nehmen. Doch der kannte seine Rechte und war hartnäckig, also setzten ihn schließlich zwei Polizisten in einen Streifenwagen – unter zahlreichen Warnungen, ja nicht die Zeit der Polizei zu verschwenden – und fuhren mit ihm zum Spielplatz zurück, wo sie den weißen Lieferwagen vorfanden. Sie überprüften gerade, ob der Schlüssel, den Mason vorgelegt hatte, auch tatsächlich zu dem Wagen passte, als Arnold Avery zornig auf sie zukam und ihnen berichtete, dass der Junge seinen Autoschlüssel gestohlen hätte und ihn nur gegen Bezahlung hätte herausrücken wollen.
»Er hat gesagt, wenn ich kein Geld rausrücke, erzählt er der Polizei, ich hätte versucht, mich an ihn ranzumachen!«
Die Aufmerksamkeit der Polizisten richtete sich abermals auf Mason, und obwohl der Junge bemerkenswert detailliert die Wahrheit sagte, konnte Avery sehen, dass die Beamten nur zu gewillt waren, seine Version der Ereignisse zu glauben.
Und so lief alles so, wie Avery es wollte, bis er mit einem flauen Gefühl im Magen einen kleinen Jungen näher kommen sah, mit einem Mann, der aussah wie ein Vater auf dem Kriegspfad.
Obwohl er den beiden Polizisten gegenüber die Fassung wahrte, verfluchte Avery innerlich seine eigene Blödheit. Er hätte doch bloß zu warten brauchen! Alles wäre okay gewesen, wenn er nur gewartet hätte! Das hier war ein Spielplatz, und Spielplätze lockten nun einmal Kinder an. Der stämmige Achtjährige, der da jetzt heulend anrückte, war eigentlich nicht sein Typ gewesen, doch es hatte so lange gedauert, bis der erste Junge zurückgekommen war! Was hätte er denn tun sollen?
Also war schlussendlich alles Mason Dingles Schuld. Obgleich der Polizeibeamte von der Mordkommission – nachdem ein halbes Dutzend kleiner Leichname in flachen Gräbern auf dem verregneten Exmoor gefunden worden waren – das etwas anders sah. Als Avery ihm diese Ansicht unterbreitete, brach er ihm mit einem einzigen Rückhandschlag die Nase. Und sein eigener Anwalt zuckte dazu lediglich die Achseln.
Alles ging den Bach runter.
Langsam aber unerbittlich wurden Verbindungen entdeckt, Zusammenhänge wurden hergestellt, und Arnold Avery wurde des sechsfachen Mordes und der dreifachen Kindsentführung angeklagt. Die Anklagen wegen Mordes begrenzten sich auf die Anzahl der Leichen, die man auf dem Moor gefunden hatte. Die Kindsentführungen wurden anhand von Gegenständen nachgewiesen, die in Averys Wohnung und in seinem Auto entdeckt worden waren und die zweifelsfrei mit den vermissten Kindern in Verbindung gebracht werden konnten, obwohl Avery niemals zugab, sie in seine Gewalt gebracht zu haben. Eine einarmige Barbiepuppe gehörte
Mrs. O’Leary sagte, »mit besten Grüßen« wäre falsch. In Geschäftsbriefen schriebe man »hochachtungsvoll«. Steven änderte es, insgeheim aber dachte er, dass sie sich bestimmt irrte. Er hätte lieber vor Menschen Hochachtung empfunden, die er kannte und mochte. Bei dem Manager des Supermarktes, dessen Fisch den angepriesenen Qualitätsstandards so wenig entsprach, dass seine Großmutter daran gestorben war, fiel ihm das schwer.
Als er den Brief schrieb, klang selbst »mit besten Grüßen« noch recht steif und förmlich. Aber, überlegte er pragmatisch, Mrs. O’Leary war diejenige, die die Zensuren gab, also sollte er sich wohl lieber an ihre Version halten.
Mrs. O’Leary wies ihn auch auf den Schreibfehler hin, machte jedoch nicht viel Aufhebens darum. Sie sagte, sein Brief sei sehr gut, sehr authentisch – und las ihn laut vor.
Steven wünschte sich inständig, sie hätte das nicht getan. Er fühlte, wie die Augen der anderen Jungen ihn wie mit Laser-Tattoos brandmarkten. Dafür kriegen wir dich dran, du Arschkriecher, war es, was sie ihm in den Nacken sengten. In der Klasse ausgezeichnet zu werden, hieß, auf dem Schulhof zum Abschuss freigegeben zu sein, und Steven seufzte bei dem Gedanken an die nächsten paar Tage. Sich wegducken, sich verstecken, sich dicht beim Lehrer halten – »Was ist denn mit dir los, Lamb? Na los, geh spielen!«
Zum Glück kam es nicht oft vor, dass er so auffiel. Steven war nur ein durchschnittlicher Schüler, ein stiller Junge, der selten Anlass zur Sorge gab und nicht weiter auffiel. Wenn Mrs. O’Leary die Zeugnisse schrieb, brauchte sie eine oder zwei Sekunden, um sich den dürren, dunkelhaarigen Jungen ins Gedächtnis zu rufen, der zu dem Namen in ihrem Klassenbuch gehörte. Zusammen mit Chantelle Cox, Taylor Laughlan und Vivienne Khan war Steven Lamb ein Kind, das nur durch seine Abwesenheit wirklich sichtbar wurde, wenn ein Kreuz neben seinem Namen ihm flüchtige statistische Bedeutung verlieh.
Steven verbrachte die Mittagspause mit Lewis bei der Turnhallentür, wie üblich. Lewis hatte Sandwiches mit Käse und Gurken und ein Mars und Steven welche mit Fischpaste und ein Zweier-Kit Kat. Lewis weigerte sich, irgendetwas zu tauschen, und Steven konnte es ihm nicht verdenken.
Die drei Kapuzentypen spielten ganz in der Nähe auf dem Asphalt Fußball und kamen nur gelegentlich dazu, Steven drohend-höhnische Blicke zuzuwerfen oder ihn einen Wichser zu nennen; nur dann, wenn der Ball gerade nach links gespielt wurde. Einer der drei tat, als wolle er ihn Steven ins Gesicht pfeffern, woraufhin Steven komisch blinzelte und der Junge freudlos gackerte, doch das war alles erträglich.
»Soll ich ihn für dich verdreschen?«, erkundigte sich Lewis mit schokoladeverschmierten Lippen.
»Nein, ist schon in Ordnung.« Steven zuckte die Schultern. »Trotzdem, danke.«
»Kein Thema. Sag einfach Bescheid.«
Lewis war ein bisschen kleiner als Steven, allerdings um knapp zehn Kilo pures Ego schwerer. Steven hatte nie wirklich erlebt, dass Lewis sich geprügelt hätte, doch beide hatten keinerlei Zweifel daran, dass Lewis es mit jedem aufnehmen konnte, bis hinauf zur – allerdings nicht einschließlich – achten Klasse. Michael Cox, der Bruder der halb-sichtbaren Chantelle, war in der Achten, und er war über eins achtzig groß, und dazu noch schwarz. Jeder wusste, dass schwarze Jungs härter im Nehmen waren und dass Michael Cox am härtesten von allen war.
Abgesehen von Michael Cox, schätzte Steven, war Lewis jedem gewachsen. Aber selbst Lewis konnte sich nicht mit allen drei Kapuzentypen auf einmal prügeln, und genau darauf würde es hinauslaufen, wenn er beschloss, sich mit einem von ihnen anzulegen. Sie wussten es beide, also wechselten sie in unausgesprochenem Einverständnis das Thema.
»Mein Alter nimmt mich morgen mit zum Fußball. Willst du mitkommen?«
Bei diesem Fußballspiel, das wusste Steven, trat die Lokalmannschaft an, die Blacklanders. Mangels eines nahe gelegenen Erstliga-Clubs hatten Lewis und sein Vater die Blacklanders zu ihrem Lieblingsverein erkoren – eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus hiesigen Halbbegabten –, und Lewis verfolgte ihre Geschicke mit derselben Hingabe, die seine Klassenkameraden Liverpool oder Manchester United entgegenbrachten.
Zum Fußball gehen war das Einzige, was Lewis und sein Vater jemals gemeinsam unternahmen.
Sein Dad war ein kleiner rotblonder Brillenträger, der selten etwas sagte. Er trug Stoffhosen, was ihn älter machte, und arbeitete irgendetwas in einem Büro in Minehead. Was genau, wusste Lewis nicht, und es scherte ihn auch nicht weiter. »Irgendwas mit Gesetzen«, hatte er achselzuckend geantwortet, als Steven danach gefragt hatte. Zu Hause löste Lewis’ Dad das Kreuzworträtsel im Daily Telegraph und recherchierte Online seinen Stammbaum. Im Winter gingen er und Lewis’ Mutter einmal die Woche ins Dorfzentrum, um Badminton zu spielen – ein lächerliches Spiel, das durch den Anblick der beiden in ihrer Sportkluft noch schlimmer wurde. Seine bleichen krausen Beinhaare und ihre Maxischenkel im Miniröckchen.
In all den Jahren, die Steven und Lewis befreundet waren, hatte Lewis’ Dad drei verschiedene Sätze direkt an ihn gerichtet: »Hallo, Steven« bei zahlreichen Anlässen; »Macht’s Spaß, ihr beiden?«, wenn er sie zufällig beim Spionieren erwischte, und einmal – höchst peinlich – »Wer ist hier mit Hundescheiße am Schuh durch die verdammte Küche gelatscht?«.
Genau wie seine viel größere, lebhaftere Mutter beachtete Lewis seinen Dad im Allgemeinen nicht. In Stevens Beisein quittierte er alles, was sein Vater sagte, mit einem augenverdrehenden Zungeschnalzen oder aufsässigem Schweigen.
Einmal war Steven mit Lewis’ Familie nach Minehead gefahren, um sich einen Sandburg-Wettbewerb anzusehen. Als sie dort ankamen, hatte ein sommerlicher Wolkenbruch gerade die prachtvollen Kreationen in formlose Sandhügel verwandelt, so dass Märchenschlösser aussahen wie die Titanic und der lebensgroße Schwertwal wie ein Rugbyball. Nichtsdestotrotz war Lewis’ Vater in seinen Regensachen von einem Klumpen zum nächsten gewandert, hatte jeden aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert und versucht, Lewis ebenfalls dafür zu begeistern, indem er diverse Variationen des Themas »Man kann erkennen, wie es mal ausgesehen hat!« wiederholte. Währenddessen schlotterten Lewis und seine Mutter unter einem flatternden Regenschirm, verdrehten die Augen und quengelten laut, dass sie irgendwo ins Warme gehen und Tee trinken wollten, mit Kuchen.
Obwohl er nicht ganz den Mut aufgebracht hatte, Lewis hängen zu lassen und sich auf die Seite der Sandburgen zu schlagen, hatte Steven ein Stück abseits von seinem Freund, dessen Mutter und dem Schirm gestanden. Er wollte lieber nass werden, als sich mit ihrer höhnischen Geringschätzung für eine so traurige Begeisterung gemeinzumachen.
Er fand, das sei Vaterverschwendung.
Lewis holte ihn ins Hier und Jetzt zurück, indem er verlockend hinzufügte: »Batten ist wieder fit.«
Steven schüttelte den Kopf. »Kann nicht.«
»Aber es ist doch Samstag.«
Steven zuckte die Achseln. Lewis schüttelte mitleidig den Kopf. »Selber schuld, Kumpel.«
Steven bezweifelte das; er hatte die Blacklanders spielen sehen.
Der Samstag war trocken, und wenngleich nicht warm, so doch zumindest für Januar nicht besonders kalt. Steven grub bis zur Mittagszeit zwei große Löcher und aß ein Brot mit Erdbeermarmelade. Seine Samstagsandwiches machte er immer selbst, so dass er niemals die Schmach von Fischpaste ertragen musste. Er hatte die Endstücke genommen – niemand machte sich etwas aus den Endstücken eines Brotlaibes. Auf einem davon war ein bisschen Schimmel, und Steven kratzte es mit einem schmutzigen Finger herunter. Dabei musste er an Onkel Jude denken.
Von allen Onkeln, die Steven gehabt hatte, mochte er Onkel Jude am liebsten. Onkel Jude war groß – richtig groß, und er hatte dichte, finstere Augenbrauen und eine tiefe Gefrierschocker-Stimme.
Onkel Jude war Gärtner und hatte einen vier Jahre alten Laster und drei Angestellte, aber seine Fingernägel waren immer schmutzig, was Nan nicht ausstehen konnte. Stevens Mum sagte immer, das sei guter, sauberer Schmutz – nicht das, was sie Gossendreck nannte. Natürlich war das gewesen, bevor sie sich getrennt hatten. Danach kniff sie bei Nans Genörgel an Onkel Jude nur noch ganz leicht die Lippen zusammen und hatte noch weniger Geduld mit Steven und Davey.
Es war Onkel Jude gewesen, der Steven den Spaten geschenkt hatte. Steven hatte ihm erzählt, er wolle ein Gemüsebeet im Garten anlegen. Natürlich hatte er das nie getan, aber das machte Onkel Jude nichts aus. Er pflegte in die Küche zu treten, durch den Regen in den von Brombeerranken überwucherten Dschungel hinauszuschauen und zu fragen: »Wie machen sich die Tomaten, Steve?« Oder: »Ich seh’ schon, die Bohnen geben echt Gas.« Und er und Steven wechselten ein schiefes Lächeln, bei dem es Steven ganz warm ums Herz wurde.
Manchmal spielte Onkel Jude nach dem Abendessen Frankenstein, was bedeutete, dass er Steven und Davey durchs Haus jagte und behäbig von Zimmer zu Zimmer schwankte, die Arme ausgebreitet, um die Jungen zu packen, während er drohend brüllte: »Ho, ho, ho! Lauft nur und versteckt euch, Frankenstein findet euch doch!«
Steven war damals fast zehn gewesen, alt genug, um es besser zu wissen, doch Onkel Judes riesige Gestalt und das hysterische Kreischen des drei Jahre alten Davey hatten ihm stets echte Angst eingejagt. Davey zuliebe hatte er immer so getan, als würde er mitspielen, aber dabei wusste er – hinter dem Sofa versteckt oder in den Wohnzimmervorhang gewickelt, während er darauf wartete, dass Onkel Jude sie fand –, dass sein flaches, flatteriges Atmen und sein hämmerndes Herz nicht lügen konnten.
Irgendwann knickte Davey unweigerlich ein. Er sprang aus ihrem Versteck und stürzte mit dem flehentlichen Ruf: »Ich bin Frankensteins Freund!« auf Onkel Judes Beine zu. Steven hatte die Gelegenheit genutzt, ebenfalls hervorzukommen und bedachte Davey, den Spielverderber, nur mit einem Augenverdrehen; insgeheim war er jedoch froh, dass es vorbei war.
Die fahle Wintersonne wärmte seinen Rücken ein wenig, während er an Onkel Jude dachte. Das war jetzt zwei Onkels her. Nach ihm war Onkel Neil gekommen, der ungefähr zwei Wochen gehalten hatte, ehe er mit der Handtasche seiner Mutter und dem halben Hühnchen, das es zum Abendessen geben sollte, verschwunden war. Und der Letzte war Onkel Brett gewesen, der dagesessen und mit religiöser Inbrunst ferngesehen hatte, bis Stevens Nan und seine Mum sich über seinen Kopf hinweg mächtig in die Haare geraten waren, während Countdown lief. Als Onkel Brett sie angewiesen hatte, die Klappe zu halten, weil jetzt das Rätsel käme, waren sie gemeinsam auf ihn losgegangen. Danach war er nicht wiedergekommen.
Seine Mutter war gerade in einer Zwischenonkelphase. Steven konnte seine Onkels nicht immer besonders gut leiden, doch es tat ihm stets leid, wenn sie wieder verschwanden. Seine Familie war eine kleine, einsame Schar, und es galt, jeglichen Zuwachs willkommen zu heißen, auch wenn er sich jedes Mal als vorübergehend erwies.
Der Spaten stach in den Boden und traf auf etwas Hartes. Steven bückte sich und räumte die Erde mit der Hand weg. Normalerweise war das, worauf er gestoßen war, ein Stein oder eine Wurzel, doch das hier hörte sich anders an.
Stevens Magen schlug einen Purzelbaum, als er die bleiche, knöcherne Glätte entblößt in der dunklen Erde liegen sah. Rasch kniete er sich hin und scharrte an dem dichten, wurzeldurchzogenen Erdreich des Moores. Er hatte keine anderen Werkzeuge, nur den groben Spaten, und er spürte, wie sich die Erde schmerzhaft unter seinen Nägeln ballte.
Jetzt konnte er die Finger darunterschieben. Er versuchte, es hochzuhebeln. Es rührte sich nur um Millimeter, aber genug, dass ein Zahn sichtbar wurde.
Ein Zahn.
Mit stockendem Atem beugte Steven sich hinunter und fasste den Zahn an.
Er wackelte ein wenig im Kieferknochen.
Der Junge ließ sich auf die Fersen zurücksinken. Der Himmel und die Heide begannen sich zu drehen. Er wandte den Kopf zur Seite und würgte in den Ginster. Schleimfäden rannen ihm aus Mund und Nase, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, von seinen eigenen Körperflüssigkeiten ins Moor gezogen zu werden. Er wurde mit dem Gesicht voran nach unten gezerrt, in die Erde, so dass sein Mund und seine Nase plötzlich voller Dreck und Wurzeln und kleinen, beißenden Insekten waren.
Mit einem Ruck hob er den Kopf und rappelte sich wieder auf die Beine.
Steven wischte sich Mund und Nase mit dem nackten Arm ab und spuckte ein paar Mal aus, um den Mund freizubekommen. Der saure Geschmack von Erbrochenem hielt sich hinten im Rachen.
Aus vier Metern Entfernung spähte er vorsichtig in die flache Grube. Er musste zwei Schritte vortreten, ehe er den Kieferknochen sehen konnte, dann stand er still.
Er hatte es geschafft.
Er hatte geschafft, was der Polizei mit ihren Infrarotstrahlen und ihren Spürhunden und ihrer akribischen Suche nicht gelungen war, mit all ihren Einsatzkräften und ihrer Technologie.
Er hatte Billy Peters gefunden.
Und er hatte seinen Zahn angefasst.
Sein Magen zog sich bei diesem Gedanken abermals krampfhaft zusammen, doch er schluckte dagegen an.
Plötzlich fühlte Steven sich schwach. Schwer setzte er sich auf ein Kissen aus Heidekraut und Wollgras.
Seine Erleichterung war mit Händen zu greifen.
Er war doch besser!
Und jetzt würde seine Nan das merken, und alles würde sich ändern. Sie würde aufhören, am Fenster zu stehen und auf ihren Jungen zu warten, sie würde anfangen, ihn und Davey zur Kenntnis zu nehmen, und zwar nicht auf gemeine, gehässige Art, sondern so, wie eine richtige Großmutter – mit Liebe und mit Geheimnissen und mit 50 Pence für Süßigkeiten.
