Das große Jagen - Ludwig Ganghofer - E-Book
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Ludwig Ganghofer

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Beschreibung

In "Das große Jagen" entfaltet Ludwig Ganghofer ein meisterhaftes Porträt der Jagd und ihrer tief verwurzelten Bedeutung in der bayerischen Kultur. Der Autor kombiniert einen poetischen Schreibstil mit fesselnden Beschreibungen der Natur und ihrer Geschöpfe. Die Erzählung ist durchdrungen von philosophischen Reflexionen über Mensch und Tier, die dabei die interdependente Beziehung zwischen beiden aufzeigt. Ganghofer schafft es, den Lesern nicht nur die Ästhetik der Landschaft näherzubringen, sondern auch die emotionale Tiefe und moralischen Dilemmata, die mit der Jagd verbunden sind, auf eindringliche Weise zu präsentieren. Ludwig Ganghofer, als einer der einflussreichsten Schriftsteller der bayerischen Heimatliteratur, ließ sich in seinen Werken stark von der Natur und der ländlichen Lebensweise inspirieren. Seine Kindheit in den Alpen prägte nicht nur sein Verständnis für die Wildnis, sondern auch seine Fähigkeit, diese eindrucksvoll im geschriebenen Wort festzuhalten. Ganghofers persönliche Erlebnisse und seine Leidenschaft für die Jagd fließen in "Das große Jagen" ein und verleihen dem Werk autenticity und emotionale Resonanz. Für Leser, die eine tiefere Verbindung zur Natur und den kulturellen Traditionen des Alpenraums suchen, bietet "Das große Jagen" ein unvergessliches Leseerlebnis. Ganghofers Werke sind nicht nur für Jagdliebhaber von Interesse, sondern auch für alle, die ein Gespür für die Spiritualität und die Herausforderungen der Natur hegen. Tauchen Sie ein in diese literarische Reise, die sowohl bereichert als auch zum Nachdenken anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ludwig Ganghofer

Das große Jagen

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Kevin Werner
EAN 8596547075981
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2022

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Das große Jagen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der Anziehungskraft der Wildnis und den sozialen Kräften der Gemeinschaft entfaltet sich ein Ringen um Freiheit, Ordnung und Maß. Ludwig Ganghofers Das große Jagen führt in eine alpine Welt, in der die Jagd nicht nur Handwerk und Passion, sondern auch Bühne gesellschaftlicher Beziehungen ist. Schon die Konstellation deutet an, dass in den Bergen nicht allein Wild und Wetter Widerpart sind, sondern auch Erwartungen, Ehre und Zugehörigkeit. Ohne den weiteren Verlauf vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Dieses Buch eröffnet sein Panorama mit aufmerksamem Blick für Natur und Menschen, und es nutzt die Jagd als Brennglas, durch das Motive und Motiveure scharf hervortreten.

Das Werk ist der Heimatliteratur zuzurechnen und lässt sich zugleich als Jagderzählung mit starkem Sittenbild-Charakter lesen. Der Schauplatz ist eine alpenländische Bergregion, deren Wälder, Schluchten und Almen nicht Kulisse, sondern aktiver Mitspieler des Geschehens bilden. Ganghofer, ein präsenter Chronist dieser Landschaftskultur, verwebt Umwelt, Arbeit und Brauchtum zu einer erzählerischen Topografie, in der Wege, Wetterumschwünge und Höhenlinien Bedeutung tragen. Im Kontext seines populären AlpenŒuvres positioniert sich Das große Jagen als Erzählprosa, die Naturerfahrung und Gesellschaftsbeobachtung zusammenführt, ohne ins Dokumentarische zu kippen. Entscheidend ist die Verankerung im Konkreten: Geräusche, Gerüche, Arbeitsschritte, Blickachsen, die das Bild der Jagd verdichten.

Die Ausgangssituation formiert sich um ein groß angelegtes Jagdunternehmen, das Menschen verschiedener Aufgaben und Herkünfte zusammenbringt. Während Vorbereitungen, Absprachen und Erkundungen voranschreiten, wachsen Erwartungen, Unsicherheiten und Ambitionen; zugleich entsteht ein Geflecht aus Rücksichten und Reibungen. Topografie, Wetter und Wildwechsel werden geprüft, Zuständigkeiten geklärt, Grenzen ausgelotet – eine Bühne, auf der das Miteinander ebenso auf dem Spiel steht wie der spätere Erfolg. Der Text bleibt dabei nah an Wahrnehmungen und Handgriffen, ohne seine Figuren vorzuführen. Was sich ankündigt, ist nicht bloß eine Jagd, sondern ein sozialer Aggregatzustand, in dem Rollen, Regeln und Selbstbilder in Bewegung geraten.

Die Erzählstimme ist souverän und zugewandt, sie balanciert anschauliche Naturpassagen mit prägnanten Beobachtungen des Zwischenmenschlichen. Ganghofer arbeitet mit sinnlich-konkreten Bildern, rhythmischen Beschreibungen und dialogischen Momenten, die regional koloriert sein können, ohne die Verständlichkeit zu verlieren. Der Ton ist zugleich warm und spannungsbewusst: kontemplativ in den Landschaftsblicken, dynamisch in Arbeitsabläufen und jagdlichen Manövern. Szenen bauen sich aus Blickrichtungen, Geräuschen und Bewegungen auf, wodurch Tempo und Atmosphäre organisch entstehen. Der Stil lädt zum Mitgehen ein, nicht durch spektakuläre Effekte, sondern durch stetige Verdichtung; so entsteht ein Lesefluss, der Ruhe und Dringlichkeit in produktiver Reibung hält.

Zentrale Themen durchziehen die Erzählung: das ethische Verhältnis zwischen Jagd und Hege, Verantwortung gegenüber Kreatur und Landschaft, die Dialektik von Mut, Ehrgeiz und Maßhalten. Ebenso präsent sind Fragen sozialer Ordnung – Rang, Ansehen, Zugehörigkeit –, die sich im Ritual der Jagd sichtbar machen. Traditionen strukturieren Handeln und Erwartungen, doch sie werden auf ihre Tragfähigkeit geprüft, sobald Situationen komplex werden. Wahrnehmung und Deutung stehen im Wettbewerb: Was gilt als Können, was als Glück, was als Übermut? Die Jagd fungiert als Prüfstein charakterlicher Festigkeit und als Spiegel kollektiver Selbstbilder, in denen Stärken wie Bruchlinien gleichermaßen aufscheinen.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Das große Jagen relevant, weil es Fragen verhandelt, die unsere Gegenwart beschäftigen: Wie lässt sich Natur nutzen, ohne sie zu verbrauchen? Wie wirken Rituale auf Gemeinschaft und Individuum, und wie wandeln sie sich? Das Buch lädt dazu ein, Verantwortung, Maß und Respekt neu zu kalibrieren – jenseits vereinfachender Gegensätze zwischen Stadt und Land, Tradition und Fortschritt. Zudem zeigt es, wie stark Wahrnehmung sozial gerahmt ist: Rollenbilder, Ehre, Status. Wer die Debatten um Nachhaltigkeit, Gemeinsinn und gelingende Lebensführung ernst nimmt, findet hier Anschlüsse, ohne auf zeitgebundene Antworten festgelegt zu werden.

Empfehlenswert ist eine Lektüre, die sich Zeit für die Atmosphäre nimmt und die erzählerische Geduld als Qualität begreift. Wer naturnahe Prosa, genaue Arbeitsbeschreibungen und ein sensibles Gespür für soziale Dynamiken schätzt, wird belohnt mit einem vielschichtigen Bild aus Landschaft, Menschen und Praktiken. Das große Jagen überzeugt nicht durch Sensationsmomente, sondern durch Konsequenz im Blick und Maß im Urteil; gerade darin liegt sein bleibender Reiz. Es öffnet einen Erfahrungsraum, in dem Naturbeziehung, Ethos und Gemeinschaftsgefühl erprobt werden – und es zeigt, warum diese Prüfungen auch heute noch unser Verständnis von Verantwortung und Zusammenhalt schärfen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Das große Jagen von Ludwig Ganghofer, einem prägenden Autor der deutschsprachigen Heimatliteratur um 1900, eröffnet sein Geschehen in einer von Jagd geprägten Landschaft und Gemeinschaft. Früh werden die sozialen Regeln, Rituale und Saisonrhythmen sichtbar, die Arbeit, Fest und Verantwortung strukturieren. Präzise Naturbeobachtung – Wetter, Gelände, Tierverhalten – verbindet sich mit dem Bewusstsein, dass Jagd zugleich Erwerb, Brauchtum und Bewährungsfeld ist. Erste Szenen markieren Zuständigkeiten zwischen Aufsicht, Besitz und Diensten und lassen Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit anklingen. Der Ton bleibt anschauend und gelassen, doch unter der Oberfläche wird bereits ein Prüfstein für Charakter, Urteilskraft und Maß vorbereitet.

Mit fortschreitender Exposition rücken einzelne Figuren in den Blick, deren Lebenswege durch Jagd, Arbeit und Herkunft verbunden sind. Sie tragen unterschiedliche Erwartungen: ältere Autoritäten pochen auf bewährte Ordnung, Jüngere drängen auf Anerkennung und eine zeitgemäße Auslegung von Brauch und Recht. Außenseiter bringen andere Maßstäbe ein und stellen Gewohnheiten unabsichtlich in Frage. Aus Gesprächen, Beobachtungen und vorbereitenden Handgriffen entsteht ein feines Netzwerk aus Loyalitäten und stillen Rivalitäten. Zugleich deutet sich an, dass nicht nur Wild und Strecke zählen, sondern auch die Pflege von Land und Bestand. Dieses Spannungsfeld schärft die Fragen nach Verantwortung, Grenzen und persönlicher Integrität.

Die anstehenden großen Unternehmungen im Revier verleihen dem Ablauf eine spürbare Verdichtung. Planungen, Absprachen und die Zuweisung von Plätzen und Wegen lassen unterschiedliche Zielsetzungen aufeinandertreffen: sichere Führung, sportlicher Ehrgeiz, Nutzenkalkül und Rücksicht auf den Bestand. Ein frühes Missverständnis oder eine Fehleinschätzung macht die Fragilität des Vorhabens sichtbar und zwingt zu vorsichtigerer Koordination. Dabei tritt deutlicher hervor, wie sehr Erfolg und Anstand voneinander abhängen. Hinweise auf verdeckte Interessen und alte Rechnungen verdunkeln die Stimmung, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Der Druck wächst, und mit ihm die Bedeutung kluger Zurückhaltung und klarer Verantwortungsgrenzen.

Das titelgebende große Jagen wird zum dramaturgischen Angelpunkt. Witterung, Gelände und unberechenbare Verläufe testen Planung und Nerven gleichermaßen. Entscheidungen unter Zeitdruck legen Haltungen offen: Wer wahrt Maß und Übersicht, wer überschätzt sich, wer riskiert zu viel? Der Lärm des Moments bringt auch Verschwiegenes an den Tag; zurückgehaltene Motive und überdeckte Konflikte rücken in den Vordergrund. Zugleich wird erlebbar, wie Natur eigene Gesetzmäßigkeiten behauptet und menschliche Kontrolle relativiert. Eine Zuspitzung stellt Bindungen auf die Probe und verlagert Loyalitäten. Die Konsequenzen reichen über den einzelnen Tag hinaus und setzen eine Phase des Nachspürens und Abwägens in Gang.

In der Folge dominieren Auswertung, Gespräch und leises Ringen um Deutungshoheit. Was als Erfolg gelten darf, was als Übergriff, steht zur Debatte. Dabei geraten nicht nur Zahlen und Trophäen in den Blick, sondern die Frage, ob die Mittel dem Zweck angemessen waren. Private Bindungen und berufliche Pflichten kollidieren, und die Beteiligten messen Anstand und Ehre an Handlungen, nicht an Worten. Der Ton bleibt kontrolliert, doch Enttäuschungen und verletzte Empfindlichkeiten sind spürbar. Einige Figuren zeigen Bereitschaft zur Korrektur, andere beharren auf Gewohnheit. Die Erzählung weitet sich zu einer Reflexion über Maßhalten, Verantwortung und gemeinschaftliche Regeln.

Gegen das Ende hin richtet sich der Blick auf die Möglichkeit eines Ausgleichs, ohne alles auszusprechen. Kleine Gesten – Verzicht, Anerkennung eines Fehlers, praktische Hilfe – gewinnen mehr Gewicht als demonstrative Akte. Naturereignisse oder Beobachtungen im Revier wirken wie Korrektive: Sie dämpfen Übermut, schärfen Respekt und verlagern den Ehrgeiz vom Nehmen zum Bewahren. Wer Verantwortung trägt, sucht nach Formen, Autorität mit Einsicht zu verbinden; wer lernen wollte, erkennt Grenzen und Chancen. Das große Jagen wird dadurch weniger Triumph als Lernmoment, das Ausmaß persönlicher Reifung bleibt angedeutet und hält die endgültige Folge für einzelne Schicksale zurück.

Im Ergebnis entfaltet das Werk eine vielschichtige Studie über die Verbindung von Mensch, Gemeinschaft und Natur unter den Bedingungen der Jagd. Es zeigt, wie Traditionen Orientierung bieten und dennoch Prüfung brauchen, wie Anstand aus Handlungen erwächst und wie leicht Ehrgeiz Sinn und Maß verschiebt. Ohne finale Eindeutigkeit betont die Erzählung die Notwendigkeit von Rücksicht, Augenmaß und verlässlicher Verantwortung. Als Beitrag zur populären Heimaterzählkunst veranschaulicht sie, weshalb die von Ganghofer geprägte Perspektive lange wirkte: Sie macht Landschaft und Brauch erfahrbar und lädt dazu ein, über Nutzen, Grenzen und ethische Leitlinien eines kollektiven Tuns nachzudenken.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das große Jagen ist in den späten Jahrzehnten des 19. und frühen des 20. Jahrhunderts in der alpenländischen Welt Süddeutschlands und Österreichs, die Ganghofer gut kannte, zu verorten. Institutionen: Königreich Bayern im Deutschen Kaiserreich, österreichische Kronländer (Tirol) in der Habsburgermonarchie; Forstämter, Jagdaufseher, Gemeindevorsteher, katholische Pfarreien, ländliche Gendarmerie prägten das Alltagsgefüge. Jagdrechte waren an Grundbesitz gebunden und wurden vielfach an wohlhabende Städter oder Adelige verpachtet; professionelle Berufsjäger und Revierförster setzten Regeln durch. Almwirtschaft, Holztrift und Sägewerke strukturierten Arbeit und Landschaft. In diesem Gefüge entfaltet sich die erzählte Jagd- und Dorfwelt, deren Normen und Konflikte durch staatliche Vorschriften, kirchliche Autorität und lokale Sitten bestimmt sind.

Im Kaiserreich (1871–1918) und in der späten Habsburgermonarchie erreichten technische und wirtschaftliche Modernisierungen die Alpen. Bahnlinien erschlossen Täler, Marktbeziehungen verdichteten sich, und neue Käufer für Wildbret, Holz und Tourismusleistungen entstanden. Die Jagd wandelte sich zugleich: Sie blieb Statuspraxis des Adels, wurde aber zunehmend von bürgerlichen Pächtern getragen. Figuren wie der bayerische Prinzregent Luitpold (1886–1912) standen öffentlich für Jagdleidenschaft und forstliche Ordnung. Parallel professionalisierte sich die Forstwissenschaft an Ausbildungsstätten wie Tharandt und Eberswalde; Dienstvorschriften regelten Hege, Schonzeiten und den Kampf gegen Wildschäden. Diese Entwicklungen bilden die reale Folie für die erzählerische Bühne von Forst, Revier und Dorf.

Die rechtliche Neuordnung des Jagdrechts im 19. Jahrhundert verknüpfte die Ausübung der Jagd in vielen deutschen Ländern fest mit dem Besitz größerer Flächen und mit abgegrenzten Jagdbezirken. Für kleinere Eigentümer und Almnutzer bedeutete das Einschränkungen traditioneller Nutzungen. Akten der Forstbehörden und Gendarmerie dokumentieren in den Alpen wiederkehrende Konflikte: Wilderei, Holzdiebstahl, Grenzstreitigkeiten und Auseinandersetzungen um Wildschäden. Berufsjäger und Revierförster überwachten Schonzeiten und Wege, während Gemeinden zwischen Einnahmen aus Verpachtung und den Bedürfnissen der Bevölkerung abwogen. Dieses Spannungsfeld aus Eigentum, Ordnung und Überleben prägte die soziale Wirklichkeit, die im Roman in der Form jagdlicher Rituale, Regeln und Bewährungsproben anklingt.

Literarisch steht das Werk im Umfeld der Heimatkunst-Bewegung, die um 1890 bis 1910 landschaftlich und sozial verwurzelte Erzählweisen pflegte. Sie betonte Dialekt, ländliche Sitten, Handwerk und Naturerfahrung als Gegenakzent zu Großstadt- und Naturalismusdebatten. München fungierte als bedeutendes kulturelles Zentrum Süddeutschlands, in dem Verlage, Feuilletons und Bühnen volkstümliche Stoffe verbreiteten. Zeitgenössische Autoren wie Ludwig Ganghofer und Peter Rosegger erreichten breite Leserschaften mit erzählten Alpenwelten, die reale Milieus wiedererkennbar machten. In dieser literarischen Konjunktur wurde Jagd nicht nur Sujet, sondern Metapher für Hierarchien, Selbstdisziplin und Zugehörigkeit – Aspekte, die Leserinnen und Leser jener Jahre unmittelbar verstanden.

Gleichzeitig transformierte der Alpentourismus die Region. Der Deutsche und Österreichische Alpenverein (gegründet 1869) baute Hütten und markierte Wege, wodurch zuvor schwer zugängliche Gebiete häufiger aufgesucht wurden. Sommerfrischler, Kurgäste und sportliche Bergsteiger veränderten Nachfrage, Preise und saisonale Arbeit. Wohlhabende Städter pachteten Reviere, errichteten Jagdhäuser und brachten neue Konsumgewohnheiten mit. Diese Annäherung von städtischem Bürgertum und ländlicher Bevölkerung erzeugte Kooperationen wie Spannungen: zwischen Schutz der Ruhe im Revier, wirtschaftlicher Nutzung und dem Reiz des Spektakulären. Der Roman spiegelt diese Konstellation, indem er Begegnungen und Rollenmuster zwischen Gästen, Pächtern, Forstbediensteten und Einheimischen in den Mittelpunkt des sozialen Gefüges rückt.

Um 1900 gewann der organisierten Landschafts- und Naturschutz an Kontur: Der Bund Heimatschutz entstand 1904, in Bayern gründete sich 1913 der Bund Naturschutz. Auch jagdliche Praxis reagierte auf wissenschaftliche Impulse und gesetzliche Neuerungen; Schonzeiten wurden ausgebaut, einzelne Arten – etwa nützliche Singvögel – durch das Reichsvogelschutzgesetz von 1908 besser geschützt. Großraubtiere waren in weiten Teilen des Alpenraums bereits stark dezimiert, wodurch sich Hege und Konflikte auf Schalenwild konzentrierten. Der Roman reflektiert diese Lage, indem er die Pflege des Bestands, die Verantwortung der Pächter und die Grenzen menschlicher Eingriffe in eine stark genutzte Bergnatur thematisch präsent macht.

Das religiös geprägte Dorfleben Süddeutschlands und Tirols strukturierte Kalender und Rituale, einschließlich jagdlicher Traditionen. Die katholische Kirche prägte Festtage, Prozessionen und Bräuche; der heilige Hubertus galt als Patron der Jäger, und Hubertusmessen bildeten festliche Kulminationspunkte der Saison. Schützen- und Trachtenvereine, Musikkapellen und Almabtriebe stifteten lokale Identität und soziale Hierarchie. In diesem kulturellen Rahmen waren Ehre, Ansehen und Pflichtbewusstsein klar codiert – vom Jagdgehilfen bis zum Pächter. Die Erzählung nutzt diese codierten Erwartungen als Hintergrund, vor dem Verantwortung, Fehltritte und Bewährung öffentlich sichtbar werden, ohne den religiösen und gemeinschaftlichen Referenzrahmen der damaligen Dorfgesellschaft zu verlassen.

Vor diesem historisch belastbaren Hintergrund lässt sich Das große Jagen als zeitgenössischer Kommentar zur Epoche lesen. Das Buch macht Jagd zum Brennspiegel gesellschaftlicher Ordnung: Es zeigt, wie staatliche Forstverwaltung, verpachtete Reviere und kirchlich geformte Dorfgemeinschaften Normen erzeugen, die Individuen tragen und begrenzen. Ohne den verklärenden Ton vieler Heimattexte ganz zu vermeiden, registriert die Darstellung zugleich die Reibungen von Modernisierung, Marktintegration und Traditionspflege. So fungiert das Werk als anschauliche Quelle für Mentalitäten des Kaiserreichs und der alpenländischen Moderne: für Vorstellungen von Natur, Autorität, Ehre und Zugehörigkeit, die den Alltag der dargestellten Welt prägten.

Das große Jagen

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Fußnoten
Bücher von Ludwig Ganghofer
Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller

Kapitel I

Inhaltsverzeichnis

Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeßabend[1], peitschte der stürmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen von Berchtesgaden. An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt, alle Fensterläden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.

Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches[1q]. Dieser Friede erzählte von sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben. Eine grauenvolle Lüge! In Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen Hunderte von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte die Ratlosigkeit neben Haß und Angst, feiges Mißtrauen neben dem Mut, duldende Stärke neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden durch Tür und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und Schwester, zwischen Vater und Sohn.

An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der wirbelnde Schnee vorüber.

Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden Flockenfall.

Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht an den Häusern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebäude, das sich von den Nachbarhäusern auffällig unterschied, öffnete sich die Tür ein bißchen und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: »Hochwürden?«

»Komm!« Auch diese Stimme klang nimmer jung.

Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze huschte aus dem Haus und schloß die Türe, die von innen verriegelt wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war, schritten die beiden quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am neuen Pflegeramt, vorüber an den Stallungen des alten Leuthauses. In der halb bebauten Straße, die zur Franziskanerkirche führte, traten sie in einen mit hohen Bretterplanken umzäunten Garten. Auch hier öffnete sich die Haustür wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach eine Mädchenstimme: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: »Von nun an bis in Ewigkeit, Amen!« Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat: »Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!« Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: »Jetzt hast du wieder dreißig Wochen Ablaß[4] gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bösen so viel, daß du deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen mußt?«

»Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!« Das junge Mädchen verriegelte die Haustür. »Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen, was heilig ist.«

»Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem hilfreichen Lachen.«

Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte die beiden Männer. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Bürgerkleid mit der Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen Faltenkittel, über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte. Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart so weiß wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue Locken heraus. Zwei stille, heißglänzende Augen. Das war der aus Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon Lewitter, der vor fünfzehn Jahren bei einem Judenkrawall[2] das Weib und seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit dieser Gräuelnacht die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt er noch immer als der Jud, genoß aber als Leibarzt des Fürstpropstes[3] zu Berchtesgaden leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte von den Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen Barte hatte das Lächeln einer steingewordenen Geduld.

Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bißchen gebeugt, war doch in seinem sehnigen Körper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte auch eine gute Figur in dem geflügelten Schwarzrock mit den weißen Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit Strümpfen und Schnallenschuhen. Den geschnörkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden, verschmähte er. Glattsträhnig hingen die aschfarbenen Haare um das rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein Spiel von freundlicher Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die sich sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes. Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen eines lebensgläubigen Jünglings glänzten.

»Luisichen?« fragte er munter. »Warum beleuchtest du mich so scharf? Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer müden Männerseelen?« Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.

Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als die Gewissenlosen. Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens und zeigte doch das Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen bestickte Mieder, aus dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu formen begann.

Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. »Luisichen? Hast du dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat dein schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?«

In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: »Ob jung oder alt, das frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind. Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man muß sich innen und außen unterscheiden von den Gottlosen.«

Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser freudlosen, von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele.

Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. »Seid ihr's?« fragte eine erregte Stimme. »Ich hab schon geforchten, ihr könntet ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.«

»Meister, da kennt Ihr uns schlecht.« Der Pfarrer lachte, nicht ganz so froh, wie eine Minute früher. »Wir kommen zu unserem lieben Abend, da kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.«

Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen, der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer gequälten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister. Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn aufatmen, als käme jetzt eine bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gruß, den die drei einander zuflüsterten: »Mensch bleiben!« Den Händedruck mußte Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen, weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten, hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte. Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der Irrlehre Verdächtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa wieder daheim – als Wächterin des Vaters, um ihn zu behüten vor einem Rückfall in den evangelischen Wahn.

Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine künstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit für die Schnitzereien der Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft begründet, bei dem er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung seiner Dienstgesellen oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich selbst gewann. Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner Werkstätte, in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit seines Leidens war.

Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das Stiegengeländer hinunter: »Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen Trunk!«

»Wohl, Vater!«

Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht, noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die Hand auf die Schulter: »Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?«

Der andere schüttelte den Kopf. »Sie glaubt nit, daß ich glaub.«

Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. »Viel Ding im Leben hab ich verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann, daß man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann sein, daß Gott sein heißt: in alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel bleiben.«

Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: »Hätt mein Mädel das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl ausrechnen, wieviel Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.«

Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: »Du?« Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. »Glaubst du, daß ich die Menschen kenn?«

»Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.«

»Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden. Und ich sag dir das voraus: in deinem Mädel wird das rechte Leben noch blühen, wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.«

»Gott soll's geben!«

»Was für einer?« Die große Warze tänzelte. »Der meinige, der deinige, der seinige?« Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen preßte und dieses Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang, schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einsamen Lebens.

Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein Schachbrett und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren. Während der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend einen Blick zur Tür und fragte flüsternd: »Hast du Botschaft aus Salzburg?«

Der Pfarrer nickte. »Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach der letzten Zählung dreißig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem Land getrieben.«

»Ist das nit Irrsinn?« stammelte Niklaus.

»Nein, Bruder!« Die große Warze kam in Bewegung. »Wie mehr man die Zahl der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit anseh, um so lustiger macht es mich.«

»Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?«

»Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist so schaudervoll, daß man sie nur als eine Narretei des Lebens beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so müßt er an der Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so ungefährlicher wird es.«

»Still!« mahnte Lewitter. »Das liebe Mädel kommt.« In seiner Art, zu sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die letzten Schachfiguren und sagte: »Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab ich für euch einen Anfang ausgesonnen –«

Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher, in denen der Würzwein dampfte.

»So! Und so!« sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fünf Züge. »Wie gefällt euch das?«

Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: »Das ist neu.«

»Aber schön!« Der Pfarrer ließ sich lachend auf den Sessel nieder. »Was man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind.«

Luisa hatte die Becher ausgeteilt. »Gott soll's den Herren gesegnen.«

Lewitter antwortete: »Gott soll dir's danken, lieb Kind.« Und der Pfarrer redete fröhlich weiter: »Wie fein das duftet! Hast du das im Kloster gelernt?«

Ein Zornblick. »Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken.«

»Wenn du dabeigewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn du's nit gesehen hast?«

Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befürchten schien, sagte rasch: »Ich dank dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu dich schlafen legen!«

»Ich muß noch schaffen.« Sie maß den Vater mit einem Sorgenblick. »Auch beten muß ich. Heut mehr als sonst.« Ihre Augen glitten über die beiden anderen hin. Dann ging sie.

Lewitter flüsterte: »Sie hat Mißtrauen gegen uns.«

»So? Meinst du?« Der Pfarrer schmunzelte. »Dann hat sie ein Näsl, das so fein ist wie nett.«

Ein bißchen unwillig sagte der Meister: »Warum tust du sie auch allweil reizen?«

»Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wässerlein sich bewegen, wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schöner Gedanke auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und Welt heißt, soll uns weit sein bis um Mitternacht.« Der Pfarrer faßte den Becher. »Her da! Wärmet den Herzfleck! Laßt uns anstoßen als treue Bundesbrüder des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen! Aller dürstenden Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit! Auf das totgeschlagene und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland! Auf das kommende Reich, das neu und schön sein wird!«

Die drei Becher klirrten über den Schachfiguren gegen einander und Niklaus sagte: »Wann wird das kommen, daß unser Volk und Reich den ersten Schrei seines neuen Lebens tut?«

Simeon verlor das steinerne Lächeln. »Am Erlösungsmorgen nach einer harten, tiefen und gewaltigen Not.«

Der Meister nickte. »Dann haben wir Hoffnung, daß wir es noch erleben. Härter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!«

»Hart und tief!« Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich munter. »Bloß das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles läppisch und erbärmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, laß uns Freud haben am schönen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weißen hast den ersten Zug!«

Niklaus rückte eine Figur. »So, mein' ich, wär's am besten.«

Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon verfolgte aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand, die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob sich. Beim Geschirrkasten füllte er zwei langstielige Tonpfeifen mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb des Qualmes zu bleiben, den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren, rückte er ein Stück vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor.

»Was Gutes?« fragte der Pfarrer.

»Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon überlegt, wie ich's für euch übersetzen muß.«

»Hebräisch? Aus deinem Talmud?«

»Was Besseres.«

»Wenn du das sagst, so muß es eine neue Offenbarung sein.« Pfarrer Ludwig schob das Schachbrett beiseite.

»Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.«

»Wer hat's geschrieben?«

»Erst mußt du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen, sondern das Werk vor den Namen.« Lewitter begann mit leiser Stimme zu lesen, während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, dröhnenden Ton. Dabei überhörten die drei, daß an der Haustür jemand pochte, nicht laut, doch ungeduldig.

Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das Pochen.

Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes Mädel, das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte, doch kein frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau, als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen ihre Jugend versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die es ihr nie verziehen, daß sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen.

Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor Schreck das Spinnrädl umgeworfen.

»Bleib, Sus! Ich geh schon!« sagte Luisa. »In dir ist Angst, in mir ist Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten.«

Der da draußen mußte die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das ungeduldige Pochen wurde still.

»Jesus!« stammelte Sus. »Ob's nit die Schergen sind?«

»Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns.« Luisa entzündete die Blendlaterne. »Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten Herrn. Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen: vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen Glauben.« Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück.

Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte Jünglingsstimme: »Lieb Mädel! So tu doch auf!«

Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: »Wer pocht so spät in der Nacht an meines Vaters Haus?« Es klang wie Zorn aus ihren leisen Worten.

»Einer, der es gut mit deinem Vater meint.«

»Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.«

Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. »Sei doch verständig, Mädel! Ich will deinen Vater warnen.«

»Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.«

»Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben, weil er dein Vater ist!«

»Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.«

Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen. »Tust du dich fürchten? Vor mir?«

»Fürchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft haben? So bist du. Fürchten tu ich dich nit.« Die Türkette klirrte, und Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest, damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten hob sie die Laterne.

Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, daß drei Wintermonate diese Wangen nicht hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne Mücken flogen die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes Haar und um die weitgeöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht brannten.

Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme: »Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lügen und macht dich anders als du bist! Man hat mir gesagt, du wärst ein Unsichtbarer, wenn die Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!«

Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: »Bist du ein lebiges Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein in deiner Kirch!« Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie so dicht an seine Brust heran, daß sie seinen heißen Atem empfand, und flüsterte: »Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag ihm: ‚Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!‘« Er drehte das Gesicht, als hätte er ein Geräusch gehört. Da draußen, im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch die nachtgewohnten Augen des Jägers erkannten, was da kam. »Hinauf! Zu deinem Vater!« Mit Sätzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht, verschwand er.

Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine Verstörte und bettelte: »Tu nit Zeit verlieren! Das mußt du dem guten Herren sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf –«

Die Stimme der Magd war so laut geworden, daß man sie droben vernommen hatte. Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer: »Was ist da drunten?«

»Ich komm, Vater!« Luisa huschte über die Treppe hinauf. »Einer hat gepocht an der Haustür –« Ein kurzes Zögern. »Ich mein', es ist von den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der älteste gewesen, der Leupolt.«

»Sag's doch!« klang die angstvolle Stimme der Magd. »So sag's doch dem guten Herrn!«

Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die Stubenschwelle und verschloß die Tür. Auch im Blick der beiden andern war Unruh. »So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?«

»Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch.«

»Der Leupolt?« fragte Pfarrer Ludwig verwundert. »Den prächtigen Buben kenn ich seit den Kinderschuhen.«

»Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.«

Niklaus wurde ungeduldig. »Red doch, Kind! Was hat er gesagt?« Er meinte: jetzt, an der Haustür.

Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. »Auf heiligem Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tät ihm gefallen.«

Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig begann zu lachen. »Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt! Alle Natur verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt. Keiner redet mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren müßten. Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muß sich verwandeln in einen Höllendrachen.«

Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. »Und da ist der junge Raurisser zur Haustür gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten hätt?«

Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. »Das nit. Ich hätt es ihm auch nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist, wie du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen: ‚Für deinen Vater spiel ich um mein Leben.‘ Und muß nit sagen: ‚Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht.‘«

Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während Niklaus stammelte: »Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?«

Luisas Stimme kam einen fremden Klang. »Vater? Ist dein Gewissen nit rein vor Gott?«

Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen, Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der Meister die Stubentür aufriß, hörte man im Flur befehlen: »Ein Vigilant zur Haustür! Einer in loco hujus vor das Kuchlmensch! Einer hat Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! Citissime!«

Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu Stein gewordenen Mädchens: »Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen! Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den Kindern befohlen! Viertes Gebot!«

Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie dem Tisch den Rücken gewandt, da riß Lewitter unter dem Schachbrett das hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen enger Schrift einen Holzschnitt zeigte – ein Blatt aus dem Nürnberger Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig quetschte Simeon die Blätter in zwei kleine Knäuel zusammen, die er verschlingen wollte.

»Halt, Bruderherz!« Pfarrer Ludwig riß ihm die Knäuel vom Munde weg. »Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich hab ein gutkatholisches Versteck.« Während die große Warze tanzte, zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Halse weg und ließ hinter ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. »So! Gleich mit dem ersten Ruck ist dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's weniger ungesund.«

Zu diesen heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes.

Kapitel II

Inhaltsverzeichnis

Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?«

Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere ich in christschuldigem respecto. Aber Spaßettibus wider die von Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich inquirirre sub loco hujus in Amtibus.«

»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie der Kirchenvater Augustinus.«

»Silentium!« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll: »Es ist der wachsamen Obrigkeit ad aures arriviert, daß in loco hujus des in specie verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene conventicula stattfindlich sind, mit abuso ketzerischer libellis und pamphletica. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der Präsenten ad notam zu rapportieren, in quasi eine Orts- und Leibesvisitationem legaliter fürzunehmen.«

Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer Priester bin?«

»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.«

»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der Öberste, der kommandieret, bin ego ipsus.«

»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die Hos herunterlassen?«

Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende steht sub geistlicher judicatura. Ich hab mich nur zu occupieren mit denen weltlichen Personibus.«

Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen.

Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel? Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!«

Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für die Sus.«

»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's vice-versa Euch selber einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen Schluck nit abhold.«

Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert waren.

Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.

»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß, ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines verborgen ist.«

Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen, klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt beißt er mich in der Magengrub.«

Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer – der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die irdisch enthäutet in der Stube standen – sahen nicht nach der Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte. Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick, als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob.

Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen.

Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher. Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige Mutter Maria?«

Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von nun an bis in Ewigkeit, Amen.«

Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles in ordine befunden. Will's der Obrigkeit ad notam rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges rhinozerum gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher. »Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!«

Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse.

Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten, sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht. Dann legt euch schlafen.«

Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren noch specialiter monieren in respecto der Polizeistund.«

»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen. Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus hat Freipaß bei Tag und Nacht.«

»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus marod ist?«

»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus nötig. Oder wollet Ihr mich davon erlösen?«

»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd, ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand arriviert.«

Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten, standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!«

»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges aufgeht.«

Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.

Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten. »So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da. Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.« Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken, von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus. Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck, Simmi! Ist auch schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig. Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer Tulpenknöspel verschwinden. ‚Feuer ist allweil hilfreich!‘ sagten vor anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.

Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl uns von ihm! Wann ist er gestorben?«

»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.«

»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen sie wächst.«

»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten. Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in Blut und Gehirn.«

Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb? Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des andern ist? Mensch neben Mensch?«

Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht. Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.«

Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift, der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch erleuchtet war – ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche Einfalt miteinander verwoben.

Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt. Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest. Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden.

Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem Kelch.

Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke.

Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen muß – bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.

Da hob der Pfarrer lauschend den Kopf. »Niklaus! Ich hör was.«

Der Meister tat einen schweren Atemzug. »Hinter der Mauer ist meines Mädels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und litaneiet in Höllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.«

War der Sturm erloschen? Außerhalb der Wände kein Rauschen und Sausen mehr. Draußen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mädchenstimme.

Eine weiße Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gerät, wie zärtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens.

Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Läden verschlossenen Fensters, neben dem weißverhangenen Kastenbett. Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die ineinandergekrampften Hände hingerückt gegen ein Altärchen, das zwischen Leuchtern und künstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wächsernen Jesuskinde zeigte. Fünf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebärerin, wieder das Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich vor und küßte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem. Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die braunblonden Flechten zu lösen. Gleich einem schimmernden Mantel fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte sie die linde Woge über den rechten Arm zurück und wollte die Hände heben, um das Haar zu knüpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos betrachtete sie den weißen Arm. Der hatte zwischen Schulter und Ellenbogen vier blaue, strichförmige Male. Lange verstand sie das nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es waren die Denkzeichen jener stählernen Jägerfaust, die bei der Haustür im Schneegestöber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klänge wieder die erregte Jünglingsstimme: »Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!« Wie eine Sinnlose sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze Hand hinein und wusch die blauen Male, immer fröstelnd, als berühre sie etwas Häßliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der Finsternis mit flehendem Laut: »Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich reinigen an Leib und Seel!«

Das Kastenbett krachte ein bißchen, als es die leichte Last einer zarten Jugend empfing.

Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde? Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnsüchtige Jünglingsaugen, die von hundert silbernen Mücken umflogen waren.

Die Hände über der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf und hob die gefalteten Hände. Die Heiligen, die sie herbeischrie, halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslöschen, wollten den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurückstoßen in die Finsternis.

Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich über das Fußgestell des Bettes und riß die Tür auf, die in die anstoßende Kammer führte. »Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?«

Eine müde Stimme: »Mögen tät ich. Mein Schlaf ist, ich weiß nit, wo.«

»Ich tu dich bitten, komm ein bißl zu mir!«

»Kind, was ist dir?« Etwas Graues huschte lautlos aus dem Dunkel heraus. »Du bist doch nit krank?«

»Krank nit. Ich tu mich sorgen, daß ich sündig bin, weil ich höllische Gespenster seh!«

»Geh, du Närrle!«

»Tu mich halsen, Sus! Noch fester! Jetzt ist mir wohl. Und alles ist wieder schwarz. Komm, Sus, tu beten mit mir.«

Leis erwiderte das Mädel: »Beten kann ich nit. Allweil muß ich an die Soldaten Gottes denken, und was dem guten Herren hätt drohen können.«

Es wurde laut im Haus. Eine Türe ging. Schritte und Stimmen; am deutlichsten die Stimme des Meisters.

Da tauchte plötzlich die Sus das Gesicht gegen den Schoß der Haustochter und brach in erwürgtes Schluchzen aus.

»Sus? Du Liebe! Was hast du denn?«

»Mir ist so weh, ich kann's nit sagen. Es bringt mich noch um.«

»Das sind die Soldaten nit. Das ist der Vater, den der Himmel jetzt erlöst – von den anderen zwei, die ich nit leiden mag. Gott tut mich warnen vor ihnen. Die bet ich noch fort aus unserem Haus. Sei still, liebe Sus! Da mußt du nit Angst haben.«

»Es ist nit Angst. Es ist die Zeit. Die liegt auf jedem als wie ein Stein.«

»Die Zeit muß keiner fürchten, der gläubig ist. Komm, Sus, du frierst. Ich spür, wie du zitterst. Laß dich zudecken! Einen Menschen haben, ist gut.«

Die drei Männer, die draußen hinunter gingen über die Stiege, hatten eine Weile im Flur zu schaffen, bis sie die mit Brettern und Holzscheiten verbarrikadierte Türe frei bekamen.

Durch die Klüfte der zerschlagenen Haustür wehte kein Schnee mehr herein. Das Gestöber war versiegt. Draußen eine schweigsame Winternacht, durch deren ziehendes Gewölk der Vollmond herunterglänzte.

Während Meister Niklaus im Flur die Barrikade wieder baute, schritten Pfarrer Ludwig und Simeon Lewitter lautlos durch den Schnee.

Hunde schlugen an, bald nah, bald ferne, mit Stimmen, die halb erloschen im Rauschen der Ache.

Simeon flüsterte: »Die Nacht ist wieder ohne Ruh.«

»Es wandern die Unsichtbaren.«

Die beiden folgten der Straße. Da faßte der Pfarrer den Arm des Freundes und deutete über eine verschneite Wiese hinaus. »Dort! Siehst du's?«

Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender Menschenschatten, ohne daß man einen Menschen sah.

Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer Gestalt, die bis zu den Füßen in Leinwand gekleidet war, so weiß wie der Schnee, über dem Kopf eine Kapuze mit Löchern für die Augen, in denen es funkelte gleich geschliffenen Gläsern. »Wer bist du?« Keine Antwort. Der Pfarrer lachte ein bißchen. »Ich bin nit gefährlich. Nur neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder kommst du von ihm?« Keine Antwort. Nur das Strömen eines schweren Atems. »Leupolt? Bist du's?«

»Wohl.«

»Was suchst du noch?«

»In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt weiß ich, wer bei ihm gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.«

»Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen können, daß die Soldaten Gottes bei ihm einkehren?«

»Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter geredet. Ich hab's gehört.«

»So? Und da bist du weggesprungen über Vater und Mutter! Und hast dem anderen geholfen? Warum?«

»Weil ich's tun hab müssen.«

»Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen Grund!« Wieder lachte der Pfarrer. »Geh schlafen, lieber Bub! Die Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleißig auf den Toten Mann! Dir vergönn ich ein lebendiges Glück. Will auch helfen dazu, so gut ich's versteh. Zwei Herrgötter sollen dich hüten, der deine und der meine. Doppelt genäht hält allweil besser.« Der Pfarrer stapfte durch den Schnee zur Straße zurück. Als er das Gesicht wandte, sah er keine Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten.

Kapitel III

Inhaltsverzeichnis

In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen. »Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste[5] ist noch munter.«

Simeon schwieg.

Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: »Hast du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße Mitternachtsfährten! Und der Allergnädigste trägt die Unkosten. Maîtresse en titre[6] heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet, der allen Lebensdreck in eine höfische Fineß verwandelt. Wer's von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen, die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei, den ganzen Jägerschwindel à la mode[7] und das ‚Große Jagen‘ auf die haufenweis zusammengehetzte Kreatur – Mensch oder Vieh!« Der Pfarrer verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte. »Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfaß voll Heuchelei und Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem deutschen Acker?«

Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere Schritte.

Ein bißchen lachend, zürnte der Pfarrer: »Allweil bist du wie eine Maus. So scheu, so flink, so lautlos.«

Simeons Stimme war wie ein Hauch. »Der Schnee verschärft jeden Laut. Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.«

»Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat.«