Das große Jagen - Ludwig Ganghofer - E-Book
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Das große Jagen E-Book

Ludwig Ganghofer

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Beschreibung

In "Das große Jagen" entfaltet Ludwig Ganghofer eine beeindruckende Erzählung, die die Faszination der Natur und die Leidenschaft des Jagdwesens miteinander verwebt. Der Roman reflektiert nicht nur die Schönheit und die Herausforderungen der Wildnis, sondern beleuchtet auch die tiefgründigen Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Ganghofers stilistische Meisterschaft zeigt sich in seiner detailreichen Prosa und der sorgfältigen Schilderung von Landschaften, die den Leser in eine beeindruckende alpine Kulisse entführen. Gleichzeitig vermittelt der Text die moralischen und ethischen Dilemmata des Jagens, was ihn in den Kontext der damals aufkommenden Natur- und Tierschutzbewegungen einbettet. Ludwig Ganghofer, ein prominenter Vertreter der deutschen Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, war selbst ein leidenschaftlicher Naturfreund und Jäger. Sein tiefes Verständnis für die Alpenwelt sowie seine Erfahrungen im Jagdwesen fließen in diese Erzählung ein. Güngfrohs Biografie, geprägt von einem Leben im Einklang mit der Natur, spiegelt sich in der Authentizität und Intensität seiner Beschreibungen wider, die aus seinen persönlichen Erlebnissen und der Ehrfurcht vor der Natur entstanden sind. "Das große Jagen" ist für Leser eine fesselnde Entdeckungsreise, die sowohl Liebhaber der Natur als auch Literaturfreunde anspricht. Ganghofers Fähigkeit, emotionale Tiefe mit einer fesselnden Handlung zu verknüpfen, macht dieses Werk zu einer Bereicherung für jeden Bücherregal. Es empfiehlt sich besonders für jene, die das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier in seiner schönsten und zugleich komplexesten Form erkunden möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ludwig Ganghofer

Das große Jagen

Bereicherte Ausgabe. In den Bergen der Alpen: Ein Abenteuer voller Spannung und Naturpoesie
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Alexis Prichard
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2022
EAN 4064066111465

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Das große Jagen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Kern verhandelt Das große Jagen die Spannung zwischen jagdlicher Leidenschaft und den Grenzen, die Natur und Gemeinschaft dem Einzelnen setzen. Das Werk kreist um die Frage, wie Mut, Ehrgeiz und Verantwortung in einer rauen Bergwelt miteinander ins Gleichgewicht kommen. In diesem Spannungsfeld wird die Jagd nicht nur als Beutezug, sondern als soziale und moralische Bewährungsprobe sichtbar. Ludwig Ganghofer verbindet die äußere Wildnis mit inneren Konflikten und zeigt, wie Rituale, Regeln und unausgesprochene Erwartungen den Ton einer Gemeinschaft prägen. Die Jagd wird dabei zur Bühne, auf der Charaktere ihr Maß, ihr Gewissen und ihre Zugehörigkeit erproben.

Das Buch gehört zur Heimat- und Jagdliteratur und ist in einer alpinen Landschaft verortet, wie sie das Werk Ludwig Ganghofers vielfach prägt. Als einer der populären Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts schrieb er für ein breites Publikum, das Natur- und Sittenschilderungen schätzte. In diesem literarischen Umfeld steht Das große Jagen in der Tradition von Erzählungen, die Landschaft, Brauch und Gemeinschaft eng verweben. Der Schauplatz – Bergwälder, Grate, Wildwechsel und entlegene Höfe – erscheint weniger als dekorative Kulisse denn als Handlungsmacht. Die zeitgenössische Leserschaft fand darin Vertrautes, heutige Leserinnen und Leser eine historische Perspektive.

Zu Beginn zeichnet sich ein abgelegenes Tal ab, dessen Bewohnerinnen und Bewohner eine groß angelegte Jagd vorbereiten, deren Ablauf und Regeln allen vertraut, aber nie frei von Risiko sind. Erfahrene Jäger, junge Mitläufer und Skeptiker stehen nebeneinander; Ressentiments und Bewunderung, Verpflichtungen und Rivalitäten mischen sich. Die Vorzeichen sind von Jahreszeit, Wetter und Wildstand bestimmt, doch ebenso von der Stimmung im Dorf. Ohne vorzugreifen lässt sich sagen: Der Aufbruch ist zugleich ein sozialer Auftritt, die Route durch die Höhen ein stiller Charaktertest. Das Leseerlebnis balanciert zwischen gespannter Erwartung und kontemplativer Naturbeobachtung.

Zentrale Themen sind die Ethik der Jagd, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft sowie der Umgang mit Gefahr und Verantwortung. Traditionen strukturieren das Miteinander, doch sie werden durch persönliche Ambitionen, Angst und Stolz herausgefordert. Die Natur erscheint als Maßstab, der Übermut sanktioniert und Umsicht belohnt. Ebenso verhandelt der Text soziale Hierarchien und die Frage, wer Regeln setzt und wer sie trägt. Riten, Schweigen, Blicke und kleine Gesten erzählen oft mehr als offene Bekenntnisse. So entsteht ein dichtes Geflecht aus Loyalität, Ehre und Pragmatismus, in dem Handlungsspielräume stets an Klima, Gelände und gemeinschaftliche Erwartungen gebunden bleiben.

Stilistisch verbindet Ganghofer anschauliche Landschaftsbeschreibungen mit einer ruhigen, gelegentlich feierlichen Erzählhaltung, die in Momenten der Gefahr zu knapper Dringlichkeit anzieht. Die Prosa lässt Höhenlicht, Schatten, Wind und Geräuschkulissen präsent werden und vermittelt ein sinnliches Erleben der Bergwelt. Dialoge tragen mit regionaler Färbung zur Authentizität bei, ohne den Lesefluss zu hemmen. Szenen folgen dem Rhythmus von Anstieg und Atemholen: lange Blicke, dann plötzliche Bewegung. Der Text vertraut auf Atmosphäre, körperliche Wahrnehmung und präzise Beobachtung, um Spannung aufzubauen und zugleich den Respekt vor dem Wild, dem Gelände und den Regeln der Jagd spürbar zu machen.

Für heutige Leserinnen und Leser ist Das große Jagen relevant, weil es Fragen berührt, die in ökologischen und gesellschaftlichen Debatten fortwirken: Was heißt verantwortungsvolles Nutzen von Natur? Wo liegen Grenzen zwischen Tradition, Notwendigkeit und Prestige? Die Erzählung zeigt, wie Gemeinschaften Risiken organisieren, Konflikte befrieden und Wissen weitergeben. Als literarisches Zeitzeugnis macht sie historische Haltungen sichtbar, ohne ihre Ambivalenzen zu verdecken. Wer Gegenwartsfragen nach Nachhaltigkeit, Zugehörigkeit und der Sehnsucht nach Verortung verfolgt, findet hier einen Resonanzraum, der Reflexion und Emotion verbindet und romantische Anmutung mit pragmatischer Härte konfrontiert.

Man kann Das große Jagen als Abenteuer, als Landschaftsbild und als Charakterstudie lesen: ein Text über das genaue Sehen, das geduldige Warten und den Moment, in dem Entscheidung und Konsequenz zusammenfallen. Die große Jagd ist darin weniger Spektakel als Prüfstein, der innere Haltungen nach außen kehrt. Ohne die weitere Handlung vorwegzunehmen, lädt das Buch ein, Mut nicht mit Lautstärke zu verwechseln und Sicherheit nicht mit Routine. Wer sich auf Tempowechsel, leise Zwischentöne und die dichte Materialität der Bergwelt einlässt, wird mit Spannung, Ruhe und gedanklicher Weite belohnt – und mit Fragen, die über das letzte Kapitel hinausreichen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Zu Beginn führt der Roman in ein abgelegenes Alptal, dessen Wälder und Jagdgründe den Takt des Alltags vorgeben. Ein junger Jäger tritt seinen Dienst beim Forst an und beobachtet aufmerksam das Gleichgewicht zwischen Natur, Arbeit und Brauchtum. Der Gutsbesitzer, in dessen Hoheit das Wild steht, betrachtet die Jagd als Zeichen von Ordnung und Verantwortung. In ruhigen Szenen zeigt der Text, wie Jahreszeiten, Witterung und Wildwechsel ineinandergreifen. Die Dorfgemeinschaft begegnet dem neuen Mann mit vorsichtiger Offenheit, während er versucht, Respekt vor den Leuten und den Gesetzen gleichermaßen zu wahren.

Die Ankündigung eines besonderen Ereignisses bringt Bewegung: Ein hoher Jagdherr will das große Jagen ausrichten, eine repräsentative Treibjagd mit Gästen aus der Stadt. Für das Tal bedeutet das Arbeit, Einnahmen und Aufregung, aber auch Unruhe im Revier. Der Forstmeister gibt strenge Anweisungen, die alten Berufsjäger ordnen die Posten, und der Neuling lernt die Regeln des Zusammenspiels. Erste Spannungen zeigen sich, denn nicht alle begrüßen die spektakuläre Machtdemonstration. Leise ist von einem Wildschütz die Rede, dessen Ansehen zwischen heimlicher Bewunderung und Verdacht schwankt. Der junge Jäger spürt, dass Pflichtgefühl und Verständnis bald auf die Probe gestellt werden.

Die Vorbereitung der Jagd wird zum Prüfstein. Wege werden ausgebessert, Treiber angeworben, Wechsel markiert und Strecken geplant. Der junge Jäger prüft Fährten, beobachtet das Wild und fragt sich, wie viel Beunruhigung ein Revier tragen kann. Ein eifriger Gast drängt auf große Beute, was das Maßhalten erschwert. Zugleich wächst eine leise Nähe zu einer Bauerntochter, die die Sorgen der Talbewohner kennt und vermittelnd auf ihn einwirkt. Ein erster Zwischenfall – ein verbotenes Eisen, Spuren bei Nacht – deutet an, dass fremde Hände das Gleichgewicht stören. Der Forstmeister fordert Härte, der Jüngere denkt an Ausgleich, doch die Zeit drängt.

Die Gestalt des Wildschützen tritt deutlicher hervor. Er erscheint nicht als bloßer Gesetzesbrecher, sondern als jemand, den Not, Groll und Stolz geformt haben. Gerüchte erzählen von alten Kränkungen, von geerbten Rechten und von der Sehnsucht, frei über Berg und Wild zu gehen. Der junge Jäger sucht das Gespräch, um Eskalation zu verhindern, während Aufseher und Gendarm auf Abschreckung setzen. In einer nächtlichen Begegnung fallen Worte, ein Schuss hallt warnend, niemand kommt zu Schaden, doch die Fronten verhärten. Das Tal teilt sich in schweigende Lager, und die bevorstehende Jagd wird zur Bühne für offen ausgetragene Spannungen.

Die Tage vor dem Ereignis sind von widersprüchlicher Stimmung geprägt. Wagen rollen an, Gewehrkoffer werden ausgeladen, und in der Wirtsstube herrscht Festlaune. Alte Bergführer berichten von früheren Jagden, von Wetternot und Ruhm. Der junge Jäger fühlt sich zwischen Pflicht, Ehrgeiz und Mitgefühl hin- und hergerissen. Die Bauerntochter mahnt zu Besonnenheit, denn der Föhn frischt auf, und in einer steilen Rinne hat sich loser Schutt gesammelt. Es gehen Worte um, der Wildschütz wolle gerade beim großen Auftrieb Zeichen setzen. Die Verantwortlichen verstärken die Wachen, doch niemand weiß, ob eine Konfrontation wirklich auszubrechen droht.

Mit Tagesgrauen beginnt das große Jagen. Hörner klingen, Treiber rufen, und das Revier erwacht unter den Schritten vieler Menschen. Die erste Strecke verläuft wechselhaft: Mancher Schuss sitzt, mancher bleibt aus, und ein starker Hirsch entkommt mit einer flüchtigen Verwundung. Der junge Jäger nimmt die Fährte nur zögernd auf, denn Nebel steigt aus den Mulden. Die Naturbeschreibung rückt nahe: rasch ziehende Wolken, feuchte Stille, Steinböcke auf den Graten. Als sich eine Gelegenheit zum weiten Schuss eröffnet, entscheidet er sich gegen das Risiko, und seine Zurückhaltung setzt einen Ton der Verantwortung, der einige Gäste irritiert, andere überzeugt.

Im Kernabschnitt des Jagdtages verdichtet sich die Lage. Wetter und Gelände erzwingen Umwege, kleine Gruppen verlieren einander kurz aus den Augen. In einer Karmulde begegnen sich der junge Jäger und der Wildschütz unvermutet. Ihre Haltung schwankt zwischen Misstrauen und der Einsicht, dass der Berg stärker ist als jeder Streit. Ohne den weiteren Ausgang zu verraten, zeichnet der Roman eine heikle Situation, in der Mut, Maß und Menschenkenntnis schwerer wiegen als Eigensinn. Eine Entscheidung fällt, die nicht mit dem Abdrücken eines Gewehrs zu tun hat und die Richtung der nachfolgenden Stunden bestimmt.

Als die Jagd ausklingt, werden Bilanz und Haltung wichtiger als Zahlen. Die Strecke ist ansehnlich, doch nicht überwältigend, und manche Trophäe bleibt bewusst ungenommen. Der Jagdherr deutet an, dass Anstand im Wald weniger durch Rekorde als durch Verhalten gemessen wird. Der Forstmeister überdenkt seinen Ton, und im Dorf klingt vorsichtige Erleichterung an. Fragen nach Schuld und Wiedergutmachung werden aufgegriffen, ohne reißerische Strafen in den Mittelpunkt zu stellen. Beziehungen ordnen sich neu: Vertrauen wächst, Misstrauen bleibt nicht ganz verstummt. Der junge Jäger sieht klarer, welche Art Dienst er leisten will – dem Gesetz, der Natur und den Menschen.

Im Schlussbogen richtet der Roman den Blick auf das, was bleibt. Das große Jagen erweist sich als Lehrstück über Maß und Verantwortung: Jagd als Pflege und Schutz, nicht als Besitzergreifen. Die Berge behalten ihre Würde, die Gemeinschaft ihren Zusammenhalt, weil Menschen einander zuhören und Grenzen anerkennen. Zwischen den Zeilen klingt eine leise Liebesgeschichte an, die Hoffnung ohne Gewissheit verspricht. Alltag und Jahreslauf kehren zurück, doch die Beteiligten sind verändert – nüchterner, wachsamer, versöhnter. So bündelt die Erzählung ihre Botschaft: Wer die Natur achtet, findet Maß im Handeln, und wer Maß hält, stiftet Frieden.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das große Jagen ist in den Alpenräumen der späten Kaiserzeit situiert, in einer Landschaft zwischen bayerischem Oberland (Werdenfelser Land, Ammergebirge, Berchtesgadener Land) und dem angrenzenden Tirol. Zeitlich liegt der Hintergrund im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als Monarchie, Forstverwaltung und ländliche Gemeinden die Nutzung von Wald und Wild regelten. Das alpine Dorfleben war von bäuerlicher Subsistenz, saisonaler Arbeit und einem straffen Gefüge aus Kirche, Gemeinde und staatlichen Forstbehörden geprägt. Die Jagd bildete ein kulturelles und politisches Ritual, in dem adelige Privilegien, moderne Verwaltung und lokale Traditionen unmittelbar aufeinander trafen und soziale Hierarchien sichtbar wurden.

Die Reichsgründung 1871 und die Sonderstellung des Königreichs Bayern prägten die Zeitlage. Nach dem Tod Ludwigs II. 1886 führte Prinzregent Luitpold (Regentschaft 1886–1912) die Amtsgeschäfte, förderte Infrastruktur und pflegte eine repräsentative Hofjagd. Bayern behielt im neuen Reich besondere Rechte (etwa in Militär- und Postwesen), zugleich blieb die Hofkultur ein identitätsstiftender Faktor. Im Romanumfeld erscheinen großangelegte Jagdveranstaltungen als Spiegel jener höfischen Selbstinszenierung: Adelige, Offiziere, Forstleute und lokale Honoratioren treten in einer Ordnung auf, die die politische Kontinuität der Monarchie im Alltagsleben der Alpenregionen performativ bestätigte.

Im 19. Jahrhundert wandelten Jagdrechte sich von ständischen Privilegien zu grundstücksgebundenen Rechten. In zahlreichen deutschen Staaten wurden nach 1848 die Jagdordnungen reformiert; in Österreich regelte das Reichsjagdgesetz von 1852 Schonzeiten, Abschuss und Wildfolge, und in Bayern konsolidierten Verordnungen der 1850er/1860er Jahre das Revierjagdwesen. Diese Kodifikationen stärkten Forstbehörden und Gendarmerie bei der Durchsetzung des Jagdschutzes. Das Buch spiegelt diesen Übergang, indem es Jagd nicht nur als Naturerlebnis, sondern als rechtlich und administrativ strukturierten Akt zeigt, der Genehmigungen, Reviergrenzen und die Autorität des Staates über traditionelle Nutzungsansprüche stellt.

Wilderei und ihr Mythos bildeten eine soziale Konfliktzone. Berühmt wurde der Fall des Wildschützen Georg „Girgl“ Jennerwein (1848–1877), der 1877 im Schliersee-/Spitzingsee-Gebiet erschossen wurde und zur populären Figur lokaler Erzählungen avancierte. Solche Fälle verwiesen auf Spannungen zwischen armutsbedingter Wildentnahme, bäuerlicher Gewohnheit und verschärftem Jagdschutz. Das Werk greift diesen Erfahrungshorizont auf, indem es die moralische Grauzone zwischen rechtsförmiger Hofjagd und existenziell motivierter Wilderei auslotet und zeigt, wie Forstbeamte, Jäger und Dorfbewohner unterschiedliche Rechtfertigungen derselben Landschaft behaupten.

Die touristische und verkehrliche Erschließung der Alpen veränderte ab den 1860er Jahren das Gebirge. Der Österreichische Alpenverein entstand 1862, der Deutsche 1869; 1873 vereinigten sie sich zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein, der Hüttenbau und Wege markant vorantrieb. Eisenbahnlinien wie Murnau–Garmisch (1889) und die Karwendelbahn Innsbruck–Mittenwald (1912) erleichterten Zugang, Jagdlogistik und Warenströme. Das Buch reflektiert die Begegnung von traditionellem Bergalltag und anreisenden Eliten: Treibjagden wurden planbarer und größer, zugleich wuchs der Druck auf Wildbestände, und die Präsenz von Gästen veränderte lokale Ökonomien von Jagd, Holznutzung und Alpwirtschaft.

Forst- und Naturschutzregime etablierten im späten 19. Jahrhundert ein neues Ressourcenmanagement. Unter dem Leitbild der Nachhaltigkeit (seit Carlowitz 1713, im 19. Jahrhundert systematisiert) setzten staatliche Forstverwaltungen in Bayern und der Habsburgermonarchie auf geregelten Einschlag, Aufforstung und Wildregulierung. Schonzeiten, Abschusspläne und Wildschadensausgleich sollten Wald, Wild und Landwirtschaft in Balance halten. Das Werk spiegelt diese technokratische Durchdringung der Berge: Förster und Berufsjäger erscheinen als Träger moderner Expertise, deren Entscheidungen – etwa zur Reduktion von Schalenwild im Schutzwald – unmittelbar in bäuerliche Alltage, Weiderechte und traditionelle Jagdvorstellungen eingreifen.

Die „großen Jagden“ selbst waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert politisch-symbolische Ereignisse. In Bayern prägten die Wittelsbacher die Hofjagdkultur, in der Habsburgermonarchie Kaiser Franz Joseph I. (Regierungszeit 1848–1916) inszenierte Autorität und Naturherrschaft durch Bergjagden auf Gams und Hirsch. Solche Jagden bündelten Logistik, Recht und Sozialordnung: Revierabgrenzungen wurden markiert, Schonzeiten temporär aufgehoben, Treiber aus umliegenden Dörfern verpflichtet, und die Königlich Bayerische Gendarmerie (gegründet 1869) sowie Forstschutzorgane setzten Ordnung und Waffenrecht durch. Der Tagesablauf folgte ritualisierten Mustern – Sammeln, Einweisung, Treiben, Streckelegen – und endete mit öffentlichen Gesten der Herrschaftsrepräsentation, etwa dem Präsentieren der Strecke und der Verteilung von Schützenbrüchen. Für lokale Gesellschaften bedeuteten solche Jagden Einkommen (Lohn für Treiber, Fuhrleistungen, Verpflegung), aber auch Restriktionen: temporäre Sperrungen von Almwegen, strenge Kontrollen von Feuerwaffen, und Wildschutz, der in Konkurrenz zu Waldweide und Brennholzsammeln stand. Zeitungen wie die Münchner Neueste Nachrichten berichteten über prominente Teilnehmer und außerordentliche Erlegungen, wodurch die Jagd in eine mediale Öffentlichkeit rückte. Im Romanhorizont fungiert das „große Jagen“ als Verdichtung dieser Verhältnisse: Es zeigt, wie Herrschaft im Gelände performt wird, wie Forststaatlichkeit bis in Gullies, Rücken und Schneisen reicht und wie bäuerliche Arbeitskraft, höfische Geltung und der Anspruch auf die „Hege“ derselben Wildbahn kollidieren oder sich – situativ – in einer Ordnung von Pflichten, Gesten und Gegengaben stabilisieren.

Als gesellschaftliche Kritik macht das Buch die asymmetrische Verteilung von Nutzungsrechten sichtbar: Wild und Wald erscheinen als staatlich-hoffisches Herrschaftsfeld, dem bäuerliche Existenznot und lokale Gewohnheitsrechte gegenüberstehen. Indem es die Ambivalenz zwischen legaler Jagd und erzwungener Wilderei aufzeigt, thematisiert es soziale Ungleichheit, Strafgewalt auf dem Land und die Symbolpolitik höfischer Rituale. Zugleich verweist die Darstellung auf ökologische Problemlagen der Epoche – Wildschäden, Schutzwald, Übernutzung – und kritisiert implizit jede Praxis, die Natur zur Bühne politischer Repräsentation macht, ohne die Lebensrealitäten derjenigen zu berücksichtigen, die von ihr abhängig sind.

Das große Jagen

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Fußnoten
Bücher von Ludwig Ganghofer
Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller

Kapitel I

Inhaltsverzeichnis

Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeßabend, peitschte der stürmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen von Berchtesgaden. An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt, alle Fensterläden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.

Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzählte von sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben[1q]. Eine grauenvolle Lüge! In Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen Hunderte von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte die Ratlosigkeit neben Haß und Angst, feiges Mißtrauen neben dem Mut, duldende Stärke neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden durch Tür und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und Schwester, zwischen Vater und Sohn.

An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der wirbelnde Schnee vorüber.

Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden Flockenfall.

Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht an den Häusern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebäude, das sich von den Nachbarhäusern auffällig unterschied, öffnete sich die Tür ein bißchen und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: »Hochwürden?«

»Komm!« Auch diese Stimme klang nimmer jung.

Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze huschte aus dem Haus und schloß die Türe, die von innen verriegelt wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war, schritten die beiden quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am neuen Pflegeramt, vorüber an den Stallungen des alten Leuthauses. In der halb bebauten Straße, die zur Franziskanerkirche führte, traten sie in einen mit hohen Bretterplanken umzäunten Garten. Auch hier öffnete sich die Haustür wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach eine Mädchenstimme: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: »Von nun an bis in Ewigkeit, Amen!« Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat: »Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!« Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: »Jetzt hast du wieder dreißig Wochen Ablaß gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bösen so viel, daß du deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen mußt?«

»Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!« Das junge Mädchen verriegelte die Haustür. »Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen, was heilig ist.«

»Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem hilfreichen Lachen.«

Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte die beiden Männer. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Bürgerkleid mit der Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen Faltenkittel, über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte. Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart so weiß wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue Locken heraus. Zwei stille, heißglänzende Augen. Das war der aus Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon Lewitter, der vor fünfzehn Jahren bei einem Judenkrawall das Weib und seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit dieser Gräuelnacht die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt er noch immer als der Jud, genoß aber als Leibarzt des Fürstpropstes zu Berchtesgaden leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte von den Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen Barte hatte das Lächeln einer steingewordenen Geduld.

Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bißchen gebeugt, war doch in seinem sehnigen Körper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte auch eine gute Figur in dem geflügelten Schwarzrock mit den weißen Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit Strümpfen und Schnallenschuhen. Den geschnörkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden, verschmähte er. Glattsträhnig hingen die aschfarbenen Haare um das rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein Spiel von freundlicher Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die sich sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes. Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen eines lebensgläubigen Jünglings glänzten.

»Luisichen?« fragte er munter. »Warum beleuchtest du mich so scharf? Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer müden Männerseelen?« Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.

Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als die Gewissenlosen. Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens und zeigte doch das Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen bestickte Mieder, aus dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu formen begann.

Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. »Luisichen? Hast du dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat dein schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?«

In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: »Ob jung oder alt, das frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind. Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man muß sich innen und außen unterscheiden von den Gottlosen.«

Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser freudlosen, von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele.

Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. »Seid ihr's?« fragte eine erregte Stimme. »Ich hab schon geforchten, ihr könntet ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.«

»Meister, da kennt Ihr uns schlecht.« Der Pfarrer lachte, nicht ganz so froh, wie eine Minute früher. »Wir kommen zu unserem lieben Abend, da kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.«

Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen, der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer gequälten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister. Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn aufatmen, als käme jetzt eine bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gruß, den die drei einander zuflüsterten: »Mensch bleiben!« Den Händedruck mußte Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen, weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten, hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte. Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der Irrlehre Verdächtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa wieder daheim – als Wächterin des Vaters, um ihn zu behüten vor einem Rückfall in den evangelischen Wahn.

Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine künstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit für die Schnitzereien der Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft begründet, bei dem er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung seiner Dienstgesellen oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich selbst gewann. Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner Werkstätte, in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit seines Leidens war.

Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das Stiegengeländer hinunter: »Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen Trunk!«

»Wohl, Vater!«

Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht, noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die Hand auf die Schulter: »Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?«

Der andere schüttelte den Kopf. »Sie glaubt nit, daß ich glaub.«

Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. »Viel Ding im Leben hab ich verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann, daß man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann sein, daß Gott sein heißt: in alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel bleiben.«

Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: »Hätt mein Mädel das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl ausrechnen, wieviel Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.«

Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: »Du?« Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. »Glaubst du, daß ich die Menschen kenn?«

»Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.«

»Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden. Und ich sag dir das voraus: in deinem Mädel wird das rechte Leben noch blühen, wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.«

»Gott soll's geben!«

»Was für einer?« Die große Warze tänzelte. »Der meinige, der deinige, der seinige?« Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen preßte und dieses Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang, schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einsamen Lebens.

Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein Schachbrett und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren. Während der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend einen Blick zur Tür und fragte flüsternd: »Hast du Botschaft aus Salzburg?«

Der Pfarrer nickte. »Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach der letzten Zählung dreißig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem Land getrieben.«

»Ist das nit Irrsinn?« stammelte Niklaus.

»Nein, Bruder!« Die große Warze kam in Bewegung. »Wie mehr man die Zahl der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit anseh, um so lustiger macht es mich.«

»Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?«

»Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist so schaudervoll, daß man sie nur als eine Narretei des Lebens beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so müßt er an der Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so ungefährlicher wird es.«

»Still!« mahnte Lewitter. »Das liebe Mädel kommt.« In seiner Art, zu sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die letzten Schachfiguren und sagte: »Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab ich für euch einen Anfang ausgesonnen –«

Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher, in denen der Würzwein[3] dampfte.

»So! Und so!« sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fünf Züge. »Wie gefällt euch das?«

Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: »Das ist neu.«

»Aber schön!« Der Pfarrer ließ sich lachend auf den Sessel nieder. »Was man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind.«

Luisa hatte die Becher ausgeteilt. »Gott soll's den Herren gesegnen.«

Lewitter antwortete: »Gott soll dir's danken, lieb Kind.« Und der Pfarrer redete fröhlich weiter: »Wie fein das duftet! Hast du das im Kloster gelernt?«

Ein Zornblick. »Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken.«

»Wenn du dabeigewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn du's nit gesehen hast?«

Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befürchten schien, sagte rasch: »Ich dank dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu dich schlafen legen!«

»Ich muß noch schaffen.« Sie maß den Vater mit einem Sorgenblick. »Auch beten muß ich. Heut mehr als sonst.« Ihre Augen glitten über die beiden anderen hin. Dann ging sie.

Lewitter flüsterte: »Sie hat Mißtrauen gegen uns.«

»So? Meinst du?« Der Pfarrer schmunzelte. »Dann hat sie ein Näsl, das so fein ist wie nett.«

Ein bißchen unwillig sagte der Meister: »Warum tust du sie auch allweil reizen?«

»Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wässerlein sich bewegen, wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schöner Gedanke auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und Welt heißt, soll uns weit sein bis um Mitternacht.« Der Pfarrer faßte den Becher. »Her da! Wärmet den Herzfleck! Laßt uns anstoßen als treue Bundesbrüder des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen! Aller dürstenden Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit! Auf das totgeschlagene und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland! Auf das kommende Reich, das neu und schön sein wird!«

Die drei Becher klirrten über den Schachfiguren gegen einander und Niklaus sagte: »Wann wird das kommen, daß unser Volk und Reich den ersten Schrei seines neuen Lebens tut?«

Simeon verlor das steinerne Lächeln. »Am Erlösungsmorgen nach einer harten, tiefen und gewaltigen Not.«

Der Meister nickte. »Dann haben wir Hoffnung, daß wir es noch erleben. Härter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!«

»Hart und tief!« Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich munter. »Bloß das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles läppisch und erbärmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, laß uns Freud haben am schönen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weißen hast den ersten Zug!«

Niklaus rückte eine Figur. »So, mein' ich, wär's am besten.«

Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon verfolgte aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand, die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob sich. Beim Geschirrkasten füllte er zwei langstielige Tonpfeifen mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb des Qualmes zu bleiben, den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren, rückte er ein Stück vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor.

»Was Gutes?« fragte der Pfarrer.

»Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon überlegt, wie ich's für euch übersetzen muß.«

»Hebräisch? Aus deinem Talmud?«

»Was Besseres.«

»Wenn du das sagst, so muß es eine neue Offenbarung sein.« Pfarrer Ludwig schob das Schachbrett beiseite.

»Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.«

»Wer hat's geschrieben?«

»Erst mußt du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen, sondern das Werk vor den Namen.« Lewitter begann mit leiser Stimme zu lesen, während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, dröhnenden Ton. Dabei überhörten die drei, daß an der Haustür jemand pochte, nicht laut, doch ungeduldig.

Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das Pochen.

Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes Mädel, das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte, doch kein frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau, als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen ihre Jugend versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die es ihr nie verziehen, daß sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen.

Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor Schreck das Spinnrädl umgeworfen.

»Bleib, Sus! Ich geh schon!« sagte Luisa. »In dir ist Angst, in mir ist Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten.«

Der da draußen mußte die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das ungeduldige Pochen wurde still.

»Jesus!« stammelte Sus. »Ob's nit die Schergen sind?«

»Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns.« Luisa entzündete die Blendlaterne. »Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten Herrn. Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen: vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen Glauben.« Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück.

Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte Jünglingsstimme: »Lieb Mädel! So tu doch auf!«

Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: »Wer pocht so spät in der Nacht an meines Vaters Haus?« Es klang wie Zorn aus ihren leisen Worten.

»Einer, der es gut mit deinem Vater meint.«

»Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.«

Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. »Sei doch verständig, Mädel! Ich will deinen Vater warnen.«

»Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.«

»Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben, weil er dein Vater ist!«

»Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.«

Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen. »Tust du dich fürchten? Vor mir?«

»Fürchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft haben? So bist du. Fürchten tu ich dich nit.« Die Türkette klirrte, und Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest, damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten hob sie die Laterne.

Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, daß drei Wintermonate diese Wangen nicht hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne Mücken flogen die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes Haar und um die weitgeöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht brannten.

Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme: »Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lügen und macht dich anders als du bist! Man hat mir gesagt, du wärst ein Unsichtbarer, wenn die Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!«

Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: »Bist du ein lebiges Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein in deiner Kirch!« Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie so dicht an seine Brust heran, daß sie seinen heißen Atem empfand, und flüsterte: »Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag ihm: ‚Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!‘« Er drehte das Gesicht, als hätte er ein Geräusch gehört. Da draußen, im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch die nachtgewohnten Augen des Jägers erkannten, was da kam. »Hinauf! Zu deinem Vater!« Mit Sätzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht, verschwand er.

Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine Verstörte und bettelte: »Tu nit Zeit verlieren! Das mußt du dem guten Herren sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf –«

Die Stimme der Magd war so laut geworden, daß man sie droben vernommen hatte. Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer: »Was ist da drunten?«

»Ich komm, Vater!« Luisa huschte über die Treppe hinauf. »Einer hat gepocht an der Haustür –« Ein kurzes Zögern. »Ich mein', es ist von den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der älteste gewesen, der Leupolt.«

»Sag's doch!« klang die angstvolle Stimme der Magd. »So sag's doch dem guten Herrn!«

Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die Stubenschwelle und verschloß die Tür. Auch im Blick der beiden andern war Unruh. »So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?«

»Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch.«

»Der Leupolt?« fragte Pfarrer Ludwig verwundert. »Den prächtigen Buben kenn ich seit den Kinderschuhen.«

»Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.«

Niklaus wurde ungeduldig. »Red doch, Kind! Was hat er gesagt?« Er meinte: jetzt, an der Haustür.

Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. »Auf heiligem Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tät ihm gefallen.«

Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig begann zu lachen. »Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt! Alle Natur verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt. Keiner redet mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren müßten. Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muß sich verwandeln in einen Höllendrachen.«

Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. »Und da ist der junge Raurisser zur Haustür gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten hätt?«

Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. »Das nit. Ich hätt es ihm auch nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist, wie du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen: ‚Für deinen Vater spiel ich um mein Leben.‘ Und muß nit sagen: ‚Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht.‘«

Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während Niklaus stammelte: »Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?«

Luisas Stimme kam einen fremden Klang. »Vater? Ist dein Gewissen nit rein vor Gott?«

Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen, Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der Meister die Stubentür aufriß, hörte man im Flur befehlen: »Ein Vigilant zur Haustür! Einer in loco hujus[2] vor das Kuchlmensch! Einer hat Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! Citissime!«

Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu Stein gewordenen Mädchens: »Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen! Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den Kindern befohlen! Viertes Gebot!«

Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie dem Tisch den Rücken gewandt, da riß Lewitter unter dem Schachbrett das hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen enger Schrift einen Holzschnitt zeigte – ein Blatt aus dem Nürnberger Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger[4]. Hurtig quetschte Simeon die Blätter in zwei kleine Knäuel zusammen, die er verschlingen wollte.

»Halt, Bruderherz!« Pfarrer Ludwig riß ihm die Knäuel vom Munde weg. »Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich hab ein gutkatholisches Versteck.« Während die große Warze tanzte, zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Halse weg und ließ hinter ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. »So! Gleich mit dem ersten Ruck ist dein Spinoza[1] und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's weniger ungesund.«

Zu diesen heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes.

Kapitel II

Inhaltsverzeichnis

Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?«

Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere ich in christschuldigem respecto. Aber Spaßettibus wider die von Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich inquirirre sub loco hujus in Amtibus.«

»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie der Kirchenvater Augustinus.«

»Silentium!« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll: »Es ist der wachsamen Obrigkeit ad aures arriviert, daß in loco hujus des in specie verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene conventicula stattfindlich sind, mit abuso ketzerischer libellis und pamphletica. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der Präsenten ad notam zu rapportieren, in quasi eine Orts- und Leibesvisitationem legaliter fürzunehmen.«

Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer Priester bin?«

»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.«

»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der Öberste, der kommandieret, bin ego ipsus.«

»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die Hos herunterlassen?«

Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende steht sub geistlicher judicatura. Ich hab mich nur zu occupieren mit denen weltlichen Personibus.«

Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen.

Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel? Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!«

Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für die Sus.«

»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's vice-versa Euch selber einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen Schluck nit abhold.«

Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert waren.

Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.

»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß, ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines verborgen ist.«

Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen, klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt beißt er mich in der Magengrub.«

Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer – der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die irdisch enthäutet in der Stube standen – sahen nicht nach der Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte. Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick, als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob.

Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen.

Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher. Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige Mutter Maria?«

Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von nun an bis in Ewigkeit, Amen.«

Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles in ordine befunden. Will's der Obrigkeit ad notam rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges rhinozerum gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher. »Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!«

Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse.

Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten, sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht. Dann legt euch schlafen.«

Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren noch specialiter monieren in respecto der Polizeistund.«

»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen. Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus hat Freipaß bei Tag und Nacht.«

»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus marod ist?«

»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus nötig. Oder wollet Ihr mich davon erlösen?«

»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd, ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand arriviert.«

Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten, standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!«

»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges aufgeht.«

Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.

Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten. »So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da. Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.« Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken, von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus. Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck, Simmi! Ist auch schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig. Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer Tulpenknöspel verschwinden. ‚Feuer ist allweil hilfreich!‘ sagten vor anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.

Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl uns von ihm! Wann ist er gestorben?«

»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.«

»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen sie wächst.«

»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten. Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in Blut und Gehirn.«

Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb? Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des andern ist? Mensch neben Mensch?«

Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht. Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.«

Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift, der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch erleuchtet war – ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche Einfalt miteinander verwoben.

Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt. Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest. Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden.

Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem Kelch.

Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke.

Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen muß – bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.

Da hob der Pfarrer lauschend den Kopf. »Niklaus! Ich hör was.«

Der Meister tat einen schweren Atemzug. »Hinter der Mauer ist meines Mädels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und litaneiet in Höllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.«

War der Sturm erloschen? Außerhalb der Wände kein Rauschen und Sausen mehr. Draußen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mädchenstimme.

Eine weiße Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gerät, wie zärtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens.

Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Läden verschlossenen Fensters, neben dem weißverhangenen Kastenbett. Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die ineinandergekrampften Hände hingerückt gegen ein Altärchen, das zwischen Leuchtern und künstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wächsernen Jesuskinde zeigte. Fünf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebärerin, wieder das Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich vor und küßte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem. Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die braunblonden Flechten zu lösen. Gleich einem schimmernden Mantel fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte sie die linde Woge über den rechten Arm zurück und wollte die Hände heben, um das Haar zu knüpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos betrachtete sie den weißen Arm. Der hatte zwischen Schulter und Ellenbogen vier blaue, strichförmige Male. Lange verstand sie das nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es waren die Denkzeichen jener stählernen Jägerfaust, die bei der Haustür im Schneegestöber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klänge wieder die erregte Jünglingsstimme: »Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!« Wie eine Sinnlose sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze Hand hinein und wusch die blauen Male, immer fröstelnd, als berühre sie etwas Häßliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der Finsternis mit flehendem Laut: »Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich reinigen an Leib und Seel!«

Das Kastenbett krachte ein bißchen, als es die leichte Last einer zarten Jugend empfing.

Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde? Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnsüchtige Jünglingsaugen, die von hundert silbernen Mücken umflogen waren.

Die Hände über der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf und hob die gefalteten Hände. Die Heiligen, die sie herbeischrie, halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslöschen, wollten den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurückstoßen in die Finsternis.

Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich über das Fußgestell des Bettes und riß die Tür auf, die in die anstoßende Kammer führte. »Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?«

Eine müde Stimme: »Mögen tät ich. Mein Schlaf ist, ich weiß nit, wo.«

»Ich tu dich bitten, komm ein bißl zu mir!«

»Kind, was ist dir?« Etwas Graues huschte lautlos aus dem Dunkel heraus. »Du bist doch nit krank?«

»Krank nit. Ich tu mich sorgen, daß ich sündig bin, weil ich höllische Gespenster seh!«

»Geh, du Närrle!«

»Tu mich halsen, Sus! Noch fester! Jetzt ist mir wohl. Und alles ist wieder schwarz. Komm, Sus, tu beten mit mir.«

Leis erwiderte das Mädel: »Beten kann ich nit. Allweil muß ich an die Soldaten Gottes denken, und was dem guten Herren hätt drohen können.«

Es wurde laut im Haus. Eine Türe ging. Schritte und Stimmen; am deutlichsten die Stimme des Meisters.

Da tauchte plötzlich die Sus das Gesicht gegen den Schoß der Haustochter und brach in erwürgtes Schluchzen aus.

»Sus? Du Liebe! Was hast du denn?«

»Mir ist so weh, ich kann's nit sagen. Es bringt mich noch um.«

»Das sind die Soldaten nit. Das ist der Vater, den der Himmel jetzt erlöst – von den anderen zwei, die ich nit leiden mag. Gott tut mich warnen vor ihnen. Die bet ich noch fort aus unserem Haus. Sei still, liebe Sus! Da mußt du nit Angst haben.«

»Es ist nit Angst. Es ist die Zeit. Die liegt auf jedem als wie ein Stein.«

»Die Zeit muß keiner fürchten, der gläubig ist. Komm, Sus, du frierst. Ich spür, wie du zitterst. Laß dich zudecken! Einen Menschen haben, ist gut.«

Die drei Männer, die draußen hinunter gingen über die Stiege, hatten eine Weile im Flur zu schaffen, bis sie die mit Brettern und Holzscheiten verbarrikadierte Türe frei bekamen.

Durch die Klüfte der zerschlagenen Haustür wehte kein Schnee mehr herein. Das Gestöber war versiegt. Draußen eine schweigsame Winternacht, durch deren ziehendes Gewölk der Vollmond herunterglänzte.

Während Meister Niklaus im Flur die Barrikade wieder baute, schritten Pfarrer Ludwig und Simeon Lewitter lautlos durch den Schnee.

Hunde schlugen an, bald nah, bald ferne, mit Stimmen, die halb erloschen im Rauschen der Ache.

Simeon flüsterte: »Die Nacht ist wieder ohne Ruh.«

»Es wandern die Unsichtbaren.«

Die beiden folgten der Straße. Da faßte der Pfarrer den Arm des Freundes und deutete über eine verschneite Wiese hinaus. »Dort! Siehst du's?«

Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender Menschenschatten, ohne daß man einen Menschen sah.

Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer Gestalt, die bis zu den Füßen in Leinwand gekleidet war, so weiß wie der Schnee, über dem Kopf eine Kapuze mit Löchern für die Augen, in denen es funkelte gleich geschliffenen Gläsern. »Wer bist du?« Keine Antwort. Der Pfarrer lachte ein bißchen. »Ich bin nit gefährlich. Nur neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder kommst du von ihm?« Keine Antwort. Nur das Strömen eines schweren Atems. »Leupolt? Bist du's?«

»Wohl.«

»Was suchst du noch?«

»In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt weiß ich, wer bei ihm gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.«

»Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen können, daß die Soldaten Gottes bei ihm einkehren?«

»Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter geredet. Ich hab's gehört.«

»So? Und da bist du weggesprungen über Vater und Mutter! Und hast dem anderen geholfen? Warum?«

»Weil ich's tun hab müssen.«

»Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen Grund!« Wieder lachte der Pfarrer. »Geh schlafen, lieber Bub! Die Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleißig auf den Toten Mann! Dir vergönn ich ein lebendiges Glück. Will auch helfen dazu, so gut ich's versteh. Zwei Herrgötter sollen dich hüten, der deine und der meine. Doppelt genäht hält allweil besser.« Der Pfarrer stapfte durch den Schnee zur Straße zurück. Als er das Gesicht wandte, sah er keine Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten.

Kapitel III

Inhaltsverzeichnis

In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen. »Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste[5] ist noch munter.«

Simeon schwieg.