Beschreibung

Die Wege der Liebe. Italien 1857: Gianna wächst auf einem der größten Weingüter in den malerischen Hügeln der Toskana auf. Ihr Leben erscheint perfekt, sie ist mit Angelo, ihrer großen Liebe, verlobt und wird bald heiraten. Doch dann brechen Unruhen aus und drohen ihr Glück zu zerstören: Ihre Familie und die ihres Verlobten stehen auf gegnerischen Seiten. Gianna sieht keine andere Möglichkeit, als Zuflucht bei ihrer Tante in Genua zu suchen. Erst in der Fremde erkennt sie, wo ihr Herz wirklich zu Hause ist. Doch hat diese Liebe eine Zukunft? Ein Weingut im Italien des 19. Jahrhunderts und eine starke Frau, die für ihr Glück kämpft

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Seitenzahl: 496


Über Karin Seemayer

Karin Seemayer, geboren 1959, machte eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und war beruflich und privat viel unterwegs. Die meisten ihrer Romanideen sind auf diesen Reisen entstanden. Allerdings musste die Umsetzung der Ideen warten, bis ihre drei Kinder erwachsen waren. Heute lebt Karin Seemayer im Taunus. Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane „Die Tochter der Toskana“, "Das Gutshaus in der Toskana", „Die Sehnsucht der Albatrosse“ und „Das Geheimnis des Nordsterns“ lieferbar.

Informationen zum Buch

Die Wege der Liebe.

Italien 1857: Gianna wächst auf einem der größten Weingüter in den malerischen Hügeln der Toskana auf. Ihr Leben erscheint perfekt, sie ist mit Angelo, ihrer großen Liebe, verlobt und wird bald heiraten. Doch dann brechen Unruhen aus und drohen ihr Glück zu zerstören: Ihre Familie und die ihres Verlobten stehen auf gegnerischen Seiten. Gianna sieht keine andere Möglichkeit, als Zuflucht bei ihrer Tante in Genua zu suchen. Erst in der Fremde erkennt sie, wo ihr Herz wirklich zu Hause ist. Doch hat diese Liebe eine Zukunft?

Ein Weingut im Italien des 19. Jahrhunderts und eine starke Frau, die für ihr Glück kämpft.

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Karin Seemayer

Sterne über der Toskana

Historischer Roman

Inhaltsübersicht

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Personenliste

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Nachwort und Dank

Fußnoten

Impressum

Für Kristin und Moritz

Personenliste

Historische Personen sind mit * gekennzeichnet.

In Florenz:

Madame Colleone

Leiterin des Instituts für junge Damen

Piero di Raimandi

Giannas Bruder

Nerina di Raimandi

Pieros Ehefrau

Auf Alberi d’Argento:

Gianna di Raimandi

Tochter von Enrico und Silvana

Enrico di Raimandi

Giannas Vater

Silvana

Giannas Mutter

Lorenzo

Giannas Bruder

Giuseppe + Tommaso

Zwillinge, Giannas Brüder

Stella

Lorenzos Frau

Alisa

Stellas Tochter

Ilaria Perucci

Zofe

Luisa Perucci

Giannas Zofe

Domencio

Stallmeister

Carlo

Stallbursche

Matteo

Stallbursche

Manfredo

Kutscher

Don Alberto

Pfarrer auf Alberi d’Argento

Auf der Tenuta Bandello:

Donata Castiglioni

Erbin der Tenuta

Sergio Castiglioni

Donatas Ehemann

Rosanna Castiglioni

Donatas Tochter

Angelo Castiglioni

Sohn von Sergio und Donata

Maurizio (Mauro)

Pferdeknecht und Giannas Freund

Emilio Romani

Stallmeister

Rosa Romani

Frau des Stallmeisters

Giulio

Stallbursche

Signor Neri

Cantiniere auf Bandello

Sonstige:

Enzo Manari

Schmied, Maurizios Vater

Angelica Manari

Magd, Maurizios Mutter

Vito Manari

Enzos Bruder

Contessa Lavinia Grifoni

Alfredo Balduccio

Domenico Ricasoli

In Genua:

Giovanni Fassio

Steward auf der Iberia

Emilia Barrati

Giannas Tante

Fabrizzio Barrati

Emilias Ehemann

Antonia

Tochter von Emilia und Fabrizzio

Adele

Fabrizzios Mutter

Celeste

Köchin

Elisa

Zimmermädchen

Gloria

Emilias Zofe

Vincenzo

Diener

Riccardo Parenti

Marchese da Abairate

Mario Giraudo

Antonias Verlobter

Principessa Cristina

Widerstandskämpferin

Trivulzio di Belgiojoso*

In Mailand:

Claudia Parenti

Riccardos Mutter

Margherita

Riccardos jüngere Schwester

Rosalia

Riccardos ältere Schwester

In Abbiategrasso:

Anna

Köchin/Zimmermädchen

Giulio

Annas Mann

Luca

Annas Sohn

Don Adriano

Pfarrer

In Castiglione:

Henry Dunant*

Schweizer Geschäftsmann, der spätere Gründer des Roten Kreuzes

Don Lorenzo*

Pfarrer im Dom von Castiglione

Valentina; Sofia

freiwillige Pflegerinnen

In Verona/beim Militär:

Raimondo Castiglioni

Sergios Bruder, Oberleutnant

Hauptmann Häusel

Kompanieführer

Leutnant Anton Meissner

Zugführer Jäger

Leutnant Niemetz

Zugführer Infanterie

Bernardo Righetti

Jäger

Ivo Vuković

Infanterist aus Kroatien

Andreas; Franz; Milan

Jäger

Josef Kübl

Feldwebel

Andreas Farkas

Rittmeister

Feldzeugmeister Gyulay*

Oberkommandierender der österreichischen Truppen

Feldmarschallleutnant von Stadion*

Anführer des V. Korps

Feldmarschallleutnant von Benedek*

Anführer des II. Korps

Vittorio Emanuele II.*

König von Sardinien-Piemont

Conte di Cavour*

Ministerpräsident von Sardinien-Piemont

Napoleon III.*

Kaiser von Frankreich

Franz-Josef I.*

Kaiser von Österreich

1. Kapitel

Zusammen mit neunzehn jungen Mädchen von adeliger Herkunft stand Gianna di Raimandi im großen Saal von Madame Colleones Institut für junge Damen. Mit dem Rücken zu ihnen stand ebenjene Madame Colleone und hielt eine Rede. Vor ihr saßen die Eltern der jungen Frauen.

Zwei Jahre hatte Gianna im Institut verbracht, in dem Mädchen der letzte gesellschaftliche Schliff verliehen wurde. Zwei Jahre voller Langeweile, die nun endlich vorbei waren.

In dieser Zeit waren die Mädchen in gesittetem Benehmen, Musik, Tanzen und Handarbeiten unterrichtet worden, Fertigkeiten, die gemäß Madame Colleone jede junge Frau aus besserer Gesellschaft besitzen musste, wenn sie ein behagliches, repräsentatives Heim für ihre Familie schaffen wollte. Um sicherzustellen, dass sie ihren späteren Ehemännern angemessene Gesprächspartnerinnen sein würden und auch in Gesellschaft Konversation führen konnten, wurden zusätzlich Französisch, Mathematik, Geschichte und Literatur gelehrt, allerdings nur wenige Stunden im Vergleich zu den anderen Fächern. Diese Fächer hatten Gianna sehr viel mehr interessiert, und sie war in Mathematik und Geschichte Klassenbeste gewesen. Das allerdings hatte Madame Colleone nicht der Rede wert gefunden. Stattdessen hatte sie wortreich bedauert, dass Gianna wegen ihres lebhaften Temperaments und ihres Widerspruchsgeistes die höchste Auszeichnung der Schule, die Medaille für Sanftmut, nicht erhalten konnte. Immerhin konnte sie Auszeichnungen in Musik und Tanzen vorweisen, weshalb es ihr nach Madame Colleones Aussage durchaus möglich sein sollte, einen Ehemann zu finden.

In der Gewissheit, dass es ihr letzter Tag im Institut war, hatte Gianna Madames Predigt ohne Widerspruch über sich ergehen lassen.

Gewiss hatte Madame auch mit ihrem Vater gesprochen und auch dort bedauert, wie wenig damenhaft sie doch war. Doch bei ihrem Vater waren diese Worte wohl auf taube Ohren gestoßen. Immerhin war er derjenige gewesen, der sie ermutigt hatte, nachzufragen, wenn sie etwas wissen wollte. Unterwürfigkeit war in seinen Augen keine erstrebenswerte Tugend, auch nicht für eine Frau. Ihre Eltern hatten immer alle Entscheidungen, große wie kleine, gemeinsam getroffen. Sie hatte das für normal gehalten. Erst als sie mit sechzehn Jahren nach Florenz auf Madames Institut gegangen war, hatte sie gemerkt, welch ungewöhnliche Ehe ihre Eltern führten.

Ungeduldig wartete Gianna darauf, dass Madame ihre Festrede beendete. Sie hatte das Gefühl, schon Stunden hier zu stehen. Ihre Freundin Rosanna versetzte ihr einen leichten Stoß mit dem Ellbogen. »Hör auf zu zappeln«, wisperte sie. »Signora Melani guckt schon ganz böse hierher.«

Gianna unterdrückte ein Seufzen. Still zu stehen fiel ihr noch schwerer, als still zu sitzen. Meistens merkte sie erst, wenn sie ermahnt wurde, dass sie mit den Füßen wippte oder mit dem Stuhl kippelte. Signora Melani hatte gesittetes Benehmen und Handarbeiten unterrichtet, die beiden Fächer, die Gianna am wenigsten leiden konnte.

Irgendwann war auch die endlos erscheinende Ansprache zu Ende, und die Mädchen wurden aufgerufen, um ihre Abschlusszeugnisse und Medaillen in Empfang zu nehmen. Gianna knickste höflich vor Madame Colleone, dann verabschiedete sie sich von den Lehrerinnen. Der Abschied von Signorina Rinaldi, die Geschichte und Literatur unterrichtet hatte, fiel ihr am schwersten. Signorina Rinaldi stammte aus dem Piemont, sie kannte Leute wie die Prinzessin Cristina Trivulzio Belgiojoso, die in Paris einen literarischen Salon betrieben hatte, in dem selbst Größen wie Honoré de Balzac, Frédéric Chopin, Franz Liszt und Alfred de Musset verkehrten. Sie hatte in Gianna die Liebe zur Literatur geweckt, und sie war immer eher eine Freundin als eine Lehrerin gewesen.

Ihre Eltern lächelten ihr entgegen, als sie mit dem Zeugnis in der Hand zu ihnen ging. Neben ihnen stand Piero, einer ihrer Brüder, und grinste. Bevor sie ihre Eltern begrüßte, warf sie einen raschen Blick auf Rosannas Familie, die in unmittelbarer Nähe stand. Donata und Sergio Castiglioni, Rosannas Eltern waren die Besitzer der Tenuta Bandello, des Weinguts, dessen Ländereien an Alberi d’Argento angrenzten. Beide Familien waren seit langem befreundet, und die Weingüter waren nur bedingt Konkurrenten. Alberi d’Argento, das Gut von Giannas Eltern, produzierte in erster Linie Rotweine, während die Tenuta Bandello für ihre guten Weißweine bekannt war.

Ein Hauch der Enttäuschung mischte sich in ihre Freude. Angelo, Rosannas älterer Bruder, war nicht mitgekommen, um seine Schwester abzuholen. Doch das Gefühl verflog rasch. Sie würde ihn bald wiedersehen, auf ein paar Tage kam es nicht an. Sie trat zu ihren Eltern und sank in einen anmutigen Knicks, der sicher auch Madame Colleone ein Lob entlockt hätte. Ihre Mutter nickte huldvoll, dann lächelte sie strahlend und zog sie in ihre Arme. »Bin ich froh, dass du wieder bei uns bist, mein liebes Kind.«

Auch vor ihrem Vater knickste sie. Er reichte ihr die Hand und half ihr auf, sichtlich um einen würdigen, gemessenen Gesichtsausdruck bemüht, doch seine Augen funkelten vor Freude, und er zwinkerte ihr zu.

Piero beugte sich vor und zupfte an einer Locke, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte. »So, so, Schwesterchen, dir fehlt es also an Sanftmut.«

Unwillig warf sie den Kopf zurück. »Lass das.«

Piero und ihr Vater brachen in Gelächter aus. Aus den Augenwinkeln sah Gianna, wie Rosannas Mutter die Augenbrauen hochzog. Donata Castiglioni legte großen Wert auf gute Umgangsformen. Niemals würde sie in der Öffentlichkeit laut lachen.

Ihr Vater bemerkte ihren Blick. »Ärgere deine Schwester nicht«, sagte er zu Piero. »Ich habe Madame Colleone gesagt, dass ein Mädchen, das mit vier älteren Brüdern aufwächst, wenig Gelegenheit hat, Sanftmut zu lernen, und dass ich andere Eigenschaften wesentlich wichtiger finde. Wenn die Frauen unserer Familie sanftmütig und nicht so kämpferisch gewesen wären, besäßen wir heute Alberi d’Argento nicht mehr.«

Der Schalk saß noch in Pieros Mundwinkeln. »Nicht böse sein, Schwesterchen. Du bist genau richtig. Und wenn Signora Castiglioni deine Schwiegermutter wird, ist Sanftmut die letzte Eigenschaft, die du brauchst.«

»Piero!« Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Also wirklich …«

Doch Gianna achtete nicht auf sie, sondern blickte ihren Vater an. Bei Pieros Worten war etwas wie ein Schatten über sein Gesicht gehuscht. Ein Ausdruck von Unmut oder Verlegenheit? Aber warum? Weil Piero über Donata Castiglioni gelästert hatte? Vielleicht. Pieros loses Mundwerk hatte schon oft für Irritationen gesorgt. Überhaupt fand sie die Bemerkung ihres Bruders seltsam. Die Hochzeit zwischen ihr und Angelo, dem ältesten Sohn der Familie Castiglioni, war schon seit zwei Jahren beschlossene Sache. Es war ihr Vater gewesen, der darauf bestanden hatte, diese Verlobung erst nach ihrem Besuch des Instituts für junge Damen bekanntzugeben. Er wolle sie nicht drängen, hatte er gesagt, sie solle Gelegenheit haben, etwas mehr von der Welt kennenzulernen als das Weingut, das ihre Heimat war.

Ein Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel, als sie an dieses Gespräch dachte. Als ob sie gedrängt werden müsste. Sie kannte Angelo seit ihrer Kindheit, und sie liebte ihn schon lange. Für sie würde es niemals einen anderen Mann geben. Das hatte sie auch ihrem Vater erklärt. Er hatte nur gelächelt und gemeint, wenn sie sich dessen so sicher sei, werde er einer Verbindung nicht im Wege stehen. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass Enrico di Raimandi sich vielleicht einen anderen Ehemann für sie gewünscht hätte.

Prüfend sah sie ihrem Vater ins Gesicht. Er erwiderte ihren Blick, und die Fältchen um seine Augen vertieften sich, als er ihr zulächelte. Sie musste sich getäuscht haben.

Rosanna und ihre Eltern kamen zu ihnen. Man gratulierte sich gegenseitig artig zu den wohlgeratenen Töchtern. Währenddessen zog Rosanna Gianna zur Seite. »Haben deine Eltern etwas von Giuseppe erzählt? Ist er zu Hause? Er und Tommaso haben doch Urlaub?«

»Ich glaube schon, aber ich weiß es nicht genau«, antwortete Gianna.

Giuseppe und Tommaso, ihre Zwillingsbrüder, waren drei Jahre älter als sie und besuchten die Kavallerieschule in Pinerolo.

Enttäuschung stand in Rosannas Gesicht. So wie Gianna seit Jahren in Rosannas Bruder Angelo verliebt war, war Rosanna in Giuseppe verliebt. Doch anders als bei Angelo und ihr erwiderte Giuseppe Rosannas Liebe nicht. Er behandelte sie nicht anders als seine jüngere Schwester. Trotzdem gab Rosanna die Hoffnung nicht auf, irgendwann sein Herz zu gewinnen.

»Warte, ich frage meine Eltern«, sagte Gianna. Sie trat zu ihrer Mutter. »Hatten die Zwillinge keine Lust auf Florenz, oder sind sie noch gar nicht zu Hause?«

»Doch, sie sind seit letzter Woche da. Aber sie meinten, du würdest ihnen verzeihen, wenn sie nicht mitkommen. Sie waren acht Tage unterwegs und wollten nicht schon wieder reisen.«

»Ist das eine Hitze.« Mit einem Ruck öffnete Signora Castiglioni ihren Fächer. »Man bekommt kaum Luft.«

Gianna unterdrückte ein Grinsen. Es war wirklich sehr warm, doch dass die Signora keine Luft bekam, lag wohl eher an ihrem Korsett. Ihre Taille war so eng geschnürt, dass sie sogar schmaler war als Giannas, und das, obwohl sie zwei Kinder geboren hatte. Unwillkürlich verglich Gianna die schlanke Gestalt der Signora mit den üppigen Formen ihrer Mutter. Aber ihre Mamma hatte schließlich sechs Kinder bekommen und schnürte sich nicht so eng.

»Ich hoffe, es wird nicht noch heißer«, sagte die Signora. »Wir wollen noch eine Woche bleiben. Endlich mal ein bisschen Stadtleben und Kultur genießen. Ich freue mich schon darauf, wenn Angelo in ein paar Jahren die Tenua Bandello übernimmt. Dann kaufen wir uns ein Haus hier.«

Gianna lächelte. Etwas Besseres, als dass die Signora in die Stadt zog, konnte ihr nicht passieren. Donata Castiglionis strenge, distanzierte Kühle war ihr schon immer unheimlich gewesen. Ihre eigene Mutter war so ganz anders. Herzlich und offen. Sie machte keinen Hehl daraus, wie sehr sie ihre Kinder liebte, und umarmte und küsste sie oft. Dagegen hatte sie niemals gesehen, dass die Signora Angelo oder Rosanna geherzt und geküsst hatte, noch nicht einmal, als sie kleine Kinder gewesen waren.

»Wir bleiben noch eine Woche hier?«, fragte Rosanna sichtlich entsetzt.

»Aber natürlich, Liebling. Glaubst du, ich setze mich zwei Tage in eine Kutsche, um nur einen Tag hierzubleiben? Wir haben Zimmer im Hotel Gran Britannia gemietet. Wir werden einkaufen, in die Oper gehen, Konzerte besuchen. Es wird herrlich.«

Rosannas Miene verriet nur allzu deutlich, dass sie die Aussicht alles andere als herrlich fand, und auch ihr Vater wirkte nur mäßig begeistert.

»Bleiben Sie auch länger in Florenz?«, wandte sich die Signora nun an Enrico.

»Wir fahren übermorgen. Wir dachten, wenn wir schon mal hier sind, nutzen wir die Zeit und gehen mit unserer Tochter in die Oper«, antwortete er. »Sie spielen heute Nabucco, und die göttliche Fanny Donatelli singt die Hauptrolle. Vielleicht möchten Sie uns begleiten?«

Sichtlich indigniert zog Signora Castiglioni ihre schmalen Brauen hoch und fixierte Enrico. »Verdi …«

Er erwiderte ihren Blick. »Ja. Verdi.«

»Nun, wem das gefällt …«. Die Signora wandte sich zu ihrem Mann. »Wir sollten uns verabschieden und auf den Heimweg machen.«

Gianna sah von ihrem Vater zu der Signora. Irgendwie hatte Donata Castiglioni eine Botschaft in ihren Worten über Verdi versteckt. Sie spürte deutlich die Spannung zwischen ihrem Vater und der Signora. Der Abschied der beiden Familien fiel nicht so herzlich aus wie sonst.

Vor der Tür wartete bereits die Kutsche der Castiglionis. Rosanna warf Gianna eine Kusshand zu, bevor sie sich mit ihrer Krinoline durch die Tür quetschte. Nachdem auch ihr Vater eingestiegen war, fuhr die Kutsche an. Als Nächstes rollte die Kutsche mit dem Wappen der Raimandis heran. Enrico öffnete die Tür und half Silvana und Gianna beim Einsteigen. Gianna versuchte ihre Krinoline und die Röcke so eng wie möglich an sich zu drücken. Piero quetschte sich neben sie, ihr Vater nahm ihr gegenüber neben ihrer Mutter Platz.

»Ich dachte immer, Signora Castiglioni liebt Opern. Was hat sie gegen Verdi?«, fragte Gianna.

»Verdi selbst ist es gar nicht, sondern die Tatsache, dass sein Name ein Akronym für die Losung der Società Nazionale ist.1 Und da Verdis Opern durchaus auch politisch sind und seine Lieder vom Volk gesungen werden, ist es unter den Anhängern der Habsburger nicht comme il faut, Verdi zu mögen.«

»Ich wusste gar nicht, dass die Castiglionis Anhänger der Habsburger sind.«

»Nun, jetzt weißt du es«, versetzte Piero. »Vielleicht solltest du dich öfter mal mit Politik befassen, statt nur diesen Schönling Angelo anzuschmachten.«

»Piero!« Die Stimme ihres Vaters klang ungewohnt scharf. »Lass sie in Ruhe. Im Institut für junge Damen hat sie ja wohl nicht viel davon mitbekommen, was in den letzten Monaten hier los war.«

Verwundert sah sie von einem zum anderen. Beide wirkten angespannt. Es stimmte: Obwohl in ihrer Familie viel über Politik geredet wurde, hatte sie sich nie sehr dafür interessiert. Es hatte einfach nichts mit ihrem Alltag zu tun. Politik, das war etwas, das in den Städten stattfand, das die Rebellen beschäftigte. Ja, ihr Onkel hatte 1849 an Garibaldis Seite gegen die Habsburger und Franzosen gekämpft und anschließend mit seiner Familie das Land verlassen müssen, doch damals war sie neun Jahre alt gewesen. Sie erinnerte sich kaum daran. Bis auf ihren Aufenthalt in Florenz hatte sie ihr ganzes Leben auf Alberi d’Argento verbracht, umsorgt von ihren Eltern, umgeben von ihren Brüdern. Abgesehen vom Tod ihrer älteren Schwester Felicia, die vor zehn Jahren am Wechselfieber gestorben war, hatte sie nie größeren Kummer erlebt.

»Was war in den letzten Monaten los?«

»Darüber reden wir ein anderes Mal«, sagte ihr Vater. »Heute sollst du deinen letzten Tag in Florenz genießen und nicht über Politik nachdenken.«

Der Palazzo, in dem Piero, seine Frau Nerina und ihre Eltern lebten, stand in der Nähe des Arno. Piero war fünf Jahre älter als Gianna und seit letztem Jahr verheiratet. Nerina, seine Frau, war das einzige Kind eines florentinischen Großhändlers, der auch mit Wein handelte. Gianna hatte sie bisher nur bei der Hochzeit vor einem Jahr gesehen, deshalb war sie sehr neugierig auf die Frau, die offensichtlich das Herz ihres spitzzüngigen Bruders gewonnen hatte. Schon ihr ältester Bruder, Lorenzo, hatte aus Liebe geheiratet und Piero ebenfalls. Wie alle Adeligen und Großgrundbesitzer, versuchte auch ihr Vater, seine Kinder vorteilhaft zu verheiraten. Doch da er, wie auch sein jüngerer Bruder, aus Liebe geheiratet hatte und beide Ehen überaus glücklich waren, hatte er beschlossen, keines seiner Kinder gegen dessen Willen zur Ehe zu zwingen.

Piero half ihnen aus der Kutsche und betätigte den Klopfer an der schweren Holztür. Ein Mädchen in einem schlichten, dunkelblauen Kleid öffnete und knickste, als die Familie das Vestibül betrat.

Im Inneren des Hauses war es angenehm kühl, die dicken Mauern hielten die Hitze ab. Lächelnd kam ihnen Nerina entgegen. Sie war nicht geschnürt, unter ihrem Rock wölbte sich ihr Bauch. Gianna erinnerte sich, dass ihre Mutter ihr geschrieben hatte, dass Nerina und Piero ihr erstes Kind erwarteten.

»Kommt rein. Irma«, sie wandte sich an das Mädchen, das die Tür geöffnet hatte, »serviere bitte Kaffee und Kuchen im Salon.« Danach umarmte sie Silvana und Gianna und ließ sich von Enrico auf beide Wangen küssen. »Schön, dass ihr hier seid.«

Später, nachdem sie Kaffee getrunken und einen köstlichen Schokoladenkuchen gegessen hatten, fiel Gianna etwas ein. »Ich habe überhaupt kein Kleid für die Oper.«

Piero, der neben ihr saß, verdrehte die Augen. »Dann kannst du natürlich nicht hingehen, ohne passende Garderobe. Was sollen denn die Leute denken?«

Gianna verpasste ihm einen Stoß gegen den Arm. »Du sollst mich nicht immer aufziehen.«

»Da!«, sagte Piero lachend. »Seht ihr? Zwei Jahre im Institut und immer noch fehlt die Sanftmut.«

Das Blut stieg ihr in die Wangen. Piero mochte es scherzhaft meinen, doch seine Bemerkung traf sie.

Ihre Mutter lächelte sie an. »Wir haben selbstverständlich ein Kleid für die Oper mitgebracht.«

Nach der Abendmahlzeit stiegen ihre Eltern, Piero und sie in Pieros Kutsche und fuhren zum Teatro Della Pergola. Nerina wollte angesichts ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft auf den Besuch der Oper verzichten.

Es war Giannas erster Besuch der Oper. Alberi d’Argento lag zu weit weg von den großen Städten, und auch in den zwei Jahren, die Gianna an Madame Colleones Institut verbracht hatte, war sie nicht im Theater gewesen. Madame erachtete Theaterbesuche als nicht passend, selbst wenn es sich um die Oper handelte.

Zu ihrer Überraschung war der Eingang zum Theater eher unscheinbar. Er unterschied sich kaum von den Eingangstüren eines beliebigen Palazzos in Florenz. Im Inneren jedoch erwartete sie ein prachtvolles, hell erleuchtetes Foyer, dessen Decke von Granitsäulen gestützt wurde. Piero zeigte dem Platzanweiser die Eintrittskarten und der geleitete sie zu einer Loge im dritten Stock. Der Saal war rund, die Logenränge waren hufeisenförmig um die Bühne angeordnet.

Gianna setzte sich und ordnete ihre Röcke. Zum Glück lag ihre Loge der Bühne gegenüber, so dass sie einen guten Blick hatte. Von den seitlichen Logen sah man wohl eher die Menschen auf der anderen Seite des Saals als die Aufführung. Neugierig blickte sie auf die Bühne. Noch war der Vorhang geschlossen. In einem Graben vor der Bühne saß das Orchester. Die Musiker stimmten ihre Instrumente; es klang alles andere als schön. In einer Oper wurde nur gesungen, nicht gesprochen. Wahrscheinlich würde es eher langweilig werden.

»Um was geht es in der Oper?«, raunte sie ihrem Vater zu.

Lächelnd reichte er ihr das Programm. Sie schlug es auf und las. Es ging also um das jüdische Volk, das in babylonischer Gefangenschaft lebte und sich nach Freiheit sehnte. Kein Wunder gefiel den Anhängern der Habsburger diese Oper nicht.

Der Vorhang hob sich und gab den Blick auf Mauern und steinerne Terrassen frei. Beifall ertönte, als ein Mann in schwarzem Frack vor das Orchester trat, sich verbeugte und dann dem Publikum den Rücken zudrehte. Er hob den Taktstock. Das Flüstern und Räuspern im Saal erstarben, es wurde totenstill.

Die ersten Töne erklangen. Leise, melancholische Töne wechselten sich mit lauten Fanfarenklängen ab. Und dann ertönte eine Melodie, bei der Gianna ein Schauder über den Rücken lief. Ein langsamer Walzer, zunächst nur gespielt von Oboen und Klarinetten, bis das gesamte Orchester die Melodie aufnahm. Sie war schön, traurig und so voller Sehnsucht, dass Gianna die Tränen in die Augen traten. Doch bevor sie wirklich zu weinen anfing, wechselte der Rhythmus, und die Ouvertüre wurde schwungvoll und fröhlich. Vor ihrem inneren Auge sah sie eine Gruppe Reiter an einem Sommertag fröhlich über eine Wiese galoppieren.

Als das Orchester verstummte, klatschte das Publikum begeistert, und Gianna klatschte mit. Sie würde diese Oper lieben, das wusste sie jetzt schon.

In der Pause bot Piero ihr galant seinen Arm und geleitete sie ins Foyer. Immer wieder wurde er angesprochen, er schien halb Florenz zu kennen. Auch einige junge Herren ohne Damenbegleitung verbeugten sich und baten darum, der reizenden jungen Dame an seiner Seite vorgestellt zu werden. Sie nippte an dem Glas Champagner, das ihr Vater ihr gebracht hatte, und wechselte mit jedem ein paar höfliche Worte. Konversation zu machen, hatte sie in Madames Institut gelernt.

Als der Gong ertönte, kehrten sie auf ihre Plätze zurück, und der dritte Akt begann. Kurz vor Ende des dritten Aktes standen die hebräischen Sklaven müde von der Arbeit vor den Mauern der Stadt und sangen: »Va, pensiero, sull’ali dorate …«

Es war der Walzer, der in der Ouvertüre angespielt worden war, jetzt von einem Chor gesungen. Selten hatte sie so etwas Schönes gehört. Sie warf einen Blick zu ihren Eltern, um zu sehen, ob sie ebenso hingerissen waren wie sie, und bemerkte, dass ihr Vater sogar Tränen in den Augen hatte. Piero wiegte sich ganz leicht im Takt, seine Lippen formten stumm die Worte. Woher kannte er den Text?

»Wie hat es dir gefallen?«, fragte ihr Vater, als sie die Oper verließen.

»Es war wundervoll. Und am schönsten fand ich dieses Lied, das sie im dritten Akt gesungen haben.«

»Ach«, versetzte Piero spöttisch. »Das lass mal besser nicht die Castiglionis hören.«

»Aber warum? Es ist doch wunderschön.«

»Ja, ein wunderschönes Lied, gesungen von einem Volk, das von Fremden beherrscht wird und sich nach Freiheit sehnt. Inzwischen kennt es jeder Italiener. Es wird heimlich bei Versammlungen gesungen. Was meinst du, wie das den Habsburgern und den Bourbonen gefällt?«

»Denkst du, das war Verdis Absicht?«

»Nein«, antwortete ihr Vater. »Aber es gibt Leute, die möchten das gerne glauben.« Er warf einen schnellen Blick zu Piero. »Ich denke, Verdis Texte und Melodien treffen auf die Sehnsucht der Italiener nach Freiheit.«

Piero hob die Schultern. »So oder so, ob er es geplant hat oder nicht, inzwischen ist Va pensiero die heimliche Hymne der Patrioten.«

2. Kapitel

Sie kamen am Freitagabend nach Hause, und am Sonntag nach der Kirche bat Gianna um die Erlaubnis, zur Tenuta Bandello zu reiten, um Rosanna zu besuchen.

Als ihr Vater nickte, versuchte sie Giuseppe zu überreden, sie zu begleiten, doch er schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was du gerne hättest, Schwesterchen, doch so nett Rosanna ist, ich will mich nicht mit ihr verkuppeln lassen. Ich kenne sie seit ihrer Kindheit, sie ist für mich wie eine Schwester. Lass dich von einem der Stallburschen begleiten.«

»Och.« Sie schob die Unterlippe vor. »Die Burschen haben heute frei, ich möchte keinem den Sonntag verderben. Ich dachte, du möchtest vielleicht Angelo treffen.«

Angelo war ein Jahr älter als Giuseppe und Tommaso. Die Kinder von Alberi d’Argento und der Tenuta Bandello waren zusammen aufgewachsen. Die Güter lagen nebeneinander, die Eltern waren befreundet, und andere Spielgefährten hatte es nicht gegeben. Sie alle waren seit ihrer Kindheit befreundet, und Gianna hatte immer gehofft, dass Rosanna und sie gemeinsam vor den Traualtar treten würden. Sie mit Angelo und Rosanna mit einem ihrer Brüder.

»Ich habe Angelo letzte Woche getroffen. Ich soll dich herzlich grüßen und dir sagen, er freut sich sehr darauf, dich zu sehen. Aber ich komme nicht mit. Ich will nicht, dass Rosanna sich Hoffnungen macht.«

Schließlich erklärte ihr Vater sich bereit, sie zu begleiten. »Ich wollte ohnehin mit Don Sergio sprechen.«

Als sie in den Hof der Tenuta einritten, kam Rosanna freudestrahlend aus der Tür gelaufen. Doch ihr Lächeln verblasste rasch, auch wenn sie sich Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen. »Don Enrico, wie schön, Sie zu sehen.« Sie knickste hastig und lief dann zu Gianna. »Was ist mit Giuseppe?«, flüsterte sie. »Ich hatte gehofft, er würde euch begleiten.«

Gianna rang sich ein Lächeln ab. Sie fühlte sich miserabel, weil sie es nicht fertigbrachte, ihrer Freundin die Wahrheit zu sagen. Ein Ruf von den Ställen ersparte ihr die Antwort. Sie wandte sich um. Angelo kam über den Hof auf sie zu. Ihr Herz schlug plötzlich viel schneller, ihre Wangen wurden heiß. Sechs Monate hatte sie ihn nicht gesehen, das letzte Mal war an Weihnachten gewesen. Jedes Mal, wenn sie ihn nach so langer Zeit wiedertraf, dachte sie, dass er der schönste Mann war, den sie je erblickt hatte. Er war groß und schlank wie seine Mutter. Von ihr hatte er auch die großen, dunklen Augen und das glatte, schwarze Haar geerbt. Sein Gesicht war ebenmäßig geschnitten, mit feinen Zügen, ohne weibisch zu wirken. Die Lippen unter dem schwarzen Schnurrbart waren schmal, aber so rot, dass sie voller erschienen. Erleichtert stellte sie fest, dass er nicht der Mode folgte und den Schnurrbart lang wachsen ließ, um ihn nach oben zu zwirbeln oder die Koteletten bis unter das Kinn wuchern zu lassen. Anscheinend kam er von einem Ausritt. Er trug eine dunkelgraue Hose, hohe schwarze Stiefel, ein helles Hemd und eine blaue Weste. Auf die Jacke hatte er wohl wegen der Hitze verzichtet. Sein Haar war vom Wind zerzaust.

Vor ihrem Vater neigte er den Kopf. »Don Enrico, schön, Sie hier zu sehen.« Dann wandte er sich an sie und seine Augen strahlten. »Gianna, du siehst zauberhaft aus.« Er griff nach ihrer Hand und deutete einen Kuss auf ihr Handgelenk an. »Bist du hier, weil du Rosanna treffen willst, oder darf ich hoffen, dass ich der Grund für dein Kommen bin?«, flüsterte er mit einem verschmitzten Lächeln.

»Beides«, antwortete sie, ohne nachzudenken. Dann schluckte sie. Für diese Antwort hätte Madame Colleone ihr eine Rüge erteilt. Man zeigt einem jungen Mann nicht offen, dass man ihn gernhat, pflegte sie zu predigen. Dann nehmen sich die Herren Freiheiten heraus. Seien Sie sparsam mit ihren Gunstbeweisen, nur dann wird man Sie achten.

Doch sie hatte keine Lust, sich zu verstellen und so zu tun, als wäre er ihr gleichgültig. Sie liebte ihn so sehr, und er war schließlich nicht irgendein junger Herr, sondern ihr Verlobter.

Inzwischen war auch Sergio Castiglioni vor die Tür getreten. Er begrüßte Enrico, der sich für den unangemeldeten Besuch entschuldigte. »Gianna hatte schon wieder Sehnsucht nach ihrer Freundin und bat mich, sie zu begleiten. Aber ich wollte ohnehin mit dir sprechen.«

»Komm herein. Donata ist unpässlich, die Hitze macht ihr zu schaffen, aber wir können einen Kaffee trinken.«

»Darf ich Gianna das Fohlen zeigen?«, fragte Rosanna.

Don Sergio nickte. »Ja, gut, zeigt ihr unseren Neuankömmling. Ich sage Simona, sie soll euch Limonade machen und auf die Veranda stellen.«

Während Sergio und Enrico ins Haus gingen, nahm Rosanna Giannas Hand und zog sie in Richtung der Ställe. Angelo begleitete sie.

»Ein Fohlen?«, fragte Gianna.

»Ja. Tessa, Mutters spanische Stute, hat gestern gefohlt. Ein kleiner Hengst. Noch ist er dunkel, aber er wird wohl grau werden, wie sein Vater.«

Angelo hielt die Stalltür auf und ließ die beiden Mädchen hineingehen.

»Maurizio«, rief er, jedoch mit gedämpfter Stimme. »Wir haben Besuch. Signorina Gianna möchte das Fohlen sehen.«

»Maurizio ist hier?« Ein warmes Gefühl breitete sich in Giannas Mitte aus. Wenn sie als Kinder hier gespielt hatten, war immer auch Maurizio dabei gewesen. Seit seinem zehnten Lebensjahr lebte er schon auf der Tenuta Bandello. Seine Mutter war Küchenmagd bei den Castiglionis gewesen, bevor sie Enzo Manari, einen Schmied aus Montescudaio geheiratet hatte. Die beiden hatten sich auf der Tenuta kennengelernt. Enzo Manari hatte schon vor Giannas Geburt die Pferde der umliegenden Güter beschlagen, auch die von Alberi d’Argento. Sie erinnerte sich vage an ihn. Ein großer Mann mit gewaltigen Muskeln. Seine Frau, Maurizios Mutter, war bestimmt zwanzig Jahre jünger als er, und Maurizio war ihr einziges Kind. Nachdem seine Eltern vor elf Jahren ums Leben gekommen waren, hatte Don Sergio ihn hierhergeholt. Maurizio war auf der Tenuta aufgewachsen, hatte mit ihren Brüdern und den beiden Kindern von Don Sergio gespielt und war bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr sogar gemeinsam mit Angelo unterrichtet worden.

Gianna hatte ihn in den letzten zwei Jahren nur selten gesehen, das letzte Mal an Weihnachten. Damals hatte er ihr gesagt, dass Don Sergio ihm vorgeschlagen hatte, sich als Soldat bei der kaiserlichen Armee der Habsburger zu verdingen. An dem Beruf seines Vaters hatte er kein Interesse, und ein Leben als Knecht auf der Tenuta war ihm auf Dauer nicht genug. Gianna hatte es sehr bedauert, sie mochte die junge Waise mit den traurigen Augen sehr gern. Er war so ganz anders als ihre Brüder. Ruhiger, nachdenklicher. Nachdem er nicht mehr unterrichtet worden war, hatte sie ihn oft in der Sattelkammer sitzen sehen, den Kopf über ein Buch aus der Bibliothek der Castiglionis gebeugt.

»Ich komme«, kam die leise Antwort aus der Boxengasse.

Er zupfte sich Strohhalme von der Hose, als er auf sie zutrat. »Gianna!«

Sie lächelte ihn an. Er war nicht so eine blendende Erscheinung wie Angelo, etwas kleiner und kräftiger, aber ebenfalls ein gutaussehender junger Mann. Sein welliges Haar, das sich niemals ordentlich scheiteln ließ, hatte die Farbe geschälter Korkeichenstämme: ein warmes Hellbraun. Seine Augen hatten sie schon immer fasziniert. Sie waren blaugrau; die Farbe wurde nach außen dunkler, und wenn man genau hinsah, entdeckte man, dass goldfarbene Sprenkel darin zu tanzen schienen.

Er erwiderte ihr Lächeln.

Angelo räusperte sich. »Ich finde, es ist nicht angemessen, dass du meine Verlobte mit Vornamen ansprichst. Wir sind keine Kinder mehr, die in den Weinbergen Verstecken spielen.«

Das Lächeln verschwand aus Maurizios Gesicht, er verneigte sich steif vor ihr. »Ich bitte um Entschuldigung, Signorina di Raimandi.«

Verwirrt starrte Gianna Angelo an. Meinte er das ernst? Sicher war das auf den Einfluss der Signora zurückzuführen. Donata Castiglioni hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie den zwanglosen Umgang ihrer Kinder mit dem Stallburschen nicht billigte.

»Also wirklich, Angelo«, sagte Rosanna kopfschüttelnd. »Wir sind hier unter uns und nicht in Mutters Salon.«

Angelo runzelte die Stirn. »Giovanna wird die Herrin auf Tenuta Bandello sein, es schickt sich nicht, dass die Dienerschaft sie mit Vornamen anspricht.«

Gianna verdrehte die Augen. Also steckte wirklich die Signora dahinter. Donata Castiglioni und die Lehrerinnen im Institut für junge Damen waren die Einzigen, die sie mit ihrem Taufnamen, Giovanna, ansprachen, alle anderen nannten sie Gianna.

Sie blickte Maurizio an. »Schön, dass du noch da bist, Mauro. Mir würde hier etwas fehlen ohne dich.«

Maurizios Lächeln kehrte zurück, als sie ihn mit dem Namen ansprach, den sie in ihrer Kindheit benutzt hatte, weil Maurizio ihr zu lang gewesen war.

»Ich freue mich auch sehr, Sie wiederzusehen, Signorina. Das Fohlen und seine Mutter sind dort hinten, in der letzten Box. Hier entlang.«

Entzückt betrachtete Gianna den kleinen Hengst. Er hatte unendlich lange Beine und einen schönen Kopf mit freundlichen, großen Augen.

»Sein Vater ist ein Sohn von El Cid, dem Hengst, den Don Piero vor fünfundzwanzig Jahren aus Spanien importiert hat«, sagte Maurizio. »Er wird ein großartiges Pferd werden.«

Gianna streckte die Hand in die Box, und das Fohlen stakste heran und beschnupperte sie. Dann machte es einen übermütigen Bocksprung zurück zu seiner Mutter, schob den Kopf unter ihren Bauch und begann zu trinken.

»Das glaube ich auch«, sagte sie.

Angelo bot ihr den Arm. »Lasst uns zurückgehen. Du bist bestimmt durstig.«

Gianna warf einen Blick zu Maurizio, der an der Box lehnte. »Einen Moment noch. Ihr könnt ja schon vorgehen.«

Angelo runzelte die Stirn, doch Rosanna legte ihm die Hand auf den Arm. »Komm. Wir warten draußen.«

Gianna wartete, bis sie den Stall verlassen hatten, dann trat sie zu Maurizio. »Bleibst du jetzt doch hier? Ich dachte, du wolltest zur Armee.«

Er senkte kurz den Blick, dann sah er ihr in die Augen. Sie schienen dunkler zu sein als sonst, als wäre der Himmel wolkenverhangen. »Nach der Weinlese gehe ich nach Verona und schließe mich der Armee an. Signor Castiglionis Bruder ist dort Oberleutnant, und Don Sergio wird mir eine Empfehlung schreiben. Er möchte, dass ich mehr werde als ein einfacher Soldat.«

Ihre Kehle wurde eng. Was an Weihnachten noch in weiter Ferne gewesen war, wurde jetzt wahr. Er würde fortgehen, und wahrscheinlich würde sie ihn niemals wiedersehen. Dabei gehörte er für sie ebenso zur Tenuta wie Angelo und Rosanna. Er war ein Teil ihrer Kindheit. Sie war sechs gewesen, als er hierhergekommen war, und mit seinen zehn Jahren war er ihr erstaunlich reif erschienen. Er hatte sie getröstet, wenn sie sich beim Spielen die Knie aufgeschlagen hatte. Wenn sie sich mit Rosanna gestritten hatte oder ihre Brüder sie geärgert hatten, war sie zu Maurizio gelaufen und hatte sich bei ihm ausgeweint. Er hatte immer ein offenes Ohr für ihre kindlichen Nöte gehabt, sie aber niemals geneckt.

Sie schluckte. »Und was möchtest du?«

»Ich freue mich darauf. Die militärische Laufbahn bietet mir Aufstiegsmöglichkeiten, die ich hier niemals hätte. Hier könnte ich doch höchstens Schmied werden oder wäre ewig der Knecht.«

»Für mich warst du niemals ein Knecht. Ich fand immer, du gehörst irgendwie zur Familie.«

Die goldenen Punkte in seinen Augen glühten. In seiner rechten Wange zuckte ein Muskel, sein Blick schweifte zur Stalltür. Gianna drehte sich um. Angelo stand noch dort, sichtbar ungehalten. »Kommst du nun endlich?«

Sie nickte ihm zu.

»Wir sehen uns sicher noch, bevor du gehst«, sagte sie leise zu Maurizio.

»Bestimmt, Signorina«, antwortete er laut. »Gianna«, fügte er so leise hinzu, dass nur sie es hören konnte.

Kurz vor der Haustür blieb Rosanna stehen. »Geh doch bitte schon einmal vor, Angelo. Ich möchte noch kurz mit Gianna reden.«

Er verdrehte die Augen, doch er lächelte dabei. »Frauengespräche.«

Rosanna wartete, bis er um die Ecke des Gebäudes verschwunden war, dann fragte sie: »Wie lange hat Giuseppe Urlaub?«

»Ich weiß es gar nicht. Ich glaube, sie bekommen immer vier Wochen im Sommer, aber ich weiß nicht, wie lange sie schon da sind.« Es war die Wahrheit. Sie hatte wirklich nicht gefragt, seit wann die Zwillinge zu Hause waren.

»Würdest du mich nachher offiziell zu einem Besuch einladen? Meine Mutter meint, ich dürfe nicht einfach ohne Einladung zu euch kommen.« Rosanna verdrehte die Augen. »Madonna, war das herrlich, als wir noch Kinder waren und einfach miteinander spielen konnten, wann immer wir Lust hatten.«

»Natürlich lade ich dich ein. Vielleicht möchte Angelo ja mitkommen.«

»Oh, das ist eine gute Idee.« Rosannas Augen leuchteten. »Dann hat Giuseppe einen Vorwand, um uns Gesellschaft zu leisten. Angelo sagte, er sei letzte Woche hier gewesen.«

Gianna blickte ihre Freundin an. Rosanna war so hübsch. Nicht so dünn wie ihre Mutter, sondern mit Rundungen an den richtigen Stellen. Ihr liebliches Gesicht war herzförmig mit ebenmäßigen Zügen, einem schönen, kleinen Mund und großen, braunen Augen. Sie selbst hatte zwar ebenfalls große Augen, und sie waren sogar von einem dunklen Blau, doch niemand würde ihr Gesicht als lieblich bezeichnen. Dazu waren ihre Wangenknochen zu ausgeprägt, ihr Mund zu groß und ihr Kinn zu hervorstehend. Dieses Kinn!, hatte Madame Colleone oft geseufzt. Gut, dass es Fächer gibt, damit kannst du es auf Gesellschaften gut kaschieren und die Aufmerksamkeit auf deine Augen lenken. Die sind wirklich schön.

An Rosannas Aussehen konnte es jedenfalls nicht liegen, dass Giuseppe keinen Gefallen an ihr fand.

Sie fasste sich ein Herz. »Mach dir nicht allzu viele Hoffnungen, dass Giuseppe sich zu uns gesellt. Ich habe ihn zu überreden versucht, heute mitzukommen. Er wollte nicht.«

Prüfend sah Rosanna sie an. »Hat er gesagt, warum nicht?«

Gianna griff nach der Hand ihrer Freundin. »Er weiß, was du für ihn empfindest. Und er will dir keine Hoffnungen machen. Er sagte, er mag dich sehr, sehr gern, aber du seiest für ihn wie eine Schwester.«

Rosanna senkte den Blick. »Gibt es ein anderes Mädchen?«

»Nein. Weder Tommaso noch Giuseppe haben bisher irgendwelche ernsthaften Absichten.« Sie verschwieg, dass ihre Brüder keineswegs Unschuldslämmer waren, was Frauen anging. Allerdings waren das nur flüchtige Affären; keiner der beiden dachte ans Heiraten.

Erleichterung zeigte sich auf Rosannas Gesicht. Sie warf den Kopf zurück. »Das ist gut. Ich werde ihn schon noch überzeugen, dass ich die richtige Frau für ihn bin. Ich brauche nur Zeit und Gelegenheit.«

»Ich würde es mir für euch beide wünschen.«

Hand in Hand liefen die beiden Mädchen zu der kleinen Terrasse auf der Nordseite der Villa.

3. Kapitel

Maurizio stand an der Box und sah ihr nach, als sie zu Angelo trat, der ihr den Arm bot und sie nach draußen geleitete. Der Rock ihres dunkelblauen Reitkleides bauschte sich unter ihrer schmalen Taille, die Sonne entzündete kupferfarbene Funken in ihrem Haar. Der schon vertraute ziehende Schmerz machte sich in seiner Magengrube breit. Gianna!

In Gedanken äffte er Angelo nach. Es ist nicht angemessen, dass du meine Verlobte mit Vornamen ansprichst.

Dann würde er sie eben in Zukunft mit Signorina di Raimandi ansprechen. In seinem Herzen würde sie immer Gianna sein.

»Eh, was stehst du hier rum und träumst?«

Er zuckte zusammen. Angelo und Gianna waren verschwunden, in der offenen Tür stand Emilio Romani, der Stallmeister der Tenuta.

»Wenn du nichts zu tun hast, komm mit mir, wir müssen den Zaun auf der Weide ausbessern. Zwei der Pfosten sind so morsch, die fallen um, wenn sich eines der Pferde daran scheuert.

»Ich komme.« Es war zwar Sonntag, und eigentlich hatte er frei, aber die Arbeit würde ihn ablenken.

Auf dem Hof standen Gianna und Rosanna und tuschelten. Sie bemerkten Emilio und ihn gar nicht, so vertieft waren sie in ihr Gespräch.

Emilio holte einen schweren Hammer, Maurizio schulterte den Spaten, und sie machten sich auf den Weg durch die Weingärten zur Weide. Vor zwei Wochen hatte es noch einmal kräftig geregnet. Am Wegesrand blühten Margeriten, Kornblumen, Wegwarte und Zistrosen. Eidechsen huschten über den Weg, ein Eichelhäher krächzte sie von einem Olivenbaum aus an. Nach zehn Minuten erreichten sie die Weide. Zwölf Pferde standen darauf: vier Arbeitspferde, die beiden Kutschpferde der Castiglionis und sechs Reitpferde. Drei davon gehörten der Signora. Sie war eine begeisterte Reiterin. Die anderen drei wurden von Angelo oder Rosanna geritten. Don Sergios Hengst stand im Stall.

Die beiden morschen Pfosten standen in einer Senke, in der sich bei Regen die Feuchtigkeit sammelte. Mit einer Zange zog Emilio die Nägel der Querbalken heraus. Danach war es ein Leichtes, die Pfosten zu entfernen. Maurizio grub die Reste mit dem Spaten aus. Jemand hatte bereits zwei neue Pfosten bereitgelegt. Sie waren unten zugespitzt und vom Feuer, mit dem man sie gegen Feuchtigkeit schützen wollte, geschwärzt.

Auf Emilios Wink hin packte Maurizio einen und rammte ihn in die Erde. Dann hielt er ihn fest, während Emilio mit dem Hammer daraufschlug, bis er so tief im Boden steckte, dass er nicht mehr wackelte. Genauso verfuhren sie mit dem zweiten Pfosten. Anschließend nagelten sie die Querbalken wieder an.

»Du bist aber sehr schweigsam heute«, sagte Emilio und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Maurizio hob die Schultern. Obwohl Emilio nur fünfzehn Jahre älter war als er, war er eine Art Ersatzvater, nicht nur für ihn, sondern für alle vier Stallburschen auf der Tenuta. Sie teilten sich eine Kammer in Emilios Haus; seine Frau Rosa sorgte für die vier Burschen und ihre zwei Töchter und ihren Sohn.

»Kann es sein, dass diese ungewöhnliche Schweigsamkeit etwas mit der Rückkehr der Signorina di Raimandi zu tun hat?«

Maurizio wandte den Kopf ab und blickte zu den grasenden Pferden. »Wie kommst du darauf?«, fragte er betont gleichmütig, doch seine Wangen brannten.

»Ach komm, Junge. Mir machst du nichts vor. Ich habe dein Gesicht gesehen vorhin. Wenn ich dir einen Rat geben darf: Pass auf, dass der junge Herr niemals mitbekommt, wie du sie ansiehst. Sonst bist du die längste Zeit hier Stallknecht gewesen.«

»Ich passe schon auf«, entfuhr es ihm, und im selben Augenblick wurde ihm klar, was er damit zugegeben hatte. Nun, dann konnte er auch weiterhin offen sein. Bei Emilio war sein Geheimnis sicher. »Und außerdem werde ich nach der Lese hier weggehen. Ich habe keine Lust, das glückliche Paar ständig vor Augen zu haben.«

»Du liebst das Mädel?«

Liebte er sie? Allerdings, aber es war noch mehr. Sie gehörte zu seinem Leben, seit er denken konnte. Schon als er noch mit seinen Eltern in Montescudaio gelebt hatte, hatte er sie gekannt. Seit er drei Jahre alt gewesen war, hatte sein Vater ihn mitgenommen, wenn er auf die umliegenden Güter gefahren war, um die Pferde zu beschlagen oder Kutschen und Wagen zu reparieren. Auf Alberi d’Argento hatte es ihm immer am besten gefallen. Die Menschen dort waren glücklich, das spürte man. Auf dem Hof rannten ständig Kinder herum, vier Söhne und zwei Töchter von Don Enrico, und die zwei Söhne von Don Michele, Enricos Bruder. Er wusste gar nicht, wann er die Jüngste, Gianna, das erste Mal bewusst gesehen hatte. Wahrscheinlich erst Jahre nachdem er zum ersten Mal seinen Vater begleitet hatte. Seine früheste Erinnerung an sie zeigte ein etwa vierjähriges Mädchen, das auf dem Hof stand und vor Zorn mit dem Fuß aufstampfte, weil der ältere Bruder ihr einen Pfirsich weggenommen hatte. Wahrscheinlich war es Piero gewesen, er hatte seine Schwester schon immer gerne geärgert. Er war in den Garten gegangen und hatte ihr einen anderen Pfirsich gepflückt. Sie hatte hineingebissen, sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihm, als er sich zu ihr gebeugt hatte, einen süßen, nach Pfirsich duftenden Kinderkuss auf die Lippen gedrückt. Sieben Jahre alt war er damals gewesen. Noch heute waren der Duft und Geschmack von Pfirsichen für ihn untrennbar mit Gianna verbunden.

Für die Raimandi-Kinder war es jedes Mal ein Ereignis gewesen, wenn der Schmied auf den Hof gekommen war. Die Jungs hatten um die Esse herum gelauert, sich gefreut, wenn sie den Blasebalg betätigen durften, und über die Muskeln seines Vaters gestaunt. Da die Besuche meistens länger gedauert hatten, hatten sie irgendwann im Hof und im Garten gespielt. Er war immer dabei gewesen, als hätte er dazugehört. Erst Jahre später war im klargeworden, wie groß der Unterschied zwischen ihm und ihnen war.

Auf der Tenuta Bandello war es längst nicht so ungezwungen zugegangen. Die Tochter hatte er so gut wie nie zu sehen bekommen, wenn er mit seinem Vater dort gewesen war. Der Sohn, Angelo, hatte sich nicht für das Schmiedehandwerk interessiert.

Er wandte sich wieder Emilio zu. »Ja, ich liebe sie, und ich weiß sehr gut, dass es völlig aussichtslos ist. Selbst wenn sie für mich das Gleiche empfände, würde Don Enrico niemals seine Tochter mit einem einfachen Knecht verheiraten, so liberal seine Ansichten auch sonst sind.«

»Bist ein kluger Junge«, brummte Emilio. »Ich verliere dich nicht gerne, aber ich verstehe, warum du gehst.«

Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

4. Kapitel

Angelo erwartete sie auf der Terrasse, mit einem Glas Limonade in seiner Hand. Auf dem Tisch standen ein Krug mit Zitronenlimonade und zwei weitere Gläser.

Ein Diener rückte die Stühle für Gianna und Rosanna zurecht und reichte ihnen die Gläser, dann zog er sich zurück.

Sie plauderten ein wenig über die bevorstehende Weinlese und über Madame Colleones Institut.

»Mir fällt gerade ein, dass du doch das Buch von dieser Jane Austen ausleihen wolltest, über das wir im Unterricht gesprochen haben«, sagte Rosanna plötzlich.

Ratlos sah Gianna sie an. Wann hatten sie über Jane Austen gesprochen?

Rosanna zwinkerte ihr zu. »Stolz und Vorurteil. Weißt du nicht mehr? Ich gehe es holen.«

Kaum hatte sie die Terrasse verlassen, griff Angelo nach ihrer Hand und zog sie von ihrem Stuhl. »Gianna, Liebste. Wie schön du bist.« Seine Lippen streiften ihr Haar, und dann küsste er sie.

Es war nicht das erste Mal, dass er sie küsste, auch an Weihnachten hatten sie schon Gelegenheit gehabt, miteinander allein zu sein. Damals hatte er ihr gesagt, dass er sie liebe, und sie in die Arme genommen. Doch das war ein verstohlener, hastiger Kuss gewesen. Jetzt küsste er sie anders, leidenschaftlicher. Er drückte sie an sich und strich ihr über die Schulter, dann ließ er seine Hand nach unten gleiten und umfasste ihre Brust. Sie spürte die Wärme durch den dünnen Stoff ihres Kleides, als er sie streichelte. Es war, als berühre er ihr Herz, hielte es in seiner Hand.

»Ich habe es gefunden«, tönte Rosannas Stimme von der Tür her. Mit einem verschmitzten Lächeln betrat sie so langsam die Terrasse, dass Gianna Zeit hatte, sich zu setzen und ihren Ausschnitt zurechtzuzupfen. Gegen die Röte auf ihren Wangen konnte sie allerdings nichts tun. Immer noch spürte sie Angelos Lippen auf ihren, seinen Atem an ihrem Hals, seine Hand … Verstohlen blickte sie zu ihm. Seine Augen glänzten, er fuhr sich durchs Haar.

Rosanna überreichte Gianna das Buch. »Ich glaube, dein Vater will aufbrechen.«

Tatsächlich hörte sie kurz darauf die Stimmen ihres Vaters und Don Sergios. Sie legte ihre Hände auf ihre glühenden Wangen. Sah man ihr noch an, dass Angelo sie geküsst hatte?

Auf dem Heimweg war ihr Vater ungewöhnlich schweigsam. Ihr war es nicht unrecht, so konnte sie ihren Gedanken nachhängen. Angelo hatte ihren Vater ehrerbietig begrüßt und gesagt, dass er hoffe, ihre Verlobung werde nun bald verkündet. Don Enricos Antwort war höflich, aber unverbindlich gewesen: Er werde sich die nächsten Tage mit Angelos Eltern in Verbindung setzen.

Kurz bevor sie das Gutshaus erreichten, zügelte Don Enrico sein Pferd und wandte sich ihr zu. »Ist es immer noch dein Wunsch, Angelo Castiglioni zu heiraten?«

Warum fragte er? Er wusste doch, dass sie Angelo seit Jahren liebte. Warum sollte sich daran etwas geändert haben? »Aber ja. Ich liebe ihn, und er liebt mich. Er hat es mir heute erst wieder gesagt.«

Ihr Vater atmete tief ein. »Ja, ich denke auch, dass er dich liebt. So wie er dich ansieht … Ich hoffe, seine Liebe ist stark genug.«

Fragend blickte sie ihn an. »Stark genug?«

»Wie du weißt, haben die Castiglionis und wir unterschiedliche Ansichten zu der Politik dieses Landes.«

Politik. Sie unterdrückte ein Seufzen. »Angelo interessiert sich nicht besonders für Politik. Und ich mich auch nicht. Ich glaube, ihm ist es egal, auf wessen Seite du stehst.«

»Aber seinen Eltern ist es nicht egal. Don Sergio hat mich heute gefragt, ob es wahr ist, dass Lorenzo Mitglied der Società Nazionale ist. Donata war es schon immer ein Dorn im Auge, dass mein Bruder 1849 an Garibaldis Seite in Rom gekämpft hat.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ihr hattet doch schon immer unterschiedliche Meinungen zur Politik. Ihr habt diskutiert und euch wieder vertragen, und Onkel Michele lebt seit acht Jahren in Amerika. Was hat das mit Angelo und mir zu tun?«

»Ich hoffe, nichts, mein Kind. Lass uns nach Hause reiten.«

»Tommaso und ich werden morgen für ein paar Tage nach Livorno reisen«, verkündete Giuseppe am selben Abend beim Abendessen.

Don Enrico runzelte die Stirn und warf den Zwillingen einen scharfen Blick zu, doch er schwieg.

»Was wollt ihr denn in Livorno?«, fragte Gianna. Um die Weinlieferungen an die Tavernen dort kümmerte sich seit einigen Jahren ihr ältester Bruder Lorenzo.

Giuseppe lächelte sie an. »Einer unserer Kameraden aus Pinerolo lebt dort. Wir haben schon länger ausgemacht, dass wir ihn besuchen werden.«

Aus dem Augenwinkel sah Gianna, wie ihr Vater die Lippen zusammenpresste. Er schien nicht besonders glücklich über die Ankündigung ihrer Brüder zu sein.

»Es gäbe da noch einiges zu besprechen«, sagte er. »Kommt bitte nach dem Essen in mein Büro.«

Die Zwillinge wechselten einen Blick, ihre Mienen verrieten Entschlossenheit. Tommaso, der Ruhigere der beiden, nickte. »Machen wir, Vater.«

»Heute kam Post von Michele aus Kalifornien«, wechselte ihr Vater das Thema. »Interessiert es euch, was er geschrieben hat?«

»Aber ja«, antworteten ihre Mutter und Lorenzo gleichzeitig.

Gianna nickte. Die Briefe ihres Onkels aus dem fernen Land waren immer recht unterhaltsam.

Enrico stand auf und holte ein paar engbeschriebene Seiten von der Anrichte. »Es geht ihnen sehr gut, Michele hat noch mal Land dazugekauft. Enrico kümmert sich um den Handel, und Roberto, der Jüngere, hilft ihm in den Weinbergen. Antonella sei so schön wie immer, schreibt er. Sie hoffe jetzt auf Enkelkinder, weil sie sich doch immer eine Tochter gewünscht hat. Allerdings haben beide Söhne bisher nicht die Absicht, zu heiraten.«

»Na ja«, warf Silvana ein, »Roberto ist ja auch erst achtzehn und Enrico zwanzig Jahre alt. Unsere Zwillinge haben ja auch noch keine Ambitionen.«

Es folgten noch ein paar Anmerkungen über kalifornische Weine und den Handel.

Als Gianna am nächsten Tag zum Frühstück kam, waren die Zwillinge schon aufgebrochen. Ihr Vater und Lorenzo waren ungewöhnlich wortkarg, sie aßen schnell und erhoben sich bald. Sie wollten in die Weingärten, erklärte Lorenzo, um nach der Blüte zu sehen und wo welche Triebe aufgebunden werden mussten.

Ihre Mutter zog sich ebenfalls nach dem Frühstück zurück, sie musste ein paar Briefe schreiben und mit der Köchin sprechen. So saßen nur noch Stella, Lorenzos Frau, und sie selbst im Frühstückszimmer. Stella erwartete in zwei Monaten ihr erstes Kind. Sie rückte sich einen Sessel ans Fenster und stickte an einem Einstecktuch.

»Weißt du, ob Vater Sorgen hat?«, fragte Gianna. »Er macht so einen bedrückten Eindruck.«

»Mit dem Wein steht es wohl nicht zum Besten. Es gibt Mehltaubefall, und Don Enrico fürchtet, es könne so schlimm werden wie 1852.«

Gianna nickte. 1852 hatten sie beinahe die Hälfte der Ernte durch Mehltau verloren, und ihr Vater hatte bei der Monte dei Pasci eine Hypothek aufgenommen. An und für sich war das nicht weiter schlimm, viele Winzer taten das jedes Jahr. Sie nahmen Hypotheken auf die Ernte auf und zahlten sie ab, wenn der Wein verkauft war. Doch ihr Vater hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen Schulden. Nachdem ihr Großvater in den 1830er Jahren das Gut so hoch mit Hypotheken belastet hatte, dass die Familie es beinahe verloren hätte, hatte er geschworen, niemals wieder Schulden zu machen. Die Hypothek von 1852 hatte er im Jahr darauf zurückgezahlt, trotz der Einschränkungen, die es für die Familie bedeutet hatte. Verständlich, dass er sich vor einer neuen Missernte fürchtete. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass das nicht der wirkliche Grund für die Schweigsamkeit ihres Vater und ihres Bruders heute Morgen war. Das Problem mit dem Wein war sicher schon länger bekannt, und ihr Vater hatte bisher eher unbekümmert gewirkt.

Am späten Nachmittag kamen Rosanna und Angelo auf den Hof geritten. Rosanna konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen, als Gianna ihr sagte, dass Giuseppe und Tommaso in Livorno waren. Angelo runzelte die Stirn. »Was machen die beiden denn in Livorno?«

Sie saßen auf einer kleinen Terrasse, die an das Frühstückszimmer angrenzte. Nachmittags lag sie im Schatten, weshalb es angenehm kühl war. Auf dem kleinen Tisch vor ihnen standen eine Karaffe und drei Gläser, in denen dunkelroter Wein schimmerte, ein kleiner Krug Olivenöl, Brot und eine Platte mit Oliven, eingelegten Artischocken und dünnen Scheiben Schinken.

»Sie wollen einen Freund aus Pinerolo dort besuchen«, antwortete Gianna. »Was ist daran so seltsam?«

»Es gibt Gerüchte, dass dieser Mazzini etwas in Livorno plant, nachdem es ihm letztes Jahr nicht gelungen ist, in Massa und Carrara Aufstände anzuzetteln. Man sollte diesem Kerl endlich das Handwerk legen.«

»Ich denke nicht, dass sich meine Brüder für Politik interessieren. Bisher hatten sie nur Pferde und ihre Karriere im Kopf.« Und Mädchen. Doch das erwähnte sie aus Rücksicht auf Rosanna nicht.

»Lorenzo interessiert sich sehr wohl für Politik«, widersprach Angelo. »Immerhin ist er dieser Società Nazionale Italiana beigetreten.«

»Für die Mazzini aber nicht viel übrighat«, warf Rosanna ein. »Ich habe gehört, dass der Conte di Cavour, Präsident des Ministerrates von Sardinien, die treibende Kraft in der Società sein soll, und Mazzini und Cavour sind sich politisch überhaupt nicht einig.«

Verblüfft starrte Gianna ihre Freundin an. Rosanna interessierte sich für Politik? Und sie wusste offensichtlich einiges darüber. »Ich habe bisher nur einmal etwas von dieser Società Nazionale gehört. Was hat es damit auf sich?«

»Die Vereinigung hat sich den Kampf für die Unabhängigkeit Italiens auf die Fahnen geschrieben«, antwortete Rosanna. »Garibaldi und viele andere Mazzinianer sind Mitglieder. Ursprünglich wollten sie eine Republik Italien, doch mittlerweile unterstützen sie die Idee eines Königreichs Italien unter Vittorio Emanuele. Das gefällt Mazzini nicht.«

Auch Angelo musterte seine Schwester, allerdings mit deutlicher Missbilligung im Blick. »Seit wann beschäftigst du dich mit solchen Dingen?«

Rosanna zuckte mit den Schultern, doch ihre Wangen färbten sich rot. »Seit ich wieder zu Hause bin, sprechen Mutter und Vater von nichts anderem. Ich müsste mir schon die Ohren zustopfen, wenn ich davon nichts hören wollte.«

Wenn das so war, warum errötete sie dann? Hatte ihr Interesse an der Politik vielleicht mit Giuseppe zu tun?

Auch Angelo schien mit ihrer Erklärung nicht zufrieden, er runzelte die Stirn.

»Ich hoffe, es gibt keine Unruhen«, sagte Gianna schnell, um ihn abzulenken. »Es geht uns doch gut, warum sollten wir etwas ändern?«

Angelos Gesichtsausdruck entspannte sich, er beugte sich vor und griff nach dem Glas Rotwein, das vor ihm auf dem Tisch stand. »Du hast recht, Liebste. Es geht uns gut. Auf das Leben und die Liebe.«

Die Mädchen griffen ebenfalls nach ihren Gläsern.

»Auf die Liebe und das Leben«, wiederholte Gianna, und ihr Blick traf Angelos. Ein zärtliches Lächeln umspielte seine Lippen, als er ihr zuprostete.

5. Kapitel

Hufschläge zerrissen die Stille. Jemand preschte im vollen Galopp auf den Hof. Verwirrt richtete Gianna sich in ihrem Bett auf. Fahles Licht fiel durch die Fensterläden, es konnte nicht später als vier oder fünf Uhr morgens sein. Wer kam um diese Uhrzeit?

Eine Tür schwang auf, Schritte waren auf dem Flur zu hören. Sicher ihr Vater; der Ankömmling hatte bestimmt alle im Haus geweckt.

»Dio mio!« Das war die Stimme des Stallmeisters Domenico. »Wer wagt es, um diese Uhrzeit …?« Dann ertönte ein Schrei. »Hilfe, ich brauche Hilfe!«

Gianna sprang aus dem Bett und hastete zum Fenster. Auf dem Hof stand ein Pferd, Hals und Brust waren dunkel von Schweiß, Schaum troff aus seinem Maul. Ihre Knie wurden weich, als sie Benito erkannte, Tommasos Pferd. Tommaso hing über seinem Hals, die Hände waren in der Mähne verkrallt, sein Hemd hatte dunkle Flecken. Blut?

Domenico stand neben ihm und wollte ihm vom Pferd helfen, doch Tommaso rutschte einfach aus dem Sattel und fiel zu Boden. Nur mit seinem Nachthemd bekleidet, stürmte ihr Vater aus der Haustür, gefolgt von ihrer Mutter.

Als ihr Vater neben Tommaso auf die Knie sank, löste sich Giannas Starre. Sie rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und auf den Hof. Inzwischen waren auch Lorenzo und seine Frau dort. Entsetzt starrte Gianna auf Tommaso. Sein Hemd war blutdurchtränkt. Ihr Vater schob es hoch und sog scharf die Luft ein. Unterhalb des rechten Schlüsselbeins blutete Tommaso aus einer klaffenden Wunde, auch aus seinem Haar sickerte Blut und lief über sein Gesicht. Keuchend rang er nach Luft.

Silvana kniete sich neben ihn und wischte mit dem Saum ihres Nachtgewands das Blut aus seinem Gesicht.

»Was ist passiert? Wo ist Giuseppe?«, fragte ihr Vater.

Seine Stimme erschreckte Gianna fast noch mehr als Tommasos Zustand. Noch nie hatte sie solche Angst, solche Verzweiflung in der Stimme ihres Vaters gehört.

Tränen liefen über Tommasos Gesicht. »Tot«, stieß er hervor. »Erschossen vor dem Palazzo Colò, mit sechs anderen. Ich konnte mich in eine der Tavernen retten, die unseren Wein kaufen, und ein Freund hat mich aus der Stadt geschmuggelt.«

Er richtete sich auf und sah sich gehetzt um. »Ich brauche ein frisches Pferd, ich muss fort.«

»Du bleibst.« Die Stimme ihres Vaters hatte wieder den gewohnten ruhigen, entschlossenen Klang.

Tommaso klammerte sich an seinen Arm. »Aber sie verfolgen mich, ich bringe euch alle in Gefahr. Ich muss fort.«

»Nicht in diesem Zustand!« Enrico stand auf. »Domenico, gib dem Pferd Wasser, und bring es in das Pinienwäldchen hinter den nördlichen Weingärten. Niemand darf es in dieser Verfassung sehen. Lorenzo, du hilfst mir, Tommaso in den Weinkeller zu tragen.«

»In den Weinkeller?« Lorenzo starrte seinen Vater an, als zweifelte er an dessen Verstand. »Da werden sie zuerst suchen.«

»Tu, was ich sage! Silvana, besorge Verbandszeug, Grappa und Laudanum und bring es in den Weinkeller. Gianna, Stella, ihr spült hier im Hof das Blut fort. Danach geht ihr ins Haus. Bleibt in den Nachtgewändern. Wenn Soldaten kommen, müssen sie glauben, dass sie euch aus dem Schlaf gerissen haben. Wenn sie fragen, unsere Söhne …« Jetzt brach seine Stimme, er schluchzte kurz, bevor er weiterredete. »Unsere Söhne sind nach Pisa geritten, um einen Freund zu besuchen. Wir wissen nichts von Livorno.«

Niemand sprach, alle starrten Enrico an. Lorenzo war der Erste, der sich fasste. »Ich hole eine Decke, damit können wir ihn tragen, ohne Blutspuren zu hinterlassen.«

Er lief ins Haus und kam kurz danach mit einer Decke wieder. Sie betteten Tommaso darauf und trugen ihn fort.

Domenico packte das Pferd am Zügel und führte es vom Hof.

Gianna erwachte aus ihrer Starre. Sie lief zum Brunnen, ließ den Eimer hinunter und schöpfte Wasser. Giuseppe war tot? Das konnte nicht sein. Ihr temperamentvoller Bruder, der so viel Freude am Wein, an Pferden und an Mädchen gehabt hatte. Wie hatte das passieren können? Mechanisch nahm sie den Eimer, trug ihn zu der Stelle, an der Tommaso gelegen hatte, und goss das Wasser aus. Stella hatte bereits einen Schrubber geholt und bürstete das Blut vom Pflaster. Gianna holte den nächsten Eimer. Sie dachte nicht darüber nach, was sie tat, es war, als würde sie von einem Puppenspieler an Fäden gesteuert. Nach drei Eimern war von dem Blut nichts mehr zu sehen. Stella brachte den Schrubber in den Stall zurück, Gianna stellte den Eimer neben den Brunnen.

Stumm gingen sie ins Haus, blieben im Vestibül stehen und sahen sich an. In den Augen ihrer Schwägerin erkannte Gianna das gleiche ungläubige Entsetzen, das auch sie erfüllte. Was war passiert? Ein Aufstand? Hatte Angelo recht gehabt mit seiner Vermutung?

»Lass uns in den Salon gehen«, sagte Stella.