Das größte Geschenk - Lisa Jackson - E-Book
Beschreibung

Lisa Jackson without Crime - DIE Geschichte für Weihnachten! Ein besonderes Weihnachtsgeschenk… Für die einsame Annie McFarlane wird dieses Weihnachtsfest ziemlich überraschend: Nicht nur, dass sie ein kleines Baby verlassen vor ihrer Tür findet, einen Tag später bekommt sie Besuch von einem wütenden, aber auch attraktiven Mann, der behauptet, der Vater des Kindes zu sein. Liam O´Shaughnessy ist zwar äußerst einschüchternd, doch Annie möchte ihr besonderes Weihnachtsgeschenk nicht einfach kampflos aufgeben… Lisa Jackson – ganz ohne Leichen und Verbrechen aber mindestens genauso fesselnd wie ihre Thriller! Blogger zu »Das größte Geschenk«: »›Das größte Geschenk‹ ist eine nette Lektüre für die Weihnachtszeit, die man sich in gemütlichen Lesestunden gut widmen kann.« (JeKrAnTa, 29. November 2014) »Das größte Geschenk« ist ein eBook von feelings –emotional eBooks*. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:153


Lisa Jackson

Das größte Geschenk

Roman

Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp

Knaur e-books

Über dieses Buch

Lisa Jackson without Crime – DIE Geschichte für Weihnachten!

Ein besonderes Weihnachtsgeschenk … Für die einsame Annie McFarlane wird dieses Weihnachtsfest ziemlich überraschend: Nicht nur, dass sie ein kleines Baby verlassen vor ihrer Tür findet, einen Tag später bekommt sie Besuch von einem wütenden, aber auch attraktiven Mann, der behauptet, der Vater des Kindes zu sein. Liam O’Shaughnessy ist zwar äußerst einschüchternd, doch Annie möchte ihr besonderes Weihnachtsgeschenk nicht einfach kampflos aufgeben …

Inhaltsübersicht

PrologKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenEpilogLisa Jackson bei feelings – emotional eBooks. Die ganz großen Gefühle für Deinen eReader!
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Prolog

Dezember 1995Boston, Massachusetts

I’ll have a blue Christmas without you …

»O nein, mein Weihnachtsfest wird ohne dich ganz bestimmt nicht traurig sein!« Aufgebracht schaltete Annie McFarlane das Radio aus. Sie wollte sich den traurigen Song keinesfalls zu Herzen nehmen. Es war Advent, verflixt noch mal! Eine Zeit der Freude und des Glücks – ganz anders als die dumpfe Einsamkeit, die sich in ihr breitmachte.

Sie entwirrte eine Lichterkette und steckte den Stecker ein. Sofort war das trostlose Wohnzimmer ihrer Eigentumswohnung in leuchtend buntes Licht getaucht. Rot, blau, gelb und grün blinkte es auf dem Teppich und an den nackten Wänden, was dem Raum mit den halb gepackten Kisten für den bevorstehenden Umzug zumindest einen Hauch von Gemütlichkeit verlieh. Fotos, Erinnerungen an ihr Leben als verheiratete Frau, Kleidung, Krimskrams – ihr gesamter Besitz, verstaut in Kartons, wild durcheinander in der Wohnung verteilt, wartete darauf, quer durchs ganze Land verfrachtet zu werden.

Annie verspürte einen dicken Kloß in der Kehle und kämpfte wieder einmal mühsam gegen die Tränen an. »Fang jetzt bloß nicht an zu heulen«, wies sie sich selbst mit scharfer Stimme zurecht. »Er ist es nicht wert. Ist deine Tränen nie wert gewesen.«

David hatte sie für eine andere Frau verlassen, na und? Dieses Weihnachtsfest war das erste in ihrem ganzen Leben, das sie allein verbringen würde, na und? Es war aus und vorbei, ein für alle Mal, sie war geschieden, etwas, was sie nie im Leben gewollt hatte – na und?

Millionen von Frauen teilten ihr Schicksal. Männer ebenfalls. Das war doch nicht das Ende der Welt!

Trotzdem fühlte es sich so an. Die Last, die ihre Schultern niederdrückte, der Schmerz, der ihr Herz zu zerreißen drohte, hörten nicht auf ihre ach-so-klugen Beschwichtigungsversuche.

»Du musst darüber hinwegkommen«, sagte sie laut und stellte überrascht fest, dass ihre Worte in den halb leeren Räumen widerhallten. Ihr Hund, ein Mischling, in dem auf alle Fälle ein Deutscher Schäferhund steckte, lag, den Kopf auf den Pfoten, unter dem Küchentisch und klopfte mit dem Schwanz auf den Fußboden.

»Schon gut, Riley«, sagte sie. Ihre Worte klangen so hohl, wie sie sich fühlte.

Graupel prasselte gegen die Fensterscheiben, die alte Kaminuhr auf dem Sims tickte und machte ihr überdeutlich, wie die Sekunden ihres Lebens verstrichen. Die Gasflammen loderten um die Keramikscheite, die niemals Feuer fangen würden. In ihrem Bostoner Wohnviertel herrschte die übliche vorweihnachtliche Stimmung: Helle Lichter blinkten auf den girlandengeschmückten Veranden oder in den Ästen der kahlen Bäume in den Nachbargärten. Die Kinder in diesen Häusern waren zu aufgeregt, um zu schlafen. Die Eltern, erschöpft, aber glücklich, tranken Glühwein, planten das Festessen mit der Familie und sorgten sich, ob ihre in letzter Sekunde gekauften Geschenke auch wirklich einen freudigen Glanz in die Augen ihrer Empfänger zaubern würden.

Und hier war sie und wand eine einsame Lichterkette um einen kleinen, eingetopften Christbaum, den sie im Supermarkt gekauft hatte, wohlwissend, dass sie morgen Abend allein essen und anschließend ein paar Stunden bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im hiesigen Frauenhaus verbringen würde, bevor sie nach Hause zurückkehrte, um den Rest ihrer Sachen zu packen. Sie hatte sich so gewünscht, schon vor den Feiertagen umziehen zu können, doch es hatte nicht geklappt – was allerdings weniger an ihr als an David gelegen hatte.

Vor drei Monaten hatte sie einen Immobilienmakler damit beauftragt, die Eigentumswohnung zu verkaufen, hatte mit tränenverschleiertem Blick zugesehen, wie David seine Hälfte der Sachen zur Tür hinausgetragen hatte, und tapfer gelächelt, als er beiläufig erwähnte, dass Caroline, seine Freundin, schwanger sei. Erst nachdem sie widerstrebend die Scheidungspapiere unterschrieben hatte, war sie zusammengebrochen, und zwar richtig.

Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sich Annie einsamer gefühlt. Ihre Mutter und ihr Stiefvater verbrachten die Weihnachtsfeiertage auf einer Reise entlang der Westküste von Mexiko. Ihre Schwester Nola, ein wahrer Freigeist, war wieder einmal wie vom Erdboden verschluckt, vermutlich zusammen mit einem neuen Geliebten. Annie erinnerte sich an Nolas letzten Fang, einen großen, kräftigen Blonden namens Liam O’Shaughnessy, den sie zwei, drei Wochen lang nahezu vergöttert hatte. Nach O’Shaughnessy hatte es andere gegeben, nahm Annie an, doch Nola hatte nichts Genaueres erzählt.

Dann waren da noch Annies Bruder Joel und seine Frau Polly. Zusammen mit ihren Kindern verbrachten sie Weihnachten zu Hause in Atlanta. Obwohl sie Annie zu sich eingeladen hatten, hatte sie nicht mit ihrem ganzen Kummer im Gepäck zu ihnen fliegen und allen das Weihnachtsfest verderben wollen. Deshalb hatte sie beschlossen, die Zeit hier durchzustehen, allein in der Wohnung, die sie sich mit David geteilt hatte, bis sie kurz nach Neujahr nach Oregon umziehen würde.

Gott sei Dank hatten sie schnell einen Käufer für die Wohnung gefunden. Sie konnte sich nicht vorstellen, es noch viel länger in diesen einsamen vier Wänden auszuhalten, die für sie nicht mehr waren als eine Erinnerung an ihre gescheiterte Ehe.

Sie durchsuchte die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck, den sie erst letztes Jahr gebastelt hatte, und befestigte einen kleinen Schlitten an einem jetzt schon herabhängenden Zweig. Nachdem sie eine Kette aufgefädelter Moosbeeren und Popcorn um den immergrünen Baum in seinem Topf geschlungen hatte, musste sie lächeln. Das mickrige Ding sah beinahe festlich aus.

Es würde ein Leben nach David geben, ein weitaus befriedigenderes Leben. Dafür würde sie sorgen, und zwar höchstpersönlich. Zumindest war ihr immer noch Riley geblieben, der ihr treu Gesellschaft leistete.

Beflügelt von einem winzigen Hoffnungsschimmer ging Annie in die Küche, durchsuchte die Besteckschublade nach einem Korkenzieher und stellte fest, dass sie den dem guten David überlassen hatte und sich nun mit dem Multifunktionswerkzeug begnügen musste, das sie vor ein paar Jahren für eine Campingtour gekauft hatten. Dieses Teil neigte eher dazu, seinem Benutzer die Hand zu zerschneiden, als eine Dose oder Flasche zu öffnen, aber etwas anderes stand im Augenblick nicht zur Verfügung.

Nachdem es ihr gelungen war, die Flasche Chardonnay ohne Blutvergießen zu entkorken, nahm sie ein Weinglas aus dem Regal und dachte daran, wie sie vor sieben Jahren anlässlich ihrer Hochzeit mit David das Kristall ausgesucht hatte. Sie war damals dreiundzwanzig gewesen, frisch vom College , einen Abschluss in Betriebswirtschaft in der Tasche, als sie David McFarlane kennenlernte, einen geistreichen, gutaussehenden Jurastudenten, und sich Hals über Kopf in ihn verliebte. Sie hätte nie gedacht, dass diese Liebe irgendwann vorbei sein könnte. Nicht mal während der qualvollen Zeit nach ihrer ersten Fehlgeburt. Die zweite – sie hatte das Kind im fünften Monat verloren – war nicht weniger schmerzhaft gewesen. Doch die dritte und letzte, nach der der Arzt ihr dringend geraten hatte, nicht noch einmal schwanger zu werden und sich vielleicht mit dem Gedanken zu beschäftigen, ein Kind zu adoptieren, war der Tropfen gewesen, welcher das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht und ihre bis weit über die Schmerzgrenze hinaus belastete Beziehung zerstört hatte. David war der letzte Sprössling des McFarlane-Zweigs im Familienstammbaum, und es wurde von ihm erwartet, dass er einen Nachkommen zeugte, ganz gleich, ob mit oder ohne Annie.

Damals, während ihrer Überlegungen bezüglich Leihmüttern und Kinderwunschkliniken, hatte ihre Ehe ernsthaft zu bröckeln begonnen. Auftritt Caroline Gentry: jung, sexy, willig und – wie David ganz offensichtlich glaubte – in der Lage, ein Kind auszutragen.

»Was für ein Chaos«, sagte Annie zu sich selbst, während sie die Flasche und das Weinglas ins Wohnzimmer brachte. Sie hockte sich vor den Kamin. Die Knie unter ihr XXL-Sweatshirt hochgezogen, betrachtete sie die blinkenden bunten Lichter, die sich in ihrem Wein spiegelten. »Nächstes Jahr wird’s besser werden.« Sie hob ihr Glas und prostete sich selbst zu, während ihr Hund, als hätte er sie verstanden, ein ungläubiges Schnaufen von sich gab. »Ich meine es ernst, Riley. Nächstes Jahr wird es besser werden, sehr viel besser, ganz bestimmt.« Riley gähnte und streckte sich, als hätte er ihre aufmunternden Sprüche satt. Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Chardonnay und schloss die Augen.

Egal, was passierte, sie würde über diesen Schmerz hinwegkommen, ihren untreuen Ehemann vergessen und sich ein neues Leben aufbauen.

Mit einem neuen Mann, meldete sich eine innere Stimme zu Wort.

»Niemals«, flüsterte sie. Sie würde nie wieder einen Mann so nah an sich heranlassen, würde sich nie wieder so verletzen lassen. »Ich schaffe das ganz allein. Lieber sterbe ich, als dass ich mich noch einmal auf einen Mann einlasse.«

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Kapitel eins

Dezember 1996

Oh, the weather outside is frightful …

»Verdammt.« Liam schaltete das Radio aus und lehnte sich stirnrunzelnd gegen das Beifahrerfenster seines zerbeulten Ford. »Das Wetter ist echt furchtbar, und nicht nur das.«

»Bist du etwa nicht in Weihnachtsstimmung?«, schnaubte Jake Cranston, den Blick nach vorn durch die Windschutzscheibe gerichtet. »Schätze, das sind die Knast-Nachwehen.«

Liam antwortete nicht, er ballte stattdessen nur die Faust. In den vergangenen Wochen war er einmal durchs Fegefeuer und zurück gegangen, woran er nicht extra erinnert werden musste. Schon gar nicht von einem Freund. Doch im Grunde war Jake für ihn mehr als ein Freund – er hatte an ihn geglaubt, hatte zu ihm gestanden, als um ihn herum die Hölle losgebrochen war, und er hatte vor dem Gefängnis auf ihn gewartet, als er endlich entlassen wurde.

Liam schaute aus dem Fenster in die Nacht hinaus. Rote Rücklichter leuchteten in der Dunkelheit, verschwommen durch die dicken Regentropfen, die – viel zu schnell für die Scheibenwischer – auf die Windschutzscheibe prasselten. Auf der anderen Seite des Mittelstreifens blitzten die Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge auf. Herrgott, war er müde! Er brauchte dringend Schlaf, einen anständigen Drink und eine Frau. Nicht zwingend in dieser Reihenfolge.

Es kam ihm so vor, als würde Jake schon seit Stunden über diesen verregneten Abschnitt des Freeway fahren, ohne irgendeinem Ziel näher zu kommen, doch dann sah er in der Ferne die Lichter von Seattle aufflackern.

»Willst du irgendwo haltmachen?«, fragte Jake und schüttelte sich eine Marlboro aus der Schachtel, die stets auf dem staubigen Armaturenbrett seines Taurus-Kombis lag. Er reichte Liam die Schachtel und klemmte sich die Zigarette zwischen die Zähne.

Liam überlegte, ob er sich eine anstecken sollte. Es war sechs Jahre her, dass er zum letzten Mal geraucht hatte, und er konnte das Nikotin wirklich gebrauchen. Er war so verdammt angespannt, seine Gedanken rasten in irrer Geschwindigkeit, obwohl er todmüde war. Er warf die Schachtel aufs Armaturenbrett zurück. »Bring mich einfach nach Hause, Cranston.«

»Was zum Teufel willst du denn ausgerechnet dort?« Jake drückte auf den Zigarettenanzünder.

»Irgendwo muss ich ja anfangen.«

»Ja, aber ich an deiner Stelle würde genau das hinter mir lassen und ganz von vorn beginnen.«

»Noch nicht.«

»Du bist doch aus der Sache raus.« Der Zigarettenanzünder klickte. Jake steckte sich die Marlboro an und ließ den Rauch aus den Nasenlöchern strömen.

»Erst wenn ich meinen Ruf wiederhergestellt habe.« Liam lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück und versuchte, den Alptraum der vergangenen Monate und das, was er hinter sich hatte, zu vergessen. Doch die Tage, in denen er ständig über die Schulter geblickt und gewusst hatte, dass er verfolgt wurde, beobachtet von Männern, denen er einst vertraut hatte, ließen sich nicht so einfach abschütteln. Tief in seiner Seele brodelten Misstrauen und ein kaum zu bändigender Zorn.

Alles hatte vor fast fünf Monaten an einem heißen Augustabend in Bellevue, einer Stadt östlich von Seattle im Bundesstaat Washington, begonnen. In den frühen Morgenstunden war in die Büros der Firma, für die Liam tätig war – Belfry Construction – eingebrochen worden. Zunächst ging die Polizei davon aus, dass es sich um ein typisches Einbruchsdelikt handelte, bei dem etwas schiefgegangen war. Der Wachmann, der an jenem Abend Dienst hatte, der alte Bill Arness, hatte das Pech gehabt, den Ganoven in die Quere zu kommen. Sie hatten ihm eins über den Schädel gebraten. Bill, ein sechsfacher Großvater von ausladender Statur, der stets ein freundliches Lächeln auf den Lippen trug, war nicht mehr aus der Bewusstlosigkeit erwacht und nach sechswöchigem Koma verstorben, ohne den Namen seines Angreifers preisgeben zu können. Seine Frau war ihm nicht ein einziges Mal von der Seite gewichen, und der Vorstand von Belfry Construction, Zeke Belfry, hatte fünfundzwanzigtausend Dollar Belohnung ausgesetzt für den entscheidenden Hinweis, der zur Ergreifung des Täters führte. Zeke, ein gesetzestreuer, selbstgefälliger Christ, mit dem Liam nie wirklich zurechtgekommen war, schien persönlich beleidigt zu sein, dass ausgerechnet seine Firma Zielscheibe eines Verbrechens wurde, und sann auf Rache.

Die er schlussendlich bekommen hatte.

Auf Liams Kosten.

Binnen Kurzem gelangte die Polizei zu dem Schluss, dass es sich bei dem Einbruch um die Tat eines Insiders gehandelt haben musste. Akten waren vernichtet worden, Unterlagen aus der Buchhaltung verschwunden. Eine Überprüfung ergab, dass über hunderttausend Dollar fehlten, lauter Geld, das von Bauaufträgen stammte, bei denen Liam der Projektleiter gewesen war.

Die Polizei sowie die Firmenaufsicht hatten begonnen, Fragen zu stellen.

Es vergingen fast zwei Monate, bis die Polizei ihn in den Fokus nahm und langsam, aber sicher die Schlinge um seinen Hals immer enger zusammenzog, während er damit beschäftigt war, seine eigenen Ermittlungen anzustellen. Es war offensichtlich, dass ihm jemand die Sache anhängen wollte, um ihn zu Fall zu bringen, aber wer?

Noch bevor er den Kreis der Verdächtigen eingrenzen konnte, hatte eine Frau das Augenmerk auf sich gelenkt, eine Frau, die einen persönlichen Groll gegen ihn hegte, eine Frau, die auch noch die letzten Nägel in seinen Sargdeckel getrieben hatte. Nola Prescott, seine Ex-Geliebte, war zur Polizei marschiert und hatte die Cops überzeugt, dass Liam in die Sache involviert war, und zwar nicht nur den Einbruch betreffend, sondern auch den Tod des alten Bill Arness.

Deshalb war er jetzt hier, zusammen mit dem einzigen Freund, den er auf der Welt noch hatte, und versuchte, das Geräusch zu vergessen, das ihn Nacht für Nacht wachgehalten hatte. Das Scheppern von Metall auf Metall, das Schlurfen müder Füße, die Rufe der Aufseher, das Rasseln von Ketten – all das hallte noch immer durch sein Gehirn. Er war im Gefängnis gewesen, das musste man sich einmal vorstellen! Und das alles wegen dieser Frau!

Frustriert knirschte er mit den Zähnen, doch dann zwang er sich, seinen Ärger hinunterzuschlucken. Beruhige dich. Es bringt nichts, wütend zu werden. Während der letzten Wochen hatte er sich diese Worte immer wieder wie ein persönliches Mantra vorgesagt. Er hatte gewusst, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach wieder auf freien Fuß gesetzt werden würde, dass der Staatsanwalt nicht genug in der Hand hatte, um ihn längere Zeit festzuhalten, dass er ihn schon bald gegen Kaution freilassen müsste, zumal er die Tat nicht begangen hatte.

»Also, woher der überraschende Sinneswandel?«, fragte er schließlich. »Warum hat man mich so plötzlich rausgelassen?«

»Ich dachte, du hättest mit deinem Anwalt gesprochen.«

»Er war nicht wirklich redselig. Sagte nur, die Anklage habe ihre Hauptzeugin verloren. Scheint so, als sei Nola eingeknickt. Wollte keinen Meineid schwören.«

Jake schnaubte. Rauch strömte erneut aus seinen Nasenlöchern. »So ungefähr. Nola Prescott hat ihre Zeugenaussage widerrufen.«

Liams Magen fing an zu rebellieren. Nola. Schön. Clever. Sekretärin eines der für die Firma tätigen Ingenieure. Großartig im Bett, wenn man auf nüchternen, emotionslosen, routinierten Sex stand. Keine Verpflichtungen. Nur ein Körper, der bei einem anderen Körper Erleichterung suchte. Liam war ihrer schnell überdrüssig geworden und fühlte sich total elend, nachdem er ein paarmal mit ihr im Bett gewesen war. Ihre Affäre hatte nicht lange gedauert.

»Warum hat sie ihre Meinung geändert?«

»Wer weiß? Vielleicht hat sie zu Gott gefunden«, feixte Jake. Als Liam sein Grinsen nicht erwiderte, zog er kräftig an seiner Zigarette. Er bog ab auf die Ausfahrt nach Bellevue, eine Schlafstadt mit rund hundertdreißigtausend Einwohnern, die über eine Brücke über den Lake Washington mit Seattle verbunden war.

»Ich denke, sie will jemanden schützen«, sagte Liam, die Augen nachdenklich zu Schlitzen verengt.

»Wen?«

»Keine Ahnung. Vielleicht einen anderen Mann, mit dem sie ins Bett gegangen ist.« Er überlegte. »Es gab jemanden von Belfry Construction, vor etwa sechs, sieben Monaten, bevor sie ihre neue Stelle bei dieser Firma in Tacoma angetreten hat.«

»Herrgott, warum hast du das nicht den Cops erzählt?«

»Nur Vermutungen, keine Beweise. Das sieht doch so aus, als würde ich mich an einen Strohhalm klammern! Trotzdem muss es einen Grund dafür geben, dass sie mich derart drangehängt hat.«

»Du hast sie abserviert.«

»Und deshalb bezichtigt sie mich des Mordes? So weit würde selbst Nola nicht gehen. Sie hat behauptet, mich am fraglichen Abend bei der Firma gesehen zu haben. Warum? Zu der Zeit hat sie doch längst in einer anderen Stadt gearbeitet!«

»Aber sie hat noch in der Gegend gewohnt.«

»Das ist ein zu großer Zufall, wenn du mich fragst.« Er starrte die Rinnsale an, die die Regentropfen auf der Windschutzscheibe bildeten. »Ich muss unbedingt herausfinden, mit wem sie damals zusammen war.« Er trommelte mit den Fingern aufs Armaturenbrett und spielte in Gedanken die verschiedenen Möglichkeiten durch. Gleich mehrere Namen kamen ihm in den Sinn.

»Soll ich jemanden für dich überprüfen?«, fragte Jake.

»Ja. Kim Boniface, eine ihrer Freundinnen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine Frau decken würde. Dann wären da noch Hank Swanson, ebenfalls Projektleiter, Peter Talbott aus der Buchhaltung und Jim Scorelli, ein Ingenieur, der ständig versucht hat, sich an sie ranzumachen. Außer denen …« Liam schüttelte den Kopf und ging im Geiste noch einmal die Gerüchte durch, die in der Firma kursierten – finanzielle Probleme, Freunde und Kollegen bei Belfry Construction betreffend – »… fällt mir keiner mehr ein.«

»Ich werde mich darum kümmern.«

»Da ist noch etwas«, gab Liam zu, obwohl er es hasste, das Thema anzuschneiden. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass Nola ein Kind bekommen hat.«

Jake kniff die Lippen zusammen, so wie er es immer tat, wenn er überlegte, ob er Klartext mit Liam reden sollte. »Die Kollegen tratschen, aber wer weiß? Eine Frau wie Nola –«

»Ist das Kind von mir?«

Die Frage hing im verrauchten Innenraum von Jakes Ford.

»Woher soll ich das wissen?«

Der Taurus raste durch die umliegenden Hügel auf Bellevue zu. Liam blinzelte. »Sag mir einfach nur, ob das Kind Ende November, Anfang Dezember zur Welt gekommen ist.«