Das große Spiel - Céline Minard - E-Book

Das große Spiel E-Book

Céline Minard

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Beschreibung

Eine Hütte an einem Berghang in den Alpen, umgeben von Fels und karger Natur. Hier will eine Frau das Wesen der Einsamkeit erforschen. Sie erlegt sich die Einschränkungen des Alleinseins auf, um seine Freiheiten zu erfahren. Systematisch setzt sie sich mit ihrer Umgebung auseinander: erkundet, vermisst, pflanzt, erntet, trainiert Körper und Geist, trotzt dabei den immer extremeren Wetterverhältnissen. Jedes Mal, wenn die Felsmassen unter dem Donner erzittern, scheint das Ende der Welt ein Stück näher zu rücken – doch noch etwas anderes nähert sich ihr in ihrer Ausgesetztheit. Ein Mensch? Ein Tier? Was oder wer auch immer der Eindringling ist, zwischen den sturmumtosten Gipfeln, ausgesetzt dem rohen Spiel der Elemente, auf einem schmalen Grat zwischen Wahn und Erkenntnis, braut sich etwas zusammen. Die Wege der beiden Eremiten werden sich bald kreuzen – denn die Welt fordert zum Spiel auf, und spielen kann man nicht mit sich allein.

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Céline Minard

Das große Spiel

Aus dem Französischenvon Nathalie Mälzer

Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde. Der Pilot meidet Nachtflüge, wenn es geht, das achtmalige Hin und Her mit den minutenlangen Schwebeflügen haben seine Aufmerksamkeit für heute genug in Anspruch genommen, er möchte sich nun verständlicherweise im Tal entspannen. Die vier Techniker sind in einem geradezu euphorischen Zustand gewesen, wie sie einem nur die Müdigkeit nach getaner Arbeit verschafft, sie wollten nur noch eins: wieder hinunterfliegen, sich ein wenig ausruhen und nach Hause gehen. Persönlich war ich nicht gerade darauf erpicht, ihnen meine Gastfreundschaft anzubieten, vielleicht haben sie es gespürt. Und wenn schon.

Ich habe dem Piloten die letzte Zahlungsrate (in bar) übergeben und mein Projekt abgeschlossen, das keines mehr ist, seitdem sie mir bei seiner Umsetzung geholfen haben.

Sie brauchen nicht zurückzukehren, um die Fotovoltaikpaneele mit den Akkus zu verbinden, das mache ich selbst, für den gesamten Bau sowie für das Sanitärmodul, das ein paar Dutzend Meter tiefer liegt.

Als das Geräusch des Hubschraubers von der Ferne verschluckt wurde, konnte ich die Dichte der Luft spüren und jene Lebensröhre betrachten, in die ich mich nun zurückziehen würde, um dort meine Tage zu verbringen, mein Tagwerk zu verrichten.

Halb stützt sie sich auf einen Granitvorsprung, halb ragt sie ins Leere. Sie gleicht einem Flugzeugrumpf, der zwischen Abgrund und Fels schwebt. Aber ich weiß: Sie ist fest an ihre Stahlschiene gezurrt, die wiederum auf zwei Metern Breite im Stein verankert und verbolzt ist.

Sie ist meine Tonne. Die Tonne, in der ich leben werde und deren Gehäuse aus glasfaserverstärktem Kunststoff und Hart-PVC gefertigt wurde. Die Tür, die drei Seitenfenster und das Panorama-Rundfenster mit Blick in die Schlucht sind die fünf Öffnungen, durch die ich die Außenwelt beobachten und atmen kann, wenn ich mich im Innern aufhalte. Begraben im Schnee, geflutet von Sonne, vom Regen gepeitscht, im Nebel erstickt. Der restliche Bau ist mit Isoliermaterial ausgekleidet, das meine eigene Wärme zurückstrahlt. Zusammen mit der Wärme, die meine mit den Fotovoltaikplatten verbundenen Akkus ab morgen produzieren werden, ist es möglich, eine konstante Temperatur von zwanzig bis einundzwanzig Grad zu halten. Sofern es mir gelingt, jeden Tag ein Drittel der Paneele vom Schnee zu befreien, müsste dies meinen Berechnungen zufolge ausreichen, um einen sechsmonatigen Winter bei einer Durchschnittstemperatur von minus vierzig Grad zu überstehen. Was in dieser Region und in dieser Höhe deutlich unter der Norm läge.

Die Kochplatte ist geeignet, täglich zwei bis drei Stunden in Betrieb zu sein. Da sie mit der Anlage zum Schmelzen und Abkochen des Schnees gekoppelt ist, wird sie voraussichtlich zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der produzierten Energie verbrauchen. Bei den in der Außenwand integrierten Lampen handelt es sich ausnahmslos um LEDs. Eine Batterie sorgt dafür, dass immer ein Computer oder ein Mobiltelefon aufgeladen werden können.

Für den Notfall.

Die Bücherregale, die Liege, die Sitze und den Tisch habe ich entworfen. Alle Elemente sind direkt in das Gehäuse eingelassen. Der Tisch kann zusammengeklappt und auf einer Schiene durch den ganzen Raum geschoben werden. Die Sitze rechts und links vom Rundfenster sind beweglich. Die Liege ist hingegen fest. Auch das Regal, zumindest teilweise. Ein siebzig Zentimeter hoher, unverbundener Würfel dient wahlweise als Beistelltisch oder Hocker, er enthält ein rundes Kissen mit Kapok-Füllung und einen acht Millimeter dicken Teppich. Für die Kleidung sind zwei Einbauschränke vorgesehen, das Geschirr wird unter die Spüle geräumt. Der Karabiner und die Munition befinden sich in einer Ablage über der Tür. Die Ski stellt man in eine senkrecht aufgestellte Box über einem Fach im Eingangsbereich, das Platz für drei Paar Schuhe bietet. Ein Ständer wird mein Cello in Empfang nehmen, sobald ich den Kasten ins Tal zurückgeschickt habe. Es ist aus Buchenholz, genau wie der Stachelhalter, und harmoniert mit der feuer- und wasserresistenten Eichenfurnier-Verschalung der Innenwände und Einbaumöbel. Die Türen sind wie auf einem Schiff gestaltet, man muss den Fuß heben, um hindurchzugehen.

Ein hübsches Refugium.

Heute hat der letzte nötige Rundflug für meine Niederlassung stattgefunden.

Ich habe begonnen, meine Hefte zu füllen.

Noch befinde ich mich im Training, ich trainiere. Ich muss mich beschäftigen, die Schmerzpunkte definieren und behandeln.

Ich muss herausfinden, ob Not ein Umstand ist, ein Körper- oder ein Seelenzustand.

Man kann bei einem nächtlichen Gewitter an einer Felswand in dreitausendvierhundert Meter Höhe hängen, ohne in Not zu sein. Man kann sich bei demselben nächtlichen Gewitter auch in seinem warmen, sturmumtosten Bett befinden, und sich elend fühlen. Man kann durstig, müde, verletzt und doch nicht in Not sein.

Es genügt zu wissen, dass das Getränk, die Nahrung, die Ruhe, die Hilfe in greifbarer Nähe sind. Erreichbar sind. Und zwar mühelos.

Erschöpfung ist nicht dasselbe wie Not, doch sie ist häufig mit ihr verbunden.

Es genügt, einem Bergsteiger, der seit zwei Tagen, kurz vor der Unterkühlung, ohne Wasser oder Nahrung auf einem Bergvorsprung feststeckt, etwas zu essen zu geben, um die Not verschwinden zu lassen.

Der Körper kommt wieder zu Kräften, der Geist fasst wieder Mut, die Umwelt ist kein Hindernis mehr. Weder Sarg noch Bedrohung.

Ebenso würde es genügen, ihn an einen anderen Ort zu bringen (ihn mit einem Hubschrauber vom Bergvorsprung zu holen), damit die Not verschwindet. Lange bevor er rehydriert und genährt ist.

So wie auch ein Wort genügen würde, das imstande wäre, seine mentalen Vorstellungen – von der Vergangenheit, der Gegenwart, der unmittelbaren Zukunft, seinem Platz in der Welt – zu verändern, damit die Not verschwindet.

Die einzige Grenze ist der Tod.

Man könnte auch sagen: Der Geist kommt wieder zu Kräften, der Körper fasst wieder Mut, die Umwelt ist kein Hindernis mehr. Weder Sackgasse noch Feind.

Und doch kann die geografische Lage für sich genommen schon ein Anlass für eine Notlage sein.

Man kann sich im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte befinden, an einer Felswand in dreitausendvierhundert Meter Höhe positiv gesinnt sein und riskieren, jeden Augenblick vom Blitz getroffen zu werden, weil das nächtliche Gewitter beschlossen hat, sich just an jener Felswand zu entfesseln, an die man sich krallt. Man kann sich in Gefahr befinden, ohne in Not zu geraten. Doch unter welchen Bedingungen? Wenn man die Gefahr beherrscht, wenn man das Risiko, das man eingegangen ist, vorhergesehen hat? Wir können weder den Blitz beherrschen noch entscheiden, an welcher Stelle er in den nächsten Sekunden einschlagen wird, doch wir sind nicht in Not, solange wir nicht die Entscheidungen und das Handeln infrage stellen, die uns an diesen Moment großer Gefahr geführt haben. Reue gebiert Not. »Ich hätte das nicht tun sollen« ist der Auslöser und Grund für die Not. Diese vollständige Möglichkeitsform, diese abgeschlossene Zeit, die nicht einmal vergangen ist, ist die Grundlage und vielleicht auch der Schöpfer der Not. Die Gelegenheit, bei der sie sich entfalten kann.

Man müsste untersuchen, welche Beziehungen diese grammatische Form mit dem Schuldgefühl pflegt und wie sie sie eingeht. Ein verbaler Modus kann die Ausschüttung von Glukokortikoiden hemmen. Und unsere Stimmung beeinflussen.

Die Möglichkeitsform bettet die Illusion der Zukunft in die Vergangenheit ein. Sie schlägt eine Bresche in die Zwänge irreversibler Tatsachen und lässt dort Spukgestalten aufscheinen, wo faktisch bereits etwas stattgefunden hat. Ohne die Möglichkeitsform gäbe es keine Not. Wohl Hunger, Erschöpfung, Schmerz und Tod, doch keine Not.

Oder sehe ich das falsch?

Die Zeitungen hatten bereits kurze Artikel über den Kauf dieses Stücks Land veröffentlicht, wobei sich bis zum Abschluss der Transaktion – bis die Eigentumsurkunde auf meinen Name ausgestellt war und der ehemalige Eigentümer dies unter die Leute gebracht hatte – keiner darum scherte, zu erfahren, wem es gehörte. Denn es produzierte nichts, weder Güter noch Dienstleistungen. Einige Lokaljournalisten hatten (sehr lückenhafte) Recherchen an- und Hypothesen aufgestellt, welches Schicksal ich dieser zweihundert Hektar großen Insel aus Fels, Wald und Wiese inmitten eines Bergmassivs von dreiundzwanzig Quadratkilometern bereithielt. Kahlschläge, Bohrungen, ein Luxushotel und ein ÖkoLabor waren ihrer Fantasie entsprungen, genug, um diese Projekte zu disqualifizieren. Da es keine glaubwürdigen Hinweise oder Auskünfte gab, hatte das Interesse der Chefredakteure und Leser im Laufe der Wochen rapide abgenommen. Bis das Gerücht einer ungewöhnlichen Baustelle zu ihnen drang.

Das Unternehmen, an das ich mich für den Bau meiner Wohnkapsel gewandt hatte, konnte auf eine derart groß angelegte Werbemaßnahme nicht verzichten, und so zirkulierten, mit meinem Einverständnis, einige Grundrisse des Baus, der schon bald als Ufo bezeichnet werden sollte. Da alle rechtlichen Vorkehrungen lange im Voraus getroffen worden waren, konnte niemand – kein Umweltschutzverein, keine örtliche Behörde, keine reale oder juristische Person, kein Staat – die Bauarbeiten verzögern, geschweige denn die Errichtung des Hauses verhindern. Die Bilder vom Hubschraubertransport und vom Aufbau der Raummodule stammen von mir. Ebenso ein dreiminütiger selbst geschnittener und vertonter HD-Film, den ich dem Unternehmen für ihre Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung gestellt habe. Die Zeitungen haben ihren Schlagzeilen daraufhin ein Fragezeichen angefügt: »Wann kommt endlich die Steuer für Umweltverschandelung?«, »Hubschraubertransport für autonomes Haus – ein Öko-Paradox?«, »Architektur und Geld, ein teuflischer Mix?«.

Ich bin kein Millionär. Und gäbe auch nichts dafür. Die Frageform ist nur dann erträglich, wenn man sie auf sich selbst anwendet. Man muss sich jeden Morgen aufs Neue bewusst machen, dass man Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen so lange begegnet, wie man auf andere Menschen trifft.

Jeden Morgen muss man sich fragen: Wer bin ich? Ein Körper? Ein Vermögen? Ein Ruf? Nichts von alledem. Welchen Weg zum Glück sollte ich versäumt haben?

Zum See bin ich nicht hinauf-, sondern hinabgestiegen. Über den normalen Pfad, sprich eine sechshundert Meter lange Furche im Fels, die zu einer Wiese hinabführt. Demnächst werde ich dort ein Seil spannen, um alternative Wege gehen zu können. Je mehr Möglichkeiten es gibt, von zu Hause aufzubrechen und dorthin zurückzukehren, desto besser.

Hinter den letzten Felsblöcken senkt sich eine Alpenwiese glatt und eben hinunter bis zum Saum eines Kiefernhains, an dem sie auf struppiges, mit Rhododendren überwachsenes Heideland trifft. Ich bin dem Sturzbach abwechselnd zu Fuß und mit dem Blick gefolgt, um bis zu seiner Mündung an der Kiesgrube diesseits des Seeufers zu gelangen. Im eisigen, kristallklaren Wasser kann man zwischen den Steinen marodierende Forellen sehen. Ein dicker grauer Baumstamm liegt quer auf dem Überlauf des Sturzbachs, der sich brodelnd in das ruhige Wasser des Kessels ergießt. Er ist breit genug, dass man mit einer Angel und einer Büchse voller Motten darauf Platz nehmen kann, ohne entdeckt zu werden. Die Fische mögen diese Wasserzufuhr, weil sie ihnen ein breiteres Nahrungsangebot verschafft als der Seegrund. Ich werde wiederkommen. Am linken Ufer setzt sich die Kiesgrube noch auf hundert Metern fort. Auf der einen Seite gleitet die scharfe Klinge des Wassers über sie hinweg und auf der anderen Seite erhebt sich der Kiefernhain, in dessen Unterholz es bei jedem Schritt knackst und gluckst. Dann steigt sie schroff bis zu den Flanken des Bergkessels an und verliert sich in den Felsen.

Auf diesen wackeligen Gesteinsbrocken zu laufen, die weder groß genug sind, um darauf Halt zu finden, noch klein genug, um nicht der Rede wert zu sein, ist ziemlich anstrengend. Dennoch bin ich den gesamten Felskessel abgelaufen und habe den ersten Riegel in Augenschein genommen, der meinen Raum, meine Zuflucht nach unten hin abschließt. Ein kräftiger kalter Wind weht vom Tal herauf, aber er legt sich, sobald man den Kiefernhain betritt.

Beim Aufstieg, zur Rechten der Sturzbach, bin ich auf eine Höhle gestoßen, die in einer zwanzig Zentimeter tiefen Schlucht von einem Rinnsal gespeist wird. Sie ist von einem dichten Kresseteppich überwuchert, sodass man die Wasseroberfläche nicht sieht. Ich habe ein paar Büschel ausgerissen und den Grund abgesucht, um die Ausmaße des Beckens zu erkunden. Perfekt. Es wird mich nur zwei bis drei Stunden Mühe kosten, um daraus ein ideales Haltebecken zu machen. Da der Fischfang keine exakte Wissenschaft ist, wird mir dieser Wasserkäfig eine jederzeit verfügbare Proteinreserve garantieren. Der Durchmesser des Engpasses wird entsprechend meines Keschers berechnet werden müssen. Ich habe einen auf zwei Meter entrindeten Stock hineingesteckt, um die Stelle wiederzufinden, und bin den kürzesten Weg wieder zurückgegangen, den Pfad hinauf bis zu der Wiese, die ich von meiner Basis aus überblicken kann.

In sehr weiter Ferne habe ich die roten Farbmotive gesehen, die auf meine Zuflucht hinweisen, sowie den Reflex seines Ochsenauges. Ein kristalliner Lichtreflex inmitten einer grauen Steinwüste.

Unter dem Bauch des Rumpfes habe ich beschlossen, einen ziemlich langen Umweg zu gehen, und bin den Felsriegel auf der linken Seite entlanggegangen. Jedoch nicht weit genug, um einen Durchgang oder eine leicht zugängliche Spalte zu finden, die mir einen dritten Weg zu meiner Zuflucht eröffnen würde.

Auf einem Talweg zu gehen ist für jeden machbar, der seine Beine benutzen kann. Auf einem Bergweg zu gehen nicht weniger. Bis zum Grad T2, bei dem die Absturzgefahr zwar nicht ausgeschlossen, aber irreal ist, kann jeder x-Beliebige auf einem Bergweg voranschreiten. Die darauffolgenden Grade sind jedoch anspruchsvoller, hier und da fehlende Wegführung, häufig ausgesetzte Grashänge mit heiklen Abschnitten und Geröll. Man muss die Hände zur Hilfe nehmen. Es gibt einfache und weniger einfache Firnfelder, Gletscher, schwierige Gletscher. Keine Markierungen, das Gelände ist häufig sehr exponiert, anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll, Kletterstellen bis zum II. Grad (nicht sehr schwer).

Was entscheidet darüber, ob ein Schritt mit mehr oder weniger Sicherheit ausgeführt wird? Die Länge des Wegs? Das Gefälle, die laterale Neigung des Hangs?

Was geschieht, wenn ich einem Pfad folge und plötzlich einen Schritt machen muss, der allen anderen gleicht, jedoch über einen Abgrund führt, weil der Weg an dieser Stelle einen Schritt weit weggebrochen ist? Ist der Weg technischer geworden? Ist eine Gefahr aufgetaucht? Wenn der Weg seit Beginn des Parcours ausgesetzt ist, wenn er sich beispielsweise auf einer Breite von fünfzehn Zentimeter an ein stark abschüssiges Gelände schmiegt und ein Sturz von Anfang an zu einem schlimmen oder tödlichen Unfall führen könnte, stellt dann dieser Schritt über den Abgrund eine zusätzliche Gefahr dar? Obwohl er in sich keinerlei technische Schwierigkeiten birgt? Warum wird das Vertrauen in die erfolgreiche Ausführung meines Schritts plötzlich brüchig? Die Herausforderung ist nicht physisch, sie ist nicht auf der Ebene des Handelns, sondern der Vorstellung angesiedelt. Sie ist eine mentale Herausforderung. Die Bergleute erklären: Man darf nicht innehalten. Weder stehen bleiben noch überstürzt weitergehen, sondern schnell und mit Umsicht den Weg fortsetzen. Wenn ich den Kopf verliere, kann ich nichts mit Umsicht tun und begebe mich in Gefahr.

Heißt den Kopf verlieren, nichts mehr unter Kontrolle zu haben – weder die eigenen Empfindungen noch die Gedanken oder das eigene Handeln – und sich dem Risiko zu verweigern? Sich zu weigern, es einzugehen, sich darauf einzulassen, aber auch ihm abzuerkennen, dass es ein Stück Berechnung (Vorhersehbarkeit) enthält, und es den Hang zur Seite der Gefahr hinabzustoßen. In Panik geraten heißt sich einen Meister suchen.

Könnte man nicht sagen, dass auf der einen Seite die Gefahr existiert, die absolute Gefahr, die uns gefangen hält, uns vor Angst lähmt, und auf der anderen Seite das Sicheinlassen auf das Risiko, also die Hypothese, dass sie umgangen werden kann, dass sie nicht unumgänglich ist? Je mehr man sich der Gefahr näherte, desto größer wäre das Risiko. Je mehr man sich davon entfernte, desto schwächer wäre es.

Dann könnte man allerdings auch fragen, in welcher Entfernung man sich vom Tod halten müsste, um dem Sterben zu entgehen.

Das Fixseil, über das ich schneller zu dem im Fels verankerten Sanitärmodul auf der alpinen Wiese gelange, ist nun befestigt. Man braucht sich nur wenige Sekunden abzuseilen, um zur Dusche und zur Toilette zu gelangen. Es verfügt über ein Auffangbecken für Regenwasser und ein solarbetriebenes Abwassersystem. Wie meine Wohnstruktur ist das Auffangbecken mit einer Anlage ausgestattet, das den Schnee schmilzt, das Wasser filtert und verteilt. Die Höchsttemperatur der Dusche lag heute Morgen bei fünfunddreißig Grad. Die Sonne war noch nicht aufgegangen.

Fünfunddreißig Minuten habe ich zu Fuß gebraucht, um den Schuppen zu erreichen, in dem mich der Kasten mit dem nötigsten Werkzeug, das Saatgut und die Seile erwarteten.

Ich habe Schaufel, Pickel, Sense, Heugabel, Rechen, Hacke, Einreißhaken, Heckenschere, Gießkanne, Schubkarre und Motorsäge ausgepackt und eingeordnet, Samenpäckchen, Zwiebeln und Kartoffeln in die Regale geräumt, Schnurrollen und Vliesabdeckungen verstaut und die Angler- und die Kletterausrüstung untergebracht.

Das Gelände für das Gemüsebeet habe ich auf tausendsechshundert Metern mit einer Schnur abgesteckt, ungefähr auf Höhe des Sees und weit genug von den Kiefern entfernt, um eine ideale Sonnenbestrahlung sicherzustellen. Das Gartenmodul verfügt ebenfalls über eine Fotovoltaikplatte, die innen und außen zwei LED-Lampen sowie eine Reservebatterie mit Strom versorgt.

Dann bin ich in meine Behausung zurückgekehrt, um mich aufzuwärmen – zwanzig Minuten lang im Schneidersitz mit halb geschlossenen Augen, das Gesicht zur Wand gekehrt, zu meiner Rechten die Aussicht ins Tal.

Bei meiner ersten Mahlzeit auf dem ausgeklappten Tisch vor der Herdplatte schob sich gerade die Sonne den Fels herauf. Mir war, als spürte ich, wie die Lichtstrahlen über meinem Kopf von den Fotovoltaikzellen aufgesogen wurden.

Dann habe ich die Box mit den Lebensmitteln hochgebracht, sie geöffnet und alles in den Vorratsraum im hinteren Teil des Hauses geräumt. Durch die Abtrennung und die gute Belüftung dieses Modulteils ist der Vorratsraum zu jeder Jahreszeit trocken und kühl.

Schließlich bin ich nach unten in den Garten zurückgekehrt und habe angefangen, den Abzweigkanal für die Bewässerung auszuheben und den Verlauf für die Rinnen und den Abflusskanal zu zeichnen. Kieselsteine, um den Grund auszukleiden, stehen mir dank der Kiesgrube am See ausreichend zur Verfügung. Ich musste sofort meine Jacke und meinen Hut ablegen. Der Wind war belebend und kräftig. Das nächste Mal werde ich einen Kleiderbügel holen müssen.

Mit dem Spaten lösen sich die Erdklumpen leicht und lassen sich gut zerteilen. Doch es gibt viele Steine, ich muss eine umfangreiche Entsteinung vornehmen. Was mir nichts ausmacht, denn die Müdigkeit ist Teil meiner Behandlung. Sie ist geplant. Integriert wie ein Zahnrad, ein Raum, in Antwort auf die Ruhepausen. Ich brauche nur auf das Gleichgewicht beider zu achten. Darauf, dass keine Funktion die Oberhand über die andere gewinnt. Und ich nehme an, dass ich im Sommer eine Feuerstelle unter den Kiefern anlegen werde. Dann brauche ich zum Mittagessen nicht wieder hochzusteigen. Im Verschlag liegen zwei runde Feuerroste. Auf Holzkohlenfeuer gebratener Fisch – oder, wenn er zu klein ist, kopfüber am Spieß – gehört zu meinen Lieblingsgerichten. Mit einem Hauch Soja, einer Handvoll Kresse oder Wurzelgemüse. Auch der Hunger gehört zur Behandlung. Nicht jedoch das Hungern oder die Erschöpfung.

In der Morgendämmerung bin ich zu dem großen Felskessel hinaufgestiegen, dessen hohle Hand mein Gebiet nach oben hin begrenzt. Bis zum Bergkamm, der durch die Wolken sticht, und sogar noch ein Stück darüber hinaus bin ich auf meinem Gebiet. Dieser kolossale Riegel erhebt sich auf zweitausendachthunderteinundsiebzig (2 871) Metern über dem Meeresspiegel, wie mir der in Weiß auf den Felsgipfel gepinselte geodätische Referenzpunkt verrät. Der Hang, über den man dorthin gelangt, ist recht luftig, hält aber keine ernsthaften Schwierigkeiten bereit.

Lange bin ich zwischen den riesigen Felsblöcken, die in den Kessel gestürzt sind, umhergewandert, um die Wege zu erkunden und sie mit Steinmännchen zu markieren. Durch das viele Hin und Her hat sich ein erster Trampelpfad gebildet, der durch diesen Haufen riesiger Granitreste bis an den Fuß der Felswand führt, wobei er sich an jedem Gesteinsbrocken neu ausrichten muss. Mehrere Stunden habe ich dazu gebraucht. Von dort aus findet man, dem Massiv nach Westen folgend, eine recht leicht begehbare Diagonale, die in weniger als zwei Stunden zu einer Bresche führt, von der aus man alle Terrassen des Kessels überblickt. Aus dieser Entfernung bilden die unteren Felsblöcke eine große graue Decke, die spiegelglatt erscheint, auch wenn hier und da eine Klippe oder eine etwas höhere Welle aus ihr hervorragt. Mit dem Fernglas habe ich mein größtes Steinmännchen und einen Teil seiner Gefolgschaft ausfindig gemacht.

Von der Bresche aus bin ich weiter dem Grat entlang der Kammlinie gefolgt und, nachdem ich einen ersten ziemlich steilen Vorsprung erklommen habe, an einer kleinen Spalte rechterhand auf ein wenige Meter langes Band gestiegen, von dem aus ich nach einem weiteren Felsvorsprung auf die Kammlinie des Grats zurückgekehrt bin. Ein tiefer Einschnitt hat meiner Wanderung Einhalt geboten. Zwar hätte ich auf der Innenseite weitergehen können, doch dann habe ich eine Reihe von Felsbändern über dem Abgrund entdeckt, die mir vertrauenerweckend schienen. Dieser bin ich dann gefolgt und auf diese Weise ein drittes Mal auf den Grat zurückgekehrt, sodass ich den Gipfel erreichen konnte, ohne nochmals vom Weg abweichen zu müssen.

Dort angekommen habe ich mich an den geodätischen Festpunkt gelehnt und etwas gegessen, während ich mit bloßem Auge die mich umgebende Weite, die Struktur des Raums und mit dem Fernglas die Tausenden kleinen Details des Gesteins und der Vegetation betrachtet habe, die Brüche in den Flächen, die kaum sichtbaren Spalten, die unvermuteten Schlupfwinkel, in denen das Gras wächst, das Wasser gluckert, das Leben pulsiert. Im Kesselgrund ein pfeifendes Murmeltier. Das Licht hat schon abgenommen. Schnell habe ich den Weg entlang der Steilwand in Augenschein genommen, sie war elegant, aus schönem kompakten Granitgestein. Beim Abstieg habe ich die vier Meter tiefe Stufe, die die Kammlinie unterbricht, auf der anderen Seite umgangen. Glücklicherweise konnte ich eine eher heikle Verschneidung ohne Zwischenfall passieren: Sie war zwar kurz, aber so glatt, als hätte man sie mit Schmierseife eingerieben. Meine Beine begannen schon zu zittern, als ich endlich wieder auf den Weg zurückkehrte, der auf dem restlichen Abschnitt ziemlich einfach war.

Ich werde größere Steinmännchen machen und vielleicht einige davon mit reflektierender Farbe markieren müssen.

Bei einer Pause auf der Bresche konnte ich mindestens einen einfachen Weg durch das Massiv ausfindig machen, das die andere Seite des Felskessels säumt, sowie einen Passweg auf den Bergen gegenüber der Felsnadel.

Der Pfad zurück zu meiner Basis ist noch nicht oft genug beschritten worden, aber die Rinnsale, die über ihn hinwegfließen, sind kalt und klar und schmecken gut nach Eisen und Stein.

Überhänge sind bedrohlich. Stehe ich unter einem, so lastet er mit seiner Größe, seinem Gewicht, seiner Präsenz auf mir und presst den Raum zusammen. Mein inneres Ohr spürt einen Vorsprung, noch bevor ich ihn sehe. Seine Bedrohlichkeit steht in keinem Zusammenhang mit dem Risiko, das man eingeht, um das Hindernis zu umgehen. Seine Bedrohlichkeit ist manifest, ist massiv. Sie liegt in der Schwerkraft des Felsens, zwischen Fallen und Halten, wohl eher im Fallen, im unmittelbar bevorstehenden Fall, der sich ganz gewiss in einer nahen, unvorhersehbaren Zeit vollziehen wird. Ein Fall, der im Begriff ist, sich zu ereignen, auf einer Zeitskala, die wir aufgrund unserer eigenen Geschwindigkeit nicht wahrnehmen.

Holz zersägen heißt bauen. Eigentlich brauche ich es gar nicht, aber die Tätigkeit gefällt mir. Der Geruch des Gemischs für die Kettensäge, das Geräusch des Motors, das unter dieser immensen Himmelsglocke so mächtig und verloren klingt, all das sind vertraute und beruhigende Dinge: Ich zersäge totes, trockenes, entrindetes Holz, dessen Kern noch hell ist. Drei Raummeter habe ich unter den Kiefern aufgestapelt und mit einer Plane abgedeckt. So sind die Scheite für meinen Fischgrill in Reichweite.

Die Entsteinung des Gartens ist bald abgeschlossen. Die schönsten Steine werde ich dazu verwenden, zum Schutz vor dem Talwind, der bereits von den Kiefern abgefangen wird, eine kleine Mauer zu errichten. Bald ist die Erde umgegraben. Ich will Lauch, Zwiebeln, Salat, Sauerampfer, Kartoffeln und Kohl für den Winter anpflanzen. Mal sehen.

Ich habe die Bambussetzlinge Aureocaulis und Bissetii herausgeholt. Während sie darauf warten, in ihr Loch gesteckt zu werden, und bis die Wassergräben und niedrigen Erdmäuerchen errichtet sind, kommen sie ein wenig an die frische Luft. Ich habe für sie ein Plätzchen hinter den Kiefern ausgesucht, dicht am Wasser, wo der Hang ein wenig steiler wird. Ich will die Bissetii dicht neben die Nadelhölzer pflanzen, windgeschützt, nicht zu schattig. Sie werden den Aureocaulis, die keine kalten Luftströme mögen und mehr Licht brauchen, als Schutzwall dienen. Ich freue mich jetzt schon darauf, im Frühling ihr gelbes Stroh erröten und mit dem Dunkelgrün der bissetii Zwiegespräche führen zu sehen. Wenn die Bedingungen nicht allzu schlecht sind, werden sie den Hang erklimmen, sobald das Rhizom begriffen hat, dass der Sturzbach unüberwindbar ist. Ein Bambuswäldchen ist eine Armee im Vormarsch. Im Stillstand versieht das Bambuswäldchen den Raum bloß mit Streifen, lenkt die Lichtstrahlen und die leisesten Windböen um. Es ist eine stille, eigensinnige Armee, eine Versammlung von Ästheten, deren Gegenwart den Mond in eine Laterne verwandelt und ihn zwischen den Kieseln umhertänzeln lässt. In einem Bambuswäldchen ist man zu Hause, geschützt, umhüllt, willkommen. Der Vogelgesang in einem Bambuswäldchen ersetzt die Streichermusik. Sitzt man trinkend und rauchend in einem Bambuswäldchen nah bei einem Gewässer, so feiert man mit den Sieben Weisen die drei Künste Poesie, Musik und Kalligrafie. Man ist in guter Gesellschaft.

Ein Eichhörnchen hat mit dem Kleiderbügel gespielt, den ich vor dem Garten an einen niedrigen Zweig einer Kiefer gehängt habe. Seine kleinen Wachshände haben auf den Schultern meiner Jacke Spuren von klebrigem Harz hinterlassen. Als es gemerkt hat, dass ich es beobachte, ist es mit einem Satz auf den Stamm gesprungen und hat mit dem Schwanz gewedelt, als wollte es die Spuren fortwischen, die es auf meiner Retina hinterlassen hat.

Ich habe meine Jacke in einer Beuge des Baches eingeweicht. Nach einer halben Stunde war es sauber und steif vor Kälte. Ich werde das Waschpulver hierher bringen müssen. Die Strömung wird für mich arbeiten. Allerdings kann es nicht falsch sein, ein Brett mitzunehmen.

Die Form meiner Behausung ist das Ergebnis langer Planungen, damit sie optimal in die Umwelt eingepasst ist. In eine Umwelt, die einem ohnehin schon viele Einschränkungen auferlegt und eine unabhängige Energieversorgung erschwert: Es durften keine Gasflaschen, keine Stromleitung, keine äußere Zufuhr für Licht oder Heizung verwendet werden.