Beschreibung

Die Zutaten der Liebe. Toskana, 1833: Auf dem Weingut in der Toskana scheinen Marco und Antonella am Ziel ihrer Träume angekommen: Marco kann nun endlich seiner Berufung nachgehen, Antonella freundet sich schnell mit Tiziana, der Besitzerin der benachbarten Osteria an, und ist froh, bei ihr als Köchin und Bäckerin arbeiten zu können. Außerdem erwarten die beiden ihr erstes Kind. Doch dann taucht ihr ehemaliger Verlobter auf und droht, ihr Glück zu zerstören. Ein Weingut im Italien des beginnenden 19. Jahrhunderts und eine starke Frau, die für ihre Familie kämpft.

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Seitenzahl: 470


Über Karin Seemayer

Karin Seemayer, geboren 1959, machte eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und war beruflich und privat viel unterwegs. Die meisten ihrer Romanideen sind auf diesen Reisen entstanden. Allerdings musste die Umsetzung der Ideen warten, bis ihre drei Kinder erwachsen waren. Heute lebt Karin Seemayer im Taunus. Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Die Tochter der Toskana«, »Die Sehnsucht der Albatrosse« und »Das Geheimnis des Nordsterns« lieferbar.

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Die Zutaten der Liebe

Toskana, 1833: Auf dem Weingut in der Toskana scheinen Marco und Antonella am Ziel ihrer Träume angekommen: Marco kann nun endlich seiner Berufung nachgehen, Antonella freundet sich schnell mit Tiziana, der Besitzerin der benachbarten Osteria an, und ist froh, bei ihr als Köchin und Bäckerin arbeiten zu können. Außerdem erwarten die beiden ihr erstes Kind. Doch dann taucht ihr ehemaliger Verlobter auf und droht, ihr Glück zu zerstören.

Ein Weingut im Italien des beginnenden 19. Jahrhunderts und eine starke Frau, die für ihre Familie kämpft.

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Karin Seemayer

Das Gutshaus in der Toskana

Historischer Roman

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39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

Fünf Jahre später

Nachwort und Danksagung

Impressum

1. Kapitel

Wir brauchen Rosen«, sagte Marco. »Rosen?«, wiederholte Antonella und warf dem Mann an ihrer Seite einen ungläubigen Blick zu. Sie standen vor den wenigen Weinstöcken, die zu dem Pachtland gehörten, auf dem sie sich vor den Carabinieri versteckten. Wie kam er auf Rosen? Was sie brauchten, war Gemüse. Bohnen, Zucchini, Kartoffeln oder Getreide, um über den Winter zu kommen. Antonella nutzte jedes freie Fleckchen Erde, um Gemüse anzupflanzen, auch wenn es im September für vieles schon zu spät war. Für Blumen hatte sie keinen Platz, immerhin musste das Land drei Leute ernähren: Alessandro, den alten Pächter, der ihnen Unterschlupf gewährte, und sie beide.

»Wo willst du denn Rosen pflanzen?«

»Vor den Wein. Drei oder vier Stöcke sollten genügen.« Marco deutete auf die Stecklinge, die Antonella und er vor zwei Wochen gepflanzt hatten. Es waren nur zwei Reihen, doch dahinter wuchsen alte Weinstöcke. Sie waren verwildert, trotzdem trugen sie noch, wenn auch sehr kleine Trauben. Es seien gute Stöcke, hatte Marco erklärt. Im Winter würde er sie beschneiden und danach würden sie auch wieder schöne große Trauben tragen. Sie selbst wären zwar dann schon in Amerika, doch Marco war in seinem Herzen viel zu sehr Winzer, um gute Reben verkommen zu lassen. Vielleicht konnte Alessandro oder einer der Nachbarn die Trauben ernten und Wein daraus machen.

»Warum willst du Rosen vor den Wein pflanzen?«

»Weil Rosen anfälliger für Krankheiten oder Schädlinge sind als Wein. Sie bekommen zum Beispiel Blattläuse etwa zehn Tage früher. Das heißt, wenn ich an einem Rosenstrauch Blattläuse oder Pilz entdecke, kann ich noch etwas dagegen tun, bevor der Wein befallen wird.« Er lächelte. »Es ist eines von Marios Geheimnissen.«

»Wer ist Mario?«

»Der Cantiniere auf dem Gut meines Vaters.«

Sie erinnerte sich. Am ersten Abend ihrer Flucht aus Antonellas Heimat vor über einem Jahr hatte er von dem Kellermeister gesprochen, der ihn alles über Wein gelehrt hatte. Damals hatte Marco sich als einfacher Landarbeiter ausgegeben. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ihr ritterlicher Begleiter, der sie vor ihrem gewalttätigen Verlobten gerettet hatte, der Sohn eines Adligen und zugleich ein wegen Hochverrats gesuchtes Mitglied von Giovine Italia war.

Marco legte den Arm um ihre Schulter. »Am Donnerstag gehen wir auf den Markt nach Donoratico und kaufen Rosen.«

Am Donnerstagmorgen spannten sie Marcos Pferd Rinaldo vor Alessandros klapprigen Karren und fuhren nach Donoratico. Marco und Antonella saßen auf dem Kutschbock, Alessandro auf der Ladefläche. Er wollte in der Ferramenta des Ortes eine neue Säge und Nägel kaufen. Antonella hatte vorgeschlagen, Hühner zu halten, und Alessandro wollte den Stall bauen. Es war das erste Mal, dass sie gemeinsam zum Markt fuhren. Bisher hatte Alessandro alle Einkäufe für sie erledigt, während sie sich auf seinem Land versteckten, denn Marco war in Genua nur knapp der Verhaftung durch König Carlo Albertos Soldaten entgangen.

Es war nach ihrer heimlichen Hochzeit gewesen. Sie hatten mit Marcos Bruder Enrico und seinem besten Freund Fabrizzio im Hinterzimmer einer Genueser Taverne gefeiert, als die Soldaten die Taverne gestürmt hatten, um Marco Michele di Raimandi, der wegen seiner Mitgliedschaft zur verbotenen Organisation Giovine Italia als Landesverräter gesucht wurde, zu verhaften. Marco und sie hatten es der Geistesgegenwart des Wirts, der sie in einem geheimen Keller versteckt hatte, und Marcos Bruder, der den Soldaten weißgemacht hatte, ihr Informant hätte wohl ihn mit Marco verwechselt, zu verdanken, dass sie fliehen konnten.

Doch inzwischen waren mehrere Wochen vergangen und es schien, als hätten ihre Verfolger ihre Spur verloren oder die Suche nach ihnen aufgegeben.

Von Leopold II., Großherzog der Toskana, hatten sie nichts zu befürchten, erklärte Marco ihr auf der Fahrt. Er war um einiges liberaler eingestellt als die Herrscher der anderen italienischen Herzogtümer. Seine habsburgischen Verwandten beschwerten sich sogar darüber, dass in der Toskana die Zensur zu milde war und dass er Flüchtlingen aus dem Piemont und anderen Staaten eine Zuflucht bot. Stolz und Begeisterung schwangen in Marcos Stimme, als er über ihn sprach. »Er geht verantwortungsvoll mit dem Land und seinen Menschen um. Es sollte mehr wie ihn geben.«

Das Großherzogtum Toskana war schon im 18. Jahrhundert ein toleranter Staat gewesen, in dem man die Juden den Jesuiten vorgezogen hatte, erzählte er weiter. Der damalige Herrscher, Großherzog Peter Leopold, hatte die Steuern gesenkt, Straßen und Brücken gebaut. Die Toskana war der erste Staat auf der Welt, in dem die Todesstrafe abgeschafft wurde. Als Zeichen, wie ernst es ihm damit war, hatte Peter Leopold die Galgen verbrennen lassen, sehr zur Empörung der anderen italienischen Herrscher.

Antonella saß neben Marco auf dem Kutschbock, hörte ihm zu und freute sich auf den Markt. Auf die Rufe der Händler, die ihre Waren anpriesen, auf den Duft von Porchetta und frischem Gebäck. Die letzten Wochen hatten sie zurückgezogen auf Alessandros Land gelebt und jetzt erst wurde ihr bewusst, wie einsam es dort war. Vom ersten Augenblick an hatte sie sich in das Stück Land unterhalb von Castagneto della Gherardesca nahe Pisa verliebt. Es lag am Hang, an einer der ersten Steigungen nach der Ebene von Donoratico. Wenn sie durch den Olivenhain zum Wald ging, der die oberste Grenze von Alessandros Grund bildete, sah sie das Meer. Bei klarem Wetter konnte sie sogar die Inseln Elba und Capraia sehen, und wenn sie dann nach rechts blickte, erkannte sie die scharfe Zackenlinie der Apuanischen Alpen, ihrer Heimat. Doch jetzt im Herbst war die Sicht selten so klar, meistens lag Dunst über den Ebenen, der für das typische weiche Licht dieser Landschaft sorgte. Nur wenn der Tramontana tagelang kalte Luft aus Norden brachte, klarte es auf. Dann war der Himmel wie blank geputzt und die Inseln wirkten so nah, als könnte man hinüberschwimmen.

Nach etwas über einer halben Stunde erreichten sie die ersten Stände des Marktes. Marco übergab die Zügel an Alessandro. »Wir treffen uns, wenn die Glocke zwölf schlägt«, sagte er und deutete auf den Turm der kleinen Kapelle. Anschließend half er Antonella vom Wagen. Neugierig blickte sie sich um. Der Markt unterschied sich kaum von denen, die sie mit ihren Eltern in Castelnovo nel Monti oder auf ihrer Reise nach Genua mit Marco besucht hatte. Direkt vor sich entdeckte sie einen Wagen, dessen Besitzer Haushaltsgegenstände feilbot. Töpfe, Pfannen, Messer. Das Gefährt ähnelte dem des fahrenden Händlers, mit dem sie auf ihrer Flucht aus Cerreto ein Stück gefahren waren. Antonella suchte nach dem Verkäufer. Vielleicht war es ja tatsächlich Peppone Monti. Sie würde sich freuen, ihn wiederzusehen. Aber, nein, dieser Mann war viel dünner und auch jünger als Peppone, stellte sie enttäuscht fest.

Neben dem Wagen des Krämers hatte ein Tuchhändler seine Ware auf einen Tisch ausgebreitet. Große Rollen fester Baumwollstoff, schweres Leinen, aber auch schimmernde Seide in leuchtenden Farben.

»Bella Signora!«, rief er, als er ihren Blick bemerkte. »Sehen Sie her. Ein wunderschöner leichter Stoff für die heißen Tage.« Er hielt einen terracottafarbenen Stoff mit dunkelroten Streifen hoch. »Sie können sich einen Rock daraus nähen.«

Antonella schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein danke.«

»Dann vielleicht ein neues Tuch?« Schwungvoll breitete er einige schön gemusterte Tücher aus. Etwas verlegen zupfte Antonella an dem Schal über ihren Schultern. Es war ihr alter, den sie aus Cerreto mitgenommen hatte. Mittlerweile war der Stoff ausgebleicht und an den Rändern ausgefranst.

Marco beugte sich zu ihr. »Wir kaufen die Rosen und was wir sonst noch brauchen, und dann schauen wir, ob noch Geld für ein neues Tuch übrig ist, ja?«

»Ich weiß nicht …«

Im Gegensatz zu ihr war Marco niemals arm gewesen. Seinem Vater gehörte eines der größten Weingüter in der Toskana. Als Marco aus der Kavallerieschule in Venaria Reale desertiert war, um sich der Widerstandsbewegung Giovine Italia anzuschließen, hatte sein Vater ihn verstoßen und enterbt. Daraufhin hatte Mazzinis Giovine Italia ihn mit Geldmitteln ausgestattet, damit er reisen und die Stimmung in den ländlichen Gegenden auskundschaften konnte. Doch seit sie im August aus Genua geflohen waren, waren sie mittellos.

»Vielleicht sollten wir besser Saatgut kaufen«, setzte sie ihren Satz fort.

Marco lächelte sie an. »Um das Saatgut kümmert sich Alessandro, er weiß besser, was man hier anbauen kann. Die Kosten teilen wir uns. Mach dir keine Sorgen. Enrico hat mir ein wenig Geld aufgenötigt. Er meinte, ich hätte ein Anrecht darauf.«

Sie schlenderten weiter und kamen zu den Ständen, an denen Essen angeboten wurde. Gleich drei Fischhändler versuchten, sich gegenseitig beim Anpreisen ihrer Ware zu übertönen. Einer verkaufte kleine Sardinen, mittelgroße Doraden und sogar Kraken. Auf einem Tisch daneben stand ein Fass mit Ölsardinen, davor hingen Stockfische, von denen übler Geruch ausging. Anscheinend waren sie nicht richtig getrocknet oder wieder feucht geworden, denn in Genua hatten die Stockfische nie derart gestunken. Ein paar Schritte weiter wurde der Fischgeruch von dem Duft nach gegrilltem Schweinefleisch verdrängt. Auf einem langen Tisch lag ein Spanferkel, von dem der Händler dünne Scheiben Fleisch heruntersäbelte.

»Bomboloni!« Eine Frau mit einem Korb kam ihnen entgegen. »Gute, heiße Bomboloni!«

Marco zwinkerte Antonella zu. »Möchtest du?«

Auch wenn sie bereits gefrühstückt hatte, dem Duft, der ihr aus dem Korb in die Nase stieg, konnte sie nicht widerstehen. »Sehr gerne.«

»Zwei bitte«, wandte Marco sich an die Frau. Sie fischte zwei der in Schmalz gebackenen und mit Zucker bestreuten Kringel aus dem Korb und reichte sie Antonella, während Marco zahlte.

Antonella biss in ihren Kringel und beobachtete weiterhin das Treiben um sich herum. Vom hinteren Teil des Marktes, wo Pflanzen, aber auch lebendes Geflügel angeboten wurde, drang das durchdringende Kreischen von Faraonas. Wehmut überkam sie. Ihre Eltern hatten Faraonas gehalten, weil die Reichen in Nismozza und Umgebung den leichten Wildgeschmack der Perlhühner schätzten. Der Lärm, den sie veranstalteten, war allerdings nervtötend. Wenn einer der Vögel zu kreischen anfing, stimmte sofort der ganze Schwarm mit ein. Es klang wie Dutzende rostige Türangeln. So oft hatte sie sich morgens über das Kreischen geärgert. Wie es ihren Eltern wohl ging? Hatte Tommaso, der Verlobte ihrer Schwester, ihre Grüße zu Hause ausgerichtet und ihrer Familie gesagt, dass es ihr gut ging? Inzwischen waren Tommaso und Teresa wohl verheiratet und lebten in Modena. Vielleicht erwartete ihre Schwester sogar schon ein Kind. Sie würde es nie erfahren. Die Sehnsucht nach ihrer Familie und ihrer Heimat überfiel sie mit solcher Wucht, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wie gerne würde sie noch einmal in dem Kämmerchen unter dem Dach, das sie mit ihren Schwestern geteilt hatte, schlafen und morgens von dem Gekreische der Faraonas geweckt werden. Die Stimme ihrer älteren Schwester hören, den beißenden Spott darin, wenn sie über Paolo, Antonellas ehemaligen Verlobten, gesprochen hatte. In Giovannas liebliches Gesicht sehen, wenn sie erwachte. In die Küche gehen, wo ihre Mutter Teig knetete.

»Mama?!« Ein verzweifelter Ruf riss sie aus ihren Gedanken. Schluchzend stolperte ein kleiner Junge, vielleicht drei oder vier Jahre alt, zwischen den Leuten hindurch. Die Augen aufgerissen, rief er immer wieder nach seiner Mama. Als er fast bei ihnen war, kamen ihm seine eigenen Füße ins Gehege und er fiel hin. Aus dem Schluchzen wurde ein lautes Weinen.

Marco beugte sich zu ihm runter und half ihm beim Aufstehen. »Hast du deine Mama verloren?«

Der Junge nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. Die Tränen hinterließen helle Spuren in seinem von Staub bedeckten Gesicht. »Ich … ich wollte nur dem Mann mit den bunten Bällen zugucken. Er war gar nicht weit weg, nur ein paar Schritte. Wirklich.« Geräuschvoll zog er Rotz die Nase hoch. »Und dann war Mama auf einmal fort.«

»Wir finden sie schon«, sagte Marco und riss ein Stück von seinem Kringel ab. »Magst du?«

Die Tränen versiegten. Ein schüchternes Lächeln zeigte sich auf dem kleinen Gesicht, als er nach dem zuckrigen Gebäck griff und es sich in den Mund stopfte.

»Ich hebe dich jetzt hoch und du schaust, ob du deine Mama siehst«, erklärte Marco.

Staunend beobachtete Antonella, mit welcher Selbstverständlichkeit Marco den Jungen auf den Arm nahm. Dass er so gut mit Kindern umgehen konnte, hatte sie nicht geahnt. Sie kannte noch längst nicht alle seine Seiten. Diese hier gefiel ihr ungemein gut. Der Anblick des Jungen, der sich vertrauensvoll in Marcos Arme schmiegte, und das verhaltene Lächeln auf Marcos Gesicht, berührten sie zutiefst. Er sollte eigene Kinder haben, fand sie. Er wäre sicher ein wunderbarer Vater. Unwillkürlich lächelte sie ebenfalls. Immer noch dachte sie von Marco nicht als ihren Ehemann. Manchmal wachte sie nachts auf und glaubte, alles nur geträumt zu haben. Dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie tatsächlich mit dem Sohn des Marchese di Raimandi verheiratet war.

»Carlo! Carlo, wo bist du?« Eine Frau hetzte die Straße entlang, im Schlepptau hatte sie einen Jungen, den Antonella auf sechs Jahre schätzte.

Der Junge in Marcos Armen begann zu zappeln. »Mama!«

»Carlo!« Mit ausgestreckten Armen stürmte sie auf Marco zu. »Gott sei Dank. Wo haben Sie ihn gefunden, Signore?«

»Er lief die Straße entlang und suchte seine Mama.«

»Habe ich dir nicht gesagt, du sollst bei mir bleiben?«, schalt sie, während sie das Kind aus Marcos Armen nahm und das mit Schmutz und Zucker verschmierte Gesicht küsste.

»Ich wollte doch nur dem Mann mit den Bällen zugucken, aber dann ist er weitergegangen und plötzlich warst du weg.«

»Du bist fortgelaufen«, sagte sie und stellte das Kind auf den Boden. »Ich danke Ihnen vielmals, Signore. Ich bin Tiziana Ferrante, mir gehört die Osteria Il Postiglione an der Via Aurelia.«

»Marco Rossi, und das ist meine Frau Antonella.«

Die Frau lächelte. »Schön, Sie kennenzulernen. Leben Sie hier oder sind Sie auf der Durchreise? Auf dem Markt habe ich Sie bisher nicht gesehen.«

»Wir leben seit Kurzem hier und es ist unser erster Besuch auf dem Markt«, antwortete Marco.

»Ah ja. Nun, vielen Dank, dass Sie sich so gut um Carlo gekümmert haben. Wenn Sie mögen, kommen Sie doch einmal in der Osteria vorbei, ich lade Sie auf einen Becher Wein ein. Sie liegt an der Via Aurelia in Richtung Cecina. Jetzt muss ich mich aber wirklich sputen, ich brauche noch Käse und Fisch und dann muss ich auch schon in die Küche. Ciao.«

Mit dem Kind auf dem Arm ging sie zu einem Stand, an dem Käse und Wurst verkauft wurde. Der ältere Junge warf noch einen scheuen Blick auf Marco, bevor er seiner Mutter folgte.

Marco blickte ihnen lächelnd nach, dann wandte er sich an Antonella. »Lass uns dorthin gehen und schauen, ob wir Rosen bekommen.« Er deutete in die Richtung, aus der das Kreischen der Faraonas ertönte.

Mit vier Rosenstöcken im Gepäck machten sie sich ein wenig später auf den Weg zurück, um Alessandro zu treffen. Vor dem Stand des Tuchhändlers hielt Marco inne. »Wir sollten das Tuch kaufen, die Farben passen wirklich sehr gut zu dir.«

»Können wir uns das denn leisten?«

Marco nickte. »Die Rosen waren nicht so teuer.«

Nachdenklich beobachtete Antonella, wie er mit dem Händler um den Preis feilschte. Hatten sie wirklich genug Geld oder war Marco einfach zu sorglos? Sie mussten über den Winter kommen und im nächsten Frühjahr die Passage nach Amerika bezahlen.

Lächelnd legte Marco ihr das neue Tuch um die Schultern. »Brauchst du noch etwas oder können wir gehen?«

»Ich würde gerne noch etwas Käse mitnehmen. Dort vorne verkaufen sie Pecorino.«

Am Käsestand erblickte Antonella die Mutter der beiden Jungen, Tiziana. Vor ihr stand ein Mann, der auf sie einredete. Sie konnte nicht verstehen, was er sagte, doch seine angespannte, leicht vorgebeugte Haltung und seine geballten Hände ließen vermuten, dass er der Frau nicht freundlich gesinnt war. Tiziana hielt ihren kleinen Sohn an der Hand, in der anderen trug sie einen Korb. Der ältere Junge stand halb hinter ihr. Sie schüttelte heftig den Kopf. Inzwischen waren Marco und Antonella nahe genug, um zu verstehen, was sie sagte: »Spar dir deine Worte. Ich werde die Osteria weiterführen.«

»Das schaffst du niemals. Nicht alleine. Und aus dem Ort will doch keiner bei dir arbeiten. Nicht nach …«

Erzürnt fiel sie ihm ins Wort. »Nicht alle glauben das Geschwätz, das du verbreitest. Irgendwann werde ich schon jemanden finden, der für mich arbeitet.«

Der Mann lachte höhnisch. »Ach ja? Du bietest schon mehr Lohn als andere und hast immer noch niemanden. Sei vernünftig, verkauf mir das Postiglione und such dir wieder einen Mann.« Seine Stimme wurde schmeichelnd. »Du bist doch eine hübsche Frau und jung genug, um noch Kinder zu bekommen. Silvio hat dir Geld hinterlassen. Du hast es nicht nötig, dich für eine heruntergekommene Osteria abzurackern.«

Tiziana warf den Kopf in den Nacken. »Das Postiglione ist nicht heruntergekommen. Und bevor ich es dir verkaufe, brenne ich es nieder.« Sie wandte sich zu dem Käseverkäufer um. »Was kostet der Pecorino Sardo?«

Grob packte der Mann sie am Arm. »Du wirst schon sehen, was du davon hast.«

Der kleine Junge Carlo riss erschrocken die Augen auf und fing an zu weinen. Tiziana versuchte sich loszureißen, doch der Mann hielt sie fest. Mehrere Leute wurden auf sie aufmerksam, aber niemand griff ein.

Marco trat an sie heran und räusperte sich. »Belästigt dieser Mann Sie, Signora Ferrante?«, fragte er laut. Unwillig ließ der Fremde Tiziana los und musterte Marco und Antonella. »Wer sind die? Gäste von dir?« Er grinste hämisch. »Passt auf, dass ihr euch an ihrem Essen nicht den Magen verderbt. Sie ist nicht gerade für ihre gute Küche bekannt.«

Röte stieg in Tizianas Wangen. Sie setzte zu einer Antwort an, doch dann warf sie den Kopf zurück, drehte dem Mann den Rücken zu und sprach mit dem Verkäufer.

Marco fixierte den Mann, bis dieser den Blick senkte und sich davonmachte.

»Danke!« Tiziana hatte Carlo losgelassen, um zu bezahlen. Das Kind klammerte sich an ihren Rock und schniefte, während der ältere Sohn mit dem Fuß einen Stein wegkickte und finster die Stirn runzelte.

»Was wollte er von Ihnen?«, fragte Antonella.

Tiziana seufzte. »Er ist ein Cousin meines verstorbenen Mannes. Seit Silvios Tod versucht er mir die Osteria abzukaufen. Jetzt muss ich Ihnen schon das zweite Mal für Ihre Hilfe danken. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Einladung annehmen.«

Marco warf Antonella einen fragenden Blick zu. Als sie lächelte, nickte er. »Wir kommen gerne einmal vorbei.«

2. Kapitel

Sie verabschiedeten sich von der Signora und gingen zurück zur Straße, die nach Castagneto führte. Auf einer niedrigen Mauer, die einen Garten neben der Ferramenta begrenzte, saß Alessandro neben drei Männern in seinem Alter. Einer sprach, die anderen nickten. Alessandro rauchte eine seiner selbstgedrehten Zigaretten. Der Wind wehte den beißenden Geruch bis zu Antonella. Die Szene glich denen, die sie in Cerreto oft beobachtet hatte –, und nicht nur dort. Unwillkürlich kicherte sie.

Marco wandte den Kopf. »Was ist?«

»Ich glaube, man kann in jedes Dorf in Italien gehen und wird überall die alten Männer finden, die auf den Mauern oder Bänken sitzen, rauchen und tratschen. Dabei heißt es doch immer, Frauen würden das tun. Aber wir Frauen sind meist viel zu beschäftigt. Wir reden beim Waschen oder beim Wasserholen am Brunnen.«

Marco lachte. »Du hast recht. Selbst in Pisa habe ich sie so hocken sehen.«

»Mir würde es gefallen, wenn du irgendwann mit deinen Freunden dort säßest«, entfuhr es ihr.

Nachdenklich sah er sie an. »Du würdest gerne bleiben, nicht wahr?«

»Du nicht auch?«

»Ich weiß nicht. Hier sind wir einigermaßen sicher, solange mich niemand erkennt und denunziert. Aber mitansehen, wie dieses Land weiterhin unter der Fremdherrschaft leidet, und nichts tun zu können …«

Nein, das konnte er nicht, das wusste sie nur zu gut. Er hatte sein bisheriges Leben und seine Familie aufgegeben, um sich den Rebellen von Giovine Italia anzuschließen. Er war bereit gewesen, sein Leben für Mazzinis Ideen zu opfern. Es entsprach nicht seiner Natur, sich aufs Land zurückzuziehen, während seine Freunde weiter kämpften und starben. Und sie würde vor Angst zugrunde gehen, wenn er sich wieder im Widerstand engagierte.

»Wo du hingehst, da will auch ich hingehen«, zitierte sie ihren Trauspruch und drückte seinen Arm. »Wir gehen nach Amerika.«

Auf der Heimfahrt kam ihnen ein Mann entgegen. Er war ungewöhnlich groß und massig. Sein Gang wirkte irgendwie ungelenk, als hätte er Probleme, die Schritte richtig zu setzen, doch es sah nicht so aus wie bei einem Betrunkenen.

»Ciao Alessandro«, rief er, als er näher kam, und deutete auf Rinaldo. »Da hast du aber ein schönes Pferd.«

Er sah seltsam aus. Augen, Mund und Nase waren merkwürdig gedrängt in seinem flachen Gesicht. Als hätte sein Schöpfer nicht das richtige Maß benutzt, sondern die Züge eines kleineren, zarteren Mannes in das Gesicht eines großen gesetzt. Als sein Blick auf Antonella fiel, verzog er den Mund zu einem breiten Lächeln. »Oh, so eine hübsche Signorina! Dich habe ich noch nie gesehen, aber ich hab dich jetzt schon lieb.«

»Die Signorina ist eine Signora, Ugo«, sagte Alessandro. »Sie ist mit diesem jungen Mann hier verheiratet.« Er deutete auf Marco. »Und ihm gehört auch das Pferd.«

Der Mann strahlte Marco an. »Du Glückspiltz! Aber du siehst auch nett aus. Ich muss weiter. Ciao ihr Lieben.«

»Ciao Ugo«, rief Alessandro.

»Wer war das?«, fragte Antonella.

»Ugo Ferrante.« Alessandro zögerte, bevor er weitersprach. »Die Leute reden über ihn, weil er nicht ganz richtig im Kopf ist, aber ihr braucht keine Angst vor ihm zu haben, er tut keiner Fliege etwas zuleide.«

»Ferrante? Ist er mit Tiziana Ferrante verwandt?«, fragte Marco.

»Er ist der jüngere Bruder ihres verstorbenen Mannes. Woher kennt ihr Tiziana?«

»Wir haben sie eben auf dem Markt getroffen. Sie erzählte uns, dass sie eine Osteria hier in der Nähe besitzt.«

»Ach ja, das Il Postiglione. Früher eine der besten Herbergen in dieser Gegend.«

»Früher?«

Alessandro schnalzte. »Ich kannte noch den alten Ferrante. Ein Kerl wie ein Baum. Bei ihm ging es immer anständig zu, da hat sich keiner getraut, das Schankmädchen anzugrapschen. Und wenn doch, gab es eins auf die Rübe. Und kochen konnte der! Göttlich. Vor acht Jahren ist er gestorben und sein Sohn Silvio hat das Postiglione übernommen. Das Kochen hat er von seinem Vater gelernt. Er hat die Osteria mit seiner Mutter und seiner Frau weiterbetrieben.«

»Mit Tiziana?«, warf Antonella ein.

»Nein. Mit seiner ersten Frau, Maria. Sie war ein Biest mit Haaren auf den Zähnen. Sie starb im Wochenbett, und ihr Kind mit ihr. Danach hat Silvio Tiziana geheiratet. Sie kommt nicht von hier, er hat sie in Pisa kennengelernt.«

»Oh«, sagte Antonella. »Dann hatte sie es sicher nicht leicht hier.« Sie dachte an die junge Frau, die Anselmo vorletzten Mai aus der Toskana in ihr Dorf in den Bergen mitgebracht hatte. Die Leute von Cerreto hatten sie nicht besonders freundlich empfangen und Anselmos Mutter hatte keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie die fremde Schwiegertochter missbilligte.

Alessandro hob die Schultern. »Leicht hatte sie es nicht. Die Leute hier sagen ›lieber einen Toten im Haus als einen Pisaner vor der Tür‹.«

»Ja, das sagen sie bei uns auch«, stimmte Antonella zu. »Aber hauptsächlich deshalb, weil in Pisa jedes Mal Schafe aus den Herden gestohlen werden, wenn die Hirten durchziehen.«

»Die Pisaner sind ein hinterhältiges Pack«, sagte Alessandro und spuckte in hohem Bogen auf die Straße. »Aber Tiziana ist schon in Ordnung. Wenn sie nur nicht so unvernünftig wäre.«

»Wieso ist sie unvernünftig?«

»Eine Osteria zu führen, als Frau!« Seine Stimme war vor Empörung ein paar Töne höher.

Aus den Augenwinkeln sah Antonella Marcos Mundwinkel zucken.

»Aber was ist denn daran falsch?«, wandte sie ein.

Alessandro runzelte die Stirn. »Es schickt sich nicht.« Damit schien für ihn das Thema erledigt. Er wandte den Kopf ab und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen.

Antonella tat es ihm gleich. Links der Straße erstreckte sich ein Feld von Sonnenblumen. Die meisten waren bereits verblüht, die Blütenköpfe waren schwer von den Kernen. Bald würden sie geerntet werden, hatte Marco ihr erzählt, und aus den Kernen würde Öl gemacht. Rechts hoben sich die ersten Hügel der sanften Berge des Hinterlandes von Castagneto. Olivenbäume wuchsen dort, deren silbrige Blätter in der Sonne schimmerten. Heiß war es und überall zirpten die allgegenwärtigen Zikaden. An einer Weggabelung stand ein Kreuz, darunter lagen Blumen. Einige waren schon vertrocknet. Hier bog Marco links ab in den schmalen Weg, der zu Alessandros Land führte. Rechts und links des Weges waren Gräben gezogen. Es gäbe hier heftige Gewitter mit gewaltigen Regenfällen, erklärte Alessandro. Ohne die Gräben würden die Wege überflutet. Jetzt allerdings war das Gras an der Böschung gelb und staubig. Es hatte seit Wochen nicht geregnet.

Marco lenkte Rinaldo in einen schmalen Pfad, der bergauf zu Alessandros Pachtland führte. An Ende des Pfades ragten zwei Zypressen in den Himmel. Antonella lächelte. Jedes Mal, wenn sie die Zypressen passierten, hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen, dabei lebten sie erst seit acht Wochen hier. Doch die dichten Wälder auf den Hügeln hinter Castagneto erinnerten sie an die Wälder ihrer Heimat. Vor dem kleinen Haus, das sie bewohnten, zügelte Marco Rinaldo.

Das Pferd hob den Kopf und wieherte. Von einer kleinen Weide hinter dem Haus kam Antwort. Ombra, der Graue, den Marco auf ihrer Reise nach Genua gekauft hatte, trabte zum Zaun und begrüßte seinen Pferdefreund.

Während Maco Rinalo abschirrte und auf die Weide brachte, trug Antonella die Einkäufe ins Haus. Im Parterre lagen die Küche und eine Wohnstube, in der Alessandro schlief. Der erste Stock war wie bei fast allen Häusern hier über eine Außentreppe zu erreichen. Dort hatten Marco und sie zwei kleine Zimmer. Alessandro hatte sie ihnen bereitwillig überlassen. Seine Frau war ein Jahr zuvor gestorben und er hatte die Mitte fünzig überschritten. Auch wenn er sich oft brummig gab, war er dankbar für Marcos Hilfe bei der Bewirtschaftung des Landes und schätzte Antonellas Kochkünste.

Beim Abendessen fiel das Thema noch einmal auf Tiziana und die Osteria.

Alessandro schüttelte bedauernd den Kopf. »Es ist ein Jammer. Seit Silvio vorletzten Sommer gestorben ist, ist das Il Postiglione nicht mehr das, was es war. Früher war es bekannt für seine gute Küche, doch Tiziana kann nicht kochen und inzwischen ist es völlig heruntergewirtschaftet. Sie arbeitet wie ein Maultier, aber sie schafft es nicht allein. Und dieser Schwachkopf kann ihr nicht viel helfen.«

»Was ist mit ihrer Schwiegermutter?«, fragte Antonella. »Du hast doch gesagt, ihr Mann hätte die Osteria mit seiner Frau und seiner Mutter geführt.«

»Irma ist vor vier Jahren am Wechselfieber gestorben.«

»Warum stellt sie keinen Koch ein?«

Verständnislos blickte Alessandro sie an. »Welcher Mann arbeitet freiwillig unter dem Kommando einer Frau?«

Antonella bemühte sich, nicht ungeduldig zu klingen. »Dann halt eine Köchin.«

Alessandros Gesichtsausdruck wechselte von verständnislos zu empört. »Wie stellst du dir das vor? Für Fremde zu kochen, ist doch keine Arbeit für eine Ehefrau. Und welcher Vater erlaubt es seiner Tochter, sich in einer heruntergewirtschafteten Schenke herumzutreiben? Tiziana hat alles versucht, sogar mehr Lohn geboten als üblich. Nein, das Klügste wäre, sie würde das Il Postiglione verkaufen und wieder heiraten. Sie ist tüchtig, Silvio hat ihr eine hübsche Summe Geld hinterlassen, sie würde schnell einen Mann finden.«

»Als wir sie auf dem Markt trafen, wurde sie von einem Mann bedrängt, der wollte, dass sie ihm die Osteria verkauft. Er war sehr aufdringlich«, sagte Antonella.

»Ach, das war sicher Pelagatti, Silvios Vetter.« Alessandro winkte ab. »Ein Idiot. Der furzt höher, als sein Arsch hängt.«

»Was?« Antonella prustete.

»Der ist ein Großmaul. Wenn ihm jemand entgegentritt, zieht er den Schwanz ein.«

»Den Eindruck hatte ich auch«, sagte Marco.

3. Kapitel

In der Nacht erwachte Antonella. Sie öffnete die Augen

und lauschte. Neben sich hörte sie Marcos regelmäßigen Atem. Er war es nicht, der sie geweckt hatte. Der Druck in ihrer Blase war es, stellte sie gleich darauf fest. Vorsichtig schlug sie die Decke zurück, tappte zur Tür und schlich hinaus. Der Mond schob sich gerade über die Zinnen des Castello de Segalari auf dem Hügel hinter ihrem Land. Er war beinahe voll und schien so hell, dass sie leicht den Weg zur Toilette fand. Seit einigen Tagen musste sie öfter Wasser lassen als sonst. Nicht nur nachts, auch tagsüber. Dabei trank sie gar nicht mehr oder anders als früher.

Sie ging nicht direkt zurück ins Haus, sondern lehnte sich an den Stamm des riesigen Persimonenbaumes, der davor stand und beobachtete den Mond, wie er langsam höher stieg. Um sie herum zirpten die Grillen. Elfchen nannte Marco sie, ihres zarten, melodischen Gesangs wegen. In der Ferne quakten Frösche und aus den Wäldern, die das Castello umgaben, drang der Ruf eines Käuzchens. Sie dachte an ihren Besuch auf dem Markt, daran, wie selbstverständlich Marco den kleinen Carlo getröstet hatte. Er sollte wirklich eigene Kinder haben.

Und plötzlich schienen die Geräusche der Nacht zu verstummen, stattdessen hörte sie ihr Herz schlagen und das Blut in ihren Ohren rauschen. Was hatte sie eben gedacht? Marco sollte Kinder haben? Hastig rechnete sie nach. Es war bereits zehn Wochen her, dass sie zum letzten Mal geblutet hatte. Das erste Mal war ihre Blutung Ende Juli ausgeblieben, als sie sich in San Martino versteckt hatten. Damals war es ihr vor lauter Sorge um Marco nicht aufgefallen. Das zweite Mal im August, als sie hier angekommen waren. Das hatte sie auf ihre überstürzte Flucht aus Genua und die neue Umgebung geschoben. Doch jetzt wusste sie, woran es lag. Sie erwartete ein Kind. Deshalb der vermehrte Harndrang, deshalb hatte sie seit einigen Tagen das Gefühl, ihre Brüste wären größer geworden. Sie legte die Hand auf ihren Bauch.

Wann bist du entstanden? In der Nacht, als das Gewitter in den Bergen tobte und wir uns das erste Mal nach seiner Flucht wieder geliebt haben? Oder auf dem Fußboden der Wohnstube, nachdem Tommaso uns gefunden hat?

Wie würde Marco reagieren?

Leise öffnete sie die Tür und schlich zum Bett. Als sie unter die Decke kroch, legte Marco den Arm um sie. »Du warst lange draußen. Hattest du ein Stelldichein mit einem Faun, mein Kastanienmädchen?«

»Nein, nur mit dem Mond. Er ist fast voll und wunderbar hell.«

Selbst hier im Zimmer war sein Schein so hell, dass sie Marcos Lächeln und seine Augen sehen konnte.

»Marco  …« Sie stockte. Sollte sie es ihm wirklich jetzt schon sagen oder war es besser zu warten, bis ihre nächste Blutung ausblieb, um ganz sicher zu sein?

»Diesen Ton kenne ich«, sagte er. »Den hast du immer, wenn du über etwas grübelst. Was gibt es?«

Ein wenig bang suchte sie seinen Blick. »Ich erwarte ein Kind«, sagte sie sehr leise.

Ein Leuchten glitt über sein Gesicht. Es begann in seinen Augen und zog seine Mundwinkel nach oben zu dem schönsten Lächeln, das sie je bei ihm gesehen hatte. Diesen Augenblick wollte sie festhalten, für immer in ihrem Herzen verschließen, denn wenn er feststellte, welche Folgen ihre Offenbarung hatte, würde er vielleicht nicht mehr so glücklich aussehen.

»Antonella!« Ungestüm zog er sie in seine Arme, drückte sie an sich. Dann ließ er sie los und musterte sie prüfend. »Du siehst nicht glücklich aus. Freust du dich nicht?«

Freute sie sich? »Ich bin überrascht. Es ist mir eben erst klar geworden, dabei hätte ich es schon früher merken können.« Immer noch lag dieses Lächeln auf seinem Gesicht. Doch sie freute sich. Ein Kind von Marco. Vielleicht erbte es seine Augen. Vielleicht war es das Beste, wenn sie jetzt gar nichts weiter sagte, sondern einfach nur glücklich mit ihm war. Doch er kannte sie zu gut.

»Irgendetwas macht dir Sorgen. Was ist es?«

»Wenn ich richtig rechne, kommt das Kind Mitte März. Wir wollten doch nächstes Frühjahr das Schiff nach Amerika nehmen. Aber hochschwanger kann ich nicht reisen, und mit einem Neugeborenen auch nicht.« Nun war es raus.

Marco legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Minuten vergingen. Antonella schwieg und lauschte auf das Schlagen ihres Herzens. Schließlich drehte er sich wieder zu ihr. »Nenn mich sentimental, mein Kastanienmädchen, aber ich möchte, dass unser Kind hier geboren wird, als Italiener, nicht als Amerikaner. Vielleicht ist es ein Wink des Schicksals, oder meinetwegen auch Gottes Wille, dass du jetzt schon schwanger bist. Vielleicht sollen wir erst einmal hierbleiben. Amerika läuft uns nicht weg, und so wird unser Kind seine Wurzeln hier haben.«

Jetzt erst bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte, während er gesprochen hatte. »Denkst du das wirklich?«

Er nickte. »Das tue ich.«

Sie spürte, wie ihre Mundwinkel sich hoben. Ein glucksendes Lachen stieg in ihre Kehle und gleichzeitig füllten sich ihre Augen mit Tränen. Weinen vor Glück. Teresa hatte ihr erzählt, dass sie bei Tommasos Heiratsantrag vor Glück geweint hatte. Jetzt wusste Antonella, wie es sich anfühlte.

»Wenn wir hierbleiben, muss ich eine Arbeit finden«, sagte Marco. »Auf die Dauer kann uns Alessandros Land nicht alle ernähren.« Er drehte sich wieder auf den Rücken und starrte an die Decke.

»Vielleicht kannst du auf einem Weingut arbeiten. Als …« Wie hieß das Wort? »Cantiniere.«

Er runzelte die Stirn. »Das würde ich sehr gerne, aber ich habe keine Referenzen, oder vielmehr, ich kann die, die ich habe, nicht angeben. Aber eine Stelle als Arbeiter sollte ich auch ohne Referenzen bekommen können.«

»Gibt es denn Weingüter in der Nähe?« Ihr graute vor dem Gedanken, das liebliche Vallone di Segalari zu verlassen. Doch die Vorstellung, dass Marco irgendwo weit entfernt arbeiten würde und vielleicht nur alle paar Wochen nach Hause käme, war noch schlimmer. Plötzlich kamen ihr die Worte einer der Frauen von Cerreto in den Sinn: »Wartet erst einmal ab, bis ihr verheiratet seid und euren Liebsten in den langen Winternächten nicht bei euch habt«, hatte Onelia gesagt. Wie gut sie die junge Frau nun verstehen konnte. Und auch ihre Mutter, die in den Tagen vor der Heimkehr der Männer wie ein aufgescheuchtes Huhn herumgehetzt war.

»Bei Bolgheri gibt es ein kleines Gut, die Fattoria Moretti, dort könnte ich versuchen als Landarbeiter unterzukommen.«

Etwas ungläubig blickte Antonella ihn an. Natürlich kannte er sich mit den Arbeiten auf einem Weingut aus, schließlich war sein Vater der Besitzer eines der größten Anwesen in der Toskana. Aber es bestand doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Wissen, was zu tun war, und darin, jeden Tag selbst in den Weinbergen zu schuften.

»Warum schaust du mich so an? Traust du mir das nicht zu?«

Im Mondlicht konnte sie seine Augen funkeln sehen. Er wartete nicht auf ihre Antwort. »Als mein Vater mich vor drei Jahren aus Pisa zurückgeholt hat, hat er mich dazu verdonnert, zwei Monate lang wie ein Tagelöhner zwölf Stunden in den Weingärten zu arbeiten. Ich sollte damit meine Spielschulden abarbeiten. Es ist hart, aber ich kann das. Und es hat mir besser gefallen, als in muffigen Hörsälen zu sitzen und alten Männern beim Dozieren zuzuhören.«

»Dozieren?« Diesen Ausdruck kannte sie nicht.

»Schulmeistern, predigen.«

Sie nickte, doch mit ihren Gedanken war sie woanders. »Erinnerst du dich, was Alessandro heute erzählt hat? Dass Tiziana dringend eine Köchin sucht, aber keine findet, obwohl sie mehr bezahlen würde als üblich?«

»Ja«, sagte Marco gedehnt. »Denkst du etwa daran, dort als Köchin zu arbeiten?«

Warum klang er so skeptisch? Hielt er es etwa für unschicklich wie Alessandro? Er hatte sich doch bisher nicht um die Meinung anderer Leute geschert.

»Warum nicht? Hast Angst um meinen Ruf?«

»Nein, aber in deinem Zustand? Du musst dich doch schonen.«

Sie lachte. »Das Kind kommt erst im März. Soll ich bis dahin hier herumsitzen und die Hände in den Schoß legen?«

Er hob die Schultern. »So kenne ich das.«

»Du meinst, wenn deine Mutter schwanger war, hat sie nichts mehr gearbeitet?« Insgeheim fragte sie sich, was seine Mutter überhaupt getan hatte, das körperlicher Arbeit gleichkam.

»Sie hat natürlich den Haushalt weitergeführt, und gestickt und genäht und so  …« Seine Stimme verklang, er schüttelte den Kopf. »Mein Gott, das hört sich an, als wäre sie eine verwöhnte Göre, aber das ist sie nicht.«

»Ich weiß«, sagte sie. »Du hast mir erzählt, dass sie es nicht einfach hatte. Aber die Frauen bei uns arbeiten ganz normal weiter. Wie soll es auch anders gehen? Die Männer sind im Winter nicht da und irgendjemand muss die Arbeit tun.«

Immer noch lagen Zweifel seinem Blick. »Wenn du meinst …«

»Ich brauche eine Hebamme. Tiziana weiß sicher, wo ich eine finde. Lass uns doch ihre Einladung annehmen und sie fragen. Dabei können wir uns die Osteria ansehen.«

Marco nickte, sein Lächeln kehrte zurück. »Das ist eine gute Idee.«

Vorsichtig legte er die Hand auf ihren Bauch. »Wir werden ein Kind haben. Ich bin gespannt, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.«

Wahrscheinlich wünschte er sich einen Sohn, wie die meisten Männer.

»Ein Junge mit deinen Augen wäre schön«, sagte sie. Seit sie Marco kannte, waren schwarzes Haar und blaue Augen für sie das Schönste.

Er lachte leise. »Mir wäre ein Mädchen fast lieber. Emilia hat meinen Eltern nicht halb so viele Sorgen bereitet wie ich. Selbst Enrico war nicht immer nur der brave Sohn.«

»Emilia. Das ist ein schöner Name. So weich und melodisch. Besonders wenn du ihn aussprichst. Wenn es ein Mädchen wird, würde ich sie gerne Emilia nennen und mit zweitem Namen Francesca. Wäre dir das recht?«

»Aber ja. Und wenn es ein Junge wird, würde ich ihn gerne Fabrizzio nennen, oder Enrico. Und du musst mir etwas versprechen.«

»Was?«

»Sollte ich jemals versuchen, unsere Kinder zu zwingen, ihr Leben nach meinen Vorstellungen zu leben, ihnen ihren Beruf oder ihre Ehegatten auszusuchen, trittst du mir in den Hintern, ja? Wir wissen beide, wie schrecklich das ist.«

Stürmisch umarmte sie ihn. »Das mache ich.«

Er drückte sie an sich, küsste sie, streichelte ihr Haar, dann ihren Rücken. »Bist du müde?«, murmelte er.

Sie erwiderte seinen Kuss, spürte seine Wärme durch ihr Hemd, und noch etwas anderes.

»Dürfen wir das noch?«, fragte er, als sie sich an ihn drängte.

»Gestern hat es jedenfalls nicht geschadet«, gab sie glucksend zurück. »Dann wird es heute auch nicht schaden.«

4. Kapitel

Am folgenden Sonntag spannte Marco Rinaldo vor den Karren und kutschierte mit Alessandro und Antonella zu der kleinen Kapelle von Donoratico. Zu Antonellas Überraschung schien Marco dieses Mal nicht nur aus Pflichtgefühl zum Gottesdienst zu gehen. Selten hatte sie ihn so inbrünstig beten sehen wie heute. Als der Gottesdienst zu Ende war, ging er nach vorne zu dem kleinen Altar mit dem Marienabbild und zündete eine Kerze an.

»Für unser Kind«, erklärte er auf ihren fragenden Blick hin.

Gegend Abend ritten Antonella und Marco zum Il Postiglione. Es war Marcos Idee, die Osteria abends wie normale Gäste zu besuchen. Er wollte nicht nur das Haus sehen, sondern auch wissen, welche Art von Gästen dort verkehrte.

Der Weg war kürzer als erwartet, sie würde zu Fuß nur eine halbe Stunde bis dorthin brauchen, schätzte Antonella. Das Gebäude war zwei Stockwerke hoch und aus Naturstein erbaut. Der Eingang zum Schankraum war ebenerdig, links davon führte eine Treppe nach oben zu einer weiteren Tür im ersten Stock. Vermutlich befanden sich dort die Zimmer für die Gäste und Tizianas Räume. Blumenkübel standen vor dem Eingang zum Schankraum und auch auf der Balustrade im ersten Stock. Aus ihnen leuchteten Wunderblumen in Weiß und Rosa. An der Ecke des Hauses rankte eine prächtige rosa Bougainvillea empor. Eine Hecke aus Oleanderbüschen erstreckte sich die Straße entlang; vermutlich lag der Garten dahinter. Das Schild über dem Eingang zeigte eine vierspännige Postkutsche, wo auf dem vordersten Pferd ein Mann saß: der Postillion.

Von der Straße aus machte die Osteria einen gefälligen und einladenden Eindruck.

Sie banden die Pferde an und betraten den Schankraum. Auf den ersten Blick wirkte das Postiglione um einiges gepflegter als so manche Herberge, in der sie auf ihrer Reise durch die Berge Halt gemacht hatten. Entlang der Wände standen Bänke und lange Tische, in der Mitte des Raumes ein paar kleinere Tische mit Stühlen. An der Stirnseite erblickte Antonella einen großen Kamin, vor dem ein weißbraun gefleckter Hund lag und schlief. Links neben dem Kamin befand sich ein Durchgang. Dahinter musste die Küche sein. Außer drei älteren Männern, die an einem der Tische saßen und würfelten, waren keine Gäste im Raum. Einer der Männer hob den Kopf und musterte sie.

»Eh, Tiziana, du hast Gäste«, rief er in Richtung des Durchgangs.

Der Hund hob den Kopf und bellte einmal kurz. Er schien schon sehr alt zu sein, seine Schnauze und sein Gesicht waren ergraut.

Tiziana kam in den Schankraum gehastet, wobei sie sich die Hände an ihrer Schürze abwischte. Ihr Haar war unter einer Haube verborgen. Als sie Antonella und Marco erblickte, lächelte sie. »Sie sind das! Schön, dass Sie vorbeikommen. Setzen Sie sich doch.« Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern lief zurück in die Küche.

Antonella zupfte Marco am Ärmel und ging zu der Bank an der rechten Wand. Von dort konnte sie in die Küche sehen. Marco folgte ihr.

Kurze Zeit später kam Tiziana zurück und stellte einen Krug und zwei Becher auf den Tisch. »Als Dank für Ihre Hilfe auf dem Markt.« Sie zögerte. »Möchten Sie auch etwas essen?«

»Ja, gerne«, antwortete Marco. »Was gibt es denn?«

»Rinderbraten mit Gemüse.«

Während Tiziana in der Küche hantierte, blickte Antonella sich um. Der Fußboden bestand aus den für diesen Landstrich typischen Terrakottafliesen. An einigen Stellen war er fleckig von verschüttetem Wein und in den Ecken sammelte sich der Staub. Die Abendsonne schien durch die Fenster und enthüllte, dass sie schon länger nicht geputzt worden waren. Wie vereinbarte sich das mit den gepflegten Blumenkübeln und Rabatten vor der Tür? Außen hui und innen pfui?

Marco schenkte den Wein ein und prostete ihr zu. »Salute.«

Lächelnd hob Antonella den Becher. Der Wein war so dunkel, dass er fast schwarz wirkte, doch er roch nur ein wenig säuerlich. Sie beobachtete Marco, der ebenfalls an seinem Becher roch und die Stirn runzelte. Er schwenkte den Becher, roch erneut daran und trank einen Schluck.

»Du lieber Himmel!«, entfuhr es ihm »Was ist das? Essig?«

Vorsichtig nippte Antonella an ihrem Becher. Der Wein war so sauer, dass sie das Gefühl hatte, ihre Wangen würden nach innen gezogen. Auch der Wein, den der Vater ihrer Freundin in Cerreto gekeltert hat, war herb gewesen, doch einen derartig sauren Wein hatte sie noch nicht getrunken.

Tiziana brachte Besteck und kurz darauf zwei Teller, auf denen jeweils zwei Scheiben Fleisch in Soße und Gemüse lagen. »Bitte schön!«

»Bring uns noch einen Krug Wein, Tiziana«, rief ihr einer der Würfelspieler vom Nachbartisch zu.

»Sofort!« Sie huschte wieder in die Küche.

Antonella beäugte ihren Teller. Das Fleisch roch gut, doch das Gemüse, Zucchini, wirkte völlig zerkocht. Wahrscheinlich hatte Tiziana es schon vor Stunden zubereitet. Die erste Gabel bestätigte ihren Verdacht. Die Zucchini schmeckten nach gar nichts. Offenbar wusste Tiziana nicht mit Gewürzen umzugehen. Sie beobachtete Marco, der an dem Fleisch herumsäbelte. Entweder war das Messer stumpf oder das Fleisch zäh. Marco schob sich das Fleisch in den Mund und kaute und kaute. Schließlich griff er nach dem Becher und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Wein herunter. Dann beugte er sich vor. »Mit einem hat ihr Verwandter recht«, sagte er leise. »Mit ihren Kochkünsten ist es nicht weit her.«

Antonella kostete die Soße. Sie schmeckte recht annehmbar, doch auch ihr fehlte das Aroma, das man nur mit Gewürzen hinbekam. Das Fleisch allerdings war ungenießbar. Es glich in seiner Konsistenz altem Leder und hatte keinerlei Geschmack.

Antonella hob den Kopf und entdeckte Tiziana, die am Durchgang zur Küche stand und sie beobachtete. Ihr Gesicht wirkte abgespannt und besorgt. Als sie Antonellas Blick bemerkte, kam sie an den Tisch. »Es schmeckt Ihnen nicht.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

Antonella beschloss, ehrlich zu sein. »Nein, leider nicht. Das Gemüse ist zu lang gekocht und das Fleisch ist zäh.«

Seufzend hob Tiziana die Hände. »Seit mein Mann tot ist, muss ich kochen und die Gäste bedienen. Deshalb muss ich bereits Stunden vorher alles vorbereiten und warm halten. Da wird jedes Fleisch zäh.«

Antonella schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn man das Fleisch einlegt und es dann auf ganz kleiner Flamme gart. Es darf nicht kochen.«

»Sie kennen sich aus, Signora! Darf ich fragen …?« Hufschläge und das Geratter von Rädern unterbrachen Tiziana. »Das klingt nach einer Postkutsche.« Sie eilte zur Tür und riss sie auf. Tatsächlich hielt eine Kutsche auf der Straße. Vier Pferde waren davorgespannt, auf dem ersten saß ein Mann. Tiziana wechselte ein paar Worte mit ihm, dann hörte Antonella sie rufen. »Ugo! Komm und hilf unseren Gästen mit dem Gepäck!«

Ein zweiter Postillion stieg vom Kutschbock und öffnete schwungvoll die Tür. Vier Männer kletterten steifbeinig aus der Kutsche. Sie reckten sich, streckten die Arme nach oben und kreisten die Schultern wie Leute, die stundenlang gesessen hatten.

Der große Mann, den Antonella und Marco auf dem Rückweg vom Markt getroffen hatten, eilte herbei und half dem Postillion, das Gepäck vom Dach der Kutsche abzuladen. Derweil bat Tiziana die Gruppe in den Schankraum. Drei der Männer folgten ihr, einer blieb draußen und beobachtete Ugo, der sich mit den Koffern abmühte, ohne selbst einen Finger zu rühren.

»Nehmen Sie doch schon mal Platz«, sagte Tiziana und wies auf die Bank gegenüber von Antonella und Marco. »Ich komme sofort.«

Sie lief wieder hinaus und half Ugo, während der andere Mann sie weiterhin tatenlos beobachtete. Unwillig schüttelte Marco den Kopf, dann stand er auf, ging nach draußen und packte mit an.

Währenddessen betrachtete Antonella die Neuankömmlinge. Einer war sehr groß und dick, sein Haar und sein gewaltiger gezwirbelter Schnurrbart hatten die Farbe von Sand. Sein Gesicht leuchtete rot, er holte ein Tuch aus seiner Tasche und tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn. Dabei blickte er sich missmutig um, bevor er sich auf die Bank sinken ließ. Auch die anderen beiden waren groß, ihre Haut war hell, sie sahen nicht aus wie Italiener. Nachdem sie sich gesetzt hatten, unterhielten sie sich sehr laut in einer seltsam abgehackten Sprache, die Antonella noch nie gehört hatte. Es klang, als stritten sie miteinander, doch in ihren Mienen stand kein Zorn.

Tiziana kam herein, gefolgt von Ugo und Marco. Als Ugo Antonella entdeckte, kam er lächelnd auf sie zu. »Die hübsche Signora! Und der Glückspilz! Ich freu mich so, euch zu sehen. Wartet.«

Er drehte um, lief hinaus und kam gleich darauf mit einem Oleanderzweig mit weißen Blüten zurück. »Ich habe ein Geschenk für dich.« Breit lächelnd legte er den Zweig auf den Tisch. Ein wenig unsicher blickte Antonella ihn an. Was dachte er sich nur dabei? Dann fiel ihr ein, was Alessandro gesagt hatte. Er sei nicht ganz richtig im Kopf, aber harmlos. Sie lächelte zurück. »Danke schön!«

Sein Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen. »Du bist so nett!«

Tiziana eilte zu ihrem Tisch. »Ugo, bitte hol Wein und Wasser für unsere neuen Gäste.« Sie wartete, bis er fort war, dann sagte sie: »Ugo ist der jüngere Bruder meines Mannes. Er macht gerne Geschenke.« Lächelnd deutete sie auf den Oleanderzweig.

»Wir haben schon von ihm gehört«, sagte Marco.

Sofort verschwand Tizianas Lächeln. »Ja?« Ihre Stimme klang nervös. »Es wird über ihn geredet, weil er anders ist. Er ist nicht besonders klug, aber sehr hilfsbereit und freundlich. Sie brauchen keine Angst vor ihm zu haben.«

Erstaunt blickte Antonella sie an. »Wir haben keine Angst vor ihm. Wir sind ihm letzte Woche auf dem Heimweg begegnet. Alessandro hat uns gesagt, wer er ist und dass er niemandem etwas tut.«

»Alessandro!« Erleichterung klang in ihrer Stimme. »Er kennt Ugo. Er weiß, wie er ist. Aber auf Fremde wirkt er oft unheimlich. Sie verstehen …«

Antonella verstand gut. In den Bergen gab es in vielen Dörfern einen Menschen wie Ugo. Jemand, der geistig zurückgeblieben war. Aminta hatte behauptet, es käme daher, dass immer nur die Einwohner eines Dorfes untereinander heirateten. Deshalb hatte sie es immer begrüßt, wenn einer der Schäfer eine Frau aus der Toskana mitgebracht hatte. In manchen Dörfern wurden solche besonderen Menschen gut und freundlich behandelt, aber öfter wurden sie verspottet oder gefürchtet, weil sie anders waren.

Vom Tisch der Fremden kam ein missbilligendes Räuspern, der Dicke verzog angewidert das Gesicht und sagte etwas zu seinen Begleitern.

»Was sind das für Leute?«, wandte sich Antonella an Marco. »So eine Sprache habe ich noch nie gehört.«

»Es sind Deutsche«, antwortete er. »Sie machen eine Italienrundreise. Das scheint in Deutschland gerade sehr modern zu sein. Doch ihnen gefällt es überhaupt nicht. Der eine Postillion hat mir gesagt, dass sie immer nur schimpfen.«

In der Tat, die Fremden wirkten sehr mürrisch und ungehalten. Als Tiziana an den Tisch kam, sagte einer in holprigem Italienisch: »Wir wollen Suppe!«

»Es tut mir sehr leid. Ich habe heute keine Suppe. Nur Rinderbraten.«

Der Mann wandte sich an seine Begleiter und sagte etwas in dieser böse klingenden Sprache. Nach einem kurzen Wortwechsel zuckte er mit den Schultern. »Dann eben Braten, in Gottes Namen, aber bloß nicht in Baumöl gesotten. Und Brot! Richtiges Brot, nicht diese sauren Semmeln, die es überall in diesem furchtbaren Land gibt.«

Tiziana wich das Lächeln aus dem Gesicht. »Aber sicher«, antwortete sie und wandte sich ab. »Komm, Ugo, belästige meine Gäste nicht.«

»Ich belästige sie nicht«, sagte Ugo. »Die Signora mag mich und der Glückspilz auch.« Aber er folgte Tiziana gehorsam in die Küche.

Antonella beugte sich zu Marco. »Was für schreckliche Menschen. Was meinen sie denn mit Baumöl?«

»Wahrscheinlich Olivenöl. Lass uns aufessen, bezahlen und gehen.«

»Ich hoffe, Sie kommen bald wieder«, sagte Tiziana, als sie die Rechnung beglichen. »Ich würde mich gerne mit Ihnen übers Kochen unterhalten. Vielleicht können Sie mir ein paar Ratschläge geben.«

Marco lächelte sie an. »Wir kommen gerne wieder. Sagen Sie, Signora, woher bekommen Sie ihren Wein?«

»Von der Fattoria Moretti in der Nähe von Bolgheri.«

»Wirklich?« Überrascht hob Marco die Augenbrauen. »Ich hab von ihr gehört, es heißt, ihr Wein sei gut. Aber, nehmen Sie es mir nicht übel, das, was Sie hier ausschenken, ist Essig. Das kann man nicht trinken.«

»Aber wir beziehen schon lange unseren Wein von dort«, wandte Tiziana ein. »Silvio hat gesagt, er sei gut. Deshalb habe ich mich darauf verlassen. Ich selbst kenne mich mit Wein überhaupt nicht aus.«

»Dann hat man Sie betrogen.«

»Weil sie eine Frau ist!«, sagte Antonella erbost. »Deshalb verkaufen sie ihr den Abfall, den sonst keiner haben will.«

Hilflos hob Tiziana die Hände. »Wahrscheinlich steckt Danilo dahinter. Er ist mit dem Besitzer gut befreundet.«

»Danilo?«, fragte Antonella.

»Danilo Pelagatti. Der Vetter meines Mannes.«

Ungeduldig klopfte einer der Deutschen auf den Tisch. »Camiera! Wo bleibt die Bedienung?«

Tiziana verdrehte die Augen. »Entschuldigung!« Hastig lief sie rüber. »Sie wünschen?«

»Sie braucht wirklich Hilfe«, sagte Marco auf dem Heimweg. »Selbst wenn sie kochen könnte, ist das für sie alleine nicht zu schaffen. Die Osteria war fast leer, die Leute von hier gehen lieber zu da Peppino hat mir Alessandro erzählt. Und wenn es sich weiter herumspricht, wie schlecht ihr Essen und ihr Wein sind, werden auch die Postkutschen nicht mehr dort halten.«

»Sie scheint nett zu sein und die Osteria ist nicht weit weg. Wenn sie wirklich gut bezahlt, könnte ich vormittags hinreiten, oder wenn du Rinaldo brauchst, auch laufen, für sie kochen und am Abend wieder heimkommen. Was meinst du?«

Marco rieb sich mit den Fingern über die Nasenwurzel. »Wenn du es wirklich willst …«

»Aber ja. Du weißt, es ist das, was ich schon immer machen wollte.«

»Ich denke, deine Kochkünste würden der Osteria wirklich guttun. Was ist, wenn das Kind kommt?«

»Dann muss sie eine Zeit lang ohne mich zurechtkommen. Aber die Frauen bei uns in den Bergen arbeiten alle schon kurz nach der Niederkunft wieder. Ich kann das Kind mitnehmen und dort stillen.«

Jetzt lächelte er. »Wir reiten die nächsten Tage wieder hin und reden mit ihr.«

5. Kapitel

Innerhalb von zwei Tagen hatten Alessandro und Marco nach Antonellas Anweisungen einen Stall gebaut, in dem die Hühner nachts Unterschlupf finden und ihre Eier legen konnten. Tagsüber konnten sie im Freien herumlaufen.

»Jetzt brauchen wir nur noch Hühner«, sagte Marco und musterte sichtlich stolz ihr Werk. »Wir müssen auf den Markt.«

»Wollt ihr normale Hühner oder Faraonas«, fragte Alessandro. »Die Bertinis halten Faraonas und verkaufen sie zum Schlachten. Natürlich braucht man viele Tiere und muss die Küken aufziehen, bis sie groß genug sind. Aber es bringt Geld.«

»Bloß nicht!« Antonella schüttelte heftig den Kopf.

Erstaunt blickte Marco sie an. »Warum nicht? Wir könnten uns etwas dazuverdienen. Um Eier zu bekommen, können wir zusätzlich normale Hühner halten.«

»Meine Mutter hat Faraonas gehalten. Du hast keine Ahnung, was für einen Lärm so eine Schar Perlhühner macht. Sie fangen bei Sonnenaufgang an zu kreischen und immer wenn man denkt, sie sind jetzt still, fängt eines wieder an und der ganze Schwarm fällt ein. Dagegen klingt das Krähen eines Hahns und das Gackern von Hühnern wie Musik.«

Marco lachte. »Also keine Faraonas. Wir fahren am Donnerstag zum Markt und kaufen Hühner. Und auf dem Heimweg halten wir bei Signora Ferrante.«

»Was wollt ihr denn bei Tiziana?«, fragte Alessandro.

»Antonella will ihr helfen und als Köchin dort arbeiten. Und ich werde ihrem Weinlieferanten auf die Füße treten. Er betrügt sie.«

Wie Antonella erwartet hatte, war Alessandro nicht begeistert von der Idee. »Du willst deine Frau in dieser heruntergekommenen Spelunke arbeiten lassen? Soll sie etwa jeden Abend alleine nach Hause gehen?«

»Nein, ich werde sie abholen«, erwiderte Marco.

Brummend wandte Alessandro sich ab. Während er mit einem Eimer in der Hand zu den Pferden stapfte, hörte Antonella, wie er etwas von jungen Leuten und losen Sitten in seinen grauen Bart grummelte.

Tiziana begrüßte sie begeistert, als sie nach ihrem Besuch auf dem Markt mit dem Wagen vor der Osteria hielten. Auf der Ladefläche stand ein Käfig mit vier Hühnern und einem Hahn.

»Sie wollen Hühner halten?«, fragte Tiziana. »Warum haben Sie nicht mich gefragt? Ich hätte Ihnen ein paar Küken zum Großziehen abgeben können. Wenn Sie noch mehr Hühner brauchen, sagen Sie Bescheid.«

An einem der Pflanzkübel stand Ugo und zupfte die verblühten Blüten einer Wunderblume ab. Er war so vertieft, dass er ihre Ankunft gar nicht bemerkt hatte. Tiziana bemerkte Antonellas Blick und lächelte. »Ugo ist der geborene Gärtner, er liebt die Blumen und kümmert sich darum.«

Also deshalb waren die Pflanzen hier draußen so gepflegt.

»Möchten Sie etwas essen?«, fragte Tiziana.

Antonella schüttelte den Kopf. »Nein, aber können wir hineingehen? Ich brauche Ihre Hilfe.«

Überrascht nickte Tiziana. »Gerne.« Sie warf einen Blick auf Marco.

Der lächelte. »Geht ruhig. Ich sehe mich so lange hier um, wenn es recht ist.«

»Aber sicher«, antwortete Tiziana, doch sie wirkte verwirrt. »Hinter dem Haus ist unser Gemüsegarten. Ugo kann Sie herumführen.«

»Möchten Sie einen Wein?«, fragte sie Antonella, als sie ins Haus gingen. Die Schankstube war leer.

»Nein danke, aber ein Becher Wasser wäre schön. Und wollen wir nicht du sagen? Ich bin Antonella und mein Mann heißt Marco.«

Tiziana lächelte. »Ich heiße Tiziana, und Ugo kennst du ja schon. Er sagt zu allen du.

Antonella wartete, bis Tiziana mit zwei Bechern aus der Küche zurückkehrte, dann kam sie ohne Umschweife zur Sache. »Ich habe letzte Woche gemerkt, dass ich ein Kind